Samstag, 18. Februar 2017
O tempora, o mores!
Kaum redet man wie ➱gestern über den Lateinunterricht, da hat man auch schon Gelegenheit, die dort vor mehr als einem halben Jahrhundert vermittelten Kenntnisse zu gebrauchen. Der Titel dieses Posts O tempora, o mores! stammt von Cicero. Den kennen Sie bestimmt, der kleine Scherz Kikero und Kaesar gingen in den Kirkus, der eine in Zylinder, der andre in Zivil stand am Anfang des Lateinunterrichts. Da lernte man schöne Sätze wie Caesar ora classis romana, was Caesar küsste eine flotte Römerin heißt. Sätze, die einen wie O tempora, o mores! oder ➱Gaudeamus igitur ein Leben lang begleiten.
Wie auch Cicero. Er ist ein Autor, den man immer lesen kann. Er ist auch der Mann, der gesagt haben soll: Ut conclave sine libris, ita corpus sine anima (Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele). Das ist nicht ganz dasselbe wie Books do furnish a room, das steht bei ➱Anthony Powell, einem Autor, der auch viel klassische Bildung vermittelt. Der amerikanische Präsident Donald Trump kann kein Latein, er kann Cicero nicht lesen, die goldene Latinität fehlt seinen Reden.
Latein ist für die Amerikaner wichtig, sie haben ein Capitol, einen Senat und Senatoren. Und den Spruch e pluribus unum im Wappen. Das war der einzige lateinische Satz, den Andrew Jackson verstand. Jackson war der erste amerikanische Präsident, der kein Latein konnte. Selbst wenn sich ➱John Adams über Washington mokierte, That Washington is not a scholar is certain. That he is too illiterate, unlearned, unread for his station is equally beyond dispute, muss man sagen, dass Washington durchaus gut Latein konnte. Die Damen da oben finden sich im Kapitol in Constantino Brumidis Apotheose Washingtons. Sie könnten dazu noch eben den Post ➱Liberty Girls lesen. Ist witzig, kommt aber auch viel Klassik drin vor. Das Bild im ersten Absatz zeigt natürlich nicht Cicero, sondern George Washington in antiker Pose.
So wie hier Sarah Middleton (deren Bruder die ➱Declaration of Independence unterzeichnete) kurz vor ihrer Hochzeit mit Charles Cotesworth Pinckney, einem Freund Washingtons, sah sich die amerikanische Gesellschaft im revolutionären Amerika gerne: als flotte Römerin verkleidet blickt sie uns an, im Hintergrund die Anmutung einer römischen Villa. Es war für Amerika schön, dass seine Staatsgründung mit dem herrschenden Klassizismus zusammenfällt. Von ➱Thomas Jeffersons Villa ➱Monticello bis zum ➱Weißen Haus waren römische Republik und griechische Demokratie die Blaupause für das junge Amerika. Und natürlich liegt Washington nicht am Goose Creek, sondern am Tiber Creek. Manche Frauen gehen noch weiter als Mrs Pinckney, die kleiden sich nicht nur römisch, sie legen sich auch noch einen römischen Namen zu. So unterschreibt ➱Abigail Adams eines Tages ihre Briefe mit ➱Portia.
Zu dem Thema (hier Benjamin Franklin in einer modischen Toga) hat die Stanford Professorin Caroline Winterer einiges zu sagen. Sie können sich ➱hier eine knappe Stunde lang ihren Vortrag Are We Rome or Greece? America's Infatuation with Classical Antiquity anhören, sie könnten sich in der Zeit aber auch die ➱Pressekonferenz reinziehen. Also die, wo er sagt: I’m here today to update the American people on the incredible progress that has been made in the last four weeks since my inauguration. We have made incredible progress. I don’t think there’s ever been a president elected who in this short period of time has done what we’ve done. Für den Kommentator bei ➱Spiegel Online war das schon ein Grund, nach dem Arzt zu rufen. Auf dieses durchaus mögliche Schicksal des Präsidenten habe ich schon in dem Post ➱Doktor Pinel hingewiesen (vielen Dank, dass Sie den alle gelesen haben). Der Vortrag von Dr Winterer über Amerikas Geburt aus der Idee der Klassik, die Pressekonferenz des Plebejers Donald Trump über die Großartigkeit seiner Regierung: zwei Seiten Amerikas.
Ich bleibe noch mal eben beim Latein. Als ich gestern alle möglichen Nachrichten und Kommentare zu Trumps Pressekonferenz hörte, fiel mir plötzlich ein Zitat ein. Ich war dabei, mir einen Tee aufzubrühen und hatte von dem Zitat nur dieses usque tandem Catilina im Kopf. Ich trank erst einmal meinen Tee, ich wusste, mein Computer würde den Rest schon finden. Fand er auch. Cicero sagt in seiner ➱Catilina Rede - und ich finde das ein wunderbar für Trump passendes Zitat: Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra? Quam diu etiam furor iste tuus nos eludet? Quem ad finem sese effrenata iactabit audacia? Das heißt auf deutsch so etwas wie: Wie lange noch wirst du, Catilina, unsere Geduld mißbrauchen? Wie lange wird uns auch dieser dein Wahnsinn verspotten? Bis zu welchem Zeitpunkt wird sich deine zügellose Frechheit aufschaukeln?
Freitag, 17. Februar 2017
Adam Oeser
Ich gab bei Google Adam Oeser ein und bekam als erstes Ergebnis eine Anzeige von Adam Opel. Der Kommerz kommt vor der Kunst. Das ist bei Google immer so. Gibt man den Namen des Malers Adam Oeser bei Googles Bildersuche ein, bekommt man unter anderem diese junge Dame. Sie heißt Jennifer Oeser und ist eine Siebenkämpferin, ist aber wahrscheinlich nicht mit Adam Oeser verwandt. Die Bildauswahl bei Google wird ja immer seltsamer, seitenweise bekommt man Bilder, die garantiert nichts mit dem gesuchten Namen oder Begriff zu tun haben. Auch hier kommt der Kommerz meistens vor der Kunst. Wenn Sie mal etwas Nicht-Kommerzielles sehen wollen, dann Sie klicken Sie ➱dies an: massenhaft Bilder aus SILVAE. Da bekommen Sie auch einen Eindruck davon, was im Kopf dieses Bloggers vorgeht.
Der Maler und Bildhauer Adam Friedrich Oeser ist bisher in diesem Blog nicht vorgekommen. Was daran liegt, dass ich ihn nicht mag. Ich hätte ihn in dem Post zu ➱Anton Raphael Mengs erwähnen können, weil er bei Mengs gelernt hat, aber ich habe es gelassen. So wie Kindlers Malerei Lexikon ihn auslässt, die kennen zwar ➱Oelze, aber nicht Oeser. Adam Friedrich Oeser wurde heute vor dreihundert Jahren geboren, und nur deshalb bekommt er einen kleinen Post. Dieses Portrait Oesers ist von dem Maler Nikolaus Lauer, der auch hübsche Bilder von der ➱Königin Luise gemalt hat. Eigentlich ist ➱Nikolaus Lauer ein viel interessanterer Maler als Oeser, aber der hat heute keinen dreihundertsten Geburtstag. Das Pastellbild, das er kurz vor Oesers Tod gemalt hat, das ähnelt schon beinahe einem ➱Gainsborough - was beweist, das wir im Zeitalter der Empfindsamkeit sind.
Oeser war zu seinen Lebzeiten berühmt, seine Schüler liebten ihn, schrieben Gedichte auf ihn:
In Deiner Kunst lebt noch mit seinem ganzen Ruhm/
Athens und Roms geprießnes Alterthum:
Das Unnachahmliche, das uns mit jenen Zeiten
verloren ging, rufst Du aus ferner Nacht zurück,
und weißt sein ganz Verdienst auf jedes Meisterstück
Von Deiner Hand mit Einsicht auszubreiten.
Das hier sind die Kinder des Malers. Sicher eine rührende Szene, besser kann er nicht malen. Seine Berühmtheit verdankt er der Tatsache, dass er Goethe im Zeichnen unterrichtete (von einem ächten Lehrer spricht Goethe) und lebenslang mit ihm befreundet war. Und dass er mit Winckelmann, der auch bei ihm wohnte, befreundet war. Diesem Mann aus ➱Stendal, der nie in ➱Griechenland war, aber alles über die Griechen wusste. Sie erinnern sich: edle Einfalt und stille Größe. Und der ganze klassizistische Unsinn, der im deutschen Gymnasium mündet.
