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Donnerstag, 22. Februar 2018

Schopenhauer


Hätte er so wohnen wollen? Das Haus hat sich der Hamburger Kaufmann Martin Johann Jenisch bauen lassen. Kalte Hamburger Eleganz mit unverbautem Blick zur Elbe. Der Stil von ↠Christian Frederik Hansen (der auch die Palmaille gebaut hat) färbt immer noch ab. Es ist ein Stil, den man leicht imitieren kann. Ein Architekt des 20. Jahrhunderts baut sich in Baurs Park eine kleine Villa im Stil von Hansen. Und in Hansens ehemaligem Wohnhaus an der Altonaer Palmaille richtet er sich sein Atelier ein. Der Usurpator des Hamburger Klassizismus war zuvor Nazi, hat Hitlers Neue Reichskanzlei verschönt und Pläne für Hitlers neues Berlin entworfen. Ich habe Cäsar Pinnau schon mit boshftem Vergügen in den Post ↠Ascan Klée Gobert hineingeschrieben.

Das Jenisch Haus ist heute Museum. Im Landhaus des Südseekönigs Jean Cesar Godeffroy ist jetzt eine Tanzschule. ↠Hans Henny Jahnn, der bis zu seinem Tode in einem der Kavalierhäuser von Godeffroy wohnte, hätte die Villa von Godeffroy gerne gemietet. Jahnns Haus ist heute eine Schickeria Gaststätte. Georg Friedrich Baurs Katharinenhof ist von einem Immobilienspekulanten gekauft worden, der seinen übernommenen denkmalspflegerischen Pflichten nicht nachgekommen ist. Jetzt plant er den Verkauf. Einen Hamburger Patrizier wird man ihn wohl kaum nennen, da ist er eher dem ↠Herrn Kortüm ähnlich. Patrizier und Hanseaten sind eine ausgestorbene Spezies, nur ihre klassizistischen Villen erinnern noch an sie.

Arthur Schopenhauers Vater ist Großhandelskaufmann gewesen, zuerst in Danzig, dann in Hamburg. Er möchte, dass auch sein Sohn, der mit einem Godeffroy zur Schule geht, Großhandelskaufmann wird. Er soll die Welt sehen, erst ist er zwei Jahre in Frankreich, danach lockt ihn der Vater mit einer langen Bildungsreise durch Europa. Die gibt es aber nur, wenn er hinterher eine kaufmännische Lehre macht. Schopenhauer wird später über die Reise sagen, sie habe ihn gelehrt, die Bekanntschaft mit der Welt vom rechten Ende her anzufangen, sich nicht durch Worte und Geschichten über die Dinge dieser Welt zu unterrichten, sondern die Dinge selbst mit eigenen Augen in sich aufzunehmen. Er wird seinem Vater immer dankbar sein. Weniger seiner verschwendungssüchtigen Mutter, die ihren Mann nicht liebt. Ihren Sohn auch nicht. Glühende Liebe heuchelte ich ihm ebensowenig als er Anspruch darauf machte, aber wir fühlten beide, wie er mit jedem Tag mir werter wurde, sagt sie in ihrer Autobiographie über ihr Verhältnis zu ihrem Mann.

Der junge Schopenhauer kommt zu Martin Johann Jenisch ins Comptoir, dem Vater des Jenisch, der sich das schöne weiße Haus hat bauen lassen. Es wird eine harte Zeit für den jungen Schopenhauer, der so gerne ein Gelehrter werden möchte. Jetzt erfährt er, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind. Der Schopenhauer Spezialist Arthur Hübscher beschreibt das so: Es begann eine trübe Zeit. Jenisch war ein liebenswürdiger, aber strenger Lehrherr, er erzog seinen Lehrling zu genauer Arbeit und gab ihm bis in die Nacht hinein zu tun. Arthur geriet mehr und mehr in Widerstreit mit seinen Obliegenheiten. Wie er später berichtet, suchte er die Comptoirstunden auf jede mögliche Weise zu verkürzen, um Zeit für das häusliche Studium zu gewinnen. Im Comptoir selbst hielt er Bücher versteckt, in die er sich versenkte, so oft er unbeobachtet war. Er wird später in seiner ↠Autobiographie schreiben: Nie aber hat es einen schlechteren Handlungsbeflissenen gegeben als mich. Meine ganze Natur widerstrebte diesen Geschäften. Der oben erwähnte Arthur Hübscher hatte sein ganzes Leben Schopenhauer geweiht, jetzt ist er sozusagen Untermieter in Schopenhauers ↠Grab.

