Donnerstag, 13. Oktober 2011

Yves Montand


Heute wäre er neunzig geworden. Er hat mein Leben begleitet, weil ich die meisten seiner Filme gesehen habe. Ich weiß sogar noch, in welchen Kinos ich die Filme gesehen habe. Lohn der Angst war einer der ersten Filme mit Montand, den ich sah - darüber habe ich schon mal ➱geschrieben. Dann kamen Machen wir’s in Liebe mit Marilyn Monroe und Lieben Sie Brahms? Habe ich im studio für filmkunst in Bremen gesehen. Das war etwas Feines, nicht sowas Prolliges wie das AKI in der Sögestraße. Das AKI war ein Aktualitätenkino, da liefen die Filme rund um die Uhr. Konnte man stundenlang drin bleiben. Aber dann der spannende Film Mord im Fahrpreis inbegriffen, nach einem Krimi von Sébastien Japrisot. Den Autor hatte irgendwann auch Richard K. Flesch für die Rowohlt Krimireihe rororo thriller (klein geschrieben wie das studio für filmkunst) unter Vertrag. ➱Mord im Fahrpreis inbegriffen habe ich in einem kleinen Vorstadtkino gesehen, toller Schwarzweißfilm, eine Starbesetzung. ➱Jean-Louis Trintignant war auch dabei. Und die schnuckelige Françoise Arnoul, die wie Trintignant in diesem Jahr achtzig geworden ist.

Der Regisseur von Mord im Fahrpreis inbegriffen war Constantin Costa-Gavras, mit dem Montand drei Jahre später in dem Film Z wieder arbeiten sollte (und Jahre später noch in dem beklemmenden Film  L'aveu). Z war ein politischer Film, der vor dem Hintergrund der griechischen Militärdiktatur spielte. Wie schnell konnten wir das vergessen, dass das mal ein Land mit einer Militärdiktatur wie das Spanien Francos war? Vor diesem Film hatte Montand unter der Regie von Resnais Der Krieg ist vorbei (La guerre est finie) gedreht. Auch ein Politthriller, aber lange nicht so plakativ wie Z. Es ist ein stiller Film, eher eine psychologische Studie, als ein Politthriller.

In all diesen Filmen beherrschte Yves Montand den Film, immer elegant gekleidet (ich gestehe gerne, dass er vor fünfzig Jahren für mich ein modisches Vorbild war), immer souverän. Aber als er in Jean-Pierre Melvilles Vier im roten Kreis spielte, stand er nicht mehr im Mittelpunkt. Da war er auch nicht mehr auf der Seite der Guten wie als Kommissar in Mord im Fahrpreis inbegriffen, da war er ein ehemaliger Polizist (und Scharfschütze), der dem Alkohol verfallen war. Aber immer noch elegant in seinem Trenchcoat. Von der Nadel, die unter der Krawatte die Kragenenden des Piccadilly Kragens (etwas  Ähnliches wie der ➱Tab Kragen) zusammenhielt, ganz zu schweigen. So etwas hatte ich damals auch, gab es zum Schrauben oder in der Art einer Sicherheitsnadel. Man piekte sich zwar immer damit in die Finger, es sah aber sehr elegant aus, wenn es einem gelungen war, mit der Nadelspitze die kleinen Löcher im Kragen zu finden.

Manche Filme, die ich in meinem Leben gesehen habe, habe ich mehr oder weniger vergessen, von Vier im roten Kreis kenne ich noch jede Einstellung. Vor allem die Szene, in der die Place Vendôme um Mitternacht gezeigt wird. Als ich vor einem halben Jahrhundert zum ersten Mal in Paris war, habe ich stundenlang in der Sommernacht die Luxusgeschäfte von Place Vendôme und Rue de la Paix bewundert. Allerdings hatte ich nicht wie Yves Montand, Alain Delon und Jean Marie Volonté vor, einen Juwelier zu berauben. Und Jean-Pierre Melville hatte noch nicht angefangen (wenn man von Bob le flambeur absieht), seine Gangsterfilme zu drehen, für die er berühmt werden sollte.

Er hieß natürlich nicht Melville sondern Grumbach, den Namen des bewunderten Herman Melville hatte er im Widerstand angenommen und nach dem Krieg behalten. Es ist nicht nur der amerikanische Schriftsteller Melville, den er bewunderte, es ist auch der amerikanische Film Noir und die hard-boiled novel, die der Fundus für seine mit Zitaten gespickten Filme geworden sind. Natürlich gibt er auch zu, dass Marcel Carné und Jacques Prévert mit Filmen wie Quai de Brûmes und Le jour se lève ein sehr schönes Kino gemacht haben. Von denen abgesehen, hat ihn der französische Film nicht so sehr interessiert, zu den jungen Wilden der Nouvelle Vague hatte er ein eher distanziertes Verhältnis. Er hat immer sein eigenes Ding gemacht, er war ein auteur complet, er schrieb seine Drehbücher selbst, er hatte sein eigenes Studio. Er hat sich seine eigene filmische Welt geschaffen. Für die er erstaunlicherweise nicht den Status der Kunst reklamierte: Das Kino wird immer Unterhaltung sein und nur ab und zu Kunst. Ich sage nicht, daß Kino Kunst sein soll, ich habe es nie gesagt, aber manchmal ist ein filmisches Werk so gelungen, daß es als Kunstwerk gelten kann.

Vier im roten Kreis ist ein pessimistischer Film. In Farbe gedreht, aber es ist nicht die hochpolierte Oberfläche von Der eiskalte Engel. Es ist eher ein Schwarzweißfilm in schmutzigen Farben. Melville hätte als Polizeikommissar gerne Lino Ventura gehabt (der die Hauptrolle in Der zweite Atem hatte), aber mit dem hatte er sich gründlich verkracht. Ich weiß nicht, was ihn bewogen hat, den Komiker Bourvil als Kommissar Mattéi zu verpflichten, aber das Wagnis ging auf. André Bourvil ist kurz nach dem Film gestorben. Die anderen sterben nur im Film, Yves Montand wird von seinem ehemaligen Kollegen Mattéi erschossen.

Der ehemalige Polizist Jansen, den er spielt, wird am Anfang des Films von den halluzinatorischen Alpträumen des Delirium Tremens heimgesucht. Melville hatte, wie er in einem ➱Interview sagte, die großen Trinker der amerikanischen Literatur Faulkner und Hemingway vor Augen. Ohne Zitat geht bei Melville ja gar nichts. Dieser Jansen will von der Millionenbeute keinen Anteil haben, er will sich nur ein letztes Mal zeigen, dass er es noch könnte. Die Gangster haben den ehemaligen Scharfschützen Jansen verpflichtet, damit er den Kontaktknopf der Alarmanlage an der Tür des Juweliers ausschießt. Er hat dafür sein Gewehr mit Zielfernrohr auf einem Stativ montiert. Und dann, um es sich und der Welt zu beweisen, reißt er das Gewehr aus der Halterung und schießt freihändig. Wie ein Westernheld, einer der großen Momente des Films.

Yves Montand hat nach diesem Film noch zwei Jahrzehnte in Filmen gespielt (und natürlich hat er immer auch gesungen, ich habe beinahe alle seine Platten), am besten fand ich ihn in Vincent, Francois, Paul et les autres. In dem Film hat er einen Herzinfarkt. Den wird er im wirklichen Leben haben, er stirbt an einem Herzanfall kurz nach Beendigung der Dreharbeiten zu IP5: Die Insel der Dickhäuter. Der Regisseur Jean-Jacques Beineix sagte damals : Er starb am Filmset... Am letzten Drehtag, nach der allerletzten Szene. Es war die letzte Nacht und wir mussten einige Szenen nachdrehen. Er beendete, was er zu tun hatte, und dann ist er einfach gestorben. Und der Film erzählt genau die Geschichte eines alten Mannes, der an einem Herzanfall stirbt, was dann in Wirklichkeit auch geschehen ist.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Amerika


Heute vor 519 Jahren hat Columbus Amerika entdeckt. Vor ihm waren wohl schon andere da. Wie zum Beispiel Leif Erikson oder Didrik Pining und Hans Pothorst, aber die beiden letzten sind nicht so bekannt geworden. Sind auch keine Filme über sie gedreht worden. Das wär doch mal was: Gerard Depardieu spielt Didrik Pining aus Hildesheim! Was wäre Amerika ohne die Deutschen? Ohne den Baron von Steuben, ohne Johann Jacob Astor, ohne Johann August Roebling, ohne Wernher von Braun und ohne Levi Strauss? Angeblich sollen die Amerikaner sogar einmal darüber abgestimmt haben, ob Deutsch die offizielle Amtssprache der USA wird. Das ist die so genannte Muehlenberg Legende, aber an der Sache ist nichts dran.

