Freitag, 23. April 2021

Hofanzug

Als der Dichter Robert Southey gestorben war, ein Dichter, den Lord Byron hasste, war der Posten des Poet Laureate wieder vakant. Man wählte Englands berühmtesten Dichter William Wordsworth, der hier vor einem Jahr zu seinem 250. Geburtstag einen Post hatte. Wordsworth wollte nicht, er fand, dass er zu alt sei. Und er dichtete auch kaum noch etwas Neues. Er schrieb aber immer noch an dem autobiographischen Monstergedicht The Prelude, das er im Winter 1798 in Goslar begonnen hatte. Der Premierminister Sir Robert Peel versicherte ihm, dass er in seiner neuen Funktion überhaupt nichts tun müsse: Do not be deterred by the fear of any obligation which the appointment may be supposed to imply. I will undertake that you shall have nothing required from you. Wordsworth wird der einzige Hofdichter sein, der in seiner offiziellen Funktion kein einziges Gedicht schreibt.

Das hier ist nicht William Wordsworth, aber was der Archäologe Charles Dawson hier trägt, musste Wordsworth auch einmal bei einem Lever der Königin anziehen. Zuhause trägt er das, was ihm seine Schwester Dorothy näht, jetzt muss er der Form genügen. Er besitzt keinen Hofanzug, den muss er sich (wie auch die Seidenstrümpfe) von seinem Freund Samuel Rogers leihen, den Degen leiht er sich von einem anderen Freund. Der Anzug ist ihm viel zu klein, aber Samuel Rogers und Edward Moxon (der Verleger von Wordsworth) kriegen ihn da irgendwie rein. Der Maler Benjamin Haydon wird ihm später schreiben: I wish you had not gone to court ... I think of you as Nature's high priest. I can't bear to associate a bag-wig and sword, ruffles and buckles, with Helvellyn and the mountain solitudes. This is my feeling, and I regret if I have rubbed yours the wrong way ... I have not been able to suppress my feelings. Believe me ever your old friend. Es ist eine Kuriosität der Geschichte, dass sich Wordsworths Nachfolger Tennyson (der der Lieblingsdichter von Queen Victoria war) bei seinem Antrittsbesuch in genau denselben Anzug quält, den Wordsworth getragen hat.

Ich war versucht, als Gedicht heute etwas aus The Prelude zu nehmen, habe mich dann aber eines Besseren besonnen. Die Gedichte, die schon in den Posts Ostern und Touristen vorkommen, konnte ich nicht mehr nehmen. Viele Gedichte von Wordsworth kann ich immer noch auswendig, aber es gibt auch viele Gedichte von Wordsworth, die ich nicht ausstehen kann. The Solitary Reaper gehört unbedingt dazu, mein Englischlehrer mochte es, ich nicht. Aber dies hier, das mag ich:

My heart leaps up when I behold
A rainbow in the sky:
So was it when my life began;
So is it now I am a man;
So be it when I shall grow old,
Or let me die!
The Child is father of the Man;
And I could wish my days to be
Bound each to each by natural piety.

Wordsworth hat die letzten drei Zeilen des Gedichts noch einmal verwendet, als Motto für die Ode Intimations of Immortality from Recollections of Early Childhood. Ein Gedicht, das er 1804 schrieb und immer wieder umschrieb, Teile davon sind auch in The Prelude hineingewandert. Damals dichtete er schon beim Frühstück: He ate not a morsel, nor put on his stockings, but sat with his shirt neck unbuttoned and his waistcoat open while he did it, schreibt seine Schwester in ihr Tagebuch. Mit bloßen Füßen und nur halb bekleidet, ist mir der Dichter lieber als in dem geliehenen Hofanzug und den geliehenen Seidenstrümpfen.

Donnerstag, 22. April 2021

un petit moment


Ein Graf trifft in einem Bordell eine hübsche Achtzehnjährige. Er hat gleich eine schmutzige Idee: die junge Frau soll seinen Bruder (der natürlich auch ein Graf ist) heiraten, soll durch diese Heirat an den Hof des Königs kommen und die Mätresse des Königs werden. Damit unser Graf einen noch größeren Einfluss am Hofe bekommt. Das Bordell, in dem unser Graf die junge Blondine kennenlernt, wurde übrigens auch von dem Marquis de Sade besucht. Es kommt alles, wie es kommen soll, die kleine Marie Jeanne Bécu heiratet einen Grafen und wird am 22. April 1769 dem König als die Comtesse Du Barry vorgestellt. Der alternde König (es ist Louis XV) verliebt sich, die Comtesse steigt auf zur maîtresse en titre, der Nachfolgerin der Pompadour. Vielleicht hat sie ihn sogar geliebt, nach vielen Erzählungen soll sie die einzige gewesen sein, die an seinem Sterbebett ausharrte. Ich hätte dafür eine kleine Literaturempfehlung: Etiquette: Eine Rococo-Arabeske von Ossip Schubin, einer Schriftstellerin, die zu Unrecht vergessen ist.

