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Mittwoch, 27. März 2013

Johann Adam Ackermann


Ich komme noch mal eben auf Georg Forster zurück. Ich hatte vergessen, eine wunderbare kleine Anekdote im Text unterzubringen. Als Forster an Bord von Captain Cooks Schiff geht, hat der (mit den Erfahrungen der ersten Reise) alles hervorragend vorbereitet, es gibt Sauerkraut gegen die Skorbut und allerlei Neuerungen. Die von der Besatzung mit einem gewissen Misstrauen hingenommen werden, sie bekommen bei ihnen alle den Zusatz experimental. So gibt es experimental water, experimental beef und experimental beer. Und die Wissenschaftler an Bord, die keine Seeleute sondern gentlemen sind, bekommen die Bezeichnung experimental gentlemen. Das finde ich sehr witzig.

Bei meiner Recherche über Georg Forster in Mainz bin ich rein zufällig auf einen Maler gestossen, von dem ich noch nie gehört hatte. Er heißt Johann Adam Ackermann, er ist heute vor 160 Jahren gestorben. Er hatte zu Anfang des Jahrhunderts in Paris studiert und hat wohl zeitweise bei seinem Lehrer Jacques-Louis David im Studio gearbeitet. Paris liegt als Studienort nahe, da man in Mayence jetzt sowieso beinahe französisch ist. Eigentlich hat er dort Historienmalerei studiert, hat aber auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland sehr viel Landschaften an Rhein und Mosel gemalt. Diese Gebirgslandschaft aus dem Jahre 1819 finde ich sehr hübsch.

Es gibt in Mainz noch mehr Maler in dieser Zeit. Eine Generation älter als Ackermann ist das Brüderpaar Johann Caspar und Georg Schneider. Dies Bild hier ist Caspar Schneiders Blick auf Erbach und den Rheingau, hübsch, harmonisch. Aber wo haben die beiden Brüder aus Mainz das her? Gut, Georg hat das Malen von dem älteren Bruder Caspar gelernt. Und der soll dank der Protektion des Mainzer Kurfürsten Unterricht bei dem Maler Joseph Heideloff gehabt haben. Der Kurfürst ist sehr kunstsinnig, einer seiner Hofmaler ist Franz Joseph Kauffmann. Den kennt man kaum, er ist aber der Stiefbruder von Angelika Kauffmann. Einflüsse aus Paris bei Schneider anzunehmen, macht keinen großen Sinn. Als aus Mainz Mayence wird, als Georg Forster glücklich über diese politische Wendung ist (und als Goethe im Gefolge seines Landesherrn bei der Belagerung von Mainz dabei ist), hat er die Gegend längst verlassen.

Die Romantik (insbesondere die Rheinromantik) hat noch gar nicht begonnen, und doch sitzen hier unten Maler, die schon sehr romantische Bilder malen. Hier eine Ansicht von Mainz von Caspar Schneider, der 1797 nach Mainz zurückgekehrt war, als die Reichstruppen Mainz zurückerobert hatten. Er ist dann in Mainz geblieben. Obgleich die Franzosen ja bald wieder da waren, er profitierte sogar von Aufträgen aus dem französischen Kaiserhaus.

Die Stadt Mayence, die mittlerweile zu einer bonne ville de l’Empire und Hauptstadt des Départements Donnersberg Mayence geworden ist, bekommt 1803 von Napoleon sechsunddreißg Gemälde zur Gründung einer Gemäldegalerie geschenkt. Heute haben sie 190 mehr. Dieses Bild ist nicht von einem der beiden Schneiders, sondern von Christian Georg Schütz, den 1750 eine Rheinreise von Mainz bis Koblenz führte. Und der seine Skizzen danach zu Bildern formte. Goethes Vater besaß Bilder von Schütz, und Goethe bemerkte über den Maler, dass er die Rheingegenden ganz in seiner Gewalt habe. Und er sagt weiter über die Bilder: Sie sind von bewunderswürdiger Reinheit; die Darstellung der Rheinufer sei so getreu wie anmutig, und das Gefühl, da den Rheinfahrenden ergreife, werde bei Betrachtung der Bilder mitgeteilt oder wiedererweckt. Schütz malt seine Bilder häufig auch als Bilderpaar, worin ihm viele Maler des Rheins folgen. Ich habe vor zwanzig Jahren in einem Katalog von Sotheby's einen Doppelpack Rheinlandschaften von Schütz gesehen, der mit 20.000 £ veranschlagt wurde. Ist wahrscheinlich der Goethe-Bonus.

Kunsthistoriker nehmen gemeinhin an, dass Schütz großen Einfluss auf die Schneiders und das Arkadien am Mittelrhein gehabt hat. Das mit dem Arkadien am Mittelrhein habe ich von dem Katalogbuch zur Ausstellung der Bilder von Caspar und Georg Schneider im Mainzer Landesmuseum 1998 geklaut, die Formulierung fand ich irgendwie witzig. Für einen Norddeutschen wie mich, für den südlich von Hannover schon das Ausland anfängt, ist es schwer, dort ein Arkadien zu sehen.

Und dabei war ich sogar schon einmal in Mainz. Und eine Rheinreise habe ich auch gemacht. Meine Schule offerierte unserer Klasse in der Oberstufe ein einmaliges Experiment, eine Studienreise statt einer Klassenfahrt. Sozusagen ein experimental educational journey: Köln, Mainz, Trier, beinahe einen Monat lang. Da hingen aber Bedingungen dran, wir mussten eine richtige Studienarbeit schreiben. Und nein, ich habe nicht über die Mainzer Maler geschrieben (dies hier ist Georg Schneiders Blick von Weisenau auf Kostheim und Hochheim). Aber wenn hier demnächst mal ein unheimlich langer Post über St. Paulin in Trier und die Deckengemälde von Christoph Thomas Scheffler steht, dann wissen Sie, dass ich nach mehr als einem halben Jahrhundert meine alte Studienarbeit wiedergefunden habe.

Ich fand Mainz furchtbar, öde und langweilig. Köln und Trier waren toll. Da könnte ich heute noch als Museumsführer auftreten. Aber Mainz? Ich war die ganze Woche nur im Kino, manchmal dreimal am Tag. Erstaunlicherweise gab es relativ gute Filmkunsttheater in Mainz. Doch heimlich habe ich immer ein schlechtes Gewissen gehabt. Was wäre, wenn da nicht nur der potthässliche Dom gewesen wäre? Und ich die wirkliche Kultur in Mainz nur nicht gesehen hätte? Wann immer irgendwo Mainz und Kultur erwähnt werden, dann lese ich das heute noch. Und nur aus diesem Grunde kenne ich Titel wie Arkadien am Mittelrhein oder Heidrun Ludwigs Die Gemälde des 18. Jahrhunderts im Landesmuseum Mainz. Hier noch ein Caspar Schneider, eine Mittelrheinlandschaft bei Bacharach mit der Ruine von Burg Sooneck, in einem schönen Licht, das bei Claude Lorrain geklaut ist.

So naheliegend der Einfluss des Frankfurter Malers Schütz ist, der ja nach Goethe die Rheingegenden ganz in seiner Gewalt hatte, muss doch noch auf einen Maler hingewiesen werden, der, wie dieses Bild zeigt, die Rheingegenden auch in seiner Gewalt hat. Auf jeden Fall machen das manche Kunsthistoriker. Sein Name ist Herman Saftleven, er kommt aus einem anderen Jahrhundert. Im Zweifelsfall sind es ja immer die ➱Holländer, weil die diese Formel der Landschaftsmalerei mit dem weiten Himmel schon im 17. Jahrhundert perfektioniert haben.

