Dienstag, 14. März 2017

Hafenstraße


Hafenstädte haben meistens eine Nikolaikirche und eine Hafenstraße. Eine ▹Nikolaikirche hatte mein Heimatort nicht, eine Hafenstraße schon. Genaugenommen ist es die Alte Hafenstraße, sie hieß aber früher nur Hafenstraße. Die Umbenennung ist wahrscheinlich für die Touristen gemacht worden. Unser Hafen ist auch sehr alt (heißt allerdings nicht Alter Hafen), es ist der älteste künstlich angelegte Hafen in Deutschland. Beinahe 400 Jahre alt.

Ist allerdings nicht von Vegesackern gebaut, das waren die Holländer. Die haben so etwas heraus. Sie können ▹licht en lucht malen (was ihnen Carl Justus Harmen Fedeler mit seinem Bild von Vegesack abgeguckt hat) und kleine Jungens den Finger in den Deich stecken lassen. Sonst gibt es da ja nur Tomaten und Wohnwagen. Grünkohl können sie auch nicht, das wusste schon Otto Jägersberg, als er ▹Grünkohl für Holland schrieb. Wenn man einen so alten Hafen hat wie wir in Vegebüddel, dann braucht man eben eine Alte Hafenstraße. Die hat sogar einen Wikipedia ▹Eintrag. Ich führe Sie einmal durch die Straße, und wenn wir an der kleinen Kurve neben dem ehemaligen Roxy Kino angekommen sind, erzähle ich diese kleine Geschichte, die ich schon immer einmal erzählen wollte.

Die etwas mit dem schlechten Ruf zu tun hat, den Hafenstraßen im Allgemeinen haben. Das da oben im ersten Absatz ist unsere Alte Hafenstraße bei Nacht. Und was ist los? Gar nix. Wir sind nicht in St Pauli oder in Bremerhaven, von wo dieses Photo stammt. Vor siebzig Jahren, als wir noch amerikanisch waren, hätten hier Plakate mit dem Satz VD walks this street tonight hängen können.

Ich weiß, wie es in Hafengegenden aussieht. Nicht weil ich da verkehrte, sondern weil ich früher mal in den Semesterferien Bierfahrer für den Getränkehandel war, den einst Kapitän ▹Louis Wieting begründet hatte (darüber steht schon etwas in dem Post ▹preloved). An den Tagen, wo man die Lokale des Puffs belieferte, bekam man vom Chef vorher detaillierte Anweisungen: Da bringste keine Buddel Jägermeister und kein' Kassen Sekt rein, bevor die nich Käsch gezahlt haben. Und lass' die Finger von die Rothaarige.

Hier fängt die Alte Hafenstraße an - oder hier hört sie auf. Wir stehen auf dem Utkiek, links ist das Fährhaus, wo ich 1962 zusammen mit meinem Freund Charlie dem Kneipier Konnie Krämer geholfen habe, alles ▹wasserdicht zu machen. Rechts ist das Havenhaus, das ebenso wie der Hafen aus dem 17. Jahrhundert stammt. Da haben wir unser Abitur gefeiert, und da findet (meistens ohne mich, wie Sie ▹hier lesen können) immer das Klassentreffen der Lateinklasse statt. Sie können auch sehen, dass die Straße sehr schmal und sehr winklig ist, deshalb ist sie der ideale Ort für die Lastwagenfahrschulen der Bundeswehr. Ich weiß nicht, ob Sie schon mal einen MAN 5-Tonner gefahren haben, also das Modell mit nicht synchronisierter Schaltung. Zwischengas ist ja ein Begriff, der heute beinahe aus der Sprache verschwunden ist.

Sie können auch sehen, dass hinter dem Fährhaus in der Hafenstraße schon wieder eine Kneipe ist. Und links vom Fährhaus ist wieder eine Kneipe (oder waren es zwei?), die den berühmten Vegesacker Jungen an der Mauer hat. Der  Vegesacker Junge war auch 1921 auf dem Vegesacker Notgeld zu sehen. Dazu hatte Georg Droste, dessen Ottjen Alldag Bücher ich alle gelesen habe, gedichtet: Manch Janmaat stöhnde fröher mal Se fägen Sack un Büdel kahl; nun fägt die sware Not all lang! Doch wie in Väsack sünd nich bang. Rechts vom Havenhaus ist übrigens auch eine Gaststätte, die den Namen Grauer Esel hat. Wir haben hier auf circa 50 Meter fünf Kneipen (na ja, das Havenhaus ist natürlich keine Kneipe, sondern ein Restaurant), und wenn man damals die Kneipen im Ort durchzählte und sie in Relation zu den Bewohnern setzte, kam man auf erstaunliche Zahlen. Was natürlich etwas mit der Hafenstadt Vegesack zu tun hat, mit Seeleuten und Werftarbeitern.

Denn damals lag hier noch die größte Heringsloggerflotte Europas (es gab im Hafen auch ein Dock zur Reparatur der Logger), und die Werft von Friedrich Lürssen parkte den Hafen voll mit ▹Schnellbooten und ▹Minenlegern. Die Heringsfischerei zieht seltsames Gelichter an, der Job wird relativ gut bezahlt. Und viele waren froh, nach dem Krieg überhaupt einen Job zu haben. Das hat mir auch mein Kieler Schuster ▹Horst Dworak erzählt, der lange auf einem Logger fuhr, bevor er Schuhmachermeister wurde. Er wollte mir von der Härte des Heringsfangs erzählen, als ich ihn unterbrach und sagte, dass ich aus Vegesack käme.

Da wusste er, dass er mir nichts zu erzählen brauchte und dass wir wieder über Schuhe reden konnten. Sagte aber noch: Mein Kapitän kam auch aus Vegesack. Alle Kneipen rund um unseren Hafen leben von den Seeleuten, die hier den Vorschuss auf ihre erste Heuer verprassen. Manche von denen fallen gleich beim Anbordgehen von der Gangway. Der Bremer Wirtschaftssenator Hermann Wolters (der schon in den Posts ▹Alfred Wallis und ▹Lederjacken eine sehr, sehr unrühmliche Rolle spielt) wollte einmal seine Volkstümlichkeit dadurch beweisen, dass er auf einem Logger mitfuhr. Er kam bis zum ▹Leuchtturm Rote Sand, wo er von einem Kreuzer der ▹DGzRS von Bord geholt wurde. Alkoholvergiftung. Wenige Jahre später zerlegte er mit seinem Auto mit 2,48 Promille drei parkende Autos und eine Straßenlaterne, und dann kam die Sache mit dem Bonner Bordell. Aus Gesundheitsgründen ging er danach mit einer ärztlich bescheinigten Dienstunfähigkeit mit 54 Jahren mit vollen Bezügen in den Ruhestand, nichts von seinem skandalösen Leben findet sich in seinem Wikipedia Artikel. Am 5. Mai 1969, als die kleine Bremer BVG Revolution vorbei war, sprach der Senator a.D. Hermann Wolters im Bremer Gewerkschaftshaus über politischen Dilettantismus. Wenn irgend jemand etwas davon versteht, dann ist er es. Aber er war seiner Zeit voraus, er machte schon damals für all seine Skandale die Presse verantwortlich.

Damals legten auch noch kleine Kutter mit frischem Fisch im Hafen an. Jeden Donnerstagnachmittag wurde ich zum Hafen geschickt, stand in der Schlange an. Man hat keine Wahl zwischen Dorsch oder Kabeljau. Man nimmt das, was da ist. Der Fisch wird in eine Zeitung geklatscht und fertig isses. Die Zeitung balanciere ich dann vorsichtig nach Hause, aber ich kann die Zeitung halten, wie ich will, es läuft immer etwas Fischiges heraus. Ich hasste den Donnerstagnachmittag, und ich hasste den Fisch, der am Freitag auf den Tisch kam. Das habe ich wohl schon in dem Post ▹Heringe gesagt.