Voltaire war hingerissen von der Du Barry. Er schreibt ihr am 20. Juni 1773 zwei kleine Gedichte in einem Brief, und diese beiden Vierzeiler, in denen es um Küsse und um Schönheit geht, sollen heute mein Gedicht des Tages sein:

Madame, M. de La Borde m’a dit que vous lui aviez ordonné de m’embrasser des deux côtés de votre part.

Quoi ! deux baisers sur la fin de ma vie ! 
Quel passeport vous daignez m’envoyer ! 
Deux ! c’est trop d’un, adorable Égérie :
Je serais mort de plaisir au premier.

Il m’a montré votre portrait ; ne vous fâchez pas, madame, si j’ai pris la liberté de lui rendre les deux baisers. 

Vous ne pouvez empêcher cet hommage,
Faible tribut de quiconque a des yeux. 
C’est aux mortels d’adorer votre image ; 
L’original était fait pour les dieux.

J’ai entendu plusieurs morceaux de la Pandore de M. de La Borde ; ils m’ont paru bien dignes de votre protection. La faveur donnée aux véritables beaux-arts est la seule chose qui puisse augmenter l’éclat dont vous brillez. Daignez agréer, madame, le profond respect d’un vieux solitaire dont le cœur n’a presque plus d’autre sentiment que celui de la reconnaissance.

Der erwähnte Monsieur de la Borde ist der Komponist Jean-Benjamin François de la Borde, ein Freund Voltaires. In der Zeit, als die Du Barry maîtresse en titre des Königs ist, hatte er den Posten eines Ersten Kammerdieners des Königs. In der Revolution landet er auf dem Schafott. Wie auch der Graf Du Barry, der einst die kleine Marie Jeanne im Bordell entdeckte. Wie auch Madame Du Barry, die einmal in ihr geheimes Tagebuch schrieb: Ich habe Angst vor dem Alter und glaube, dass ich lieber tot sein möchte als hässlich. Sie wird fünfzig Jahre alt werden, dann beendet das Fallbeil auch ihr Leben. Encore un moment, monsieur le bourreau, un petit moment, hatte sie den Scharfrichter vor dem Schafott angefleht. Sie wird diesen petit moment nicht bekommen. 

Mittwoch, 21. April 2021

Lebensmut


Die Schriftstellerin Charlotte Brontë, die heute vor 205 Jahren geboren wurde, ist berühmt geworden für ihren Roman Jane Eyre, ein Roman, über den Sie mehr in dem Post Jean Rhys lesen können. Ich habe den Roman hier auch in einer deutschen Übersetzung, die Maria von Borch 1887 erstellt hat. Und noch mehr über die Brontë Schwestern steht in dem Post Sturmeshöhe. Ein Jahr vor der Veröffentlichung von Jane Eyre hatten die drei Schwestern einen Gedichtband veröffentlicht, der allerdings kaum verkauft wurde. Da half es auch nicht, dass sie sich als Pseudonyme Männernamen ausgesucht hatten: Averse to personal publicity, we veiled our own names under those of Currer, Ellis and Acton Bell; the ambiguous choice being dictated by a sort of conscientious scruple at assuming Christian names positively masculine, while we did not like to declare ourselves women, because – without at that time suspecting that our mode of writing and thinking was not what is called 'feminine' – we had a vague impression that authoresses are liable to be looked on with prejudice; we had noticed how critics sometimes use for their chastisement the weapon of personality, and for their reward, a flattery, which is not true praise.