Als ich noch klein war, hat mir mein Opa erzählt, dass es Amerika noch keine hundert Jahre lang gibt und dass alles, was in dem Land gut ist, von den Deutschen kommt. Ich habe einige Jahre mit diesem Glauben gelebt. Wahrscheinlich hat er diese Geschichte aus Trotz erzählt, weil draußen auf der Straße die amerikanischen Soldaten herumliefen, Bremen war amerikanische Besatzungszone. Aber natürlich ist an der Geschichte auch ein klein wenig dran, die riesigen Einwanderungszahlen zu Ende des 19. Jahrhunderts fallen in die Jugend meines Großvaters. Und das Amerikabild, das ihm sein Vater vermittelt hatte, war das eines riesigen barbarischen Landes (1850 hatten die USA noch nicht einmal die Einwohnerzahl, die Deutschland schon 1800 hatte), das froh sein konnte, dass es die deutschen 48er Revolutionäre aufgenommen und Wilhelm von Humboldts Schulsystem übernommen hatte. Jede Nation und jede Generation bastelt sich ihr Amerikabild. In dem Film Mon oncle d'Amérique von Alain Resnais fällt der schöne Satz: Amerika existiert nicht. Ich weiß das, denn ich bin dort gewesen. Der Sprecher will natürlich die geographische Existenz Amerikas nicht verneinen, was er negiert, ist der Traum einer schönen Utopie, die er mit Amerika verbunden hat. Für die meisten, die nach Amerika kommen, wird der American Dream zum American Nightmare.

Es wird natürlich überall in Amerika noch Deutsch gesprochen, es gibt sogar einen wunderbaren Dialekt, der Pennsylvania Dutch heißt. Wo man so schöne Sätze findet wie: und dann sind die pigs übern fence gehoppt und haben die potatoes gedamaged. Es gab sogar eine Zeitung namens Pennsylvania Dutchman, die im Vorwort ihrer ersten Ausgabe erklärte: Der 'Pennsylvania Dutchman' is net yusht intend for laecherlich un popular lehsa shtuff for olly de unser Pennsylvanish Deitsh - de mixture fun Deitsh un Aenglish - fershtehn, awer aw for usefully un profitlichy instruction for olly de druf ous sin bekannt tsu waerra mit der shproch, un aw mit emgeisht, character un hondlunga fun unserm fleisicha, ehrlicha und taahlreicha folk in all de Middle un Westlicha Shtaata.

Also denken wir heute mal einen Augenblick an Amerika und Christoph Columbus. Und an das, was aus dem Land hätte werden können. Und zur Besinnung gibt es ein scheußlich-schönes Bild von Salvador Dali, das Die Entdeckung Amerikas heißt. Und kleines Gedicht, das Joyce Carol Oates 1975 wahrscheinlich mit Blick auf die Zweihundertjahrfeier der Nation geschrieben hat. Es ist aber irgendwie immer noch aktuell. In der Geschichte Amerikas ist immer alles noch aktuell, weil die Amerikaner nie aus ihrer Geschichte lernen. History is more or less bunk. It's tradition. We don't want tradition. We want to live in the present, and the only history that is worth a tinker's damn is the history that we make today.

Joyce Carol Oates: Dreaming America

When the two-lane highway was widened
the animals retreated.
Skunks, raccoons, rabbits - even their small corpses
disappeared from the road- transformed into rags
then into designs
then into stains
then nothing.
When the highway was linked to another
then to another
six lanes then nine then twelve rose
sweeping to the horizon
along measured white lines.
The polled Herefords were sold.
When the cornfields were bulldozed
the farmhouses at their edges turned into shanties;
the outbuildings fell.
When the fields were paved over
Frisch`s Big Boy rose seventy-five feet in the air.
The Sunoco and Texaco and Gulf signs competed
on hundred-foot stilts
like eyeballs on stalks
white optic-nerves
miraculous.
Illuminated at night.
Where the useless stretch of trees lay
an orange sphere like a golf ball
announces the Shopping Mall, open
for Thursday evening shopping.
There, tonight, droves of teenagers hunt
one another, alert on the memorized pavement.
Where did the country go? - cry the travelers, soaring
past. Where did the country go? - ask the strangers.
The teenager never ask.
Where horses grazed in a dream that had no history,
tonight a thirteen-year-old girl stands dreaming
into the window of Levitz`s Record Shop.
We drive past, in a hurry. We disappear.
We return.


Dienstag, 11. Oktober 2011

Wildlederschuhe


Jetzt ist es wirklich Herbst, man kann es nicht mehr leugnen. Ich merke es auch daran, dass ich in den letzten Wochen mehrfach Wildlederschuhe getragen habe. Braune Wildlederschuhe trage ich nur im Herbst, ich käme niemals auf die Idee, braune Wildlederschuhe im Frühling oder im Sommer zu tragen. Doch amerikanische Moderatgeber sagen ihren unsicheren Lesern immer wieder, dass braune Wildlederschuhe zu Zweireihern de rigueur sind. Habe ich einmal gemacht, bin mir dabei aber ziemlich blöd vorgekommen.

Die Sache geht natürlich wieder einmal auf den Prince of Wales zurück, der 1924 im Long Island Meadowbrook Country Club tan suede shoes zu einem Flanellanzug getragen hat. Shocking. Aber jemand aus der Entourage des Prinzen versicherte einem empörten Amerikaner, dass dies kein Fauxpas des Prinzen sei: It would be wrong if it were a mistake. But he knows better, so it's all right. Und auf diese Versicherung hin gilt es in Amerika fortan als der Höhepunkt der Mode, braune Wildlederschuhe zu Flanellanzügen zu tragen. Bis dahin galt das als prollig, Wie sich doch die Maßstäbe ändern, nur weil ein arbeitsloser, klamottenverrückter Prinz mit den goldenen Regeln des Geschmacks spielt!

Braune Schuhe dringen in den zwanziger Jahren langsam in die Herrenkleidung ein, wobei es immer wieder warnende Stimmen gibt, dass man die niemals mit blauen Anzügen kombinieren darf. Man muss dabei berücksichtigen, dass die braunen Schuhe der zwanziger Jahre nicht die eleganten braunen Schuhe der gut gekleideten Herren im heutigen Mailand sind, die immer dunkelbraune Schuhe zum blauen Anzug tragen. Nein, das ist ein fieses Braun, das gegen Gelb geht und an die yellow perils in der Geschichte The Story of Cedric von P.G. Wodehouse erinnert. Und da wir gerade bei unantastbaren Regeln sind, der Satz no brown after six heißt nicht, dass Sie um 18 Uhr die braunen Schuhe ausziehen müssen. Er bedeutet lediglich, dass Sie zu offiziellen Abendeinladungen mit Gesellschaftskleidung keine braunen Schuhe tragen sollten. Auch keine Wildlederschuhe.