Ich will nichts Böses gegen Latein sagen. Mein erster Lateinlehrer ➱Hermann Bollenhagen war der beste Lehrer, den ich hatte. Mein zweiter Lateinlehrer war adlig und ein Nazi, mein dritter Lateinlehrer war völlig inkompetent in allen Sprachen (er sprach Diepholz Diefolz aus). Und dennoch mag ich Latein. Aber dieses ganze Gewese im 18. Jahrhundert mit Griechenland und Rom und der sogenannten klassischen Antike, das geht mir auf die Nerven. Ich halte nicht viel von Nietzsche, aber diesen gehässigen Satz von ihm muss ich doch mal eben zitieren: Winckelmanns und Goethes Griechen, V. Hugo’s Orientalien, Wagners Edda-Personnagen, W. Scotts Engländer des 13. Jahrhunderts – irgend wann wird man die ganze Komödie entdecken: es war Alles über alle Maaßen historisch falsch, aber – modern, wahr!
Oeser ist nicht nur mit Goethe befreundet, Goethe geht bei ihm auch zeitweise ein und aus. Und ist mit Oesers Tochter Friederike befreundet, er schreibt ihr Briefe und Gedichte, wie dieses erstaunliche autobiographische ➱Gedicht:
Mamsell,
So launisch wie ein Kind, das zahnt,
Bald schüchtern wie ein Kaufmann, den man mahnt,
Bald still wie ein Hypochondrist
Und sittig wie ein Mennonist,
Und folgsam wie ein gutes Lamm,
Bald lustig wie ein Bräutigam,
Leb ich und bin halb krank und halb gesund,
Am ganzen Leibe wohl, nur in dem Halse wund;
Sehr mißvergnügt, daß meine Lunge
Nicht so viel Atem reicht, als meine Zunge
Zu manchen Zeiten braucht, wenn sie mit Stolz erzählt,
Was ich bei euch gehabt, und was mir jetzt hier fehlt...
Im Jahre 1717 werden nicht nur Oeser und Winckelmann geboren, auch der italienische Maler Giuseppe Zocchi wird da geboren, der schöne Veduten gemalt hat. Und dieses charmante Federballspiel, gemalt wie eine Theaterdekoration, eine Inszenierung des Rokoko. Im Rokoko fängt Oeser an, dann wendet er sich dem Klassizismus zu. Malt aber niemals solch charmante Bilder wie dieses hier.
Und solch ein Familienbild, wie es ➱John Singleton Copley gemalt hat, das würde Oeser schon rein technisch nicht hinkriegen. Es wird auch nicht lange dauern, dass es mit der Lobhudelei zu Ende ist. Der erste, der mit der Winckelmann Begeisterung abrechnet, ist Daniel Nikolaus Chodowiecki: Was hat aber Winckelmann dem Künstler genutzt, nichts. Raphael und Rubens, Rembrandt, selbst der von vielen verachtete Tenier waren ohne Winckelmann was, Mengs ebenfalls und ohne Mengs wäre Winckelmann das geblieben was er war, da er Deutschland verließ. Er hat die Antiquen angestaunt wie so viele andre und nicht verstanden. Wo sind die Künstler, die von Winckelmann profitiert haben, und die mit Raphael, Rubens und so vielen andren, die nach ihnen waren, zu vergleichen sind? Winckelmanns Schaffen kann einen Gelehrten, aber nicht einen Künstler bilden. Waß ist aus unsern Künstlern , die seit 10 Jahren nach Rom gegangen sind geworden? Was wird aus denen werden die jetzt in Rom sind. Rehberg [ein ehem. Schüler Oesers] geht rückwärts, Genelli verzehrt das Geld was die Akademie ihm reichte.
Der Maler und Kunstschriftsteller Heinrich Meyer (nicht zu verwechseln mit dem Meyer aus Bremen, über den mein Freund ➱Dommi alles weiß), lebenslang ein Freund Goethes, bezeichnet Oeser als einen Nebulisten. Das können wir bei diesem Bild nachvollziehen. Seine besten, ausgeführten Arbeiten haben noch zu viel Schwebendes, Unbestimmtes, zu leichten Sinn und halb aufgelöste Gestalten. Im Übrigen sind es meist anmuthige Bilder, Ergießungen einer harmlosen kindlichen Seele, eines schönen begabten Geistes. Man kann Meyer auch darin folgen, wenn er davon redet, dass Oeser mit gefälligen doch zu leicht und nebelhaft ausgeführten Mahlereien großes Lob erworben hat.
Vor allem, wenn das obige Bild eines Mädchens mit dem Portrait der Töchter des Künstlers von Thomas Gainsborough vergleicht, einem Bild, an dem nichts Nebulöses ist. Man könnte auch das ➱Shrimp Girl von ➱Hogarth zum Vergleich heranziehen, Oeser schneidet bei solchen Vergleichen immer schlecht ab. Der Kunsthistoriker Timo John hat in dem hervorragenden ➱Goethezeitportal die Rezeption Oesers durch die Jahrhunderte verfolgt.
Was im Goethezeitportal steht, kommt natürlich aus der ➱Dissertation des Autors, der im Jahre 2000 mit seiner Studie über Oeser an der Universität Halle-Wittenberg promoviert wurde. Erstaunlicherweise sind Timo Johns Publikationen auch im Wikipedia Artikel erwähnt, da hat man es ja leider normalerweise nicht mit solcher Genauigkeit. Studie über einen Künstler der Empfindsamkeit heißt Johns Buch im Untertitel. Es war Johann Joachim Christoph Bode, der (auf Anraten Lessings) das Wort empfindsam in die deutsche Sprache gebracht hat, als er ➱Laurence Sternes Sentimental Journey mit Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien übersetzte.
Da haben wir sie nun, die ➱Empfindsamkeit. Goethes Werther, Klopstock und viele schöne Gefühle. In England Henry Mackenzies Roman ➱The Man of Feeling und Gainsborough. Und viel Maliziöses zu dem sentimental feelings. Und bei uns Schäferszenen, wie diese hier von Oeser. Konnte Watteau besser. Wenn Goethes satirisches Stück ➱Triumph der Empfindsamkeit aufgeführt wird, ist das das Ende der Epidemie der Gefühlsduseligkeit. Und mein Post zu Adam Friedrich Oeser ist hier auch zu Ende. Ich hätte über Jennifer Oeser schreiben sollen. Oder über Adam Opel.
Oder über RB Leipzig. Denn es ist Leipzig gewesen, wo man Oeser beinahe ein halbes Jahrhundert lang für einen großartigen Maler hielt (es gibt da noch eine Adam Oeser Schule). Oeser ist natürlich kein großartiger Maler, in Dresden hätte er wohl nicht diesen Erfolg gehabt. Ich habe hier noch einen letzten Beweis, dass der Mann überhaupt nicht malen kann. Selbst Goethe hätte diesen Abschied Hektors von Andromache hingekriegt. Da findet man Tischbein (zu dem es ➱hier einen Post mit viel Goethe gibt) schon wieder gut.
Der Maler und Kunstschriftsteller Heinrich Meyer (nicht zu verwechseln mit dem Meyer aus Bremen, über den mein Freund ➱Dommi alles weiß), lebenslang ein Freund Goethes, bezeichnet Oeser als einen Nebulisten. Das können wir bei diesem Bild nachvollziehen. Seine besten, ausgeführten Arbeiten haben noch zu viel Schwebendes, Unbestimmtes, zu leichten Sinn und halb aufgelöste Gestalten. Im Übrigen sind es meist anmuthige Bilder, Ergießungen einer harmlosen kindlichen Seele, eines schönen begabten Geistes. Man kann Meyer auch darin folgen, wenn er davon redet, dass Oeser mit gefälligen doch zu leicht und nebelhaft ausgeführten Mahlereien großes Lob erworben hat.
Vor allem, wenn das obige Bild eines Mädchens mit dem Portrait der Töchter des Künstlers von Thomas Gainsborough vergleicht, einem Bild, an dem nichts Nebulöses ist. Man könnte auch das ➱Shrimp Girl von ➱Hogarth zum Vergleich heranziehen, Oeser schneidet bei solchen Vergleichen immer schlecht ab. Der Kunsthistoriker Timo John hat in dem hervorragenden ➱Goethezeitportal die Rezeption Oesers durch die Jahrhunderte verfolgt.
Was im Goethezeitportal steht, kommt natürlich aus der ➱Dissertation des Autors, der im Jahre 2000 mit seiner Studie über Oeser an der Universität Halle-Wittenberg promoviert wurde. Erstaunlicherweise sind Timo Johns Publikationen auch im Wikipedia Artikel erwähnt, da hat man es ja leider normalerweise nicht mit solcher Genauigkeit. Studie über einen Künstler der Empfindsamkeit heißt Johns Buch im Untertitel. Es war Johann Joachim Christoph Bode, der (auf Anraten Lessings) das Wort empfindsam in die deutsche Sprache gebracht hat, als er ➱Laurence Sternes Sentimental Journey mit Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien übersetzte.
