Montag, 1. Juli 2013

Gettysburg, Pennsylvania


Four score and seven years ago our fathers brought forth on this continent a new nation, conceived in liberty, and dedicated to the proposition that all men are created equal.
     Now we are engaged in a great civil war, testing whether that nation, or any nation so conceived and so dedicated, can long endure. We are met on a great battlefield of that war. We have come to dedicate a portion of that field, as a final resting place for those who here gave their lives that that nation might live. It is altogether fitting and proper that we should do this.But, in a larger sense, we can not dedicate, we can not consecrate, we can not hallow this ground. The brave men, living and dead, who struggled here, have consecrated it, far above our poor power to add or detract. The world will little note, nor long remember what we say here, but it can never forget what they did here. It is for us the living, rather, to be dedicated here to the unfinished work which they who fought here have thus far so nobly advanced. It is rather for us to be here dedicated to the great task remaining before us—that from these honored dead we take increased devotion to that cause for which they gave the last full measure of devotion—that we here highly resolve that these dead shall not have died in vain—that this nation, under God, shall have a new birth of freedom—and that government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth.
Abraham Lincoln am 19. November 1863 in Gettysburg.

Als die Schlacht zu Ende war, hat es geregnet. Es regnet jetzt immer im Bürgerkrieg, wenn die Schlachten zu Ende sind. Meteorologen vermuten, dass es etwas mit der Artillerie zu tun hat. Die hatte am letzten Tag der Schlacht um 13 Uhr zu feuern begonnen, mit allem, was der Süden noch an Munition hatte. Zwei Stunden lang. Offiziell wird die Artillerie von General William Pendleton kommandiert, der die diesen Posten wohl nur hat, weil er mit General Lee in einer Klasse in West Point war. In Wirklichkeit hat Colonel Edward Porter Alexander, der erst achtundzwanzig ist, die Befehlsgewalt. Er ist einer der fähigsten Ingenieure in den Reihen des Südens. Wenn Alexander mit der Kanonade fertig ist, soll der Angriff beginnen, der als Pickett's Charge berühmt geworden ist.

For every Southern boy fourteen years old, not once but whenever he wants it, there is the instant when it's still not yet two o'clock on that July afternoon in 1863, the brigades are in position behind the rail fence, the guns are laid and ready in the woods and the furled flags are already loosened to break out and Pickett himself with his long oiled ringlets and his hat in one hand probably and his sword in the other looking up the hill waiting for Longstreet to give the word and it's all in the balance, it hasn't happened yet, it hasn't even begun yet, it not only hasn't begun yet but there is still time for it not to begin against that position and those circumstances which made more men than Garnett and Kemper and Armistead and Wilcox look grave yet it's going to begin, we all know that, we have come too far with too much at stake and that moment doesn't need even a fourteen-year-old boy to think This time. Maybe this time with all this much to lose than all this much to gain: Pennsylvania, Maryland, the world, the golden dome of Washington itself to crown with desperate and unbelievable victory the desperate gamble, the cast made two years ago.

Das ist ein Zitat aus Faulkners Roman Intruder in the Dust, das diesen Augenblick beinahe wie ein Drehbuch für einen Film evoziert. Ein Moment, den jeder Vierzehnjährige im Süden im Kopf hat und jederzeit abrufen kann (so William Faulkner). Intruder in the Dust ist 85 Jahre nach der Schlacht von Gettysburg geschrieben, aber im Süden von William Faulkner sind Vergangenheit und Gegenwart ein großes Kontinuum. Und wahrscheinlich können noch viele im Süden den Beginn von Pickett's Charge so evozieren. Auf jeden Fall, nachdem sie die Ted Turner Produktion Gettysburg gesehen haben.

General Longstreet (auf dem Bild von Tom Berenger gespielt) hat diese Schlacht, die sich so zufällig ergeben hat, nicht gewollt, aber Lee zwingt ihn, auch noch am dritten Tag, ohne Chance den Norden auf der kleinen Hügelkette anzugreifen. Longstreet ist sicherlich Lee kompetentester General, und Lee hält große Stücke auf ihn. Aber James Longstreet kommt nicht aus Virginia, wie die meisten Millionäre und Großgrundbesitzer, die Robert E. Lee als Generäle um sich geschart hat. Nach der verlorenen Schlacht und dem verlorenen Krieg wird der Süden ihn zum Hauptschuldigen machen, denn Lee macht man nicht zum Schuldigen, der hat eine Art Heiligenstatus im Süden. Bis heute. Nach der verlorenen Schlacht ist Lee ohne Ziel auf dem Schlachtfeld umhergeritten und hat immer wieder ausgerufen, dass alles seine Schuld gewesen sei.

Die Armee von Virginia wird sich zurückziehen, das kurze Abenteuer, in den Norden zu marschieren und einen Angriff auf Washington zu versuchen, ist vorbei. General George Meade wird Lee nicht verfolgen, um den kümmerlichen Rest von Lees Armee zu vernichten. Er ist erst seit wenigen Tagen im Amt als Oberbefehlshaber der Army of the Potomac. Er möchte lieber ganz vorsichtig sein, er weiß, dass keiner seiner Vorgänger (McClellan, Burnside und Hooker) sich länger als ein halbes Jahr im Kommando gehalten haben. Er wird bis zum Kriegsende bleiben, obgleich er unter Ulysses S. Grant nicht mehr so viel zu sagen hat.