Zwei Exemplare der Gedichte wurden verkauft, aber die Schwestern schreiben weiter. Sie haben immer schon geschrieben, sie haben sonst nichts. Es ist ein trauriges Leben, das die drei Schwestern haben, aus den Fenstern des Pfarrhauses blicken sie auf den Friedhof, alle drei werden früh sterben. Ihr Leben ist in Romanen und Filmen immer wieder beschrieben worden. Das Bild ist aus dem Film Les Sœurs Brontë mit Marie-France Pisier als Charlotte und Isabelle Huppert und Isabelle Adjani als ihre Schwestern. Wenn Sie wollen, können Sie sich den Film ✺hier ansehen, es sind schöne Bilder. Charlotte und Emily haben es sich nicht vorstellen können, dass Jane Eyre und Wuthering Heights (hier beide Romane im Volltext) Millionenauflagen erzielen werden.

Ich nehme mir für den heutigen Tag einmal das Gedicht Life von Charlotte Brontë (= Currer Bell): 
 
Life, believe, is not a dream
     ⁠So dark as sages say;
Oft a little morning rain
⁠     Foretells a pleasant day.
Sometimes there are clouds of gloom,
⁠     But these are transient all;
If the shower will make the roses bloom,
⁠     O why lament its fall?
         ⁠⁠Rapidly, merrily,
⁠Life's sunny hours flit by,
⁠⁠       Gratefully, cheerily,
⁠Enjoy them as they fly!

What though Death at times steps in,
⁠     And calls our Best away?
What though sorrow seems to win,
     ⁠O'er hope, a heavy sway?
Yet hope again elastic springs,
     ⁠Unconquered, though she fell;
Still buoyant are her golden wings,
     ⁠Still strong to bear us well.
⁠⁠         Manfully, fearlessly,
⁠The day of trial bear,
⁠⁠     For gloriously, victoriously,
⁠Can courage quell despair!

In dem Roman Jane Eyre sagt die Heldin: My world had for some years been in Lowood: my experience had been of its rules and systems; now I remembered that the real world was wide, and that a varied field of hopes and fears, of sensations and excitements, awaited those who had courage to go forth into its expanse, to seek real knowledge of life amidst its perils. Weggehen in die wirkliche Welt, das hat nur Charlotte geschafft, aber sie versieht ihre Romanheldin mit diesem Lebensmut. Und diesen Lebensmut schreibt sie in das Gedicht Life hinein: For gloriously, victoriously, Can courage quell despair!

Ich habe diess Gedicht ausgewählt, weil Elizabeth II heute Geburtstag hat, ein Geburtstag, an dem ihr Philip nicht mehr bei ihr ist. Es ist ein trauriger Tag, aber die Kraft und der Lebensmut, den sie immer gehabt hat, wird ihr über den Tag helfen. Der offizielle Geburtstag im Juni, das berühmte ✺Trooping the Colour, wird wie im Vorjahr im ganz kleinen Rahmen stattfinden. Aber 2022, da wird richtig gefeiert, das hat sie schon gesagt.

Dienstag, 20. April 2021

alles dahin


Ein Freund schickte mir ein Gedicht von Craig Morgan Teicher, das gerade im New Yorker veröffentlicht worden war. Den New Yorker hatte ich früher auch mal jahrzehntelang im Abo. Als ich an der Uni aufhörte, habe ich ganze Stapel davon an Studenten verschenkt. Und dass ich Adam Gopnik schätze, kann man hier schon lesen. Der Dichter Craig Morgan Teicher machte mit dem Gedicht Werbung für sich selbst, auf seiner Homepage kann man lesen: My poem Peers, is in 'The New Yorker' this week. It’s the first poem in Welcome to Sonnetville, New Jersey, so if you read it now, you're already two pages into the book! Das Buch Welcome to Sonnetville, New Jersey erschien gleichzeitig in dem BOA Verlag am 6. April. Und ich habe das Gedicht Peers mit einigen Tagen Verspätung hier auch:

I’m thinking of you beautiful
and young, of me young

and confused and maybe
beautiful. There were lots of us—

these were our twenties, when,
post-9/11, we were about to

inherit the world, and we had no idea
what to do with it. And look

what we did, and we didn’t.
And now look at us, and it.

We turned away for a blip, started
whispering, kissing, had kids,

bought houses, changed bulbs,
submitted claims, changed channels,

FaceTimed, streamed, upgraded,
were two-day-shipped to, and midway

through our prime earning years
we look up again, decades groggy,

decades late. Forgive us, we thought—
but now it doesn’t matter. These are our

outcomes, consequences, faults,
forties, when the hourglass

is beeping and bleak and people
like us have memories like this

and wonder if the beauty that’s left
is really still beautiful, if it was.