Denn ansonsten sind braune Schuhe eigentlich immer O.K., sogar die Protokollchefs der englischen Königin fühlten sich vor einigen Jahren bemüßigt, diesen Satz auf Einladungen zum Nachmittagstee bei der Queen zu schreiben. Die zehn ultimativen Regeln sind vor kurzem im Forum des Stilmagazins von Des Esseintes aufgestellt worden: Meine Herren, die unverbesserlichen Schwarzträger unter Ihnen kennen offenbar noch nicht die berühmten zehn Stufen zum iGentry-Schuhnirvana:

1. Braune Schuhe tragen
2. Braune Wildlederschuhe tragen
3. Ausschließlich braune Schuhe tragen
4. Ausschließlich braune Wildlederschuhe tragen
5. Braune Wildleder-Doppelmonks tragen
6. Braune Bespoke-Wildleder-Doppelmonks tragen
7. Braune Bespoke-Doppelmonks aus dem Zwerchfell einer ausgestorbenen polynesischen Makakenart tragen, welches aus Gründen des Understatement für den uneingeweihten Laien exakt so aussieht wie... gemeines Wildleder natürlich
8. wie 7., Leder stammt aus einem kürzlich gehobenen portugiesischen Wrack (gesunken 1592, somit vieeeeeel älter als das popelige russische Zeugs bei Cleverley et al)
9. wie 8., Schuhe angefertigt von dem legendären Mystery Bespoke Shoemaker, der in den Pariser Katakomben sein Atelier hat und von dem hinter vorgehaltener Hand behauptet wird, er sei die Reinkarnation von Nikolaus Tuczek
10. wie 9., aber angesichts des mittlerweile erreichten Erleuchtungszustandes nicht laufen sondern schweben, damit die bevelled waist, auf die selbst Guarneri neidisch wäre, für alle sichtbar wird.

Dem ist nun nichts mehr hinzuzufügen, witzig und geistvoll. Die braunen Wildlederschuhe, die der Prince of Wales in Amerika heimisch gemacht hat, sind nicht seine eigene Idee. Sie kommen (wie gleichzeitig die Rollkragenpullover) aus Oxford. David, der Prince of Wales, der Jahre später Edward VIII sein wird, wird neuerdings in einer Vielzahl von Style- und Modeblogs zu dem größten Style Guru des 20. Jahrhunderts erklärt. Wir sollten dabei aber einmal daran denken, dass er dumm wie Bohnenstroh ist. Bertie Wooster, den sein Butler Jeeves als mentally negligible bezeichnet, ist wahrscheinlich intelligenter als David. Der ist sicherlich ein armes Schwein, ein Produkt einer Hölle von Erziehung, der in seiner verzweifelten Hinwendung zur Herrenmode seine Form des Protestes sieht, um gegen den Vater zu rebellieren.

Die großen Dandies wie George Brummell, Fürst Pückler, Graf Robert Montesquiou-Fézensac oder Oscar Wilde besaßen neben ihrer Liebe zur vestimentären Selbstdarstellung auch noch ein wenig Geist und Intelligenz. Den natürlich all diese neuen jungen Leute in Oxford oder Cambridge - die wir die Brideshead Generation nennen können - besitzen, der arme Prince of Wales auf keinen Fall. Betrachten wir einen Augenblick den 21-jährigen Adelsspross Stephen Tennant auf diesem Photo von Cecil Beaton. Der Zweireiher (das gleiche Teil, das auch die königliche Kleiderpuppe propagiert) ist wahrscheinlich von Anderson & Sheppard, die Lederjacke ist eine von einem Schneider angefertigte Replik einer Pilotenjacke des Ersten Weltkriegs. Mit Chinchillakragen, was für eine Inszenierung!

Einer anderer aus dieser Generation, der Dichter Brian Howard, findet es in einem Brief an den Maler William Acton sehr vulgär, dass der Prince of Wales jetzt die Kleidung des kleinen Zirkels der Bright Young Things popularisiert. William Acton trägt zu seinen Wildlederschuhen einen flaschengrünen Anzug von Frederick Scholte (der auch der Schneider des Prince of Wales ist), ein himbeerfarbenes crêpe de Chine Hemd und einen Querbinder. Brian Howard taucht in Evelyn Waughs Roman Brideshead Revisited als Anthony Blanche auf: ... He had on a smooth chocolate-brown suit with loud white stripes, suède shoes, a large bow-tie and he drew off yellow wash-leather gloves as he came into the room. Wildlederschuhe werden also jetzt von einer kleinen ästhetischen Oxbridge Elite und der Bohème von Bloomington getragen. Jeder von ihnen ein kleiner genius manqué, jeder ein Verwandter von Lord Sebastian Flyte, ein Geistesverwandter von Oscar Wilde oder Ronald Firbank. Wenn Sie einmal den Wikipedia Artikel zu Brian Howard lesen, wissen Sie, worum es geht. Brian Howard hatte übrigens bei seinem Selbstmord Wagners Liebestod aus der Oper Tristan und Isolde aufgelegt. Wahrscheinlich trug er dazu auch Wildlederschuhe von Nikolaus Tuczek oder George Cleverley.

Philip Hoare hat die Renaissance der ➱englischen Dandies der zwanziger und dreißiger Jahre im Neo Edwardian Style süffisant ironisch folgendermaßen beschrieben: the New Edwardians, as they became known, evoked the same golden age in which Tennant, Beaton and Visconti had grown up, the era of the last dandies, of Saki and of Sitwell's eloquent memoirs (which would themselves appear in 1948). Where the Waffen SS wore silver skulls on their lapels, they sported coats with black velvet collars - originally a macabre tribute to the aristocrat victims of the guillotine during the French Revolution (and thus a kinship with the avant garde incroyables and merveilleuses dandies of the Directoire). With their narrow calvary twill trousers, and - the real mark of a bounder - suede shoes, theirs was a statement against the utilitarian restrictions of wartime, its utility suits and ubiquitous khaki.

Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass Philip Hoare (der gerade den Samuel Johnson Prize gewonnen hat) eine sehr seriöse Biographie über Stephen Tennant (Serious Pleasures: The Life of Stephen Tennant) verfasst hat. Und dass das Slang Wörterbuch von Eric Partridge das Wort bounder folgendermaßen definiert: A vulgar though usually well dressed man, an unwelcome pretender to Society, a vulgarly irrepressible person within Society. Diese Assoziation bounder wird der Wildlederschuh nie so richtig los. Zumal er in den fünfziger Jahren als Modeartikel noch eine Specksohle und den Beinamen brothel creepers bekommt.

Es gibt aber gleichzeitig nach dem Krieg eine Sorte Wildlederschuh, bei dem die Gedanken an die Bohème nicht aufkommt, obgleich er auch von der neuen Bohème getragen wird. Der desert boot, den die Firma Clarks nach dem Krieg auf den Markt bringt, ist eine einzigartige Erfolgsstory. Ich hatte Ende der fünfziger Jahre ein Paar in Dunkelgrün. Niemand außer mir hatte ein Paar dunkelgrüner Clarks. Konnte man mit Jeans tragen, aber genau so mit Flanellhosen oder Cordhosen. Gingen beinahe nie kaputt. Clarks hat das Modell (natürlich nicht in grün) heute immer noch im Programm, die Qualität der fünfziger Jahre werden diese Schuhe aber nie wieder bekommen. Man kann heute in England selbstverständlich noch chukka boots aus Wildleder von anderen Firmen als Clarks in besserer Qualität bekommen (ich habe ein Paar gelbe von Crockett&Jones), aber meinen alten grünen Clarks trauere ich immer noch nach.

In den fünfziger Jahren konnte man in den notorisch anglomanen Hansestädten noch eine andere Sorte Wildlederschuhe bekommen, die von der Firma Morlands kamen. Konnte man nur im Winter tragen, weil sie innen mit Lammfell gefüttert waren (oder man trug sie in notorisch kalten englischen Häusern, weil die Zentralheizung in dem Land sehr spät erfunden wurde, und die Türen noch nicht bis unten auf den Fußboden reichten). Während der Battle of Britain hatte die Firma Morlands gefütterte Pilotenstiefel hergestellt, diese chukka boots waren offensichtlich der zivile Abkömmling. Der Krieg ist der Vater aller Dinge, auf jeden Fall von Clarks' desert boots und Morlands' sheepskin boots.

