Donnerstag, 4. Februar 2021

Willmer

Die Pfeife im Schaufenster sah nicht schlecht aus, und sie war preisgünstig. Ich betrat den kleinen Eckladen, in dem ich noch nie gewesen war. Ein Mann mit einem grauen Kittel und einer Goldbrille holte mir die Pfeife aus dem Fenster und legte sie auf den Tresen. Ich habe noch nie etwas von dieser Marke gehört, sagte ich. Ist auch ein Geheimtip, sagte der Verkäufer. So etwas sagen Verkäufer gerne, da hört man am besten nicht drauf. Doch er sagte noch: Das ist eine kleine Firma mit Sitz in London, ist noch im Familienbesitz. Ist ja heute kaum noch jemand. Von solchen Entwicklungen auf dem englischen Markt hatte ich auch schon gehört. 

Das stand nicht im Wirtschaftsteil des Observer, den ich damals abonniert hatte, aber Pfeifenhändler wussten, dass sich in England auf dem Markt viel bewegte. Wussten, dass kleine Firmen plötzlich vom Markt verschwanden. Die Swinging Sixties waren vorbei, England steckte in einer Wirtschaftskrise. Es gab die Dreitagewoche und die Sonntagszeitungen erschienen nicht mehr. Die Times einmal auch ein ganzes Jahr nicht. Da half es auch nicht, dass ich an der Heckscheibe meines Autos einen I'm Backing Britain Sticker hatte. Ich kaufte die Pfeife, die Willmer hieß, mir gefiel dieses wunderbar geschwungene W auf dem Mundstück. Der Mann im grauen Kittel sagte mir, ich sollte am Monatsende noch einmal wiederkommen, vielleicht gäbe es dann noch mehr reduzierte Pfeifen von dieser Marke. Die Filiale hier würde geschlossen, er selbst müsse wieder zurück nach Hamburg in die Zentrale, er wolle nicht alles wieder mitnehmen.

Am Ende des Monats war ich wieder in dem kleinen Laden, das Angebot an reduzierten Pfeifen der Firma Willmer war verlockend groß geworden. Es macht hier keinen Sinn, mit Pfeifen zu handeln, sagte der Mann mit dem grauen Kittel, es gibt in Kiel zu viele Fachhändler. Ich verkaufe Oldenkott und Vauen gut, aber nicht diesen kleinen Engländer, den niemand kennt. Wenn die Leute was Besonderes haben wollen, gehen sie zu Trennt oder Motzek. Oder kaufen sich fünfzig Meter weiter bei Pfeifen-Schulz eine Charatan. Dagegen kann man nicht konkurrieren.

Die Firma Krüger & Oberbeck (auch K&O und KundO), die ihre Kieler Filiale auflöste, war 1889 in Berlin als Zigarettenfabrik gegründet worden. Sie hatte über hundert Filialen in ganz Deutschland, in Neumünster gab es vor dem Bahnhof sogar einen Krüger & Oberbeck Pavillion. Als der Laden am Monatsende geschlossen wurde, hatte ich mittlerweile fünf Pfeifen gekauft, was mich insgesamt hundert Mark gekostet hatte. Solch hübsche Kartons gab es nicht dazu, aber ich bekam doch noch etwas ganz Besonderes.

Ich war am letzten Tag nochmal im Laden, ich wollte keine Pfeife mehr kaufen, ich wollte nur dem netten Mann mit dem grauen Kittel Tschüss sagen und ihm alles Gute wünschen. Er war ganz gerührt und sagte: Ich habe noch etwas für Sie. Ging nach hinten und kam mit einer Pfeife wieder. Ich wollte eigentlich keine mehr kaufen, aber es war ein Geschenk. Das ist das Beste, was die Firma macht, sagte er. Es war eine Willmer Supreme, das war wohl damals, als sie noch nicht die Straight Grains und die AAA Pfeifen anboten, das Beste, was sie herstellten. Die Pfeife ist immer noch supreme.

Die kleine Firma Willmer gibt es nicht mehr. In ihrer letzten Werbeanzeige im Jahre 2003 konnte man noch lesen: H. Willmer & Son have been making fine pipes for two generations. All our pipes are totally hand made, in house, from the finest materials. The workmanship, from the economy models, right up to the hand made freehands, receive the same care and attention throughout all the stages of production, aber wenige Jahre später war Schluss. Sie saßen auch nicht mehr in London, sondern in Southend-on-Sea. Ich weiß, wo das ist. Mein Freund Tony kam daher. Und Gary Glitter. Der Ort ist für Pfeifen eine schlechte Adresse, weil der Cadogan Konzern 1980 seine ganze Produktion in die neue Orlik Fabrik in Southend-on-Sea verlegt hatte. Wahrscheinlich produzieren sie da immer dasselbe und schreiben nur andere Namen auf die Pfeifen. 

