Dienstag, 27. November 2018

Jiline


Ja, sie heißt wirklich Jiline mit Vornamen, obgleich wir sie alle als Jil kennen. Heidemarie Jiline Sander hat heute Geburtstag, sie wird tatsächlich schon 75. Ich stelle aus diesem Grund noch einmal einen Post ein, der schon vor vier Jahren hier stand. Denn natürlich gibt es in diesem Blog auch Damenmode, wie der lange Post ➱Damenmode beweist. Die Hamburgerin, die auf einem Landgut bei Plön oder in Ibiza lebt (die Villa Behrens in Harvestehude hat sie verkauft), war einmal eine Ikone der Modewelt. Man lachte über sie, als sie eine Aktiengesellschaft begründete, deren Kapital nur aus dem Namen Jil Sander bestand. Der Erfolg gab ihr Recht. Zuerst ließ die Frau, die von der Presse auch Lady CashmereGentle JilJil Power oder queen of lean getauft wurde, noch viel in Deutschland fertigen. Sogar im heimatlichen Schleswig-Holstein, aber das ist längst Geschichte. Die Modemarke Jil Sander, gehört inzwischen auch längst anderen. Zuerst Prada, dann einer britischen Holding und jetzt der japanischen Firma Onward Holdings Co. Ltd. Hinter der niemand anderer steckt als Onward Kashiyama, der uns schon in dem Post ➱Maßkonfektion begegnete.

Die Produktionsstätte in Schleswig-Holstein hieß Ellerau. Dort brauchte nichts aufgebaut zu werden, das war zuvor die Produktionsstätte der Damenmantelfabrik von Arthur A. Erlhof gewesen, deren Produkte erle zf hießen. Das Kürzel zf stand für zierliche Frau. Die deutschen Mantelhersteller hatten in den fünfziger und sechziger Jahren eine kurze Blütezeit, als die deutsche Frau noch Mäntel trug. Doch dann kam langsam das große Sterben, das nur wenige (wie zum Beispiel Jobis, die zuerst von Seidensticker gerettet und dann an die Niederländer verkauft wurden) überlebten.

Maris (Hermann Marsian Neumünster), delmod (Delmenhorst) und Erlhof (der noch für ➱Joop gefertigt hatte) blieben auf der Strecke. Als die Textilfabrik in Ellerau schloss, vertickten die Marsians, die einstmals zu den Textilkönigen von Neumünster gehörten, schon Wolldecken auf Kaffeefahrten. Lange währte das Glück in Ellerau nicht, als Jil Sander an Prada verkaufte, war das für die deutsche Fertigung das Ende. In Deutschland fertigt kaum noch jemand Bekleidung. Nur noch der ➱Mann mit dem Affen.

Im Jahre 2005 schrieb Ilka Piepgras in der Zeit einen Artikel mit dem Thema Woran ist Jil Sander gescheitert? Da war Sanders gerade aus ihrer Firma ausgestiegen. Später kehrte sie zurück, stieg wieder aus, and so on. Ich weiß nicht, ob Ilka Piegras Jil Sander trägt, ich weiß eh nicht, wer heute außer magersüchtigen Kindfrauen und italienischen Spargeltarzans überhaupt Jil Sander trägt. Doch Ilka Piepgras' ➱Artikel ist nicht dumm. Und auch ein klein wenig böse. Das Lieblingsbuch von Jil Sander zitierend, serviert uns Ilka Piepgras dieses schöne Zitat als Beschreibung der Modeschöpferin: Wir wollen ohne Zögern einräumen, dass Isabel sehr leicht der Sünde der Selbsterhöhung zum Opfer fiel; (…) sie war gewohnt, meist schon nach flüchtigem Augenschein zu behaupten, sie habe Recht, und zuweilen streute sie sich selber Weihrauch. Das schreibt ➱Henry James über seine Heldin Isabel Archer in dem Roman Portrait of a Lady.

Für die Liebhaber der englischen Sprache (wie Jil Sander) habe ich das Zitat natürlich auch im OriginalIt may be affirmed without delay that Isabel was probably very liable to the sin of self-esteem; she often surveyed with complacency the field of her own nature; she was in the habit of taking for granted, on scanty evidence, that she was right; she treated herself to occasions of homage. Meanwhile her errors and delusions were frequently such as a biographer interested in preserving the dignity of his subject must shrink from specifying. Her thoughts were a tangle of vague outlines which had never been corrected by the judgement of people speaking with authority. In matters of opinion she had had her own way, and it had led her into a thousand ridiculous zigzags. Und das hier ist Nicole Kidman als Isabel Archer. Nicole Kidman soll im wirklichen Leben übrigens Jil Sander tragen. Oder macht dafür Reklame. Reklame ist in diesem business alles.

