Samstag, 30. April 2011

Operation Mincemeat


Heute vor 68 Jahren hat die Besatzung des britischen U-Bootes HMS Seraph vor Spanien die Leiche eines Mannes über Bord geworfen. Er trug eine Offiziersuniform und hatte eine Aktentasche mit Geheimpapieren an seinen Körper gekettet. Er war kein Offizier, war nicht der Major William Martin von den Royal Marines, wie es in seinem Papieren stand. Er war ein Alkoholiker aus Wales, der versehentlich Rattengift geschluckt hatte. Die Papiere waren auch nicht echt, sie sollten die Deutschen über die Invasionsabsichten der Briten im Mittelmeer täuschen, ➱Operation Mincemeat hieß das Unternehmen. Das seriöseste Buch dazu, Denis Smyths Deadly Deception, ist im letzten Jahr bei der Oxford University Press erschienen.

Das Ganze klingt, als hätte sich Commander Ian Fleming das ausgedacht. Der ja, bevor er den Commander James Bond erfunden hatte, in seiner Zeit beim Geheimdienst im Krieg die wildesten Pläne im Kopf hatte. Es ist aber der Plan von dem Royal Air Force Leutnant Charles Cholmondeley, der mit dieser Idee zu seinem Vorgesetzten Commander Ewen Montagu kommt. Vielleicht geht der Plan aber letztlich doch sogar auf eine Idee von Ian Fleming zurück. Ewen Montagu wird den Plan in die ➱Realität umsetzen. Und die Deutschen fallen auf den minutiös vorbereiteten Plan herein. Das hier auf dem Filmplakat ist nicht der wirkliche Commander Montagu, das ist Clifford Webb, der im Film The Man Who Never Was den Lieutenant Commander Montagu spielt.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich den ➱Film damals im Kino gesehen hatte. Es war an einem schönen Sommertag, damals ging ich im Sommer gerne ins Kino, weil es da so schön kühl war. In der Erinnerung ist ja alles anders: die Sommer waren wärmer, die Frauen schöner und die Filme besser. Aber der Film war gut, selbst Halliwell's Film Guide, der mit den Sternen als Auszeichnung geizt, gibt ihm zwei Sterne. Es war ein langsamer Film, er hatte noch nichts von dieser hysterischen Aufgeregtheit der neuen James Bond Filme. Ich kann mich noch an beinahe jede Szene erinnern, von den Wellen am Anfang, die den Leichnam an Land spülen bis zu der Szene am Schluss, wenn Commander Montagu das Grab von 'Major Martin' in Spanien besucht und seinen gerade verliehenen Orden auf das Grab legt. Und die wunderbare Szene, in der ein zerstreuter Wissenschaftler den Geheimdienstoffizieren ganz zum Schluss völlig beiläufig sagt, dass die Deutschen die Briefe natürlich geöffnet haben. Und dann Gloria Graham als Lucy Sherwood, die den irischen Spion Patrick O'Reilly davon überzeugt, dass es William Martin wirklich gegeben hat. So langsam und unaufgeregt der Film war, er war von der ersten bis zur letzten Minute spannend. Er ist als DVD schwer zu bekommen. Ich habe den Händler verflucht, der mir eine NTSC Code 1 Fassung verkauft hat, weil mein DVD Player das nicht abspielte (andere Fassungen sind auch scheinbar nicht im Handel). Doch dann habe ich mir gedacht, wozu habe ich dieses kleine Mac Wunder auf dem Schreibtisch, was mir der nette Tim Trahn verkauft hat? Der kleine Kasten hat den Film dann auch anstandslos gespielt.

Und Ewen Montagu - das da links ist der wirkliche Right Honourable Ewen Edward Samuel Montagu, zweiter Sohn von Lord Swaythling - hatte in dem Film auch eine kleine Gastrolle als Luftmarschall, der seinem alter ego Clifton Webb gegenüber seine Zweifel äußert, dass dieser Plan jemals gelingen könnte. Sehr witzig. Montagu ist ein erfolgreicher Londoner Anwalt gewesen, bevor er als Reserveroffizier der Marine im Zweiten Weltkrieg zum Geheimdienst kam. Nach dem Krieg ist er als Judge Advocate of Her Majesty's Fleet der oberste Beamte der Gerichtsbarkeit der Royal Navy geworden. Sein Bruder, der Filmemacher und Tischtennisspieler Ivor Montague, war nicht so patriotisch. Der war Kommunist und Spion für die Sowjetunion.

Der Film hielt sich ziemlich genau an das drei Jahre zuvor erschienene Buch von Montagu, das den gleichen Titel hatte wie der Film. Darin kommen natürlich keine irischen Spione im Dienste der Deutschen und keine schönen Frauen namens Lucy Sherwood vor, es ist ein nüchterner Bericht über das Unternehmen Mincemeat. Montagu hatte sich ein Wochenende von seiner zeitraubenden Tätigkeit als Judge Advocat of the Fleet freigenommen, um das Buch zu schreiben. Der Geheimdienst hatte ihn darum gebeten, das große Geheimnis des Zweiten Weltkriegs war seit einigen Jahren nicht mehr geheim.

Denn 1950 hatte Duff Cooper seinen Roman Operation Heartbreak veröffentlicht. Der Held, ein Offizier namens Willie Maryngton ist eine tragische Figur, zu jung für den Ersten Weltkrieg, zu alt um im Zweiten Weltkrieg eine aktive Rolle zu spielen. Es ist eine traurige Geschichte, die die damaligen Leser zu Tränen gerührt hat. Aber nach seinem Tod wird er doch noch ein Held, weil man seine Leiche für die Geheimdienstoperation verwendet, die die Deutschen täuschen soll. Das Cabinet Office war von den Romanplänen des ehemaligen Botschafters in Frankreich, der ja auch Minister im Kriegskabinett von Churchill gewesen war, nicht so begeistert, konnte aber die Publikation des Romans nicht verhindern. Ich habe Duff Coopers Roman Operation Heartbreak vor vielen Jahren gelesen, weil mir der Name des Autors etwas sagte (vor Jahren sind The Man Who Never Was und Operation Heartbreak in einem ➱Band veröffentlicht worden). Ich hatte nämlich einmal seine Talleyrand Biographie zum Geburtstag bekommen, die man heute immer noch zur Lektüre empfehlen kann.

Die weibliche Hauptrolle in dem Film hatte (neben Josephine Griffin als Montagus Sekretärin Pam, auf dem Photo links) die Amerikanerin Gloria Grahame, die zwei große Szenen in diesem Film hat. Filmfreaks erinnern sich sicherlich auch an die Szene aus Fritz Langs The Big Heat, wo Lee Marvin ihr kochendheißen Kaffee ins Gesicht schüttet. Eigentlich gehört sie in den film noir, wo sie ihre besten Rollen hatte. Den Höhepunkt ihrer Karriere hatte sie 1953 mit der Golden Globe Nominierung und dem Oscar für die beste Nebendarstellerin in The Bad and the Beautiful. Sie war froh, dass sie diese Rolle als Bibliothekarin der Bibliothek der amerikanischen Truppen bekommen hatte, denn ihr Leben (und vor allem ihr Liebesleben) verlief in chaotischen Bahnen. Der Titel Suicide Blonde der Biographie von Vincent Curcio ist schon sehr passend. Ich lasse das alles mal lieber aus. Aber dass ihr Ehemann, der Filmregisseur Nicholas Ray, sie 1950 im Bett mit seinem dreizehnjährigen Sohn ertappte (den sie später heiratete), das kann ich nicht weglassen.

Irgendwie hat sie es mit jüngeren Männern. Nach vier Ehen beginnt sie eine Affäre mit den jungen englischen Schauspieler Peter Turner, aber daraus wird auch nichts. Jahre später, wenn sie in England auf der Bühne zusammenbricht, weil sie die Diagnose Magenkrebs der Ärzte nicht wahrhaben will, holt Peter Turner sie aus dem Hotel in Lancaster und bringt sie nach Liverpool zu seinen Eltern. Und die beiden Pensionäre, stolz auf ihre working class Herkunft, die jetzt einen Hollywood Star im Haus haben, kümmern sich rührend um die todkranke Gloria Grahame, die keine ärztliche Hilfe haben will. Filmstars Don't Die in Liverpool heißt das Buch, das Peter Turner später geschrieben hat. Es hat nichts Sensationshaschendes an sich, es ist rührend und herzzerreißend. Unfolds in the shadowy area where life and the movies overlap...rarely has the mortality of the gods been so poignantly brought home, schrieb der Literary Review.

Ich habe natürlich heute auch ein Gedicht, das etwas mit dem Kino zu tun hat. Es ist das Titelgedicht aus Don Patersons neuestem Gedichtband (2009) und heißt schlicht Rain.

I love all films that start with rain:
rain, braiding a windowpane
or darkening a hung-out dress
or streaming down her upturned face;

one long thundering downpour
right through the empty script and score
before the act, before the blame,
before the lens pulls through the frame

to where the woman sits alone
beside a silent telephone
or the dress lies ruined on the grass
or the girl walks off the overpass,


and all things flow out from that source
along their fatal watercourse.
However bad or overlong
such a film can do no wrong,

so when his native twang shows through
or when the boom dips into view
or when her speech starts to betray
its adaptation from the play,

I think to when we opened cold
on a rain-dark gutter, running gold
with the neon of a drugstore sign,
and I’d read into its blazing line:

forget the ink, the milk, the blood—
all was washed clean with the flood
we rose up from the falling waters
the fallen rain’s own sons and daughters

and none of this, none of this matters.

Damit geht in diesem Blog der Poetry Month erst einmal zu Ende (obgleich Gedichte immer wieder mal auftauchen werden). Morgen gibt es eine kleine Überraschung, einen richtig fetten langen Artikel für Filmfreunde. Den habe ich schon fertig, damit ich in aller Ruhe zum Flohmarkt gehen kann.

Freitag, 29. April 2011

Morning Coat


Wenn Sie dies jetzt lesen, gehören Sie wie Tony Blair nicht zu denjenigen, die eine Einladung zur Hochzeit von Kate und William hatten. Oder Sie haben Ihr iPad in die Westminster Abbey geschmuggelt. Ich hätte dies vielleicht einige Tage früher schreiben sollen, damit ich den Herren noch einige sartoriale Ratschläge hätte geben können. Eleganten Damen braucht man keine Ratschläge zu geben. Und bei den nicht so eleganten Frauen nützen keine Ratschläge. Ob Angela Merkel nun Escada trägt oder von Berliner Designerinnen eingekleidet wird, das Ergebnis ist immer gleich katastrophal.

Also, für königliche Hochzeiten in der Westminster Abbey gibt es für den Herrn nur einen Anzug und das ist der morning coat. Ein coat ist im Englischen - also im feinen Englischen und nicht dem BSE (bad simple English) - kein Mantel. Dafür hat man immer noch das langsam aussterbende Wort overcoat. Im Deutschen heißt dieser Anzug Cutaway (bei Konrad Adenauer war es schlicht de kött). Das Teil heißt Cutaway, weil es anders als der Frack oder der frock coat vom Körper weg geschnitten ist, wie beim riding coat. Willy Brandt hat einmal in der Eile das falsche Jackett aus dem Schrank geholt und präsentierte 1972 sein Kabinett mit den gestreiften Hosen und der Weste des Cutaway und dem Oberteil des Fracks. Kann man auf diesem Photo gut sehen. In der Hochburg der Herrenmode Bonn hat man damals sehr gelacht.