Gut, sie neigen dazu - wie hier noch einmal Saftleven mit einem Blick auf Erbach - die Landschaft etwas vollzupacken. Mit Kühen, Pferden und Menschen, also dem, was der Kunsthistoriker Staffage nennt. Irgendwie sind das noch die Reste der Darstellungen der Weltlandschaft, wo man die ganze Welt abbilden will Aber das wird über die Jahrhunderte abnehmen. Weniger Kühe. Außer bei Jakob Philipp Hackert, den Goethe für einen großen Künstler hielt. Hat sogar bei ihm Malunterricht genommen: In Tivoli war ich mit Herrn Hackert draußen, der eine unglaubliche Meisterschaft hat, die Natur abzuschreiben und der Zeichnung gleich eine Gestalt zu geben. Ich habe in diesen wenigen Tagen viel von ihm gelernt [...]. Herr Hackert hat mich gelobt und getadelt und mir weitergeholfen. Er tat mir halb im Scherz, halb im Ernst den Vorschlag, achtzehn Monate in Italien zu bleiben und mich nach guten Grundsätzen zu üben; nach dieser Zeit, versprach er mir, sollte ich Freude an meinem Arbeiten haben.

Und Goethe hat auch seinen Nachruf geschrieben: Ein angebornes entschiedenes Talent, durch anhaltenden Fleiß ausgebildet und gesteigert, ein reines ruhiges Gemüt, eine klare Denkweise, eine bei vieler Weltkenntnis und Gewandtheit unbefleckt erhaltene Redlichkeit bezeichneten seine Natur. Sein rastloses Wirken, seine Ausdauer war musterhaft, seine Heiterkeit, sein Gleichmut beneidenswert. Er zeigte durchaus die bereitwillige Anhänglichkeit an seinen Herrn, den König, eine mehr als väterliche Sorgfalt für seine Brüder und eine unverrückte treue Neigung gegen die, welche ihm seine Freundschaft abzugewinnen wussten. Von seiner Denk- und Handelsweise gibt auch seine hinterlassene Lebensbeschreibung, die wir dem deutschen Publikum bald mitzuteilen wünschen, das schönste Zeugnis... Nee, ich hör da mal auf. Aber diese komische zentrale Kuh bei der Ansicht von Pisa, die muss noch eben sein.

Mit Kühen kennen sich die Holländer ja aus, aber auch unsere Mainzer kriegen die aufs Bild. So habe ich hier zum Abschluss noch ein paar schöne Exemplare von Johann Adam Ackermann. Und ich überlege mir, ob ich demnächst mal über die Kuh in der Malerei schreibe, von Philips Wouwerman bis Thomas Herbst, aber wahrscheinlich gibt es das schon. Wenn es schon Bücher über das Schwein in der Weltliteratur gibt, warum nicht auch das?


Sonntag, 14. April 2024

Mayence


Am 14. April 1793 hat die Belagerung von Mainz durch die Armee der Ersten Koalition begonnen. Die Koalitionstruppen waren in der Überzahl, am 23. Juli mussten sich die Franzosen ergeben. Sie durften mit ihren Waffen und Ehrenzeichen die Festung verlassen, mussten sich aber verpflichten, in den nächsten zwölf Monaten nicht gegen die Koalitionsarmee zu kämpfen. Der General Jean-Baptiste Kléber führt sie nach Paris zurück, wo sie auf den Straßen als die Feiglinge von Mainz (les lâches de Mayence) verhöhnt werden. Kléber hat Napoleon nicht so richtig gemocht. Da geht er hin, der kleine Schurke. Er reicht mir nicht mal bis zu den Stiefelstulpen, soll er gesagt haben, als sich Napoleon nach der Niederlage von St. Jean d'Acre (dem heutigen Akkon) davonmachte.

Als die Belagerer kommen, ist der Weltumsegler Georg Forster (im Bild oben von Tischbein gemalt), der im Jahr zuvor mit dem Mainzer Jakobinerklub die Mainzer Republik gegründet hatte, nicht mehr in Mainz. Er ist jetzt als Abgeordneter des Nationalkonvents in Paris und soll die Angliederung der Mainzer Republik an Frankreich im Nationalkonvent beantragen. Der Antrag wird angenommen, ist aber durch die Eroberung von Mainz im nächsten Jahr nicht mehr das Papier wert, auf dem er steht. Forster kann nicht mehr nach Mainz zurück, er war als Vaterlandsverräter der Reichsacht verfallen. Völlig mittellos verstirbt er mit vierzig Jahren in der Dachkammer des Maison des Patriotes Hollandais in der Rue des Moulins in Paris. Er braucht die Schreckensherrschaft nicht mehr zu erleben. In seinem letzten Brief an seine Frau schreibt er: Die Revolution ist ein Orkan, wer kann ihn hemmen? Ein Mensch, durch sie in Tätigkeit gesetzt, kann Dinge tun, die man in der Nachwelt nicht vor Entsetzlichkeit begreift. Aber der Gesichtspunkt der Gerechtigkeit ist hier für Sterbliche zu hoch. Was geschieht, muß geschehen. Ist der Sturm vorbei, so mögen sich die Überlebenden erholen und der Stille freuen, die darauf folgt.

Mein Gedicht heute ist die Grabschrift auf Georg Forster von Friederike Brun, die in Sophienholm einen Salon unterhielt und die man die Madame de Staël des Nordens genannt hat.

Weltumseegler! du suchtest auf pfadlosem Ozean Zonen,
Wo die Unschuld der Ruh’ böte vertraulich die Hand!
Edler Forscher, was fandest du dort? Die Kinder der Erde
All’ an Schwachheit sich gleich, alle dem Tode geweiht.
Sohn der Freiheit! du öffnetest ihr die männliche Seele,
Ihr, die vom Himmel herab sandte der Vater zum Heil.
Ach! es wandte die Göttinn sich schnell von der blutigen Erde;
Forster! du schwebtest mit ihr hin, wo dein Glaube sich lohnt.

Die Mainzer Republik, das erste demokratische Staatswesen auf deutschem Boden, hatte ein kurzes Leben. Sie wird in diesem Blog schon in den Posts Georg Forster, Mainz und Johann Adam Ackermann erwähnt. Der letzte Post hat den Mainzer Landschaftsmaler Ackermann zum Thema, der in Paris bei Jacques-Louis David studiert hat. Vielen tausend Lesern hat dieser Post gefallen. Das gefällt mir auch. 

Samstag, 14. April 2018

Mainz


Am 14 April 1793 hatte die Belagerung von Mainz begonnen. Goethe war als eine Art Kriegsberichterstatter dabei, Sie können seinen Bericht ↝hier lesen. Die Belagerung von Mainz kommt schon einmal in dem Post zu dem Maler ↝Johann Adam Ackermann vor. Das ist ein vielgelesener Post. Vielgelesene Posts sind im Augenblick leider Nostalgie, denn nach den ↝Zahlen von Google in den letzten 14 Tagen liest mich niemand mehr. Ich schreibe aber trotzdem weiter.