Wenn auch zu bezweifeln ist, dass Jil Sander trotz des exzessiven minimalistischen Purismus jemals in den Olymp der Modeschöpfer kommt, in dem ➱Charles Frederick WorthPaul PoiretMariano FortunyMadame Grès, ➱Coco Chanel, ➱Christian Dior und vielleicht sogar ➱Heinz Oestergaard jetzt sind, eine Auszeichnung wird man ihr nicht nehmen können. Und das ist neben dem Bundesverdienstkreuz die Auszeichnung vom Verein Deutsche Sprache als Sprachpanscher des Jahres. Und diese Auszeichnung hat sie sich mit dem folgenden Originaltext redlich verdient:

Ich habe vielleicht etwas Weltverbesserndes. Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das future-Denken haben muss. Meine Idee war, die hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, dass man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewusste Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muß Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils.

Wie einst Georg Kofler, Geschäftsführer des Fernsehsenders Pro 7 so schön sagte: Ich hasse Anglizismen. Das ist alles Bullshit.

Sonntag, 25. November 2018

automatisch


Der Barni war am Sonntag vor einer Woche auf zwei Flohmärkten.  Große Flohmärkte. Mit Armbanduhren war da nix. Plastikuhren mit Quarzwerk massenhaft, aber an mechanischen Uhren gab es nur eine alte Doxa für 150 Euro. Ich habe nichts gegen die Uhrenmarke Doxa, und es gibt hier schon einen Post, der Die Doxa von Dirk Pitt heißt, aber 150 Euro sind doch etwas zu viel. Die Flohmarkthändler haben bei der Einführung des Euro gleich eins zu eins umgerubelt, und seitdem sind die Preise selbst für die schrottigsten Uhren gestiegen. Auf den Flohmärkten ist nichts mehr, alles ist bei ebay oder den Auktionshäusern. Vor Jahrzehnten war wohl Gisbert Joseph in Mönchengladbach der erste, der Armbanduhren ins Programm nahm. Dann kam Henry's, die jetzt schon in den Luxusbereich abwandern, dahin, wo Dr Crott schon lange ist. Im letzten Henry's Katalog wurde eine Rolex Daytona für 75.000 Euro angeboten, so etwas ist schon frech.

Ich möchte heute einige Automatikuhren vorstellen, von denen viele noch erschwinglich sind. Und ich beginne mit der Frage: Warum bauten die Amerikaner keine Automatikuhren? Beinahe alles haben sie automatisiert, aber nicht die Uhren. In der Zeit, in der in der Schweiz Automatikuhren entwickelt werden, die nach 1945 auf den Markt kommen, tobt der Zweite Weltkrieg. Die Amerikaner lassen ihre Entwicklungsabteilungen ruhen, ihre Auftragsbücher sind randvoll mit Regierungsaufträgen. So baut zum Beispiel Hamilton (die man auch die Patek Philippe von Amerika nannte) diesen Marinechronometer, eine der genauesten Uhren der Zeit.

Wenn die amerikanischen Kunden Automatikuhren wünschen, wird man sich in der Schweiz bedienen. Hamiltons erstes Automatikwerk kommt von Certina, danach bevorzugt man Eterna, um dann endgültig 1966 die Firma Büren zu kaufen. Weil man für die angesagten Thin-o-Matic Modelle den schönen Büren Mikrorotor verwenden will. Man kann auf dem Werk das Wort unadjusted lesen, was eine ziemliche Frechheit ist. Steht nur drauf, um die Einfuhrsteuer zu sparen. Das revolutionäre Werk gibt es in einer noch flacheren Version, die leider sehr störanfällig ist. Ich weiß, wovon ich rede.

Es gab nach 1945 nur ganz wenige amerikanische Konstruktionen, weil die amerikanischen Uhrenfabrikanten sich genau wie Hamilton aus der Schweiz bedienen liessen. Das gilt auch für die Branchenriesen wie Bulova und Gruen, wobei Gruen die jahrzehntealten Verbindungen zur Alpina und zu Aegler (die auch die Werke für Rolex bauten) nützlich waren. Als sich die Familie Gruen aus dem Uhrengschäft zurückzog, zog Rolex in die Precision Factory in Biel ein.