Natürlich gibt es im Ort auch viele Kapitäne: Von Vegesack ist zu erwähnen, das ist ein Ort mit Kapitänen, die von ihrer Arbeit ruhn, und ansonsten gar nichts tun. Der Spottvers ist um 1900 entstanden, im 19. Jahrhundert lebten mehr als die Hälfte aller Bremer Kapitäne in Vegesack. Damals wollte jeder Seemann auf Bremer Schiffen fahren, die Heuer war besser, die Besatzung hatte mehr Rechte, die Schiffe waren besser. Heute ist das ▹Ausflaggen von Seelenverkäufern, die keinen Test des Germanischen Lloyds bestehen würden, nach ▹Panama ja die Regel. Wenn man damals ein Bremer Schiff mit der Speckflagge kommandierte, musste man Bremer Bürger sein, mindestens drei Jahre. Sonst wurde man auch nicht zur ▹Schaffermahlzeit eingeladen.

In Vegesack kostete der Bürgerbrief die Hälfte von den Bremer Gebühren, und die Sache mit den drei Jahren wurde auch nicht so eng gesehen. Häufig genügte die Absichtserklärung, Bremer Bürger werden zu wollen. Außerdem konnte man in Vegesack auch leichter ein Haus finden. Am liebsten oben in der Weserstraße, wo man einen Blick über die Weser ins Oldenburger Land hat. Aber es gab auch Kapitäne, die in der Hafenstraße wohnten. ▹Kapitän Hugo Gottsmann, der schon häufiger hier genannt wurde, wohnte in einem schönen weißen neoklassizistischen Haus in der Hafenstraße 16. Der Landeskonservator Rudolf Stein erwähnt das in seinem Standardwerk Klassizismus und Romantik in der Baukunst Bremens mit Wohlgefallen.

Das bekannteste Gebäude der Hafenstraße hat den Namen KITO (das ist jetzt kein Tippfehler, es hat nichts mit einer Kita zu tun), hier saß mal eine Verpackungsfirma, die Kisten aus Wellpappe herstellte und die den schönen Namen Kistentod hatte. Heute ist es ein Museum für die Bilder von dem Worpsweder Maler Fritz Overbeck (Sie können mehr dazu in den Posts ▹Fritz Overbeck und ▹Wuddel lesen) und ein Ort für kulturelle Veranstaltungen. Das Packhaus ist um 1800 entstanden, man hat es neuerdings richtig aufgerüscht. Es gibt noch ein ähnliches Haus in der Hafenstraße, in dem heute ein Fechtclub ist.

Natürlich ist es schön, dass die Bilder von Fritz Overbeck, der ja von Worpswede nach Vegesack gezogen war, einen Platz gefunden haben, an dem sie gut zur Geltung kommen. Es ist viel Licht auf dieser Etage des Speichers, mehr Licht als in manchen Ausstellungsräumen in ▹Worpswede oder Fischerhude. Es ist auch schön, dass aus dem etwas vergammelten Packhaus ein Kulturzentrum geworden ist.

Aber das täuscht natürlich darüber hinweg, dass man rundherum den alten Ortskern abgerissen hat (auch das Haus, das sich der Architekt ▹Ernst Becker-Sassenhof am Strand gebaut hatte, ist inzwischen abgerissen, nur das Haus vom ▹Ruderverein daneben steht noch). Ein Trümmerfeld von abgerissenen Häusern war entstanden. Ich habe das alles photographiert, Kartons voll in Schwarzweiß und Farbe. Nichts davon ist im Internet zu sehen. ▹Günther Schwarberg hatte damals im Stern mit großer Trauer über den Abriss des Ortes berichtet, Teile der Reportage sind auch in seine Autobiographie Das vergess ich nie: Erinnerungen aus einem Reporterleben gewandert. Schwarbergs Vater war ein Kollege meines Opas, sie mochten sich nicht. Schwarberg war Sozialdemokrat, mein Opa trauerte immer noch seinem Kaiser nach.

Zugegeben, was in Vegesack passiert ist, war nicht schön, stand später auf einem Wahlplakat. Darüber war das Konterfei dieses Herrn zu sehen. Der Bürgermeister Hans Koschnick hat irgendwie den Status eines Bremer Nationalheiligen bekommen, wenn man an seine klägliche Rolle bei den Bremer Straßenbahnunruhen denkt (lesen Sie ▹hier dazu mehr), ist mir das unverständlich. Dass aus der Sache mit dem vierspurigen Autobahnzubringer zur Fähre (die der Vorwand für den Abriss des Hafenviertels war) nichts werden konnte, war allen Vernünftigen klar. Wenn die SPD mit sogenannten Stadtplanern,  Neue Heimat, Gewoba und  Immobilienhaien paktiert, dann kommt da nie etwas Gutes raus.

Da braucht man sich nur mal die Karriere von Richard Boljahn (hier rechts, zusammen mit dem Architekten Max Säume, bei der Inspektion der Bauarbeiten der Neuen Vahr) angucken. Das Photo habe ich in einem Buch von Nils Aschenbeck gefunden, und die informativen Seiten von ▹Bremen History möchte ich auch noch erwähnen.

Wenn alles kaputt ist, dann kommen diese Leute, die alles schönreden. Wie dieser Wendelin Seebacher, dessen Vegesack Buch im Wikipedia Artikel erwähnt wird. Ich konnte den Typ überhaupt nicht ausstehen, aber er hat meine Mutter so lange bequatscht, bis sie ihm die Abdruckgenehmigung für ein von ihr entworfenes Bleiglasfenster gegeben hat. Wendelin Seebachers Schwester Brigitte habe ich auch mal kennengelernt, aber dazu möchte ich jetzt lieber nichts sagen. Das ist die, die Willy Brandt geheiratet hat (und danach den Peanuts Kopper von der Deutschen Bank). Rut Brandt hatte Stil, Brigitte Seebacher aus Twistringen definitiv nicht. Willys Sohn Matthias hat mal gesagt: Seebacher ist das Grauen, ich kann das verstehen.

Dem Haus Hafenstraße 23 hat man bei dem Abriss der Hafengegend keine besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen. Heute erinnern vier ▹Stolpersteine vor einem seelenlosen Neubau daran, dass dies eines der Judenhäuser Bremens war. Und dass die Familien von Jacob Wolff und Simon de Jonge hier wohnten, bis sie in KZs gebracht wurden. Der Pastor Ingbert Lindemann, mit dem ich in der Evangelischen Jugend war, hat an dem Buch Stolpersteine in Bremen mitgearbeitet und über die Juden in Aumund das Buch Die H. ist Jüdin! Aus dem Leben von Aumunder Juden nach 1933 geschrieben (das steht schon in dem Post ▹Langeoog, und in dem Post über den Vegesacker Kriegsverbrecher ▹Walter Többens findet sich ein Photo von dem Anschlag auf die Aumunder Synagoge). Bis auf die Seite der Landeszentrale für Politische Bildung sind viele Seiten wie die der Internationale Friedensschule Bremen, private Initiativen. Die häufig auch viel informativer (wie ▹hier zu dem Kaufmann Jacob Wolff) sein können, als die offiziellen Seiten der Stadt.

Wir sind hier noch auf der Höhe der KITO, blicken aber jetzt einmal auf die Weser. In dem weißen Haus ganz hinten saß ein Milchmann, der ein ▹Goliath Dreiradauto hatte. Bei dem kauften wir nie, weil er in der Nachkriegszeit Wasser in die Milch panschte. Meine Mutter hatte ihn angezeigt, er musste damals für drei Monate ins Gefängnis. Und guckte mich später immer hasserfüllt an, wenn er mich sah. Wir kauften eigentlich nur bei dem Milchmann  Martin Bogaczinski aus der Breiten Straße, der mit dem Pferdewagen kam, der wäre nie auf solche Ideen gekommen. Das Haus auf der linken Seite, das weit in die Straße hineinsteht, ist die Segelmacherei Hinrich Meyerdierks. Gegenüber war ein Laden für Marineuniformen der Handelsmarine, wo es aber auch gute ▹Chinos und furchtbare Jeans gab. Also die Nietenhosen von Herrn ▹Sefranek, da war es schon gut, wenn man jemanden kannte, der einen Zugang zu einem ▹PX Laden hatte.