Aber wann waren deutsche Politiker mal korrekt gekleidet? Ja ich weiß, der Kanzler Adolf Hitler hat 1933 einen korrekten Cutaway getragen, als er Hindenburg seine Aufwartung machte. Aber viele andere Verbrecher haben das formelle Kleidungsstück auch getragen, italienische Faschisten wie Graf Ciano sollen in ihrem Cutaway ausgesprochen elegant ausgesehen haben. Hermann Marten von Eelking schwärmt 1962 in seiner Geschichte des Zylinders (mein Exemplar ist mit Baron Eelking signiert, voll proll) immer noch von dem Herrn. Ciano und Hitler haben ja auch schnell das Kleidungsstück, das längst die Standardbekleidung der mittleren und höheren Beamten geworden war, gegen seltsame Phantasieuniformen getauscht. Wenn der morning coat heute als eine Art Höhepunkt der Eleganz gesehen wird, dann liegt das daran, dass er so rar geworden ist. Aber selbst der eleganteste morning coat aus der Savile Row macht einen Verbrecher nicht zu einem guten Menschen.

Diese Version des morning coat ganz in grau dürfen Sie zur Hochzeit nicht tragen, eine alte englische Benimmregel sagt, dass nur der Bräutigam (und der Brautvater) oder ein Viscount einen morning coat ganz in grau tragen dürfen. Das Photo ist von der zweiten Hochzeit von Charles, da darf er so aussehen. Einen grauen morning coat können Sie allerdings jederzeit in Ascot tragen (wo der Anzug in der Royal Enclosure immer noch Pflicht ist), aber nicht heute in der Westminster Abbey. Es sei denn, Sie sind ein Viscount oder Prince William.

Also ein schwarzes (oder dunkelgraues) Jackett (aber nicht das kurze vom ➱Stresemann Anzug) mit steigendem Revers und eine gestreifte Hose ohne Umschlag. Dazu eine graue (dove grey), besser aber eine ins Gelbliche (das, was die Engländer buff nennen) tendierende zweireihige Weste. Diese Farbe ist schon seit Jahrhunderten in, George Washington trug eine Weste in dieser Farbe zu seiner blauen Uniform. Die Weste darf ruhig ein Revers haben. Wenn Sie exzentrisch sein wollen, tragen Sie wie Charles hier unter der Weste noch ein weißes eingeknöpftes Untergilet. Das sieht wahnsinnig elegant aus. Wenn Sie noch extravaganter sein wollen, tragen Sie anstelle der grauen oder gelb-beigen Weste eine bunte Brokatweste. Ist aber eine gefährliche Sache. Simon Callow, der so etwas in Four Weddings and a Funeral (dem Film, an dem sich potentielle Cutaway-Träger orientieren können) trägt, stirbt einen frühen Filmtod. Bei Beerdigungen trägt man zum Cut natürlich eine schwarze Weste.

Charles liebt es, hellblaue Hemden mit einem weißen Kragen zu tragen. Eigentlich hat diese Sorte Hemd (über die ich gerne zu einem späteren Zeitpunkt hier noch mal schreibe) dann weiße Umschlagmanschetten, aber Charles lässt sich bei Turnbull&Asser die Manschetten aus dem hellblauen Hemdenstoff machen. Der steife Stehkragen der dreißiger Jahre (verbunden mit einer steifen einteiligen Manschette und dem Plastron) ist glücklicherweise außer Mode gekommen. Die Krawatte sollte immer mit einem four-in-hand Knoten gebunden werden, so wie Charles das macht. Niemals mit einem Windsorknoten, selbst wenn Sie bei Windsors eingeladen sind! Wenn man auf der sicheren Seite sein will, trägt man ein weißes Hemd mit gestärktem Kragen und einem silbergrauen Macclesfield tie. Obgleich bei den Krawatten offensichtlich ein weiter Spielraum besteht. Ich habe auf einem Photo im Observer einmal einen adligen Herren gesehen, der den gleichen Hermés Schlips mit den gelben Giraffen trug, den mein Bruder mir damals gerade aus dem Duty Free Shop von Johannesburg mitgebracht hatte. Eine Perle in der Krawatte, möglichst aus der Zeit von Königin Victoria, ist erlaubt. Dichtete doch schon T.S. Eliot: My morning coat, my collar mounting firmly to the chin, My necktie rich and modest, but asserted by a simple pin—.

Schleifen sind immer wieder einmal zum morning coat getragen worden (der junge Churchill trägt hier eine zum frock coat), sie waren um 1900 bei amerikanischen Multimillionären beliebt. Der Teekönig Sir Thomas Lipton hat (ebenso wie Churchill) sein Markenzeichen, die blaue Schleife mit den polka dots, zu allen Kleidungsstücken getragen. Schon in der Zeit von 1894 bis 1900 gibt es in The Cutter & Tailor Bildbeispiele für etwas Schleifenähnliches. Der Prinz von Wales trägt eine silberne Schleife in den zwanziger Jahren zum morning coat, wahrscheinlich nur, um seinen Vater zu ärgern. Wirklich durchgesetzt hat sich der Querbinder nie. Und so lassen wir auch besser die Finger davon.

Man kann eine Blume im linken Knopfloch (und natürlich wie Charles ein farbiges Ziertuch in der Brusttasche) tragen. Für den Zweck haben englische Schneider auf der Rückseite des Revers eine kleine Schlaufe angebracht, damit man den Blumenstengel befestigen kann. Wenn die fehlt, nimmt man einen kleinen flower holder aus Sterling Silber. Eine Sicherheitsnadel tut es auch, hat aber keinen Stil. Die Viktorianer trugen sogar silberne oder gläserne Miniaturblumenvasen hinter dem Revers. So schreibt die West End Gazette 1865: A button-hole is sometimes worked in the turn for a flower and a piece of broad ribbon put unter the turn to hold a glass flower-bottle. So etwas wird in Silber heute noch angeboten, muss aber nicht sein. Wenn Sie eine Nelke im Knopfloch tragen, dann bitte ohne silbernes Staniolpapier und ohne Grünzeug

Die Manschettenknöpfe des Hemdes sollten zurückhaltend sein, also keine kleinen roten Cricketbälle oder diese runden Emailleknöpfe auf denen hot und cold steht. Uhrenketten (fob chains) über der Weste sind wie die Taschenuhren ein wenig außer Mode gekommen. Aber die Uhr sollte unauffällig sein. Etwas, was die Amerikaner dress watch nennen, auf keinen Fall eine goldene Rolex wie Derrick! Und keinen Sportchronographen. Das hat Haakon von Norwegen zu seiner Hochzeit getragen, sah furchtbar prollig aus. Man sollte zwischen einer Hochzeit und dem Tiefseetauchen doch kleine Unterschiede machen. Und die große Omega Seamaster, die William sonst immer trägt, sollte er auch lieber zu Hause lassen. Die hat er auch schon zu einem Cutaway angehabt, war definitely disgusting.

Die Hose sollte schwarz-grau gestreift sein (und niemals mit einem Gürtel getragen werden!), sie kann auch ein Fischgrätmuster neben den Streifen haben. Das eröffnet einen breiten Spielraum. Ein schmaler weinroter Streifen in dem Grau sieht auch ziemlich  elegant aus. Mein Vater war sehr unglücklich, dass sein Schneider ihn Mitte der fünfziger Jahre zu einem sehr auffälligen Schwarz-Weiß-Kontrast überredet hatte, zumal der Werftbesitzer L. später die gleiche Hose trug, da war wohl noch was von dem Stoff übrig. In den fünfziger Jahren tobte sich die Herrenmode sowieso ein wenig an den Hosen für den Cutaway aus. Nachdem der Herzog von Kent eine hellgraue Glencheckhose zum Cut in Ascot trug, machte das sofort Mode. Dabei war er nicht der erste, der in Glencheckhosen auf der Rennbahn gesehen wurde. 1954 hatte Sir Percy Lorain die junge Königin in Epsom in ähnlichen Hosen begleitet. Italienische Schneider offerierten Pepitahosen, auch einfarbige hellgraue Hosen wurden getragen. Aber derartige Verjüngungskuren nutzten nicht viel, der Cutaway war hundert Jahre nach seinem Entstehen in Deutschland eine bedrohte Spezies.

Nicht in England, wo ➱Moss Bros. seit anderthalb Jahrhunderten im Verleihgeschäft tätig ist, kostet den Träger knapp hundert Pfund, alle Größen vorrätig. Man schätzt, dass die Jahresproduktion einer auf Gesellschaftskleidung spezialisierten englischen Firma von 8.000 morning coats im Jahre 1992 direkt an Moss Bros, geliefert wurde. Mein Freund Götz, der eine Engländerin geheiratet hat, trug damals bei der Hochzeit in Liverpool auch einen morning coat von Moss Bros. Sieht auf den alten Photos sehr stylish aus. Und in England ist dieser Anzug dann auch nicht mehr ein klassenspezifisches Kostüm, nein, auch die working class möchte bei feierlichen Gelegenheiten so gekleidet sein wie die Royals. In Deutschland schleppt die Braut ihren Angebeteten in irgendeins von diesen Hochzeitsmodencenter, wo er einen Hochzeitsanzug angedreht kriegt (die Firma Pal Zileri ist mit der Linie Pal Zileri Cerimonia groß im Geschäft). Sieht in den meisten Fällen von Bawi Masterhand so grauenhaft aus wie auf dem Photo. Dann doch lieber Moss Bros.

Jetzt brauchen wir nur noch einen Zylinder, ein Paar kid gloves und die richtigen Schuhe. Was Marcel Proust hier 1921 beim Besuch der ➱Vermeer Ausstellung trägt, ist immer noch völlig korrekt. Obgleich der Stehkragen natürlich ein wenig unpraktisch ist. Aber die schlichten schwarzen Schuhe (niemals Lackschuhe) sind schon richtig, es sollte ein Oxford ohne jede Verzierung sein. Nichts anderes, es sei denn, Sie haben noch ein Paar Schnürstiefeletten aus der Zeit Königin Victorias im Schrank. Als die aus der Mode kamen und sich die Halbschuhe durchsetzten, erfand die Mode die spats, die Gamaschen. Wurden zum morning coat bei feierlichen Gelegenheiten in weiß getragen. Ist immens unpraktisch. Kamen auch schnell wieder aus der Mode. Den Todesstoß soll König George V ihnen versetzt haben. Als er zur Eröffnung der Chelsea Flower Show 1926 im schwarzen morning coat ohne Gamaschen erschien.

Der morning coat war schon eine Sensation, denn bisher war der so genannte frock coat der Anzug für offizielle Anlässe, Edward der VII wird den zehn Jahre später bei Hof abschaffen. Dass der König keine Gamaschen trug, war die zweite Sensation. Innerhalb weniger Minuten sollen die Herren seinem Beispiel gefolgt sein, knüpften ihre Gamaschen ab und deponierten sie verstohlen in den Büschen der Chelsea Flower Show. Die Gartenschau gibt es noch immer, die Gamaschen nicht mehr. Es könnte sein, dass George V mit seinem Akt des dressing down auch einen symbolischen politischen Akzent setzen wollte, denn 1926 war die Ausstellungseröffnung zum ersten Mal seit 1852 um eine Woche verschoben worden. In der Vorwoche war noch Generalstreik in England. Vielleicht glaubte er, dass er mit einem morning coat und ohne spats volksnäher wäre.