Diese Elgin Automatic ist (außer der Elgin Hammerautomatik) die einzige rein amerikanische Konstruktione. Es gab die Uhr in zwei Versionen, einmal als Kaliber 760 mit 30 Steinen und 6 Adjustments (also Chronometerqualität) und einmal als Kaliber 761 mit 27 Steinen und dem Zusatz Adjusted. Reicht auch für den normalen Gebrauch. Die Uhr hat hier schon einen sehr ausführlichen Post.

Aus der Vielzahl der Nachkriegskonstruktionen sollten drei Uhrwerke hervorgehoben werden. Das erste ist Felsas Bidynator, eine Automatik, deren Rotor in beide Richtungen aufzog. Felsa wurde sofort von Rolex verklagt, die sich schon Anfang der 30er Jahre die von Aegler gebaute Rotorautomatik für ihre bubblebacks patentieren ließen. Aber Rolex musste sich von den Richtern belehren lassen, dass eine Automatik, die in zwei Richtungen aufzieht, etwas anderes ist, als eine Automatik, die nur in einer Richtung wirkt.

Das zweite Werk von Bedeutung ist das Uhrwerk der Eternamatic, das 1948 auf den Markt kam. Der Rotor lief hier auf fünf winzigen Kugellagern, die so klein waren, dass 30.000 in einen Fingerhut passten. Entworfen von Heinrich Stamm (firmenintern Daniel Düsentrieb genannt) und immer wieder verbessert (zum Beispiel durch das 1428, das in der Centenaire steckte), wird das Werk heute noch gebaut. Heißt jetzt ETA (einstmals eine Tochterfirma der Eterna) und steckt in über 90% der in der Schweiz gebauten Automatikuhren. Aber der Riese ETA beliefert längst nicht mehr jeden, eine Chance für Firmen wie Sellita. Die ETA nutzt ihr Monopol rigoros aus, Uhrmacher, die früher noch mit ETA Ersatzteilen beliefert wurden, bekommen heute nichts mehr. Das war zu den Zeiten von Rudolf Schild-Comtesse noch anders. Ich erwähne den Dr Schild-Comtesse, weil er Thor Heyerdahl unberechnet ein halbes Dutzend wasserdichter Uhren für das KonTiki Abenteuer überließ. Damals waren die meisten Schweizer Uhrenfabriken noch in Familienbesitz, man ging höflich miteinander um. Seit den Tagen von Nicolas Hayek ist da nur noch Hauen und Stechen.

Eine der interessantesten Konstruktionen der 40er Jahre war der Aufzug von Albert Pellaton, der ab 1950 in den Automatikuhren der IWC steckte. Unter dem hier abgenommenen Rotor war eine Kurvenscheibe (ganz rechts), die eine Gabel nach links und rechts bewegte. An dieser Gabel waren zwei Exzenter (gelb), von denen jeweils der eine das Zahnrad aufzog, das für die Kraftübertragung auf das Federhaus. Die IWC Konstruktion wurde von der englischen Firma Smiths kopiert, kostete die Firma dann aber riesige Strafzahlungen für die Patentrechte, was das Ende der Smiths Imperial Automatic bedeutete.

Die erste deutsche Automatik kam 1950 von der Firma Bidlingmeier (Bifora) und war sehr, sehr einfach konstruiert. Macht ein schnurrendes Geräusch wie eine Nähmaschine, ist aber wahrscheinlich unkaputtbar. Man sollte dazusagen, dass es die erste westdeutsche Automatik war, DDR Bürger mussten noch ein Jahrzehnt auf das Erscheinen der Spezimatic warten. Von 1964 bis 1980 wurden von der GUB über 3,7 Millionen Exemplare davon hergestellt. Die wenigsten wanderten in die DDR, die meisten wurden von Neckermann und Quelle unter ihren Firmennamen verkauft.

