Donnerstag, 13. Oktober 2011

Yves Montand


Heute wäre er neunzig geworden. Er hat mein Leben begleitet, weil ich die meisten seiner Filme gesehen habe. Ich weiß sogar noch, in welchen Kinos ich die Filme gesehen habe. Lohn der Angst war einer der ersten Filme mit Montand, den ich sah - darüber habe ich schon mal ➱geschrieben. Dann kamen Machen wir’s in Liebe mit Marilyn Monroe und Lieben Sie Brahms? Habe ich im studio für filmkunst in Bremen gesehen. Das war etwas Feines, nicht sowas Prolliges wie das AKI in der Sögestraße. Das AKI war ein Aktualitätenkino, da liefen die Filme rund um die Uhr. Konnte man stundenlang drin bleiben. Aber dann der spannende Film Mord im Fahrpreis inbegriffen, nach einem Krimi von Sébastien Japrisot. Den Autor hatte irgendwann auch Richard K. Flesch für die Rowohlt Krimireihe rororo thriller (klein geschrieben wie das studio für filmkunst) unter Vertrag. Mord im Fahrpreis inbegriffen habe ich in einem kleinen Vorstadtkino gesehen, toller Schwarzweißfilm, eine Starbesetzung. ➱Jean-Louis Trintignant war auch dabei. Und die schnuckelige Françoise Arnoul, die wie Trintignant in diesem Jahr achtzig geworden ist.

Der Regisseur von Mord im Fahrpreis inbegriffen war Constantin Costa-Gavras, mit dem Montand drei Jahre später in dem Film Z wieder arbeiten sollte (und Jahre später noch in dem beklemmenden Film  L'aveu). Z war ein politischer Film, der vor dem Hintergrund der griechischen Militärdiktatur spielte. Wie schnell konnten wir das vergessen, dass das mal ein Land mit einer Militärdiktatur wie das Spanien Francos war? Vor diesem Film hatte Montand unter der Regie von Resnais Der Krieg ist vorbei (La guerre est finie) gedreht. Auch ein Politthriller, aber lange nicht so plakativ wie Z. Es ist ein stiller Film, eher eine psychologische Studie, als ein Politthriller.

In all diesen Filmen beherrschte Yves Montand den Film, immer elegant gekleidet (ich gestehe gerne, dass er vor fünfzig Jahren für mich ein modisches Vorbild war), immer souverän. Aber als er in Jean-Pierre Melvilles Vier im roten Kreis spielte, stand er nicht mehr im Mittelpunkt. Da war er auch nicht mehr auf der Seite der Guten wie als Kommissar in Mord im Fahrpreis inbegriffen, da war er ein ehemaliger Polizist (und Scharfschütze), der dem Alkohol verfallen war. Aber immer noch elegant in seinem Trenchcoat. Von der Nadel, die unter der Krawatte die Kragenenden des Piccadilly Kragens (etwas  Ähnliches wie der ➱Tab Kragen) zusammenhielt, ganz zu schweigen. So etwas hatte ich damals auch, gab es zum Schrauben oder in der Art einer Sicherheitsnadel. Man piekte sich zwar immer damit in die Finger, es sah aber sehr elegant aus, wenn es einem gelungen war, mit der Nadelspitze die kleinen Löcher im Kragen zu finden.

Manche Filme, die ich in meinem Leben gesehen habe, habe ich mehr oder weniger vergessen, von Vier im roten Kreis kenne ich noch jede Einstellung. Vor allem die Szene, in der die Place Vendôme um Mitternacht gezeigt wird. Als ich vor einem halben Jahrhundert zum ersten Mal in Paris war, habe ich stundenlang in der Sommernacht die Luxusgeschäfte von Place Vendôme und Rue de la Paix bewundert. Allerdings hatte ich nicht wie Yves Montand, Alain Delon und Jean Marie Volonté vor, einen Juwelier zu berauben. Und Jean-Pierre Melville hatte noch nicht angefangen (wenn man von Bob le flambeur absieht), seine Gangsterfilme zu drehen, für die er berühmt werden sollte.