Bei ▹Meyerdiercks bekam man alles, was man brauchte, Schäkel und Marlspieker und so etwas. Hier hätte ich einen neuen Marlspieker kaufen können, als mir der von Hugo Gottsmann über Bord gefallen war. Aber das geht natürlich nicht: eine Legende der Segelschiffahrt wie Hugo Gottsmann musste ihren alten Marlspieker wiederhaben. Ich habe eine halbe Stunde getaucht, bis ich ihn fand. Der Laden von Meyerdierks sah innen aus, als ob sich seit dem 19. Jahrhundert hier nichts verändert hätte. Als Segelmacherei hatte Meyerdierks in den sechziger Jahren keinen so großen Ruf mehr, da war die Segelmacherei von Friedrich Beilken (ursprünglich auch in der Hafenstraße, aber dann nach Lemwerder verlegt) berühmter. 1919 hatte sich Beilken nach einem Lotteriegewinn seiner Frau selbständig gemacht. Damals nähte er noch braune lohgegerbte Segel für die Torfkähne des ▹Teufelsmoors, seine Nachfahren werden High Tech Segel für Admiral's Cupper herstellen.

Die Beilkens kommen schon in den Posts ▹Segelschiffe und ▹Saudade vor. Die Firma Beilken Sails gibt es immer noch, aber sie gehört nicht mehr den Beilkens. Und die Flasche Whisky, die Antje Beilken mir vor Jahrzehnten versprochen hat, die habe ich auch nie bekommen. Einer der Beilkens war kein Segelmacher, der war Lehrer und Heimatforscher. Zusammen mit Hanna Borcherding hat sich Heinrich Beilken sehr für den Stadtgarten eingesetzt, der einmal der Garten von ▹Albrecht Roth war. Und diesem Beilken verdanken wir auch die riesigen Walkiefer, die seit 1963 am Utkiek stehen. Sie waren schon sehr morsch geworden und wurden 1987 durch eine Bronzenachbildung ersetzt, dafür hat mein Freund ▹Peter vom Landesamt für Denkmalschutz gesorgt.

Ich hätte gerne ein Photo von der Sonnen Apotheke aus dem Jahre 1830 mit der goldenen Sonne über der Eingangstür und der riesigen Platane im Garten gehabt, aber es gibt keins im Internet [jetzt habe ich doch ein Photo, weil mir Ingbert Lindemann freundlicherweise eins geschickt hat]. Es gibt die Apotheke auch nicht mehr, alles perdu. Die Gattin des Apothekers Ferdinand Stümcke war eine Tochter von Johann Friedrich Schröder, der mit seinem Kompagnon Hermann Danziger eine Branntweinbrennerei und Geneverfabrik betrieb.

Mit dem Fusel konnte man offensichtlich sehr reich werden, ▹Villen wie die ▹Lürssen Villa in der Weserstraße und die Leffers Villa in der Jaburgstraße (heute der ▹Kindergarten der Kirche) zeugen davon. Wenn die Apotheke schon nicht mehr da ist, die Heissmangel daneben gibt es immer noch, das ist richtig rührend. Ist aber wohl allein deshalb nicht abgerissen, weil das Haus an dem 1831 gebauten denkmalgeschützten Kontor- und Lagerhaus der Firma Lange dranklebt.

Wir beenden an dieser Stelle (Hafenstraße 22), wo ein Haus in die Fahrbahn hineinragt (da kommt ein Fahrschüler mit dem MAN 5-Tonner schon ins Schwitzen), einmal unseren Spaziergang durch die Hafenstraße. Sonst müsste ich noch die Firma Thiele erwähnen, deren Besitzer Bernd Hockemeyer das Landhaus von Arnold Duckwitz hat abreißen lassen (lesen Sie ▹hier mehr), und dann würden die Beleidigungen gar nicht mehr abreißen.

Das Haus, das in die Straße hineinragt (hier ein besseres Photo), ist Brockmanns Hotel, das um 1900 einen guten Ruf hat. Es wird neben Strandlust und ▹Bellevue in vielen Reiseführern erwähnt: Außerdem sind zu empfehlen Havenhaus am Hafen und Brockmanns Hotel beim Bh. (beide mit Ausschank von Pilsener Bier). Etwas Nettes im hinteren Teil der Hafenstraße sollte ich unbedingt noch erwähnen: es gibt das Feinkostgeschäft Scharringhausen immer noch. Und noch viel feinkostiger. Die hatten ja mal als Schiffsausrüster angefangen und sich dann auf geräucherte Heringe verlegt, jetzt haben sie auch noch ein Bistro und einen Internetversand.

Brockmanns Hotel wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Kino, das Roxy hieß. Sah nicht so großartig aus wie dieses Roxy hier, hieß aber auch so. Kinos heißen aus ungeklärten Gründen immer Roxy oder Scala. So wie Hotels früher ▹Bristol hießen. Eine Scala hatten wir auch, oben in der Breiten Straße. Die Scala gehörte einem gewissen Herbert Bereit; das Roxy auch, aber er versuchte zu vermeiden, dass das bekannt wurde. Die Scala hatte über tausend Plätze, das Roxy, das ein wenig versuchte, ein ▹Filmkunsttheater zu sein, hatte weniger Plätze. Neben der Scala in der Breiten Straße war auch noch eine Kneipe, wo scheinbar nur Schüler des nahegelegenen Gerhard Rohlfs Gymnasiums verkehrten. Da ist mir mal mein geliebter ▹Tweedmantel geklaut worden, danach bin ich da nie wieder drin gewesen.

Die Erwähnung des Gymnasiums, auf dem weder der Kinobesitzer Herbert Bereit noch sein Sohn, mit dem ich zur Volksschule ging, waren, ist an dieser Stelle wichtig. Denn die kleine Geschichte, die ich erzählen wollte, hat mit zwei Schulfreunden zu tun. Sie sind keine wirklichen Freunde, sie kommen nur aus dem selben Ort und waren auf der selben Schule. Und sitzen jetzt im Flieger nach Berlin nebeneinander. Beide sind Politiker, CDU und SPD. Der eine ist Staatssekretär in irgendeinem Ministerium, der andere weit oben im Establishment seiner Partei (sie sollen beide ohne Namen bleiben, sonst lacht über den einen heute ganz Deutschland). Und so etwas wie dies hier brauche ich auch noch. So eine Bar, wo alles ganz verworfen ist. Dies ist allerdings ein Photo von dem schwedischen Photographen Anders Petersen, das nicht in der Bar neben dem Roxy gemacht wurde.

Mehrere Lokale in der Hafenstraße, die sich jetzt gut amerikanisch Bar nennen, haben einen üblen Leumund. Da konnte man Typen sehen, die genau so aussahen, wie man sich die Unterwelt vorstellt. Sie haben einen großen amerikanischen Schlitten (wieder so ein Wort, was jetzt aufkommt), beinahe immer second hand von einem G.I. gekauft. Am liebsten einen Cadillac in weiß, pink oder neongrün. Sie tragen auffällige Jacketts (die man nicht bei ▹Kass kaufen kann), Schlipse mit Bikinischönheiten drauf und haben gegeltes langes Haar. Der Look hält sich mit Variationen noch lange in diesen Kreisen.