Da haben wir sie nun, die ➱Empfindsamkeit. Goethes Werther, Klopstock und viele schöne Gefühle. In England Henry Mackenzies Roman ➱The Man of Feeling und Gainsborough. Und viel Maliziöses zu dem sentimental feelings. Und bei uns Schäferszenen, wie diese hier von Oeser. Konnte Watteau besser. Wenn Goethes satirisches Stück ➱Triumph der Empfindsamkeit aufgeführt wird, ist das das Ende der Epidemie der Gefühlsduseligkeit. Und mein Post zu Adam Friedrich Oeser ist hier auch zu Ende. Ich hätte über Jennifer Oeser schreiben sollen. Oder über Adam Opel.
Oder über RB Leipzig. Denn es ist Leipzig gewesen, wo man Oeser beinahe ein halbes Jahrhundert lang für einen großartigen Maler hielt (es gibt da noch eine Adam Oeser Schule). Oeser ist natürlich kein großartiger Maler, in Dresden hätte er wohl nicht diesen Erfolg gehabt. Ich habe hier noch einen letzten Beweis, dass der Mann überhaupt nicht malen kann. Selbst Goethe hätte diesen Abschied Hektors von Andromache hingekriegt. Da findet man Tischbein (zu dem es ➱hier einen Post mit viel Goethe gibt) schon wieder gut.
Mittwoch, 15. Februar 2017
Yellow Press
Die berühmte ➱Clara Barton, Gründerin des amerikanischen Roten Kreuzes und Heldin des amerikanischen Bürgerkriegs ist im Jahre 1898 im revolutionären Kuba. Die Verhältnisse in den Gefängnissen von Valeriano Weyler schreien geradezu nach dem Roten Kreuz. Auf jeden Fall sind da hunderte von amerikanischen Reportern auf der Insel, die so etwas nach Washington drahten. Washington schickt das Kriegsschiff USS Maine zu einem 'Freundschaftsbesuch' nach Havanna. Der Kapitän Charles Dwight Sigsbee lädt Clara Barton auf sein Schiff ein. Sie wird in ihren Memoiren schreiben: A cordial invitation from Captain Sigsbee to visit the "Maine" that afternoon had been received. His launch courteously came for us; his officers received us; his crew, strong, ruddy and bright, went through their drill for our entertainment, and the lunch at those polished tables, off glittering china and cut glass, with the social guests around, will remain ever in my memory as a vision of the "Last Supper."
Und ein Last Supper ist es für viele gewesen. Es ist nie geklärt worden, weshalb das Schlachtschiff Zweiter Klasse USS Maine am 15. Februar im Hafen von Havanna in die Luft geflogen ist. Alles spricht heute für einen Schwelbrand im Kohlebunker. Aber die sogenannte öffentliche Meinung weiß im Jahre 1898, dass es natürlich die Spanier gewesen sind, die das Schiff torpediert haben. Maine Blown up by Torpedo titelte das San Francisco Chronicle mit Großbuchstaben. Und darunter ganz klein: Such is the belief now gaining ground. Dr Johnsons Satz There is no crime more infamous than the violation of truth interessiert niemanden mehr. Kellyanne Conway und Sean Spicer vollenden heute das, was Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst angefangen haben.
Die Herren Pulitzer und ➱Hearst sind berühmt dafür geworden, dass sie den Sensationsjournalismus perfektioniert haben. Und sie werden unglaublich reich damit werden. So wie Axel Springer, dem die Leser seiner Bild Zeitung seinen Rolls-Royce, das ➱Gut Schierensee, die Apanage für viele Ehefrauen und die Abfindungen für die zahlreichen Geliebten bezahlt haben. Mit Lügen kann man immer gut verdienen. Es war ein schöner ➱Augenblick, als der Bundespräsident ➱Theodor Heuss dem Verleger Axel Springer sagte: Sie sind der Verderber der Presse.
Yellow Press heißen die amerikanischen Erzeugnisse nach einem Comic The Yellow Kid, bei dem die Figur des Yellow Kid gelb eingefärbt war: They colored the comics but they colored the news as well. Auf diesem Cartoon sind die niedlichen yellow kids Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst gerade beim Spielen, was sie mit ihrem Spielzeug zusammenbasteln, heißt War. Die ➱Sensationspresse schreit: Remember the Maine. To hell with Spain!, der Spanisch-Amerikanische Krieg ist unausweichlich. Das ist der Krieg, in dem Teddy Roosevelt mit seinen rough riders seine Cowboyphantasien ausleben kann. Ein anderer Cowboydarsteller im Weißen Haus namens Ronald Reagan wird noch 1987 in einer Rede vor Marinekadetten den Schlachtruf Remember the Maine ausstoßen, einen Schlachtruf der nach dem ➱Remember the Alamo gebildet wurde. Muss man noch erwähnen, dass es einen Remember the Maine Cocktail gibt? Ein Brettspiel auch. Man kann alles vermarkten.
Plakative Schlagzeilen sind in Amerika immer gut. Das beginnt schon früh in der amerikanischen Geschichte. Beim sogenannten Boston Massacre (das die Engländer zurückhaltend als Incident on King Street betitelten) sind fünf Menschen umgekommen. Reicht das für den Begriff Massaker? Beim Bowling Green Massacre sind überhaupt keine Menschen umgekommen, das Massaker hat ➱Kellyanne Conway erfunden. Wir leben heute in einer Welt der Fake News und der alternative facts. Auch schon 1898, als die Yellow Press den Spanisch-Amerikanischen Krieg zum Laufen bringt. Und Thomas Edison die ersten filmischen Fälschungen ins Kino bringt: diese Erschießung von Aufständischen hat nie stattgefunden. Da ich Ronald Reagan gerade erwähnt habe: er ist übrigens derjenige, der das Make America Great Again lange vor Donald Trump verwendet hat, das muss einmal gesagt werden.
Hundert Jahre nach dem Beginn des ➱splendid little war unterzog die ➱New York Times die Rolle der Presse im Jahre 1898 einer kritischen Betrachtung. In dem Artikel konnte man lesen: Many an American history student will recall the telegraphed exchange between William Randolph Hearst, publisher of The New York Journal, and Frederic Remington, the great illustrator of the American frontier dispatched by Hearst to Cuba to cover the Cuban guerrilla uprising against Spain. ''There will be no war,'' Mr. Remington wired home. ''I wish to return.'' Hearst, bent on beating Joseph Pulitzer's New York World at the newsstands, told the artist to do no such thing: ''You furnish the pictures and I will furnish the war.'' So schön die Geschichte ist, sie ist wahrscheinlich nicht wahr. Wie so vieles aus der Zeit des Beginns der Yellow Press.
Mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg und der Besetzung Kubas waren die Amerikaner zu dem geworden, was man heute einen Global Player nennt, vorher hatten sie gezögert, in die Weltpolitik einzugreifen. Mit Kuba und den ➱Philippinen sind sie mittendrin im Imperialismus. ➱Take Up the White Man's Burden hatte Rudyard Kipling die USA aufgefordert. Um seinem Gedicht noch mehr Nachdruck zu verleihen, hatte Kipling damals an Roosevelt geschrieben: Now, go in and put all the weight of your influence into hanging on, permanently, to the whole Philippines. America has gone and stuck a pick-axe into the foundations of a rotten house, and she is morally bound to build the house over, again, from the foundations, or have it fall about her ears. Kiplings Take Up the White Man's Burden ist das klassische Gedicht des Imperialismus geworden (lesen Sie ➱hier mehr). Es forderte natürlich zu Parodien und Cartoons heraus. Wie diesem, der den Titel hat: The British John Bull and the American Uncle Sam bear The White Man's Burden (Apologies to Rudyard Kipling), taking the coloured peoples of the world to civilisation.
Auf dem alten Globus meines Opas, der bei mir auf dem Fensterbrett steht, ist der größte Teil der Welt mit einem rötlichen Pink gefärbt, das stand 1900 für England. Jetzt wollen die USA auch einen Teil von dem Kuchen. Mit der Quasireligion der ➱Manifest Destiny hatte man Amerika erobert und Mexiko viel Land weggenommen. Aber ➱The Winning of the West reicht den Amerikanern nicht aus, jetzt kämpft der Cowboy Roosevelt mit seinen Rough Riders gegen Spanien. Man eignet sich nicht nur Kuba an, auch Puerto Rico wird von Amerika abhängig. Man hat keine Kolonien wie die europäischen Großmächte, man hat jetzt Außengebiete.