Die meisten Wildlederschuhe sind leider potthässlich, geben Sie mal bei Google Bilder Wildlederschuhe ein und gucken Sie sich das an. Akzeptabel sind natürlich nur die, die ich hier oben abgebildet habe. Weil die genau so aussehen wie meine. Meine sind ein Vierteljahrhundert alt, sehen aber aus wie neu. Weil sie nur wenige Male in jedem Herbst getragen werden. Und weil sie geschont werden, schließlich sind es Schuhe von Edward Green, damit latsche ich doch nicht durch den Regen. Ein solcher tasselled loafer wie auf dem Bild hier ist natürlich auch noch akzeptabel, auf jeden Fall zu Jeans.

Und damit wären wir schon am Ende des Wildlederschuh Panoramas - und wir vergessen bitte nicht, dass unten auf jedem Wildlederschuh mit unsichtbarer Tinte das Wort bounder geschrieben ist. Aber einen Schuh müssen wir natürlich noch erwähnen. Der mit den unsterblichen Zeilen verbunden ist:

Do anything that you want to do, but uh-uh,
Honey, lay off of my shoes
Don't you step on my blue suede shoes.
You can do anything but lay off of my blue suede shoes

Wenn Sie jetzt zufälligerweise Carl Perkins oder Elvis heißen, dann dürfen Sie den natürlich tragen.













Das Bild von Diana Mosley (die auch zur Brideshead Generation gehört) ist von Brian Howards Freund William Acton, dem jüngeren Bruder von Sir Harold Acton. Diese blonde Göttin ist dieselbe Diana Mitford, die 1936 im Büro von Joseph Goebbels im Beisein von Hitler und Goebbels den Bund fürs Leben mit dem englischen Faschistenführer Sir Oswald Mosley schloss. Ich musste das mal hier plazieren, weil es so schön die zweifelhafte Welt der effete Dandies illustriert.

Noch mehr Schuhe in den Posts: ➱Cliff Roberts, Artisan, ➱Wiener Leisten, ➱Englische Herrenschuhe (Trickers), ➱Englische Herrenschuhe (London) ➱Englische Herrenschuhe (Alfred Sargent), ➱Französische Herrenschuhe, ➱Schuhe aus Portugal, ➱Italienische Herrenschuhe, ➱holzgenagelt, ➱Dinkelacker, ➱Kuckelkorn, ➱Kiton/Chiton, ➱wayward cows, ➱Lord Byrons Schuhe, ➱Militärisches Schuhwerk,  ➱Chelsea Boots, ➱Wirkungen, ➱Zeit der Unschuld, ➱Gamaschen, ➱Christian Rohlfs, ➱Laurence Harvey, ➱Blazer, ➱Morning Coat, ➱Fernandel, ➱Léo Malet, ➱Schuhcreme

Montag, 10. Oktober 2011

bicycles


Unter dem Titel Zwei Banditen kam der Film heute vor 42 Jahren in die deutschen Kinos, der Titel wurde dann aber schnell in Butch Cassidy und Sundance Kid geändert. Ein Film, der mit einer unendlichen Gelassenheit dahinbummelt (so Joe Hembus in seinem unübertroffen Western-Lexikon), 112 Minuten lang. Gleichzeitig mit Butch Cassidy and the Sundance Kid kam Peckinpahs The Wild Bunch in die Kinos. Auch ein Spätwestern. Aber ohne Fahrräder, ohne B.J. Thomas, der Raindrops Keep Fallin' on My Head singt. Mit dem vollen Orchester von Burt Bacharach. Und ohne diese schöne Lehrerin Etta Place, die von Katharine Ross gespielt wird. Mit Butch Cassidy and the Sundance Kid hatte Hollywood eine Zauberformel gefunden, eine alternately absurd and dreamy saga that might have been fantasized by Truffaut's Jules and Jim and Catherine—before they grew up, wie Vincent Canby in der New York Times schrieb.

Technologie und Fortschritt dringen in den neuen ➱Spätwestern ein. Die Eisenbahn war ja schon immer da, seit dem ersten Western The Great Train Robbery. Aber jetzt kommen auch noch die Autos - Joel McCrea wird am Anfang von Ride the High Country beinahe von einem Auto überfahren. In Butch Cassidy and the Sundance Kid gibt es nun ein Fahrrad. Und einen geschäftstüchtigen Vertreter: I say this, I say ladies and gentlemen, boys and girls, friends and enemies, meet the future...mode of transportation for this weary Western world. Now I'm not gonna make a lot of extravagant claims for this little machine. Sure, it'll change your whole life for the better, but that's all. Er beendet seine Ausführungen mit dem Ausspruch The Horse Is Dead.

Die Szene mit dem Fahrrad ist in den Film hineingefügt wie ein ➱Werbespot. Sie hat auch die Ästhetik eines Werbespots (much of the film veers from the chic to the merely slick), man könnte Fahrräder mit dieser Szene verkaufen. Natürlich konnte B.J. Thomas nach dem Film eine Menge Platten von Raindrops Keep Fallin' on My Head verkaufen, der Song wurde umgehend die #1 der Charts. Wenn B.J. Thomas seinen Song im Film singt, ist die Welt der ménage à trois noch heil. Dank der Ästhetik des Werbespots. Aber das Kitschpostkartenidyll (➱Pauline Kael fühlte sich in ihrer Filmkritik an ➱Elvira Madigan erinnert) ist trügerisch. Butch Cassidy hat immer diese tollen Pläne - Boy, I got vision, and the rest of the world wears bifocals - und so verlassen sie den Westen, die Heimat aller Helden des amerikanischen Westens, um nach Bolivien zu gehen. Nicht ohne sich von dem Fahrrad zu verabschieden, Butch scheint nicht so ganz an die Sätze des Fahrradverkäufers (it'll change your whole life for the better) zu glauben. Sie könnten ja jetzt auf ihrem Weg nach New York in die Kutsche steigen, wir brauchten das Fahrrad nicht mehr zu erwähnen, aber es kommt wieder ins Bild. Paul Newman schiebt es verächtlich den Hügel hinunter, wo es in einem kleinen Rinnsal landet: Future's all yours, you lousy bicycles.

Und dann bleibt die Kamera auf den sich im Wasser drehenden Speichen des Fahrrades, während das Bild langsam eine ➱Sepia-Tönung annimmt, mit der der ganze New York Teil aufgenommen wird (und die wir auch am Schluss wiederfinden). Das fanden viele damals ganz toll - auch das Schlussbild wird die Sache mit der Sepia-Tönung wiederholen, aber eigentlich war es nur - wie der ganze Film - hochpolierter Kitsch. Wer die Sache mit dem Rad im Wasser für Filmkunst hält, hat noch nie einen Eisenstein Film gesehen. Etta Place geht mit den zwei Banditen (in manchen Teilen entspricht der Film der historischen Wirklichkeit, der Vorspann sagte ja: Not that it matters, but most of it is true!) nach Bolivien. Aber vorher sagt sie ihnen: I'm twenty-six, and I'm single and a schoolteacher and that's the bottom of the pit. And the only excitement I've known is here with me now. So I'll go with you and I won't whine. And I'll sew your socks and I'll stitch you when you're wounded, and I'll do anything you ask of me, except one thing: I won't watch you die. I'll miss that scene if you don't mind.