Ich habe heute ein Gedicht, das zu dem Thema Mainz passt, denn es kommt aus dem Gedichtband Nach Mainz von Ursula Krechel, die auch Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur ist. Der Band Nach Mainz war ihr Debüt als Dichterin. Auf der immer empfehlenswerten Seite von ↝planet lyrik können Sie mehr zu dem Buch lesen lesen, über das Ursula Krechel sagte:  Sonntagnacht sagte jemand im Traum mit der Stimme einer unangetasteten Autorität: Gedichtbände dürfen nicht zu dick sein. Ehe ich noch erstaunt zur Seite blicken konnte, war ich aufgewacht. Wer immer der Ratgeber war aus dem Puppentheater des Über-Ichs, er hatte recht.

Das Gedicht heute heißt Umsturz, es ist offensichtlich schon Gegenstand des Deutschunterrichts. Im Internet häufen sich die Anfragen von Schülern nach Interpretationshilfen, denen kann man nur zurufen sapere aude. Für das Lesen und Verstehen von Literatur braucht man Dr Königs Erläuterungen und das Internet nicht, das kann man selbst machen. Wenn Sie das Gedicht vorgelesen haben wollen, dann klicken Sie ↝hier.

Umsturz

Von heut an stell ich meine alten Schuhe
nicht mehr ordentlich neben die Fußnoten
häng den Kopf beim Denken
nicht mehr an den Haken
freß keine Kreide. Hier die Fußstapfen
im Schnee von gestern, vergeßt sie
ich hust nicht mehr mit Schalldämpfer
hab keinen Bock
meine Tinte mit Magermilch zu verwässern
ich hock nicht mehr im Nest, versteck
die Flatterflügel, damit ihr glauben könnt
ihr habt sie mir gestutzt. Den leeren Käfig
stellt mal ins historische Museum
Abteilung Mensch weiblich.

Donnerstag, 21. März 2013

Georg Forster


Am 21. März 1793 beschloss man in der gerade ausgerufenen Republik Mainz, einen Antrag beim Pariser Nationalkonvent zu stellen, um ein Teil Frankreichs zu werden. Nicht nur in Paris ist jetzt Revolution. Georg Forster hatte zuvor noch eine flammende Rede gehalten (➱hier im Volltext). Der Mainzer Konvent sendet Georg Forster, Dr Adam Lux und den Kaufmann Georg Patoki nach Paris, die Herren sind die Hauptvertreter des Mainzer Jakobinerclubs. Dr Lux hatte mit neunzehn Jahren über den Enthusiasmus promoviert. Sein Enthusiasmus wird ihm zum Verhängnis werden. Die Abordnung bricht am 25. März auf. Der Antrag des Mainzer Freistaates auf Eingliederung wird vom Pariser Nationalkonvent begeistert angenommen.

Forster und Lux werden in Paris bleiben, der eine stirbt in seiner Dachkammer in der Rue des Moulins, der andere endet unter der Guillotine. Bevor Georg Forster im Januar 1794, noch keine vierzig Jahre alt, an einer Lungenentzündung stirbt, hatte er die Schreckensherrschaft der Revolution erlebt. Die Revolution ist ein Orkan. Wer kann ihn hemmen? Ein Mensch, durch sie in Tätigkeit gesetzt, kann Dinge tun, die man in der Nachwelt nicht vor Entsetzlichkeit begreift, hat er kurz vor seinem Tod geschrieben. Er hatte sich das Ganze anders gedacht, als er in Mainz seine Rede zum Anschluss an Frankreich hielt.

Vielleicht hätte er in Kassel bleiben sollen und nicht 1788 als Oberbibliothekar der Universität nach Mainz gehen sollen. In Kassel gab es keine Revolution, da herrschte der Kurfürst, der seine Untertanen nach England verkaufte. Damals hatte ihn Johann Heinrich Wilhelm Tischbein gemalt, zu dem es ➱hier einen langen Artikel gibt. Das Bild oben, das Forster mit seinem Vater zeigt, ist von dem Engländer John Francis Rigaud gemalt. Da war der junge Forster schon ein berühmter Mann, hatte gerade seinen Bericht über seine Reise mit Captain Cook um die Welt veröffentlicht.

Mit seinem Buch A Voyage Round The World gilt er als Begründer der Reiseliteratur, es ist ein Buch, das man auch nach über zweihundert Jahren noch gut lesen kann. Es ist ein ganz anderes Buch als das des Matrosen Heinrich Zimmermann, das Reise um die Welt, mit Capitain Cook heißt. Ein Buch, das er eigentlich gar nicht hätte schreiben dürfen. Berichte über die Reise waren Captain Cook und den Wissenschaftlern wie Forster und seinem Vater vorbehalten. Heinrich Zimmermanns Buch habe ich vor zwanzig Jahren in der von Hans Bender herausgegeben Ausgabe des Insel Verlags gefunden.

Forsters Reise um die Welt ist auch bei Insel erschienen, ist aber mit über tausend Seiten etwas dicker als Zimmermanns 161-seitiges Buch. Aber da ich gerade einmal dabei war, las ich auch noch Louis-Antoine de Bougainvilles Reise um die Welt: Durch die Inselwelt des Pazifik 1766-1769. Dann bekam ich noch die Briefe von Robert James Fletcher (Isles of Illusion. Letters from the South Seas) geschenkt und fand durch Zufall den kuriosen kleinen Roman von Friedrich Wilhelm IV, Die Königin von Borneo. Ich war die ganzen Semesterferien mit dem Lesen beschäftigt, weil ich im nächsten Semester ein Seminar über die Südsee in der amerikanischen Literatur angeboten hatte. Damals bereitete man sich noch umfassend vor. Ich betone diese Selbstverständlichkeit deshalb, weil irgendwelche Dünnbrettbohrer vor nicht allzu langer Zeit zur Exkulpierung von Frau Schavan behauptet haben, damals seien die wissenschaftlichen Standards niedriger gewesen. Waren sie nicht.

Eigentlich hätte Forster den Bericht schreiben sollen, aber der alte Querulant (der sich schon mit ➱Captain Cook selten verstand) hatte sich gerade mit dem Earl of Sandwich überworfen. Wahrscheinlich war er diesmal sogar im Recht, denn angeblich hatte ihn Sandwich vor der Reise offiziell mit dem Bericht über die Entdeckungsreise betraut. Doch der Mann, der das belegte Brot erfunden hat, hat als Erster Lord der Admiralität den schlechtesten Ruf in der Geschichte der Royal Navy. Er war überhaupt nicht an dem Buch interessiert. Dass die beiden Forsters statt des Wissenschaftlers Sir Joseph Banks an Bord waren, ist nur sein gezielter Affront gegen Banks. Hier auf dem Bild von John Hamilton Mortimer sind noch alle nett beieinander (von links): Dr Daniel Solander, Sir Joseph Banks, Captain James Cook, Dr John Hawkesworth und John Montagu, der vierte Earl of Sandwich.

