Freitag, 4. November 2022

Kanonengedröhn


Stendhal war nicht bei der Schlacht von Waterloo dabei, aber er hat die Schlacht in seinen Roman Die Kartause von Parma hineingeschrieben. Die Waterloo Szene des Romans (hier eine Leseprobe der neuesten Übersetzung von Elisabeth Edl) ist am 17. Mai 1839 im Constitutionnel sozusagen als Kostprobe des Romans veröffentlicht worden, am selben Tag erschien der Roman. Stendhals Militärkarriere war kurz, bei der Wiedereroberung Italiens durch Napoleon im Jahre 1800 war er als junger Kavallerieoffizier in der Reservearmee dabei. Damals war er genauso alt wie sein Held Fabrizio del Dongo in der Schlacht von Waterloo. Beim Russlandfeldzug 1812 war er als Kriegskommissar wieder bei der Armee. Wie der Krieg aussieht, das wusste er. Das Schlachtfeld von Waterloo hatte er sich ein Jahr, bevor er den Roman schrieb, sorgfältig angeschaut. Tolstoi hat sich das Schlachtfeld von Borodino noch gründlicher angeschaut, bevor er Krieg und Frieden schrieb. Er ritt viele Tage mit der Generalstabskarte in der Hand über die Gräber der russischen Armee.

Die Waterloo Episode in den ersten Kapiteln des Romans macht nur einen ganz geringen Teil des Romans aus (es gibt sie auch als kleines Büchlein), aber sie hat für die Literatur ungeahnte Auswirkungen. Sicherlich wird es weiterhin romantische Literatur geben, in der junge Kavallerieoffiziere mit dem Säbel in der Hand über das Feld sprengen, ohne dass sich ein blutüberströmtes Pferd auf dem Acker wälzt und sich mit den Beinen in seine eigenen Gedärme verwickelt. Wir haben da im 19. Jahrhundert riesige Mengen Literatur, die vom Heldentum handeln, mit Liedern wie Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod, Heute noch auf stolzen Rossen, morgen durch die Brust geschossen. 

Aber wir lassen den vaterländischen Kitsch mal beiseite, die wirkliche Literatur wird die Botschaft von Stendhal verstehen. Die Einflüsse auf Tolstois Krieg und Frieden sind evident, und Tolstoi war der erste, der das zugab: Ich bin Stendhal wie kaum irgendwem verpflichtet: ich verdanke ihm die Kenntnis des Krieges. Wer vor ihm hat den Krieg auf diese Weise geschildert, das heißt so, wie er wirklich ist? Man erinnere sich, wie Fabrizzio mitten durch die Schlacht von Waterloo reitet und nicht das geringste davon merkt und wie ihn die Husaren unversehens rückwärts über die Kruppe seines Pferdes, seines schönen Generalspferdes, herunterholen. Später, im Kaukasus, hat mir mein Bruder, der eher Offizier wurde als ich, den Realismus der Stendhalschen Schilderung bestätigt. Er schwärmte für den Krieg, wenn er auch nicht so naiv war, an die Szene auf der Brücke von Arcole zu glauben. Alles das, sagte er mir, ist buntes Beiwerk; im Kriege gibt es derlei nicht! Bald darauf, in der Krim, habe ich das mit eigenen Augen beobachtet. Und ich wiederhole es: in allem, was ich vom Kriege weiß, war mein erster Lehrer Stendhal. Es ist nicht nur Tolstoi, auf den Stendhal wirkt. Auch die Beschreibungen der ersten Schlacht, durch die Henry Fleming in Stephen Cranes Roman Red Badge of Courage taumelt, verdanken Stendhal viel.

Wir sind wieder einmal bei Stendhal. In dem Post Paul Hazard, immortel habe ich geschrieben: Ich bin dabei, über Stendhal zu schreiben, das habe ich schon am 3. Oktober gesagt. Ich will über die Übersetzungen von Elisabeth Edl von Rot und Schwarz und Die Kartause von Parma schreiben, ich habe auch schon eine Menge als Entwurf stehen. Aber dann musste ich erst einmal die Posts Paul Hazard und Stendhal Biographien schreiben. Die erstaunlicherweise viele Leser fanden, das freut mich natürlich. Ich möchte heute einmal zwei Übersetzungen des Waterloo Textes miteinander vergleichen, die hundert Jahre auseinanderliegen. Die erste Übersetzung ist von Arthur Schurig, die zweite von Elisabeth Edl. Schurigs Übertragung von Die Kartause von Parma ist 1906 in zwei Bänden veröffentlicht worden. Das war die erste deutsche Übersetzung des Romans, wenn man eine sehr freie Übertragung aus dem Jahre 1845 nicht mitzählt. Die war bei der Arnoldschen Buchhandlung in Dresden unter dem Titel Kerker und Kirche: Ein Roman. Frei nach H. von Stendahl's Chartreuse de Parme in drei Bänden erschienen. Kostete drei Thaler. Elisabeth Edl sagt in ihrer Übersetzung der Kartause im Nachwort, dass dieses Buch nicht auffindbar sei. Ist es aber doch: Google hat das Buch hier im Volltext und für 25 Euro bekommt man in Antiquariaten einen Reprint des Romans. 