Aber zu Ende ist die Schlacht von Gettysburg nicht am Freitag, dem 3. Juli 1863 oder am Tage der Gettysburg Address im November des Jahres. Sie findet jedes Jahr wieder statt, re-enactment heißt das, und das ist in Amerika eine ganz große Sache. In den Jahren des Bürgerkrieges hat kein Schriftsteller über Gettysburg geschrieben. Der große Bürgerkriegsroman The Red Badge of Courage wurde von jemandem geschrieben, der noch nicht geboren war, als die Schlacht von Chancellorsville stattfand. Und so sind es eigentlich nur zwei Veteranen, die über den Krieg schreiben: Ambrose Bierce und John William DeForest. Dessen Roman, Miss Ravenel's Conversion from Secession to Loyalty, ist eine kuriose Mischung aus romantischem Schmalz und realistischer Kriegsbeschreibung. Man hat den Captain de Forest einen Realisten vor der Erfindung des Realismus genannt. Er wird heute selten gelesen, aber erstaunlicherweise kann man unter mehreren Ausgaben wählen (man sollte die von Gary Scharnhorst herausgegebene Penguin Ausgabe nehmen). Früher war man ja dankbar, wenn man die Facsimileausgabe der 1867 Auflage hatte. Der Roman lohnt sich auf jeden Fall, die realistischen Schlachtfeldbeschreibungen lesen sich, als seien sie von Hemingway geschrieben. Aber dies ist ein halbes Jahrhundert vor unserem Rotkreuzleutnant, der vier Wochen Fronterfahrung hatte. The best American novel hatte William Dean Howells den Roman von DeForest bei seinem Erscheinen begrüsst, vielleicht hat er damit immer noch Recht.

Die Produktion von Romanen über den Bürgerkrieg ist seit 1867 nicht abgerissen, wenn auch kein Roman den Erfolg von ➱Gone with the Wind erreichen konnte. Aber ein Roman verdient es hervorgehoben zu werden, der Gettysburg Roman The Killer Angels von Michael Shaara. Sieben Jahre hat der Autor recherchiert, geschrieben und umgeschrieben, fünfzehn Verlage haben das Manuskript abgelehnt. Wenn man den Roman liest, fragt man sich: Konnten die alle nicht lesen? Dann brachte ihn der kleine Verlag McKay 1974 heraus, und im Jahr danach gab es den Pulitzerpreis. Da hat Random House/Ballantine ihn dann doch gekauft. General Norman Schwarzkopf hat über den Roman The best and most realistic historical novel about war I have ever read gesagt (und der Roman ist heute Pflichtlektüre an allen Offiziersschulen). The Killer Angels hat sich millionenfach verkauft, und wenn irgendein Roman diesen Erfolg verdient hat, dann ist es dieser Roman. Und er hat in der amerikanischen Kultur und der Erinnerungskultur weitergewirkt.

A book that changed my life, hat Ken Burns über The Killer Angels gesagt. Die Romanlektüre war die Keimzelle für die Dokumentation The Civil War, die Ric Burn mit seinem Bruder Ken Burns und Geoffrey C. Ward für PBS gemacht hat (es gab dazu auch ein exzellentes Begleitbuch der drei Autoren). Mehr als vierzig Millionen Amerikaner haben sie gesehen. Aber der Einfluss von The Killer Angels geht noch weiter. Mit einem Budget von 25 Millionen Dollar ließ Ted Turner, der das als eine historische, nationale Aufgabe empfand, den Roman verfilmen. Unter dem Titel Gettysburg wurde es 1993 einer der längsten Filme (254 Minuten), die in Amerika produziert wurden.

Dies stand hier (mit Ausnahme der Gettysburg Address ganz oben) vor drei Jahren schon einmal. Zum 150. Jahrestag des Beginns der Schlacht von Gettysburg dachte ich mir, ich könnte es noch einmal veröffentlichen. Had I taken your advice at Gettysburg instead of pursuing the course I did, how different all might have been, hat General Lee im Januar 1864 geschrieben. Späte Einsicht.

Ich habe erst durch den Gettysburg Artikel in der Süddeutschen Zeitung am 22./23. Juni (und durch eine Vielzahl von Leserzuschriften) gemerkt, dass heute der 150. Jahrestag der Schlacht von Gettysburg ist. Das hat mich bewogen, ein kleinen Liste mit der wichtigsten Literatur zum amerikanischen Bürgerkrieg zu schreiben und in den nächsten Tagen hier einzustellen.

Lesen Sie auch: GettysburgDer amerikanische Civil War: Ein LiteraturberichtSam ElliottKatharine RossGeneräle13th Massachusetts Infantry RegimentFriedrich Hecker

Kommentare:

  1. Soeben habe ich mich ob der "Doppelung" gewundert. Aber die letzten Zeilen erklären alles.

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  2. Lee wird gelegentlich als der beste Soldat im Krieg bezeichnet. Wenn ich aber lese, mit was für Leuten er sich so umgab, dann wirft dies ein anderes Licht auf bestimmte Führungsqualitäten. Er war wohl ein großer Motivator. Vermutlich aber ist es die Auffassung im Süden hätten Gentlemens gekämpft, die die Verlierer auch heute noch in ein gwisses Licht von Glorie stellen.
    Hinzu kommt der Umstand, dass die CSA ja in der ersten Kriegshälfte viele Schlachten und Scharmützel auch gewann, während sich die nördlichen Kriegsbarone wohl ziemlich uneinig waren.

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