Das Schiffsunglück im Hafen von Havanna produziert eine Vielzahl von Gedichten und Liedern, die es aber nicht wie Fontanes John Maynard oder Gerald Manley Hopkins' The Wreck of the Deutschland in die Anthologien schafften. Die in ihrem patriotischen Gehalt natürlich interessant sind, ich zitiere von einem ➱Lied einmal den Refrain:
We'll never forget the sad events of that night.
Our lads were killed, with no chance to fight;
The foul deed was done by treach'rous Spain.
That's why America fought and avenged the Maine.
Und dann hätte ich auf einer hervorragenden Dokumentationsseite der Lieder aus den Ozarks noch My Sweetheart went down with the Maine. Einmal gesungen von ➱Mrs Barnes. Und dann noch von ➱Mrs Scruggs, da wird das richtig peppig:
Once I had a sweetheart,
Noble, brave, and true,
Fearless as the sunrise,
Gentle as the dew.
We had loved and waited.
He had named the day.
We had pledged to wed each other
In the month of May.
We had pledged to wed each other
In the month of May.
Out on the high sea he sailed,
Under the red, white, and blue,
Faithful to country and home,
Faithful to captain and crew.
Anchored in Havana
On a Cuban shore,
Conscious of no danger,
Dreaming love days o'er.
Peacefully he slumbered
In a hammock bed,
While the stars with glowing beauty
Benediction said,
And while the stars with glowing beauty
Benediction said.
Then came a death . . . crash,
Wrecked the vessel in twain.
Down went my sweetheart to death,
Down with the gallant ship Maine.
Once I had a sweetheart,
Noble, brave, and true,
Fearless as the sunrise,
Gentle as the dew.
We had loved and waited.
He had named the day.
We had pledged to wed each other
In the month of May.
We had pledged to wed each other
In the month of May.
Out on the high sea he sailed,
Under the red, white, and blue,
Faithful to country and home,
Faithful to captain and crew.
Anchored in Havana
On a Cuban shore,
Conscious of no danger,
Dreaming love days o'er.
Peacefully he slumbered
In a hammock bed,
While the stars with glowing beauty
Benediction said,
And while the stars with glowing beauty
Benediction said.
Then came a death . . . crash,
Wrecked the vessel in twain.
Down went my sweetheart to death,
Down with the gallant ship Maine.
Der Kapitän Charles Dwight Sigsbee (hier sein Telegramm an den Marineminister), der unter Admiral Farragut im Bürgerkrieg gedient hatte, hat das Unglück überlebt. Er ➱telegraphiert am nächsten Tag seiner Gattin: Maine blown up last night totally wrecked all officers Saved but Jenkins and Merritt who were probably Killed about 250 Killed I am uninjured but have lost absolutely Everything but thin Sack Coat trousers and shirt will borrow money of General Lee estimate My pecuniary loss fifteen hundred dollars CD Sigsbee.
Sigsbees Taschenuhr hat den Untergang des Schiffes auch überstanden. Die hatte ihm der Taucher, der die militärischen Papiere aus dem Schreibtisch holen sollte, mit nach oben gebracht. Er dachte, dass er dem Kapitän, der gerade sein Schiff verloren hatte, damit eine kleine Freude machen könnte (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Havanna). Sigsbee hatte große Schwierigkeiten gehabt, überhaupt einen Taucher zu finden, die waren alle schon von den Journalisten, die in Heerscharen in Havanna ankommen, unter Vertrag genommen. Sigsbee spült die Taschenuhr mit klarem Wasser aus, füllt sie dann voller Öl und schickt sie an den Hersteller. Das hat er schon zweimal gemacht, Admirale gehen manchmal über Bord. Ist nicht so schlimm. Wenn die Wahrheit über Bord geht, ist das viel schlimmer.
Die Wahrheit ist das erste, das in einem Krieg über Bord geht (Aischylos und hundert andere sollen das gesagt haben). Wenn der Satz stimmt, dann führt Donald Trump gerade Krieg. Oh Mann, was hätten Pulitzer und Hearst diesen Kerl mit den aufgenähten Ponyfelllappen gebrauchen können!
Sigsbees Taschenuhr hat den Untergang des Schiffes auch überstanden. Die hatte ihm der Taucher, der die militärischen Papiere aus dem Schreibtisch holen sollte, mit nach oben gebracht. Er dachte, dass er dem Kapitän, der gerade sein Schiff verloren hatte, damit eine kleine Freude machen könnte (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Havanna). Sigsbee hatte große Schwierigkeiten gehabt, überhaupt einen Taucher zu finden, die waren alle schon von den Journalisten, die in Heerscharen in Havanna ankommen, unter Vertrag genommen. Sigsbee spült die Taschenuhr mit klarem Wasser aus, füllt sie dann voller Öl und schickt sie an den Hersteller. Das hat er schon zweimal gemacht, Admirale gehen manchmal über Bord. Ist nicht so schlimm. Wenn die Wahrheit über Bord geht, ist das viel schlimmer.
Die Wahrheit ist das erste, das in einem Krieg über Bord geht (Aischylos und hundert andere sollen das gesagt haben). Wenn der Satz stimmt, dann führt Donald Trump gerade Krieg. Oh Mann, was hätten Pulitzer und Hearst diesen Kerl mit den aufgenähten Ponyfelllappen gebrauchen können!
Sonntag, 12. Februar 2017
nackte Lieder
Der englische Dichter, Komponist und Arzt ➱Thomas Campion wurde heute vor 450 Jahren geboren, das soll uns einige Zeilen wert sein. Er hat schöne Lieder (ayres) geschrieben, zumeist für eine Laute und einen Kontratenor: I have chiefly aimed to couple my words and notes lovingly together. Man kann dieses mit Liebe Verbundene auch heute noch hören, glücklicherweise gibt es genügend vom Werk Thomas Campions auf CD. Sogar das preiswerte Label Naxos bietet Thomas Campion an. Vielleicht ist er als Komponist nicht so berühmt wie sein Zeitgenosse John Dowland, der hier schon in den Posts ➱Cantate und ➱HiFi vorkam, aber als Dichter war Campion weithin geachtet. Und zu dem schönen Bild einer Lautenspielerin von Orazio Gentileschi habe ich ➱hier auch noch ein Gedicht von Campion (und ➱hier gibt es das auch gesungen).
Seine Gedichte sind durch die Ausgabe von Arthur Henry Bullen im Jahre 1897 wieder neu entdeckt wurden, vorher war der Zeitgenosse Shakespeares ein wenig vergessen (das Schicksal teilt er mit Shakespeare). T.S. Eliot hat Campion except for Shakespeare ... the most accomplished master of rhymed lyric of his time genannt. Auch Ezra Pound fand Campion interessant, in seinem Gedicht Donna mi Prega findet sich die Widmung Dedicace — To Thomas Campion his ghost, and to the ghost of Henry Lawes, as prayer for the revival of music. Und ein anderer Amerikaner, der Komponist Virgil Thompson (der ➱hier schon vorkommt), hat Gedichte von Campion neu ➱vertont (bei dem Herrn mit der Fiedel schauen Sie lieber nicht auf die Füße). Es wäre schön, wenn ich ein solch plakatives Bild wie dieses hier von unserem Dichter und Komponisten hätte. Habe ich aber nicht, und so muss der Lautenspieler von Bartolomeo Passerotti aus dem Jahre 1576 dafür herhalten.
Und da ich John Dowland schon erwähnt habe, müssen Sie mal eben sein Time stands still, gesungen von ➱Emma Kirkby, hören. Und auch von ➱Andreas Scholl. Und dann wollen wir den Kontratenor ➱Daniel Taylor natürlich nicht vergessen, Der Kanadier hat gegenüber Andreas Scholl den Vorteil, dass er in seiner Muttersprache singen kann, deshalb klingt er ungekünstelter. Schon Dowlands literarische Zeitgenossen schrieben den elisabethanischen Lautenisten in ihre Werke. So zum Beispiel Richard Barnfield:
If music and sweet poetry agree,
As they must needs, the sister and the brother,
Then must the love be great ’twixt thee and me,
Because thou lov’st the one and I the other.
Dowland to thee is dear, whose heavenly touch
Upon the lute doth ravish human sense;
Spenser to me, whose deep conceit is such,
As passing all conceit, needs no defence.
Thou lov’st to hear the sweet melodious sound
That Phœbus’ lute, the queen of music, makes;
And I in deep delight am chiefly drowned
Whenas himself to singing he betakes:
One god is god of both, as poets feign,
One knight loves both, and both in thee remain.
Irgendwo in einem leeren Saal singt mein Bruder noch immer. Seine Stimme ist noch nicht verhallt. Nicht ganz. Wo immer er sang ist etwas zurückgeblieben, etwas wie Vertiefungen, wie Rillen in den Wänden, die nur darauf warten, daß ein künftiger Phonograph sie wieder zum Leben erweckt.