Arthur Schurig hat seinen Text für die Propylaen Ausgabe der zwanziger Jahre noch einmal überatbeitet, dieser Text findet sich beim Projekt Gutenberg im Internet. Der Dresdner Arthur Schurig hatte ein erstaunliches Leben. Als er 1906 seine Übersetzung der Kartause fertig hatte, quittierte der Hauptmann Schurig seinen Dienst in dem Dresdner Artilleriebataillon und begann zu studieren. Von 1914-1918 war der Dr Schurig natürlich wieder bei seinem Regiment. Er hat Stendhal, Flaubert und Mérimée übersetzt, eine Mozart Biographie geschrieben undundund. Im Katalog der deutschen Nationalbibliothek steht er mit 212 Einträgen. Schurigs Übersetzung von der Kartause, war die erste, die ich gelesen habe. Ich besitze noch eine interessante Übersetzung von Walter Widmer (dem Vater des Schriftstellers Urs Widmer) und natürlich die Übersetzung von Elisabeth Eidl. Die sogar in Hardcover. Werfen wir einmal einen Blick auf Schurigs Übersetzung:

Mit einem Male erblickte Fabrizzio vier Reiter, die von der feindlichen Seite her in voller Karriere heranjagten. ›Ah, wir werden attackiert!‹ sagte er bei sich. Da sah er, wie zwei der Reiter mit dem Marschall sprachen. Einer der Generale galoppierte mit zwei Husaren des Gefolges und den vier soeben eingetroffenen Reitern in der Richtung auf den Feind hinweg.
Der Stab überquerte einen kleinen Graben. Fabrizzio fand sich neben einem Wachtmeister, der treuherzig dreinschaute. ›Den muß ich anreden‹, sagte er sich. ›Vielleicht sieht mich dann keiner mehr so an.‹ Lange ging er mit sich zu Rate.
»Herr Wachtmeister,« begann er endlich, »ich bin zum ersten Male in einer Schlacht. Das ist doch eine richtige Schlacht?«
»Sozusagen ja! Wer bist du denn eigentlich?«
»Ich, ich bin der Bruder der Frau eines Rittmeisters...«
»Von welchem Rittmeister? Wie heißt er?«
Unser Held war in furchtbarer Verlegenheit. Auf eine solche Frage war er ganz und gar nicht gefaßt. Zum Glück galoppierten der Marschall und der Stab wieder an. ›Was für einen französischen Namen soll ich sagen?‹ dachte er bei sich. Da fiel ihm der Name des Gasthofsbesitzers ein, bei dem er in Paris gewohnt hatte. Er brachte sein Pferd an das des Wachtmeisters heran und rief ihm mit voller Lunge zu: »Rittmeister Meunier!«
Der Wachtmeister, der Fabrizzio bei dem Kanonendonner nicht deutlich verstand, gab ihm zur Antwort: »Ach, der Rittmeister Teulier! Ja, der ist gefallen.«
›Ausgezeichnet!‹ sagte Fabrizzio bei sich. ›Also Rittmeister Teulier! Ich muß Trauer heucheln.‹
»O du mein Gott!« rief er laut und steckte eine gottserbärmliche Miene auf.
Man war aus dem Hohlweg heraus und ritt quer über eine kleine Wiese. Es ging in Karriere. Wieder schlugen Geschosse ein. Der Marschall ritt auf eine Kavalleriebrigade zu. Der Stab befand sich mitten unter Toten und Verwundeten, aber ihr Anblick machte auf unseren Helden bereits keinen so starken Eindruck mehr. Er hatte an andere Dinge zu denken.
Man hielt. Fabrizzio bemerkte den kleinen Wagen einer Marketenderin. Seine Zärtlichkeit für diese schätzenswerten Personen riß ihn fort. Er jagte darauflos.
»Potzdonnerwetter, so bleib doch hier!« schrie ihm der Wachtmeister nach.