Wie dem auch sei, jetzt beginnt Forsters Sohn zu schreiben. In englischer Sprache, zwei Quartbände voll, und das in nur acht Monaten. Mit welchem Geist, mit welcher Laune sich an der Reisebeschreibung fortarbeiten lässt, wenn alles traurig, öde und leer um uns steht, können Sie rathen. Und doch muss geschrieben werden wenn nicht noch die einzige Hofnung einige monathe länger von dem Gewinn zu leben, wie Wasser zerrinnen soll, schreibt Forster im Jahre 1776 an den Berliner Verleger Johann Karl Philipp Spener, der gerade in England weilt. Die deutsche Ausgabe wird Forster übrigens Friedrich II von Preußen widmen. Falls Ihnen die Reise um die Welt zu lang ist, hätte ich ➱hier noch einen schönen Essay über Captain Cook aus Forsters Feder, der von den englischen James Cook Spezialisten immer noch als einer der besten Essays über den Weltumsegler herausgestellt wird.

Meine Lesetips für heute wären Forsters Beschreibungen von England, die sich im Anhang zu dem Reisebuch Ansichten vom Niederrhein finden (➱hier bei Zeno im Voltext). Und natürlich das Buch von Ludwig Uhlig Georg Forster: Lebensabenteuer eines gelehrten Weltbürgers. Weshalb ich hier noch nie über ➱Captain Cook geschrieben habe, weiß ich nicht, aber das kommt vielleicht noch einmal.

Freitag, 12. Juni 2020

Rheinromantik


Am 12. Juni 1816 fuhr als erstes Dampfschiff die englische Defiance den Rhein bis nach Köln herauf. Heute gegen Mittag erblickten wir hier auf unserm schönen Rheinstrome ein wundervolles Schauspiel. Ein ziemlich großes Schiff, ohne Mast, Segel und Ruder, kam mit ungemeiner Schnelle den Rhein herauf gefahren. Die Ufer des Rheines und die hier vor Anker liegenden Schiffe waren in einem Augenblicke von der herbeiströmenden Volksmenge bedeckt. Das die allgemeine Neugierde reizende Schiff war ein von London nach Frankfurt reisendes, englisches Dampfboot, schrieb die Kölnische Zeitung. Bis Frankfurt ist die Defiance nicht gekommen, es gab technische Probleme.

Ein Jahrzehnt später gibt es einen regelmäßigen Schiffsverkehr zwischen Mainz und Köln. Die Schiffe sind voll mit englischen Touristen, denn in England hat Thomas Cook die Pauschalreise erfunden. Im Jahr 1843 sind eine Million Engländer auf dem Rhein gewesen. Sie reisen gern, die Briten, zuerst im 18. Jahrhundert mit ihrer Grand Tour, die der Oberklasse vorbehalten war, jetzt kommen alle anderen, der Massentourismus ist erfunden. Und so dichtet Goethe im Faust II:

Sind Briten hier - sie reisen sonst so viel,
Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,
Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen,
das wäre hier für sie ein würdig Ziel....

Ein Jahr nach der Fahrt der Defiance wird man auf der Weser auch ein Dampfschiff haben. Das ist aber kein englisches Schiff, sondern ein deutsches Schiff, das auf der Langeschen Werft in Vegesack gebaut worden ist. Fährt stolz mit der Bremer Speckflagge. Zugegeben: die Maschine hat man bei Boulton & Watt in England gekauft, aber alles andere ist Made in Germany. Das Schiff wird Weser heißen, aber es verursacht keinen Massentourismus. An der Weser gibt es nun mal keine mittelalterlichen Schlösser, keine Loreley und keinen Drachenfels. Es gibt eine Rheinromantik (lesen Sie dazu mehr im Goethezeitportal), aber es gibt keine Weserromantik, keine Dichter besingen den Fluß, keine Maler malen ihn. William Turner malt den Rhein, nicht die Weser. Es gibt zwar ein Gedicht auf die Weser von Franz von Dingelstedt:

Hier hab' ich so manches liebe Mal
Mit meiner Laute gesessen,
Hinunterblickend ins weite Tal,
Mein selbst und der Welt vergessen.
Und um mich klang es so froh und so hehr,
Und über mir tagt es so helle
Und unten brauste das ferne Wehr
Und der Weser blitzende Welle. 

Aber das kann sich kaum mit dem messen, was Lord Byron über den Drachenfels geschrieben hat. Oder Heinrich Heine über die Lorelely. Und wenn die bösen Deutschen in ✺Casablanca ein Lied singen, dann singen sie natürlich über den ✺Rhein:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein!


Ich selbst kann dem Rhein wenig abgewinnen. Ich habe ihn zum erstenmal gesehen, als wir eine Tante in Neuwied besuchten, die eine kleine Villa am Rhein besaß. Es war nicht leicht, Neuwied mit unserem neuen Opel Olympia zu erreichen, weil an diesem Tag das Petersberger Abkommen unterzeichnet wurde, und wir in Massen von englischen und amerikanischen Panzern feststeckten, die die Gegend absicherten.

Was die Flußfahrt auf dem Rhein betrifft, kann ich touristisch mitreden. Unsere Schule spendierte uns ein Jahr vor dem Abitur eine mehrwöchige Studienreise nach Köln, Mainz und Trier, und natürlich stand eine Fahrt mit dem Rheindampfer von Köln nach Mainz auf dem Programm. Wir teilten uns das Schiff mit zwei Busladungen älterer Amerikanerinnen. Alle in sommerlichen Blümchenkleidern. Mit Strohhüten. Als der Kapitän über Lautsprecher verkündete, dass wir gleich die Lorelei passieren würden und dazu eine schauerlich krächzende Version von ✺Ich weiß nicht, was soll es bedeuten auflegte, schesten zwei Busladungen amerikanischer Ommas nach Backbord. Ich hatte damals Angst, die Loreley würde wieder ihre Opfer einfordern. Die Rheinromantik ist lange zuende, Allen Ginsberg hat das in seinem Gedicht Ruhr-Gebiet schon vor Jahren gesagt:

Too much industry
No fish in the Rhine
Lorelei poisoned
Too much embarrassment

Die englische Defiance war nicht das erste Dampfschiff in Deutschland, das muss der historischen Genauigkeit wegen angemerkt werden. Das erste kleine Dampfschiff war das von dem Franzosen Denis Papin, mit dem er am Sonnabend, dem 24. September 1707 auf der Fulda von Kassel nach Münden (heute Hannoversch-Münden) gefahren war. Er wollte am nächsten Tag auf der Weser bis Bremen weiterfahren, aber in der Nacht haben ihm die Mitglieder der Mündener Schiffergilde das Boot zerkloppt. Sie kannten zwar Rilkes Satz Alles Erworbne bedroht die Maschine noch nicht, aber dass dieser kleine Schaufelraddampfer schlecht für ihr Geschäft war, das hatten sie schon gemerkt. Der geniale Erfinder Denis Papin, der auch den Schnellkochtopf erfunden und ein U-Boot gebaut hat, ist heute so gut wie vergessen. Der letzte Brief von Dr Papin aus dem Jahr 1712 an den Sekretär der Royal Society schließt mit den Worten: Ich bin in einer traurigen Lage, selbst wenn ich das Beste leiste, ziehe ich mir nur Feindschaft zu. Doch sei wie ihm wolle, ich fürchte nichts, denn ich vertraue auf Gott, der allmächtig ist.


