Montag, 30. April 2012

le bon chevalier


Dies ist ein Historienbild von Benjamin West, das den Tod von Pierre du Terrail, Chevalier de Bayard, am 30. April 1524 darstellt. West hat es für den englischen König George III gemalt, es gehört heute immer noch der Königin. Der halbe britische Adel verscherbelt seine Bilder, die Königin nicht. Vielleicht versteht sie ja etwas von Kunst. Wenn es nach Alan Bennett geht, unbedingt. Zwar hat sie spät zur Literatur gefunden, wie wir aus dem bezaubernden kleinen Roman The Uncommon Reader wissen, aber von Kunst versteht sie etwas. Auf jeden Fall in dem köstlichen entreacte des Theaterstücks A Question of Attribution. Auf das Stück habe ich schon einmal hingewiesen, falls Sie das verpasst haben, sollten Sie es sich unbedingt ➱hier anschauen.

Bayard, den man schon zu seinen Lebzeiten als le chevalier sans peur et sans reproche gefeiert hat (er selbst zog die Bezeichnung le bon chevalier vor), hat dem Tod hundertfach ins Auge geschaut. Nun hat er ihn er ereilt, unter einem Baum, seine Feinde im Angesicht. Man geht da ja sehr höflich miteinander um, auf dem Bild von Benjamin West sind links Soldaten damit beschäftigt, ein Zelt aufzuschlagen. Um ihn in seinen letzten Stunden vor den Unbilden der Witterung zu schützen. Bayard hält sein Schwert in der Hand, so dass es wie ein Kreuz aussieht, er betet das Miserere. Und er konversiert mit seinem Gegner: Ah ! Monsieur de Bayard, que j’ai grand-pitié de vous voir en cet état, vous qui fûtes si vertueux chevalier! sagt der Bourbonen Herzog, der einstmals sein Waffenbruder war. Jetzt kämpft er für Karl V. gegen den französischen König. Und der Sterbende, der bis zuletzt seinem König treu war, entgegnet ihm: Monsieur, il n’est besoin de pitié pour moi, car je meurs en homme de bien; mais j’ai pitié de vous, car vous servez contre votre prince et votre patrie!

Die schönen Tode in jener Zeit sind Feste; sie entfalten sich wie auf einer Bühne vor einer Vielzahl von Zuschauern, die jede Geste, jedes Wort aufmerksam verfolgen, die vom Sterbenden erwarten, daß er zeigt, was er gilt, daß er seinem Rang gemäß spricht und handelt. Wir, die wir nicht mehr wissen, was der prunkvolle Tod ist, die wir den Tod verstecken, ihn wie eine peinliche Angelegenheit hinter uns bringen, verfolgen wir Schritt für Schritt, in den Einzelheiten seines Ablaufs, das althergebrachte Ritual des Todes, der kein verstohlener Abgang war, sondern eine langsame, geregelte, geordnete Annäherung, Vorspiel, feierlicher Übertritt von einem Zustand in einen anderen, ebenso majestätisch wie der Einzug der Könige in ihre guten Städte. Das schreibt Georges Duby in seinem Buch Guillaume le Maréchal oder der beste aller Ritter. Ein Buch, das uns mehr über die chivalrie (um mal ein mittelenglisches Wort zu zitieren) sagt als alle Produktionen Hollywoods. Es ist ein  Buch über den Anglo-Normannen Sir William Marshal, den ersten Earl of Pembroke, der Jahrhunderte vor Bayard der berühmteste ➱Ritter war. Also jetzt mal all diese Iwains und Gawains, Culhwchs und Olwens, Peredurs und Gereints ausgelassen.

Benjamin West malt in diesen Jahren viele Helden (wie hier Sir Philip Sidney), der Höhepunkt der Verherrlichung seiner sterbenden Helden wird das Bild vom sterbenden ➱General Wolfe bei Quebec sein. Der englische König hatte das Bild vom Tod des Chevaliers in Auftrag gegeben. Bayard hat in dieser Zeit irgendwie Konjunktur, in Frankreich waren zwischen 1760 und 1771 mehrere Geschichten des französischen Helden erschienen. Die erste Heldengeschichte, Histoire du Chevalier Bayard, wurde von Jacques de Mailles geschrieben. Sie erschien in Paris im Jahre 1514 (wahrscheinlich ein Druckfehler für 1524), es sollte nicht die letzte Verherrlichung seiner Heldentaten sein. August von Kotzebues ➱Schauspiel in fünf Akten lassen wir mal lieber unerwähnt. Knapp 400 Jahre nach Jacques de Mailles präsentiert ➱Christopher Hare die Geschichte noch einmal. Heute kann man die Geschichte vom edlen Ritter in fünf Minuten bei ➱YouTube sehen.

Der Bourbone Karl III wird Bayard wenig später in die Elysischen Gefilde nachfolgen. Beim sacco di Roma (hier in der Darstellung eines flämischen Meisters aus dem 17. Jahrhundert) wird er von einer Kugel getroffen, angeblich aus der Arkebuse des Bildhauers Benvenuto Cellini. So steht es in Das Leben des Benvenuto Cellini, übersetzt von Goethe. Das ist das Ende der ritterlichen Helden, wenn sie von einem Mann, der sich brüstet, ein mehrfacher Mörder zu sein, mit einer Hakenbüchse erschossen werden können. Den Chevalier Bayard findet man heute nur noch auf den Etiketten einer Weinmarke.

Ein Gedicht über Ritter zu finden, wäre an diesem letzten Tag des Poetry Month sicher nicht schwer, aber ich nehme einmal ein kleines Poem von Coleridges Tochter Sara Coleridge. Weil sie nämlich 1825 The Right Joyous and Pleasant History of the Feats, Jests, and Prowesses of the Chevalier Bayard, the Good Knight without Fear and without Reproach: By the Loyal Servant aus dem Altfranzösischen ins Englische übersetzt hat. Das ist nichts anderes als die Geschichte von Jacques de Mailles, die ab 1527 unter dem Pseudonym eines Loyal Serviteur erschien. Wenn sie wollen, können Sie es ➱hier lesen. Sara Coleridge ist als Übersetzerin bekannt gewesen, ihr dichterisches Werk war klein. Das hat sich aber geändert, als ein Literaturwissenschaftler namens Peter Swaab 120 ➱Gedichte von ihr entdeckte und ➱publizierte. Dies hier heute ist ein frühes Gedicht, nichts Großartiges, aber es kommt der merry month of May drin vor. Und so ist es ein schöner Übergang für die nächsten Tage.

Green and Gold and Violet,
Fair and well-commingled hues,
E’en as in a rainbow met,
Such the colours that I choose
In the silken purse to weave,
Gift that Susan will receive.

Green and Violet and Gold –
Such the colours that appear
On Mount Skiddaw’s bosom bold,
When the air is fresh and clear,
By the glowing light of day,
In the merry month of May!

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