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Dienstag, 1. Juni 2010

Klaus Groth


Lütt Matten de Has
de maak sick een Spaß
he weert bi't Studeern                   
dat Danzen to lehrn
un danz ganz alleen
op de achtersten Been.

In meinem Blog gibt es ständig Englisch, Französisch und Latein, da muss jetzt auch mal ein bisschen Platt rein. Zumal wir heute doch mal an Klaus Groth denken müssen, der ist an diesem Tag vor 111 Jahren in Kiel gestorben. Er hat das Plattdeutsche wieder gesellschaftsfähig gemacht. Mit seiner Gedichtsammlung Quickborn war er auf einen Schlag berühmt. Vielleicht nicht so berühmt wie Lena nach den Gewinn des Grand Prix, aber doch berühmt. Die Universität Bonn verleiht ihm einen Ehrendoktortitel, in Kiel wird er ein Jahrzehnt später Professor werden. Feine Leute sprechen damals schon kein Platt mehr, obgleich das Plattdeutsche in Bremen noch eine Art lingua franca ist, in der sich Pfeffersäcke und Zigarrenmacher verständigen können. Anton Kippenberg setzt in seinem Buch Geschichten aus einer alten Hansestadt noch voraus, dass seine Leser Platt verstehen. Als ich jung war, konnte man in Bremen noch an jeder Straßenecke Leute Platt snaken hören. Mein Großvater, der vor über hundert Jahren aus Westphalen nach Bremen gekommen war, konnte genauso Platt wie mein Vater, der vor über achtzig Jahren aus Dithmarschen nach Bremen kam. Mein Vater mochte Klaus Groth, weil der wie er aus Dithmarschen kam. Er hatte aber auch nichts dagegen, Fritz Reuter zu lesen. Klaus Groth gehörte bei uns beinahe zur Familie. Weil er nämlich mal in unserer Straße gewohnt hatte. Er ist da beinahe jeden Sommer gewesen, obgleich er seine angeheiratete puckelige Bremer Verwandtschaft nicht geliebt hat.

Denn der junge Dichter hatte eine Frau aus einer reichen Bremer Familie geheiratet, der Vater von Doris Groth (geborene Finke) war Weinhändler. Mit Weinen aus Bordeaux (wo Finke eine eigene Dependance hatte) kann man im 19. Jahrhundert in den Hansestädten gute Geschäfte machen. Albert Dietrich Finke (Bild) hat auch einen Landsitz in Vegesack auf der Geestkante, mit schönem Blick über die Weser ins Oldenburger Land. Dort auf dem Finkenhof (der in der Familie auch manchmal Kio heißt) wird Klaus Groth so manchen Sommerurlaub verbringen. Den Park an der Weser hat Finke von den Erben des Dr. Albrecht Roth gekauft. Der war um 1800 Deutschland berühmtester Botaniker, und er hatte hier auf dem Land am Weserufer, das ihm der englische König geschenkt hatte, einen Park mit den seltensten Bäumen angelegt. Vielen von denen stehen da heute noch und sind jetzt der Stolz des Vegesacker Stadtgartens.

Die reichen Bremer Verwandten lassen es den armen Dichter (erst 1866 bekommt er als Professor ein Gehalt von 800 Talern) bei jedem Aufenthalt in der Weserstraße spüren, was sie von plattdeutsch dichtenden Nichtsnutzen halten. Die Tagebücher von Doris, die 1985 unter dem Titel Wohin das Herz uns treibt bei Boyens veröffentlicht wurden, zeigen diese Spannungen deutlich auf. Man kann dieses schöne und rührende Dokument einer deutschen Ehe zur Zeit bei Amazon ab 1 Cent kaufen (Dieter Bohlen kann man ab 7 Cent kaufen). Irgendwann hat es bei Klaus Groth dann doch für eine standesgemäße Wohnung in Kiels Schwanenweg (Bild) gereicht.

Man kann Quickborn auch nach 150 Jahren noch lesen, viele Gedichte von Groth sind vertont worden, manche von seinem Freund Johannes Brahms. Selbst Hannes Wader hat mal Lütt Matten de Has gesungen, und viele Folklore Gruppen haben sich für Groth begeistert. Und für Klaus Groth Freunde und für alle, die noch nie ein Gedicht von Klaus Groth gelesen haben, gibt es heute eins seiner schönsten Gedichte:

Ik wull, we weern noch kleen Jehann.
Do weer de Welt so grot!
Wir seten op den Steen, Jehann,
Weest noch? bi Nawers Sot.
An Heben seil de stille Maan,
Wi segen, wa he leep,
Un snacken, wa de Himmel hoch
Un wa de Sot wul deep.

Weest noch, wa still dat weer, Jehann?
Dar röhr keen Blatt an Bo,
So is dat nu ni mehr, Jehann,
As höchstens noch in Drom.
Och ne, wenn do de Scheper sung
Alleen, int wide Feld:
Ni wahr, Jehann? dat weer en Ton!
De eenzige op de Welt.

Mitünner inne Schummertid
Denn ward mi so to Mod,
Denn löppt mi't langs den Rügg so hitt,
As domals bi den Sot.
Denn dreih ik mi so hasti um,
As weer ik nich alleen:
Doch Allens, wat ik finn, Jehann,
Dat is - ik sta un ween.

Wenn man klein ist und im Mondlicht bei Nachbars Brunnen sitzt, dann ist die Welt noch ein Abenteuer. Jahrzehnte später gibt es diese Welt nur noch im Traum und in der Erinnerung. Weshalb der Dichter in Zeile fünf das Plattdeutsche heben (englisch heaven) für den Himmel gebraucht und zwei Zeilen später das neuhochdeutsche Himmel, das weiß ich nicht. Falls Sie Ausspracheschwierigkeiten haben, versuchen Sie doch mal diesen ➱Link. Ach, ich sehe gerade, Plattdeutsch ist nicht dabei. Aber für alle anderen Sprachen ist es toll; TTS, Text to Speach heißt so etwas, und man kann dafür nur dankbar sein. Aber natürlich gibt es Klaus Groth auch auf Plattdeutsch vorgelesen, dafür hat zum Beispiel der Kieler Plattdeutsch-Professor Reimer Bull gesorgt.


P.S. (2.6.2010) Aus der Vielzahl der Zuschriften, das Plattdeutsche betreffend, möchte ich meinen Lesern eine bezaubernde kleine Geschichte nicht vorenthalten: Im großherzoglichen Oldenburgischen Theater (die kleine Geschichte ist wohl schon hundert Jahre alt) soll es Pferde auf der Bühne geben, auf jeden Fall erzählt man sich das in Westerstede so. Sofort beschließt eine Delegation von Bauern: Dat möt wi seihn! In Oldenburg wird Verdis Aida gespielt, da waren ja in anderen Teilen der Welt als Oldenburg schon mal Elefanten auf der Bühne. Unsere Bauerndelegation sitzt etwas verunsichert in der Oper, die Lichter verlöschen, die Ouvertüre beginnt. Und als die mal für einen Augenblick etwas leiser ist, ruft es aus der Dunkelheit des Saales: Nu hört mol up mit dat Gedudel und lot de Päär rut!

Dienstag, 24. April 2018

Plattdeutsch


Warum nicht mal wieder ein büschen Platt? Klaus Groth hat heute Geburtstag. Der Dichter, der häufig den Sommer bei den reichen Eltern seiner Frau Doris in meinem Heimatort Vegesack verbrachte, ist schon häufig hier im Blog gewesen. Zum Beispiel in den Posts Klaus Groth und Min Jehan. Mein Opa sprach westfälisches Platt, mein Vater das Platt der schleswig-holsteinischen Westküste. Er liebte Klaus Groth, Fritz Reuter und Theodor Storm. Das habe ich wohl schon in dem Post Theodor Storm geschrieben. Wenn Wochenmarkt auf dem Sedanplatz war, ging mein Vater einkaufen. Er ging sonst nie einkaufen, an den Markttagen immer. Nur weil er dann mit den Bauern auf dem Markt platt snacken konnte.

Ich bin mit der Sprache aufgewachsen, ich höre und lese sie immer gern. Die Sprache wird im Norden auch noch gepflegt, Universitäten bieten Niederdeutsche Philologie an, die örtliche Zeitung offeriert Seiten auf Plattdeutsch. Als ich jung war, habe ich jeden Morgen Hör mal'n beten to im Radio gehört. Das gehörte zum Tagesbeginn dazu, wie die Nebelhörner, die von der Weser her tuteten. Und die Vulkanesen, wie die Arbeiter des Vulkans hießen, mit ihren schweren genagelten Arbeitsstiefeln die Weserstraße entlang zur Arbeit marschierten. Jetzt weiß ich, dass es gleich sieben Uhr sein wird. Das Radio sagt, dass im Hamburger Arbeitsamt in der Admiralitätsstraße noch Schauerleute gesucht werden, jeden Tag. Admiralitätsstraße. Klingt toll, die Wirklichkeit ist nicht so toll. Viele, die in Hamburg hinter den eisernen Gittern aufgereiht in der Schlange stehen, werden keine Arbeit finden. Aber darüber dachte ich damals nicht nach. Jetzt kam im Radio erst einmal Rudolf Kinau mit Hör mal'n beten to. Und dann die Morgenandacht, dann konnte der Tag kommen.

Mein Gedicht für den heutigen Tag ist, passend zum Regen draußen, Klaus Groths Regenleed:

Regen, Regen drus',
Wi sitt hier warm in Hus'!
De Vageln sitt in Bom to kurn,
De Köh de stat an Wall to schurn:
Regen, Regen drus',
Wi sitt hier warm in Hus'!

Regen, Regen rusch,
Wa rükt dat ut den Busch!
De Blöm de hangt so slapri dal,
De Böm de röhrt de Blæd ni mal:
Regen, Regen rusch,
Wa rükt dat ut den Busch!

Regen, Regen sus'
Vun baben op uns Hus,
Vunt Dack hendal in striken Strom
Un lisen ut den Eschenbom:
Regen, Regen sus'
Vun baben op uns Hus.

Regen, Regen rull,
Bet alle Gröben vull!
Denn lat de Wulken æwergan,
Lat de Sünn wedderkam';
Regen, Regen rull,
Bet alle Gröben vull!