Lesen Sie auch: Dampfschiffahrt, Drachenfels, Lorelely, Lurley, Rheinnixen, Die Weser: ein langer Fluss, ein langer Text, 18th century: Grand Tour

Donnerstag, 12. Juni 2025

Defiance

Ich habe seit Tagen nichts geschrieben, aber machen Sie sich bitte keine Sorgen. Ich bin noch da, es geht mir gut. Ich schreibe auch an manchen Dingen, aber das kann noch dauern, bis das fertig ist. Die Geburtstagsgeschenke für Daniela und Friedhard sind verpackt und gehen heute zur Post. Der Telestar Receiver wurde mir gestern repariert wieder geliefert, aber ich habe immer noch kein Fernsehen, weil das Gerät immer noch keine Bilder empfangen kann. Der Lehrling werkelte eine halbe Stunde daran herum, kriegte aber kein Bild und keinen Ton. Jetzt soll irgendwann der Meister vorbeikommen. Das kann dauern. 

Ich weiß nicht, ob Sie das gemerkt haben, aber ich hatte am Anfang des Monats die Zahl von 6,5 Millionen Lesern erreicht. Weil mir der Mai 47.845 Leser bescherte. Als ich Ende März 6.400.000 Leser erreicht hatte, gönnte ich mir eine neue Seiko Quartz, das habe ich jetzt auch wieder gemacht, ich schreibe irgendwann mal drüber. Damit es für die nächsten Tage hier etwas zu lesen gibt, stelle ich einen Post ein, den es hier an einem 12. Juni schon einmal gab. Vielleicht haben Sie den ja damals verpasst.

Am 12. Juni 1816 fuhr als erstes Dampfschiff die englische Defiance den Rhein bis nach Köln herauf. Heute gegen Mittag erblickten wir hier auf unserm schönen Rheinstrome ein wundervolles Schauspiel. Ein ziemlich großes Schiff, ohne Mast, Segel und Ruder, kam mit ungemeiner Schnelle den Rhein herauf gefahren. Die Ufer des Rheines und die hier vor Anker liegenden Schiffe waren in einem Augenblicke von der herbeiströmenden Volksmenge bedeckt. Das die allgemeine Neugierde reizende Schiff war ein von London nach Frankfurt reisendes, englisches Dampfboot, schrieb die Kölnische Zeitung. Bis Frankfurt ist die Defiance nicht gekommen, es gab technische Probleme.

Ein Jahrzehnt später gibt es einen regelmäßigen Schiffsverkehr zwischen Mainz und Köln. Die Schiffe sind voll mit englischen Touristen, denn in England hat Thomas Cook die Pauschalreise erfunden. Im Jahr 1843 sind eine Million Engländer auf dem Rhein gewesen. Sie reisen gern, die Briten, zuerst im 18. Jahrhundert mit ihrer Grand Tour, die der Oberklasse vorbehalten war, jetzt kommen alle anderen, der Massentourismus ist erfunden. Und so dichtet Goethe im Faust II:

Sind Briten hier - sie reisen sonst so viel,
Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,
Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen,
das wäre hier für sie ein würdig Ziel....

Ein Jahr nach der Fahrt der Defiance wird man auf der Weser auch ein Dampfschiff haben. Das ist aber kein englisches Schiff, sondern ein deutsches Schiff, das auf der Langeschen Werft in Vegesack gebaut worden ist. Fährt stolz mit der Bremer Speckflagge. Zugegeben: die Maschine hat man bei Boulton & Watt in England gekauft, aber alles andere ist Made in Germany. Das Schiff wird Weser heißen, aber es verursacht keinen Massentourismus. An der Weser gibt es nun mal keine mittelalterlichen Schlösser, keine Loreley und keinen Drachenfels. Es gibt eine Rheinromantik (lesen Sie dazu mehr im Goethezeitportal), aber es gibt keine Weserromantik, keine Dichter besingen den Fluß, keine Maler malen ihn. William Turner malt den Rhein, nicht die Weser. Es gibt zwar ein Gedicht auf die Weser von Franz von Dingelstedt, das ich auch ✺gesungen anbieten kann:

Hier hab' ich so manches liebe Mal
Mit meiner Laute gesessen,
Hinunterblickend ins weite Tal,
Mein selbst und der Welt vergessen.
Und um mich klang es so froh und so hehr,
Und über mir tagt es so helle
Und unten brauste das ferne Wehr
Und der Weser blitzende Welle. 

Aber das kann sich kaum mit dem messen, was Lord Byron über den Drachenfels geschrieben hat. Oder Heinrich Heine über die Lorelely. Und wenn die bösen Deutschen in ✺Casablanca ein Lied singen, dann singen sie natürlich über den ✺Rhein:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein!


Ich selbst kann dem Rhein wenig abgewinnen. Ich habe ihn zum erstenmal gesehen, als wir eine Tante in Neuwied besuchten, die eine kleine Villa am Rhein besaß. Es war nicht leicht, Neuwied mit unserem neuen Opel Olympia zu erreichen, weil an diesem Tag das Petersberger Abkommen unterzeichnet wurde, und wir in Massen von englischen und amerikanischen Panzern feststeckten, die die Gegend absicherten.

Was die Flußfahrt auf dem Rhein betrifft, kann ich touristisch mitreden. Unsere Schule spendierte uns ein Jahr vor dem Abitur eine mehrwöchige Studienreise nach Köln, Mainz und Trier, und natürlich stand eine Fahrt mit dem Rheindampfer von Köln nach Mainz auf dem Programm. Wir teilten uns das Schiff mit zwei Busladungen älterer Amerikanerinnen. Alle in sommerlichen Blümchenkleidern. Mit Strohhüten. Als der Kapitän über Lautsprecher verkündete, dass wir gleich die Lorelei passieren würden und dazu eine schauerlich krächzende Version von ✺Ich weiß nicht, was soll es bedeuten auflegte, schesten zwei Busladungen amerikanischer Ommas nach Backbord. Ich hatte damals Angst, die Loreley würde wieder ihre Opfer einfordern. Die Rheinromantik ist lange zuende, Allen Ginsberg hat das in seinem Gedicht Ruhr-Gebiet schon vor Jahren gesagt:

Too much industry
No fish in the Rhine
Lorelei poisoned
Too much embarrassment

Die englische Defiance war nicht das erste Dampfschiff in Deutschland, das muss der historischen Genauigkeit wegen angemerkt werden. Das erste kleine Dampfschiff war das von dem Franzosen Denis Papin, mit dem er am Sonnabend, dem 24. September 1707 auf der Fulda von Kassel nach Münden (heute Hannoversch-Münden) gefahren war. Er wollte am nächsten Tag auf der Weser bis Bremen weiterfahren, aber in der Nacht haben ihm die Mitglieder der Mündener Schiffergilde das Boot zerkloppt. Sie kannten zwar Rilkes Satz Alles Erworbne bedroht die Maschine noch nicht, aber dass dieser kleine Schaufelraddampfer schlecht für ihr Geschäft war, das hatten sie schon gemerkt. Der geniale Erfinder Denis Papin, der auch den Schnellkochtopf erfunden und ein U-Boot gebaut hat, ist heute so gut wie vergessen. Der letzte Brief von Dr Papin aus dem Jahr 1712 an den Sekretär der Royal Society schließt mit den Worten: Ich bin in einer traurigen Lage, selbst wenn ich das Beste leiste, ziehe ich mir nur Feindschaft zu. Doch sei wie ihm wolle, ich fürchte nichts, denn ich vertraue auf Gott, der allmächtig ist.