Eine der originellsten Konstruktionen, und damit komme ich zum Schluss meiner kleinen Uhrenrevue, kam von Otero (Uhrenrohwerke Otto Epple, Königsbach). Die Firma bewarb ihre Konstruktion 1955 so: Muß das Einfache primitiv sein? Wir von OTERO sagen NEIN! Warum wir das behaupten können? Die genial einfache Konstruktion unserer Kaliber 79 und 792 K (mit Kalender) erfordert nur wenige Teile. Die Kraftübertragung: Rotor, Schaltklinkenträger, Klinkenrad: 3 Teile. Muss man mehr sagen? Dies ist Pellatons Exzenterkonstruktion, aber ganz, ganz einfach. Wenn man der Uhr statt der billigen Nickelunruhe eine gute Glucydurunruhe spendiert hätte, wäre dies ein perfektes Werk. Die Konstruktion wird weiterleben, fünf Jahre später offeriert sie Seiko als Magic Lever.

Ich habe diesen Post mit einer alten Dugena am Arm geschrieben. Die hat mich vor dreißig Jahren mal zehn Mark gekostet. Fand ich für eine Dugena ziemlich teuer, aber der Händler sagte, es sei ein ganz besonderes Werk drin. Ist Dugena 1042 signiert, und ist nichts anderes als das gute alte Otero 48. Geht immer noch.

Mittwoch, 21. November 2018

The One on the Right Is on the Left


Richard Nixon hätte es gerne gehabt, wenn ihm Johnny Cash Okie from Muskogee vorgesungen hätte, aber the Man in Black tat ihm nicht den Gefallen. Er antwortete auf Nixons Vorschläge: I don’t know those songs. But I got a few of my own I can play for you. Nixon hielt Okie from Muskogee  für die Hymne der rednecks, in Wirklichkeit war der Song wohl eher ironisch gemeint. Amerikas populäre Musik ist nicht leicht einzuordnen. Wir haben Janis Joplins Me and Bobby McGee, aber wir haben auch Tom Paxton:

Lyndon Johnson told the nation
Have no fear of escalation
I am trying everyone to please
Though it isn't really war
We're sending fifty thousand more
To help save Vietnam from the Vietnamese

Doch die Zeiten von Tom Paxton und Phil Ochs, von Buffy Sainte-Marie und Joan Baez sind vorbei, die Politik scheint aus der populären Musik verschwunden. Country music has become apolitical titelte der Guardian. Einer der Gründe für die neue Zurückhaltung heißt Dixie Chicks. Als die Band vor Jahren Kritik an Regierung und Präsidenten äußerte, sendeten die Radios ihre Songs nicht mehr. Country Music, Politics & the Lingering Fear of 'Getting Dixie Chicked' hieß eine Schlagzeile. Hannes Wader widerfuhr das gleiche Schicksal, als seine DKP Zugehörigkeit bekannt wurde, konnte man im NDR seine Songs nicht mehr hören.

Now this should be a lesson if you plan to start a folk group
Don't go mixin' politics with the folk songs of our land
Just work on harmony and diction
Play your banjo well
And if you have political convictions keep them to yourself

Das sang Johnny Cash 1965 in The One on the Right Is on the Left, aber politisch rechts war er nie. Lassen Sie uns zu einem großen Moment von Johnny Cash zurückkehren, dem Grand Prize des Kennedy Centers 1996. Da sagte Walter Cronkite, Edgar Allan Poe zitierend: A sense of the beautiful is an immortal instinct deep within the spirit of man. Und fuhr fort: Each year at the Kennedy Center, we honor a few, those rare few, who have reached deeply within themselves and given new life to that immortal instinct. Johnny Cash war schon sehr krank, und als eine jüngere Generation (hier seine Tochter mit ihrem Vater) ihre und seine großen Songs sang, kämpfte er mit den Tränen. Klicken Sie hier, um den großen Moment der Country & Western Music mit Kris Kristofferson, Lyle Lovett, Emmylou Harris und Roseanne Cash zu hören. Roseanna singt den signature song von Cash I walk the line ganz wunderbar (obgleich Quincy Coleman das mit Harry Dean Stanton auch nicht schlecht macht).

Zum Schluss singen alle I'll Fly Away:

Some glad morning when this life is over,
I'll fly away.
To a home on God's celestial shore,
I'll fly away.


Aber da hat Johnny Cash noch einige Jahre zu leben (hier sein letzter Auftritt), bis seine Tochter Black Cadillac singt.