Das beklagen Dichter immer wieder, bei François Villon heißt das griffig: où sont les neiges d'antan. In der Mail fand ich nicht nur das Gedicht, es stand auch dabei: der kennt seinen walther, schaetz ich mal: Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr! ist mir mîn leben getroumet, oder ist ez wâr? Mein Freund schreibt alles klein, tat ich auch mal, habe ich im Post Nachbild gestanden. Aber der Hinweis auf Walther von der Vogelweide hatte es in sich, klein geschrieben oder nicht. Wenn wir uns einmal den Anfang des Gedichts von Walther von der Vogelweide anschauen, dann gibt es da durchaus Gemeinsamkeiten:

Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr!
ist mir mîn leben getroumet, oder ist ez wâr?
daz ich je wânde ez wære, was daz allez iht?
dar nâch hân ich geslâfen und enweiz es niht.
nû bin ich erwachet, und ist mir unbekant
daz mir hie vor was kündic als mîn ander hant.
liut unde lant, dârinne ich von kinde bin erzogen,
die sint mir worden frömde reht als ez sî gelogen.
die mîne gespilen wâren, die sint træge unt alt.
vereitet is daz velt, verhouwen ist der walt:
wan daz daz wazzer fliuzet als ez wîlent flôz,
für wâr mîn ungelücke wande ich wurde grôz.
mich grüezet maneger trâge, der mich bekande ê wol.
diu welt ist allenthalben ungenâden vol.
als ich gedenke an manegen wünneclîchen tac,
die mir sint enpfallen als in daz mer ein slac,
iemer mêre ouwê.

Falls Sie nicht Germanistik studiert haben und einen benoteten Schein eines Mitttelhochdeutsch
Seminars besitzen, habe ich die Klage auf das Verschwinden der schönen Zeit auch noch auf Neuhochdeutsch in der Übersetzung von Richard Zoozmann aus dem Jahre 1907:

O Weh! Wohin entschwunden ist mir doch Jahr um Jahr?
War nur ein Traum mein Leben? Ach, oder ist es wahr?
Was ich als wirklich wähnte, wars nur ein Traumgesicht?
So hätt ich denn geschlafen und wüßt es selber nicht?
Nun bin ich wach geworden und mir blieb unbekannt,
Was mir zuvor vertraut war wie diese jener Hand.
Und Leut und Land, darin ich von Kindheit an erzogen,
Sind mir so fremd geworden, als war es schier erlogen.
Die mir Gespielen waren, sind heute träg und alt,
Umbrochen ist der Acker, geforstet ist der Wald.
Wenn nicht genau wie einstmals noch heut das Wasser flösse,
Fürwahr, ich wähnte wirklich, daß Unglück mich umschlösse.
Mich grüßet lauwarm mancher, der sonst mich gut gekannt,
Die Welt ist voller Ungnad und fiel aus Rand und Band.
Mit Schmerz denk ich an manchen so wonnevollen Tag,
Der spurlos mir zerronnen als wie ins Meer ein Schlag:
Für Ewigkeit, o weh!

Und dann habe ich noch etwas Interessantes, eine englische Übersetzung von dem renommierten Übersetzer John Irons:

Alas what has become of all my years now past!
has my life been a dream, or real from first to last?
that formerly imagined, was it really so?
I have slept since then and I really do not know.
now I have awakened to find all that I knew
as closely as my own hand seems strange and untrue.
the folk and land to which since boyhood I’ve close ties
feel now so unfamiliar as were they but lies.
those who were my playmates are lethargic and old.
the fields destroyed by fire, the woods all felled and sold:
Had not the river flowed where long since it did before,
my misery indeed I believe had pained me sore.
I get but distant greeting from those who knew me well.
and everywhere the world is a thankless place to dwell.
and when I recollect many blissful days of yore,
they’ve vanished as in water the marks left by an oar,
ever more alas.

Zwischen dem Gedicht von Craig Morgan Teicher und dem von Walther von der Vogelweide liegen beinahe achthundert Jahre. Man kann Walther und all die anderen Minnesänger heute noch immer lesen, ob man den amerikanischen Dichter in achthundert Jahren noch liest, das weiß ich nicht.

Montag, 19. April 2021

Elegie


To His Lost Lover

Now they are no longer
any trouble to each other

he can turn things over, get down to that list
of things that never happened, all of the lost

unfinishable business.
For instance… for instance,

how he never clipped and kept her hair, or drew a hairbrush
through that style of hers, and never knew how not to blush

at the fall of her name in close company.
How they never slept like buried cutlery –

two spoons or forks cupped perfectly together,
or made the most of some heavy weather –

walked out into hard rain under sheet lightning,
or did the gears while the other was driving.

