Donnerstag, 11. April 2019

Alltagsleben


Ein Studienfreund von mir schrieb in den Semesterferien gegen Bezahlung die Sprüche von den Klotüren von süddeutschen Universitäten ab. Man kann in den Semesterferien andere Dinge machen, aber seine Tätigkeit hatte durchaus einen Sinn: was er sammelte, ging an Peter Rühmkorf, der an seinem epochalen Buch Über das Volksvermögen arbeitete. Mein Studienfreund ist später noch Germanistikprofessor geworden, ich habe ihn schon in dem Post Schmutzige Lyrik erwähnt, den sie unbedingt lesen sollten. Klosprüche können gereimt sein, erreichen aber selten das Niveau der Lyrik, wo delectare et prodesse gefordert sind. Einen elegisch stilvollen Klospruch möchte ich noch zitieren, der sich in der Universität von East Anglia fand. Er richtete sich gegen Malcolm Bradbury, der immer auf Vortragsreisen, aber nie an seiner Universität war:

Remote and ineffectual don, 
Where have you gone, 
where have you gone?

Zwischen Klo- und Werbesprüchen und der Alltagslyrik liegen nun doch Welten, wir vergessen mal die Klosprüche und kommen zur Alltagslyrik, dieser Neuen Subjektivität der sechziger und siebziger Jahre. Die gab es hier schon häufig, zum Beispiel in den Posts zu Rolf Dieter Brinkmann oder Uli Becker. Und im letzten Jahr bekam der Post zu Jürgen Theobaldy riesige Leserzahlen. Für meine Gedichte wünsche ich, daß sie etwas von der Haltbarkeit ihrer einfachen Gegenstände sichtbar machen, daß sie sich und ihnen etwas Dauer verleihen in einer Gesellschaft, die nur noch produziert, um vorzeitig wegzuwerfen, Schuhe, Halteschilder, ein Plakat an einem Bretterzaun, hatte Theobaldy geschrieben.

Das gilt sicher auch für seinen Kollegen Ralf Thenior. Der Mitorganisator des ersten bundesdeutschen Lyrikfestivals hatte seinen ersten literarischen Auftritt mit dem Band Traurige Hurras. Erschienen bei der AutorenEdition mit einem Nachwort von keinem Geringeren als Helmut Heißenbüttel. Das Buch enthält nicht nur Gedichte, sondern auch kurze Prosatexte, die man, so Heißenbüttel, auch als Gedichte verstehen kann. Jörg Drews schrieb damals in der Süddeutschen: Neben der fast epigrammatischen Kürze, der Lakonie, (…), sind vor allem Witz, Ironie, Selbstironie seine Stärke, das Gegenteil also zu einer verbreiteten melancholischen Pose und dem Stammkneipenbierernst; Theniors Gedichte und Prosagedichte haben auch die Möglichkeit, ins Anarchische zu gehen, haben immer wieder ein Stück Übermut und einen Schuß Groteske.

Auffällig bei Theniors Alltagsgedichten ist der Detailreichtum des Alltäglichen, ich zitiere einmal das Gedicht Bed & Breakfast, das den Dichter auf einer Reise nach Wales zeigt:

Ausruhen jetzt, auf dem Bett, 
mit Zengedichten und Dosenbier, 
nach Wartezeiten in glühender Sonne, 
Fahrten in Lastern, Personenwagen, 
the Severnbridge, Geglitzer im Dunst, 
die schöne, magere Zahnarzthilfe 
auf dem Bahnhof von Merthyr Tydfil, 
die Busfahrt nach Aberdare; 
Kusch, Schir Khan, sagte die Wirtin, 
zwei £ pro Nacht mit englischem Frühstück, 
dann schloß sich die Tür, und nun, 
allein mit der nackten Glühbirne, 
sehe ich die Flöhe auf der Decke tanzen, 
höre Regen und hohe Hacken auf dem Pflaster.

Wenn die Wirtin zwei £ pro Nacht mit englischem Frühstück sagt, dann redet sie natürlich mit dem Dichter. Wenn sie Kusch, Schir Khan sagt, dann redet sie mit einem Haustier, das seinen Namen aus Kiplings Jungle Book bezogen hat. Es bleibt viel von dem Gedicht im Kopf: die Severnbrücke im glitzendern Dunst, die schöne magere Zahnarzthelferin auf dem Bahnsteig und das Geräusch der hohen Hacken auf dem Pflaster. Thenior hat eine ganze Anzahl von Reisegedichten geschrieben, die in dem Band Drache mit Zahnweh im Wind gesammelt sind. Bed & Breakfast ist auch in dem Band.

Mein Lieblingsgedicht aus Traurige Hurras hat den einfachen Titel Leben, es ist ein Gedicht, für das wir keinerlei Interpretationshilfe gebrauchen:

Abends bist natürlich matschig 
wenn du nach Haus kommst 
brauchst n bißchen um aufzutanken 
willst aber auch was haben vom Leben 
Theater Kino oder sowas 
kuckst ob was läuft 
läuft nix 
na ja

Wenn uns das zu deprimierend erscheint, hätte ich noch etwas Nettes zum Schluss:

Schöner Abend

Er trägt ein Akkordeon
und zwei Flaschen Wein.
Wird ein schöner Abend
.

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