Der einzige schwarze Schuh, der neben dem Oxford noch zulässig ist, ist ein eleganter schwarzer Chelsea Boot. Für Sir Hardy Amies waren Stiefel sowieso das einzige Passende zum morning coat, so schreibt er in The Englishman's Suit: With the tail coat boots are, of course, the truly correct thing for the feet. Damit sieht man dann schon wieder ein klein wenig viktorianisch aus. Passt auch wunderbar zu viktorianischen Kleidern, falls Sie Abby Sciuto oder eine andere Goth Braut heiraten wollen. Wenn Sie jetzt nicht wissen sollten, wovon ich rede, geben Sie doch mal bei Google Gothic Wedding Dress ein. Ich habe letztens in der Müllhalde des Internets gelesen: Regarding the proper shoes, a classic that always works is a pair of black Oxfords, but black derby shoes or even monk strap shoes are also acceptable. Steht auch auf Deutsch so ähnlich da, zum Beispiel in Bernhard Roetzels Der GentlemanDer Klassiker zum Cut ist der schwarze Oxford, doch auch Monkstraps oder Loafer gehen durch. Nein, gehen nicht. Da schreibt im Netz doch nur einer irgendwelchen Unsinn vom anderen ab. So etwas können Sie tragen, wann Sie wollen, aber niemals zum Cutaway. Selbst Debrett's New Guide to Etiquette & Modern Manners, der schon sehr liberal in allen Fragen geworden ist, ist da ganz eindeutig: Shoes must be formal lace-ups: Gucci loafers simply will not do.

Und tragen Sie keine neuen Schuhe! In einer der witzigsten und bösesten Abrechnungen mit den Thatcher-Jahren, Sue Townsends The Secret Diary of Adian Mole. Aged 13 3/4, schreibt der kleine Adrian am 28. Juli 1981 in sein geheimes Tagebuch: I hope the Prince remembers to remove the price ticket off the bottom of his shoes, my father didn't at his wedding. Everyone in the church read the ticket: '9 1/2 reject, 10 shillings". Stand auf den Schuhen von Charles bestimmt nicht drauf (reject erst recht nicht), egal ob er nun Tricker's trug oder John Lobb wie sein Vater.

Es ist nicht ganz klar, wann in der Westminster Abbey zum ersten Mal vom Bräutigam ein morning coat getragen wurde, aber es wird wohl in den dreißiger Jahren gewesen sein. In der Kirche heiratet ja nun nicht jeder, und die meisten Adelssprösslinge kamen eh in Uniform zum Traualtar. Da ist natürlich eine echte Alternative zum morning coat. William hatte nur die Schwierigkeit, sich für Army, Navy oder Airforce zu entscheiden, da er unter dem Namen William Wales in allen drei Teilstreitkräften gedient hat. Bis zu den dreißiger Jahren ist der höchstoffizielle Anzug für gesellschaftliche Anlässe der frock coat gewesen. Aber der ist seit den zwanziger Jahren so langsam am Aussterben, obwohl der Pariser Dandy Boni de Castellane (auf dem Photo von Nadar in einem kurzen frock coat) lange an ihm festhält. Nach dem Ersten Weltkrieg konkurrieren mehrere Anzüge gegen den sich immer mehr als Tagesanzug durchsetzenden lounge suit um die Ehre, der Anzug für offizielle Gelegenheiten zu sein: der frock coat, der morning coat und ein Anzug, der später als der Stresemann bekannt wird. Gut, heute wissen wir, wer gewonnen hat. Damals ist das noch nicht so klar.

Als der morning coat in der Mitte des 19. Jahrhunderts auftauchte, hieß er noch Newmarket coat. Wenn er etwas weiter geschnitten war, hieß er Doncaster Coat, eigentlich war er nur eine Variante des guten alten riding coat, was man in Frankreich redingote nennt, weil die Froschfresser ja kein Englisch können. Auch wenn dies keine echte Illustration für den Übergang vom riding coat zum Newmarket coat/morning coat ist, ich muss Delacroix' Bild von Baron Schwiter ➱noch einmal hierher stellen, es gibt im 19. Jahrhundert ja wenig, was eleganter ist, vielleicht gerade noch John Singer Sargents Bild von Lord Ribblesdale.

So elegant ist der Newmarket coat zu Beginn seiner Karriere als Kleidungsstück noch nicht. 1841 heißt es im Punch über ihn: So cut that the waistcoat may be of easy access. It has only one button in use. Der Anzug ist auch noch nicht unbedingt schwarz, so preist im gleichen Jahr das Gentleman's Magazine of Fashion einen Dark green riding coat (i.e. Newmarket), white drill pleated trousers fastened by broad straps. Waistcoat of primrose cashmere. 1855 gehört er schon fest zu Kleidung des Gentleman. Da heißt es in The Habits of Good Society: There are four kinds of coat which a well-dressed man must have: a morning coat, a frock coat, a dress-coat, and an overcoat. Gleichzeitig tauchen auch die ersten Tweedjacketts auf, zu denen The Gentleman's Herald of Fashion nur der Satz einfällt: One of the most ugly, but fashionable, garments it has ever been our duty to describe.

Als der Premierminister Benjamin Disraeli im November 1864 in einer Rede in Oxford in den Streit um Darwins Thesen eingreift und sagt I am not prepared to say that the lecture-room is more scientific than the Church. Is man an ape or an angel? My Lord, I am on the side of the angels, porträtiert ihn der Punch umgehend mit Flügeln. Die hat er in Oxford aber keinesfalls getragen, er trug einen morning coat aus schwarzem Samt, was den Modebeobachtern nicht entgangen ist, weil es sehr dandyhaft chic war. Das hier ist nicht Disraeli, der ein großer Dandy war. Dies ist Charles Guillaume Frédéric Boson de Talleyrand-Périgord, Prince de Sagan (der Onkel von Boni de Castellane). Er war auch ein großer Dandy, besaß aber nichts von der Intelligenz Disraelis. Viele Dandies haben ja außer Klamotten nix im Kopp, vom Prince de Sagan bis zum Herzog von Windsor. Proust hat ihn (ebenso wie Robert de Montesquiou-Fézensacals Vorbild für den Baron de Charlus in der Suche nach der verlorenen Zeit genommen. Die Presse bezeichnete übrigens den Anzug von dem Dandy Disraeli als shooting coat, so spricht The Tailor & Cutter im Jahre 1869 von the Morning Coat or what is more commonly called 'Shooting Coat'. Und 1892 heißt es an gleicher Stelle the Morning Coat or Shooting Coat as some people will persist in calling it.

Ungefähr ab 1880 beginnt der morning coat zu einem echten Konkurrenten des frock coat zu werden. So schreibt das Gentleman's Magazine of Fashion 1887 solicitors and doctors hardly ever were frock coats, always morning coats. Und diese Berufe stehen ja in der viktorianischen Rangordnung ganz weit oben. Der morning coat nimmt jetzt seine heutige Form an, in den Jahrzehnten zuvor war er häufig noch bis weit oben zugeknöpft (obgleich das von Jahrzehnt zu Jahrzehnt variierte). Er bekommt dann auch eine Seidenbordierung am Revers, damit er eleganter wird. Der Prince of Wales trägt auf einem Photo aus den zwanziger Jahren auch so ein Modell, und in den fünfziger Jahren sieht man die Seidenbordierung (als letztes Relikt des Edwardian Style) auch wieder. Der morning coat ist aber für den Comte Robert de Montesquiou-Fezensac (was wäre Proust ohne ihn?) kein Thema, wie man auf dem Bild sieht. Und so hält sich der Gehrock in der feinen Gesellschaft beharrlich, obgleich er eigentlich unpraktisch ist. Aber Könige, Diplomaten und Politiker scheinen nicht auf ihn verzichten zu können. Noch 1899 ist für The Tailor & Cutter der frock coat die vorgeschriebene Bekleidung für Hochzeiten. Den morning coat nimmt man als informellen Tagesanzug, natürlich nicht fürs Wochenende auf dem Land. Da trägt man längst das Norfolk Jackett oder Anzüge aus Tweed.

Aber zum ➱Schlittschuhlaufen zum Beispiel wie hier Edward, der Prinz von Wales, da kann man den Cutaway gut tragen. Kommt uns heute etwas overdressed vor, illustriert aber ganz schön den damaligen Einsatzbereich des Anzugs: dressy without being formal. Ungefähr um 1888 hat der morning coat zum ersten Mal eine Brusttasche bekommen (der Frack wird in diesem Detail erst viel später folgen). Gleichzeitig kommt die Innentasche im Brustbereich auf, was sicherlich sehr praktisch ist. Eine Handy-Tasche hat er aber glücklicherweise immer noch nicht.

Seit den Tagen von Charles II (also seit der Zeit, da der dreiteilige Anzug in Mode kam) haben die englischen Könige einen poet laureate, Alfred Lord Tennyson war sehr stolz auf diesen Titel. Seit Andrew Motion erklärt hat, dass er den Job nur für zehn Jahre machen wollte, wird der Titel nicht mehr auf Lebenszeit verliehen. Zur Zeit ist das eine Frau namens Carol Ann Duffy, CBE, FRSL und LGBT. Die ließ im letzten Jahr verlauten, dass sie kein Gedicht zur Hochzeit schreiben würde. Behauptete dann später, sie sei falsch zitiert worden. Jetzt hat sie doch ☞eins geschrieben, das ist aber so kläglich, dass ich das nicht abdrucke. Nein, ich nehme lieber das Gedicht, das Sir John Betjeman zur Hochzeit von Anne und Mark Phillips 1973 schrieb, als er gerade poet laureate geworden war. Das war damals ein kleiner Skandal. War aber witzig.

Hundreds of birds in the air
And millions of leaves on the pavement,
Then the bells pealing on
Over palace and people outside,
All for the words "I will"
To love's most holy enslavement -
What can we do but rejoice
With a triumphing bridegroom and bride?

post scriptum:
Dieser Post war gestern bei meinen Lesern der Renner. Ich bin allerdings darauf hingewiesen worden, dass ich zu erwähnen vergessen hätte, dass man keine weißen Socken zum morning coat tragen darf. Muss man das wirklich erwähnen??? Mein Freund Georg beklagte, dass ihm vor Jahrzehnten Moss Bros den morning coat nicht richtig angemessen hätte und legte zum Beweis eine Seite aus dem Familienalbum bei. Ich drucke das mit seiner Erlaubnis mal eben hier ab, ich finde, er sieht da (auf dem Photo unten rechts) hervorragend aus.

P.P.S. Ein Leser beklagte sich, dass ich die schöne Geschichte The Story of Cedric von P.G. Wodehouse nicht erwähnt hätte, in der ein junger Mann gelbe Schuhe zu seinem morning coat trägt. Stimmt, habe ich nicht, aber die wunderbare Geschichte von den yellow perils und banana specials ist in diesem Blog schon vorgekommen. Lesen Sie doch einmal diesen ➱Post.

Donnerstag, 28. April 2011

Ann-Margret


Ann-Margret wird heute siebzig. Happy Birthday! Ich habe sogar eine Platte von ihr, Three Great Girls. Habe ich aber nur gekauft, weil ➱Della Reese da drauf war. Ist auch schon beinahe ein halbes Jahrhundert her. Damals waren Platten von Della Reese schwer zu bekommen. In dem Jahr sang Conny Froboess Zwei kleine Italiener und Freddy Junge komm bald wieder. War leichter zu kriegen als Della Reese oder Dakota Staton. Irgendwann habe ich mir auch eine Ann-Margret CD gekauft, war ein Sonderangebot. Wahrscheinlich weil der Text japanisch war. Kann man hören, ist in einer Bar sicher nett für den Hintergrund. Aber eine zweite Peggy Lee ist sie nun nicht, die hat ja auch schwedische Vorfahren. Aber die kann viel, viel besser singen.