Lesen Sie auch: Dampfschiffahrt, Drachenfels, Lorelely, Lurley, Rheinnixen, Die Weser: ein langer Fluss, ein langer Text, 18th century: Grand Tour

Mittwoch, 9. April 2014

Drachenfels


Im April 1816 verließ Lord Byron England zu einer Grand Tour. Er sollte seine Heimat nie wiedersehen. Die Reise mit der Kutsche (lesen Sie ➱hier mehr dazu) führte ihn als erstes zum Rhein, den Rhein lieben die Engländer. Unser deutschester Fluss - Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein! Wer will des Stromes Hüter sein? - wird in den 1820er Jahren fest in der Hand englischer Touristen sein. Lord Byrons Zeilen über den Drachenfels in Childe Harold's Pilgrimage haben sicherlich dazu beigetragen. Auch ➱William Turner (hier sein Rheinfall in Schaffhausen) ist immer wieder hier gewesen. Die Rheinromantik ist inzwischen dank Büchern wie Ursprünge der Rheinromantik in England von Gisela Dischner eine gut erforschte Sache.

Die Grand Tour sowieso. Sie könnten jetzt einmal Grand Tour in das kleine Suchfeld oben links eingeben und alles lesen, was Sie da finden. Am besten fangen Sie mal mit dem Post ➱Ästhetik an. Noch besser wäre es natürlich, wenn Sie von Christopher Hibbert The Grand Tour lesen würden. Hibbert, über den die Times sagte: probably the most widely-read popular historian of our time and undoubtedly one of the most prolific ist nie ein Professor gewesen (einen Ehrendoktor hat er aber mal erhalten), das sagt eigentlich alles über Professoren.

Gut erforscht ist auch die deutsche ➱Italiensehnsucht (lesen Sie im ➱Goethezeitportal mehr dazu). Seit Johann Jakob Volkmann in seinem Italienhandbuch Historisch-Kritische Nachrichten aus Italien schrieb: Ein Reisender, der feine Empfindung genug hat, um durch die Schönheiten, woran die Natur in Italien so reich ist und welche die Kunst weit übertreffen, gerührt zu werden, der trifft in diesem Lande eine Menge von Szenen an, welche ihm die größte Abwechslung darbieten, sind ganze Generationen von Deutschen nach Italien gepilgert.

Was mit Goethes italienischer Reise anfängt, hört vielleicht mit ➱Rolf Dieter Brinkmann auf, der voller Hass nach den zwei Jahren in der Villa Massimo in Rom sagte: Dieses Arkadien ist die reinste Lumpenschau. Seien es die modischen Lumpen oder die antiken Lumpen, ein Mischmasch, das so weit von Vitalität entfernt ist. Tatsächlich, das Abendland geht nicht nur unter – es ist bereits untergegangen, und nur einer dieser kulturellen Fabrikanten taumelt noch gefräßig und unbedarft herum, berauscht sich an dem Schrott.

Zwischen diesen Positionen liegt noch die deutsche deutsche Begeisterung für Italien in den fünfziger Jahren, die ➱Carl Borgward in Bremen seine Automodelle Isabella und Arabella taufen und die Nation die ➱Caprifischer oder ➱Komm' ein bisschen mit nach Italien singen lässt. Und dann ist da auch noch die deutsche Begeisterung für die italienische ➱Mode, die eines Tages deutsche Hersteller bewegen wird, sich Atelier Torino, Mario Barutti, Bruno Banani oder Sartoria zu nennen.

Die lichtdurchfluteten Italienbilder auf dieser Seite (mit Ausnahme von Turners Rheinfall und Sir John Charles Robinsons Drachenfels) sind von dem deutschen Maler Albert Flamm, der am 9. April 1823 in Köln geboren wurde. Er hatte zuerst Architektur studiert und war dann Maler geworden. Italien ist sein großes Thema, aber er hat noch ein zweites Thema: seine Heimat am Rhein. Er ist nicht der erste deutsche Maler, der den Rhein entdeckt, über Johann Adam Ackermann zum Beispiel habe ich ➱hier schon einmal geschrieben (zu meinem Erstaunen ist das ein vielgelesener Post, der es bei Google auf Platz drei der Ergebnisse gebracht hat).

Mit diesem schönen Blick auf das Siebengebirge von Albert Flamm  komme ich wieder auf den Rhein zurück. Und auch wieder zu Lord Byron. Er ist nicht der erste, der den Drachenfels besingt, aber wohl der berühmteste. Thomas Cook, der eines Tages den britischen Rheintourismus organisiert, wird ihm ewig dankbar sein. Heute trägt ein scheußlich aussehender ➱Ausflugsdampfer den Namen Lord Byron. Die Zeiten des empfindsamen Individualtourismus sind lange vorbei.

Was die Fahrt auf dem Rhein betrifft, kann ich sogar mitreden. Unsere Schule spendierte uns in der Oberstufe eine mehrwöchige Studienreise nach Köln, Mainz und Trier, und natürlich stand eine Fahrt mit dem Rheindampfer von Köln nach Mainz auf dem Programm. Wir teilten uns das Schiff mit zwei Busladungen älterer Amerikanerinnen. Alle in sommerlichen Blümchenkleidern. Mit Strohhüten. Als der Kapitän über Lautsprecher verkündete, dass wir gleich die ➱Lorelei passieren würden und dazu eine schauerlich krächzende Version von Ich weiß nicht, was soll das bedeuten auflegt, schesten zwei Busladungen amerikanischer Ommas nach Backbord. Ich hatte damals Angst, die Lorelei würde wieder ihre Opfer einfordern.

Byrons Abreise aus England war einer Flucht gleich gekommen. Der Lord ist ja immer auf der Flucht, vor seinen Gläubigern, vor der Langeweile oder vor den Frauen. Jetzt flieht er vor den Gerüchten, dass die Tochter seiner Halbschwester Augusta sein Kind ist. In Brüssel bleibt er länger, die Kutsche von Charles Baxter streikt: You will be surprised that we are not more 'en avant', and so am I, but Mr. Baxter's wheel and springs have not done their duty, for which I beg that you will abuse him like a pickpocket (that is — He — the said Baxter being the pickpocket) and say that I expect a deduction. Er hat gut reden, er hat dem Kutschenbauer Baxter noch keinen Shilling von der geforderten Summe von 500 Pfund bezahlt. Er wird die Kutsche übrigens nie bezahlen.

Engländer als ➱Touristen müssen sich immer ➱beklagen; wenn es nichts anderes gibt, dann über die anderen Engländer. So schreibt Horace Walpole: There are swarms of English here, but most of them are going, to my great satisfaction. As the greatest part are very young, they can no more be entertaining to me than I to them, and it certainly was not my countrymen that I came to live with. Byrons Briefe und Aufzeichnungen aus dem April 1816 geben nicht viel her. Er besucht das Schlachtfeld von Waterloo (und trauert dem einst verehrten Napoleon nach) und alle Kirchen und Kunstgalerien in Brüssel. In Köln hat er ein Techtelmechtel mit dem Stubenmädchen eines Hotels. Im Mai ist er schon in Italien. Während er in Belgien und Deutschland den Touristen spielt, der die Bilder von Rubens scheußlich findet, arbeitet es in ihm. Da fängt der Tourist auf der Flucht vor Gläubigern, Frauen und Skandalen an, sich in den empfindsamen Wanderer Childe Harold (Self-exiled Harold wanders forth again, With naught of hope left) zu verwandeln.