Wir brauchen sie auch nicht sterben zu sehen, weil der Film das letzte Bild einfriert. Und so bleiben sie forever young. Was aus der wirklichen Etta Place geworden ist (auf dem Photo oben nach ihrer Heirat mit Harry Alonzo Longabaugh, auch Sundance Kid genannt), weiß niemand.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Bavaria


Heute vor 161 Jahren wurde in München die Statue der Bavaria feierlich enthüllt. Sie hat auch einen wirklich schönen Wikipedia Beitrag. Das könnte es eigentlich für heute sein, denn ich habe weder zu großen Denkmälern noch zu Bayern ein Verhältnis. Denn das ist schwierig für Norddeutsche, für die südlich von Hannover schon Süddeutschland anfängt. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich schon mehrfach in Bayern war. Und dass ich einige ganz reizende Bayern kenne. Oder Norddeutsche, die in Bayern wohnen. Ich habe auch bayrische Leser, das habe ich gemerkt, als ich über ➱Albert Stagura schrieb. Da bekam ich E-Mails von Lesern, die über die Chiemseemaler sehr viel mehr wussten als ich.

Ich möchte die Bavaria zum Anlass nehmen, mal eben zu gestehen, dass ich als Norddeutscher eine ganz kuriose Neigung zu Bayern habe. Ich habe keine Haferlschuhe, ich schwärme nicht für Bayern München. Aber ich schwärme für Franz Xaver Bogner. Wenn es nach mir ginge, könnten sie bei Bayern III München 7 und Irgendwie und Sowieso wochenlang wiederholen. Und jeden Tag die Musik von Haindling spielen. Als vor kurzem Irgendwie und Sowieso wieder einmal wiederholt wurde, habe ich natürlich alle Folgen gesehen. Es muss eine sentimentale, nostalgische Sehnsucht sein. Aber wenn irgendjemand die Zeit zurückholen kann, dann ist es der Bogner Xaver. Und der Soundtrack von Irgendwie und Sowieso. Ich habe mir sofort das Doppelalbum Filmmusik von Haindling gekauft. Als die zum x-ten Mal die Wohnzimmer füllte, fiel mir ein Musikstück ein, das auch von einer bayrischen Gruppe gespielt wurde, das ich vor Monaten im TV gesehen hatte. Ich hatte leider nur eine Minute davon gesehen, ich wusste nichts über die Gruppe, aber ich hatte mir das Sendedatum und alles notiert, was damals in meinem Programmheft stand. Jetzt fing das Suchen an, kreuz und quer mit Google. Und plötzlich hatte ich es. Sogar bei YouTube. Es war zwar kein bayrisches Lied, was da Herzschmerz ergreifend gespielt wurde, es war ein schwedisches Volkslied, aber es war eine bayrische Gruppe. Die heißt Hahn im Korb, und ihr Stück ➱Visa i backa ist wirklich wunderbar.

Ich klicke es jeden Tag einmal an. Sollten Sie auch mal probieren.

Samstag, 8. Oktober 2011

Cordjackett


Comeback des Cordsakko. Eigentlich ist es falsch, beim Cordsakko von einem Comeback zu sprechen – denn es war eigentlich nie richtig weg. Das Sakko von Tommy Hilfiger wurde jedoch ganz neu interpretiert und die Idee des Cordsakkos auf innovative Weise umgesetzt. Und das kann sich sehen lassen! Der Einreiher aus Baumwollcord ist schmal geschnitten und kommt zunächst recht casual daher. Doch die Details sprechen eine andere Sprache und lassen das Herrensakko ganz schön elegant wirken. Es lässt sich, je nach Anlass, perfekt kombinieren und wertet jedes Outfit – egal ob Businesslook oder die sportliche Jeans/Pullover-Variante – extrem auf. Die typischen Kissing Buttons an den Ärmeln, die feine Verarbeitung der Taschen und Nähte und das softe Innenfutter mit darin eingewebtem Designer-Schriftzug machen das Stück zu einem echten Hilfiger.

Ich lese so etwas ja zu gerne, weil diese Texte (gleichgültig für welche Marke) so völlig schwachsinnig sind. Glaubt irgendjemand das, was hier steht? Erinnern Sie sich noch an den Loriot Sketch mit dem ➱Anzugkauf? Vielleicht lernen Verkäufer diese Texte auswendig, um sie ihren Kunden zuzuflüstern. Wenn irgendjemand in der Lage ist, Locken auf eine Glatze zu ziehen, dann sind es die Werbetexter, die für die Modeindustrie schreiben.

Der berühmte ➱Roland Barthes hat einmal ein Buch mit dem Titel Die Sprache der Mode geschrieben. Aber so scharfsinnig und witzig er sonst in seinen Beobachtungen der Alltagskultur ist, dies ist leider ein völlig humorloses und unlesbares Werk. Ein etwas verzweifelter Versuch mit einem strukturalistisch-semiotischen System Claude Lévi-Strauss zu imponieren. Barthes hoffte vergebens, dass Lévi-Strauss (nicht mit der Jeansdynastie verwandt) das als Doktorarbeit annehmen würde. Ich will mich nicht auf die semiotischen Spuren von Roland Barthes begeben, Sätze wie Ein Zeichen des ersten Systems (ein schwarzes Kleid, das einen festlichen Anlaß bedeutet) wird zum Signifikanten des zweiten Systems, dessen Signifikat die Modeideologie oder Moderhetorik bildet, werden mir nicht über die Lippen kommen.

Natürlich sagt Kleidung etwas. Auch wenn wir die Botschaft häufig nicht verstehen, selbst als dedicated follower of fashion. Wie zum Beispiel bei den Klamotten von ➱Thomas Gottschalk. Was sollen sie uns sagen? Und selbst, wenn auf dem Kleidungsstück noch eine sprachliche Botschaft steht, ist die nicht immer klar. Für 12,50 € können Sie bei amazon.com ein T-Shirt mit der Aufschrift I fucked Paris Hilton kaufen. Ob der Käufer qualifiziert ist, ein Hemd mit diesem Satz zu tragen, wird von Amazon nicht überprüft. Die Sprache der Mode ist ein Babel, für das Google Translate noch kein Übersetzungsprogramm hat. Aber ich will nicht auf der Ebene von Roland Barthes Sprache der Mode schreiben, ich will auch nicht Alison Luries interessantes Buch The Language of Clothes diskutieren, ich möchte einmal dem Cordjackett in der Geschichte der Mode nachgehen. Und der Frage: woher kommt es eigentlich?

Das Cordjackett ist jetzt überall zu sehen. Letzte Woche habe ich im Fernsehen drei Moderatoren gesehen, die eins trugen. Es ist schon seit einigen Jahren Mode (ich bin mit meinen unzeitgemäßen Beobachtungen etwas spät dran), vor zehn Jahren wurde in Modezeitschriften eine Renaissance des Cordjacketts gefeiert. Im Herbst 1994 auch, es kommt offensichtlich immer beharrlich wieder. Und beharrlich kommen auch solche Sätze wieder wie: Corduroy used to be considered déclassé. But with today's plush new versions and colours, the fabric has a more luxe look that even works for evening. Sidney Webb wäre im ausgehenden Jahrhundert ein Zeuge für den Gedanken des déclassé, wenn er schreibt: corduroy has been relegated to the use of navvies and tramps.

Aber der Cord kommt seit einigen Jahrzehnten in der Herrenmode immer wieder, und das nicht bei den navvies und tramps. Eher bei Caruso, Cucinelli, Kiton und Zegna, bei denen ein Cordjackett dann auch leicht etwas Vierstelliges kostet. Cord ist vor allem gefragt, wenn sich Männer jugendlich geben wollen. Wir alle haben Edmund Stoiber mit seinem hellbraunen Cordanzug noch nicht vergessen. Das war natürlich a bit too much of a good thing, ➱Cordhosen sind O.K. Cordsakkos auch, aber Cordanzüge, die sind nun ganz daneben. Es sei denn, Sie hätten noch einen olivgrünen needlecord Anzug von John Stephen aus Carnaby Street circa 1970, das lassen wir noch durchgehen. Catherine Horwood ist in ihrem Buch Worst Fashions: What we shouldn't have worn...but did etwas doktrinärer. Bei ihr heißt es ganz simpel: Avoid at all costs: Anything corduroy - poor man's velvet! So streng wollen wir heute mal nicht sein. Dennoch gelten Regeln für Cord. Erstens: niemals Breitcord! Zweitens: keine Cordanzüge! Erst recht keine Cordanzüge aus Breitcord. Das sage ich nun einmal in meiner Eigenschaft als arbiter elegantiarum. Stoiber hätte mich fragen sollen, da ist er jetzt selbst dran Schuld, dass er kein Bundeskanzler geworden ist. Das war eine Sprache der Mode, die wir alle verstanden haben.