How he never raised his fingertips
to stop the segments of her lips

from breaking the news,
or tasted the fruit

or picked for himself the pear of her heart,
or lifted her hand to where his own heart

was a small, dark, terrified bird
in her grip. Where it hurt.

Or said the right thing,
or put it in writing.

And never fled the black mile back to his house
before midnight, or coaxed another button of her blouse,

then another,
or knew her

favourite colour,
her taste, her flavour,

and never ran a bath or held a towel for her,
or soft-soaped her, or whipped her hair

into an ice-cream cornet or a beehive
of lather, or acted out of turn, or misbehaved

when he might have, or worked a comb
where no comb had been, or walked back home

through a black mile hugging a punctured heart,
where it hurt, where it hurt, or helped her hand

to his butterfly heart
in its two blue halves.

And never almost cried,
and never once described

an attack of the heart,
or under a silk shirt

nursed in his hand her breast,
her left, like a tear of flesh

wept by the heart,
where it hurts,

or brushed with his thumb the nut of her nipple,
or drank intoxicating liquors from her navel.

Or christened the Pole Star in her name,
or shielded the mask of her face like a flame,

a pilot light,
or stayed the night,

or steered her back to that house of his,
or said “Don’t ask me how it is

I like you.
I just might do.”

How he never figured out a fireproof plan,
or unravelled her hand, as if her hand

were a solid ball
of silver foil

and discovered a lifeline hiding inside it,
and measured the trace of his own alongside it.

But said some things and never meant them –
sweet nothings anybody could have mentioned.

And left unsaid some things he should have spoken,
about the heart, where it hurt exactly, and how often.


Als dieses Gedicht von Simon Armitage in der Sammlung The Book of Matches (Faber & Faber 1993) erschien, sagten die Kritiker dem Dichter eine große Zukunft voraus. Vergleiche mit Philip Larkin wurden bemüht, und das Gedicht To His Lost Lover wanderte in die englischen Schulbücher. Viele Kritiker halten es für das beste Gedicht von Armitage. Liebesgedichte zu schreiben, oder über den Alltag zu schreiben, ist die eine Sache, aber als Hofdichter über den Tod im Königshaus zu schreiben, das ist etwas anderes. Als man ihm vor zwei Jahren den Posten des Poet Laureate antrug, hatte man angedeutet, dass es auf ihn zukommen könnte, ein Gedicht auf den Tod von Elizabeth oder Philip zu schreiben. Simon Armitage hat mit seinem Gedicht auf den Tod von Philip bis zu der Beerdigung von Prince Philip gewartet. Das hat Stil. Die Erstveröffentlichung war nicht auf der Homepage des Dichters oder in irgendeinem Tweet, sie kam aus dem Königshaus, das dafür sogar ein ✺Video mit Bildern aus Philips Leben zusammenstellte.

 Der Bischoff David John Conner hatte bei der Trauerfeier in seiner Predigt aus dem Buch Sirach zitiert, und im 43. Kapitel ist viel von dem Wettter die Rede: Look at the rainbow and praise its Maker; it shines with a supreme beauty, rounding the sky with its gleaming arc, a bow bent by the hands of the Most High. His command speeds the snow storm and sends the swift lightning to execute his sentence. To that end the storehouses are opened, and the clouds fly out like birds. By his mighty power the clouds are piled up and the hailstones broken small. The crash of his thunder makes the earth writhe, and, when he appears, an earthquake shakes the hills. At his will the south wind blows, the squall from the north and the hurricane. He scatters the snow-flakes like birds alighting; they settle like a swarm of locusts. The eye is dazzled by their beautiful whiteness, and as they fall the mind is entranced. He spreads frost on the earth like salt, and icicles form like pointed stakes. A cold blast from the north, and ice grows hard on the water, settling on every pool, as though the water were putting on a breastplate. He consumes the hills, scorches the wilderness, and withers the grass like fire. Cloudy weather quickly puts all to rights, and dew brings welcome relief after heat. By the power of his thought he tamed the deep and planted it with islands. Those who sail the sea tell stories of its dangers, which astonish all who hear them; in it are strange and wonderful creatures, all kinds of living things and huge sea-monsters. By his own action he achieves his end, and by his word all things are held together.