Und dann habe ich da noch ein wunderschönes Gedicht von Theodor Storm, das er 1872 für Klaus Groth geschrieben hat:

Wenn't Abend ward,
Un still de Welt, un still dat Hart;
Wenn möd up't Knee di liggt de Hand,
Un ut din Husklock an de Wand
Du hörst den Parpendikelslag,
De nich to Woort keem över Dag;
Wenn't Schummern in de Ecken liggt,
Un buten all de Nachtswulk flüggt;
Wenn denn noch eenmal kiekt de Sünn
Mit golden Schiin to't Finster 'rin,
Un, ehr de Slap kümmt un de Nacht,
Noch eenmal Allens lävt un lacht -
Dat is so wat vör't Minschenhart,
Wenn't Abend ward.

Und zum Schluss habe ich noch ein kleines Schmankerl für die Liebhaber des Niederdeutschen. Nämlich Rudyard Kiplings berühmtes Gedicht Mandalay auf Plattdeutsch.


Freitag, 4. Februar 2022

Nakieksel

Ich wuste nicht, dass es die Wikipedia auch auf Plattdeutsch gibt, dat fre’e Nakieksel, wo jedereen an mitwarken kann. Mit 83.234 Artikels op Plattdüütsch. Und da können wir unter dem Datum vom 4. Februar lesen: 1730: In de Nacht vun'n 4. up den 5. Februar 1730 versocht de Kroonprinz vun Preußen, Frederik, ut de Gewalt vun sien Vadder Frederik Willem I. un ut sien Vaderland ut to büxen un af to neihen na England. Man he warrt upgrepen un kummt wegen Hoochverrat in't Kaschott. Sien Vadder is bass vergrellt un will em henrichten laten. Auf Platt klingt klingt das ja irgendwie nett mit dem utbüxen, aber für den König ist das Fahnenflucht, und die wird in Preußen nun mal mit dem Tode bestraft. Wenn Sie alles zu der Geschichte wissen wollen, dann gibt es natürlich nur einen, der die Geschichte erzählen kann: Theodor Fontane

Mein Opa sprach das Platt aus dem Osnabrücker Land, mein Vater das Platt von Nordfriesland. Ich kann es auch noch ein bisschen. Und es kommt auch häufig in diesem Blog vor, die wichtigsten Posts sind wohl: MandalayKlaus Groth, Min JehannPlattdeutschRegiolekt, de Kiserliche Warf, GermanistenReimer Bull ✝, Theodor Storm


Sonntag, 26. Juli 2026

mit Aweck

Leser haben mich gefragt, was die Formulierung mit Aweck bedeutete, die ich in dem Post Rembrandt Harmenszoon van Rijn verwendet habe. Habe ich nicht drüber nachgedacht, dass das schon zu den vielen verloren gegangenen Wörtern gehört. Kommt aus dem Bremer Plattdeutsch der Franzosenzeit, und ich gebrauche das ständig. So wie ich ausser lamäng sage. Das kommt übrigens in dem Post Regiolekt vor, der in der letzten Woche mit über tausend Lesern den Platz Eins der Top Ten der meistgelesenen Posts behauptete. Die Formulierung mit aweck kennt Googles KI nicht: Das Wort „aweck“ ist im Deutschen kein offizielles Wort, aber es kann sich um einen Tippfehler handeln. Meinten Sie das englische Wort „awake“ (wach), den traditionellen „WECK“-Einkochglas-Hersteller oder den Song „Weck mich auf“ von Samy Deluxe? Nein, das meinen wir nicht. Danke für den Versuch. 

Man muss Googles KI vorsichtig füttern, ganz vorsichtig. Wenn wir mit Aweck eingeben und dann das Wort plattdeutsch hinzugeben, bekommen wir ein ganz anderes Ergebnis:„Mit 'n Aweck“ (aus dem Französischen avec = mit, sowie avec aplomb mit Schwung/Sicherheit) ist eine norddeutsch-plattdeutsche beziehungsweise, vor allem im Niederdeutschen und regionalen Mischmasch verankerte Redewendung und bedeutet mit  Schwung, mit Leichtigkeit, ordentlich oder gekonnt.

In älteren Lexika findet man die Bedeutung leicht:

Aweck nur in : mit Aweck mit Pfiff oder Schwung : dat is ain Ding mit Aweck
Aweck « , besser noch mit'n jewissen Aweck < ( avec = mit ) , das heißt : mit Pfiff , Leichtigkeit und Eleganz
aweck mit Aplomb
Aweck, (von frz. avec = mit) mit Leichtigkeit, mit Esprit, mit Eleganz. 'Der macht seine Arbeit mit’n jewissen Aweck'

Steht so bei Google Books. Das Wissen der Welt findet man in Büchern, nicht in Googles KI. Es freut mich natürlich, dass der Post Regiolekt so viele Leser hat, aber der Post zu dem Maler Joseph Anton Koch, der hier vor acht Jahren stand, der hatte kaum Leser. Da stelle ich den doch noch einmal ein. Mit Aweck.

Joseph Anton Koch hatte gestern seinen 250. Geburtstag, bekam hier allerdings keine Erwähnung, da die Mondfinsternis den Vorrang hatte. Ich konnte ihn guten Gewissens auslassen, da es es am 27. Juli 2016 schon einen Post zu ihm gab. In dem allerdings eines nicht erwähnt wird: Kochs Haß auf William Turner. Der ist ja damals noch nicht so bekannt wie heute, so kann zum Beispiel Theodor Fontane sechs Jahre nach Turners Tod im Deutschen Kunstblatt schreiben: Turner ist auf dem Continente außer bei den Kunstverwandten kaum dem Namen nach gekannt, und seine Bilder kennen nur jene wenigen, die zu ihren Künstlerfahrten nach Rom und Paris einen flüchtigen Besuch an der Themse gestellt haben. Turner hat nur localen Ruhm, aber an Ort und Stelle ist es ein ganz unbestrittner Ruhm.

Den ihm Joseph Anton Koch streitig macht, gesudelt, nicht gemalt (oder noch grober: cacatum non est pictum) seien Turners Bilder, verkündet Koch. Man wisse gar nicht, wie herum man sie aufhängen soll. Und über die Ausstellung von Turners Bildern bei seinem Romaufenthalt 1828 schreibt Koch: So großer und grob gesinnter Pöbel sich auch einfand, die Ausstellung dieses weltberühmten Engländers, namens Turner, in Augenschein zu nehmen, so war die Ware doch zu sehr unter aller Kritik und unter der von der modernen Welt bewunderten Mittelmäßigkeit. Das Bild des Montblanc oben hat Turner mit 28 Jahren gemalt, da gab es die meisten Alpenbilder von Koch noch gar nicht. Wir wüssten, wie wir es aufzuhängen hätten, und wir würden nicht von gesudelt reden. Vielleicht lesen wir mit dieser Einführung den Post aus dem Jahre 2016 mit anderen Augen:

Schreibe ich über Joseph Anton Koch oder lasse ich es? Die Frage stellte sich mir, als ich auf das Kalenderblatt vom 27. Juli bei Wikipedia schaute. Der Maler wurde am 27. Juli 1768 geboren, in seiner Jugend hatte er noch Ziegen gehütet. Durch die Empfehlungen eines Bischofs war er zur Karlsschule nach Stuttgart gekommen, einer Militärakademie, die einige Berühmtheit hatte, weil Friedrich Schiller da auch gewesen war. Der war noch mit fünfzehn Bettnässer, was die Biographen auf den harten militärischen Drill schieben. Joseph Anton Koch hat die Militärakademie nach sechs Jahren verlassen. Der mit der französischen Revolution sympathisierende Eleve kam damit einem Rausschmiss zuvor. Malte aber mal eben diese schöne Karikatur auf die Kunstpraxis an der Hohen Karlsschule.

Und floh erst einmal in die Schweiz, danach ging er nach Italien, wo er bis zu seinem Tode blieb. Die Alpen vergaß er nie, er malte viele Bilder, die man als heroische Landschaft bezeichnet. So etwas ist in der Geschichte der Malerei nicht ganz neu, schon Nicolas Poussin hatte solche Bilder gemalt. Aber die Romantik wird das Thema neu entdecken, sogar der Schriftsteller Gottfried Keller wird eine solche heroische Landschaft malen.

Auf diesem Bild von Detlev Blunck, das den Bildhauer Bertel Thorvaldsen (ganz rechts am Tisch) und seine Freunde in einer römischen Trattoria zeigt, ist Joseph Anton Koch leider nicht mit drauf. Hätte er aber sein können, denn er war mit ihm befreundet, und der Katalog Künstlerleben in Rom. Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Der dänische Bildhauer und seine Freunde hat eine Vielzahl von Einträgen für seinen Namen. Die Ateliers von Thorvaldsen und Koch werden für Jahrzehnte die Anlaufstationen für alle durchreisenden Künstler sein (auch Carl Blechen wird bei Koch wohnen). Das Bild von Detlev Blunck war übrigens schon in dem Post Bertel Thorvaldsen zu sehen.

Die Landschaft mit dem Regenbogen hat Koch 1805 gemalt, es ist das Jahr, in dem er mit dem →Schmadribachfall beginnt. Den lässt er aber erst einmal auf der Staffelei (oder in einer Ecke des Studios) stehen, erst 1811 wird er ihn vollenden. Das Bild ist heute in Leipzig, die Neue Pinakothek München hat eine spätere Fassung. Die früheste Fassung des Bildes ist dieses Aquarell von 1794, das das Kunstmuseum Basel besitzt. Es ist in seinem Detailreichtum und der Luftigkeit der Farben vielleicht schöner als die anderen Bilder.

Koch hat sein Bild in einem Brief an seinen Freund Robert von Langer selbst beschrieben als: Eine sozusagen prachtvolle Wildnis mit Gletscherkaskaden, Wolken, welche zum Teil die Gebirge umschleiern, machen den Hintergrund aus; In der Mitte befindet sich ein undurchdringlicher Wald von Tannen und anderem wilden Gewächs und Felstrümmern und stürzenden Wassern vermischt. Der Vordergrund ist die Tiefe des Tales, von frischem Grün erfreut, mit dem brausenden Strom der Steinberg Lütschüne, in welch sich oben gedachte Wasser stürzen. Der ich aus einem solchen Bergland geboren bin und mich selbst als Kind solcher majestätischer Natur schon immer freute und deren Erinnerung mir noch jetzt tief eingeprägt ist. Auch besitze ich sehr fleißige Zeichnungen nach der Natur hiervon.