Mein Bruder Jonah steht reglos an den Flügel gelehnt. Er ist gerade einmal zwanzig. Die sechziger Jahre haben eben erst begonnen. Noch liegt das Land im letzten Schlaf seiner trügerischen Unschuld. Niemand hat von Jonah Strom gehört, niemand außer unserer Familie. Dem was von ihr übrig ist. Wir sind nach Durham in North Carolina gekommen, in den alten Konzertsaal der Duke-Universität. Er hat die Endrunde eines landesweiten Gesangswettbewerbs erreicht, von dem er später behaupten wird, er habe nie daran teilgenommen. Jonah ist allein auf der Bühne, ein wenig rechts von der Mitte. Zur Seite geneigt, als suche er Rückhalt in der geschwungenen Flanke des Konzertflügels, seiner einzigen Zuflucht. Er beugt sich nach vorn, schweigend, gekrümmt wie die Schnecke eines Cellos. Die linke Hand stützt sich auf die Kante des Flügels, in der rechten hält er einen Brief, den es längst nicht mehr gibt. Er grinst, kann selbst kaum glauben, daß er hier ist, dann holt er Luft – und singt.
Eben noch hockt der Erlkönig auf meines Bruders Schulter und flüstert verführerisch vom Tod. Im nächsten Augenblick tut sich eine Falltür auf, und mein Bruder ist anderswo; ausgerechnet Dowland zaubert er hervor, eine hinreißende kleine Frechheit für die Ohren dieses verblüfften Liederpublikums, das gar nicht merkt, wie es ihm ins Netz geht:
Time stands still with gazing on her face,
Stand still and gaze for minutes, hours, and years to give her place.
All other things shall change, but she remains the same,
Till heavens changéd have their course and time hath lost his name.
Zeit steht still, schau ich in ihr Gesicht,
Steh still und schau, Minute, Stund und Jahr, sie schwindet nicht.
Wenn alles auch vergeht, bleibt sie doch ewiglich,
Bis der Planenten Lauf sich kehrt und Zeit heißt nicht mehr Zeit.
Zwei Strophen, und das Lied ist zu Ende. Stille liegt über dem Saal. Sie schwebt über den Reihen wie ein Ballon am Horizont. Zwei Taktschläge, in denen selbst Atmen ein Verbrechen wäre. Dann gibt es nur eins, was diesen Bann bricht: Applaus. Dankbare Hände setzen die Zeit wieder in Gang, der Pfeil nimmt seinen Flug wieder auf und bringt meinen Bruder auf den Weg zu seiner Bestimmung.
So sehe ich ihn, auch wenn er danach noch ein Dritteljahrhundert zu leben hat. Das ist der Augenblick, in dem die Welt ihn entdeckt, der Abend, an dem ich höre, wohin seine Stimme unterwegs ist. Ich selbst bin auch auf der Bühne, sitze an dem zerkratzten Steinway mit den abgegriffenen Tasten. Ich begleite ihn, versuche mit ihm Schritt zu halten und nicht der Sirenenstimme zu lauschen, die mir zuflüstert Laß die Finger ruhen, dein Boot zerschellen an der Tasten Riff, und stirb in Frieden.
Zwar mache ich keine schlimmen Patzer, aber der Abend zählt nicht zu den Höhepunkten meiner musikalischen Laufbahn. Nach dem Konzert bitte ich meinen Bruder noch einmal, er soll mich gehen lassen und sich einen ebenbürtigen Begleiter suchen. Wieder lehnt er ab. "Ich habe schon einen Begleiter, Joey".
What epigrams are in poetry, the same are airs in music: then in their chief perfection
when they are short and well seasoned. But to clog a
light song with a long praeludium, is to corrupt the
nature of it. Many rests in music were invented, either
for necessity of the fugue, or granted as an harmonical
licence in songs of many parts: but in airs I find no
use they have, unless it be to make a vulgar and trivial
modulation seem to the ignorant strange; and to the
judicial tedious. A naked air without guide, or prop,
or colour but his own, is easily censured of every ear;
and requires so much the more invention to make it
please.
Über das Gedicht Shall I come, sweet Love, to thee hat A.H. Bullen gesagt, dass es the melodious serenade, worthy even of Shelley sei:
Shall I come, sweet Love, to thee
When the evening beams are set?
Shall I not excluded be?
Will you find no feignèd let?
Let me not, for pity, more
Tell the long hours at your door.
Who can tell what thief or foe,
In the covert of the night,
For his prey will work my woe,
Or through wicked foul despite?
So may I die unredrest
Ere my long love be possest.
But to let such dangers pass,
Which a lover’s thoughts disdain,
’Tis enough in such a place
To attend love’s joys in vain:
Do not mock me in thy bed,
While these cold nights freeze me dead.
Da habe ich heute zum Schluss als Sänger den Engländer Alfred Deller, der den Countertenor wieder populär gemacht hat. Den lassen wir mal Shall I come, sweet Love, to thee singen. Klicken Sie ➱hier, es lohnt sich. Und eine kleine Anekdote zu Alfred Deller habe ich auch noch. Natürlich die mit der dicken deutschen Dame, die You are eunuch, Herr Deller? zu ihm sagt. Worauf er höflich entgegnet: Madame, I'm sure you mean unique.
Über das Gedicht Shall I come, sweet Love, to thee hat A.H. Bullen gesagt, dass es the melodious serenade, worthy even of Shelley sei:
Shall I come, sweet Love, to thee
When the evening beams are set?
Shall I not excluded be?
Will you find no feignèd let?
Let me not, for pity, more
Tell the long hours at your door.
Who can tell what thief or foe,
In the covert of the night,
For his prey will work my woe,
Or through wicked foul despite?
So may I die unredrest
Ere my long love be possest.
But to let such dangers pass,
Which a lover’s thoughts disdain,
’Tis enough in such a place
To attend love’s joys in vain:
Do not mock me in thy bed,
While these cold nights freeze me dead.
Da habe ich heute zum Schluss als Sänger den Engländer Alfred Deller, der den Countertenor wieder populär gemacht hat. Den lassen wir mal Shall I come, sweet Love, to thee singen. Klicken Sie ➱hier, es lohnt sich. Und eine kleine Anekdote zu Alfred Deller habe ich auch noch. Natürlich die mit der dicken deutschen Dame, die You are eunuch, Herr Deller? zu ihm sagt. Worauf er höflich entgegnet: Madame, I'm sure you mean unique.
Samstag, 11. Februar 2017
Nordstrom
Ich hatte mal eine Handvoll Nordstrom Hemden. In meinem Second Hand Laden (den es leider nicht mehr gibt) gekauft, die hatten offensichtlich amerikanische ➱Buttondown Hemden sackweise gekauft. Perfekt für Freizeit, Urlaub und Gartenarbeit. Vielleicht nicht ganz die Qualität von Sero, ➱Hathaway und Brooks Brothers, aber durchaus gute Qualität. Richtige ➱Oberhemden können die Amerikaner ja nicht. Also solche Hemden, die die italienische Firma Fray macht (die auch die Firma Pegaso gekauft haben), da sind schon Welten zwischen amerikanischen und italienischen Oberhemden. Die von einem Schweden namens Johan Wilhelm Nordström gegründete amerikanische Kaufhauskette macht zur Zeit Schlagzeilen. Wegen unserem Donald, der zu allem und jedem eine Twitterbotschaft absetzen muss.
Diese Nachricht hieß: My daughter Ivanka has been treated so unfairly by @Nordstrom. She is a great person -- always pushing me to do the right thing! Terrible! Was war geschehen? Nordstrom hatte die Klamotten von Ivanka Trump (ja, die Blondine ist eine Designerin) aus dem Programm genommen, weil sie sich nicht verkauften. Und Trumps Beraterin ➱Kellyanne Conway (das ist die mit den alternative facts) sprang ihrem Chef sofort zur Seite: Go buy Ivanka’s stuff is what I would say, I’m going to give a free commercial here: Go buy it today, everybody; you can find it online. Diese Sätze wurden direkt aus dem Weißen Haus gesendet.
Das durfte sie natürlich nicht, das verbieten die ➱Federal ethics rules. Dass aber Donald Trump und seine Beraterin gegen Gesetze verstoßen hatten, das wischte Sean Spicer gleich vom Tisch: For someone to take out their concern with his policies on a family member of his is not acceptable, and the president has every right as a father to stand up for them ... This is a direct attack on his policies and her name, so there is clearly an attempt for him to stand up for her because she is being maligned, because they have a problem with his policies. Amerika ist in wenigen Wochen zur Bananenrepublik verkommen. Witzelten im letzten Jahr noch Kommentatoren darüber, dass Trump viele Ähnlichkeiten mit ➱Robert Geiss hat, müssen wir uns langsam an den Gedanken gewöhnen, dass Donald Trump in Wirklichkeit Robert Geiss ist.