Armitage nimmt das Wetter in seinem Klagelied auf, das ist sehr englisch. Er wusste, dass er jetzt als Poet Laureate für ein anderes Publikum schrieb: I think they have a slightly different tone, in as much as I understand that the audience is going to be different. When you publish books of poems you are, to some extent, writing for a specialised audience, whereas laureate poems come before readers who are not used to poetry. Mainly, I’ve tried to avoid pomposity. Es wusste, dass Philip das gehasst hätte, und so kommt The Patriarchs: An Elegy ganz einfach daher, in schlichter Sprache, alltäglich. Wie das englische Wetter. Mit dem beginnt das Gedicht, und mit dem Wetter und dem ewigen Kreislauf der Natur endet es:

The weather in the window this morning
is snow, unseasonal singular flakes,
a slow winter’s final shiver. On such an occasion
to presume to eulogise one man is to pipe up
for a whole generation – that crew whose survival
was always the stuff of minor miracle,
who came ashore in orange-crate coracles,
fought ingenious wars, finagled triumphs at sea
with flaming decoy boats, and side-stepped torpedoes.

Husbands to duty, they unrolled their plans
across billiard tables and vehicle bonnets,
regrouped at breakfast. What their secrets were
was everyone’s guess and nobody’s business.
Great-grandfathers from birth, in time they became
both inner core and outer case
in a family heirloom of nesting dolls.
Like evidence of early man their boot-prints stand
in the hardened earth of rose-beds and borders.

They were sons of a zodiac out of sync
with the solar year, but turned their minds
to the day’s big science and heavy questions.
To study their hands at rest was to picture maps
showing hachured valleys and indigo streams, schemes
of old campaigns and reconnaissance missions.
Last of the great avuncular magicians
they kept their best tricks for the grand finale:
Disproving Immortality and Disappearing Entirely.

The major oaks in the wood start tuning up
and skies to come will deliver their tributes.
But for now, a cold April’s closing moments
parachute slowly home, so by mid-afternoon
snow is recast as seed heads and thistledown
.

Sonntag, 18. April 2021

Nachbild


Wenn man etwas gut Beleuchtetes lange anschaut und dann die Augen schließt, sieht man dasselbe vor dem inneren Auge noch einmal, als unbewegtes Nachbild, in dem das, was eigentlich hell war, dunkel ist, und das, was eigentlich dunkel war, hell erscheint. Wenn man zum Beispiel einem Mann nachsieht, der die Straße hinuntergeht und sich immer wieder umdreht, um einem ein letztes, ein allerletztes Mal, ein allerallerletztes Mal zuzuwinken, und dann die Auge schließt, sieht man hinter den Liedern die angehaltene Bewegung des allerallerletzten Winkens, das angehaltene Lächeln, und die dunklen Haare des Mannes sind dann hell, und seine hellen Augen sind dann sehr dunkel.
        Wenn das, was man lange angeschaut hat, etwas Bedeutsames war, etwas, sagte Selma, das das ganze großflächige Leben in einer einzigen Bewegung umdreht, dann taucht dieses Nachbild immer wieder auf. Auch Jahrzehnte später ist es plötzlich wieder da, ganz egal, was man eigentlich gerade angesehen hat, bevor man die Augen schloss. Das Nachbild des Mannes, der zum allerallerletzten Mal winkt, taucht plötzlich auf, wenn einem beispielsweise beim Reinigen der Regenrinne eine Mücke ins Auge geflogen ist. Es taucht auf, wenn man die Augen kurz ausruhen will, weil man lange auf eine Nebenkostenabrechnung geschaut hat, die man nicht versteht. Wenn man abends am Bett eines Kindes sitzt, ihm eine Gutenachtgeschichte erzählt und einem der Name der Prinzessin oder ihr gutes Ende nicht einfallen will, weil man selbst schon sehr müde ist. Wenn man die Augen schließt, weil man jemanden küsst. Wenn man auf dem Waldboden liegt, auf einer Untersuchungsliege, in einem fremden Bett, im eigenen. Wenn man die Augen schließt, weil man etwas sehr Schweres hochhebt. Wenn man den ganzen Tag herumläuft und nur anhält, um sich den aufgegangenen Schnürsenkel zuzubinden, und jetzt, mit dem Kopf nach unten, erst merkt, dass man den ganzen Tag über nie angehalten hat. Es taucht auf, wenn jemand »Mach mal die Augen zu« sagt, weil man überrascht werden soll. Wenn man sich gegen die Wand einer Umkleidekabine lehnt, weil auch die letzte der infrage kommenden Hosen nicht passt. Wenn man die Augen schließt, kurz bevor man endlich mit etwas Wichtigem herausrückt, bevor man beispielsweise sagt: »Ich liebe dich« oder »Ich dich aber nicht«. Wenn man nachts Bratkartoffeln macht. Wenn man die Augen schließt, weil jemand vor der Tür steht, den man keinesfalls hereinlassen will. Wenn man die Augen schließt, weil gerade eine große Sorge abgefallen ist, man jemanden oder etwas wiedergefunden hat, einen Brief, eine Zuversicht, einen Ohrring, einen entlaufenen Hund, die Sprache oder ein Kind, das sich zu gut versteckt hatte. Immer wieder taucht plötzlich dieses Nachbild auf, dieses eine, ganz bestimmte, es taucht auf wie ein Bildschirmschoner des Lebens, und oft dann, wenn man überhaupt nicht damit rechnet.

