Mittwoch, 24. April 2019

das gelbe Briefträgerrad


Rühmkorf steht bei mir neben Rilke, bei dem Buchstaben R drängelt es sich. Der Raabe, den ich erst im Alter entdeckte, nimmt viel Platz ein. Und dann kommt schon der Buchstabe S mit Schiller, Schmidt, Schnitzler und Stifter. Ich habe die deutsche Literatur alphabetisch geordnet, da gibt es dann schon einmal so seltsame Nachbarschaftsverhältnisse wie Rilke und Rühmkorf. Peter Rühmkorf hat mal gesagt: Ich schätze Rilke hoch, aber ich kann ihn nicht leiden! Das gefällt mir, ich mag Rühmforf lieber als Rilke, ich kann ihn immer lesen, ob es seine Tagebücher oder seine Gedichtbände sind. Und natürlich steht Über das Volksvermögen bei mir im Regal. Da ich den Dichter aus Oevelgönne schon in dem Post Alltagsleben erwähnt habe, ist es nur fair, ihn mit einem Gedicht zu Wort kommen zu lassen. Einem Liebesgedicht, das sich 1999 in dem Gedichtband Wenn - aber dann: vorletzte Gedichte findet. Da ist Rühmkorf siebzig, und er möchte auf die alten Tage / nochmals etwas machen / was nicht sofort auf Anhieb gefällt. Das ist ihm sicherlich gelungen:

Ich liebe Dich, Liebe, ich liebe,
und stündest Du jetzt in der Tür, 
ich schwöre Dir, ich verschriebe 
dem Satan die Seele dafür.

So richtig real zum Dranglauben,
mit aufgelassenem Haar,
tief hangende Goldregentrauben
wie ein Glanz vom vergangenen Jahr.

Ja, so weh geht die Jugend zu Herzen, 
so leicht zeigt der Geist sich beirrt – 
Nur schade, daß das Verschmerzen 
fast täglich beschwerlicher wird.

Eilposten hasten geschwindest
über See – über Land –
Wohl meinend, sie rührten zumindest 
einen eisernen Briefkastenrand.

Tief innen versiegelte Lieder 
(Ach, zieh sie dir ein und sei gut!) 
Fort-fort, und schon ist mir wieder 
zum Buchstabenkotzen zumut.

Denn der Rhythmus ist immer derselbe, 
und die Reime hat jedermann satt. 
Doch da sitz ich nun mal an der Elbe 
und warte wie wild auf das gelbe 
Briefträgerrad ...

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