Dienstag, 27. Oktober 2015

Chanson


Den Herrn hier, der aus dem Schaufenster des Ladens auf die Dänische Straße schaut, kenne ich schon lange. Bevor er hier im Plattenladen (schräg gegenüber von ➱Kelly's) arbeitete, arbeitete er in einem kleinen, feinen Schuhladen um die Ecke. Der Laden war plötzlich über Nacht da. Hatte alles, was die feine Welt der Pariser Schuster den Damen anbot, von Stéphane Kelian aufwärts. ➱Gabi war damals begeistert. Und damit es für die Herren auch etwas gab, bot man ➱Kuckelkorn Schuhe an. Da hat mir der Herr in Schwarz, der riesig nett ist, mein erstes Paar Kuckelkorn Schuhe verkauft. Ich ärgere mich noch immer, dass ich damals den braunen Wholecut Schuh nicht gekauft habe.

Diese Dame kenne ich schon viel länger als ihren Mitarbeiter Klaus Kay. Das ist Ruth König, die Besitzerin von Ruth König Klassik in der Dänischen Straße. Dem einzigen Laden in Kiel, wo man CDs kaufen kann. Wahrscheinlich kann man auch bei Saturn in dem Gebäude - das die Werbung Nordlicht nennt und das die ganze Stadt verschandelt (lesen Sie ➱hier mehr) - CDs kaufen. Aber da war ich noch nie drin. Bevor Ruth König ihren eigenen Laden aufmachte (in dem sich, so klein er ist, zehntausend CDs finden), war sie die Fachfrau für Schallplatten in einem anderen Geschäft.

Die boten damals das ganze Programm von Braun Atelier an, das war schon etwas gehobener als mein Schneewittchensarg (der ➱hier einen Post hat). Mein Freund Volker hat noch Teile von der Braun Atelier Kollektion (inzwischen ergänzt durch ➱NAD) im Wohnzimmer, die sehen nach Jahrzehnten immer noch gut aus. Damals gab es noch kein Internet, mit dem man gesuchte Platten blitzschnell finden konnte. Damals gab es den Bielefelder Katalog, und den kannte Frau König, die mit einem Berufsmusiker verheiratet ist, beinahe auswendig. Ich bin ihr immer noch dankbar, weil sie mir Platten besorgt hat, die kein anderer Händler finden konnte.

Das Gefährliche an dem Laden in der Dänischen Straße ist, dass die Musik auf die Straße dringt. Die gläserne Ladentür ist meistens offen, ich glaube, die haben auch kleine Lautsprecher auf der Straße. Das verlockt einen häufig, so wie die Sirenen auf diesem Bild von ➱Friedrich Preller Odysseus zu locken versuchen. Das war auch am letzten Wochenende so. Es war kein schöner Herbsttag, es war kalt und windig. Der goldene Oktober hatte am Tag zuvor stattgefunden. Ich war auf dem Weg zu meinem Auto, ging aber - wie immer - an diesem Laden vorbei. Und hörte diese Musik (es ist witzig, aber vor ziemlich genau einem Jahr habe ich auch über ➱Musik aus diesem Laden geschrieben), ich wusste nicht, was es war. Französisches Chanson war auf jeden Fall immer richtig, aber wer sang da?

Yves Montand war es nicht, den habe ich komplett, es musste etwas Neueres sein, obgleich es irgendwie doch nach den fünfziger oder sechziger Jahren klang. ➱Renaud? Nein. Aznavour und Brel waren es auch nicht, manchmal glaubte ich, einen Hauch von Paolo Conte zu hören. Ich ging in den Laden und fragte: Wer singt da? Bekam sofort einen Namen genannt, der mir nichts sagte: ➱Christophe Bourdoiseau. Und bekam die ganze Geschichte zu dem Sänger, der heute in Berlin (Prenzlauer Berg) lebt. Und alles über seine CD Tant de saisons perdues über das Berlin nach der Wende.