Ann-Margret hat auch zusammen mit Elvis gesungen. Und sie hat für die Truppen in Vietnam gesungen. Auf der Da Nang Airbase, die die Amerikaner Freedom Hill getauft hatten. Einmal ohne Höschen, soviel zur Freiheit. Für einen deutschen Kulturkritiker war das Photo ein Beispiel für den Verfall der amerikanischen Kultur. Verfall der amerikanischen Kultur? Da kennen wir ganz andere Sachen. Ein GI sagte über die Show: the show helped us keep in touch with what we were there for -- God, Country, apple pie ... and Ann-Margret! Da wissen wir doch, worum es im Vietnamkrieg ging. Ann-Margret ist natürlich auch eine Schauspielerin. Hat mit Elvis in ➱Tolle Nächte in Las Vegas gespielt. Und sie war das Objekt der Begierde (eigentlich ist sie immer nur das Objekt der Begierde für Amerika gewesen) in Grumpy Old Men für Walter Mattau und Jack Lemmon. Für den Playboy hat sie sich auch mehrfach ausgezogen, und 2010 war sie Patriot of the Year. Irgendwie liebt Amerika diese Ann-Margret Olsson aus Schweden, die als Kind mit ihren Eltern nach Amerika ausgewandert ist.

Sie ist sogar als Ann-Margrock zu einer Cartoon Figur geworden. Singt da auch noch im ➱Cartoon. Wenn man in Amerika eine Cartoon-Figur wie Charlie Brown wird, hat man es geschafft. Einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame hat sie natürlich auch. 1967 ist sie mit einer Harley-Davidson auf die Bühne von Las Vegas gekommen. Das war kein publicity gag, sie ist wirklich eine leidenschaftliche Motorradfahrerin. Neuerdings hat sie eine Harley in Lila. Was kann sie eigentlich nicht?

Gedichte schreiben zum Beispiel. Aber ich habe heute ein Gedicht von Ann-Margaret. Nein, keine Angst, nicht von Ann-Margret Olsson. Sondern von ➱Ann-Margaret Lim aus Jamaica. Die ist da sehr berühmt, hat auch schon alle jamaikanischen Literaturpreise bekommen. Ich habe ein Dutzend ihrer Gedichte gelesen, und am besten hat mir The Cave gefallen.

It was Negril’s west end
and a slower track.
Always the sea, always 
the cliffs and a long sunset, 
and Patrick the masseur 
goading us to dive into 
the cave outside our room, 
first thing at sunrise. 
We peered into the deep, 
blue cave the day we came, 
but spent our morning in 
the blue room with coconut 
incense and a stone cut bed 
Now, in memory, 
the blue of our room was like the sea 
that spread to the horizon,

the blue canvas of the sky
that turned grey when storms threatened- 
like this hurricane we’re in, with no light, with only

a radio, while outside the white wind 
crashes down the bananas, howling.

Mittwoch, 27. April 2011

West Virginia


Almost heaven, West Virginia
Blue Ridge Mountains
Shenandoah River -
Life is old there
older than the trees
younger than the mountains
growin' like a breeze

Country Roads, take me home
to the place I belong
West Virginia, mountain momma
take me home, country roads

John Denver hat es gesungen, Take me Home, Country Roads. Danach auch jeder andere Country Sänger. Und West Virginia kommt auch in der Titelzeile des Artikels vor, den die Zeit gerade über Alison Krauss schrieb. Heute vor 150 Jahren haben sich die counties von West Virginia von Virginia getrennt. Sie wollten im Bürgerkrieg nicht auf der Seite des Südens sein. Denn mit den Großgrundbesitzern von Virginia und den FFV, den First Families of Virginia, haben die im Westen wenig gemein. Das sind die Nachfahren der armen irischen und schottischen Einwanderer für die in der Welt von George Washington & Co, kein Platz mehr war, die durften sich in den Blue Ridge Mountains ansiedeln. Und schufen sich dort ihre eigene Welt und eine eigene Kultur. Das Irland von Amerika haben sie es selbstironisch genannt. Eine Gegend voller Musik. Wie der englische Professor Cecil Sharp auf der Suche nach verlorenen englischen Balladen vor hundert Jahren feststellte. Und sein Buch schrieb: English folk songs from the southern Appalachians (Oxford University Press 1932). Die Hauptarbeit daran hatten allerdings seine Assistentin Maud Karpeles und die amerikanische Forscherin Olive Dame Campbell geleistet. Das ist immer das gleiche, die Frauen machen die Arbeit und die Männer werden berühmt.

Die singen da immer noch in West Virginia. Und dichten. Sie dichten sowieso quer durch Amerika wie Edward Field mit seiner Anthologie A Geography of Poets 1979 bewiesen hat. In West Virginia aber scheint es mehr Dichter als in anderen Staaten zu geben. Das Gedicht heute heißt Appalachian Front und ist von Robert Lewis Weeks. Das ist einer der Dichter, die völlig vom Radar des Literaturbetriebs verschwunden ist.  Zwischen 1964 und 1971 sind drei schmale Gedichtbände von Weeks bei kleinen Verlagen wie der Juniper Press erschienen. 1956 gab es von ihm bei der Indiana University Press ein Buch über Defoe und Swift, ich nehme mal an, dass das seine Dissertation war. In den sechziger Jahren lehrte er an der Stephen F. Austin University in Texas, mehr weiß ich nicht über ihn. Aber das Gedicht Appalachian Front, das zuerst im New Yorker vom 1. Mai 1965 erschienen ist, das finde ich sehr schön.

Panther lies next to Wharncliffe
and Wharncliffe next to Devon
and Devon next to Delorme.
In each a single fisherman casts
in the slow, black water of the Big Sandy.
Catfish is the whisker lurking
behind the bobbing cork.
He lives, it seems, in dense night
from day to day until the fisherman
from Wharncliffe pulls him out
to be fried in tin-roof, tarpaper shacks
from there to Matewan.


Politicians call this valley a depressed area.
But, under the sun, my heart
will not have it so.
Straight up from the brackish water,
up the mountainside, green pointed trees
as close as bird's wings
grow fierce and clean,
and then for miles beside the tracks
the river moves faster over the rocks
and the water isn't black at all--
only the silt underneath.
The water over the rocks
is running clear and cold and pure. 

Dienstag, 26. April 2011

Mont Ventoux


Den höchsten Berg unserer Gegend, der nicht unverdienterweise der windige genannt wird, habe ich gestern bestiegen, lediglich aus Verlangen, die namhafte Höhe des Ortes kennenzulernen.
Jener Berg, weit und breit sichtbar, stund mir fast allzeit vor Augen, allmählich ward mein Verlangen ungestüm, und ich schritt zur Ausführung... schreibt Petrarca am 27. April 1336. Heute vor 675 Jahren soll er auf den Mont Ventoux geklettert sein. Es gab natürlich noch keine Armbanduhren, sonst würde natürlich die ➱Firma Rolex damit Reklame machen, dass Petrarca auf dem Mont Ventoux eine Rolex am Arm hatte wie Edmund Hillary auf dem ➱Mount Everest. Ich kann mich noch genau an die Werbeanzeigen vom Sherpa Tenzing Norgay mit einer goldenen Rolex am Arm erinnern. Aber die Geschichte darf Rolex ja nicht mehr erzählen. Weil sie nicht wahr ist. Die goldene Rolex hat er erst hinterher bekommen.

Ob es wirklich wahr ist, dass Petrarca oben auf dem Berg war, ist auch nicht so ganz klar, manche behaupten, dass der Beginn des Alpinismus lediglich in der Phantasie des Dichters stattfand. Und dass der berühmte Brief an den Augustinermönch Dionigi di Borgo San Sepolcro nicht direkt nach der Besteigung geschrieben wurde sondern ein Jahrzehnt später. Denn der Brief klingt doch arg nach einer literarischen Inszenierung. Vor allem wenn Petrarca auf dem Gipfel die Confessiones des Augustin aus der Tasche hervorzieht:

Zur Rechten aber waren die Berge der lyonischen Provinz, zur Linken der Meerbusen und die etliche Tagereisen entfernten Gewässer von Aigues-Mortes aufs deutlichste sichtbar; die Rhone selbst strömte vor unsern Augen. Wie ich nun dies im einzelnen bewunderte und bald mich nach irdischen Dingen erkundigte, bald nach Vorbild des Leibes auch den Geist in höhere Sphären versetzen wollte, kam mir zu Sinn, das Buch der Bekenntnisse des Augustinus aufzuschlagen, um zu lesen, was mir entgegentreten würde. Mein Bruder, erwartungsvoll, etwas von Augustinus zu vernehmen, stund mit gespannter Aufmerksamkeit - ich rufe Gott an und ihn selber, der bei mir war -, wie ich die Augen auf das Blatt senkte, stund geschrieben: Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans Umkreis und der Gestirne Bahnen, und verlieren dabei sich selber.

Die Bewunderung der Natur als ästhetisches Erlebnis ist noch nicht angesagt, für Petrarca gibt es in seinem Brief an seinen Beichtvater (und dieser Brief ist ja auch eine Art Beichte) oben auf dem Berg ein quasi-religiöses Erlebnis. Wenn schon nicht die Bibel, dann muss Augustinus gelesen werden. Die gefühlvolle  Begeisterung für die Bergwelt, kommt erst vierhundert Jahre später, wenn die Engländer auf ihrer ➱Grand Tour die Alpen zum Pflichtprogramm machen. Und für die deutsche Literatur, wenn Wilhelm Heinse (der erste deutsche Italienreisende der wirklich Augen für die Schönheit der Landschaft hat) auf dem Gotthard auch ein quasi-religiöses Erlebnis hat: da ward alles still, bis auf ein Geräusch ferner Katarakten, und mich wehte heilig leis in der Dunkelheit zwischen feuchten Felsen eine Stimme wie von einem Geist an - Was staunst Du, Schüchterner, kleines Geschöpf! Und dann spricht der Berggeist zu ihm: Ich bin der Anfang und das Ende. Erkenn in mir die Natur in ihrer unverhüllten Gestalt, zu hehr und mächtig und heilig, um von euch Kleinen zu euren Bedürfnissen eingerichtet, verkünstelt und verstellt zu werden. Jedes Element ist ewig wie die Welt, und alles andere wird und ist und vergeht: aber die Arten der Elemente und die verschiedenen Formen, wozu sie anwachsen, sind unzählbar. Nun geh hin, dir ist das Evangelium gepredigt! Heinse ist ja immer sehr emphatisch.

Denn in dieser Zeit ist die Verherrlichung der Bergwelt nicht jedermanns Sache. Goethe spricht von seinen unnützen Reisen in die Schweiz und mäkelt über diese Zickzackkämme, die widerwärtigen Felswände, diese ungestalteten Gebirgspyramiden, welche die schönsten Weltbreiten mit den Schrecknissen des Nordpols bedecken, wie sollte ein Menschenfreund sie preisen? Goethe und Heinse haben sich gekannt, zuerst waren sie sich sehr sympathisch. Aber später war (zum Beispiel in Dichtung und Wahrheit) Heinse unserem Olympier keiner Erwähnung mehr wert. Nur eine gehässige Bemerkung über den Künstlerroman Ardinghello, den Heinse als Ergebnis des Italienaufenthaltes geschrieben hat, findet sich noch bei Goethe: Nach meiner Rückkunft aus Italien, wo ich mich zu größerer Bestimmtheit und Reinheit in allen Kunstfächern auszubilden gesucht hatte, unbekümmert was während der Zeit in Deutschland vorgegangen, fand ich neuere und ältere Dichterwerke in großem Ansehen, von ausgebreiteter Wirkung, leider solche die mich äußerst anwiderten, ich nenne nur Heinse's 'Ardinghello' und Schiller 'Räuber'. Jener war mir verhaßt, weil er Sinnlichkeit und abstruse Denkweise durch bildende Kunst zu veredeln und aufzustutzen unternahm. Ist wahrscheinlich nur Neid, weil Goethe seine Italienische Reise erst dreißig Jahre später fertig kriegt.