Der Mann mit dem grauen Kittel und der Goldbrille hatte natürlich Recht gehabt, Willmer war ein Geheimtip, the best-covered secret in pipe making in England. Im Internet gibt es zahlreiche Foren, wo die Besitzer von Willmer Pfeifen schwören, dass diese Pfeifen besser als Charatan oder Dunhill sind. Es gibt vielleicht eine Beziehung zu Charatan, der Schwager des Firmengründers soll da gearbeitet haben, und die Firma Willmer hat vielleicht Pfeifenköpfe von Charatan bekommen. Man weiß das alles nicht so genau.

Es kursieren auch Gerüchte, dass Harold Willmer für Charatan gearbeitet hat, aber die Firma verließ, als sie ins Trudeln kam und seine eigene Firma aufmachte. An der Geschichte ist aber nichts dran. Es stimmt jedoch, dass führende Mitarbeiter die Firma Charatan (die unter der Ägide von Herman Lane auch die Ben Wade Pfeifen produzierten) verlassen haben, als die hin- und herverkauft wurde. Das war die Geburtsstunde von Firmen wie Millville und Upshall. Es ist auch durchaus möglich, dass Willmer in dieser Phase der Firma Charatan Pfeifen hergestellt hat, die den Namen Charatan trugen. Mit Willmer ging es trotz der hervorragenden Qualität ebenso wie mit Charatan bergab. Wie mit der ganzen englischen Pfeifenindustrie, die hervorragenden kleinen Firmen sind alle verschwunden. Die Firma Krüger & Oberbeck auch.

Das Pipedia Internetlexikon, das leider nicht sehr zuverlässig ist, weiß über Willmer zu sagen: When Willmer first started, they definitely strived to compete with brands in the high-end market. Due to the excellent quality of the pipes Willmer was frequently asked to produce private label pipes for England’s best renowned pipe retailers. So many pipes are not easily recognized as Willmers for stamped under the name of the respective shop. Willmer’s own pipes were stamped 'Willmer – Made in England' and showed a sweeping 'W' in white or gold on top or left side of the stem. Ähnliches steht auch bei Richard Carleton Hacker (der leider auch nicht sehr zuverlässig ist): Although this London firm makes some pipes under its own name for both Great Britain and the U.S., it is primarily known for the vast number of private label pipes it produces for a variety of pipe companies.

Das hat es immer gegeben, dass sich Händler oder andere Firmen Pfeifen machen ließen, die dann ihren Namen trugen. Das haben in Deutschland auch Pfeifen Tesch in Hamburg und Pfeifen Timm auf Helgoland gemacht. Paul Schrader in Bremen handelt mit Tee und Süßwaren, aber sie hatten auch mal Pfeifen im Angebot und hatten eine Eigenmarke, die aus London kam. Dies hier ist eine Ansicht von Fribourg & Treyer am Haymarket aus dem 19. Jahrhundert, der berühmtesten Adresse für Tabakwaren. Fribourg & Treyer war 1720 gegründet worden, war der erste Tabakladen in London, der berühmte Dandy Beau Brummell kaufte hier seinen Schnupftabak. Es gibt auch Pfeifen, die den Namen des Ladens tragen, aber niemand weiß, wer die machte. Geschäfte wie Fribourg  & Treyer oder Astley's (deren Pfeifen wohl von Charatan und Dunhill kamen) achteten darauf, dass die Hersteller ihrer Pfeifen anonym blieben. Das gilt auch für die Firma Bewlay, die Läden quer durch England hatte, ihre Pfeifen waren immer von der besten Qualität. Die drei eben genannten Firmen gibt es nicht mehr, es ist heute für den Sammler schwer, eine Pfeife mit diesen Namen zu finden.

Es ist auch schwer, eine Willmer zu finden. Dunhills gibt es bei ebay zu hunderten, aber keine Willmer. Diese hier muss ich eben mal  abbilden, ich habe sie vor einigen Monaten für zwanzig Euro bei ebay gekauft. Die Form des Modells, das Belgrave heißt (wahrscheinlich nach dem Belgrave Square) ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich gewöhne mich daran. Sie liegt bei mir auf dem Schreibtisch, ich kann sie immer sehen. Geraucht habe ich sie noch nicht. Man muss sich auch Schönes etwas für die Zukunft aufbewahren.

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