Unter dem Lichte Italiens reift er zu dem großartigen Dichter, den wir kennen. Er hatte schon 1812 nach der Veröffentlichung der ersten beiden Cantos (➱hier das ganze Werk im Volltext) sagen können: I awoke one morning and found myself famous. Doch die ersten beiden Cantos waren nur der Grundstein für das, was jetzt noch kommt. Und im dritten Canto bekommt auch der Rhein eine Bedeutung:

Away with these; true Wisdom's world will be 
Within its own creation, or in thine, 
Maternal Nature! for who teems like thee, 
Thus on the banks of thy majestic Rhine? 
There Harold gazes on a work divine, 
A blending of all beauties; streams and dells, 
Fruit, foliage, crag, wood, corn-field, mountain, vine, 
And chiefless castles breathing stern farewells 
From grey but leafy walls, where Ruin greenly dwells.

Für so prosaische Dinge wie das Zimmermädchen in Köln ist natürlich in dieser Welt kein Raum, für Schönheit der Landschaft und Liebesempfindungen schon. Besonders, wenn er die Ruine auf dem Drachenfels (dies ist ein Gemälde von Sir John Charles Robinson, der die ➱Kunstsammlung des ➱South Kensington Museum aufbaute) beschreibt. Da vermischen sich Liebesgefühle und Landschaftsbeschreibung, die Sache mit seiner Halbschwester Augusta ist offensichtlich noch nicht zu Ende. The lines on Drachenfels originally addressed to you, schreibt er ihr 1817 aus Venedig. Das soll sie nie vergessen:

The castle crag of Drachenfels
Frowns o’er the wide and winding Rhine,
Whose breast of waters broadly swells
Between the banks that bear the vine,
And hills all rich with blossom’d trees,
And fields which promise corn and wine,
And scatter’d cities crowning these,
Whose far white walls along them shine,
Have strew’d a scene, which I should see
With double joy wert thou with me.

And peasant girls, with deep blue eyes,
And hands which offer early flowers,
Walk smiling o’er this paradise;
Above, the frequent feudal towers
Through green leaves lift their walls of gray;
And many a rock which steeply lowers,
And noble arch in proud decay,
Look o’er the vale of vintage-bowers;
But one thing want these banks of Rhine,
– Thy gentle hand to clasp in mine!

I send the lilies given to me;
Though long before thy hand they touch,
I know that they must wither’d be,
But yet reject them not as such;
For I have cherish’d them as dear,
Because they yet may meet thine eye,
And guide thy soul to mine even here,
When thou behold’st them drooping nigh,
And know’st them gather’d by the Rhine,
And offer’d from my heart to thine!

The river nobly foams and flows,
The charm of this enchanted ground,
And all its thousand turns disclose
Some fresher beauty varying round:
The haughtiest breast its wish might bound
Through life to dwell delighted here;
Nor could on earth a spot be found
To nature and to me so dear,
Could thy dear eyes in following mine
Still sweeten more these banks of Rhine!

Donnerstag, 23. Juli 2026

die Übersetzerin Eva Rechel-Mertens

Was unseren Klassenlehrer damals dazu bewog, mit uns von Mainz aus einen Ausflug nach Germersheim zu machen, weiß ich bis heute nicht. Es waren Semesterferien, die Hörsäle der Hochschule in der ehemaligen Seyssel Kaserne waren leer. Es gab viel Grün um die Bauten, und es war landschaftlich schön. Aber warum waren wir hier? Heute weiß ich, dass in Germersheim die größte Ausbildungsstätte weltweit für Dolmetscher und Übersetzer ist. Begründet 1947 als Staatliche Dolmetscherhochschule für die französischen Besatzer, die kein Deutsch sprachen. Und die Beamten des Landes, die kein Französisch konnten. Wurde 1949 als Auslands- und Dolmetscherinstitut in die Johannes Gutenberg Universität Mainz eingegliedert und ist heute der Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK).

Auch wenn ich vor über sechzig Jahren davon nichts wusste, in meinem Berufsleben wusste ich wohl, was in Germersheim passierte. Studenten, die davon träumten, Übersetzer zu werden, empfahl ich den Wechsel des Studienorts. Sie waren in Germersheim besser aufgehoben als bei uns. Übersetzer und Übersetzungen haben in diesem Blog einen großen Platz. Wenn Sie den Post Übersetzer anklicken, der von dem Übersetzer Curt Meyer-Clason handelt, finden Sie da eine Vielzahl von Links (es sind beinahe hundert), die zu Posts führen, in denen von Übersetzungen die Rede ist. Und diese Posts werden auch gelesen, der Post Anna Karenina: Übersetzungen ist über fünftausendmal gelesen worden. 

Ich schreibe das hier heute mit dieser Uhr am Arm. Es ist eine Tissot T12 aus dem Jahre 1970 mit einem Armband der Firma Gay Frères. Die Firma ist der bedeutendste Hersteller von qualitativ hochwertigen Uhrarmbändern gewesen, Patek-Philippe, die IWC und Zenith kauften dort ihre Bänder. Und das originale Band der Eterna KonTiki kam auch von Gay Frères. Mit der Uhr auf diesem Photo wollte Tissot betonen, dass diese T12 etwas ganz Besonderes war, und deshalb spendierte man ihr ein Band von Gay Frères. Diese Armbänder sind für Sammler teuer geworden, das Armband dieser Uhr kostet bei ebay schon 300 Euro. Ohne Uhr. Alles, was ebay anbietet, muss neuerdings übersetzt werden. Überall arbeitet im Hintergrund die KI mit ihren hanebüchenen Computerübersetzungen. Ich habe schon in den  Posts wie Gartenkarre und pfanni denglish (und man könnte auch den Post Bräutigam dazu nehmen) auf die fürchterlichen Ergebnisse von Computerübersetzungen bei ebay hingewiesen. Und deshalb ist diese Tissot T12 (die mal 120 Meter wasserdicht war) heute hier. Weil die ebay Computerübersetzung das Gay Frères mit schwule Brüder übersetzt. Und deshalb brauchen wir Germersheim, weil dort richtige Übersetzer ausgebildet werden, die niemals solchen Quatsch produzieren würden.

Wenn Sie nicht wissen, was das UeLEX hier bedeutet, dann kann es dafür schnell eine Aufklärung geben. Das Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX ist ein frei zugängliches, kontinuierlich wachsendes interdisziplinäres Online-Referenzwerk, das seit 2015 existiert und seit 2022 in konzeptionell und technisch überarbeiteter Form zur Verfügung steht, sagt das Online Lexikon über sich selbst.

Lexika zur Literatur, zur Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft gibt es genug. Aber ein Lexikon der Übersetzer hat es noch nie gegeben. Das Photo zeigt die beiden Herausgeber des Germersheimer Übersetzerlexikons, Aleksey Tashinskiy (links) und   Andreas F. Kelletat, mit ihrer Mitarbeiterin Julija Boguna. Die hat den Artikel zu Casimir Ulrich Boehlendorff geschrieben, der hier im Blog schon in den Posts Boehlendorff und nur einmal im Netz vorkommt. Der Artikel zu dem Freund Hölderlins ist allerdings noch ein Rumpfartikel.