Worum es in den Geschäften im Comptoir des Handelshauses geht, das hat Schopenhauer schon begriffen. Als er Philosoph geworden ist, wird er schreiben: Auf Kaufleute ist die eudämonologische Regel in Betreff der Erhaltung des Vermögens nicht anwendbar; denn ihnen ist das Geld selbst Mittel zum ferneren Erwerb, gleichsam Handwerksgerät; daher sie, auch wenn es ganz von ihnen selbst erworben ist, es sich, durch Benutzung, zu erhalten und zu vermehren suchen. Demgemäß ist in keinem Stande der Reichtum so eigentlich zu Hause, wie in diesem. Schopenhauer wird nicht in Hamburg bleiben, wird in keinem der weißen Häuser wohnen, die Christian Frederik Hansen den Kaufleuten baut. Unsere zivilisierte Welt ist nur eine große Maskerade, unter deren Masken meistens lauter Industrielle, Handelsleute und Spekulanten stecken. In dieser Hinsicht machen den einzigen ehrlichen Stand die Kaufleute aus; da sie allein sich für Das geben, was sie sind, sie gehen also unmaskiert herum, stehen daher auch niedrig an Rang.

Schopenhausers Vater Heinrich Floris Schopenhauer ist nicht glücklich in seiner Ehe mit der neunzehn Jahre jüngeren Johanna gewesen: Meine Mutter gab Gesellschaften, während er in Einsamkeit verging, und amüsierte sich, während er bittere Qualen litt. Die halbe Welt, sogar Lord Nelson und ↠Lady Hamilton, ist im Hause zu Gast. Dass ↠Nelson bei ihm zu Gast ist, das gefällt Floris Schopenhauer. Er liebt die Engländer, er hat die Times abonniert, deren Lektüre er auch seinem Sohn ans Herz legt. Aber die Welt des Salons ist nicht die Welt von Floris Schopenhauer, er kränkelt, wird taub und schwermütig und stürzt im April 1805 aus dem Fenster des Dachspeichers in ein Fleet der Elbe. Unfall? Selbstmord? Gemütskrank sei er gewesen, sagen manche. Die Gemütskrankheit läuft in der Familie, Floris Mutter wird vom Gericht für geisteskrank erklärt und entmündigt, einer seiner Brüder soll seit seiner Geburt blödsinnig gewesen sein. Der junge Arthur Schopenhauer hat diese Geschichten gehört, seine Mutter tischt sie immer wieder auf. Es wird nicht an Kritikern fehlen, die den Philosophen Schopenhauer für geisteskrank halten.

Johanna Schopenhauer (hier als Malerin in der Mode des Empire gemalt von Caroline Bardua) verkauft die Firma ihres Mannes, zieht nach Weimar und spielt die ↠Salonière der gebildeten Welt. Als Goethe ihr sagt, dass ihr Sohn einmal sehr berühmt werden wird, entgegnet sie ihm: Ich habe niemals von zweien Genies innerhalb einer Familie gehört! Sie hält sich für ein Genie, da ähnelt sie ↠Donald Trump. Wenn man ihre Lebenserinnerungen liest, hat man nicht den Eindruck, dass hier ein Genie schreibt. Bei ihren Romanen auch nicht. Vergleicht man einen Roman wie ↠Gabriele mit den Romanen von ↠Jane Austen, dann werden ihre stilistischen Defizite deutlich. Ihr Sohn, der die Lehre bei Jenisch abgebrochen und den Gymnasialstoff nachgeholt hat, will jetzt studieren. Er bleibt für sie ein Hemmnis in ihren gesellschaftlichen Ambitionen: Du bist kein böser Mensch. Du bist nicht ohne Geist und Bildung, Du hast alles, was Dich zu einer Zierde der menschlichen Gesellschaft machen könnte, aber dennoch bist Du überlästig und unerträglich, und ich halte es für höchst beschwerlich, mit Dir zu leben: alle Deine guten Eigenschaften werden durch Deine Superklugheit verdunkelt und für die Welt unbrauchbar ....

Schopenhauer ist von seiner Mutter nicht abhängig, das väterliche Erbe wird für den Rest seines Lebens ausreichen: Vorhandenes Vermögen soll man betrachten als eine Schutzmauer gegen die vielen möglichen Übel und Unfälle, nicht als eine Erlaubnis oder gar Verpflichtung, die Pläsiere der Welt heranzuschaffen. Es ist schön, wenn man sich um das Geld nicht sorgen muss, es philosophiert sich dann leichter. Auch ↠Kierkegaard - der über Schopenhauer sagte: Es hat mich unsagbar belustigt, Schopenhauer zu lesen. Was er sagt, ist völlig wahr und wiederum so grob, wie nur ein Deutscher sein kann. Das gönne ich den Deutschen -  hatte ein Vermögen geerbt, das bis zu seinem Lebensende reichte. Er war auf dem Weg zur Bank, um die letzte Rate des Vermögens abzuholen, als ihn der Herzinfarkt traf.