Sonntag, 18. November 2018

Uniklinik (2)


Wenn ich aus dem Fenster der Uniklinik schaute, konnte ich auf den Schwanenweg blicken. Das ist eine hübsche kleine Straße, in der Klaus Groth einst gewohnt hat. Und ein Medizinprofessor, der einmal Medizingeschichte in Kiel geschrieben hat. Ich meine Alkmar von Kügelgen, der hier schon einen Post hat. Auf dem gegenüberliegenden Gebäude des Klinikgeländes war ein riesiges Plakat angebracht. Wir schaffen das, stand darauf. Damit war nicht Frau Merkel gemeint, es war ein Slogan, mit dem man sich Mut zu machen versucht, dass aus dem Chaos der Riesenbaustelle einmal eine funktionierende Uniklinik entsteht. Das Wir schaffen das stand auch auf den Kaffetassen, auf den kleinen Papiertüchtchen, in denen der Zucker war, stand auch: Wir schaffen das. Für so etwas hat man Geld. Zwar lauern im Hintergrund eine Milliarde Euro Schulden, aber für die 640.000 Euro, die der Verwaltungschef Jens Scholz bekommt, reicht es immer noch. Ein Beschwerdemanagement hat die Uniklinik auch, ich nehme an, die haben Tag und Nacht zu tun.

Gerade haben die Klinikdirektoren und Chefs einen Brief an den Ministerpräsidenten geschrieben. Man will mehr Geld. 71 Mediziner haben unterschrieben. Erstaunlich, dass es so viele Direktoren gibt. Ich war vor Jahrzehnten mal eine Woche in der Uniklinik. Der Direktor der Inneren Medizin hieß Bernsmeier, er war ein berühmter Mann. Er war der einzige Direktor der 1. Universitätsklinik, mehr als einen brauchte man damals nicht. Arnold Bernsmeier hatte dafür Zeit, sich jeden Abend für fünf Minuten an mein Bett zu setzen. Als ich letztens in der Uniklinik war, hat niemand mit mir fünf Minuten geredet, die Ärzte hatten es nicht einmal nötig, ihren Namen zu nennen. Viele kannten die Patienten überhaupt nicht. Alle Diagnosen und Werte, die ich von den behandelnden Ärzten des letzten halben Jahrs mitgebracht hatte, waren von den Unimedizinern nicht gelesen worden. Warum auch? Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht, ja das hofft man. Es ist übrigens ein ganz alter Satz. Er steht im Hippokratischen Eid.

Samstag, 17. November 2018

schwarz + weiß.


Darf man als ehemalige First Lady so aussehen wie auf diesem Photo, das vor vier Tagen mit der Präsentation des Buches Becoming Michelle Obama zu sehen war? Warum nicht? Ist besser, als wenn man wie Melania als Model für die Unterwäschenfirma Victoria's Secret auftritt. Aber Farbige haben es immer noch schwer in der amerikanischen Gesellschaft, vor allem in Trumps Amerika.

Schwarze Amerikaner haben für den Rassisten Donald Trump einen low IQ, er attackiert sie bei jeder Gelegenheit, wir lassen seine Angriffe auf Barack Obama mal aus. Das Bild der kleinen Ruby Bridges hängt nicht mehr im Weißen Haus (mehr dazu in dem vielgelesenen Post Bilder: Geschichte). Statt der kleinen Ruby Bridges hängt da jetzt ein Bild, auf dem Donald Trump zu sehen ist. Aber kein schwarzer Präsident. Kann man noch geschmackloser werden?

Es ist ein langer Weg gewesen, der die schwarzen Amerikaner zu Bildung und Gleichberechtigung geführt hat. Dies hier war der erste schwarze Amerikaner, der auf einer Briefmarke abgebildet wurde. Aber das hat Booker Taliaferro Washington nicht mehr erlebt. Sein italienisch klingender middle name (der tol-i-vər ausgesprochen wird) kommt wohl von einer weißen Familie aus Virginia. Seine Eltern, die wie er noch Sklaven waren, werden sich etwas dabei gedacht haben. Sein Weg, den er für die Schwarzen sah, war nicht der Weg der Revolution:

Our greatest danger is, that in the great leap from slavery to freedom we may overlook the fact that the masses of us are to live by the productions of our hands... No race can prosper till it learns that there is as much dignity in tilling a field as in writing a poem. It is at the bottom of life we must begin, and not at the top... To those of the white race who look to the incoming of those of foreign birth and strange tongue and habits for the prosperity of the South, were I permitted I would repeat what I say to my own race, "Cast down your bucket where you are... Cast down your bucket among these people who have... tilled your fields, cleared your forests, builded your railroads and cities... As we have proved our loyalty to you in the past, in nursing your children, watching by the sick bed of your mothers and fathers, and often following them with tear-dimmed eyes to their graves, so in the future, in our humble way, we shall stand by you with a devotion that no foreigner can approach, ready to lay down our lives, if need be, in defense of yours, interlacing our industrial, commercial, civil, and religious life with yours in a way that shall make the interests of both races one. In all things that are purely social we can be as separate as the fingers, yet one as the hand in all things essential to mutual progress.