Da kommt in manchen Liedern auch etwas Russisches hinein, wie man hier in Loin de mes p'tits soucis hören kann. Französische Chansons mit Ossi Touch. Die Bilder hier zeigen seine zweite CD Constellation périphérique (auf der er die Vororte von Paris besingt). Die habe ich abgebildet, weil sie dies schöne Cover hat. Das Album ist eine Art Abrechnung mit meinem Land, mit seinen schönen und seinen hässlichen Seiten, sagt Bourdoiseau. Das Thema Banlieues beschäftigt mich sehr. Dort liegt die Zukunft Frankreichs, und sie wird ignoriert.

Das Cover von Constellation périphérique sieht mit dem Blau ein wenig so aus, als sei es aus Jean-Jacques Beneix' ➱Film Diva. Obgleich in dem ➱Film nicht die Citroen Déesse, sondern das alte Gangsterauto, der Citroen Traction Avant mit der Selbstmördertür, eine Rolle spielte. Mein Post über die ➱Citroen Déesse ist in den letzten Jahren so oft angeklickt worden, dass mir die Firma Citroen eigentlich ein Honorar zahlen müsste. Hier auf dem Photo ist Christophe Bourdoiseau natürlich wieder mit einem Citroen DS zu sehen.

Der gelernte Journalist Bourdoiseau (der auch Stadtführungen durch Berlin in französischer Sprache macht) ist als Korrespondent der Tageszeitung Le Parisien nach Berlin gekommen. Seine Mutter kommt aus Deutschland, hat einen Franzosen geheiratet und nur noch Französisch gesprochen. Das Deutsch hat sich Bourdoiseau selbst beigebracht, bei ihm zu Hause wurde es nicht gesprochen. Christophe Bourdoiseau singt Texte von Louis Aragon, Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud (auf der CD La mort du loup), singt über das Berlin der Wendezeit und die Vororte von Paris. Über ➱Kokain und über die schöne afrikanische Hure ➱Laila (Laila, c'est le soleil de ma rue La lumière des cœurs foutus L'espoir des enfants perdus Laila) und über den Straßenkehrer Mohamed. Musikalisch begleiten ihn keine Franzosen, die drei Musiker kommen aus der Ukraine. Es ist das Trio Scho, das nicht unbedingt zu den Unbekannten der ➱Berliner Szene zählt. In den Jahren 2000 und 2011 gewannen sie den Musik Wettbewerb des Berliner Senats. Sie waren schon bei Schlingensief in ➱Talk 2000 und in Filmen von Dominick Graf zu sehen. Und sie sind wirklich gut, das gibt es gar keine Diskussion.

Ich weiß nicht, weshalb mir jetzt bei der CD Constellation périphérique der Film Alain Tanners Une flamme dans mon coeur einfällt. Wahrscheinlich, weil er auf einem DVD Stapel ganz oben liegt und ich mir überlege, ob ich darüber schreiben soll (wenn Sie den Film sehen wollen, klicken Sie ➱hier). Handelt auch von Pariser Vorstädten und von der Liebe. Davon handeln wahrscheinlich alle französischen Chansons. Christophe Bourdoiseau, der als Jugendlicher Chansons von Barbara, Jacques Brel und Georges Brassens (Brassens était la seule personne dans mon entourage qui me racontait des histoires vraies. Je ne comprenais rien au catéchisme, mais je comprenais ses textes) mochte, entdeckt seine Liebe zum französischen Chanson. Der Prenzlauer Berg wird seine banlieue. Was soll ich in Paris? war der Titel eines Konzerts im letzten Jahr in Berlin. In Paris wäre ich nie Sänger geworden, hat er in einem ➱Interview gesagt.