Er hieß natürlich nicht Melville sondern Grumbach, den Namen des bewunderten Herman Melville hatte er im Widerstand angenommen und nach dem Krieg behalten. Es ist nicht nur der amerikanische Schriftsteller Melville, den er bewunderte, es ist auch der amerikanische Film Noir und die hard-boiled novel, die der Fundus für seine mit Zitaten gespickten Filme geworden sind. Natürlich gibt er auch zu, dass Marcel Carné und Jacques Prévert mit Filmen wie Quai de Brûmes und Le jour se lève ein sehr schönes Kino gemacht haben. Von denen abgesehen, hat ihn der französische Film nicht so sehr interessiert, zu den jungen Wilden der Nouvelle Vague hatte er ein eher distanziertes Verhältnis. Er hat immer sein eigenes Ding gemacht, er war ein auteur complet, er schrieb seine Drehbücher selbst, er hatte sein eigenes Studio. Er hat sich seine eigene filmische Welt geschaffen. Für die er erstaunlicherweise nicht den Status der Kunst reklamierte: Das Kino wird immer Unterhaltung sein und nur ab und zu Kunst. Ich sage nicht, daß Kino Kunst sein soll, ich habe es nie gesagt, aber manchmal ist ein filmisches Werk so gelungen, daß es als Kunstwerk gelten kann.

Vier im roten Kreis ist ein pessimistischer Film. In Farbe gedreht, aber es ist nicht die hochpolierte Oberfläche von Der eiskalte Engel. Es ist eher ein Schwarzweißfilm in schmutzigen Farben. Melville hätte als Polizeikommissar gerne Lino Ventura gehabt (der die Hauptrolle in Der zweite Atem hatte), aber mit dem hatte er sich gründlich verkracht. Ich weiß nicht, was ihn bewogen hat, den Komiker Bourvil als Kommissar Mattéi zu verpflichten, aber das Wagnis ging auf. André Bourvil ist kurz nach dem Film gestorben. Die anderen sterben nur im Film, Yves Montand wird von seinem ehemaligen Kollegen Mattéi erschossen. Der ehemalige Polizist Jansen, den er spielt, wird am Anfang des Films von den halluzinatorischen Alpträumen des Delirium Tremens heimgesucht. Melville hatte, wie er in einem ➱Interview sagte, die großen Trinker der amerikanischen Literatur Faulkner und Hemingway vor Augen. Ohne Zitat geht bei Melville ja gar nichts. Dieser Jansen will von der Millionenbeute keinen Anteil haben, er will sich nur ein letztes Mal zeigen, dass er es noch könnte. Die Gangster haben den ehemaligen Scharfschützen Jansen verpflichtet, damit er den Kontaktknopf der Alarmanlage an der Tür des Juweliers ausschießt. Er hat dafür sein Gewehr mit Zielfernrohr auf einem Stativ montiert. Und dann, um es sich und der Welt zu beweisen, reißt er das Gewehr aus der Halterung und schießt freihändig. Wie ein Westernheld, einer der großen Momente des Films.

Yves Montand hat nach diesem Film noch zwei Jahrzehnte in Filmen gespielt (und natürlich hat er immer auch gesungen, ich habe beinahe alle seine Platten), am besten fand ich ihn in Vincent, Francois, Paul et les autres. In dem Film hat er einen Herzinfarkt. Den wird er im wirklichen Leben haben, er stirbt an einem Herzanfall kurz nach Beendigung der Dreharbeiten zu IP5: Die Insel der Dickhäuter. Der Regisseur Jean-Jacques Beineix sagte damals : Er starb am Filmset... Am letzten Drehtag, nach der allerletzten Szene. Es war die letzte Nacht und wir mussten einige Szenen nachdrehen. Er beendete, was er zu tun hatte, und dann ist er einfach gestorben. Und der Film erzählt genau die Geschichte eines alten Mannes, der an einem Herzanfall stirbt, was dann in Wirklichkeit auch geschehen ist.

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