Der Einblick in die Welt der Hamburger Pfeffersäcke hat Schopenhauer zu einem geschickt agierenden Verwalter seines Vermögens werden lassen (ganz anders als ↠Proust, der ständig große Summen an der Börse verlor). Als das Danziger Bankhaus Abraham Ludwig Muhl, bei dem Floris Schopenhauer sein Vermögen angelegt hat, finanziell in die Bredouille gerät, sichert sich Schopenhauer den größten Teil seines Vermögens. Seine Mutter und seine Schwester müssen sich mit einem unvorteilhaften Vergleich begnügen. Geld allein ist das absolut Gute: weil es nicht bloß einem Bedürfnis in concreto begegnet, sondern dem Bedürfnis überhaupt in abstracto.

Schopenhauer wurde heute vor 230 Jahren geboren. Er sprach fließend Französisch und ein sehr gutes Englisch (er hätte gerne ↠Laurence Sterne übersetzt), das ist für Philosophieprofessoren keine Selbstverständlichkeit. Zu seinen Lebzeiten war er nicht wirklich berühmt, aber wenn Goethe zu Johanna Schopenhauer sagte, dass ihr Sohn einst berühmt werden würde, hatte er sich nicht geirrt. Es hat nur ein wenig gedauert. In meinem Philosophiestudium in den sechziger Jahren kam Schopenhauer nicht vor. Kierkegaard auch nicht. Es wurden die alten Griechen angeboten und ↠Hegel und ↠Heidegger. Die beiden Herren haben hier schon Posts. Die nicht sehr nett sind, ich mag sie beide nicht. Schopenhauer mochte Hegel auch nicht. Schopenhauer kann man immer lesen. Kierkegaard auch. Als ich der Dozentin, die mich im Rigorosum prüfte, Schopenhauer und Kierkegaard als Prüfungsthemen vorschlug, guckte sie mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Sie empfahl mir, ihre Hegel Vorlesung zu besuchen. Mein kleiner Scherz, dass Schopenhauer Hegels Gesicht als Bierwirtsphysiognomie bezeichnet hatte, kam bei ihr nicht gut an. Ihre Hegel Vorlesung bei mir auch nicht.

Als ↠Theodor Fontane Schopenhauers ↠Parerga und Paralipomena gelesen hatte, schrieb er: Geistvoll und interessant und anregend ist alles; vieles zieht einem einen Schleier von den Dingen oder den Augen fort und gewährt einem den Genuß freudigen Schauens; über Dinge, über die man aus Mangel an Erkenntnis oder auch aus einer gewissen Feigheit im unklaren war, wird man sich klar: man hat die angenehme Empfindung: das erlösende Wort wurde gesprochen. Das lasse ich mal als Schluss hier stehen.

Samstag, 19. Juni 2021

Philosophen und Fremdsprachen

Der Philosoph Hermann Schmitz, der im Mai im Alter von zweiundneunzig Jahren starb, pflegte in seinen Vorlesungen lange griechische Zitate vorzutragen. Es konnte allerdings geschehen, dass es am Ende des Zitats einen Zwischenruf gab. Also zum Beispiel: Hermann, mein Griechisch ist etwas eingerostet. Kannst Du das noch einmal auf Japanisch vortragen? Viele Studenten gingen in die Vorlesung von Schmitz, weil das besser als Tom und Jerry war, das steht schon in dem Post Philosophenwitze. Den Zwischenruf mit der Bitte um ein japanisches Zitat habe ich übrigens nicht erfunden, den hat es wirklich gegeben. Es gab viele Zwischenrufe bei Schmitz, die häufig sehr witzig waren. Bei seinem Kollegen Karl-Otto Apel gab es keine Zwischenrufe, da hörten die Studenten zu. Wenn Schmitz auch im Griechischen und Lateinischen firm war, so schwächelte er im Englischen. Philosophen wie Hobbes und Hume hat er nie im Original gelesen. Allerdings haben ihn Hobbes und Hume auch nie interessiert. Die Frage stellt sich, wieviele Fremdsprachen muss ein Philosoph kennen? Um die Welt zu verstehen. Um seine Kollegen zu verstehen?

Für Leibniz war die Sache klar, er hatte ein gewissen Mißtrauen gegenüber dem Deutschen als Sprache des Philosophen, das kann man seinen Unvorgreiffliche Gedancken, betreffend die Ausübung und Verbesserung der Teutschen Sprache entnehmen. Die deutsche Sprache sei geeignet, um den Bergbau, das Jagd- und Waidwerk und die Seefahrt zu beschreiben, aber bei den Abstrakta versage sie: Es ereignet sich aber einiger Abgang bey unserer Sprache in denen Dingen, so man weder sehen noch fühlen, sondern allein durch Betrachtung erreichen kan; als bey Ausdrückung der Gemüths Bewegungen, auch der Tugenden und Laster und vieler Beschaffenheiten, so zur Sitten-Lehr und Regierungs-Kunst gehören; dann ferner bey denen noch mehr abgezogenen und abgefeimten Erkäntnissen, so die Liebhaber der Weissheit in ihrer Denck-Kunst, und in der allgemeinen Lehre von den Dingen unter dem Nahmen der Logick und Metaphysick auff die Bahne bringen. Leibniz schrieb seine Werke in französischer oder lateinischer Sprache.