Die Cordjacketts in ihrer augenblicklichen Form sind als modisches Kleidungsstück noch nicht so alt. Wenn wir mal alle Formen von Arbeitsjacken und Outdoorjacken (links) und deren Revival (wie zum Beispiel die schönen toskanischen Jagdjacken von der Firma Capalbio) draußen vor lassen. In dem Bereich kann man Cordjacken schon bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgen, und für solche Jacken hat Cord immer eine Rolle gespielt. Auch Cowboys haben Cordjacken getragen. Der Katalog vom Versandhaus Montgomery Ward enthält 1895 ein halbes Dutzend Cordjacketts, die mit Preisen zwischen 9 und 11 Dollar sogar teurer sind als manche Jacketts aus Wolle. Wahrscheinlich werden sie deshalb gekauft, weil sie den Ruf haben, unverwüstlich zu sein, the poor man's velvet.

Es fehlt auch nicht an Erwähnungen von Cordjacketts in englischen Romanen und Autobiographien im 20. Jahrhundert, wo sie immer etwas zweckentfremdet von Großvätern als Jacke für die Gartenarbeit getragen werden. Entweder haben die alle den selben Großvater mit dem selben Cordjackett oder der Opa im Garten mit dem alten Cordjackett ist schon zu einem Stereotyp geworden. Es fehlt auch nicht an Klagen darüber, dass man keine qualitativ hochwertigen Cordhosen oder Cordjacketts mehr bekommt, weil sie keine Mode sind. Das kann ich nachfühlen, das kenne ich. Ein Leben lang auf der Suche nach der ultimativen Cordhose - und manchmal gab es zehn Jahre lang überhaupt nichts (außer Zimmermannshosen aus Manchesterkord) in den Läden. Gibt es nur, wenn es der Mode einfällt, von einem Comeback des Cordsakko zu reden - mit der Mode für Cordjacketts ist es wie mit dem Schweinezyklus.

Im Amerika der zwanziger Jahre taucht Cord in der Form von Cordhosen an den Ivy League Universitäten auf - von den ➱Waschbärmänteln und den Stutz Bearcats wollen wir heute nicht reden. Cordjacken auch, die werden aber nur von Studentinnen getragen (und dann in bunten Farben). An die Damen richtet sich auch eine Mode, die nach dem Krieg aus Frankreich nach Amerika schwappt (auf jeden Fall schreibt Life ganz begeistert im Jahre 1946 darüber), Cordjacken aller Art und Kostümjacken aus Cord sind die große Mode. Ist auch billiger als teure Wollstoffe. Für die einen gibt es ➱Christian Diors New Look, für die anderen gibt es Cord. Der wird (wie alle Gewebe, die im Englischen fustian heißen) das Image nie ganz los, the poor man's velvet zu sein.

In der Herrenmode gibt es in Amerika in den fifties auf dem ➱Ivy League Campus auch Cordjacketts, auf jeden Fall bieten J. Press und Brooks Bros. so etwas an. Die werden zu einer Art typischer Berufskleidung von Professoren. Und Lehrern. Wird auch so in Katalogen beworben: perfect for the classroom. Da, wo man sich nicht den guten Anzug ruinieren will. Die Sakkos ist einreihig, beige oder braun. Meistens drei Knöpfe, wobei das oberste Knopfloch in den 50er und 60er Jahren noch in das Revers hineingebügelt wurde. Nicht nur bei Cordjacketts, das ist eine amerikanische Eigenart, die ich nie verstanden habe. Sie können in Alan Flussers Clothes and the Man genügend Bilder davon sehen. Die Italiener, die so stolz auf ihr strappato Revers sind, würden bei diesen Bildern wahrscheinlich auf der Stelle blind werden.

Aber nicht nur Professoren tragen das corduroy jacket, irgendwann tragen es auch die Studenten. Falls Sie einen Beweis brauchen sollten: was trägt Dustin Hoffmann in der Szene von The Graduate, in der sich Anne Bancroft so lasziv ihre Strümpfe anzieht? The PTA, Mrs. Robinson Won't OK the way you do your thing Ding, ding, ding. Da sich der Ivy League Stil offensichtlich ad infinitum recyceln lässt, hat natürlich heute Ralph Lauren Cordjacketts im Programm. Wenn man Glück hat, sind die in Italien von einer reputierlichen Firma gemacht. Ich habe mal in einem Secondhand Laden ein altes Brooks Brothers Cordjackett (Made in the USA of Imported Fabric) gekauft, das bei mir nur mein Mrs Robinson Jackett heißt. Immer wenn ich es trage, warte ich heimlich darauf, dass ich ➱Katharine Ross treffe.

In England sieht es mit der Entwicklung des Cordjacketts ein wenig anders aus (von diesem Cordanzug aus dem Jahre 1967 mal abgesehen). Zum einen sind Cordhosen an englischen Universitäten in den zwanziger Jahren kein Thema. Man trägt flannels, die irgendwann unter dem Namen ➱Oxford bags groteske Weiten annehmen. Und dazu einen Blazer vom Cricketclub oder der Rudermannschaft. Oder ein Tweedjackett. Das Cordjackett oder Cordsamtjackett findet sich eher in den Kreisen, die man heute mit dem Wort Bloomsbury belegt. Da kommt man zwar aus der upper middle class aber man möchte gerne ein wenig Bohème sein, da ist ein Cordjackett oder ein Cordsamtjackett genau das richtige. Aber nicht in den Farben von beige bis braun, die heute vorherrschen.

Wenn man schon die englische Bohème ist, dann besinnt man sich doch auf englische Exzentrik und trägt Cordjacketts in allen Schattierungen von Lila. Ein dunkles Flaschengrün ist auch sehr beliebt. Der Farbton wird sich in England lange halten, David Hemmings trägt in ➱Antonionis 'Blow-up' natürlich ein dunkelgrünes Cordjackett. Es war nicht sein eigenes, wie man manchmal liest: I had a costume fitting that same afternoon, where they threw a pair of white jeans and a green corduroy jacket at me. And for the first time, I was allowed to see the script and was given a copy to take away. Das Jackett wurde übrigens während der Dreharbeiten gestohlen. Jocelyn Rickards, die für die Klamotten des Films verantwortlich zeichnete, hatte großes Schwierigkeit, ein Ersatzjackett so umzuschneidern, dass man beim späteren Dreh keine Unterschiede zum ersten Jackett erkennen konnte.

Bei diesem Typ des Cordjacketts kann man sicherlich in Farbe und Materialien die Vorläufer in dem englischen ➱smoking jacket des 19. Jahrhunderts sehen. Dieser Look wird sich in England lange halten, der New Edwardian Style wird ihn wiederbeleben. Dessen groteske Proletarisierung, der ➱Teddy Boy Look, wird ihn nicht umbringen können. Und in der Zeit der Peacock Revolution ist er wieder da, und in den Anzeigen der sixties liest man Farbbezeichnungen wie crimson, mauve und burnt orange. Im Katalog The Cutting Edge: 50 Years of British Fashion 1947-1997 des Victoria & Albert Museums findet sich zum Beispiel ein schönes dunkelbraunes Cordsamtjackett mit paspelierten Revers, das einmal Roy Strong gehört hatte. Den habe ich immer für seine schrille Kleidung bewundert.