So fängt der Roman Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky an, wenn man einen solchen Romananfang schreiben kann, dann hat man die Leser schon auf seiner Seite. Dann kommt man auch auf den ersten Platz der Spiegel Bestsellerliste. Ich habe den Roman von der Gabi zum Geburtstag bekommen, und ich war hin und weg. Nachbilder, Dinge die bleiben, selbst wenn einem beim Reinigen der Regenrinne eine Mücke ins Auge geflogen ist. Ich suchte, da Mariana Leky offenbar keine Gedicht geschrieben hat, nach Gedichten mit dem Thema Nachbild.

Und ich wurde bei Nadja Küchenmeister fündig. Bei der 1981 in Ostberlin geborenen Lyrikerin, die unglaublich viele Literaturpreise bekommen hat (und das zu Recht), habe ich ein Gedicht gefunden, das nachbild heißt. Kleingeschrieben, wie alles in dem Gedicht. Das erinnert mich an die Zeiten von Hans Magnus Enzensberger, der auch alles klein schrieb. Ich habe noch die Originalausgaben seiner Gedichte, weil ich mal eine schwere Enzensberger Phase hatte. Und ich schrieb damals auch alles klein. Nadja Küchenmeister hat heute Geburtstag, wozu ich ganz herzlich gratuliere und ad multos annos sage. Und für meine Leser habe ich natürlich das Gedicht nachbild:

erschöpft bist du bis in die knochen: nur kurz
zum see, dann ist auch das zuviel. das hohe gras
der hohe sonnenstand. du kannst nicht mehr

zurück. du bist wie dieser parkplatz leer und
ohne ufer und steigst ganz ohne bild von dir
jetzt in das auto ein, aufgeheizt in einer knappen

stunde und riecht schon nach dem stoff der sitze
gummi, oder…du weißt es nicht: siehst du hinaus
siehst du in dich hinein. da ist der schuppen

und die blaue hose, ölbeschmiert, wie alles hier.
in der küche rauscht der sender, ein glas mit
apfelsaft, ein teller nudeln und riecht es modrig

aus der speisekammer und tiefer noch aus der tapete
gefällt es dir. fleckiges linoleum. ein klirren kommt
von der vitrine, schritte. an einer ampel wirst du wach:

ein nachbild. ein verlassener garten. zugewachsen
nur die wäschestangen sind voll von wäsche, wie die
brombeersträucher so voll von brombeeren sind, dich

trifft nichts mehr. nicht der gesang in diesen breiten
straßen. kein hohes gras. kein hoher sonnenstand. du
steigst ganz ohne bild von dir jetzt aus dem auto aus

und hörst den leierton der feuerwache, der kommt durch
viele schichten näher, stille. fühlst du den schlüssel
in der tasche, weißt du, wohin du gehen kannst …

Es ist eine leise Melancholie, eine gewisse Tristesse, die durch ihre Zeilen läuft. Björn Hayer sprach auf der Seite von Deutschlandfunk Kultur von dem typischen Küchenmeister Blues. Wenn Sie so etwas gerne lesen (ich auf jeden Fall), dann hätte ich auf dieser Seite noch zwölf Gedichte von ihr. Und eins, das morgenschauer heißt, gibt es hier noch zum Schluß

nebel überfällt die berge wie im flug und schleicht
metallisch um die spitzen karger bäume. der morgen
ist von tau zerfressen, leckt an einem straßenschild.