Diese negative Sicht der Natur durch Goethe in seinem Spätwerk (aus dem stammt das obige Zitat von den Zickzackkämmen und widerwärtigen Felswänden) hat eine lange Tradition, denn die Naturschönheiten sind lange verteufelt worden, die Natur ist eine feindliche Natur. Spätestens seit Luther behauptet hat, dass die Natur durch den Sündenfall mit ins Verderben gezogen wurde. Und so konnte am Anfang des 17. Jahrhunderts der Bischof von Gloucester, Godfrey Goodman, in seinem Buch mit dem vielsagenden Titel The Fall of Man, or the Corruption of Nature argumentieren, dass unwirtliche Gegenden, vor allem die Berge, nichts als eine Mahnung an den Sündenfall seien. Ähnliches liest man schon bei John Donne in The Anatomy of the World, wo Berge und Täler als warts and pock-holes in the face of the earth bezeichnet werden.

Das Erklimmen der Berge ist seit Jahrhunderten beschrieben worden, aber diejenigen, die in Briefen darüber schreiben wie John of Salisbury über den Großen Sankt Bernard Pass (on the one hand looking up to the heaven of the mountain; on the other shuddering at the hell of the valleys) ersteigen die Berge nicht zum Vergnügen. Die Alpen sind nun mal im Weg, wenn man zum Papst gerufen wird. Das berühmte Hospiz da oben gibt es schon, die Bernhardiner kommen allerdings erst ein paar Jahrhunderte später. Aber im Gegensatz zu John of Salisbury besteigt Petrarca Den höchsten Berg unserer Gegend ... lediglich aus Verlangen, die namhafte Höhe des Ortes kennenzulernen. Wenn er denn jemals oben war.

Wir sollten einen Augenblick an einen Philosophen und Wissenschaftler denken, der in diesem Zusammenhang seltener erwähnt wird, nämlich an Jean Buridan. Ja, richtig, der Buridan von Buridans Esel. Der ist nämlich auch auf dem Mont Ventoux gewesen, noch vor Petrarcas angeblicher Besteigung. Hat den Berg sogar noch vermessen. Aber über den redet kaum jemand, weil jede Kulturgeschichte dem Francesco Petrarca die Bergbesteigung zuschreibt. Und sofort eine Veränderung der Naturauffassung konstatiert. Und was ist mit dem Erzbischof Anno von Köln einige Jahrhunderte früher, der im Alter gerne auf Berge kletterte? Das steht so vor hundert Jahren in der 86-seitigen Dissertation Über Naturgefühl in Deutschland im 10. und 11. Jahrhundert von Gertrud Stockmayer (eine der ersten Studentinnen in Tübingen). Zwischen Anno von Köln und den Herren Lionel Terray und Luis Trenker liegt beinahe ein Jahrtausend literarischer Gipfelbewältigung. Die Stimme von ➱Petrarca ist nur eine unter vielen, seine Liebessonette sind wohl wichtiger als sein hochliterarischer Brief.

Zwei Jahrhunderte nach Petrarca schreibt der Schweizer Arzt und Naturforscher Conrad Gesner ohne jedes literarisierende Brimborium in einem Brief an den hochberühmten Herrn Jakob VogelIch habe mir vorgenommen fortan, so lange mir Gott das Leben gibt, jährlich mehrere oder wenigstens einen Berg zu besteigen, wenn die Pflanzen im Blüte sind, teils um diese kennenzulernen, teils um den Körper auf eine ehrenwerte Weise zu üben und den Geist zu ergötzen. Denn welche Lust ist es, und, nicht wahr, welches Vergnügen für den ergriffen Geist, die gewaltige Masse der Gebirge wie Schauspiel zu bewundern und das Haupt gleichsam in die Wolken zu erheben. Ich weiß nicht, wie es zugeht, dass diese unbegreiflichen Höhen das Gemüt erschüttert und hingerissen wird zur Betrachtung des erhabenen Baumeisters.

Ein Berggedicht habe ich auch noch. Geschrieben von ➱Emily Dickinson, bei der ich nie weiß, ob sie eine bedeutende Dichterin oder nur eine dichtende Hausfrau ist. Aber auf einen Berg ist sie nie geklettert.

The Mountain sat upon the Plain
In his tremendous Chair -- 
His observation omnifold, 
His inquest, everywhere -- 
The Seasons played around his knees 
Like Children round a sire --
Grandfather of the Days is 
He Of Dawn, the Ancestor --

Montag, 25. April 2011

Porsche


Heute vor 80 Jahren hat Ferdinand Porsche sein Konstruktionsbüro als Dr. Ing. hc. F. Porsche Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Konstruktionen und Beratungen für Motoren und Fahrzeugbau im Register für Gesellschaftsfirmen eintragen lassen. Der Beginn einer deutschen Erfolgsgeschichte. Das Internet ist voll von Porschewitzen, die vom Niveau meist noch unter Blondinenwitzen liegen. Es gibt auch sehr viel Porschewitze, in denen Blondinen vorkommen. Ich erzähle heute keinen Porschewitz. Ich erzähle überhaupt keine Porschewitze mehr. Seit ich einmal beim Abendessen in vornehmer Umgebung einen wirklich schönen Porschewitz erzählt habe und mir der Neffe der Gastgeberin, der Freiherr von N. hinterher zuflüsterte, dass er Mitglied in einem Porsche-Club sei. Also lasse ich die Porschewitze weg und gehe auch nicht der Frage nach, weshalb Porschefahrer immer auf Behindertenparkplätzen parken.

Da dies in Amerika Poetry Month ist und auch in meinem Blog jeden Tag ein Gedicht serviert wird, habe ich natürlich auch etwas aus der amerikanischen Popkultur, in dem Porsches vorkommen. Zum Beispiel Janis Joplin:

Oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz ?
My friends all drive Porsches, I must make amends.
Worked hard all my lifetime, no help from my friends,
So Lord, won't you buy me a Mercedes Benz ?

Oh Lord, won't you buy me a color TV ?
Dialing For Dollars is trying to find me.
I wait for delivery each day until three,
So oh Lord, won't you buy me a color TV ?

Oh Lord, won't you buy me a night on the town ?
I'm counting on you, Lord, please don't let me down.
Prove that you love me and buy the next round,
Oh Lord, won't you buy me a night on the town ?

Everybody!
Oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz ?
My friends all drive Porsches, I must make amends,
Worked hard all my lifetime, no help from my friends,
So oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz ?

That's it!

Nicht genug Porsches? Dann lesen Sie doch dies bezaubernde Gedicht The Red Porsche von Charles Bukowski: 

it feels good
to be driven about in a red
porsche
by a woman better-
read than I
am.
it feels good
to be driven about in a red
porsche
by a woman who can explain
things about
classical
music to
me.


it feels good
to be driven about in a red
porsche
by a woman who buys
things for my refrigerator
and my
kitchen:
cherries, plums, lettuce, celery,
green onions, brown onions,
eggs, muffins, long
chilis, brown sugar,
Italian seasoning, oregano, white
wine vinegar, pompeian olive oil
and red
radishes.

I like being driven about
in a red porsche
while I smoke cigarettes in
gentle languor.

I'm lucky. I've always been
lucky:
even when I was starving to death
the bands were playing for
me.
but the red porsche is very nice
and she is
too, and
I've learned to feel good when
I feel good.

it's better to be driven around in a
red porsche
than to own
one. the luck of the fool is
inviolate.


Sonntag, 24. April 2011

Ostern


And he is risen? Well, be it so . . .
And still the pensive lands complain,
And dead men wait as long ago,
As if, much doubting, they would know
What they are ransomed from, before
They pass again their sheltering door.

I stand amid them in the rain,
While blusters vex the yew and vane;
And on the road the weary wain
Plods forward, laden heavily;
And toilers with their aches are fain
For endless rest--though risen is he.

Das Gedicht ist von Thomas Hardy und heißt A Drizzling Easter Morning. Schlechtes Wetter zu Ostern wollen wir ja nicht. Ebenso wenig wie die Spritpreise und die Staus auf den Autobahnen. Und ebenso wenig wie den Milka Schmunzelhasen oder den Lindt Goldhasen im Februar in den Regalen. Oder Dioxin in den Ostereiern. Ostern ist schon beinahe so kommerzialisiert wie Weihnachten, irgendwie ist das schrecklich. Was spricht eigentlich dagegen, zuhause zu bleiben, in die Kirche zu gehen, einen Osterspaziergang zu machen und ein Bach Oratorium aufzulegen?

Bei mir gibt es heute Bachs Passio secundum Johannem im Wohnzimmer, die zweite Fassung von 1725. Die wird selten gespielt. Ich habe eine Aufnahme von dem kleinen Label Dabringhaus und Grimm, die sehr audiophile Sachen machen. Klingt nicht nur in der Kirche gut, klingt auch im Wohnzimmer phantastisch, egal wie das Wetter ist.

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Osterfest.

Samstag, 23. April 2011

Lastkraftwagen


Heute vor 58 Jahren kam der Film Lohn der Angst (Le salaire de la peur) in die Kinos. Durfte ich natürlich noch nicht rein, war erst ab 16. Wahrscheinlich wegen der nackten Frau, die da draußen duscht, während sich Yves Montand auf dem Boden sitzend die Schuhe anzieht. Und die dann eine Tarantel in ihrem weißen ➱Handtuch findet. Sie soll eine Brasilianerin gewesen sein. War aber nicht die Ehefrau des Regisseurs Georges Clouzot, die auch aus Brasilien kam. Wenn man damals Teenie war, interessierten einen nackte Frauen im Kino schon. Es gab ja nicht so viele, außer ➱Ulla Jacobson in Sie tanzte nur einen Sommer. War das eine unschuldige Zeit! Heute drücken sich Teenies nicht mehr die Nase an den Schaukästen mit Filmphotos in der Eingangshalle des Kinos platt, die hocken heute vorm Computer und ziehen sich Pornos rein. Heute kriegt man Lohn der Angst bei Amazon Marketplace ab 4,44 €. Der ebenso spannende Film von Georges Clouzot Die Teuflischen kostet das gleiche. Die Romanvorlage zu dem Film war von den Herren Boileau und Narcejac, den Meistern des psychologischen Kriminalromans, die auch ein lesbares Buch über den Detektivroman geschrieben haben.