Es ist bei der ganzen Geschichte um Ivankas Kollektion nicht erwähnt worden, dass Donald Trump selbst ein Modeschöpfer ist. Sogar bei amazon.com kann man die Kreationen der ➱Donald J. Trump Signature Collection kaufen. Harry S. Truman war ein ➱haberdasher, er verstand etwas davon. Er konnte auch Klavier spielen. Donald Trump kann nicht Klavier spielen und versteht nichts von Mode. Hat aber eine Signature Collection, die Made in China ist.
Wenn Politiker Werbung machen, dann ist das immer peinlich. Denken wir an Gerhard Schröder, den die Doris zu ➱Heinrich's in Hannover schleppte, wo er Ermenegildo Zegna kaufte. Und mit geöffnetem Jackett durch den Flieger rannte, damit auch alles Journalisten das Zegna Label sehen konnten. Später machte er Werbung für Brioni, sodass man ihn den Brioni Kanzler nannte (lesen Sie ➱hier mehr). Wenn Joschka Fischer für BMW wirbt (Isch bin beeindruckt), fragen sich allerdings die Leute, wer dieser dicke Herr ist, der kaum in das Auto passt.
Dieser pfeiferauchende Herr hier ist Stanley Baldwin, der es nicht unter seiner Würde fand, dass sein Bild auf der ➱Werbung für Presbyterian Mixture Pfeifentabak zusammen mit dem Satz My thoughts grow in the aroma of that particular tobacco zu finden war. Die Tabakmischung aus hellem Virginia und schwarzem beißenden Latak war vor dem Ersten Weltkrieg ganz speziell für den schottischen Theologen Dr. John White hergestellt worden, White empfahl sie Stanley Baldwin. Der war von der Mischung begeistert und schlug der Firma vor, den Tabak Presbyterian Mixture zu nennen und damit auf den Markt zu gehen (wenn British Tobacco den Gold Block wieder auf den Markt bringen würden, dürften sie den Tabak meinetwegen auch Jay nennen). Er durfte das alles tun, auch wenn er Premierminister war. Weil er Stil hatte. Die ➱Trumps, Conways, Spicers und Geissens dieser Welt, die haben keinen Stil.
Sie können natürlich die wunderbare ➱Ivanka Collection Online kaufen. Auf der Seite von Ivanka gibt es auch ein Angebot von sogenannten ➱Wise Words, unter anderem einem Zitat von Anne Frank: Whoever is happy will make others happy too. Geht es noch abgeschmackter? Nichts von dem, was Ivanka Trump in ihrer Kollektion anbietet, ist modisch neu oder originell. Nichts ist ➱Haute Couture. Nichts ist in den USA hergestellt. Alles kommt aus China oder Vietnam, das ist die alternative Variante zu America First. Das ist doch echt patriotisch. Und ich gucke jetzt mal im Schrank nach, ob ich nicht doch noch ein altes Nordstrom Hemd habe. Wenn da noch eins ist, dann trage ich es die ganze nächste Woche. Die Aktienkurse der Firma Nordstrom sind übrigens nach der Trump Attacke nach oben gegangen.
Donnerstag, 9. Februar 2017
Amistad
Amistad ist Spanisch und heißt Freundschaft, Amistad war auch der Name eines Schiffes, das in der amerikanischen Geschichte mit spektakulären Prozessen assoziiert wird. Ich begegnete dem Namen zuerst, als mir mein Freund Hombre, der über schwarz-amerikanische Literatur promovierte, einen Band der neu gegründeten Zeitschrift Amistad schenkte. Ich hätte das Wort schon früher lesen können, hätte ich eine andere Ausgabe von Melvilles ➱Benito Cereno benutzt. Aber damals war einem die Ausgabe egal, man kaufte das Billigste, man hatte nicht viel Geld. Teure kommentierte Ausgaben würden später kommen. Jetzt habe ich die teuren, aber meine alten Texte habe ich alle behalten.
Dank des Eingreifens des Kapitäns Amasa Delano (a person of a singularly undistrustful good-nature, not liable, except on extraordinary and repeated incentives, and hardly then, to indulge in personal alarms, any way involving the imputation of malign evil in man) wird der spanische Sklavenhändler Don Benito gerettet. Aber er ist am Schluß ein gebrochener Mann: "You are saved," cried Captain Delano, more and more astonished and pained; "you are saved: what has cast such a shadow upon you?" "The negro." There was silence, while the moody man sat, slowly and unconsciously gathering his mantle about him, as if it were a pall.
Wenn Melville hier den Umhang des spanischen Kapitäns zu einem Leichentuch (pall) macht, dann nimmt er die Symbolik wieder auf, die er am Anfang angeschlagen hatte. Da erscheint die San Dominick (wie die Amistad bei ihm heißt) like a white-washed monastery after a thunder-storm. Sie hat etwas von einem Totenschiff an sich. Aber der gute Amasa Delano - übrigens ein Verwandter des Präsidenten Franklin Delano Roosevelt - begreift (wie wir als Leser) am Anfang gar nicht, was da alles an Symbolik auf ihn zurollt: Everything was mute and calm; everything gray. The sea, though undulated into long roods of swells, seemed fixed, and was sleeked at the surface like waved lead that has cooled and set in the smelter's mould. The sky seemed a gray surtout. Flights of troubled gray fowl, kith and kin with flights of troubled gray vapors among which they were mixed, skimmed low and fitfully over the waters, as swallows over meadows before storms. Shadows present, foreshadowing deeper shadows to come.
Am 9. Februar 1825 - zwei Jahre nach dem Tod des Kapitäns ➱Amaso Delano - hat das US-Repräsentantenhaus etwas überraschend John Quincy Adams zum Präsidenten gewählt. Eigentlich hatte Andrew Jackson mehr Stimmen gehabt, doch keiner von beiden hatte die absolute Mehrheit bei den Wahlmännern erreicht. So wird Adams Präsident, wie schon sein Vater vor ihm. John Quincy Adams ist der einzige amerikanische Präsident, der vom Repräsentantenhaus gewählt wurde. Und der einzige, der im Weißen Haus einen Alligator hält. Den hatte ihm der Marquis de Lafayette geschenkt, im Weißen Haus war damals noch viel Platz, auch für einen Alligator.
Es gibt in diesem Blog schon einen Post, der ➱John Quincy Adams heißt, aber dieser John Quincy Adams ist ein Wiener Maler. Und da ich bei Malern bin: dies hier ist die Gattin von John Quincy Adams, gemalt von niemand anderem als Gilbert Stuart. ➱Louisa Catherine Adams ist die erste First Lady, die nicht in Amerika geboren wurde. Natürlich nicht in in Novo Mesto in Jugoslawien, wie diese Immigrantin, die jetzt First Lady ist. Nein, Louisa kommt aus London, wo ihr Vater (der ein Amerikaner ist) seinen Wohnsitz hat.
John Quincy Adams kann dem Schicksal dankbar sein, dass er seine Louisa gefunden hat, sie hat viel Charme. Er nicht. Das kann man auf diesem Portrait (wiederum ein Bild von Gilbert Stuart) wohl sehen, er wirkt kalt und dröge. Die USA schicken den Harvard Juristen als Botschafter in die Niederlande, nach Portugal und nach Preußen, er hinterlässt nirgendwo den Eindruck eines großen Diplomaten. Wenn er Botschafter in St Petersburg wird, hat er glücklicherweise seine charmante Gattin bei sich.
Der Diplomat John Spear Smith (hier von ➱William West gemalt) der zur amerikanischen Delegation gehört, schreibt über ihn: He has no manners, is gauche, never was intended for a foreign minister and is only fit to turn over musty law authorities. You would blush to see him in any society, and particularly at Court circles, walking about perfectly listless, speaking to no one, and absolutely looking as if he were in a dream…. Dry sense alone does not do at European Courts. Something more is necessary, which something Mr. A. does not possess.
Lord Chesterfield schreibt ➱Briefe an seinen Sohn, damit der die feine Lebensart beherrscht. John Quincy Adams schreibt ➱Briefe aus St. Petersburg an seinen Sohn, damit der die Bibel verstehen lernt. Adams selbst weiß es, dass ihm die social graces fehlen: I am a man of reserved, cold, austere, and forbidding manners; my political adversaries say, a gloomy misanthropist, and my personal enemies, an unsocial savage. With a knowledge of the actual defect in my character, I have not the pliability to reform it. Aber der Mann, der als erster bei seiner Inauguration lange Hosen und keine Kniebundhosen trägt, ist kein intellektuelles Leichtgewicht. Hier hat ➱John Singleton Copley den jungen Adams gemalt, es ist wohl das hübscheste Bild, das es von ihm gibt.