Der Maler Joseph Anton Koch wäre mir eigentlich schnurzpiepeegal. Wenn da nicht diese Reproduktion des Schmadribachfalls wäre, die ich jahrelang an die Wände verschiedener Studentenbuden gepappt hatte. Ich weiß nicht weshalb. Aber ich kenne natürlich jeden Quadratzentimeter des Bildes. Die Reproduktion ist heute nicht mehr an der Wand, die ruht in einer großen Mappe im Keller. Wenn Sie mehr über Kochs Gemälde wissen wollen, dann kann ich Hilmar Franks kleines Buch in der hervorragenden Reihe Kunststück des Fischer Verlags empfehlen. Und diese Seite, auf der ein Kunstpädagoge didaktisch das Bild analysiert, besser kann man es nicht machen.

Die kleine Winzerstadt Olevano hatte Joseph Anton Koch um 1803 entdeckt. Er entdeckte da nicht nur die Schönheit dieser Landschaft, er entdeckte auch eine schöne Italienerin namens Cassandra Ranaldi, die er drei Jahre später heiratete. Besonders angetan hat es Koch ein Eichenwäldchen oberhalb von Olevano, das Serpentara (Schlangenwäldchen) heißt. Das wird dann für den Rest des Jahrhunderts für alle deutschen Maler, die Rom besuchen (sogar für den Deutschamerikaner Albert Bierstadt), die Vorlage für das Zeichnen von Eichen sein.

Als der Maler Edmund Kanoldt (diese Zeichnung des Serpentara Wäldchens ist von ihm) 1873 erfährt, dass man den Wald abholzen und zu Eisenbahnschwellen verarbeiten will, alarmiert er den deutschen Botschafter in Rom. Und dann gibt es eine beispiellose Aktion, Künstler sammeln und spenden (der Maler Carl Schuch übernimmt ein Viertel der Kosten), um das Wäldchen zu kaufen. Und da Deutsche immer übertreiben müssen, ist das Schlangenwäldchen inzwischen zu einem heiligen Eichenhain geworden.

Was wären wir Deutschen ohne Wald? Ohne das Lindenblatt, das auf Siegfried fällt, ohne Hermann den Cherusker, ohne Wolfsschlucht, ohne Eichendorffs Wälder und die Märchen der Brüder Grimm? Könnte ich jetzt stundenlang drüber schreiben. Habe ich auch schon getan, ich liste unten einmal einige Posts zum Thema Wald auf. Und ich muss natürlich das Buch von Simon Schama Landscape and Memory (Der Traum von der Wildnis) erwähnen, das ein schönes Kapitel über den deutschen Wald hat.

Die Gegend von Olevano war nicht mehr unbedingt idyllisch, jetzt im Risorgimento häufen sich in der ruhigen Gegend die Überfälle durch banditti. Die kommen normalerweise auf den Bildern von Salvator Rosa vor (dies ist eins seiner Bilder), aber es scheint sie auch in der Wirklichkeit zu geben. Die Malerin Louise Seidler (die Sie schon aus dem Post Georg Friedrich Kersting kennen) hat in ihren Lebenserinnerungen davon berichtet, wie Briganten den Baron von Rumohr überfallen wollten und den Maler Friedrich Salathéè entführten. Die Geschichte geht aber gut aus.

Wenn Deutsche sich etwas vornehmen, dann führen sie das auch zu Ende (vom Flughafen Berlin-Brandenburg und Stuttgart 21 einmal abgesehen), das Serpentara Wäldchen (hier ein Bild von August Lucas) wird nicht abgeholzt, es bleibt in deutscher Künstlerhand. Bis heute. Denn da gibt es die Villa Serpentara, die so etwas Ähnliches wie die Villa Massimo ist.

Obgleich ich die Alpen nicht unbedingt mag, schreibe ich doch häufig über sie. Wenn Sie den Post Tanzseuche anklicken, finden Sie Links zu all den Alpen Posts. Ich war noch keinen Monat im Netz, da musste ich schon über die Alpen schreiben und in dem Post Ästhetik diese kleine Geschichte erzählen: Aus der Zeit von Sir Arthur Conan Doyle (dem seine Schneider besonders dicke Tweedhosen gemacht hatten, damit er die verschneiten Hänge herunter rutschen konnte) datiert auch eine kleine Geschichte, die man sich in Bremen erzählt. Wo man sich ja englischer als die Engländer gibt. Das tun die Hamburger ja auch, aber die sind für die Bremer ja nicht wirklich zurückhaltend englisch, eher schon neapolitanisch leichtlebig. Also, eine Bremer Senatorenfamilie fährt mit der Eisenbahn in die Alpen. Und angesichts des Panoramas der schneebedeckten Berge und des ewigen Eises springt der Sohn auf und ruft: Guck mal, Vadder. Was scheun. Die Alpens. Und der Vater sagt: Junge, exaltier Dir nicht so. Worauf die Mutter, das Verhalten des Juniors erklärend, einwirft: Das musst Du verstehen, er studiert ja nun schon ein Semester in Hamburg.

Es wird nicht verwundern, dass es in einem Blog namens SILVAE manchmal um Wälder geht. Lesen Sie auch: silvae: Wälder: Lesen, Eisenhammer, Deutsche Romantik, Wolfsschlucht, Lützow, Moritz von Schwind, Vollmond, Caspar David Friedrich, Adalbert Stifter, Zweite Heimat, Carl Blechen 

Mittwoch, 24. März 2021

de Kiserliche Warf


Heute vor hundertachtzig Jahren wurde Georg Howaldt geboren, die Werft, die er gegründet hat, gibt es in Kiel immer noch. Allerdings heißt sie nicht mehr HDW (Howaldtswerke Deutsche Werft), seit Ende 2012 heißt sie Thyssen Krupp Marine Systems (TKMS), muss ja neuerdings alles englisch sein. Vielleicht heißen die TKMS jetzt aber auch German Naval Yards und gehören den Arabern oder Libanesen, es ist alles etwas undurchsichtig. Auf jeden Fall entlassen sie ständig Arbeiter, das ist nicht mehr so wie zu Howaldts Zeiten im wilhelminischen Flottenrüsten. Der Name Thyssen scheint irgendwie tödlich für Werften zu sein. Der Bremer Vulkan in meinem Heimatort gehörte zu achtzig Prozent dem Baron Heini von Thyssen (der mir mal die Hand geschüttelt hat), und von dieser Großwerft ist auch nichts mehr übrig.

1867 war Kiel zum Kriegshafen des Norddeutschen Bundes geworden, und es entstand die Königliche Werft Kiel als Marinewerft des Norddeutschen Bundes. Sie wurde auf dem ehemaligen Gelände der Werft von Georg Howaldt errichtet, weil der seine immer größer werdende Werft gerade an die Schwentinemündung verlegt hatte. Mit der Proklamation des Deutschen Kaiserreichs am 18. Januar 1871 wurde die Marine des Norddeutschen Bundes (die Nachfolgerin der Reichsflotte, die einst der Admiral Rudolf Brommy kommandiert hatte) zur Kaiserlichen Marine. Die Königliche Werft wurde in Kaiserliche Werft umbenannt.

Und über diese Kaiserliche Werft (plattdeutsch: Kiserliche Warf) gibt es eine kleine Geschichte, die immer wieder erzählt worden ist. Ich habe sie vor siebzig Jahren in einem kleinen Buch gelesen, in dem allerlei maritimer Klönschnack versammelt war. Das Buch hieß Splissen und Knoten, es war von einem Kapitänleutnant der kaiserlichen U-Boot Flotte namens Peter Ernst Eiffe, man findet es noch massenhaft antiquarisch. Die kleine Geschichte von der Kiserlichen Warf findet man erstaunlicherweise nicht im Internet, es gibt zwar einen Wikipedia Artikel Die Kiserliche Warf, wo wir erfahren: Die Kiserliche Warf ist eine häufig vorgetragene Erzählung plattdeutschen Volkshumors. Sie existiert in verschiedenen Fassungen

Aber der Link zu dem Text, den man dort findet, der führt leider ins Leere. Man muss schon ganz gewaltig suchen, um einen Text zu finden. Einer findet sich in der Wochenschrift Jugend (von dem Blatt hat der Jugendstil seinen Namen bekommen) im April 1914. Diese von Albert von Keller gemalte elegante Dame war auf dem Cover. Der Maler, der so wunderbar Frauen malen konnte, hatte gerade seinen siebzigsten Geburtstag. Es gab in dem Heft auch ein Gedicht für ihn, in dem wir die Verse lesen können: 

Er sah die Frauen neu und wunderbar 
schlank, in Froufrou von Spitzen und von Seide, 
im rätselvollen Dämmer des Boudoir 
Er malte ihre Seelen smt dem Kleide
mondän und duftend, allem Werktag fern...

Über den Maler schreibe ich bestimmt irgendwann noch mal, aber ich muss zu meiner Geschichte von der Kiserlichen Warf zurückkommen. Es ist eine kleine Geschichte aus den Anfangstagen der kaiserlichen Marine. Der Chef der Admiralität Albrecht von Stosch besucht das Kriegsschiff SMS Prinz Adalbert (das ist noch das Segelschiff von 1876 und nicht der gleichnamige Neubau von 1901) für eine Inspektion und trifft hier auf den Obermaat Hein Lammers. Der Admiral, der vorher General der Infanterie war und jetzt die kaiserliche Flotte aufbaut, ist bei seinen Inspektionen gefürchtet. Vom Kommandanten bis zum letzten Schiffsjungen die reine Wassersuppe, soll er nach der Besichtigung eines Kriegsschiffes bösartig gesagt habe.