Aber im letzten Monat ist er zum ersten Mal in ➱Paris aufgetreten. Nicht im Olympia, wo Montand, Aznavour, Becaud und Gréco (und all die andern Größen des Chansons) aufgetreten sind, sondern im Théâtre de Ménilmontant. Das ist etwas kleiner, aber es ist ein Anfang. In Paris gibt es auch mindestens einen Laden, wo man seine CDs kaufen kann. Auf der ➱Seite von Christophe Bourdoiseau (wo man in viele Chansons hinein hören kann) kann man lesen: Händler die die Cds im Sortiment haben: Paris Mistimusic Shop | Frankfurt am Main CDs am Goethe-Haus | München Ludwig Beck | Murnau Buchhandlung Gattner | Berlin Dussmann - Librairie Zadig - Fidelio (Schöneberg) | Dresden Sweetwater Recordstore - Opus 61 | Erlangen Musica - records & books | Kiel Ruth König Klassik | Tübingen Rimpo Tonträger | Offenburg La Musica | Königs Wusterhausen Musikladen | Geneve Plain Chant. Und dann gibt es noch die Möglichkeit, die CD bei Amazon Marketplace zu kaufen, da bekommt man sie direkt vom Künstler zugeschickt. Mit Autogramm.

Wie französisch sind sie überhaupt noch? ist er gefragt worden. Seine Antwort war: Ich habe die französische Kultur in mir. Meine Seele, meine Träume, mein Humor. Meine Musik. Schon wegen der Sprache werde ich mich in Berlin immer fremd fühlen. Um dieses Gefühl zu beschreiben, habe ich ein Lied geschrieben: „Mon beau pays“ (Mein schönes Land). Da fühlst du dich fremd im Exil aber auch in deiner eigenen Heimat. Es geht um dieses Heimweh, das nicht mehr zu überwinden ist. Nach zu vielen Jahren Exil gibt es nur noch ein schönes Land: deine Familie. In Mon beau pays singt er: Ich bin ein Fremder, hier in dem Land das mich aufnahm, ich bin ein Fremder dort, in dem Land meines Sargs. Sie sollten sich das ➱Video zu Mon beau pays unbedingt anschauen. Und wenn Sie nach so viel deutscher Autobahn wissen wollen, wie man in acht Minuten mit dem Auto durch ➱Paris kommt, dann müssen Sie unbedingt noch ➱dies sehen.

Jemand, der wie ich 1962 sein ganzes Taschengeld zusammenkratzte, um Juliette Gréco bei ihrem ersten Auftritt in Deutschland in Berlin zu hören, hat ein offenes Ohr für französische Chansons. Und bleibt schon mal auf der Straße stehen, um den Sirenenklängen aus einem Plattenladen zu lauschen. An einem Oktobertag vor mehr als einem halben Jahrhundert hörte ich in einem kleinen Kaff im französischen Zentralmassiv auf der Straße Françoise Hardys Tout les garçons et les filles de mon âge se promènent dans la rue deux à deux. Hatte ich noch nie gehört. Ich ging in den Laden, um die Platte zu kaufen. Drei herumlungernde Jugendliche in Lederjacken, die wie schlechte Kopien von ➱Johnny Halliday aussahen, guckten mich mit offenem Mund an. Erst in dem Augenblick wurde mir klar, dass eine deutsche ➱Uniform hier nicht unbedingt zum Alltag gehört. Die Platte von Françoise Hardy habe ich immer noch.

Die CD, die Herr Kay mir verkaufte, lag das ganze Wochenende im ➱CD Player. Ich schickte einer Bekannten, die demnächst nach Paris fährt, eine Mail mit dem Namen des Sängers und einem Link zu einem YouTube Video nach Dänemark. Und bekam nach einer Viertelstunde diese Mail: Merci Jay, Ça c'est absolument superbe - en fait, je me demande pourquoi jusqu'à maintenant, je n'ai rien écouté de ce mec assez talenté... la chanson que vous m'avez envoyée, c'est aussi très charmante au style franco-russe... Et il a même mis en musique des poèmes de Baudelaire ou Rimbaud qui j'adore... Cordialement X. Die Berliner Zeitung, die geschrieben hatte Diese Stimme macht süchtig, hat recht. Diese Stimme bringt junge Frauen dazu, E-Mails auf Französisch zu schreiben.


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