Und selbst eine eher konservative langweilige Firma wie Dunn & Co. hatte nette flaschengrüne Cordjacketts im Angebot (links). Wo ich die verblichene Firma Dunn & Co., die über Jahrzehnte ganze Generationen von Engländern mit Tweedjacketts versorgte, erwähne, sollte ich auch Beale&Inman erwähnen, die mal für die Qualität ihrer Cordprodukte berühmt waren. Auch sie gibt es nicht mehr, sie wurden irgendwann von der Moss Bros. Gruppe geschluckt, in ihren Laden in London ist inzwischen die italienische Firma Corneliani eingezogen. Das sind so Sachen, die ich bedauere. Wenn bei ➱Staben in Hamburg die italienische Firma Pal Zileri einzieht, dann bedauere ich das nicht. War eh der langweiligste Laden in Hamburg (Helmut Schmidt kaufte da immer), und der Senior Willi Staben war ein großer Nazi (mit dem schönen Titel Reichsmodewart) gewesen.

Ich lasse die Italiener heute mal draussen vor. Sie machen keine Mode, sie machen nur alles eleganter und in besserer Qualität, aber sie sind nicht wirklich innovativ. Doch einen Sprung über den Kanal zu den frogs müssen wir noch machen, nach Paris, an das linke Seineufer. Dort, wo der Existentialismus in den Straßencafés und Jazz Clubs gelebt wird. Wo man all das abgelegte Zeug der amerikanischen Truppen trägt - army surplus wird jetzt mit einem Hauch existentialistischer Theorie veredelt. Jean Paul Sartre trägt auch eine Parka. Cord bekommt hier zusätzlich eine klassenkämpferische Note, weil es eigentlich eine Handwerker- und Arbeiterkleidung ist - aus diesem Grund hatten in den dreißiger Jahren englische Linksintellektuelle begonnen, Cordhosen zu tragen. Man wollte dem Arbeiter näher sein. Der Pariser Schmuddel-Look, lange bevor in Seattle grunge entsteht, ist zum Teil aus der Not der Nachkriegszeit geboren, zum Teil ist er aber auch nur Inszenierung.

Der Look wird sich lange halten. Er verschmilzt auch schnell mit einer anderen Jugendkultur, die wir in England und den USA finden, den so genannten folkies. Karierte Holzfällerhemden und Cordjacketts werden ihr Standardoutfit. Woody Allen läuft immer noch so rum. Wir müssen die folkies noch von den gleichzeitig auftauchenden Beatniks abgrenzen, mit denen sie aber viel gemeinsam haben. Es gibt jetzt zum ersten Mal im 20. Jahrhundert gleichzeitig eine Vielzahl von Jugendkulturen, die sich durch einen eigenen Modestil auszeichnen. Das Cordjackett findet sich bei mehreren dieser Kulturen (Existentialisten, folkies, Beatniks und zum Teil auch bei Teddy Boys), wird aber niemals von hipsters, ➱Mods oder Rockern getragen. Kleidungsstücke sprechen jetzt nicht nur eine Sprache, sie werden auch schon zu einer Art Glaubensbekenntnis.

Wenn Pierre Cardin in den sechziger Jahren die Mode revolutioniert, hat er auch Cordjacketts im Programm. Die haben dann allerdings kein Revers und keinen Kragen mehr, und wir können sie wenig später an den Beatles entdecken. Mein Bruder hatte damals so ein Teil, als er eine schwere Phase von Beatlemania hatte. Die Beatles tragen natürlich keine Pierre Cardin Jacken. Aber ihr Schneider ➱Douglas ("Dougie") Millings (hier auf dem Photo) hatte sich schon von dem Franzosen inspirieren lassen.

So, da haben wir in Kurzfassung die Entwicklungslinien. Amerikanische Universitäten, zerstreute Professoren, folkies, ältere Buchhändler in Antiquariaten - Hollywood trägt in vielen Filmen seinen Teil zur Stereotypisierung bei. Cordjackett bedeutet immer: ein klein wenig intellektuell und ein klein wenig weltfremd. Der perfekte Tarnanzug für alle grauen Modemäuse und alle Woody Allens dieser Welt. Und dann haben wir noch die englische Bohème der Zwanziger, die Pariser Intelligentzia im Quartier Latin der Nachkriegszeit. Aus all dem bedient sich heute die italienische Mode. Heute bringen italienische Luxusfirmen wie ➱Raffaele Caruso Cordsakkos mit echten Knopflöchern auf den Markt, das muss nicht sein. Ich fand es schon etwas übertrieben, dass die Knopflöcher an meiner Tom Reimer Cordhose schneidermäßig echt umsäumt sind. Der Cord bei dem Caruso Jackett ist (ich weiß das, weil ich eins habe) aus einem Stoff, der bei Zegna Cashco heißt. Ist ein Blending aus cashmere und cotton. Klingt aber nach cash. Das ist eine Baumwolle, die hat schon ganz nahe neben der Kaschmirziege gelegen, sagte mir einmal ein Verkäufer. Man vergisst solch blöde Sprüche nie, das ist wie bei Loriot. Aber seien wir ehrlich, diese eleganten Cordjacketts sind natürlich völlig daneben. Wenn ein Cordjackett aus Cord von Brisbane Moss ist, dann ist das völlig O.K. Cordjacketts sollen nicht elegant sein. Das müssen olle ehrliche Dinger sein, die man am besten im Secondhand Laden kauft - und möglichst in Läden, die auch noch Manchester Hosen führen - dann haben sie schon die richtige Patina.

Oder man trägt sie seit einem halben Jahrhundert wie Hans-Olaf Henkel: Das Cordjackett auf diesen Fotos hat mich mein Leben lang begleitet. Ich trug es in meiner Sturm-und-Drang-Zeit in Hamburg, es kam mit nach Sindelfingen, Böblingen und München, wo ich für IBM war. Es war in Amerika, Ceylon, Kalkutta, Paris. Das Sakko hatte sich mein Stiefvater 1953 beim Schneider Nauschütz in den Hamburger Colonnaden schneidern lassen. Mein Stiefvater war Künstler, Lautensänger (er hat den Evergreen „Einmal noch nach Bombay“ komponiert). 1958 vermachte er mir das Sakko. Es hatte einen phantastischen Stoff, eine tolle Farbe – nur die Ärmel waren entsetzlich kurz und die Schultern zu breit. Ein Schneider hat mir die Ärmel verlängert. Man sieht noch heute den Rand, der die ursprüngliche Ärmellänge anzeichnet und den mehrfaches Reinigen nicht beseitigen konnte. 2000 habe mich in dem Sakko für das Titelfoto meiner Lebenserinnerungen ablichten lassen. Einen 80-jährigen Schneider bewog das, mir zu schreiben und anzubieten, das Jackett zu restaurieren. Er hat die Knöpfe, das Futter und die Nähte erneuert – ich bin überzeugt, dass das Jackett jetzt noch weitere 52 Jahre halten wird. Die Frage ist, welcher meiner beiden Söhne es mal erben wird.

Genauso muss das sein, Sie können das rührende Festhalten eines Mannes an seinem Lieblingsjackett hier noch einmal im ➱Bild sehen. Ich bin übrigens ohne ein Cordjackett durch das Leben gekommen, aber seit einigen Jahren habe ich doch ein paar. Alle second hand oder Ebay, aber von den feinsten Firmen. Ich trage sie zuhause als Strickjackenersatz, lümmel mich mit ihnen im Sessel rum und schreibe meinen Blog. Mit meinem Mrs Robinson Jackett kann ich allerdings nicht am Computer schreiben. Das hat nämlich Lederknöpfe am Ärmel, und die klappern immer auf dem Schreibtisch, ding, ding, ding.