Der Marineunteroffizier Lammers verwaltet in seiner Eigenschaft als Hellegattsmaat das Segelmacherhellegatt, das ist ein kleiner Raum im untersten Teil eines Kriegsschiffes, in dem allerlei Dinge aufbewahrt werden. Wie Takelagezubehör und alles, was ein Segelmacher (plattdeutsch: Seilmoaker) braucht. Und dann ist da noch sogenanntes Kojenzeug: Hängematten, wollene Schlafdecken. Die wulln Deeken, die in dieser Erzählung gleich eine Rolle spielen, werden immer wieder geklaut, obgleich der Maat Lammers wie ein Schießhund auf die Bestände aufpasst. 

Der Obermaat Lammers soll dem Admiral Stosch eine Instruktion vorführen, er wählt das Thema Die Kaiserliche Werft. Er beginnt aus Höflichkeit gegenüber dem Admiral auf Hochdeutsch, verfällt aber schnell ins Plattdeutsche, weil alle hier in der Marine Platt sprechen. Und was jetzt kommt, ist ein kleines Theaterstück für zwei Personen und einen Seemannschor:

Hein Lammers: "Stillgestanden! Die Kaiserliche Werft; rührt Euch! 
Wo werden Seiner Majestät Schiffe gebaut, repariert und instand gehalten?"
"Auf die Kaiserliche Warf."
"Wat möt de Seelüd dauhn, wenn se up de Kiserliche Warf koamt?"
"Se möt sik vörsehn."
"Wer möt sik toers vörsehn?"
"Wi Seilmoakers."
"Womit möt sik de Seilmoakers vörsehn?"
"Mit de wulln Deeken."
"Wodenni möt se sik vörsehn?"
"Ganz bannig."
"Wat ward se sunst?"
"Ansmeert."
"Wat giv't dorför?"
"Knast."
"'stann! - Thema durch!"


Exzellenz von Stosch: "Gut. Instruieren Sie jetzt mal über das Gewehr Modell 71."

Hein Lammers: "'stann! Das Gewehr Modell 71! Rrrrrt euchch! Mit welchem Gewehr ist die Marine ausgerüstet?"
"Mit das Gewehr Modell 71."
"Woher bekommt ihr das Gewehr Modell 71?"
"Aus das Magazin."
"Wo liegt das Magazin?"
"Auf die Kiserliche Warf."
"Wat möt de seelüd dauhn, wenn se up de Kiserliche Warf koamt?"
"Se möt sik vörsehn!"
"Wer möt sik toers vörsehn?"
"Wi Seilmoakers."
"Womit möt sik de Seilmoakers vörsehn?"
"Mit de wulln Deeken."
"Wodenni möt se sik vörsehn?"
"Ganz bannig!"
"War ward se sunst?"
"Ansmeert"
"Wat giv't dorför?"
"Knast"
"'stann! - Thema durch!"


Exzellenz von Stosch: "Sehr gut, Maat Lammers. Nun nehmen Sie mal 'Unser Herrscherhaus'!"

Hein Lammers: "'stann! Rrrrrt Euchch!
"Wer steht an die Spitze des Deutschen Reiches?"
"Unser Kaiser und König Wilhelm I."
"Aus welchem Hause ist Seine Majestät der Kaiser?"
"Aus dem Hause Hohenzollern.",
"Was heißt noch Hohenzollern?"
"Die Kiserliche Jacht."
"Wo liegt die 'Hohenzollern im Sommer?"
"Up'm Strom."
"Wo liegt dieselbe im Winter?"
"In de Kiserliche Warf."
"Wat möt de Seelüd dauhn, wenn se up de Kiserliche Warf koamt?"
"Se möt sik vörsehn."
"Wer möt sik toers vörsehn?"
"Wi Seilmoakers."
"Womit möt sik de Seilmoakers vörsehn?"
"Mit de wulln Deeken."
"Wodenni möt se sik vörsehn?"
"Ganz bannig."
"Wat ward se sunst?"
"Ansmeert."
"Wat giv't dorför?"
"Knast."
"'stann! - Thema durch!"


Der Admiral ist ein klein wenig sprachlos und macht einen letzten Versuch: "Nun kommen Sie gefälligst nicht immer vom Thema ab, Herr Unteroffizier, instruieren Sie jetzt mal über das Thema 'Ehrenbezeigungen'!"

Hein Lammers: "'stann! Rrrrrt Euchch!" 
"Was für Ehrenbezeigungen kennen Sie?"
"Frontmachen. Anlegen von rechte Hand an Kopfbedeckung und Vorbeigehen in militärische Haltung."
"Wo geht ihr in militärische Haltung vorbei?"
"In enge Passagens und bedeckte Räume."
"Wo noch?"
"In de Kiserliche Warf."


An dieser Stelle gibt der Admiral auf.

Donnerstag, 8. Juli 2010

Germanisten


Der pensionierte Kieler Professor ➱Reimer Bull hat mir vor Tagen eine wunderbare kleine Geschichte erzählt, die wirklich sehr komisch war. Als ich ihn fragte, ob ich die in meinen Blog schreiben dürfte, hat er mir das sofort erlaubt. Reimer Bull hat in Kiel bei Karl Otto Conrady promoviert. Über ➱Arno Schmidt, das war 1969 geradezu revolutionär. Mit Conrady war die neue Zeit nach Kiel gekommen, sein Buch Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft (1966 bei Rowohlt) läutete eine neue Phase der deutschen Germanistik ein. Conrady war auch in der SPD und sogar kurze Zeit im schleswig-holsteinischen Landtag. Ich war ehrlich gesagt damals von ihm ein wenig enttäuscht, denn er trug spitze Schuhe und silbrigblau glänzende Anzüge, die bestimmt aus Trevira waren. Da ging ich lieber zu Erich Trunz in die Vorlesungen, der zwar ein wenig betulich war, aber gute Schneideranzüge und gute Schuhe trug. Vielleicht ist das eine etwas oberflächliche Kategorie, um sich seinen Professor auszusuchen, aber die äußere Erscheinung von Conrady und Trunz symbolisierte zwei grundverschiedene Generationen der deutschen Germanistik.

Als Helmut Schmidt einmal ein Goethezitat für eine Rede suchte (und das war in den Tagen vor dem Computer und vor Google), rief er Trunz in Kiel an, der überhaupt nicht irgendwo nachgucken musste, sondern dem Politiker sofort sagte, wo das Zitat stand. Denn Trunz war der Goethe Trunz, der Mann, der die Hamburger Ausgabe von Goethes Werken beinahe eigenhändig gemacht hatte. Er hat auch nach seiner Emeritierung eine Vielzahl von Büchern geschrieben, von denen Ein Tag aus Goethes Leben (1999) ein kleiner Bestseller wurde.

Der Schüler des berühmten Julius Petersen wäre für mich das Vorbild eines Gelehrten, wenn da nicht die Parteimitgliedschaft in der NSDAP gewesen wäre. Er hat, das sei zu seiner Ehrenrettung gesagt, nichts zur Gleichschaltung der deutschen Germanistik beigetragen wie sein Lehrer Julius Petersen. Oder wie sein Kollege Benno von Wiese. Der, ein überzeugter Nazi der ersten Stunde, war für die mit ihm befreundete Hannah Arendt ein Grund für ihre Emigration. In seiner Autobiographie sieht Benno von Wiese das alles natürlich ganz anders (und geizt auch nicht mit gehässigen Bemerkungen in Richtung Trunz), es ist phantastisch, wie sich der Großordinarius der sechziger Jahre seine Welt zurechtschludert. 1965 hatte er sich für seinen Kollegen Hans Schwerte statt für den linksliberalen Peter Szondi als Professor in Aachen stark gemacht. Der ehemalige SS Offizier aus Himmlers Ahnenerbe hieß aber gar nicht Hans Schwerte, wie 1995 nach studentischen Recherchen herauskam. Er musste sein Bundesverdienstkreuz zurückgeben, verlor seinen Professorentitel und musste sogar seine Pension an den Staat zurückzahlen. Das ist wenigen Altnazis unter den Germanistikprofessoren passiert.

Also, mit diesen Leuten hat Erich Trunz nichts am Hut gehabt, er war ein wenig eigentümlich und manchmal nicht ganz von dieser Welt, aber er wirkte immer sehr vornehm, wie man sich einen Goetheforscher eben so vorstellt. Mit den Nazis hatte Conrady (Bild) natürlich überhaupt nichts zu tun, weil er aus einer ganz anderen Generation kam, und gerade mal als Pimpf beim Kriegsende in Uniform Morgenfeiern inszenierte, in denen er Goethe vorlas: So vermochten wir Literaturfreunde in der Pimpfenkluft uns sogar in den marschierenden Jugendkolonnen und bei den Geländespielen goethenah vorzukommen. Auch so kann man zu Goethe kommen. Seinem ehemaligen Kieler Kollegen Erich Trunz hat Conrady dann später noch Konkurrenz gemacht und auch dicke Bücher über Goethe geschrieben. Seine Gedichtsammlung, bekannt als Der Große Conrady, ist inzwischen zu einem Klassiker geworden. Und ich nehme mal an, dass er heute auch nicht mehr diese winklepickers und diese Glitzeranzüge trägt.

Sein ehemaliger Doktorand Reimer Bull ist dann auch Professor für Deutsche Literatur geworden, er ist (wie hier auf dem Photo) mit der gelben Tattersall Weste immer sehr englisch gekleidet. Er ist nicht beim Thema seiner Doktorarbeit geblieben, obgleich man in den sechziger Jahren auch mit der Arno Schmidt Forschung hätte Karriere machen können. Er hat sich auf seine Dithmarscher Wurzeln besonnen und ist Fachmann fürs Plattdeutsche geworden, in gewisser Weise ein Nachfolger von Ivo Braak. Er ist auch in Schleswig Holstein (und dank des Norddeutschen Rundfunks und der vielen CDs wohl auch darüber hinaus) bekannt wie ein bunter Hund, weil er wunderbar plattdeutsche Döntjes vorträgt oder Klaus Groth vorliest. Da kommt nämlich in ihm etwas aus seiner Münchener Studienzeit durch, wo er mehr Zeit in Kleintheatern und Cabarets verbracht hat als im Hörsaal. Denn heimlich ist der Kulturpreisträger des Kreises Dithmarschen, der auch Siegfried Lenz ins Plattdeutsche übersetzt hat, eigentlich Schauspieler.