Doch diese kleine Vegesacker Rotlichtszene ist in der Geschichte des Ortes nichts Neues, die überproportional zahlreichen Kneipen der kleinen Hafenstadt leben seit Jahrhunderten davon, dass Seeleute hier ausgenommen werden. Das nicht ganz ernst gemeinte Stadtwappen Vegesacks zeigt einen Matrosen, der mit Händen und Taschenfutter beweist, dass er nichts mehr in den Taschen hat. Jetzt sind die amerikanischen Besatzer hier. Und die professionellen Frolleins, die Nazi Gretchens. Der Drang der Natur und die Fraternisation sind ein Problem für Besatzungsmacht und Behörden. Meine Eltern sehen das nicht so gerne, dass unser Hausmädchen einen G.I. als Freund hat. Aber wenn der gerade pensionierte amerikanische Stadtkommandant, der Admiral Charles R. Jeffs, seine Bremer Freundin heiratet und nach Bremen zieht, dann ist das natürlich O.K. Dieses O.K. war eins der ersten englischen Worte, das ich von einem Besatzungssoldaten lernte. Das nächste war shut up. Ich wusste nicht, was das heißt und probierte es zu Hause aus. Hätte ich beinahe was dafür hinter die Löffel gekriegt.

In Bremen soll es jetzt auch fünfundzwanzig weibliche Polizisten geben. Die sind nicht von hier, die sind alle aus dem Rheinland und haben sich auf eine dort erschienene Anzeige gemeldet. Die Bremer Polizei ergreift Ordnungsmaßnahmen gegenüber der Vielzahl der Prostituierten. Für diese Frolleins rücken die Amerikaner sogar das rationierte Penicillin für die Bekämpfung der V.D. heraus. V.D. heißt natürlich veneral disease und nicht Veronika, Dankeschön, was der Volksmund daraus macht (jetzt verstehen Sie auch das VD walks this street tonight aus dem dritten Absatz).

Polizistinnen gibt es bei uns nicht, nur Polizisten mit Tschakos. Nutten soll es bei uns im Ort auch einige geben, die sollen sogar Nylonstrümpfe tragen, ein unvorstellbarer Luxus. Die ersten Maschinen, mit denen man Nylonstrümpfe herstellen kann, sind 1949 im Bremer Hafen angekommen. Aber das bedeutet nicht, dass diese Strümpfe jetzt massenhaft verbreitet wären. Nur auf dem Schwarzen Markt kann man damals viel kaufen, an dem Satz Chesterfield machen meine Schwester wild, ist schon etwas dran.

In diese Bar neben dem Roxy geht nun unser Staatssekretär, so erzählt er das seinem Schulfreund im Flieger nach Berlin, weil er an dem schönen Sommertag eine Cola trinken wollte. Er könnte in der Alten Hafenstraße auf einhundertfünfzig Meter in ein Dutzend Lokale gehen, aber er geht zielsicher in diese Bar. Warum? Als er nun mit seiner angeblichen Cola im Schummerlicht der Bar sitzt, kommt ein Journalist herein. Den kennt unser Staatssekretär. Und plötzlich wird ihm klar (Anagnorisis und Peripetie), dass es seiner Karierre abträglich sein könnte, wenn der Journalist ihn hier sehen würde. Er verschwindet nach hinten in die Dunkelheit. In die Herrentoilette. Klettert auf den Klodeckel und stemmt das Fenster darüber auf. Und zerreißt sich beim Herausklettern die Hose seines Anzugs. Das erzählt ein CDU Politiker einem SPD Politiker. Warum nur? Ein Engländer würde an dieser Stelle sagen: How daft can you get?

Sonntag, 12. März 2017

noch nicht fertig


Ich wollte eigentlich heute einen langen Post ins Netz stellen, der den Titel Berliner Mode hat. Aber der ist, wie der Titel hier sagt, noch nicht fertig. Ich schiebe es auf die Grippe. Wenn man nur noch niest, Fieber und Gliederschmerzen hat, wenn man morgens am liebsten gar nicht aufstehen möchte, dann hat man keine große Lust zum Bloggen. Zumal sich eine kurze Geschichte von 180 Jahren Berliner Konfektion ja auch nicht so von selbst schreibt. Ich war schon beinahe fertig, als der grippige Infekt kam - und als Beweis dafür, dass es diesen Post schon gibt, stelle ich heute mal die ersten beiden Absätze ins Netz. Im letzten Absatz gibt es übrigens etwas Sensationelles: zwei Links zu den wichtigsten Artikeln über das Elend des schlecht gekleideten deutschen Mannes. Einmal aus der Feder von Jens Jessen (2004) und ein anderes Mal von Bernhard Roetzel (2017). Und für die Damen möchte ich sagen, dass in dem Post, wenn er denn fertig ist, auch ganz viel ➱Damenmode vorkommen wird. Wie hier auf dem Photo von ➱F.C. Gundlach. Das Brandenburger Tor ist noch nicht von den Kriegsschäden repariert, aber eine Berliner Mode gibt es schon wieder.


Ich weiß nicht mehr, bei welchem jüngeren deutschen Autor ich das gelesen habe, ich kriege das Zitat auch nicht mehr richtig zusammen. Aber die beiläufig mit einem gewissen Hass dahingestreuten Sätze gingen dahin, dass den Berliner Männern jegliche Eleganz fehle und die Berliner Schneider überhaupt nichts von ihrem Handwerk verstünden. Das klingt im Jahre 1852 ganz anders, wo man in einem Magazin lesen kann: Auch die Anzüge sind in Berlin bis auf die Besucher der öffentlichen Locale zweiter und dritter Klasse herab, weit geschmackvoller. Der Berliner kleidet sich stets mit einer gewissen Zierlichkeit. Aber wahrscheinlich stimmt die Sache mit der mangelnden Eleganz, wir brauchen ja nur in unserer eigenen Stadt einmal durch die Straßen zu gehen und die Herren der Schöpfung anschauen. Warum soll es in Berlin anders sein?

An dem Satz von ➱Lagerfeld mit der ➱Jogginghose ist sicher etwas dran. Der Engländer Nik Cohn wusste schon, weshalb er seine Geschichte der englischen Herrenmode mit ➱Today there are no gentlemen betitelte. Bernhard Roetzel hat sich am 1. Januar dieses Jahres in der ➱Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den Niedergang der Kleidungskultur geäußert, so etwas Ähnliches hat Jens Jessen schon im Jahre 2004 in der ➱Zeit gesagt. So elegant wie die Berliner Modeschöpfer Gerd Staebe und Hans Seger, die F.C Gundlach 1957 in einer Villa in Dahlem photographierte, ist der Durchschnittsberliner sicherlich nicht. Damals nicht, heute erst recht nicht ..... (to be continued)

Donnerstag, 9. März 2017

Radio Feature


Man mußte in dieser Woche damit rechnen, in nordwestdeutschen (und nicht nur in nordwestdeutschen) Straßenbahnen und bei sonstigen Menschenanhäufungen Ohrenzeuge von Gesprächen zu werden, in denen von einer Rundfunksendung "Was wäre, wenn ...?" die Rede war. Es war festzustellen, daß kaum je eine Sendung solche Beachtung gefunden hat wie diese. Frauen, die vom Holzsammeln kamen, sprachen genau so darüber wie Männer am Auszahlschalter der Banken. Es handelte sich um die Sendung, die der Nordwestdeutsche Rundfunk am Vorabend des Beginns der Moskauer Konferenz startete, zuerst am Sonntag, dann noch einmal am Mittwoch. Axel Eggebrecht gab einen Rückblick auf die Zukunft der Welt. Aus der Perspektive des Jahres 2047 stellt er die Frage "Was wäre, wenn ...?" Was wäre, wenn die Welt aus dem Zustand der Furcht vor der endgültigen Selbstzerfleischung erlöst würde? Was wäre, wenn an Stelle von Konferenzen in den ausgefahrenen Geleisen der traditionellen Diplomatie die Vernunft siegte?