Claude McKay, der auf Jamaica geboren wurde (und 1912 in die USA kam), hat die Booker T. Washingtons Schule, das Tuskegee Institute, besucht. Aus seinem Sonett The White House spricht ein ganz anderer Geist.

Your door is shut against my tightened face,
And I am sharp as steel with discontent; 
But I possess the courage and the grace 
To bear my anger proudly and unbent. 

The pavement slabs burn loose beneath my feet, 
And passion rends my vitals as I pass, 
A chafing savage, down the decent street; 
Where boldly shines your shuttered door of glass. 

Oh, I must search for wisdom every hour, 
Deep in my wrathful bosom sore and raw, 
And find in it the superhuman power 
To hold me to the letter of your law! 

Oh, I must keep my heart inviolate 
Against the potent poison of your hate.

Eine Anzahl von Kritikern hat die Meinung vertreten, dass man Claude McKays Sonett bei Trumps Inauguration hätte vorlesen sollen. Oder man hätte auch das Gedicht America nehmen können:

Although she feeds me bread of bitterness,
And sinks into my throat her tiger’s tooth,
Stealing my breath of life, I will confess
I love this cultured hell that tests my youth.


Her vigor flows like tides into my blood,
Giving me strength erect against her hate,
Her bigness sweeps my being like a flood.
Yet, as a rebel fronts a king in state,


I stand within her walls with not a shred
Of terror, malice, not a word of jeer.
Darkly I gaze into the days ahead,
And see her might and granite wonders there,


Beneath the touch of Time’s unerring hand,
Like priceless treasures sinking in the sand.


Der Traum von Martin Luther King ist immer noch ein Traum.

Mittwoch, 14. November 2018

Charles


Prince Charles wird heute siebzig, dazu wollen wir herzlich gratulieren. Der  Cartoon hier ist von Marc Boxer, der schöne Prince Charles Cartoons gezeichnet hat. Er hat auch die Umschlagbilder für die Paperbackausgabe von A Dance to the Music of Time gestaltet. Siebzig Jahre, und noch immer Thronfolger. Wird das noch mal was mit der Nachfolge von Lisbeth? Prince Charles war schon häufig in diesem Blog, meistens als Modeikone. Da ist er ein würdiger Nachfolger des Herzogs von Windsor. Charles, von dem wir wissen, dass er sehr schön Gedichte vorliest (hören Sie hier Dylan Thomas' Fern Hill) ist uns weniger als Dichter bekannt. Denn das ist er auch, nicht nur ein Maler. Und da zitieren wir heute doch mal ein Gedicht des Geburtstagkinds:

... Full moon...shine on the ocean...
you, in my heart...the shore is waiting...
getting older. You never come...indefinite is
the moonlit path ploughing the ocean
that swallowed the sailing-ship
we would have wandered so long on...
driven by desire, playing
flute and lyre...
blending singing and flesh
in the silvery wind...

Sonntag, 11. November 2018

Montaigne en allemand


Ich habe die Engländerin Sarah Bakewell schon in dem Post Biographien vorgestellt, da hatte ich gerade The English Dane gelesen, die Geschichte von Jørgen Jürgensen, der sich zum König von Island ernennt. Und den die Engländer in die Strafkolonie Australien schicken. Ein wunderbares Buch. Sarah Bakewell ist noch ein zweites Mal in diesem Blog zitiert worden und zwar in dem Post Michel de Montaigne. Weil sie dieses schöne Buch How to Live: A Life of Montaigne in One Question and Twenty Attempts at an Answer  geschrieben hat. Ich bin endlich dazu gekommen, es ganz zu lesen. Für irgendetwas muss die Uniklinik ja gut sein.