Aber es gibt auch sehr lange und ausführliche Artikel, in denen all das steht, was man bisher im Netz nicht finden konnte. Zum Beispiel der Artikel über die Proust Übersetzerin →Eva Rechel-Mertens von Anja van de Pol-Tegge. Die Frau, die À la recherche du temps perdu für Suhrkamp in fünf Jahren für fünfhundert Mark im Monat übersetzte, ist in meinem Blog immer wieder erwähnt worden, am detailliertesten wohl in dem Post Eine Liebe von Swann. Seit ich einen Computer besitze, habe ich versucht, ein Bild der Übersetzerin im Internet zu finden, es gab keins. Erst das UeLEX präsentiert uns ein Photo.

Es gibt inzwischen noch ein zweites Photo im Netz. Das findet sich in dem ganz hervorragenden Artikel →Die Hohe Schule der Eva Rechel-Mertens von  der Übersetzerin Petra Bös, die auch in Germersheim studiert hat. Erstaunlicherweise taucht in ihrem Artikel der Name Nora Bruegmann nicht auf, bei Anja van de Pol-Tegge im UeLEX schon. Denn diesen Namen kann man nicht auslassen, weil Nora Bruegmann 2015 ihre Dissertation mit dem Titel →Auf der Suche nach Welt: Eva Rechel-Mertens’ Proust-Übersetzung im Suhrkamp Verlag (1953-2002) an der Vanderbilt University vorgelegt hat. Die Doktorarbeit ist im Internet als Volltext zugänglich.

Rudolf Schottlaender, der erste →Übersetzer Prousts, der 1926 Der Weg zu Swann in zwei Bänden veröffentlichte, hat im UeLEX bisher nur einen Rumpfartikel. Das wird sich sicherlich noch ändern. Seine Übersetzung ist damals von →Ernst Robert Curtius, dem Doktorvater von Rechel-Mertens, in beleidigender Form verrissen worden. Jahre später hat Schottlaender, inzwischen Ordinarius für Klassische Philologie, über dessen Antigone Übersetzung kein Kritiker ein böses Wort sagte, über Curtius geschrieben: Es fällt mir nicht ein, an der Lebensleistung Ernst Robert Curtius', insbesondere an seinem Verdienst um Proust, zu mäkeln. Nur daß eben auch er gelegentlich zum bösartigen Fachidioten werden konnte, scheint mir durch sein Vorgehen gegen meine Proust-Übersetzung erwiesen.

Die beiden deutschen Philologen Curtius und Schottlaender konnten unterschiedlicher nicht sein. Curtius tritt 1938 in die NSDAP ein, schreibt aber schon 1932 in seinem Buch Deutscher Geist in Gefahr die schlimmen Sätze: Aber die Schuld trifft nicht nur Deutsche und Deutschstämmige allein, sie trifft ebenso sehr unsere Juden, von denen leider gesagt werden muß, daß sie zum überwiegenden Teile und in maßgebender Betätigung der Skepsis und der Destruktion zugeschworen sind. Diese Juden sind von der Idee des Judentums selbst abgefallene Juden... Sie sind aber auch nicht bereit, sich dem Christentum, dem Humanismus oder dem Deutschtum zu öffnen und es aufzunehmen. Es bleibt ihnen also nur die Negation in ihren zwei Formen: Destruktion und Zynismus. Dagegen müssen wir uns wehren, weil Destruktion in einer so zerklüfteten Nation wie der deutschen zehnfach gefährlich ist. Der Jude Schottlaender überlebt das Dritte Reich nur, weil er mit einer nicht-jüdischen Frau verheiratet ist und es ein Gesetz über privilegierte Mischehen gibt.

Der Mediävist Curtius schreibt 1948 das große Buch Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter und will damit vergessen lassen, was vorher war. Ähnlich reagiert sein NSDAP Parteigenosse Hugo Friedrich, der gleichzeitig sein magnum opus Montaigne veröffentlicht (dazu mehr in dem Post Montaigne en allemand). Aber Hugo Friedrich musste sich 1946 auch von dem zur Emigration gezwungenen Leo Spitzer sagen lassen: Sie können nicht ernsthaft glauben, daß die Zusammenarbeit mit Baal die Substanz des Menschen nicht anfresse. Das Leiden, das eine fortwährende Selbstreinigung mit sich hätte bringen müssen, wäre ja so stark gewesen, daß Sie hätten den Verstand verlieren müssen. Das ist es ja gerade, was uns Emigranten so unverständlich ist! Wie die Menschen in Deutschland nicht den Verstand verloren haben ... Besonders kann ich mir Übung der Geisteswissenschaften nicht vorstellen, wenn die Grundlagen des menschlichen Geistes nicht mehr bestehen. 

Die deutschen Proust Übersetzer haben sehr unterschiedliche Biographien. Schottlaender promovierte 1923 in Heidelberg mit einer Arbeit über die Nikomachische Ethik des Aristoteles. Er war noch nie in Frankreich gewesen, hatte aber einen guten Französischlehrer gehabt: Trotz Franzosenhaß wurde Französisch nach alter Tradition in unserer Schule früh und ausgiebig gelehrt. Eva Rechel-Mertens hatte Romanistik studiert, sie war fünfundfünfzig, als sie bei Suhrkamp eingestellt wurde. Da konnte sie auf eine Übersetzertätigkeit zurückblicken, die bis in die zwanziger Jahre zurückreichte. Und vielleicht hatte ihr Doktorvater sie damals schon in Gedanken als Übersetzerin der Recherche auserkoren und wandte sich deshalb voller Hass gegen den Konkurrenten Schottlaender.

→Michael Kleeberg war vierzig, als er Prousts Combray übersetzte (nach Werbung des Verlags der einzig wahre Proust). Da hatte er schon viele Texte aus dem Französischen und Englischen übersetzt, ein halbes Dutzend Romane geschrieben und zwölf Jahre in Frankreich gelebt. Bernd-Jürgen Fischer war siebzig, als der erste Band seiner Übersetzung bei Reclam erschien. Er war dreizehn Jahre Dozent in der Germanistik, bevor er freier Autor wurde. Michael Kleeberg ist der einzige der Proust Übersetzer, der keinen Doktortitel hat. Vielleicht lieben ihn die Kritiker deshalb nicht.

Was über die deutschen Proust Übersetzer hier in Kurzform steht, kann man bei Nathalie Mälzer in ihrem Buch Proust oder ähnlich: Proust Übersetzen in Deutschland genauer lesen. Oder in dem zweiteiligen Forschungsbericht →Proust übersetzen (I) und →Proust übersetzen (Teil II) von Dietrich Leder im Netz. Der →Nachlass von Eva Rechel-Mertens, den Petra Bös in ihrem Artikel bespricht, befindet sich heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Ich war achtzehn, als ich Proust zu lesen begann. Ein Jahr später war ich schon beim vierten Band. Das können Sie meiner Leseliste entnehmen, die in dem Post perlegi abgedruckt ist. Mein Proust war damals natürlich der Proust von Eva Rechel-Mertens. Das reichte mir fürs Leben; ich fand es überflüssig, dass der Suhrkamp Verlag andere (wie zum Beispiel →Luzius Keller) zur Überarbeitung des Textes heranzog, um das dann als die großes Ereignis zu feiern. Manche Kritiker fanden das eher eine Verschlimmbesserung. Rudolf Schottlaenders Der Weg zu Swann habe ich mit Gewinn gelesen. Man kann die Erstausgabe antiquarisch noch preiswert bekommen, aber es gibt inzwischen auch einen noch preiswerteren Nachdruck. Eine Lesefreude ist das nach hundert Jahren noch immer.