Wir sind noch nicht im Jahre 2047, aber es sind schon siebzig Jahre vergangen, seit dieser Artikel im ➱Spiegel erschien. Und die Frage Was wäre, wenn an Stelle von Konferenzen in den ausgefahrenen Geleisen der traditionellen Diplomatie die Vernunft siegte? ist bisher noch nicht beantwortet. Heute vor siebzig Jahren sendete Axel Eggebrecht das Radio Feature Was wäre, wenn ... Ein Rückblick auf die Zukunft der Welt, es war das erste deutschsprachige Feature. Eggebrecht hat für diese neue Form am 8. November 1945 einen Aushang an das Schwarze Brett des Nordwestdeutsche Rundfunks in Hamburg gepappt, den ich einmal hier wiedergebe:

Talks and Feature[s] Dpt. Hamburg, den 8. November 1945

Über Hörfolgen (Features)

1. Voraussetzungen für das Schreiben einer Hörfolge: Der Verfasser muß sein Thema kennen und lieben, ehe er beschloß oder beauftragt wurde, es zu schreiben. Kaum eine andere Funkarbeit braucht so viel Vertrautheit mit dem Gegenstand, so viel Lust zur Sache, wie diese.

2. In jeder Hörfolge muß der Druck einer lebendigen Gesinnung spürbar sein. Das heißt nicht, daß wir lauter politische Features machen wollen (vor denen wir bei richtiger Gelegenheit keine Angst haben). Aber wir wollen nicht vergessen, welche große und beglückende Aufgabe hier gestellt ist: Wir können mithelfen bei der Umformung und Neuerziehung der Menschen, vor allem der jungen Menschen, für die alles das eine Ergänzung der durchlöcherten Schulbildung bedeutet.

3. Daraus ergibt sich eine andere Verpflichtung, die sich eigentlich von selbst versteht, heute aber bewußt gemacht werden muß: Diese halbstündigen Sendungen sollen Muster guter deutscher Sprache sein. Kämpfen wir gegen die Sprachverlotterung.

4. Die Form einer Hörfolge wird umso besser gelungen sein, je deutlicher sie sich von Nachahmung eines Hörspiels unterscheidet. Eine Hörfolge ist kein Kleindrama. Sondern dramaturgisch erzählte Epik.

5. Also äußerste Beschränkung der Dialoge! Wenn sie ein Sechstel des Ganzen einnehmen, ist es besser, als wenn sie [ein] Drittel füllen. Sonderfälle müssen zwingend aus dem Thema begründet sein.

6. Dennoch gibt es reichliche Möglichkeiten, um bei jedem Stoff Spannung und Auflockerung zu erreichen. Ein paar Anregungen:

a) Ein gedrängter, ja gehetzter Sprachstil kann selbst ein gewichtiges Thema überraschend beleben.

b) Das Präsens (in der reinen Epik von zweifelhaftem Wert) ist häufig die gegebene Zeitform für die Grammatik des Feature-Schreibers.

c) Möglichst keine erfundenen Gespräche berühmter Leute! Ganz lassen sie sich nicht vermeiden, sicher. Aber wie können wir unsere kleinen Worte Goethe, Dostojewskij oder Cromwell unterschieben? Viel eher dürfen wir z.B. die vermutlichen Gedanken einer geschichtlichen Gestalt aufschreiben. In einer besonderen, abgerissenen, gleichsam notierenden Form, aus der klar die Erfindung erkennbar ist. Idealforderung: Dialoge und Äußerung eines Großen nur aus dessen Werken, Briefen und überlieferten Gesprächen nehmen!

d) Kommentar und Polemik nicht in den Mund der "Helden" legen. Sondern Äußerungen unbedeutender Zeitgenossen bringen: Marktfrau, Portier, Pamphlet, erfundene Briefe, Zeitungsartikel, Gespräche mit Dritten. Ein ganzes Arsenal!

e) Ein wichtiger Punkt: Hörfolgen sollten von vornherein in zwei oder drei ganz verschiedenen Stilen geschrieben werden. Tatsachenbericht und Lebensdaten - Seelenzustand - Landschaft und Umwelt: jedesmal ein anderer Stil. Also nicht darauf verlassen, daß nachher verschiedene Sprecher den gleichförmig hinfließenden Text schon beleben werden!

7. Künstler (ob sie nun Dichter, Musiker, Bildhauer oder Maler sind) werden erst durch ihr besonderes Leben geeignete Hörfolgen-Gestalten. Ihre Werke sollen dies Leben illustrieren.

8. Um ein einzelnes Kunstwerk ließe sich ein Feature nur schreiben, wenn Entstehung oder späteres Schicksal des Kunstwerks interessant sind, nicht aber nur, weil es ein großes Kunstwerk ist. Ähnliches gilt für große Ideen. In einer Hörfolge werden sie durch ihre Wirkung klargemacht und nicht durch Beschreibung und Erörterung ihrer Tiefe oder Neuartigkeit.

9. Hörfolgen sollen niemals versuchen, vollständige Biographien zu ersetzen, sie geben einen oder einige wesentliche Ausschnitte. Diese müssen freilich so gewählt sein, daß sie ausstrahlend schon ein Licht auf das Ganze werfen, das wir in einer halben Stunde ausleuchten können; daß sie den Hörer begierig auf mehr machen ...

10. Ein gute Hörfolge braucht im allgemeinen nicht mehr als 10 bis 12 Unterteilungen in der halben Stunde zu haben.

Axel Eggebrecht


Radio Features, die eine Mixtur von Hörspiel, Dokumentation und Reportage sind, haben die Engländer in den dreißiger Jahren erfunden. Und die haben 1945 im Hamburg beim Nordwestdeutschen Rundfunk das Sagen (die Karte zeigt in Grün das Sendegebiet des NWDR). Man kann das noch oben auf dem Paper mit den zehn Geboten für das Feature (von denen auch vieles ein Gebot für Blogger sein sollte) von Axel Eggebrecht sehen: Talks and Feature[s] Dpt. Hamburg steht da. Es ist ein Glück für den Sender, das Hugh Greene (der Bruder von ➱Graham Greene) dort der Chef wird. Er wollte, dass der Rundfunk völlig unabhängig sein sollte und Politiker kein Mitspracherecht haben sollten. Als er Hamburg verlässt, um Chef der BBC zu werden, wird er wieder einmal eine Rede gegen den staatlichen Einfluss halten: In meiner Rede im großen Konzertsaal, wo ich mich vor mehr als zwei Jahren zum ersten Mal an die NWDR-Mitarbeiter gewandt hatte, unterstrich ich - dies übrigens weder zum ersten noch zum letzten Mal - dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk staatlichen und parteipolitischen Zwängen so weit wie möglich entzogen sein muss... Als ich vom Podium herunterkam, knurrte mir Herr Brauer, der Bürgermeister von Hamburg, leise, aber unüberhörbar feindselig ins Ohr: »Sie werden Ihr Ziel nicht erreichen, Mr. Greene. Sie werden es nicht erreichen.«

Das Radio Feature gibt es bei der ➱ARD heute immer noch: "das ARD radiofeature" ist Qualitätsjournalismus und Radiokunst zugleich. Es ist Kraftfeld des öffentlich-rechtlichen Radios, Dokumentationszentrum mit akustischem Mehrwert und bietet Information und Hörerlebnis aus einem Guss. Hören, was dahinter steckt! Jedes Feature gibt es nach der ersten Ausstrahlung ein Jahr lang zum Download, Nachhören und als Podcast. Die Sprache ist in dieser Selbstbeschreibung der Radiokunst allerdings eine andere geworden. Axel Eggebrecht konnte sich klarer ausdrücken. Ich bin mit dem Radio und mit Axel Eggebrecht aufgewachsen, und ich bin dankbar dafür.

Ich möchte da noch eine kleine Gehässigkeit anfügen, die schon in dem Post ➱Axel Eggebrecht steht: ... er war eine Institution, die nicht wegzudenken war. Eine Woche, ohne Axel Eggebrecht mit seiner unnachahmlichen Stimme gehört zu haben, war keine Woche. Irgendwie verkörperte er den letzten Rest des Geistes der deutschen Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Er brachte Bildung und Vernunft in seine Sendungen. Das alles ist verloren gegangen. Der NDR ist vor wenigen Tagen in einer Medienanalyse als bester Sender im Norden herausgestellt worden, wie der Intendant Lutz Marmor stolz vor der Presse bekannt gab. Lutz Marmor verdient 286.000 Euro im Jahr, und das Niveau seines Senders ist flach wie das Land. Ich weiß nicht, ob Axel Eggebrecht für seine Radioarbeit in seinem ganzen Leben soviel Geld bekommen hat, wie Lutz Marmor in einem Jahr kriegt.

