Freitag, 20. August 2010

Theater


Fern von dir, geliebte Heimat, zieht es wie ein Kindeshoffen
Durch die Seele mir, und alle Sehnsuchtspforten stehen offen.
Schon um meine Schläfe fühl' ich herbstlich kühle Schatten schweben,
Aber wie mit Jugendkräften ist mein Herz dir hingegeben.
Klein ist deines Landes Grenzmark, eng sind deine Thore Pforten,
Aber Kraft und Fülle drängen sich in dir in That und Worten !
Langsam fallen deine Riegel für das Fremde, für das Neue,
Aber was du drin empfangen, dem bewahrst du heil'ge Treue !
Ernst und streng, gemessen festlich, unverlockt von Tand und Flitter,


Wie auf deinen stolzen Markt dich Roland hegt, der Hort der Ritter.
Aber wie ein Hauch von Freunden um der Arbeit ernste Frohne,
Schlingt ein Kranz von grünen Bäumen sich um deine Mauerkrone.
In die Gärten weichgebettet, ruhst du aus von Last und Mühen,
Drinnen lacht und tollt das Leben, und der Schönheit Funken sprühen!
Dass der Himmel dich beschirme ! Segen reife deinem Strande,
Trag' ihn fort auf schnellen Flügeln, wachsend fort durch Fluth und Lande!
Wenn mich deine Flaggen grüssen in den fernen, fernsten Meeren,
Auch im Kleinen Grosses wirken, soll mich dann ihr Rauschen lehren.
Neigt sich meines Lebens Sonne, lass mich noch das Glück erwerben,
Deiner wehrt, geliebte Heimat, dir im Mutterarm zu sterben.


Grottenolmschlecht. Warum steht das hier? Weil wir mal eben kurz eines Bremer Dichters (das obige Gedicht heißt auch Bremen) gedenken müssen, der heute vor 105 Jahren starb. Er heißt Heinrich Bulthaupt und war im ausgehenden 19. Jahrhundert in Bremen und umzu sehr berühmt. Er hat Theaterstücke geschrieben, die niemand mehr spielt, hat Shakespeare umgedichtet und das Käthchen von Heilbronn als Libretto verhunzt. Seine erste Tragödie hatte er schon als Gymnasiast verfasst. Sein Versuch, sich aktuellen Themen zuzuwenden, hieß 1877 Die Arbeiter und war definitiv nicht das gleiche wie Gerhart Hauptmanns Die Weber. Aber Bremen ist jetzt - ein knappes Jahrhundert bevor Peter Zadek das deutsche Theater neu erfindet - die Stadt, in der ständig neue Stücke aufgeführt werden. Leider heißen die Autoren Heinrich Bulthaupt und Artur Fitger. Und so ist man nur repräsentativ für den schlechten Geschmack der deutschen Kaiserzeit.

In Meyers Großem Konversations-Lexikon von 1905 lautete der Eintrag von Bulthaupt:

Bulthaupt, Heinrich, Schriftsteller, geb. 26. Okt. 1849 in Bremen, studierte die Rechte und deutsche Literatur in Würzburg, Göttingen, Berlin und Leipzig, nahm dann eine Hauslehrerstelle in Kiew an und bereiste von dort aus den Orient, Griechenland und Italien. Von 1875 an war er in seiner Vaterstadt als Anwalt tätig, bis er 1879 als Nachfolger J. G. Kohls zum Stadtbibliothekar daselbst ernannt wurde. B. ein Gegner der modernen Richtung in Poesie und Kunst, hat sich außer durch Dichtungen besonders durch seine dramaturgischen Schriften und als beliebter Wanderredner bekannt gemacht. Er veröffentlichte die Dramen: »Saul« (Brem. 1870) und die bürgerliche Tragödie »Ein korsisches Trauerspiel« (Leipz. 1871); ferner die Schauspiele: »Die Arbeiter« (1876) und »Viktoria« (1894), dieTragödien: »Die Malteser« (nach Schillers Fragment, Frankf. 1883, 2. Aufl. 1897) und »Gerold Wendel« (Oldenb. 1884, 2. Aufl. 1890), die Dramen: »Eine neue Welt« (das. 1886, 2. Aufl. 1890), »Der verlorene Sohn« (das. 1889), auch Bearbeitungen Shakespearescher Tragödien: »Imogen« (das. 1885), »Timon von Athen« (das. 1893) und die Oratoriendichtungen: »Achilleus« (1885, komponiert von Bruch), »Konstantin« (1885, Musik von Vierling), »Das Feuerkreuz« (1890, Musik von Bruch). Außerdem schrieb B. Gedichte: »Durch Frost und Gluten« (3. Aufl., Oldenb. 1900), eine Novellette in Versen: »Der junge Mönch« (Brem. 1879), »Vier Novellen« (Dresd. 1888), »Das Friedenshaus, Sonderlingsgeschichte« (Leipz. 1897) und die Biographie »Karl Löwe, Deutschlands Balladenkomponist« (Berl. 1898). Sein Hauptwerk ist die »Dramaturgie des Schauspiels« in 4 Bänden (früherer Titel: »Dramaturgie der Klassiker«, Oldenb. 1882ff.; 1. Bd., 9. Aufl. 1901; 2. Bd., 7. Aufl. 1901; 3. Bd., ö. Aufl. 1901; 4. Bd. 1901), eine Darstellung der dramatischen Kunst Shakespeares, der deutschen Klassiker und ihrer Nachfolger bis zur Gegenwart (Ibsen, Wildenbruch, Sudermann, Hauptmann). Dazu kam die »Dramaturgie der Oper« (Leipz. 1887, 2 Bde.; 2. Aufl. 1902) u. a. Auch gab B. den poetischen Nachlaß Franz v. Holsteins mit einer Biographie (Leipz. 1880) heraus.

Bitte haben Sie jetzt keine Minderwertigkeitskomplexe, falls Sie das alles nicht gelesen haben sollten, das wird niemand freiwillig lesen. Manche Schriftsteller sind auch nach hundert Jahren völlig zu Recht vergessen. Und es wird auch bestimmt kein Bulthaupt Revival geben (auf jeden Fall nicht in diesem Blog). Bulthaupts Zeitgenosse Edmund Ruete, der das Lebensbild Bulthaupts in Bremische Biographien des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben hat, bemerkte zum Schluss seines Artikels: Höher aber als alle seine Werke steht nach meinem Gefühl und, wie ich meinen sollte, nach dem der meisten, die ihn gekannt haben, seine gütige, wenn auch nicht fehlerlose, so doch allem Höchsten treulich zugewandte und vielseitig begabte Persönlichkeit, deren Zauber sich so leicht niemand entziehen konnte, und seine bewundernswerte hingebende Wirksamkeit für alles Schöne und Geistige in seiner geliebten Vaterstadt, soweit es im Bereich seines Könnens lag. Damals schreibt man noch lange Sätze. Ruete, der über die Korrespondenz Ciceros promoviert hatte, ist auch als Übersetzer von Robert Burns (1890) und Robert Browning (1894) hervorgetreten.

Dies Bild ist von dem Amerikaner Thomas Moran, inspiriert von Brownings Childe Roland to the Dark Tower Came. Das Gedicht hat Ruete auch übersetzt. Brownings Gedicht ist heute vielen aus einem anderen Grund bekannt, weil es nämlich Stephen King zu seiner Dark Tower Serie angeregt hat. Und so findet sich Ruetes Übersetzung auf einer deutschen Stephen King Fan-Seite. Die Rezeption von Literatur geht seltsame Wege.

Ruete ist auch Mitherausgeber der politischen Essays von Otto Gildemeister gewesen, und das ist nun ein Bremer Autor, den es heute noch zu lesen lohnt, wenn all die Ruetes, Fitgers und Bulthaupts vergessen sind. Von Bulthaupt haben erstaunlicherweise, obgleich es da seit Aristoteles Poetik Besseres gibt, seine Dramaturgie des Schauspiels und seine Dramaturgie der Oper bis heute überlebt. Das ist allerdings nichts Originelles, reines Epigonentum, eine Verwurstung von Lessings Hamburgischer Dramaturgie. Da ist Friedrich Spielhagen origineller.