Und was soll der Papstpalast von Avignon jetzt hier? werden Sie sich fragen. Gemach, hier fängt die kleine Geschichte an. Also wir sind in Avignon, wo man bekanntlich auf der Brücke tanzt. Und der Professor Reimer Bull ist als Tourist hier, und wie ich ihn kenne, auch ordentlich gekleidet. Und er bewundert den Papstpalast, wie die Touristen da im Vordergrund des Bildes. Und da hört er plötzlich ganz laut seinen Namen, und dann vernimmt er statt des ganzen welschen Geschwätzes um sich herum plötzlich wohlvertrautes Plattdeutsch. In Avignon. Und er dreht sich um und sieht ---  einen baumlangen schwarzen Amerikaner. Der das reinste Plattdeutsch der Welt spricht. Und nun unterhalten sich zwei Herren vor dem Papstpalast von Avignon eine halbe Stunde auf Platt. Einer aus Dithmarschen, der andere aus Massachusetts, un de snakt platt.

Der dunkelhäutige Herr, der ein wenig wie Harry Belafonte aussieht, ist auch Hochschullehrer. Er heißt Marron Curtis Fort, und trotz der einwandfreien Sprachbeherrschung kommt er nicht etwa aus dem Oldenburgischen, er kommt aus Boston. Hat in Princeton studiert, danach an der University of Pennsylvania (nicht zu verwechseln mit der Penn State University), hier hat er seine Doktorarbeit geschrieben, über das, was sie in Vechta so sprechen. Danach hat er sich auf das Saterfriesische spezialisiert. Falls Ihnen das jetzt nicht so geläufig sein sollte, gebe ich hiervon doch mal eben ein kleines Beispiel:

Klaasoom, Börkums hoogste Fierdag, is en hail olde Fier. Um Teetied gaan de Jungens van de Börkumer-Jungs-Verein, so wardde uns Kinder verteld, na de grote Kaap, um de Klaasoom uuttaugraven. De Lü kriegen hum man eerst in 't Dörphotel tau sain. De Fier fangt an de fiefde Deetsember avends um fief Üür an. Dat gift lütje, middel un grote Klaasooms, van elke twääij Stük, un de baide grote Klaasooms hebben ain Wiefke bie sük. Dat is en junge Fent, däi häil jenteg wesen mut. Dat Wiefke dragt en wit Klaid mit rode Striepkes of en rood Klaid mit en witte Skude. In de Skude bint/bin/binnen twääij Taasken, waar Moppe - en Kauke uut Straup en Roggenmeel - in is. Dat Wiefke dragt gain Stevels, man lichte Skau, un sai het en leren Maske un en linnen Kappe up de Kop. Klaasoom dragt en laange Underbrauk, dat hai sük gain Wulf lopt, den hai kumt döör de Loperääij düchteg in 't Swaiten. Over de Underbrauk het hai en snääijwitte Brauk un dan daarover en witte Kittel, däi mit rode Striepen ofset is...

Marron Fort ist Gastprofessor in Oldenburg gewesen, aber da haben sie ihn gleich dabehalten. Das war 1982, inzwischen ist er längst deutscher Staatsbürger und dank des Indigenats der Ostfriesischen Landschaft ist er auch eingebürgerter Ostfriese. Er ist schon seit einigen Jahren pensioniert, aber er hört auch nicht auf zu forschen oder Vorträge zu halten. Sein Platt ist so rein, da fließen die Tränen, titelte die Welt vor Jahren. Und wenn Sie hier klicken, kann man nur sagen: hör mal'n beten to.

Die Germanistik geht seltsame Wege. Und jetzt bin ich doch gerade eben mal ut schier Schandudel (wie man in Bremen so sagt) auf die Heimatseite des Instituts gegangen, in dem Trunz und Conrady damals lehrten. Und ich erfahre da: In der Lehre legen wir − über die engeren Fachkenntnisse hinaus − besonderen Wert auf wissenschaftliche Praxis-Kompetenzen (Methodenreflexion, Kritikfähigkeit, Techniken der Informationsbeschaffung und -vermittlung, sicherer Ausdruck in Wort und Schrift). Das beruhigt mich aber denn doch sehr, dass in der Lehre besonderer Wert auf sicheren Ausdruck in Wort und Schrift gelegt wird. Erich Trunz, Karl Otto Conrady und Reimer Bull brauchten das früher nicht dazuzuschreiben. Also, Engländer würden an dieser Stelle sagen: How daft can you get? Ich könnte jetzt an dieser Stelle einmal abtippen, was in der Selbstbeschreibung des Faches im Jahre 1965 steht, als die Universität dreihundert Jahre alt wurde. Aber das wäre irgendwie gemein, man sollte auf die, die auf dem Boden liegen, nicht auch noch drauftreten. Aber ich habe auch gesehen, dass sie da einen Mitarbeiter haben, der auf seiner Seite unter Arbeitsschwerpunkte Fußballfilm, Medienfußball, Sportfilm, Katastrophenfilm, James Bond und slapstick comedy angegeben hat. Ich finde das irgendwie beruhigend, dass sich das Fach auch damit beschäftigt.

Conrady hatte 1966 in seinem Rowohlt Band eine 15-seitige Leseliste (eng gedruckt), dazu kamen noch einmal ungefähr hundert Werke aus der Weltliteratur. Die Studienanforderungen heute, wo ja in der Lehre Wert auf sicheren Ausdruck in Wort und Schrift gelegt wird, haben eine Leseliste von vier Seiten (wenn man sie engzeilig tippen würde, käme man auf zwei Seiten), dazu kommen zehn Werke der Weltliteratur. Ja, wenn man sich die ganze Zeit mit Medienfußball beschäftigt, dann reicht die Zeit eben nicht mehr für Goethe oder Thomas Mann.

In dem Hochschulführer der Christian Albrechts Universität steht 1965: Für das Studium der Neueren deutschen Literatur besteht, ebenso wie für andere geisteswissenschaftliche Fächer, kein verbindlicher Studienplan. Der Student hat weitgehende Freiheit der Wahl von Vorlesungen und Seminaren. Er wird die Wahl treffen im Blick auf das Ziel des Studiums. Ziel des Studiums aber muß sein, einen Überblick über die Geschichte der deutschen Sprache und Literatur (im Rahmen der Weltliteratur) gewonnen, sich möglichst umfangreiche Kenntnisse der Literatur angeeignet und an verschiedenen Stellen des Fachgebietes eindringlich wissenschaftlich gearbeitet zu haben, um dabei literaturwissenschaftlichen Umgang mit Literatur erprobt und unter Beweis gestellt zu haben. Das nenne ich noch mal akademische Freiheit. Aber tempora mutantur, heute gibt es bürokratisch überorganisierte Studienordnungen, die ein Schmalspurstudium völlig verschult haben. Da kann man ja nur die schöne plattdeutsche Wendung nu gah mi af gebrauchen.

Für den Fall, dass Sie jetzt unbedingt wissen wollen, was da oben über Borkum gesagt wird, gibt es hier eine Übersetzung:

Klaasoom, Borkums höchster Feiertag, ist eine ganze alte Feier. Um die Teezeit gehen die Jungs von dem Borkumer-Jungs-Verein, so wurde uns Kindern erzählt, zum großen Kaap, einem Seezeichen, um den Klaasoom auszugraben. Die Leute bekommen ihn aber erst im Dorflokal zu sehen. Die Feier fängt am fünften Dezember um fünf Uhr an. Es gibt kleine, mittlere und große Klaasooms, von jedem zwei, und die beiden großen Klaasooms haben ein Wiefke bei sich. Das ist ein junger Kerl, der ganz gelenkig sein muß. Das Wiefke trägt ein rotes Kleid mit weißen Streifen oder ein rotes Kleid mit einer weißen Schürze. In der Schürze befinden sich zwei Taschen, die Moppe - ein Kuchen aus Sirup und Roggenmehl - enthalten. Das Wiefke trägt keine Stiefel, sondern leichte Schuhe, und sie hat eine Leder- maske und eine Leinenkappe auf dem Kopf. Klaasoom trägt eine lange Unterhose, damit er sich keinen Wolf läuft, denn er kommt durch das viele Laufen gehörig ins Schwitzen. Über der Unterhose trägt er eine schneeweiße Hose und darüber einen weißen Kittel, der mit roten Streifen abgesetzt ist...

P.S. Reimer Bull hat mich etwas schräg angeguckt, weil ich nur gesagt habe, dass er wunderbare plattdeutsche Döntjes vortragen kann und Klaus Groth vorliest, und nicht erwähnt habe, dass er auch richtige plattdeutsche Literatur schreibt. Wie konnte das nur passieren? Um das wieder gutzumachen, gibt es hier einen Link, wo man Reimer Bull hören kann.

Mittwoch, 13. Juni 2018

Regiolekt


Der Bremer redet ein herrliches Plattdeutsch und, wenn man ihn reizt, ein vorbildliches Hochdeutsch. Aber er hat noch eine dritte Sprache, die zwischen diesen beiden ein gesundes Eigenleben führt: das Bremische, das gemütliche und mundgerechte Idiom der »Tågenbåren«. In ihm sind, zum Nutzen allgemeiner Verständlichkeit und mit dem Bemühen um lauttreue Wiedergabe, die Anekdoten dieses Buches erzählt. Das bremische Wesen offenbart sich in diesen Geschichten – diese Begrenzung sei ausdrücklich betont – nur in seiner heiteren Hälfte: in seinem wortkargen, deftigen, vernünftigen, helläugigen Humor. Mag er freiwillig oder unfreiwillig, bedachtsam oder derb, naiv oder bewußt, herausfordernd oder voll behaglicher Selbstironie sein: immer ist er zu unverkennbarer und aufschlußreicher Eigenart geprägt.