Montag, 6. März 2017

Rechtsprechung


Heute vor einhundertundsechzig Jahren hat der achtzigjährige Chief Justice Roger B. Taney ein Urteil verkündet, wonach die Mehrheit des Supreme Court der Auffassung sei, dass Sklaven kein Recht auf Freiheit hätten, dass sie fernerhin ein Eigentum seien und keine freien Bürger. Weshalb sie auch nicht vor Bundesgerichten antragsberechtigt seien. Ihre Eigentümer dürften mit ihrem Eigentum den Wohnsitz wechseln, ohne von der Bundesregierung enteignet zu werden. Der letzte Punkt des Urteils bedeutete in der Praxis eine Aufhebung des Missouri-Kompromisses. Denn dieser Dred Scott (Bild), der da geklagt hatte, hatte mit seinem Besitzer in verschiedenen Bundesstaaten, unter anderem im freien Norden, gelebt. Sieben Jahre zuvor hatte ein Gericht nach der Missouri-Doktrin Einmal frei, immer frei geurteilt. Das Urteil wurde allerdings schnell kassiert: Die Zeiten sind jetzt nicht so, wie sie waren, als die früheren Entscheidungen zu diesem Thema getroffen wurden.

Ein halbes Dutzend Eingaben und Prozesse, zehn Jahre wartet das Ehepaar Scott auf das Recht. Und dann verliest Roger B. Taney (Bild) das Urteil: In the opinion of the court the legislation and histories of the times, and the language used in the Declaration of Independence, show, that neither the class of persons who had been imported as slaves, nor their descendants, whether they had become free or not, were then acknowledged as a part of the people, nor intended to be included in the general words used in that memorable instrument. It is difficult at this day to realize the state of public opinion in relation to that unfortunate race which prevailed in the civilized and enlightened portions of the world at the time of the Declaration of Independence and when the Constitution of the United States was framed and adopted. But the public history of every European nation displays it in a manner too plain to be mistaken. They had for more than a century before regarded as beings of an inferior order, and altogether unfit to associate with the white race, either in social or political relations; and so far inferior, that they had no rights which the white man was bound to respect; and that the negro might justly and lawfully be reduced to slavery for his benefit. He was bought and sold, and treated as an ordinary article of merchandise and traffic, whenever a profit could be made by it.

Als junger Jurist hatte Taney in einem Prozess über das, was der Süden euphemistisch die peculiar institution nennt, gesagt: A hard necessity, indeed, compels us to endure the evil of slavery for a time ... It cannot be easily or suddenly removed. Yet, while it continues, it is a blot on our national character; and every real lover of freedom confidently hopes that it will be effectually, though it must be gradually, wiped away. Ein Jahr später wird Taney seine Sklaven freisetzen, wird ihnen sogar eine Art Rente aussetzen. Aber Jahrzehnte später wird er dieses Urteil der Schande verkünden und argumentieren, dass das Recht auf Sklavenhaltung in der ➱Verfassung stehe. Schizophrenie? Die New York Tribune schrieb damals: It is most true that this decision is bad law; that it is based on false historical premises and wrong interpretations of the Constitution; that it does not at all represent the legal or judicial opinion of the Nation; that it is merely a Southern sophism clothed with the dignity of our highest Court.

Warum ist ein New Yorker Journalist so viel klüger als der höchste Richter (hier ein Portrait von ➱Emanuel Leutze)? Weil er kein Jurist ist, wäre eine Antwort, der normale Menschenverstand ist keine Qualifikation für das höchste Gericht. Nicht jeder Richter im Supreme Court hat das Format von ➱Oliver Wendell Holmes. Oder müssen wir sagen, dass der Journalist der Tribune nicht wie Taney aus einer prominenten Sklavenhalterfamilie Marylands kommt? Taney ist nicht der einzige, der seltsame Urteile produziert. Im Jahre 1884 wird das Oberste Gericht befinden, dass der 14. Zusatzartikel der Verfassung nicht für Indianer gilt, weil sie nicht in den USA geboren sind, sondern auf einem Gebiet ihres Stammes. Also sind sie keine Amerikaner. Juristen können auf seltsame Dinge verfallen.

Was kommt nach dem Urteil? Der Missouri Kompromiss ist Altpapier, Abraham Lincoln wird seine berühmte Rede A House Divided Against Itself Cannot Stand halten. John Brown will die Sklaven befreien, Melville wird ihn in The Portent 1859 ➱The meteor of the war nennen. Und der Krieg wird kommen, vier Jahre nachdem Chief Justice Roger B. Taney von beings of an inferior order, and altogether unfit to associate with the white race, either in social or political relations sprach. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte. Truth is the daughter of time. Nach dem Bürgerkrieg wird der 13. Zusatzartikel der Verfassung die Sklaverei beenden. Doch es wird nach dem Dred Scott Urteil beinahe hundert Jahre dauern, bis ➱Earl Warren mit dem Urteil in dem Fall Brown v. Board of Education neue Rechtsgeschichte schreibt. Erst dann kann die kleine ➱Ruby Bridges zu einer weißen Schule gehen.

Ein New Yorker Richter namens John H. McCunn wird nach dem Tod von Roger B. Taney sagen, that, perhaps since the establishment of this Republic, no greater loss had befallen the country than the death of Chief Justice Taney. He has been not only a very useful member of society, but an enlightened and brilliant ornament of the judiciary, occupying for many years the highest position in this or any other land; and it was with feelings of the deepest regret that I learned this morning of his death. I had hoped that the Almighty would have spared him until peace was restored to our distracted country. An Allwise Providence has willed it otherwise, and I most sadly concur in ordering this resolution of adjournment on the minutes of the court.

Das klingt wunderbar, ganz anders als das, was der Senator Charles Sumner an Abraham Lincoln in einem Brief schreibt: Providence has given us a victory in the death of Chief Justice Taney. It is a victory for Liberty and the Constitution. Wir müssen allerdings bei beiden Aussagen auf die Sprecher schauen. Charles Sumner ist ein bedeutender Mann in der amerikanischen Geschichte. John H. McCunn ist ein kriminelles Mitglied des berüchtigen Tweed Rings, der wenig später seinen Posten als Richter verliert. Abraham Lincoln betrauerte den Tod seiner Nemesis Roger B. Taney kaum, ist aber höflichkeitshalber zur Trauerfeier gegangen.

Freitag, 3. März 2017

Jennifer Warnes


Die amerikanische Sängerin ➱Jennifer Warnes hat heute einen runden Geburtstag, da will ich mal eben schnell gratulieren. Ich schreibe eigentlich an etwas anderem, das sehr, sehr lang wird, deshalb wird das heute kurz. Zumal ich Jennifer Warnes schon in dem Post ➱Leonard Cohen erwähnt habe. Heute ist auch der Geburtstag der amerikanischen Nationalhymne. Die Hymne ist zwar schon ein wenig älter als 86 Jahre, aber erst am 3. März 1931 hat der Kongress das Lied von Francis Scott Key (einem Vorfahren von ➱F. Scott Fitzgerald) zur Nationalhymne gemacht. The Star Spangled Banner war auch der Beginn der Karriere von Jennifer Warnes. Damals war die neun Jahre alt und hat die Nationalhymne (begleitet von - sage und schreibe - 350 Akkordeons) in Los Angeles gesungen. Davon hat YouTube natürlich leider keine Aufnahme.