dein tier ist wach und lauscht dem rauschen in den
pappeln. von krähen schwer beladen sind die masten
eine schwarze fracht, und ein geräusch ist in den lüften

als würde jemand in der ferne särge putzen, schon die
halbe nacht. die dumpfheit alter schauermärchen, alter
lieder. dein tier liegt ausgestreckt mit aufgesperrtem

rachen und lässt den atem durch die lücken seiner zähne
streichen. ein wagen schleppt die regenfeuchte wie trauer
an den sommerreifen nach. ist auch der himmel wieder

reingewaschen und von so leichter heiterkeit: dein tier
ist müde, will nicht mehr. und es erzählen immerzu
die pappeln und einmal blüht die königin der nacht.

Samstag, 17. April 2021

Weltraum

Als die Computer ausfielen, und die Astronauten den Funkspruch Houston, wir haben ein Problem abgesetzt hatten, mussten sie mit ihren Chronographen navigieren. Die kamen von der Schweizer Firma Omega. Die NASA hatte nach langen Tests diese Firma bevorzugt. Omega wusste das zuerst gar nicht, wusste auch zuerst nicht, dass eine ihrer Uhren auf dem Mond gewesen war. Heute schreiben Sie das in Biel zu Werbezwecken alles hinten auf die Uhr. Heute fliegt niemand mehr zum Mond, aber Omega Speedmaster Uhren werden immer noch verkauft. Heute vor einundfünfzig Jahren sind Jim Lovell, Jack Swigert und Fred Haise nach der Katastrophe mit ihren Omegas sicher im Pazifik gelandet.

Die Reise ins All
ist eine Reise des Geistes
warum fliegen wir in den Weltraum
wenn nicht um etwas
über uns zu erfahren
und über das, was es mit diesem Universum
auf sich hat?
Über unseren Platz in dieser Ordnung
und darüber, was es bedeutet
ein Mensch zu sein.

Mit diesem Zitat des Astronauten Story Musgrave beginnt die in Berlin lebende rumänische Dichterin Dana Ranga ihren Gedichtband Cosmos, der im Februar erschienen ist und achtzig Gedichte zum Thema Weltraum enthält. Mit viel Zitatenmix von Leuten, die dort gewesen sind. Also nicht Münchhausen und Peterchen, sondern echte Astronauten und Kosmonauten. Die Dichterin hat sich lange mit dem Thema beschäftigt und über Musgrave und andere auch Filme gedreht (den Musgrave Film können Sie ✺hier sehen). Für den Deutschlandfunk hat sie im letzten Jahr das Hörspiel Wort und Weltall: Ein literarischer Raumflug geschrieben, das Sie hier lesen können.

Die amerikanische Dichterin Liz Ahl hat zu der Apollo 13 Story ein besonderes Verhältnis, weil sie damals geboren wurde und sich ebenso wie Dana Ranga lange mit dem Thema beschäftgt hat. Im Jahre 2015 schrieb sie: Forty-five years ago this month, the 'failed' Apollo 13 mission actually became NASA’s finest hour because of the incredible creative and technical work done by so many folks to bring the crew back home. The story of Apollo 13, which first unfolded the week after I was born (!) was what first inspired me, years ago, to retell some Apollo space program stories via poetry. In the spirit of turning failures into successes, and in honor of the great feats of Apollo 13, here’s one of the poems. Und das Gedicht über Apollo 13 will ich Ihnen natürlich nicht vorenthalten:

To make it home, they had to keep
hurtling away from Earth, gathered by gravity
into lunar orbit, the dark side never
quite this dark before.

Until the final burn they wouldn’t be allowed
to hold Earth in the window, where it belonged,
to burst towards it rather than let it fade
over their shoulders, shrinking to moon-size.

They had to turn their backs on home
and trust the stripped-down physics
of momentum and return. They had to surrender
to the old forces and attractions.

To make it home, they had to fly away
from every instinct urging them to turn
around right there, as if the crippled craft
could turn on such a thin dime.

They had to believe in the machine,
that the spindly lunar lander as lifeboat
could do everything it wasn’t designed to do —
like them, it was supposed to go to the moon.

The nature of the adventure shifted
from the journey to the return — coming home
was the new, untried frontier
as Cronkite called the play-by-play.

To make it home, they had to resurrect
the old imperatives, re-enter the race
that had already been run and won,
they had to want to make it home

like they wanted to make it to the moon.

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