Es ist  ein Buch, das man vorzüglich als Einführung in Leben und Werk von Montaigne benutzen kann, und es wird auch dem etwas geben, der schon alles über Montaigne weiß. Glücklicherweise gibt es das Buch beim C.H. Beck Verlag auch in deutscher Sprache, sogar recht preiswert. Noch preiswerter sind die beiden kleinen Bände aus der Reihe von Rowohlts Monographien von Francis Jeanson und Uwe Schultz. Die Lektüre von Montaignes Essais in Deutschland beginnt mit einem Mißverständinis, der Übersetzung von Johann Joachim Christoph Bode. So verdienstvoll Bode als Übersetzer von Laurence Sterne, Fielding und Smollett ist, dies ist - da sind sich alle Kritiker einig - die schlechteste Übersetzung der Essais  

Die Bodesche Übersetzung ist im 20. Jahrhundert noch einmal aufgelegt worden, sie erschien 1908-1911 in acht Bänden unter dem Titel Gesammelte Schriften Michel de Montaignes. Historisch-kritische Ausgabe mit Einleitungen und Anmerkungen unter Zugrundelegung der Übertragung von J. J. Bode, herausgegeben von Otto Flake und Wilhelm Weigand. Das Tagebuch der Badereise wurde für diese Ausgabe von Otto Flake übersetzt,

Der Diogenes Verlag hat vor Jahren noch eine zweite deutrsche Übersetzung aus dem 18. Jahrhundert ausgegraben, nämlich die, die der 24-jährige Johann Daniel Tietz 1753/-54 publiziert hatte. Aber ich weiß nicht, ob man dafür (und für die Biographie von Wilhelm Weigand aus dem Jahre 1915) wirklich Geld ausgeben sollte, liegt doch inzwischen von Hans Stilett, der seine Doktorarbeit über Montaignes Bäderreise schrieb, die erste moderne Gesamtübersetzung (in der Reihe Die Andere Bibliothek) vor. Stilett hat auch das Tagebuch von Montaignes Badereise übersetzt, über das Goethe sagte: So habe ich gerade mit großem Interesse die Reise­be­schreibun­gen Montaignes gelesen: Sie bereiten mir an manchen Stellen noch mehr Vergnügen als selbst seine Essais. Bevor Stiletts Übersetzung erschien, war die von Herbert Lüthy (in dem Manesse Band) das Beste, das man kaufen konnte, das Buch ist immer noch lieferbar. Die Kombination von Stiletts Übersetzung und Bakewells Biographie ist sicher das Beste, womit man anfangen kann, will man sich ernsthaft mit Montaigne beschäftigen.

Erwähnen muss man allerdings das Buch von Hugo Friedrich, das er kurz nach dm Zweiten Weltkrieg schrieb. Es ist immer wieder aufgelegt worden, aber die deutsche Ausgabe ist kaum noch auf dem Markt zu finden, die französische oder die englische Ausgabe findet sich da eher. In seinem Vorwort gibt Friedrich Auskunft über seine Absicht: Im Übrigen wünsche ich mir, dass diese von einem Romanisten geschriebene Darstellung unseren Autor auch den Philosophen noch einmal ans Herz legt und sie einlädt, es philosophisch zu deuten, warum er von sich gesagt hat: 'Ich bin kein Philosoph'. 

Ich habe mit Hugo Friedrich so meine Schwierigkeiten, denn wie ich in dem Post Gerhard Neumann (Dichter) schrieb: Und bei Hugo Friedrich werde ich zwei Dinge nicht los, das eine ist natürlich seine Mitgliedschaft in der NSDAP. Und das andere ist eine Geschichte, die mir jemand erzählt hat, der mal bei Friedrich wissenschaftliche Hilfskraft (Universitätsjargon: Hiwi) war. Der musste für seinen Professor immer Brötchen und Kaffee in einem bestimmten Supermarkt kaufen, weil es da Rabattmarken gab, denn Professor Hugo Friedrich sammelte Rabattmarken. Rimbaud und Rabattmarken, wie geht das zusammen? Wilhelm Lehmann hatte für Hugo Friedrich auch einige böse Worte übrig. Doch von diesem Gemäkel abgesehen, bleibt Friedrichs Buch der einzige große Versuch, Montaigne näherzukommen.

J’ay faict ce que j’ay voulu: tout le monde me recognoist en mon Livre et mon Livre en moy, den Satz von Montaigne scrieb Thomas Mann 1904 an das Ende seines Tagebuchs. Ich zitiere das immer gern, weil ich hoffe, dass man mich auch in meinen Texten erkennt.

für Heike und Friedhard, die mir die schöne Neuübersetzung der 'Essais' von Hans Stliett geschenkt haben.