Aber sie haben bei YouTube eine Aufnahme von Donald Trump, wie er in Anaheim die Hymne singt. Oder so tut als ob. Angeblich war ihm bei der Veranstaltung das Singen der Hymne untersagt worden, was wahrscheinlich wieder eine dieser Trump Lügen ist. Und dann holte er eine Blondine zum Singen auf die Bühne. Die Frau heißt (angeblich) Sherry Wilkins, und sie sieht ein bisschen aus wie ein Klon von Kellyanne Conway. Wie kriegen die in Amerika nur immer diese weißen Zähne hin? Während Sherry Wilkins mit Inbrunst und weißen Zähnen a cappela sang (man muss das gehört haben, klicken Sie ➱hier), tat der Donald, als ob er auch singen würde. Aber, mein lieber Donald: wenn man bei der Nationalhymne die Hand aufs Herz legt, dann knöpft man sich vorher das Jackett zu. Doch das lernt dieser Prolet nie.

Und da ich gerade bei Proleten bin, werfen Sie doch mal einen Blick auf unsere blonde Kellyanne. Ist es nicht allerliebst, wie sie da auf dem Sofa sitzt? Wahrscheinlich heißt das jetzt alternative way of sitting. Oder sie trägt ein Kleid aus der ➱Vivanka Collection, das nur in dieser Pose richtig zur Geltung kommt. Die nette blonde Sängerin Sherry Wilkins würde bestimmt nie so auf dem Sofa sitzen. Und sie sieht auch viel, viel besser aus als Kellyanne. Sie kann nur leider nicht singen. Aber der Donald hat ihr gesagt, dass sie a great voice habe. So ist er zu Frauen. I’m telling you women do like me, I’m telling you. Doch irgendwie war der Auftritt von Sherry Wilkins rührend, und von der Nationalhymne blieb bei ihr mehr übrig als bei ➱Jimi Hendrix. Gut, sie kommt nicht an ➱Whitney Houston oder ➱Jennifer Nettles heran, aber dennoch bleibt ihr Auftritt im Gedächtnis. Der Auftritt von Kellyanne auf dem Sofa natürlich auch, aber das ist eine andere Geschichte. Und dafür müssen wir mal eben in der amerikanischen Geschichte zu den Anfängen zurückgehen.

For wee must consider that wee shall be as a citty upon a hill. The eies of all people are upon us, hat John Wintrop in seiner berühmten ➱Predigt gesagt. Wir sind am Anfang der amerikanischen Geschichte, Neu-England sollte die Stadt oben auf dem Hügel sein, in die jedermann hineinschauen konnte. Ein Vorbild für kommende Siedlungen: that men shall say of succeeding plantations, “the Lord make it like that of New England.”

A city upon a hill, wo jedermann sehen konnte, dass die Bewohner ein gottgefälliges Leben führen. Aus dem gleichen Grund haben die puritanischen ➱Holländer keine Vorhänge vor den Fenstern. John F. Kennedy hatte seinen Winthrop gelesen: I have been guided by the standard John Winthrop set before his shipmates on the flagship Arbella three hundred and thirty-one years ago, as they, too, faced the task of building a new government on a perilous frontier. "We must always consider", he said, "that we shall be as a city upon a hill—the eyes of all people are upon us". Today the eyes of all people are truly upon us—and our governments, in every branch, at every level, national, state and local, must be as a city upon a hill—constructed and inhabited by men aware of their great trust and their great responsibilities. Donald Trump weiß wahrscheinlich nicht, wer John Winthrop war, aber eins sollte er sich hinter die Ohren schreiben: the eyes of all people are upon us. Wir alle sehen euch da oben. Und Kellyanne, nimm endlich die Füße vom Sofa!

Wie komme ich jetzt bloß zu Jennifer Warnes (hier mit ➱Leonard Cohen) zurück? Vielleicht mit etwas Anarchie? Wie zum Beispiel ➱First We Take Manhattan then Berlin von der berühmten CD Famous Blue Raincoat, mit der sich die ehemalige back up Sängerin von Leonard Cohen als kongeniale Interpretin erwies? Ach nein, wir brauchen etwas Ruhe, etwas weniger Hektik. Wir fangen mal mit dem ➱Famous Blue Raincoat und mit ➱Bird on a Wire an und lassen sie dann noch etwas leises Lyrisches singen, das nichts von dem patriotischen ➱Bombast des Star Spangled Banner hat. Hören Sie Jennifer Warnes hier mit ➱The Lights of Louisianne, einem Lied, das ➱HiFi Händler früher auflegten, um zu zeigen, was eine audiophile Anlage leisten kann. Klingt aber auch hier bei YouTube ganz gut. You don't know me I don't know you And the summer's come again My oh my, the sparks are flyin' All over Lousianne Our lives go by like sparks are flyin' All over Lousianne.

Mittwoch, 1. März 2017

Harry Belafonte


Mein Freund Hombre hat mir vor Wochen eine Mail geschickt: Harry Belafonte wird am 1. März 90 Jahre alt. Vielleicht willst Du ihm ja ein paar Zeilen widmen. Und da gab es in der Mail noch einen Link zu dem Artikel ➱Harry Belafonte Knows a Thing or Two About New York. Hombre weiß auch ein oder zwei Dinge über New York. Ich habe nicht vergessen, wie er mich damals anrief, als er Assistant Professor am Queens College war, um mir zu sagen: Jay, I have been mugged. Wenn man ausgeraubt wird, dann ist man ein richtiger New Yorker. Ich bin natürlich jederzeit bereit, über Belafonte zu schreiben. Vor allem, wenn er neunzig wird. Allerdings gab es vor fünf Jahren schon einen ➱Post zu Harry Belafonte. Den könnte ich heute nicht besser schreiben, deshalb stelle ich ihn mit kleinen redaktionellen Änderungen (und vielen Klangbeispielen) heute hier hin.

Harry Belafonte, der im amerikanischen Wahlkampf für Bernie Sanders war, unterstützt eine Initiative die  ➱Stop Hate Dump Trump heißt. Man hat dort eine simple Botschaft: We believe Trump is a grave threat to democracy, freedom, human rights, equality, and the welfare of our country and all our people. We have witnessed Trump inciting hatred against Muslims, immigrants, women, the disabled. We have seen him evidencing dangerous tendencies that threaten the bedrock of democracy: unleashing a lynch mob mentality against protestors, calling for the expulsion of Muslims from the country, bullying, and fear-mongering. History has shown us what happens when people refuse to stand against hate-filled leaders. We pledge ourselves to speak out in every way possible against the politics of hate and exclusion he represents. Belafonte, der sein Leben lang für die Menschenrechte gekämpft hat, der an der Seite von Martin Luther King marschierte, ist auch mit neunzig nicht müde geworden. Sie sollten mal eben in dies ➱Video schauen, es ist sehr eindrucksvoll mit welcher Einfachheit und Würde Belafonte redet. Im Vergleich dazu könnten Sie sich natürlich ein Donald Trump ➱Video angucken. Und da ich bei Videos bin, habe ich hier noch etwas Schönes, ➱Harry Belafonte und Noam Chomsky im Gespräch.

Fünfzig Jahre hat es gedauert, bis diese LP als CD erschienen ist. Seit dem Beginn des CD Zeitalters habe ich danach gesucht, man bekam beinahe alles von Harry Belafonte auf CD, aber nicht ➱Belafonte Sings the Blues. Meine gute alte LP von RCA Victor mit dem Living Stereo Aufdruck hatte mit der Zeit etwas gelitten. Und jetzt kann man sie mit einem Klick kaufen. Das war Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre noch anders, da brauchte man viel Zeit und Geduld, um an Harry Belafonte Platten zu kommen. Was ich bei ➱AFN und BFN im Radio hörte, konnte man nicht einfach im Laden kaufen. Die Suche nach einer Platte, von der man gehört hatte, wurde zu einer Gralssuche, zu einer âventiure durch Dutzende von kleinen und großen Plattenläden. Und wenn man das Objekt seiner Begierde endlich gefunden hatte, dann bedeutete es einem mehr, als heute auf das Feld Jetzt mit 1-ClickⓇ kaufen bei Amazon zu gehen.