Der Film Lohn der Angst war schon toll. Ist er eigentlich immer noch. Ist auch immer noch FSK ab 16. Lastwagen, Nitroglycerin und harte Männer in Unterhemden. ➱Yves Montand immer mit der Zigarette, die an der Unterlippe klebte, wie bei ➱Lucky Luke. Und unser internationaler Star Peter van Eyck, der sich den Tod vor Augen noch ordentlich rasiert. Immer ein Gentleman. Obgleich der ja eigentlich kein Deutscher sondern Amerikaner war. Billy Wilder hatte ihn zum Film geholt, da durfte er wie so viele Deutsche in Hollywood Wehrmachtsoffiziere spielen. Aber mein Held war natürlich nicht der weißblonde Peter van Eyck sondern Yves Montand. Ich übte vorm Spiegel, die Ziggi wie Yves Montand an der Unterlippe kleben zu lassen, ist mir aber nie so überzeugend gelungen. Und außerdem konnte er noch singen, das kriegte ich nicht hin, obgleich ich eine Vielzahl von Chansons von Jacques Prévert auswendig konnte. Ich hatte ja Gedichte und Chansons, das 1950 bei Rowohlt erschienen war. Zweisprachig, mit der Übersetzung von Kurt Kusenberg. Und so muss als Gedicht des Tages natürlich Jacques Préverts Les Feuilles Mortes kommen, das ja für Yves Montand für den Film Les Portes de la nuit (1946) geschrieben wurde. Alle französischen Chansonsänger haben es gesungen, alle anderen Sänger auch. Außer Marlene Dietrich. Aus Trotz, weil sie in dem Film nicht mitspielen durfte. Juliette Gréco hat das Lied bei ihren Auslandstourneen Anfang der fünfziger Jahre bekanntgemacht, und neuerdings singt Hannes Wader es als Welke Blätter bei seinen Konzerten. Aber wir nehmen heute mal ➱Yves Montand, auch wenn dies nicht die Aufnahme von 1946 ist.

Oh, je voudrais tant que tu te souviennes
Des jours heureux où nous étions amis
En ce temps là la vie était plus belle
Et le soleil plus brûlant qu'aujourd'hui

Les feuilles mortes se ramassent à la pelle
Tu vois je n'ai pas oublié
Les feuilles mortes se ramassent à la pelle
Les souvenirs et les regrets aussi


Et le vent du nord les emporte
Dans la nuit froide de l'oublie
Tu vois je n'ai pas oublié
La chanson que tu me chantais

C'est une chanson, qui nous ressemble
Toi tu m'aimais et je t'aimais
Nous vivions tous les deux ensemble
Toi qui m'aimais, moi qui t'aimais

|: Mais la vie sépare ceux qui s'aiment
Tout doucement sans faire de bruit
Et la mer efface sur le sable
Les pas des amants désunis:|


Freitag, 22. April 2011

Karfreitag


John Donne: GOOD-FRIDAY, 1613, RIDING WESTWARD.

LET man's soul be a sphere, and then, in this,
Th' intelligence that moves, devotion is ;
And as the other spheres, by being grown
Subject to foreign motion, lose their own,
And being by others hurried every day,
Scarce in a year their natural form obey ;
Pleasure or business, so, our souls admit
For their first mover, and are whirl'd by it.
Hence is't, that I am carried towards the west,
This day, when my soul's form bends to the East.
There I should see a Sun by rising set,
And by that setting endless day beget.
But that Christ on His cross did rise and fall,
Sin had eternally benighted all.
Yet dare I almost be glad, I do not see
That spectacle of too much weight for me.
Who sees Gods face, that is self-life, must die ;
What a death were it then to see God die ?
It made His own lieutenant, Nature, shrink,
It made His footstool crack, and the sun wink.
Could I behold those hands, which span the poles
And tune all spheres at once, pierced with those holes ?
Could I behold that endless height, which is
Zenith to us and our antipodes,
Humbled below us ? or that blood, which is
The seat of all our soul's, if not of His,
Made dirt of dust, or that flesh which was worn
By God for His apparel, ragg'd and torn ?
If on these things I durst not look, durst I
On His distressed Mother cast mine eye,
Who was God's partner here, and furnish'd thus
Half of that sacrifice which ransom'd us ?
Though these things as I ride be from mine eye,
They're present yet unto my memory,
For that looks towards them ; and Thou look'st towards me,
O Saviour, as Thou hang'st upon the tree.
I turn my back to thee but to receive
Corrections till Thy mercies bid Thee leave.
O think me worth Thine anger, punish me,
Burn off my rust, and my deformity ;
Restore Thine image, so much, by Thy grace,
That Thou mayst know me, and I'll turn my face.

Hat er Glaubenszweifel? Er steht kurz davor, in der Church of England ordiniert zu werden, das ist jetzt die Staatskirche. Früher war er katholisch, manche seiner Verwandten haben in den Glaubenskämpfen zwischen Katholiken und Anglikanern ihr Leben verloren oder mussten ins Ausland fliehen. Es ist ja erst ein halbes Jahrhundert her, dass Mary auf dem englischen Thron saß, die man Bloody Mary nennt. Und damit meint man nicht den Tomatensaft. John Donne bleibt als berufliche Aussicht jetzt nur noch als letzte Chance die anglikanische Kirche. Das hat der König entschieden, als sich der Earl of Somerset auf Donnes Bitten hin um eine Beamtenstelle für Donne bemüht: I know Mr Donne is a learned man, has the abilities of a learned divine, and will prove a successful preacher and my desire is to prefer him that way; and in that way I will deny you nothing for him. Bei John Donne ist das nicht so ganz angekommen, denn als er das Gedicht schreibt, bemüht er sich noch um die Stellung eines Botschafters in Venedig.

Er hat das Gedicht wirklich an einem Karfreitag geschrieben. Auf einem der Manuskripte findet sich der Satz Goodfriday. Made as I was Rideing westward, that day. Er ist auf dem Weg zu seinem Freund Sir Philip Herbert nachdem er die letzten Monate auf dem Landsitz seines Freundes Sir Henry Goodyer verbracht hat. Er schnorrt sich jetzt ein wenig durch, er ist ein armer Mann, erst die kirchliche Laufbahn wird ihm einen gewissen Wohlstand verschaffen. Von der Realität der Reise zu Pferd von 65 Meilen dringt nichts in das Gedicht ein, wie John Carey in seinem Buch John Donne: Life, Mind and Art mit sanfter Ironie vermerkt: Warwickshire and Shropshire, with their rivers, birds, trees and sizeable populations, have been obliterated - as, for that matter, has Donne's horse. It is no earthly terrain he passes across. The poem's geography is surreal. He moves like a planet away from a giant crucifix, the landscape's only feature, which he dare not look at, and on which Christ hangs, watching him. In all the two countries, Donne and Christ are the two sole figures.

John Donne wird das werden, was der König James für ihn vorgesehen hat, a successful preacher. Ostern 1619 wird er für den erkrankten König eine seiner berühmten ➱Predigten halten. Wenige Wochen später begleitet er auf Befehl des Königs den Diplomaten James Hay, Viscount Doncaster, nach Deutschland. Da hat gerade der Dreißigjährige Krieg angefangen. John Donne hält eine Predigt, mit der er sich ein wenig Mut macht (Sermon No. 12) und die er the Lady Elizabeth at Heydelberg widmet. Das ist die Tochter von James I, die Friedrich von der Pfalz (den man als Winterkönig kennt) geheiratet hat. Und da ist der Doktor der Theologie John Donne doch in der großen Politik, wohin er so gerne wollte. Er schreibt vor seiner Reise natürlich gleich ein Gedicht. Das kann er nicht lassen, auch wenn seine Zeitgenossen gar nicht wissen, dass der Dean of St. Pauls der bedeutendste Dichter Englands ist, weil seine Gedichte erst nach seinem Tod veröffentlicht werden.

Donnerstag, 21. April 2011

Opernsänger


Wenn wir an Opernsänger denken, dann denken wir nicht zuerst an Amerikaner. Wir denken an Italiener. Und wenn die Amerikaner Opernsänger an der Met brauchen, dann verpflichten sie Enrico Caruso oder Ferrucio Tagliavini. Aber es gibt durchaus bedeutende amerikanische Sänger wie Thomas Hampson oder (eine Generation älter) Sherill Milnes. Und es gab eine Zeit, da die amerikanischen Sänger eine wirkliche Konkurrenz für die Italiener darstellten, damals als Leonard Warren, Robert Merrill, Richard Tucker und Mario Lanza die Opernbühne beherrschten.

Leonard Warren wurde heute vor einhundert Jahren geboren. Seine Eltern waren aus Russland nach New York gekommen und hatten ihren Namen Warenoff amerikanisiert. Leonard Warren ist der berühmteste Bariton Amerikas geworden. Man hatte das Naturtalent bei einem Wettbewerb entdeckt, die Metropolitan Opera hat ihn sofort gebucht. Und ihn erstmal nach Italien geschickt, damit er seine Stimme perfektionierte. Danach war er von der Bühne der Met nicht mehr wegzudenken, über 650 Mal ist er dort aufgetreten. Er ist auf der Bühne der Met gestorben. Während er die Arie O Tod, du Wort des Grauens sang. Dazu sagt nun wohl jeder, dass das eine Ironie des Schicksals ist. Der Direktor der Met Rudolf Bing (den die englische Königin später geadelt hat) trat vor den Vorhang und sagte, dass man die Aufführung von Die Macht des Schicksals leider nicht fortsetzen könne. Als Armand Castelmary 1897 in der Met während einer Aufführung von Flotows Martha auf offener Bühne starb, hielt das Publikum seine verzweifelten Bewegungen für große Schauspielkunst und klatschte Beifall. Damals hat man weitergespielt. Bei YouTube kann man Leonard Warren die schicksalhafte Arie Morir! Tremenda cosa singen hören, allerdings sieben Jahre vor seinem Tod.

Wie die meisten amerikanischen Opernsänger hat er auch Volkstümliches gesungen, wie zum Beispiel O Danny Boy. Und 1947 hat er On the Road to Mandalay gesungen (Frankie Boy Sinatra sang das auch mal). Kiplings Mandalay gab es ☛hier in diesem Blog ja auch schon einmal. Leonard Warren hat heute immer noch seine Fans, und es gibt auch noch genügend Aufnahmen von ihm.

Hundert Jahre vor Warrens Aufnahme von On the Road to Mandalay schreibt Joseph von Eichendorff nach dem Besuch des Künstler- und Schriftstellervereins Concordia in einem Brief an seinen Sohn: den gantzen Abend wurden von einem Opernsänger Lieder von mir gesungen, von Dessauer unglaublich schön komponirt. Und er hat auch ein schönes kleines Gedicht über das Singen geschrieben:

Singen kann ich nicht wie du
Und wie ich nicht der und jener,
Kannst du's besser, sing frisch zu!
Andre singen wieder schöner,
Droben an dem Himmelstor
Wird's ein wunderbarer Chor.

Mittwoch, 20. April 2011

Max Oertz


The Yachts

contend in a sea which the land partly encloses
shielding them from the too-heavy blows
of an ungoverned ocean which when it chooses

tortures the biggest hulls, the best man knows
to pit against its beatings, and sinks them pitilessly.
Mothlike in mists, scintillant in the minute

brilliance of cloudless days, with broad bellying sails
they glide to the wind tossing green water
from their sharp prows while over them the crew crawls

ant-like, solicitously grooming them, releasing,
making fast as they turn, lean far over and having
caught the wind again, side by side, head for the mark.

In a well guarded arena of open water surrounded by
lesser and greater crafts which, sycophant, lumbering
and flittering follow them, they appear youthful, rare

as the light of a happy eye, live with the grace
of all that in the mind is fleckless, free and
naturally to be desired. Now the sea which holds them

is moody, lapping their glossy sides, as of feeling
for some slightest flaw but fails completely.
Today no race. Then the wind comes again. The yachts

move, jockeying for a start, the signal is set and they
are off. Now the waves strike at them but they are too
well made, they slip through, though they take in canvas.

Arms with hands grasping seek to clutch at the prows
Bodies thrown recklessly in the way are cut aside.
It is a sea of faces about them in agony, in despair

until the horror of the race dawns staggering the mind;
the whole sea become an entanglement of watery bodies
lost to the world bearing what they can not hold. Broken,

beaten, desolate, reaching from the dead to be taken up
they cry out, failing, failing! their cries rising
in waves skill as the skillful yachts pass over.