Washington hat Adams the most valuable public character we have abroad genannt. Adams kann denken, reden und schreiben. Er beherrscht - im Gegensatz zu Donald Trump - eine Vielzahl von Sprachen. Er kann Französisch und Holländisch (er hat in Leiden studiert). Und er kann deutsch, er wird Wielands Oberon in Englische übersetzen. Und er unterzeichnet in Berlin 1799 einen Freundschafts- und Handelsvertrag, dessen erster Artikel lautet: Es soll fester, unverletzlicher und allgemeiner Friede und wahre Freundschaft zwischen seiner Majestät, seinen Erben und Nachfolgern sowie seinen Untertanen einerseits und den Vereinigten Staaten und ihren Bürgern andererseits ohne irgendwelche Ausnahme hinsichtlich der Gebiete und Personen bestehen. Von der wahren Freundschaft zwischen Berlin und Washington können wir heute nur träumen.
Wir lassen die Präsidentschaft von Adams einmal aus und werfen einen Blick auf den Juristen Adams, der 1841 einen großen Auftritt hat. Der Rechtsgeschichte schreibt. Es geht um das Sklavenschiff Amistad, das schon mehrfach in diesem Blog aufgetaucht ist. Und das durch den Film von Steven Spielberg vielen bekannt wurde, auch wenn der Film die historische Wirklichkeit verfälscht. Wie Hollywood das immer macht. Simon Schama hat in ➱Clio at the Multiplex dazu einiges zu sagen. Zwei Gerichte haben für die afrikanischen Sklaven geurteilt, der Präsident Martin van Buren greift jetzt massiv in die Jurisdiktion ein. Nicht, dass er sagte: The opinion of this so-called judge, which essentially takes law-enforcement away from our country, is ridiculous and will be overturned! So etwas bleibt einem Mann wie Donald Trump vorbehalten. Aber Richterschelte ist für einen Präsidenten eine gefährliche Sache. Die Einmischung des Präsidenten in der Sache ➱United States v. The Amistad gefällt dem ehemaligen Präsidenten John Quincy Adams (hier im Film von Anthony Hopkins dargestellt), der als einziger Präsident den Eid auf die Verfassung und nicht auf die Bibel ablegte, nun überhaupt nicht. Er wird in seinem ➱Plädoyer bezüglich der Einmischung des Präsidenten von einer utter injustice sprechen.
Und er wird seine Kollegen daran erinnern, dass er einmal einer der ihren gewesen ist: May it please your Honors: On the 7th of February, 1804, now more than thirty-seven years past, my name was entered, and yet stands recorded, on both the rolls, as one of the Attorneys and Counsellors of this Court. Five years later, in February and March, 1809, I appeared for the last time before this Court, in defence of the cause of justice, and of important rights, in which many of my fellow-citizens had property to a large amount at stake. Very shortly afterwards, I was called to the discharge of other duties--first in distant lands, and in later years, within our own country, but in different departments of her Government.
Little did I imagine that I should ever again be required to claim the right of appearing in the capacity of an officer of this Court; yet such has been the dictate of my destiny--and I appear again to plead the cause of justice, and now of liberty and life, in behalf of many of my fellow men, before that same Court, which in a former age I had addressed in support of rights of property I stand again, I trust for the last time, before the same Court--"hic caestus, artemque repono." Sein an zwei Tagen vorgetragenes Plädoyer überzeugt den Supreme Court. Die Sklaven sind keine Sklaven mehr, sie sind freie Leute und können nach Afrika zurückkehren: a decree that the said negroes be, and are hereby, declared to be free, and that they be dismissed from the custody of the Court, and be discharged from the suit, and go thereof quit without day. Da könnte man ausrufen Il y a des juges à Berlin. Und man kann nur hoffen, dass es in Amerika keine weitere utter injustice gibt. Wenn Sie den Richter James Robart, der dem Edikt des Twitterkönigs ein vorläufiges Ende erteilte, hören wollen, dann klicken Sie ➱hier.
Und für Donald Trump hätte ich noch einen Tip: sofortige Wiedereinführung der gag rule. Weil er gegen die verstieß, wurde Adams ➱1837 im Kongress gerügt. Sieben Jahre lang wird er für die Meinungsfreiheit und die Abschaffung der gag rule kämpfen, dann hebt der Kongress sie auf.
Die im dritten Absatz abgebildete Ausgabe von Benito Cerenoc (Insel Verlag) ist unbedingt zu empfehlen, da Marianne Kesting hier sehr viel Material zusammengetragen hat. Noch mehr zu der Amistad und der Familie Adams finden Sie hier: Sklavenschiff, Dementia Americana, Bounty, John Adams, Biographien, John Quincy Adams, Independence Day, Inauguration, Liberty Girls, Declaration of Independence, I hear America Singing, Thomas Jefferson, Stephen Decatur, Independence Day, George Washington (sartorial), 1776 and all that, William Billings, Arno Schmidt, Uhren in Amerika, Eli Whitney
Dienstag, 7. Februar 2017
Leo Spitzer
Heute vor 130 Jahren wurde Leo Spitzer geboren. Er war ein berühmter Romanist, der den Philologen weit über sein Fach hinaus Anregungen gegeben hat. Philologen kommen in diesem Blog nicht so häufig vor, obwohl Jay ja auch einmal Philologe war. Der Post Rudolf Sühnel ist schon eine Ausnahme, erstaunlicherweise ist er x-tausendmal gelesen worden. Was natürlich zeigt, dass meine Leser Stil und Kultur haben. Zwei Begriffe, die ich immer mit Frankreich verband. Und ich hätte beinahe auch Romanistik studiert, wahrscheinlich nur mit dem Ziel, Flaneur in Paris zu werden und von schönen Frauen geküsst zu werden.
Andere aus meiner Generation hatten damals das Ziel, Clochard in Paris zu werden, aber die Phase des Existentialismus mit schwarzen Pullovern, abgeschabten Tweedjacketts, mit Juliette Gréco, Sartre und Camus, die hatte ich schon hinter mir. Man kann das natürlich nicht wirklich hinter sich haben: Juliette und Camus bleiben immer. Auch wenn ich Kunstgeschichte und Englisch studierte, guckte ich im Vorlesungsverzeichnis immer in das Angebot der Romanisten und hörte bei ihnen Vorlesungen. Damals rieten die Rektoren der deutschen Universitäten den Studienanfängern noch zu einem Studium Generale, was im Zeichen von Turboabitur und Bachelor/Master-Studiengängen zu einer schönen Illusion geworden ist.
Ich habe in dem Post ➱Sabbelkino geschrieben: Über die hiesigen Professoren in der Romanistik könnte ich jetzt einiges sagen, aber das lasse ich lieber. Ich meine damit natürlich nicht Hans Hinterhäuser, bei dem ich Vorlesungen hörte (und der sogar mal etwas zum Dandy veröffentlicht hat), sondern eher diesen Rotweinsäufer, der routinemäßig seinen Führerschein verlor und einem Freund bei der Doktorprüfung übel mitgespielt hat. Es ist eine traurige Geschichte. Ich hatte schon früh Franz Hessel gelesen, der als Flaneur die Maxime hatte: Man muß sich selbst vergessen, um glücklich spazieren zu gehen. Von meinem Freund Peter, der schon Kunstgeschichte und Romanistik studierte, als ich noch Uniform trug, bekam ich unter vielen anderen Hinweisen die Empfehlung, Robert Minder zu lesen, was auch sehr fruchtbringend war. Vor allem, wenn Minder Heidegger auseinandernimmt.
Andere Romanisten entdeckte ich durch Zufall, ein Nachbar aus unserer Straße, der pensionierte Professor Heino Hohnholz, drückte mir eines Tages einen kleinen Karton mit Büchern in die Hand und sagte: Musste mal sehen, ob Du was damit anfangen kannst. Es waren Bücher von Benedetto Croce und Karl Vossler. Ich konnte was damit anfangen. Dantes Göttliche Komödie habe ich natürlich in der Übersetzung von Karl Vossler gelesen, über den Hugo Friedrich schrieb: Der hochgewachsene Schwabe mit dem bäuerlich kräftigen Kopf eines spanischen Caballero und den auffallend buschigen Augenbrauen blieb bis ans Ende den Erbtümern seiner Heimat treu: einem Idealismus, der hütet, was schön und nobel ist, und einer Nüchternheit, die alles Verstiegene, Übergescheite, Herausgeputzte mit dem Dolch des Sarkasmus erledigte.