Freitag, 7. Oktober 2011

Edgar Allan Poe


Heute vor 162 Jahren ist er in Baltimore gestorben. Er war vierzig Jahre alt. Die Umstände seines Todes bleiben rätselhaft, die Theorien nennen Mord, Selbstmord, Cholera, Tollwut und Syphilis als mögliche Ursachen. Man hatte ihn auf der Straße gefunden, in great distress, and ... in need of immediate assistance. Der größte Fehler des armen Edgar Allan Poe in seinem Leben ist es gewesen, Rufus Griswold  zum Verwalter seines literarisches Werkes zu machen. Edgar Allan Poe is dead. He died in Baltimore the day before yesterday. This announcement will startle many, but few will be grieved by it, schrieb ➱Griswold wenige Tage nach dem Tod von Poe. In dem few will be grieved by it deutet sich schon an, was nun aus Griswolds Feder kommen wird, eine Verleumdungskampagne par excellence. Ein geisteskranker Trinker, der seine 13-jährige Cousine heiratet und besoffen in der Gosse stirbt. Und was nicht alles. An allen Vorwürfen ist irgendwo etwas dran, wo viel Schmutz geworfen wird, da bleibt auch viel hängen. Rufus Griswolds Biographie wird das Bild Poes immer überschatten. Was Poes Biographie betrifft, haben wir leider mehr Konfabulationen als Fakten.

Es hat Poe auch nicht geholfen, dass sich die neue Wissenschaft der Psychologie seiner angenommen an, dazu forderte sein Werk ja auch geradezu heraus. And much of Madness and more of Sin/And Horror the soul of the plot. Immer wieder madness. Eines der kuriosesten Werke dieser neuen Wissenschaft stammt von einer echten Prinzessin, der Lieblingsschülerin von Freud (auf dem Photo links neben ihm). Man hätte Marie Bonaparte wahrscheinlich vergessen, wenn sie nicht vor kurzem von Catherine Deneuve gespielt worden wäre. Die Prinzessin  hat sicherlich große Verdienste (das größte ist wahrscheinlich, dass sie den Spinner Jacques Lacan aus der Vereinigung der französischen Psychiater geschmissen hat), aber ihr Buch Edgar Poe: Etude psychanalytique von 1933 ist mit Vorsicht zu geniessen. Es gibt seit Rufus Griswold mehr schlechte als gute Biographien über Edgar Allan Poe.

Wobei ich nichts gegen Hervey Allens Buch Israfel sagen will, für das Jahr 1926 war das schon ein Wurf; man muss Romanschriftsteller sein, um sowas zu schreiben. Eine Biographie, wie sie Hershel Parker zu Herman Melville vorgelegt hat, bleibt eigentlich immer noch ein Desiderat. Sicher ist die Biographie der Prinzessin Marie Bonaparte inzwischen ein Klassiker der Wissenschaftsgeschichte, aber sie ist keine ernstzunehmende Biographie. Gerade hat Peter Ackroyd ein 176 Seiten langes Büchlein (Poe: A Life Cut Short) geschrieben, das sicher sehr nett ist, aber auch keine richtige Biographie ist. Am besten gefällt mir da immer noch die Biographie von Kenneth Silverman aus dem Jahre 1992 Edgar Allan Poe: Mournful and Never-ending Remembrance.

Und ich habe sogar eine Empfehlung für eine deutschsprachige Biographie, es ist kaum zu glauben. Der Verfasser heißt Frank T. Zumbach (und er hat auch einen schönen, für einen Edgar Allan Poe Spezialisten passenden ➱Blog - diese Adresse sollten alle Freunde des gepflegten Schauers unbedingt testen). Dafür dass diese Biographie schon beinahe ein Vierteljahrhundert alt ist, hat sie sich erstaunlich gut gehalten. Als sie 1986 im Winkler Verlag erschien, war sie neben Walter Lennigs kleiner Biographie in der Reihe der rowohlts monographien die einzige deutsche Buchpublikation zu Poe die ernst zu nehmen war. Frank T. Zumbachs Biographie ist keine trockene Wissenschaft, Zumbach hat zwar Anglistik studiert, aber er ist freier Schriftsteller und Übersetzer, kein Universitätsprofessor. Gott sei Dank, möchte man sagen. E.A.Poe: Eine Biographie ist nicht nur eine Biographie des Autors, das Buch portraitiert auch eine Epoche der amerikanischen Kultur. Es ist gut geschrieben, so dass jeder es lesen kann (was bei Werken aus professoraler Feder ja nicht immer gegeben ist). Und es gibt dem Leser einen Schlüssel zum Verständnis von Poes Werk. Was kann man sich mehr wünschen? Ja, man kann das Buch auch noch bei Amazon oder Amazon Marketplace finden.

Während die amerikanischen Literaturprofessoren sich mit bewundernswertem Fleiß immer wieder auf Poes ebenso erfolglosen Zeitgenossen Herman Melville gestürzt haben, bleibt Edgar Allan Poes Werk heute immer noch vernachlässigt. Es gibt leider bis heute noch keine zuverlässige Gesamtausgabe der Werke von Edgar Allan Poe. Die ➱Virginia Edition, die schon über hundert Jahre alt ist, ist nicht ganz vollständig. Und Thomas O. Mabbotts Werkausgabe wurde leider durch seinen Tod beendet. Obgleich, die Bände, die er vollendet hat, ein Muster für jede Werkausgabe sein können. In Deutschland gibt es seit seit drei Jahren im Insel Verlag für 248 € eine vierbändige kommentierte Werkausgabe. Mit 4.254 Seiten das Vollständigste von Poe, was es auf Deutsch gibt. Diese Ausgabe ist nicht ganz neu, sie ist - herausgegeben von dem Berliner Anglistikprofessor Kuno Schuhmann und Hans Dieter Müller - 1966 im Walter Verlag erschienen. Es hält sich das Gerücht, dass diese Ausgabe den Walter Verlag ruiniert hätte, aber das ist wohl nicht ganz wahr. 1979 gab es eine zehnbändige Paperback Lizenzausgabe (Pawlak), die allerdings schnell verramscht wurde. Aber die Ausgabe des Walter Verlags wurde dankenswerterweise von Gert Haffmanns 1994 wiederbelebt. Jetzt bringt der Insel Verlag sie noch einmal heraus. Die berühmtesten Übersetzer, die an dieser Werkausgabe mitgearbeitet haben, sind schon lange tot: ➱Arno Schmidt und Hans Wollschläger.

Und dann muss ich noch ein drittes deutschsprachiges Werk nennen, ➱Liliane Weissbergs Edgar Allan Poe. Erschienen 1991 in der Sammlung Metzler als Band 204 dieser Reihe. Der materialreichste Forschungsbericht in Buchform, den es gibt. Und das ist noch die Kurzfassung. Im Vorwort schreibt die Verfasserin, die 1984 in Harvard über Poe promoviert hatte: Die erste Fassung des vorliegenden Textes hatte den traurigen Ruhm, das längste Manuskript zu sein, das jemals für einen 'Sammlung Metzler' Band eingereicht wurde. Aber sie wussten bei Metzler schon, dass sie mit dem Manuskript etwas ganz Besonderes hatten, und man kann der Autorin für dieses Buch nur ewig dankbar sein. Es ist beim Verlag vergriffen, aber es gibt noch Restexemplare im Modernen Antiquariat.

Vielleicht ist mir ja auch der ein oder andere Leser dankbar für diese kleine Literaturübersicht. Aber natürlich kann man Edgar Allan Poe auch ohne alle Sekundärliteratur lesen. Obgleich Kommentare eines Gelehrten manchmal ja sehr schön sind. Ich habe die Modern Library Ausgabe von The Complete Tales and Poems of Edgar Allan Poe, die einmal Newton Arvin gehört hat. Mit seinen Unterstreichungen und Kommentaren. Besser geht es nicht.

Und über Edgar Allan Poe, der die detective story und die short story erfand (von der Science Fiction ganz zu schweigen), schreibe ich gerne noch ein anderes Mal. Die Bilder sind natürlich von ➱Horst Janssen, den Edgar Allan Poe nie losgelassen hat.