The Yachts ist ein berühmtes Gedicht des amerikanischen Dichters William Carlos Williams. Zuerst sieht es aus, als wollte es lediglich die Schönheit der Hochseeyachten beschreiben, aber dann bekommt es doch einen ganz anderen Ton. Die hilflos im Wasser treibenden Gestalten haben manche Interpreten an William Turners Bild The Slave Ship erinnert. Das Gedicht wurde 1935, also in der Great Depression, veröffentlicht und war vom Dichter durchaus als Sozialkritik gemeint. Wie auch aus einer handschriftlichen Notiz in der Manuskriptsammlung der Columbia University hervorgeht: ... the yachts do not sink but go on with the race while only in the imagination are they seen to founder. It is a false situation which the yachts typify with the beauty of their movements while the real situation (of the poor) is desperate while 'the skillful yachts pass over.

Williams wird bei seinen Segelbooten (die die kapitalistische Klasse symbolisieren) die Segelregatten vor Newport im Sinn gehabt haben. Die amerikanischen und englischen Millionäre haben nämlich ein neues Spielzeug, eine neue, genormte Bootsklasse der Luxusyachten, die J-Class. Die schönsten Segelyachten, die je gebaut wurden. Manche, wie die Endeavour, segeln heute noch, liebevoll restauriert. Wenn Sie wissen wollen, wie es an Bord der Shamrock aussah, die Sir Thomas Lipton gehörte, dann schauen Sie einmal in diesen kleinen Film. ➱Sir Thomas Lipton hat zwar niemals den America's Cup gewonnen, aber seine Teilnahme daran war auch gut für das Geschäft. Plötzlich kannte ganz Amerika Lipton Tea. Sir Thomas passt nicht so ganz in das Bild, das Willliam Carlos Williams von der segelnden Millionärsklasse zeichnet, er hat viele gute Werke getan und im Ersten Weltkrieg seine Yachten dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt.

Sie werden wahrscheinlich noch nicht von Max Oertz gehört haben, der heute vor 140 Jahre geboren wurde, aber in dem kleinen Kaff aus dem ich komme, kannte man den Namen schon. Weil man bei Abeking&Rasmussen Segelyachten gebaut hat, die Max Oertz konstruiert hatte. Max Oertz ist der erste deutsche Yachtkonstrukteur von Bedeutung gewesen. Darauf hatte die Nation gewartet. Nun brauchte man sich die Großsegler nicht mehr in England oder Amerika zu bestellen. Als einer der ersten orderte Krupp seine Germania (Deutsch vom Kiel bis zum Flaggenknopf), dann kam Wilhelm II mit seiner Meteor IV (das das links ist die Meteor 1910 in Travemünde). Über die Segelleidenschaft des Kaisers - dessen nautische Fähigkeiten sich auf das Posieren auf Deck beschränkten, er hätte wohl keinen Optimisten über die Kieler Förde segeln können - gibt es ein sehr hübsches kleines Gedicht, das ich meinen Lesern nicht vorenthalten will:

Was steigt denn da am Horizont
für´n schwarzer Rauch empor?
Es ist des Kaisers Segelyacht,
die stolze “Meteor”
Der Kaiser steht am Steuerrad,
Prinz Heinrich hält die Schot,
Und hinten hißt Prinz Adalbert
Die Flagge Schwarz-Weiß-Rot.
(Und achtern, tief in der Kombüse,
Brät Speck Victoria Louise!)
Ein Volk, dem solche Fürsten stehn,
Da hat es keine Not.
Deutschland kann niemals untergehen.
Es lebe Schwarz-Weiß-Rot.
So stehn wir an des Thrones Stufen,
Und halten ihn in Treue fest,
Und sind bereit, Hurra zu rufen,
Wo es sich irgend machen läßt.

Als das zum ersten Mal im Wilhelmshavener Offizierskasino von einem Fähnrich im Kieler Knabenanzug vorgetragen wurde, soll sich seine Majestät über die Maßen amüsiert haben. Wenig später lachte die ganze Küste. Ich nehme an, dass der Fähnrich später Kabarettist geworden ist.

Dies hier ist nicht die Meteor, das ist Ihrer Majestät Yacht Iduna. So ein ähnliches Photo hängt bei mir im Flur. Mein Freund Ekke hat mir einmal einen Abzug von einer photographischen Glasplatte aus dem 19. Jahrhundert gemacht, die er im Keller eines Abbruchhauses gefunden hatte. Damals gab es keine Computer und kein Internet, und es war nicht so leicht an Material über die kaiserlichen Yachten zu kommen. Man konnte nicht wie heute mit einem Klick alle möglichen Photos von der Iduna finden. Die Iduna hieß zuerst Yampa und war 1887 in Amerika gebaut worden (auch Wilhelms Meteor I-III kamen aus Amerika beziehungsweise aus Schottland). Der Kaiser hatte sie gekauft und soll im Jahre 1901 bei einer Regatta auf der Kieler Förde sogar am Ruder gestanden haben, dann hatte er sie seiner Gattin geschenkt. Da wurde die Iduna wohl nur noch, wie man an der Küste spöttisch sagte, bei Damenwind gesegelt. Unter diesem leicht abwertenden Begriff verstand man die Windstärke 1-2. Die seglerische Welt wird im wilhelminischen Deutschland noch vom Herrensegler beherrscht. Erst 1923 gibt es in Oevelgönne einen Verein aus der Arbeiterbewegung, der zuerst Arbeiter Segel Verein heißen sollte, dann aber doch Segelclub Tümmler Oevelgönne getauft wird.

Ich bin mit meinem Photo damals zum Kieler Yacht Club gegangen, und der pensionierte Admiral Hans-Ulrich Rösing hat das Bild sofort als die Iduna identifiziert. Wollte es auch gleich für die Sammlung des KYC ankaufen, aber ich habe es natürlich behalten.

Dienstag, 19. April 2011

Dänische Kunst


Distinguished by steeples, castles, and coolly classic white houses erected after the great fire of 1795, Copenhagen, with a population of about a hundred thousand, was picturesque, and the Royal Academy of Fine Arts, housed in the Charlottenborg Palace, produced, under the aegis of the painter and professor Christoffer Wilhelm Eckersberg, a sudden generation of young painters. Of these, Christen Kobke, a short and staid baker’s son who began to study at the Academy when he was twelve, did not especially stand out. The portraitists Christian Jensen and Willem Marstrand both had reputations higher than Kobke’s; the most famous contemporary Danish artist of all was Bertel Thorvaldsen, a sculptor who lived in Rome. Kobke, who had ten siblings, was a pious self-doubter and, until his wealthy father died in 1843, under no financial pressure to make a splash. He often gave his canvases away as gifts, sold a mere two to the Royal Collection, and was twice rejected for membership in the Academy. In 1848, at the age of thirty-seven, he died, after a decade of family deaths, straitened circumstances, and artistic wane. Only toward the end of the nineteenth century did his reputation begin to revive. Now he is considered the best painter of his age—”The Golden Age” has become “The Age of Kobke”—if not the greatest Danish painter of all time.

Dies schøne dänische ø haben die Amerikaner ja nicht so drauf, bei uns heißt der Kobke immer noch immer Christen Købke. Der Verfasser des Artikels im New York Review of Books ist übrigens kein geringerer als ➱John Updike gewesen. Ich war früher immer wieder erstaunt, wie kenntnisreich er über Kunst schreiben konnte. Updike hat 1993 auch einen Anlass für seinen langen Artikel über Købke: Yet he is still barely known outside Denmark. Sanford Schwartz’s 'Christen Kobke' is the first American book about this painter. The most extensive previous consideration in English was to be found in Kasper Monrad’s fine catalog notes for the Kobke items in the 1984 exhibition at the National Gallery in London, 'Danish Painting: The Golden Age'. This fall, a similar exhibit will be coming to the Los Angeles County Museum and then to New York’s Metropolitan Museum of Art.

Ja, der Christen Købke ist schon ein toller Maler. Die dänischen Maler sind sowieso ein wenig unterschätzt. Ich hatte ja schon im letzten Sommer hier über die Maler aus ➱Skagen geschrieben (➱Anders Zorn ist zwar kein Däne, aber den gab es hier auch schon), was vielen Lesern gefallen hat. Ich möchte heute noch einmal auf die dänische Malerei zurückkommen. Weil ich am Wochenende in einer tollen kleinen Ausstellung der Galerie Rieck war, doch davon später mehr. Ich weiß, dass einige meiner Leser auf den angekündigten Artikel über die amerikanischen Luministen warten, aber ich schreibe heute über dänische Malerei des 19. Jahrhunderts. Ich könnte natürlich die Dänen mit den amerikanischen Luministen vergleichen, weil es da interessante Parallelen gibt, aber da lass ich erstmal die Finger von.

Ende der siebziger Jahre war ich in einer schönen Ausstellung in der Kieler Kunsthalle, die Maler aus Skagen: Dänische  Malerei um 1900 der Künstlerkolonie Skagen hieß. Der von mir sehr geschätzte Professor ➱Wolfgang J. Müller hielt eine kleine Einführungsrede, und junge Damen in dänischer Volkstracht servierten Tuborg Bier stilecht aus Tuborg Gläsern. Und aus Skagen hatte man alles Wichtige an Bildern nach Kiel gebracht. Dies war hier nicht die erste Ausstellung dänischer Malerei, 1968 hatte es schon eine mit dem Titel Das goldene Zeitalter der dänischen Malerei gegeben. Seit der dänische Kritiker Valdemar Vedel diesen Ausdruck 1890 verwendet hat, kommt ja keine Ausstellung mehr ohne das goldene Zeitalter aus. Zu dem man dann auch noch ➱Bertel Thorvaldsen und ➱Søren Kierkegaard zählt. Und alle sind sich einig, dass das in der Malerei mit Eckersberg anfing. So schrieb schon 1894 Richard Muther: War diese erste Periode der dänischen Kunst französisch oder classicistisch, jedenfalls importirt, ohne individuelles Gepräge, so leitete mit Eckersberg die nationale Epoche der dänischen Malerei ein.

Das goldene Zeitalter ist wahrscheinlich gar nicht so golden gewesen: Staatsbankrott am Anfang des Jahrhunderts, Bombardierung Kopenhagens 1807, die Cholera in Kopenhagen 1853, Kriege mit Deutschland 1848-51 und 1864. Der Krieg von 1864, den der Dänemarkliebhaber Fontane beschrieben hat, war auch das Thema der nächsten großen Ausstellung in Kiel im Jahre 1981 mit dem Titel Vor hundert Jahren: Dänemark und Deutschland 1864-1900 Gegner und Nachbarn. Die Ausstellung ist danach nach Berlin gewandert, und die Ausstellungsbesprechung, die ich für eine kleine Unizeitung geschrieben hatte, hing fett vergrössert neben der Kasse. Da war ich mal für 15 Minuten berühmt.

Der damalige Direktor, ➱Jens Christian Jensen, war der erste professionelle Direktor der Kieler Kunsthalle, vorher war immer der Ordinarius für Kunstgeschichte an der Universität in Personalunion Direktor der Kunsthalle gewesen. Mit Jensen kam eine neue Zeit. Er brachte die kleine verschlafene Kieler Kunsthalle sehr schnell mit hervorragenden, weithin beachteten Ausstellungen bildlich gesprochen in die Champions League der Kunsthallen, seine beiden Nachfolger haben sie dann später schnell wieder in die Kreisklasse zurückgeführt. Dass es im Jahre 2005 hier eine ganze Menge Købkes in der Ausstellung Die Kopenhagener Schule zu sehen gab, war kein besonderes Verdienst des Direktors. Die Ausstellung kam komplett aus Kopenhagen, man brauchte die Bilder nur an die Wand zu hängen.