Das kann man nach hundert Jahren immer noch lesen. Ist die neue Übersetzung aus dem Jahre 2007 wirklich so viel besser? Urs Widmer schrieb in seiner Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Anlass zu diesen Überlegungen gibt mir die neue Übersetzung der "Kartause" von Elisabeth Edl. Sie ist die erste seit 1958. Ich hatte mir fest vorgenommen, kein Wort zu ihr zu sagen, wenn ich sie nicht sehr gut finde. Der Grund dieser Zurückhaltung ist, dass die bisherige Referenz-Übersetzung, die nun diesen Rang verliert, just von meinem Vater stammt, Walter Widmer. Es ist in der Tat faszinierend und lehrreich zu sehen, wie eine Übersetzung, die einmal die Leser und Leserinnen durchaus entzückt hat, alt werden kann. Denn Elisabeth Edl tut eigentlich nichts anderes, als Stendhal unvoreingenommen und genau zu lesen. Sie hat ein wunderbar sicheres Gespür für seine Lakonie und gerät nie in Versuchung - wie dies meinem Vater immer wieder geschah -, Stendhal sozusagen nach oben zu schreiben. Ihn "besser" zu machen, "schöner", oder scheinbar unvollständige Satztrümmer stillschweigend zu ergänzen. Ich weiß nicht, ob das so ist, ich fand die Übersetzung von Walter Widmer immer ganz charmant. Blicken wir einmal auf die Übersetzung von Elisabeth Edl und fragen uns, ob das wirklich revolutionär neu ist:

Plötzlich sah Fabrizio aus feindlicher Richtung vier Männer in gestrecktem Galopp herankommen. Ah! wir werden angegriffen, sagte er sich; dann sah er zwei dieser Männer mit dem Marschall sprechen. Einer der Generäle aus dem Gefolge des Marschalls galoppierte in feindliche Richtung, hinter ihm zwei Husaren der Eskorte und die vier eben erst eingetroffenen Männer. Nachdem alle über einen kleinen Kanal gesetzt hatten, fand sich Fabrizio neben einem sehr gutmütig aussehenden Wachtmeister. Mit dem muß ich reden, sagte er sich, vielleicht hören sie dann auf, mich anzustarren. Er überlegte lange.
»Monsieur, ich nehme zum ersten Mal an einer Schlacht teil«, sagte er endlich zu dem Wachtmeister; »ist das auch eine richtige Schlacht?«
»Das will ich meinen. Aber wer sind Sie überhaupt?«
»Ich bin der Bruder der Frau eines Rittmeisters.«
»Und wie heißt dieser Rittmeister?«
Unser Held kam in schreckliche Verlegenheit; diese Frage hatte er nicht erwartet. Zum Glück galoppierten der Marschall und die Eskorte weiter. Was für einen französischen Namen soll ich sagen? dachte er. Endlich fiel ihm der Name des Hotelwirts ein, bei dem er in Paris logiert hatte; er ritt nahe an den Wachtmeister heran und schrie aus Leibeskräften:
»Rittmeister Meunier!« Der andere hörte wegen des Kanonengedröhns schlecht und antwortete: »So! Rittmeister Teulier? Na, der ist gefallen.« Bravo! sagte sich Fabrizio. Rittmeister Teulier; ich muß bestürzt wirken. »Oh, mein Gott!« rief er und setzte eine Leidensmiene auf. Sie hatten den tiefer liegenden Weg verlassen und ritten in gestrecktem Galopp über eine kleine Wiese, wieder sausten Kanonenkugeln, der Marschall wandte sich zu einer Kavalleriedivision. Die Eskorte stand zwischen Leichen und Verwundeten; aber dieses Schauspiel machte schon nicht mehr so viel Eindruck auf unseren Helden; seine Gedanken waren anderswo. Während die Eskorte hielt, entdeckte er den kleinen Wagen einer Marketenderin, und da seine Zuneigung zu diesem ehrenwerten Berufsstand stärker war als alles andere, ritt er hinüber. »Hiergeblieben, Himmelherrgotts...!« schrie ihm der Wachtmeister nach.

Die Reiter kommen hier in gestrecktem Galopp, bei Schurig war es in voller Karriere (in dem Text von 1845 war es gestreckte Carrière). Das sagte man um 1900 so, und in Reiterkreisen gebraucht man das heute immer noch. Es gibt keine großen Unterschiede zwischen den Texten, abgesehen davon, dass das Potzdonnerwetter, so bleib doch hier am Schluß besser klingt als das schwache Hiergeblieben, Himmelherrgotts. An zwei Stellen muss man sich bei Edls Übersetzung fragen, ob das wirklich so richtig ist. Bei ihr setzt eine Gruppe von Reitern über einen kleinen Kanal, bei Schurig überqueren die Reiter einen kleinen Graben. Stendhal spricht zwar im Text von un petit canal, aber muss das nun ein Kanal sein? Der gute alte Sachs-Villatte meines Opas aus dem Jahre 1909 versichert mir, das mit dem Wort auch kleine Rinnen gemeint sein können. Widmer übersetzt den petit canal mit einem schmalen Wasserlauf. Was ein Kanal ist, weiß ich seit Kindertagen. Von Tante Margrets Haus in Bad Essen konnte man den Mittellandkanal sehen, das war ein Kanal, über den keine Reitereskorte springen kann. Auf dem Schlachtfeld von Waterloo gab es Gräben und schmale Wasserläufe, aber wohl kaum Kanäle.