Schreibt Karl Lerbs in der Vorrede zu Der lachende Roland. Und er liefert auch gleich eine Dialektprobe, sozusagen ausser lamäng»'chott nee, was 'n auch ümmer alles so belebt!« sagte Minna Knake. »Sitz ich gestern abend in mein Zimmer un lutsch saure Bontschen, die hol ich dschetz dscha ümmer bei Crüsemeyer, früher ging ich dscha zu Meyerdierks, aber da kann ich dscha nich ümmer um zu laufen, das is mich zu um. No, mit einmal, da pingelt das. Ich verdschag mich dscha eers, denn das konnte dscha 'n Telegramm sein, un da hab ich nix mit in 'n Sinn, da steht dscha meist was Übles in. No, ich geh bei un mach auf – was meinen Se? Steht da so 'n lüttschen Bötel. So 'n richtigen kleinen Schietbüdel. Un wissen Se, was er sagt? ›'tschuldigen Se‹, sagt er, ›ob Sie woll so freundlich wären un meinen kleinen Hund nich gesehen hätten?‹«

Obgleich alle Bremer etwas sprechen können, was bestenfalls die regionale Variante des hamburgischen Missingsch ist, sind Bremer überzeugt, dass, wenn sie Hochdeutsch sprächen (mit dem betonten sp), es das beste Hochdeutsch in ganz Deutschland sei. Es gibt da auch andere Meinungen. Im 17. Jahrhundert glaubte der Engländer Sir Philip Sidney, dass das beste Deutsch am sächsischen Hof gesprochen würde. Linguisten versichern uns, dass in Hannover das beste Hochdeutsch zu Hause ist. Der berühmte Satz In’ner Löwestross ham se’n Mann mitten Bönönenwögen öbern Mögen gefahr’n wird an dieser Stelle immer dagegengehalten. Soll heißen: In der Lavesstrasse haben Sie einem Mann mit einem Bananenwagen über den Magen gefahren.

Wahrscheinlich gibt es ein reines Hochdeutsch nicht, die regionalen Einsprengsel verhindern das. Glücklicherweise. Auch fremde Einflüsse, wie die französische Besatzung, hinterlassen ihre Spuren. Viele dieser Wörter, wie Muckefuck, Kinkerlitzchen, Trottoir, Chaiselongue und Poussieren, kennt man in Berlin auch, und dort wahrscheinlich schon länger. Seit Friedrich der Große die Hugenotten ins Land geholt hat (und damit auch die Fontanes) vermischen sich das Deutsche und das Französische. Aber manches gibt es nur in Bremen, wie den Muschepunt, zum Beispiel. Oder das awangs wie in n büschen awangs für ein bisschen schneller (von en avant). Oder sittjepöh (von si je peux) in einem Satz wie: das mach’ ich ganz sittjepöh. Und so wunderbare Trinksprüche, die man in den 50er Jahren noch hören konnte, wie Schötteldör, mit der Entgegnung Wrummsi. Was die plattdeutsche Aussprache von J’ai l’honneur und  Je vous remercie ist. Das gibt es wirklich nur in Bremen. Dass keine Fisematenten machen von einer französischen Aufforderung an junge Mädchen, visitez ma tente, kommt, ist inzwischen linguistisch angezweifelt. 

1767 erschien in Bremen bei Georg Ludewig Förster das erste Lexikon des Bremischen, der Versuch eines bremisch-niedersächsischen Wörterbuchs von Eberhard Tilling. Inzwischen gibt es eine Vielzahl kleiner Bücher, die den Bremer Snak vermitteln: Walter A. Kreye und Volker Ernsting: Was’n in Bremen so sacht und wo ein fein auf hören muß (1973), Klaus Kellner: Bremisches Wörterbuch (2011) und Daniel Tilgner: Das Bremer Schnackbuch (2011). Aber so wirklich hat sich die Sprachwissenschaft seit Eberhard Tilling noch nicht auf diesen Regiolekt gestürzt. Gewiss, Anton Kippenberg hat in Geschichten aus einer alten Hansestadt (das einen Anhang mit Erklärung einiger platt- und hochdeutscher Wörter hat) eine Vielzahl von witzigen Beobachtungen, aber die wirkliche Beschreibung der feinen Nuancen steht noch aus. Immerhin erstellt der NDR schon eine Art Wörterbuch.

Die feinen Unterschiede bewegen sich ja vor allem in dem, was berufsmäßige Linguisten Soziolinguistik nennen. Und von diesen feinen Nuancierungen, in der die Wahl eines plattdeutschen Wortes (oder eines hochdeutschen) und die Betonung den Unterschied zwischen Kompliment und Beleidigung machen, haben Universitätslinguisten nun wirklich keine Ahnung. Das Wort Schusseltriene wäre so ein Beispiel. Dagegen ist das Postür nicht so nett, ein altes Lexikon sagt uns: postür bedeutet eine widerwärtige und verhaßte Person, namentlich ein altes Weibsbild; zu Grunde liegt natürlich franz. posture (lat. positura). Allerdings hat das im Laufe der Zeit geändert, wenn heute jemand sagt: son mageres postür, dann ist das frei vom Widerwärtigen.

Manchmal schwächt das Plattdeutsche auch grobe Beleidigungen ab, es klingt einfach netter, wie zum Beispiel in klei mi doch ann Mors. Oder dem wunderbaren Satz des des Plattdeutschen mächtigen Bürgermeisters Wilhelm Kaisen, der über seinen eingebildeten Bildungssenator Dehnkamp sagte: Ischa to’n Lachen, dass een, de sin Lewen lang Nieten auffen Vulkan gekloppt hat, sich nu aafspeelt as’n Geheimroot. Anton Kippenberg würzt seine Beschreibung Bremens mit plattdeutschen Döntjes, und er kann darauf vertrauen, dass sein Lesepublikum ihn vor über siebzig Jahren verstand, denn immerhin macht der Anteil des Plattdeutschen ein Drittel des Buches aus. 

Man gewinnt auch den Eindruck, dass Plattdeutsch eine Art lingua franca zur Verständigung zwischen oben und unten ist. Eine gemeinsame Sprachebene, auf der sich Pfeffersäcke und Zigaarenmookers treffen können. Für meinen Vater war das Platt keine soziale Herablassung, er ist damit aufgewachsen, und er wird es wie selbstverständlich auf dem Wochenmarkt sprechen oder wenn er Bauern oder Arbeiter vom Bremer Vulkan behandelt. In meiner Jugend ist das Bremer Platt noch nicht tot, die plattdütsche Morgenandacht im Radio gehört genau so zum festen Tagesablauf wie Hör mal ‘n beten to. Ich bin mit Rudolf Kinau und Irmgard Harder aufgewachsen. Aber das alles ist Nostalgie, das Bremer Platt ist auf dem Rückmarsch.

Die Bücher von Kippenberg und Lerbs stammen aus den dreißiger Jahren, sie geben die Welt vor dem Ersten Weltkrieg wieder. Die Welt, die sie beschreiben, gibt es nicht mehr. Die Sprache wahrscheinlich auch nicht. Wie schon der ehemalige Bremer Bürgermeister Theodor Spitta in seinen Erinnerungen formulierte: Davon ist manches inzwischen verklungen, wie auch das heimische Platt mehr und mehr zurückgeht. In meiner Jugend war diese ganze Welt volksverbundener Kräfte und origineller Einzelgänger noch lebendig. Anton Kippenberg lebte in ihr und verkörperte sie.

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Nikolaus


Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn.

Noch bevor man in der Schule Gedichte lernte, lernte man in Bremen diese Verse. Ich habe große Teile von Schillers und Goethes Gedichten vergessen, aber das Halli, Halli, Hallo, So geiht nah Bremen to, das vergisst man nicht. Und so durfte in diesem Blog im Dezember 2010 ein Post zum Nikolaus nicht fehlen, es war mein erster Nikolaustag als Blogger. Da wusste ich noch nicht, wohin die Reise ging. Jetzt kennt mich die Welt. Darf man das so sagen? Meine Leser mögen mich, und ich mag meine Leser. Meine Leser mögen mich, weil ich Geschichten erzähle. Und nebenbei auch noch ein klein wenig Bildung vermittle. Und weil ich hemmungslos subjektiv bin. Ein Zettel mit Goethes Satz: Sieh, liebes Kind, das ist ein Vorzug, den die Leute haben, die nicht schreiben: sie kompromittieren sich nicht, klebt an meinem Schreibtisch. Also da, wo Herman Melville seinen Zettel mit dem Keep true to the dreams of thy youth kleben hatte.

Der Nikolaus Post, der zuerst Sünnerklaas hieß, ist in diesem Blog am 6. Dezember immer wieder mal aufgetaucht. Ich stelle ihn heute in der Version von 2010 hier hin. Ohne Bilder. Bilder konnte ich noch nicht. Jetzt kann ich alles. Ich wünsche meinen Lesern eine schöne Adventszeit.


Als die Winter noch kälter waren als in diesen Tagen, als die Straßenbeleuchtung noch spärlich war und der Schutzmann noch einen Tschako trug, da waren am Abend des Nikolaustages in Bremen lauter kleine Nikoläuse unterwegs. Der Heilige Nikolaus hieß in dieser Gegend auch Sünnerklaas, was plattdeutsch für Sankt Klaus ist. Je weiter man nach Holland kam, desto mehr verwandelte sich dieses Sünnerklaas (oder Sünnerklaus) zu Sinnerklaas. Es blieb aber immer der gleiche Heilige Nikolaus von Myra, der der Schutzheilige der Kinder und der Seefahrer ist. Weshalb auch jede Hafenstadt eine Nikolaikirche hat. Obgleich Bremen von den Amerikanern besetzt war, hatte Halloween mit trick-or-treat auf uns noch nicht abgefärbt. Bei uns gab es das Nikolauslaufen. Dazu musste man sich verkleiden, eine rote Mütze, ein falscher Bart und ein Stock (die symbolischen Reste des Bischofstabs) gehörten zu dem Outfit. Opas Spazierstock eignete sich hervorragend dafür. Und natürlich ein Sack, in den man die empfangenen Süßigkeiten wie Moppen und Spekulatius tat. Und man musste sein Sprüchlein an jeder Tür in der Nachbarschaft aufsagen:

Nikolaus de gode Mann,
kloppt an alle Dören an.
Lüttje Kinner gifft he wat,
grode steckt he in'n Sack.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.
Und wenn da nicht schnell genug die Süßigkeiten rausgerückt wurden, dann kam da noch, unter Aufstampfen des Stockes, eine zweite Strophe:

Ick bin en lüttjen König,
geevt mi nich to wenig,
Laat mi nich so lange stahn,
ick mutt all weder wiedergahn.
Halli, Halli, Hallo,
So geiht nah Bremen to.