Selbst wenn ich niemals in Skagen oder Kopenhagen gewesen wäre, wenn man in Kiel Kunstgeschichte studierte, konnte man der dänischen Kunst nicht entkommen. Ich denke noch mit großer Nostalgie an eine Vorlesung des Kopenhagener Professors Otto Norn und an Exkursionen nach Dänemark im Unibus mit Professor Alfred Kamphausen zurück. Und man konnte damals in dem Land, in dem man keine deutsche Flagge hissen darf, wo es köstliche Røde Pølser gab und wo fünfzig Meter hinter der graense ein riesiges Plakat mit der Aufschrift Lesbiesche Libe auf einen Pornoladen hinwies, auch sehr preisgünstig dänische Kunst in den Antiquitätengeschäften kaufen. Das kann man heute immer noch, aber einen Købke bekommt man natürlich nicht mehr.

Es ist nicht so, dass die dänische Malerei des 19. Jahrhunderts völlig unbemerkt geblieben wäre. Schon 1907 verfasste der dänische Kunsthistoriker und spätere Museumsdirektor Emil Hannover ein Buch mit dem Titel Dänische Kunst des 19. Jahrhunderts, das seit kurzem als Reprint wieder erhältlich ist. Hannover hatte auch schon 1893 das erste Buch über Christen Købke geschrieben, hundert Jahre bevor Sanford Schwartz' Buch über Købke bei Rizzoli in New York erschien. 1911 gab es in der beliebten Reihe der Blauen Bücher des Langewiesche Verlags einen Band Arbeit, Brot und Friede: Dänische Maler von Jens Juel bis zur Gegenwart. 1979 erschien bei Seemann in Leipzig ein Band Dänische Malerei 1800-1850 von dem Kunsthistoriker Rudolf Zeitler. Der war von den Nazis aus Deutschland vertrieben worden und war Professor in Schweden geworden. Leider fand das Buch keine größere Verbreitung in Westdeutschland.

Kurz danach veränderte eine große Wanderausstellung alles, die skandinavische Kunst wurde weltbekannt. Da behauptete dann niemand mehr, die dänische Malerei hat keine sehr starke Eigenart, wie es 1928 in der Zeitschrift für bildende Kunst zu lesen war. In Amerika war die Ausstellung am Anfang der achtziger Jahre unter dem Titel Northern Light: Realism and Symbolism in Scandinavian Painting 1880-1910 zu sehen, 1986 war sie auch in Düsseldorf unter dem Titel Im Lichte des Nordens: Skandinavische Malerei um die Jahrhundertwende. Gleichzeitig mit der Northern Light Ausstellung in Amerika gab es in London die Ausstellung The Golden Age of Danish Painting mit dem sehr guten Katalog von Kasper Monrad. Ein Maler wie Vilhelm Hammershoi musste noch einige Jahre warten, bis sich der Ausstellungsbetrieb seiner annahm.

Da ich gerade bei Ausstellungen bin, sollte nicht vergessen werden zu erwähnen, dass in den letzten Jahren eine schöne Ausstellung mit dem Titel Von Kopenhagen nach Skagen. Glanzlichter dänischer Malerei im 19. Jahrhundert in Viborg, Stade, Altona und Rostock zu sehen war. Die Ausstellung zeigte die Sammlung des Privatsammlers Wolfgang Lührs und Bilder aus dem Besitz der Sastre AG. Die Bilder dieser Firma wanderten danach in ein neu gegründetes Museum Kunst der Westküste auf Föhr, das vor kurzem auch vom Bundespräsidenten besucht wurde. Die Sastre AG sitzt in Lausanne und laut Handelsregister ist ihr Tätigkeitsfeld l'administration des collections d'art, la consultation dans le domaine de l'art (Art consulting), tout commerce d'objet d'art et organisation d'exposition.

Hinter dem Ganzen steht aber niemand anderer als Frederik Paulsen jun. mit seinem Pharmakonzern Ferring. Ferring heißt nichts anderes als Föhr, und von dort kam der Vater Paulsens, der den Konzern (und eine gleichnamige Kulturstiftung) gegründet hat. Und jetzt hat der Sohn in der 410-Seelen-Gemeinde Alkersum ein ganzes Kunstmuseum gebaut. Die Sammlung ist nicht unbedingt das Ergebnis lebenslanger Sammlertätigkeit, sie ist in einem Jahrzehnt zusammengekauft worden. Wenn man das Geld und die richtigen Berater hat, dann geht das. Und da Frederik Paulsens Vermögen auf mehr als eine Milliarde Schweizer Franken geschätzt wird, konnte er sich das leisten, der Insel Föhr diese Sammlung zu spendieren.

So etwas liegt natürlich leider etwas außerhalb meiner finanziellen Reichweite. Obgleich ich aus der Verkaufsausstellung der Galerie Rieck, die ich am Wochenende besuchte, gerne etwas mitgenommen hätte (außer der Handvoll Postkarten von Carl Lochers Blauer Stunde). Ich habe ja auch schon eine Handvoll dänischer Bilder. Mein Hans Mathison Hansen war verhältnismäßig preiswert, den schönen Mogens Kragh Pedersen (ein Schüler von Kraesten Iversen) hat mir Heike geschenkt, und das Bild vom Limfjord aus dem 19. Jahrhundert (mit viel Hügeln voller dänischer Heide) hat mich auch nicht ruiniert. Aber am liebsten ist mir ein Bild, das ein unbekannter Däne mit unleserlicher Signatur 1932 vom Horsens Fjord gemalt hat. Hat mich vor Jahren 45 Mark auf dem Flohmarkt gekostet. War deshalb so preisgünstig, weil sich der dänische Händler daran erinnerte, dass ich schon mal was bei ihm gekauft hatte.

So preiswert war das bei der Ausstellung der ➱Galerie Rieck leider nicht. Aber sie hatten erstklassige Bilder, viele große Namen: Vilhelm Melby, Viggo Johannsen, Michael Ancher, Johan Rohde und wie sie alle heißen. Ein Hauch von dem Goldenen Zeitalter der dänischen Malerei plus Skagen (und ein wenig aus dem 20. Jahrhundert). Natürlich auch wenig konventionell Traditionelles wie Frederik Christian Lund und Bilder in der Art von Carl Ludwig Jessen, aber dafür gehe ich eigentlich nicht in eine Ausstellung. Obgleich Stilleben und Genremalerei immer ihre Liebhaber haben. Alles war im exzellenten Zustand und hervorragend gerahmt. Das Sonnenlicht des Frühlingstages und die Ostsee draußen vervollständigten den Eindruck. Die dänische Marinemalerei fehlte auch nicht, nahm einen ganzen Raum ein. Das wunderhübsche kleine Interieurbild von Ludvig Find, in das sich meine Begleiterin spontan verliebte, hing am zweiten Tag schon nicht mehr an der Wand, der Käufer hatte es gleich mitgenommen.

Die zur Zeit umfassendste Monographie zur dänischen Malerei ist In Another Light: Danish Painting in the Nineteenth Century von Patricia Gray Berman, vor vier Jahren bei Thames&Hudson in London erschienen. 272 Seiten, hunderte von Abbildungen und kostet nicht mal 'nen Fuffi. Für Liebhaber dänischer Malerei ein Muss! Frau Berman ist Professorin am Wellesley College, wo ja auch schon Julia Roberts in dem Film Mona Lisa Smile unterrichtet hat.

 Wenn ich Sie jetzt mit der dänischen Malerei auf den Geschmack gebracht haben sollte, dann haben Sie (außer dem Kauf des Buches von Patricia Berman) nur noch drei Möglichkeiten. Erstens: Sie machen Ihren nächsten Urlaub auf Föhr und besuchen jeden Tag das Museum Kunst der Westküste. Zweitens: Sie klappern von Aabenraa über Aalborg bis Aarhus jeden Loppemarked (das ist dänisch für Flohmarkt) ab oder folgen diesen hübschen blau-weißen Schildern, auf denen ANTIK steht. Oder drittens: Sie kontaktieren einfach die Familie Rieck über eine Telephonnummer (oder E-Mail) auf dieser ➱Seite. Die sind riesig nett und verstehen viel von dänischer Kunst, sehr viel. Darauf sind sie spezialisiert. Fragen Sie mal, wann und wo die nächste Ausstellung stattfindet.

Und jetzt mache ich mir eine Dose Tuborg auf. Früher war da mal das Bild von Erik Hennigsen (siehe links) drauf, auf dieser leider nicht. Macht aber nix, ist natürlich nicht so stilvoll wie das Tuborg Øl damals in der Kunsthalle, aber ich höre mir jetzt Maggie an, wie sie ➱I skovens dybe stille ro singt. Das ist doch das totale Danmark feeling. Ach ja, bevor ich das vergesse, ich habe natürlich auch heute ein Gedicht. Das ist von dem in Dänemark sehr bekannten Schriftsteller Klaus Rifbjerg und heißt:

Transformation

Under broen i skyggen
forellen mørk.
Trin.
Under forellen i lyset
skyggen mørk.

Hätte ich das Buch mit seinen Gedichten beiseite gelegt und im Internet gesucht, dann hätte ich natürlich gleich das Skagen Gedicht von Rifbjerg gefinden. So kommt es mit einiger Verspätung hierher:

Det er mig der har malet
billederne på Skagens museum.

Jeg sagde til mig selv
der har du dit liv og så
begyndte jeg at male.

Jeg tror det startede med frokostbilledet
jeg blev så sulten
følte mig så hjemme.

Jeg malede Krøyer og Drachmann
Tuxen, Ancher - både hun og ham
og alle andre
helt ned til Tørsleff.

Det var et mægtigt arbejde
men jeg havde det jo godt
så det var ikke noget.

Drachmann hjalp mig lidt
og Krøyer
vi talte meget

og drak en lille smule.

Vi så på Skagen
malede en masse billeder
fik lyset frem
men måske mest en livsform
vores egen
den jeg faldt for.

Jeg husker timerne
med Krøyers kone
under hyldetræerne hos Drachmanns,
bourgognen i de svære glas
og alting set
i sommerbilleder
melankolsk
som var det hele længst forbi.

Jeg husker aftnerne på Grenen
vandene der mødtes
og besværet med at få farven
til at makke ret
det var jo mig der skulle
male alting
ville male alting
før det ikke var der mere.

Der er en duft af død
idyl og linnedskuffer med lavendel

over mine Skagenslærreder,
men det var livligt nok
dengang
det var det.
Vi rejste os fra bordet
oven på den lange frokost
og stemmerne var blevet mere sagte.
Vi stod i skumringen
før hver gik hjem til sit
men det var svært at bryde op.

Så vendte Anna Ancher sig
og sagde:
Vi skal sove nu.
Hun tog sin mands arm,
gik med ham igennem lågen
og langsomt fulgte alle efter.
Skridtene forsvandt imellem
husene
værten slukkede sin lampe
det var for sent at male mere.

Die Bilder sind von (von oben nach unten) Christen Købke, Vilhelm Melbye, Michael Ancher, Christoffer Eckersberg, Vilhelm Xylander, Carl Locher, Johan Rohde, Johan Thomas Lundbye,Viggo Johansen, Erik Henningsen, Carl Madsen, Constantin Hansen. Und das Gedicht lautet in der deutschen Übersetzung (auch von oben nach unten): Unter der Brücke im Schatten/die Forelle dunkel./Schritte./Unter der Forelle im Licht/der Schatten dunkel.