Mittwoch, 25. April 2012

Henry Hammond


Ich weiß jetzt nicht, ob man diesen Herrn unbedingt kennen muss, den Theologen ➱Henry Hammond, der heute vor 352 Jahren starb. Er war in seiner Zeit als Gelehrter und Prediger sicher nicht unbedeutend. Ein Königstreuer im englischen Bürgerkrieg, sein Leben würde wahrscheinlich für einen Film ausreichen. Aber das soll mich heute nicht interessieren. Ich bin bei seiner Biographie auf etwas ganz anderes gestoßen, was wirklich erstaunlich ist. Und das betrifft seine Annotationen zum Neuen Testament - er war übrigens der erste Theologe, der die ihm zugänglichen Textvarianten miteinander verglich. Und er hat Geld dafür bekommen.

Denn wenn man Thomas Hearne, einem der gelehrtesten Menschen seiner Zeit, glauben darf, war Hammond der erste Mensch in England der copy money erhielt - was heute für einen Autor selbstverständlich ist: The famous Dr. Hammond was a red-haired man. He was the first man in England that had copy money. He was paid such a sum of money (I know not how much) by Mr. Royston, the king's printer, for his Annotations on the Testament. Wenn Sie wollen, können Sie das hier in den ➱Reliquiae Hearnianae nachlesen.

Es ist ein langer Weg für die Autoren gewesen, bis ihnen das Gesetz Tantiemen zugebilligt hat. Bis Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen im Artikel 27, Paragraph 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stand. Schriftsteller und das Geld, das ist eine lange Geschichte. ➱Hölderlin und ➱Edgar Allan Poe haben nichts verdient, Stephen King und Joanne K. Rowling können im Geld baden wie Dagobert Duck. Das Thema einer materiellen Entlohnung taucht schon in den ersten Werken unserer deutschen Literatur auf:

Ir sult sprechen willekomen:
der iu mære bringet, daz bin ich.
allez, daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: ir frâget mich.
ich wil aber miete:
wirt mîn lôn iht guot,
ich gesage iu lîhte, daz iu sanfte tuot.
seht, waz man mir êren biete.

Miete will er haben, dieser ➱Walther von der Vogelweide, einen Lohn. Er singt ein Heischelied. Aber in der zweiten Strophe wird er schon bescheidener, da begnügt er sich damit, dass die schönen Frauen ihn grüßen mögen. Bekanntlich können ja Minnesänger von Luft und Liebe leben:

Ich wil tiuschen frouwen sagen
solhiu mære, daz si deste baz
al der werlte suln behagen:
âne grôze miete tuon ich daz.
waz wold ich ze lône?
si sint mir ze hêr:
sô bin ich gefüege und bite si nihtes mêr,
wan daz si mich grüezen schône.

Aber dann gibt Walther dies Thema der grôze miete auf, und in der dritten Strophe seines Gedichts wird er - Deutschland, Deutschland über alles - ein wenig pathetisch:

Ich hân lande vil gesehen
unde nam der besten gerne war:
übel müeze mir geschehen,
kunde ich ie mîn herze bringen dar,
daz im wol gevallen
wolde fremeder site.
nû waz hulfe mich, ob ich unrehte strite?
tiuschiu zuht gât vor in allen.


Von der Elbe unz an den Rîn
und her wider unz an Ungerlant
mugen wol die besten sîn,
die ich in der werlte hân erkant.
kan ich rehte schouwen
guot gelâz unt lîp,
sem mir got, sô swüere ich wol, daz hie diu wîp
bezzer sint danne ander frouwen.


Tiusche man sint wol gezogen,
rehte als engel sint diu wîp getân.
swer si schildet, derst betrogen:
ich enkan sîn anders niht verstân.
tugent und reine minne,
swer die suochen wil,
der sol komen in unser lant: da ist wünne vil:
lange müeze ich leben dar inne!


Der ich vil gedienet hân
und iemer mêre gerne dienen wil,
diust von mir vil unerlân:
iedoch sô tuot si leides mir sô vil.
si kan mir versêren
herze und den muot.
nû vergebez ir got, dazs an mir missetuot.
her nâch mac si sichs bekêren.


Walther von der Vogelweide darf man zitieren, man braucht dafür nichts mehr an die Verwertungsgesellschaft Wort (die GEMA der schreibenden Zunft) zu bezahlen. Wenn Dichter lange genug tot sind, sind ihre Werke wohlfeil zu haben. Zum Thema Dichter und Geld hätte ich noch einen wunderbaren Lesetip: Karl Corino, Genie und Geld: Vom Auskommen deutscher Schriftsteller. 1991 bei Rowohlt als Taschenbuch erschienen (es gibt noch preiswerte Exemplare bei Amazon Marketplace).

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