Gustav Pauli, der Bremer (und Hamburger) Kunsthallendirektor (der Ehemann von Marga Berck, die den wunderschönen Briefroman Sommer in Lesmona schrieb), hat in seinen Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten eine hübsche kleine Anekdote über den Marschendichter Hermann Allmers hinterlassen:

Dafür durfte man ihm aber auch nicht sein eigenes Geflunker verübeln, das ebenso zu ihm gehörte wie die gute Laune. Als einmal eines von Bulthaupts Stücken mit mäßigem Erfolg zum ersten (und vielleicht zum letzten) Male über die Bretter des Bremer Stadttheaters gegangen war, begrüßte Allmers den Dichter tags darauf: "Prachtvoll, großartig war das gestern Abend. Habe drei Stunden andächtig zu deinen Füßen gesessen!" Bulthaupt aber wendete sich entrüstet ab, denn er hatte inzwischen erfahren, daß Allmers es kaum eine halbe Stunde lang ausgehalten hatte, um dann in den Ratskeller zu entwischen.

Das sagt doch alles über den Dramatiker Bulthaupt. Hinterher waren die beiden keine Freunde mehr. Allmers liebte den Ratskeller und war dort oft zu finden. Auch Heinrich Heine war da mal, sein Gedicht auf den Ratskeller ist vielleicht ein büsschen besser als das Gedicht von Bulthaupt, aber richtig doll ist es auch nicht.

Glücklich der Mann, der den Hafen erreicht hat,
Und hinter sich ließ das Meer und die Stürme,
Und jetzo warm und ruhig sitzt
Im guten Ratskeller zu Bremen.
Wie doch die Welt so traulich und lieblich
Im Römerglas sich widerspiegelt,
Und wie der wogende Mikrokosmus
Sonnig hinabfließt ins durstige Herz!
Alles erblick ich im Glas,
Alte und neue Völkergeschichte,
Türken und Griechen, Hegel und Gans,
Zitronenwälder und Wachtparaden,
Berlin und Schilda und Tunis und Hamburg,
Vor allem aber das Bild der Geliebten,
Das Engelköpfchen auf Rheinweingoldgrund.

Oh, wie schön! wie schön bist du, Geliebte!
Du bist wie eine Rose!
Nicht wie die Rose von Schiras,
Die hafisbesungene Nachtigallbraut;
Nicht wie die Rose von Saron,
Die heiligrote, prophetengefeierte; –
Du bist wie die Ros' im Ratskeller zu Bremen!
Das ist die Rose der Rosen,
Je älter sie wird, je lieblicher blüht sie,
Und ihr himmlischer Duft, er hat mich beseligt,
Er hat mich begeistert, er hat mich berauscht,
Und hielt mich nicht fest, am Schopfe fest,
Der Ratskellermeister von Bremen,
Ich wäre gepurzelt!

Der brave Mann! wir saßen beisammen
Und tranken wie Brüder,
Wir sprachen von hohen, heimlichen Dingen,
Wir seufzten und sanken uns in die Arme,
Und er hat mich bekehrt zum Glauben der Liebe –
Ich trank auf das Wohl meiner bittersten Feinde,
Und allen schlechten Poeten vergab ich,
Wie einst mir selber vergeben soll werden –
Ich weinte vor Andacht, und endlich
Erschlossen sich mir die Pforten des Heils,
Wo die zwölf Apostel, die heil'gen Stückfässer,
Schweigend pred'gen, und doch so verständlich
Für alle Völker.

Das sind Männer!
Unscheinbar von außen, in hölzernen Röcklein,
Sind sie von innen schöner und leuchtender
Denn all die stolzen Leviten des Tempels
Und des Herodes Trabanten und Höflinge,
Die goldgeschmückten, die purpurgekleideten –
Hab ich doch immer gesagt,
Nicht unter ganz gemeinen Leuten,
Nein, in der allerbesten Gesellschaft
Lebte beständig der König des Himmels!

Halleluja! Wie lieblich umwehen mich
Die Palmen von Beth-El!
Wie duften die Myrrhen von Hebron!
Wie rauscht der Jordan und taumelt vor Freude! –
Auch meine unsterbliche Seele taumelt,
Und ich taumle mit ihr, und taumelnd
Bringt mich die Treppe hinauf, ans Tagslicht,
Der brave Ratskellermeister von Bremen.

Du braver Ratskellermeister von Bremen!
Siehst du, auf den Dächern der Häuser sitzen
Die Engel und sind betrunken und singen;
Die glühende Sonne dort oben
Ist nur eine rote, betrunkene Nase,
Die Nase des Weltgeists;
Und um die rote Weltgeistnase
Dreht sich die ganze betrunkene Welt.


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