Als der Vater meiner damaligen Freundin (rothaarig, sommersprossig) beruflich in die USA flog (was 1960 noch ein großes Ereignis war), habe ich ihn gebeten, mir Belafontes ➱Calypso (die erste LP, die mehr als eine Million mal verkauft wurde) mitzubringen. Hat er auch getan, aber er hat mich mit einem Gesicht angeguckt, das ganz klar sagte, dass ich nicht der richtige Typ für seine Tochter sei. Auf der LP ist der ➱Banana Boat Song drauf, einer der größten Erfolge von Belafonte: That song is a way of life. It's a song about my father, my mother, my uncles, the men and women who toil in the banana fields, the cane fields of Jamaica.

Die LP ➱Belafonte at Carnegie Hall hat mir ➱Ekke aus New York geschickt, und dafür bin ich ihm ewig dankbar. Für die Platten musste ich zum Hauptzollamt nach Bremen und musste vor drei pedantischen deutschen Beamten die LPs aus der Verpackung fingern. Offensichtlich war ich der erste, der Platten aus Amerika bekam. Zollbeamte waren damals gründlich und eklig, sie waren keinesfalls so wie der ➱Zollfahnder Kressin. Ich weiß noch, als ich Jahre später beim Hauptzollamt Kiel die in England bestellte ➱Cricketausrüstung Teil für Teil auspacken musste. Irgendwann sagte einer der Herren in Grün: Glauben Sie mal ja nicht, dass wir so was zum ersten Mal sehen.

Auf der alten LP stehen unter dem Plattentitel Belafonte sings the Blues die Lieder, die Belafonte singt. Drei Titel von Ray Charles, einer (➱God Bless the Child) von ➱Billie Holiday. Auf der neuen CD stehen da die Namen, die für RCA damals (selbst im Kleingedruckten) nicht erwähnenswert waren: Roy Eldridge, Don Fagerquist, Ben Webster, Plas Johnson, Hank Jones, Jimmy Rowles, Howard Roberts, Laurindo Almeida. Für RCA waren das damals nur gemietete Musiker für die Hintergrundmusik, für Jazzfans heute sind das klangvolle Namen. Als Belafonte berühmt war, hat er viele junge Musiker gefördert. Ich werde es natürlich nicht auslassen zu erwähnen, dass auf ➱Midnight Special 1962 ein junger Mann namens ➱Bob Dylan seinen ersten Auftritt hat (wenn Sie den Link anklicken, können Sie ihn hören).

Belafonte hat in Jazzclubs (unter anderem dem Birdland) angefangen, bei seinem ersten öffentlichen Auftritt hatte er keine geringeren als Charlie Parker und ➱Miles Davis an seiner Seite. Vielleicht hätte er, wie Johnny Hartman mit ➱Coltrane an seiner Seite, dabei bleiben sollen. Eine Kombination von Belafonte und ➱Charlie Parker hätte etwas werden können. Variety sprach von still a vocalist of promise, aber eine Konkurrenz für jemanden wie ➱Billy Eckstein war er nie. Wenn Sie wissen wollen, wie der Belafonte der Jazz Clubs klang, dann klicken Sie mal eben ➱Recognition an. Wirklich glücklich ist Belafonte in den New Yorker Clubs nicht gewesen.

Aber damals begann Folk Music eine neue Sache zu sein, und Belafonte importierte jetzt die Musik Jamaicas nach New York. Immerhin hatte er da einen Teil seiner Jugend verbracht. Belafonte ist nicht der einzige, der das tat. Wenn man sich die CD London Is The Place For Me: Trinidadian Calypso In London, 1950-1956 von Lord Kitchener anhört (die auch ein hervorragendes Booklet besitzt. Sie können die ganze CD übrigens ➱hier hören), merkt man, dass auch London jetzt im Bann dieser Musik ist. Auf jeden Fall seit 1948 die MV Empire Windrush die ersten Einwanderer aus der Karibik nach London gebracht hatte. Weil der British Nationality Act von 1948 das jetzt erlaubte - lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Notting Hill.

Belafonte ist seinen ganz eigenen Weg gegangen, der schon früh das einschloß, was man später Weltmusik genannt hat. Er ist im Lauf der Zeit kommerzieller geworden und hat auch schlimmen Kitsch gesungen. Wenn er süßlich ➱Scarlet Ribbons singt, sträuben sich bei mir immer die Nackenhaare. Aber er hat das Lied schon ganz früh gesungen, wie man auf der Naxos CD Matilda, Matilda: Original Recording 1949-1954 hören kann (der Link oben führt zu der Aufnahme von 1952).

Belafonte ist auch als kritischer Bürger der USA seinen eigenen Weg gegangen. Das letzte Kriegsjahr war er noch als Freiwilliger in der US Navy, die fünfziger Jahre finden ihn an der Seite von Martin Luther King. Für das ➱Civil Rights Movement ist er sein Leben lang (auch finanziell) eingetreten, da ist Paul Robeson sein lebenslanges Vorbild gewesen. Er ist auch keinem politischen Streit aus dem Weg gegangen. Zum Beispiel als er den Verteidigungsminister Colin Powell attackierte: There is an old saying, in the days of slavery. There were those slaves who lived on the plantation, and there were those slaves who lived in the house. You got the privilege of living in the house if you served the master, do exactly the way the master intended to have you serve him. That gave you privilege. Colin Powell is committed to come into the house of the master, as long as he would serve the master, according to the master's purpose. And when Colin Powell dares to suggest something other than what the master wants to hear, he will be turned back out to pasture. And you don't hear much from those who live in the pasture.

Er stand auf den schwarzen Listen während der McCarthy Zeit, er wurde in Hotels nicht bedient, weil er farbig war. Aber er ist gradlinig, wie sein Vorbild Paul Robeson, seinen Weg gegangen. Wenn man die Interviews liest, die Günter Amendt Anfang der achtziger Jahre mit ihm geführt hat (Was mich bewegt: Gespräche mit Günter Amendt. Konkret Literatur Verlag 1982), kann man sehen, dass dieser Mann mehr ist als ein Entertainer. 1997 hat Belafonte in einer Rede vor den Veteranen der Abraham Lincoln Brigade (hier im ➱Volltext) über Paul Robeson gesagt:

Shortly before he died, I visited him in Philadelphia. He was living at his sister's. And I looked at this giant of a man who was, quite frail in body, but still strong in spirit. And through all that had engulfed him -- McCarthyism, the difficult times that he faced in this country because of his beliefs, because of his resistance to oppression -- I looked at him, and I said, 'Paul, I must know. Was all that you have gone through, really worth it? Considering the platform you had gained, and how easy life could have been for you, was it worth it?' And he said, `Harry, make no mistake: there is no aspect of what I have done that wasn't worth it. Although we may not have achieved all the victories we set for ourselves -- may not have achieved all the victories and all the goals we set for ourselves, beyond the victory itself, infinitely more important, was the journey.'

Vor einem halben Jahrhundert war es seine Stimme, waren es Platten wie Calypso, Belafonte Sings the Blues und Belafonte at Carnegie Hall, die mich faszinierten. Ich lernte die Texte auswendig, dafür musste man die Platten immer wieder hören. Mein Schulenglisch bekam einen leicht karibischen Klang. Belafontes Platten faszinieren mich heute noch. Ich hatte zwar nie eine Freundin in Kingston, aber manchmal bringt mich ➱Jamaica Farewell zum Heulen: But I'm sad to say I'm on my way Won't be back for many a day My heart is down, my head is turning around I had to leave a little girl in Kingston town. Aber noch mehr als seine Musik bewundere ich seinen Lebensweg. Harry Belafonte wird heute neunzig. Von hier aus ein Happy Birthday in die USA. Und ein ewiges Dankeschön für all die Musik.


Harry Belafonte ist in diesem Blog kein Unbekannter, Sie könnten jetzt noch lesen: Lisbeth, The Kingston Trio, Sigmund Freud, Bobby Darin, Lena Horne, Morning has broken, Edward VIII, Nina van Pallandt, St Patrick's Day, The Times They Are A-Changin', Balladen, Schwarzenbek, Germanisten, Abdankung, Chevy Chase