Es ging immer nah Bremen to, da wollten die Bremer Stadtmusikanten auch hin (Ei, was, du Rotzkopf, sagte der Esel, zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall). Nun macht es ja keinen großen Sinn, halli, halli, hallo, so geiht nah Bremen to zu singen, wenn man sowieso in Bremen ist. Obgleich die Stadt Bremen für uns in Nordbremen weit, weit weg war. Irgendwie scheint diese Sache mit Bremen (wie vielleicht auch das ganze Nikolauslaufen) aus den Liedern zu kommen, die am Martinstag in Ostfriesland gesungen wurden, wo es Sünnematten, Mattenherrn oder Matten Matten Mähren hieß. Da sang man dann:

Matten-, Mattenmähren,
die Äpfel und die Beeren,
gute[r] Frau [Mann], gib uns was.
Lass uns nicht so lange steh'n!
Wir wollen noch nach Bremen geh'n.
Bremen is ne große Stadt,
da kriegen alle Kinder wat,
die Großen und die Kleinen,
sonst fang se an zu weinen.

Im 19. Jahrhundert hat es in Bremen - der Stadt von der man in Liedern und im Märchen träumt, dass dort alles besser ist - noch andere Strophen zu dem Nikolauslied gegeben, wie zum Beispiel:

Miin Vadder is Zigarrenmaaker,
miin Mudder ruppt Toback.
Un wenn ji dat nich glöben wüllt,
denn steck ick jo inn'n Sack.
Halli, halli, hallo
So geiht na Bremen to.

Das wurde nun wohl in den Stadtteilen gesungen (es ist auf jeden Fall aus Hastedt überliefert), wo die weniger Begüterten wohnten. Und man muss wahrscheinlich auch betonen, dass das Nikolauslaufen zuerst eine Sache der ärmeren Schichten gewesen ist, bevor es im 19. Jahrhundert von allen Bremer Kindern adaptiert wurde. Die Zigarrenmaaker kommen in unzähligen Bremer Döntjes aus dem 19. Jahrhundert vor. Man kann der Strophe auch entnehmen, dass Frauenarbeit in den Bremer Fabriken selbstverständlich ist - miin Mudder ruppt Toback -  und auch die Kinderarbeit, selbst wenn sie hier im Nikolauslied nicht vorkommt. Die Zigarrenmaakers sind die erste gewerkschaftlich organisierte Gruppe in Bremen, wo es in der Mitte des 19. Jahrhunderts 78 Tabakfabriken gab. Sie bildeten auch ein Element gesellschaftlicher Unruhe in der sonst festgefügten konservativen bürgerlichen Struktur des 19. Jahrhunderts. Ihr Zusammenschluss verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung. Und sie hatten Vorleser in der Fabrik.

Vielleicht kann man das mit den Zigarrenmachern in Kuba vergleichen, die in ihren Fabriken einen Vorleser hatten, der ihnen während der Arbeit Romane vorlas. So hörten die Arbeiter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Jules Verne, Shakespeare und Emile Zola. Angeblich sollen so die Zigarrenmarken Montechristo und Romeo y Julieta nach dem Grafen von Montechristo und Shakespeares Theaterstück benannt worden sein. Manchmal lasen die Vorleser auch Politisches aus Zeitungen vor, was bei den Fabrikbesitzern nicht so gut ankam (und manchmal verboten wurde). Ob der leidenschaftliche Zigarrenraucher Karl Marx das gewusst hat? Auch in den Bremer Tabakfabriken hat es solche Vorleser gegeben, die von den Arbeitern bezahlt wurden. Manchmal waren das auch Kinder und Handlanger, die kosteten nicht so viel. Der Beginn der Arbeiterbildung liegt, auf jeden Fall in Bremen, im Tabakrauch.

Vorleser gibt es in Kuba heute immer noch, auch wenn sie - wie Guillermo Cabrera Infante in seiner wunderbaren Kulturgeschichte des Rauchens Holy Smoke etwas gehässig sagt - heute die Gesammelten Werke von Fidel Castro vorlesen müssen. Die erste Zigarrenfabrik in Kuba, die einen bezahlten Vorleser gehabt haben soll, hieß El Figaro. Wenig später folgte Don Jaime Partagas (die Firma und die Zigarre heißt immer noch so), der dem Vorleser sogar ein Lesepult spendierte. Als der amerikanische Innenminister W.H. Seward kurz nach dem Bürgerkrieg die Fabrik von Partagas besuchte, war er von diesem System begeistert. Da hatten schon alle Tabakfabriken in Cuba einen Vorleser. Was sie nicht hatten, waren (im Gegensatz zu Bremen) weibliche Arbeitskräfte. Diese Geschichte, dass eine gute Zigarre auf den Schenkeln einer Kubanerin gerollt sein muss, entstammt männlichen Phantasievorstellungen. Erst Ende der 1870er Jahre fängt die erste Frau in einer Zigarrenfabrik auf Cuba an. Da ist die Oper Carmen schon aufgeführt worden.

Ich erwähne die nur, weil da eine Zigarettenfabrik drin vorkommt, die der berühmte Wilfried Minks (von Bremen nach Hannover ausgeliehen) Anfang der sechziger Jahre in Hannover so schön auf die Bühne gezaubert hatte. Und der Regisseur hatte den Einfall, Carmen auf der Bühne rauchen zu lassen. Und sie dann so wahnsinnig cool die Ziggi wegschnippen zu lassen, bevor sie L'amour est un oiseau rebelle singt. Der Effekt wurde aber bei der Premiere noch übertroffen. Ein junger, schlaksiger Verehrer der Sängerin der Carmen wanderte den linken Gang entlang bis zur Bühne und warf der Sängerin eine langstielige rote Rose vor die Füße, als sie mit der Habanera fertig war. Danach verließ er den Zuschauerraum. Die Krönung des Ganzen war, dass er eine rote Lederjacke trug. Wo um alles in der Welt kriegt man Anfang der sechziger Jahre eine quietscherote Lederjacke her? Roter als jeder Nikolausmantel. Ich war die ganze Aufführung lang neidisch. Auf die rote Lederjacke und auf diesen Kerl, der die Sängerin kannte.

Wenn die Strophe mit dem lüttjen König allen geläufig ist, so scheint es in Bremen im 19. Jahrhundert dabei auch noch eine Variation gegeben zu haben, die weniger auf kleine Könige und auf Kinder von Zigarrenmaakers als auf soziales Elend hinweist:

Ick bün so’n lütten Schipperjung,
Mutt all miin Broot verdeen’n,
Den ganzen Dag in’t water stan
Mit mine korten Been’n
Halli, halli, hallo,
Nu geiht’t na Bremen to


Über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Schreiben: da fange ich mit einer Kindheitserinnerung an, mit Versen, die ich immer noch aufsagen kann, und dann muss ich erkennen, dass wir Bremer mit diesem schönen Brauch nicht allein gewesen sind. Nikolauslaufen hat es überall gegeben. Inzwischen ist es beinahe ausgestorben, jetzt importieren wir kommerzialisierte amerikanische Bräuche wie Halloween. Im Norddeutschen Rundfunk wird darüber abgestimmt, ob die Hörer Last Christmas von Wham hören sollen. 54 Prozent der Anrufer sind dafür. Ich könnte wetten, dass keiner von denen, die den zum Dudelfunk heruntergekommenen NDR hören, ein halbes Dutzend deutscher Weihnachtslieder mit allen Strophen beherrscht.

Und die Zigarrenfabriken in Bremen gibt es auch nicht mehr, wenn man von Resten wie Martin Brinkmann (Lux, Peer Export, Lord Extra) mal absieht. Das ist aber nichts mehr vom Glanz der großen Zeit, als der Zigarrenkönig Friedrich Biermann von der Firma Leopold Engelhardt&Biermann sechstausend Arbeiter beschäftigte. Durch die für Bremen ungünstige Zollordnung, hat sich die Zigarrenfabrikation in der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts nach Bünde in Westfalen verlagert. Mein Opa hätte die Villa von Biermann in St. Magnus in den zwanziger Jahren billig kaufen können. Aber dann hätte er jeden Morgen zu seiner Schule durch den Arbeiterstadtteil Grohn (der für ihn den bösen Beinamen Kamerun bei Pumpe hatte) marschieren müssen, und das war dem kaisertreuen Ex-Hauptmann nun wirklich nicht zuzumuten.

Je mehr ich begann, den Anfängen des Nikolauslaufens nachzugehen, musste ich feststellen, dass natürlich die Volkskundler und die Lokalhistoriker sich schon mit dem Thema beschäftigt haben. War ja auch anzunehmen, dass hinter all dem, was wir tun, etwas Mythisches steckt. So wie es uns James George Frazer und Jessie L. Weston (ohne die wäre Eliots The Waste Land nichts geworden) gezeigt haben. Das interessiert einen aber nicht, wenn man mit kalten Füßen, laufender Nase und schidderigem roten Bademantel im Dunkeln an einer fremden Tür klingelt und die magischen Worte sagt: Nikolaus de gode Mann, kloppt an alle Dören an.

Sonntag, 21. November 2021

Kurt Denzer ✝

Es war ein schöner Sommertag, wir alle standen in dem Saal der Alten Muthesisschule und warteten auf das Geburtstagskind. Die Vorbereitungen für das kleine Fest waren sehr geheim gewesen, er durfte nichts davon wissen. Ich trug meinen hellen Sommeranzug, den ich mir im Winterschlussverkauf gekauft hatte, als es draußen schneite. Er war sehr preiswert gewesen, italienische Sommeranzüge sind hier oben nicht so das Ding. Als Kurt, den man von Filmarbeiten im Norden des Landes unter einem Vorwand weggelockt hatte, in den Saal kam, war er wirklich überrascht. Beinahe alle, die seine Arbeit in den letzten Jahren begleitet hatten, waren da. Vertreter der Landesregierung lasen einen Brief des Ministerpräsidenten vor, da hätten sie eigentlich auch ein Bundesverdienstkreuz mitbringen können, die Verdienstmedaille hatte er ja schon. Es sollten eigentlich keine Reden gehalten werden, aber es wurden doch kleine Reden gehalten. Die schönste Rede hielt ein Landwirt aus Delve, wo Kurt den Film über den Reetdachbau Dack ut Delv gedreht hatte. Der Landwirt besaß großes komödiantisches Talent, hinzu kam, dass er das Ganze auf Plattdeutsch vortrug. Das war der siebzigste Geburtstag von Kurt Denzer, er hat mir später eine DVD mit Photos geschickt, aber die hätte ich nicht gebraucht, ich habe keinen Moment von dem Tag vergessen. Die plattdeutsche Rede auch nicht.