Und es gibt das noch etwas, an dem ich mich stoße. Das ist der Satz der Marschall wandte sich zu einer Kavalleriedivision. Eine ganze Division? Wirklich so viele? Das ist nach einem Korps die größte militärische Einheit einer Armee. Arthur Schurig, Hauptmann a.D., der das Militär kennt, hat hier eine Kavalleriebrigade, Widmer eine Kavallerieabteilung. Beide liegen richtig, die Division ist an dieser Stelle viel zu viel. Man kann das Spiel jetzt Seite für Seite betreiben und wird feststellen, dass die Übersetzungen von Schurig und Widmer durchaus ihre Verdienste haben. Und dass Frau Edl Fehler macht. 

Ich finde auch Schurigs Kanonendonner (Widmer hat Geschützdonner) viel besser als Edls Kanonengedröhn. Bei Stendhal heißt es roulement du canon, welche Geräusche Kanonen machen, das weiß der Artillerieoffizier Schurig besser als Frau Edl. Und deshalb schreibt er Kanonendonner und nicht Kanonengedröhn. Über den Kanonendonner können wir bei Stendahl einiges in dem Tagebuch lesen, das er am 21. Mai 1813 während der Schlacht von Bautzen geschrieben hat: Von Mittag bis drei Uhr nachmittags sahen wir alles, was man von einer Schlacht sehen kann, das heißt: nichts. Der Genuß liegt in der Aufregung, die einem das Bewußtsein erweckt, daß sich um uns etwas abspielt, von dem man weiß, es ist schrecklich. Der majestätische Kanonendonner verstärkt die Wirkung. Er paßt vortrefflich zum ganzen Eindruck. Wenn die Geschütze ein scharfes, pfeifendes Geräusch hervorbrächten, so würde es einen wohl nicht so ergreifen. Ich habe das Gefühl, ein pfeifendes Geräusch wäre grausig, aber niemals so schön wie der rollende Kanonendonner.

Der amerikanische Romanist Victor Brombert hat in Stendhal: Fiction and the Themes of Freedom dazu gesagt: Stendhal himself, after the Battle of Bautzen (probably the only battle he saw, and at some range at that), remembered that he had glimpsed all there is to be seen of a battle — that is, little, or nothing. Man sieht nichts von der Schlacht, wenn man inmitten der Schlacht ist. Historiker haben das das Stendhal Paradox genannt. Der englische Historiker John Keegan hat in seinem Buch The Face of Battle: A Study of Agincourt, Waterloo and the Somme hunderte von Zeugen einer Schlacht zu Wort kommen lassen, die über das Schlachtfeld irren und sich wie Fabrizio fragen: Herr Wachtmeister, ich bin zum ersten Male in einer Schlacht. Das ist doch eine richtige Schlacht? Militärgeschichte einmal nicht von oben, sondern von unten. Es ist sicherlich kein Zufall, dass in meinem Post John Keegan Stendhal (hier ein Jugendbild) und Tolstoi ztiert werden.

Andreas Isenschmid hat bei der Verleihung des Johann Heinrich Voß Preises an die Übersetzerin Elisabeth Edl schöne Worte für ihre Übersetzung von Le Rouge et le Noir gefunden und wenig Schönes über ihre Vorgänger wie Arthur Schurig und Otto Flake gesagt. Aber truth is the daughter of time, im Augenblick ist es angesagt, Frau Edl in den Himmel heben. Doch das ganze 20. Jahrhundert sind Leser mit den Übersetzungen von Schurig und Widmer ausgekommen; das war ihr Stendhal, den sie mit ihrer Seele lasen, wie es in La vie de Henri Brulard so schön heißt: Un roman est un archet. La caisse du violon qui rend les sons, c'est l'âme du lecteur. 

Wenn Sie die Chartreuse de Parme im Original lesen, können Sie das hier tun. Und dann hätte ich an Filmen noch den Klassiker mit Gérard Philipe für Sie. Und einen zehn Jahre alten Fernsehfilm. Bunt und kitschig. Muss auch mal sein.

1 Kommentar:

  1. Lieber Jay, da ich letztens KRIEG UND FRIEDEN mal wieder in der Hand hatte, und nach dem letzten Stendhal-Post überlegen musste, wann ich denn die KARTAUSE denn gelesen hatte (vor 30 Jahren?), ist dieser Post hier Anlass, sich dem Thema anzunehmen. Ich weiß zwar nicht wann, aber notiert ist alles inklusive der Links. Viele Grüße, Uwe Rennicke

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