Benedetto Croce und Karl Vossler hatten großen Einfluß auf Leo Spitzer, jenen Romanisten, den die Nazis aus seinem →Professorenamt in Köln verjagten. Die →Johns Hopkins Universität war glücklich, dass er von 1936 bis 1956 in Baltimore blieb. Zwar hatte ihm die Universität Köln 1946 seinen Lehrstuhl wieder angeboten, aber Spitzer lehnte ab, er fühlte sich in Baltimore mittlerweile heimisch. Es ist auch sicherlich kein Zufall, dass der Romanist damals einen wichtigen Aufsatz über ein nicht romanistisches Thema schrieb, nämlich über den amerikanischen Dichter Walt Whitman.
Sein Aufsatz 'Explication de Texte' Applied to Walt Whitman's Poem 'Out of the Cradle Endlessly Rocking' von 1949 (→hier in Teilen zu lesen) war programmatisch für seine Methode, alles, aber auch alles, aus einem Text herauszukitzeln. Ungeheuer gelehrt und dazwischen immer wieder witzig: As for the songs of the birds, let us note first that Whitman has chosen to replace the hackneyed literary nightingale by a domestic bird of America, the mocking-bird, compared to which, Jefferson once declared, the European nightingale is a third-rate singer. The manner in which Whitman has "translated," to use his modest expression, the song of the mockingbird into words deserves boundless admiration. I know of no other poem in which we find such a heart-rending impersonation of a bird by a poet, such a welding of bird’s voice and human word, such an empathy for the joy and pain expressed by nature’s singers.
Diese explication de texte, das genaue Lesen eines Textes, wusste Leo Spitzer nicht nur auf die Literatur anzuwenden. Sein Aufsatz Amerikanische Werbung - verstanden als populäre Kunst hatte eine ungeheure Wirkung. Explication de texte heißt in diesem Fall Interpretation eines Werbeplakats, das, orangefarben, Gebirgszüge mit Orangenbäumen, dahinter eine Orangensonne, davor ein Riesenglas Orangensaft, daneben ein kleines Glas Orangensaft samt einer Orangenpresse und in der linken Ecke die Unterschrift zeigt: „From the sunkist groves of California. Fresh for you“, stand in der Zeit. Besser kann man es kaum sagen. Oder vielleicht doch. So schreibt der Filmkritiker →Wolfram Schütte:
Das (für uns) Sensationelle & Originelle an diesem Aufsatz war das Unikum, dass hier eine internationale Koryphäe wie der vor den Deutschen nach den USA geflüchtete österreichische Romanist sich mit einem banalen kommerziellen Alltagsgegenstand beschäftigte. Mehr noch: das uns auch bekannte & vertraute Einwickelpapier behandelte er wie eine esoterisch-exotische Kostbarkeit aus der Kultur des Alten Europa. Leo Spitzer betrachtete die Ikonographie & den Text der »Sunkist«-Werbung wie (oder besser als) ein barockes Emblem, dessen Ästhetik er »entschlüsselte«, weil er eine längst vergessene mitteleuropäische poetische Kunstform auf ein millionenfach verbreitetes kommerzielles Objekt in den USA anwandte.
Er verfuhr dabei gewissermaßen so bedachtsam, wie Walter Benjamin es vom »echten Polemiker« behauptet, der »sich ein Buch so liebevoll vornimmt, wie eine Kannibale sich einen Säugling zurüstet«. Spitzer war aber kein Polemiker sondern ein sensibler Interpret, gewissermaßen ein Roland Barthes ante. Vom »Strukturalismus« oder von Barthes´ Entschlüsselung der »Mythen des Alltags« ahnten, geschweige denn wußten wir damals noch nichts.
Das kleine Buch Eine Methode, Literatur zu interpretieren (zuerst bei Hanser, dann bei Ullstein als Paperback) ist heute leider so gut wie vom Markt verschwunden. Bei booklooker gibt es noch einige Exemplare, es lohnt sich unbedingt. Im Wikipedia Artikel zu Spitzer wird das Buch nicht erwähnt, dabei finden sich hier die besten und wichtigsten Aufsätze von Spitzer. Der Wikipedia Artikel für Leo Spitzer ist ebenso lang wie der für Thea Dorn. Der für Richard David Precht ist viel länger. Ach, da fehlt doch Karl Vosslers Nüchternheit, die alles Verstiegene, Übergescheite, Herausgeputzte mit dem Dolch des Sarkasmus erledigte.
Kurz nachdem Amerikanische Werbung - verstanden als populäre Kunst erschienen war, kam Roland Barthes' Buch Mythologies auf den Markt. Je crois que l’automobile est aujourd'hui l'équivalent assez exact des grandes cathédrales gothiques : je veux dire une grande création d'époque, conçue passionnément par des artistes inconnus, consommée dans son image, sinon dans son usage, par un peuple entier qui s'approprie en elle un objet parfaitement magique, schrieb da der französische Philosoph über das Citroen Modell DS19.
Was für Leo Spitzer und Roland Barthes vielleicht nur kleine Kabinettstückchen gewesen waren, wurde für viele 68er zu einem Lebensinhalt. Da erschienen dann Aufsätze wie Zur Metasprache der Werbung – Analyse einer Doornkaat- Reklame in einem Buch, das gelb und gewalttätig daherkam. Der Doornkaat Aufsatz war ein kleiner Bastard der Aufsätze von Leo Spitzer und Roland Barthes, aber in Deutschland gab man sich damit zufrieden. Ich gab damals meine Germanistikstudium auf, weil für mich Philologie etwas anderes sein sollte, als die Analyse von Todesanzeigen. Das habe ich schon in dem Post Heinrich Hannover geschrieben, der viel über 1968 sagt. Aber die Titel der Aufsätze von Leo Spitzer wanderten immer auf die liebevoll getippten Literaturlisten, die ich nach jeder Stunde verteilte. Wenn der Dr Hilarius, der mich als Dozenten über den grünen Klee gelobt hat, seine Listen noch haben sollte, wird er dort bestimmt auch Leo Spitzer wiederfinden. Und Robert Curtius und andere Romanisten.
Besonders französisch elegant sieht der Professor Hans Hinterhäuser hier ja nicht aus. Seine Kleidung stammt definitiv nicht von José Camps oder Francecso Smalto, aber er war ein guter Professor. Und gucken Sie mal, was da für hübsche Romanistinnen zu dem Fackelzug gekommen sind, um ihren Professor zu bitten, in Kiel zu bleiben. Ist er leider nicht, sein Nachfolger war der oben erwähnte rechtsradikale Rotweinsäufer. Wenn es für den einen Fackelzug gegeben hätte, dann wären wohl keine hübschen Frauen gekommen, höchstens jemand vom Schlag Marie le Pen. Seine Studenten hassten ihn; als er sie mit illegalen Mitteln zu kriminalisieren versuchte, haben sie alle Feuerlöscher, die sie in der Uni finden konnten, zusammengetragen und damit das Romanische Seminar ausgeschäumt.
Ich möchte diese kleine Hommage an den großen Philologen Leo Spitzer mit einer Anekdote beschließen. Sie stammt aus der Zeit, als er noch Professor für europäische Philologie in Istanbul (1933-1936) war: Einen der Lehrstühle bekleidete damals der große Romanist Leo Spitzer, der 1933 von den Nazis aus Köln verjagt worden war. Spitzer war ein strenger Lehrer, und als seine Studenten wieder einmal zu spät ins Seminar kamen und auch den zu besprechenden Text nicht vorbereitet hatten, fragte er verärgert, was denn los sei. Die Studenten antworteten, das liege an den schlimmen Südwinden, die ab und zu die Stadt heimsuchten. Man komme morgens nicht aus dem Bett, weil man unter Migräne leide, weswegen man auch den Text nicht habe vorbereiten können. Und außerdem verkehrten die Fähren dann nicht, weil es zu gefährlich sei. Deswegen die Verspätung. Dem konsternierten Spitzer blieb nur zu erwidern, dass er von solchen Südwinden noch nie etwas gehört oder gemerkt habe.
Einige Monate später zogen die Winde wiederum durch die Stadt, doch die Studenten wollten sich vor ihrem Professor nicht noch einmal blamieren. Sie waren gut vorbereitet und pünktlich zum Unterrichtsbeginn im Seminarraum. Wer fehlte, war Spitzer. Nach einer halben Stunde endlich tauchte er auf, etwas außer Atem und mit zerzauster Frisur. Die Studenten fragten ihn, was geschehen sei, denn bis dahin war er noch nie zu spät erschienen. Ach, sagte er, diese schlimmen Südwinde. Man wacht morgens auf und hat heftige Kopfschmerzen, kann sich nicht richtig auf sein Seminar vorbereiten, und die Fähren verkehren auch nicht.
Abonnieren
Posts (Atom)




























