Dem Staatssekretär, der 1986 so viel an Kurt Denzers Film Die Welt der Wikinger zu bemängeln hatte, hatte es nicht gefallen, dass kein Deutscher, sondern ein Däne Haithabu entdeckt hat: Und so wurde ich von der Regierung Barschel aufgefordert, im Film deutlich werden zu lassen, dass die versunkene Wikinger-Siedlung von einem schleswig-holsteinischen Schulmeister wiederentdeckt wurde. Mein Einwand, der erste Hinweis auf Haithabu stamme von dem Dänen Sophus Müller, wurde mit der Anordnung quittiert, 'da reicht ein Anruf von uns, das war so…'. Hatte der Staatssekretär bei diesen Gedanken den Lehrer Conrad Engelhardt im Kopf, der im 19. Jahrhundert das Nydam Boot (heute im Schleswiger Landesmuseum in Gottorf) ausgegraben hatte? Man weiß es nicht, aber es ist doch eher unwahrscheinlich, dass die Bildung eines Politikers aus dem Kabinett Barschel bis zu Conrad Engelhardt reicht. Die Bildung der schleswig-holsteinischen Kultusminister reichte ja nie sehr weit. Conrad Engelhardt war zwar Lehrer an einem deutschen Gymnasium, aber im übrigen war er Däne wie Sophus Müller.

Kurt Denzer tat, wie ihm geheißen. Er fand, wir sollten besser sagen, er erfand, einen schleswig-holsteinischen Landschullehrer namens Harm Harmsen und präsentierte ihn der Regierung. Nicht ohne dezent darauf hinzuweisen, dass dieser Harmsen selbst dem berühmten Herbert Jankuhn entgangen war. Dr Denzers damaliger Brief an die Landesregierung war ein Meisterwerk der Satire. Als er bei der Geburtstagfeier von Hartmut Kunkel, einem Kollegen aus Kurts Zeit an der Holstenschule in Neumünster, vorgelesen wurde, erheiterte er den ganzen Saal. Kurts Film über die Wikinger erhielt übrigens 1986 beim Festival International du Film d'Art et d'Archéologie in Brüssel den ersten Preis und bekam in Paris beim Festival du Film Archéologique den Spezialpreis der Jury.

Er wollte mit siebzig aufhören, aber er hörte nie auf. Damals hat Helmut Schulzeck ihn interviewt, das Interview steht im Internet. Wenn man das liest, dann kennt man den Filmemacher Denzer schon ganz gut. Ich habe vor elf Jahren hier den Post Kurt Denzer: Cinearchea geschrieben, er wird auch in dem Post Satyrspiel erwähnt. Und in dem Post Haithabu kommt er natürlich vor, denn Haithabu ohne Kurt Denzer geht gar nicht. Der Haithabu Post hatte ihm gut gefallen, er schickte mir gleich seinen neuesten Film zu dem Thema vorbei. Ich schreibe heute über ihn, weil er gerade im Alter von zweiundachtzig Jahren gestorben ist. Vor zwei Monaten hatten wir noch miteinander telephoniert, er fragte mich etwas zögernd, ob ich etwas gegen einen Besuch einzuwenden hätte. Ich sagte ihm, Corona hin oder her, er solle einfach vorbeikommen. Dazu ist es nun leider nicht mehr gekommen.

Film war sein Leben, Oberhausen war für ihn nicht nur ein Name auf der Landkarte. Schon als siebzehnjähriger Schüler gewann er mit einem Kurzfilm den ersten Preis beim Lippischen Amateur Filmclub Wettbewerb. Er sollte für seine Filme noch zahlreiche Preise bekommen. Er hat Latein, Germanistik und Kunstgeschichte studiert, hat aber seine Dissertation über Film geschrieben: Untersuchungen zur Filmdramaturgie des Dritten Reichs. Wenn Sie den Titel anklicken, können Sie die ganze Arbeit lesen, weil die UB Kiel die Dissertation ins Netz gestellt hat. Zu seinem Doktorvater Karl Otto Conrady hatte Kurt bis zu dessen Tod ein sehr gutes Verhältnis, kein anderer Professor der Uni hätte eine solche Dissertation 1970 angenommen als Conrady, der einmal SPD Abgeordneter im Landtag war. Bei Conrady hatte Reimer Bull seine Doktorarbeit über Arno Schmidt geschrieben, auch das war damals eine kleine Sensation, in einer Zeit, an der die Uni eher von der akademischen Tristesse der Langweiligkeit beherrscht war. Aber Kurt musste immer etwas Neues wagen. Und diese Dissertation war etwas Gewagtes, die Philosophische Fakultät hatte wegen des politischen Themas Angst gehabt und einen dritten Gutachter bestellt.

Wir standen nebeneinander in der Kunsthalle, als Björn Engholm die Eröffnungsrede zu der Günter Grass Ausstellung hielt. Barschel hätte das nicht gekonnt, flüsterte mir Kurt zu. Das war sicher richtig, aber egal ob SPD oder CDU an der Macht war, Kurt hatte mit dem Kultusministerium zu kämpfen. Engholms Rede über die Zeichnungen von Günter Grass (der in einem weißen Leinanzug gekommen war und ein wenig aussah wie Mark Twain) war so etwas wie ein Signal für einen kulturellen Neuanfang im Lande. Engholm konnte nicht nur schön über Kunst reden, unter seiner Regierung gab es etwas, das unter Stoltenberg und Barschel unmöglich gewesen war: eine Förderung der Filmarbeit im Lande, dafür sorgte die Kultusministerin Marianne Tidick, die Kurt sehr schätzte. Nicht nur weil es Geld gab.

Nach seiner Zeit an der Holstenschule in Neumünster hat der Oberstudienrat Dr Kurt Denzer ein Vierteljahrhundert die Filmarbeit der Kieler Universität geleitet. Er mochte die Arbeit an der Schule, von der er jetzt Abschied nahm, um etwas ganz Neues zu beginnen: 1970 begann ich das Referendariat, und die Schule in Neumünster hat mir sehr viel Spaß gemacht. Als ich dann im nächsten Jahr, 1971, wieder nach Oberhausen kam, in einen Hasch geschwängerten Raum, man lag ja da zum Teil auf dem Boden, um die Filme zu sehen, da dachte ich, das ist nicht deine Welt. Ich dachte, der eigentliche Klassenkampf findet ja wo anders statt, nämlich in der Schule, und mir kam das da beim Festival wie Kinderkram vor. Seitdem fuhr ich dann nicht mehr nach Oberhausen. Kurt leitete nun die Filmarbeit des Studentenwerks, gründete Kommunale Kinos (wie das KoKi Kiel in der Pumpe), und die LAG Film wäre ohne ihn ärmer gewesen. Das hat Ulrich Ehlers von der Landesarbeitsgemeinsschaft Jugend und Film zu Kurts fünfundsechzigsten Geburtstag gewürdigt, die schöne Würdigung seiner Arbeit steht glücklicherweise auch im Netz. Mein Lieblingsfilm unter Kurts Dokumentarfilmen heißt Floret Academia (der musste natürlich einen lateinischen Titel haben, weil Kurt Latein studiert hat), ein Film über die Dreihundertjahrfeier der Christian Albrechts Universität. Frech, despektierlich, schnell geschnitten. Der Film eines 68ers, obgleich es das Jahr 1968 noch gar nicht gab. Man sollte den endlich mal ins Netz stellen.

Berühmt geworden ist er für die Gründung der Cinarchea und seine Wikinger Filme, die er im Auftrag des Landes für das Wikinger Museum in Haithabu gedreht hat. Jahrzehntelanger Kampf eines auteurs mit den Geldgebern von der Kultusbürokratie. Da gibt es schreiend komische Anekdoten, und ich hatte gehofft, dass er endlich mal seine Memoiren schreiben würde. Vor fünf Jahren hat er mit A propos Haithabu … noch Fragen? ein kritisches Resüme seiner Arbeit vorgelegt. Er hat den kleinen Film eine Travestie genannt, das hat nun wieder etwas mit Harm Harmsen und dem Versuch der Geschichtsklitterung durch die Landesregierung zu tun.

Es ist traurig, diesen Nachruf schreiben zu müssen, und das auch noch am Totensonntag. Aber ich weiß, dass jeder, der Kurt gekannt hat, ihn nicht vergessen wird. Seine Kollegen aus der Zeit in Neumünster schrieben gestern in ihrer Traueranzeige: Seinen Schülerinnen und Schülern war er ein Lehrer, der ihnen den Weg in eigenständiges, kritisches Denken und in eine demokratisches Lebenshaltung wies. Uns, seinen Kolleginnen und Kollegen, war er ein gradliniger, offener, herzlicher Kollege und Freund, der unsere Treffen mit seiner Intelligenz, seinen Ideen und seinem Humor bereicherte. Wir werden Kuddel sehr vermissen.

Vor Jahren hat er mal im Urlaub die Schauspielerin Eva Mattes getroffen und sich nett mit ihr unterhalten. Als sie ihn fragte, wie er sie denn in ihrer Rolle als Klara Blum in den Bodensee Tatorten fände, hat er gesagt, dass er in seinem Leben noch nie einen Tatort gesehen hätte. Und dem entschuldigend hinzugefügt, er sei Filmemacher. Sie hat herzlich gelacht.


Zu Kurt Denzers achtzigstem Geburtstag hat Franz Obermeier von der Universitätsbibliothek Kiel alles zusammengetragen, was sich über den Filmemacher und Pädagogen im Internet und in anderen Quellen findet. Die Würdigung von Ulrich Ehlers findet sich da, das Interview von Helmut Schulzeck auch. Aber auch zwei Filmkritiken, die der Student Kurt Denzer für die Studentenzeitung Die Skizze geschrieben hat. Das über hundertseitige Werk ist auf der Seite von academia als PDF online gestellt.