Immanuel Kant wird deutsch schreiben. Er konnte Französisch, das hatte er in der Schule gelernt; wo er allerdings den Französischunterricht noch selbst bezahlen musste, der stand nicht auf dem Lehrplan der Schule. David Hume, den er lobte, wird er auf deutsch gelesen haben, er konnte kein Englisch. Es kommt jetzt viel an Philosophie aus Schottland und England, aber kaum ist es erschienen, da sind die Werke von Adam Smith, David Hume, George Berkeley, Shaftesbury und John Locke (der Pierre Nicoles Essays ins Englische übersetzt hatte) auch schon übersetzt. Es kommt im 18. Jahrhundert nicht nur viel Philosophie von der britischen Insel nach Deutschland. Wir importieren auch die neue literarische Form, den Roman. Wir importieren die Herrenmode (Goethes Werther trägt mit gelben Hosen und blauem Rock englische Tracht), die Neugotik und den Landschaftsgarten. Ich fasse mich hier kurz. Wenn Sie mehr zu dem Thema wissen wollen, dann lesen Sie Der Einfluß der englischen Literatur auf die deutsche von Horst Oppel (in Deutsche Philologie im Aufriß 1962).

Aber wir haben doch einen deutsche Philosophen, der Englisch spricht, der beinahe täglich die Times liest, der in England gewesen ist. Der ein philosophisches Werk schreibt, das die Engländer allerdings nicht kennen. Bis zu dem Augenblick, da der englische Schriftsteller John Oxenford kommt. Den kennt heute kaum noch jemand, obgleich er einmal ein berühmter Mann war. Er hat Goethes Autobiographie ins Englische übersetzt, Opernlibretti geschrieben und französische Lieder übersetzt. Und sein Theaterstück geschrieben (A Day Well Spent ), das von Thornton Wilder und Johann Nestroy umgeschrieben wurde, bis irgendwann das Musical Hello, Dolly! daraus wurde. Oxenford hat auch Lieder geschrieben, eins davon kann ich immer noch singen:

The ash grove, how graceful, how plainly 'tis speaking;
The wind through it playing has language for me,
When over its branches the sunlight is breaking, 
A host of kind faces is gazing on me.
The friends of my childhood again are before me;
Each step wakes a memory as freely I roam.
With whispers laden the leaves rustle o'er me;
The ash grove, the ash grove alone  is my home.

Das hat uns unser Englischlehrer Dr Fritz Tröbs (den wir nur James nannten, weil er immer den sächsischen Genetiv am Beispiel von James's book illustrierte) nicht erzählt, dass Oxenford diese Version geschrieben hatte. Er hat es uns als walisisches ✺Volkslied verkauft, was es ja eigentlich auch ist. James hat uns außer englischen Liedern die wirklichen Klassiker der englischen Literatur vermittelt. Gut, Shakespeare und so'n Zeuch auch, aber ich meine jetzt die wirklichen Klassiker. Nämlich P.G. Wodehouse, The Wind in the Willows und Winnie-the-Pooh. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar. Er hat uns auch gezwungen, jeden Tag zehn neue Vokabeln zu lernen und in ein Vokabelheft einzutragen. Was haben wir ihn verflucht. Hat aber viel genützt. Wahrscheinlich gibt es heute keine Englischlehrer mehr, die in der Sekundarstufe II P.G. Wodehouse, The Wind in the Willows und Winnie-the-Pooh lesen und einen jahrelangen Vokabeltrainingsterror durchziehen.

1853 erschien im Westminster Review ein anonymer Aufsatz mit dem Titel Iconoclasm in German Philosophy (Bildersturm in der deutschen Philosophie). Der Autor war niemand anderer als der Theaterkritiker der Times John Oxenford, der hier den Engländern den deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer vorstellte. Schopenhauer erfuhr zufällig von diesem Artikel, und er sorgte dafür, dass es eine deutsche Übersetzung von Iconoclasm in German Philosophy geben wird. Das macht sein Freund Ernst Otto Lindner, Redakteur (später Chefredakteur) der Vossischen Zeitung, der mit einer Engländerin verheiratet ist. Die Übersetzung wird unter dem Titel Deutsche Philosophie im Auslande im Juni 1853 in der Vossischen Zeitung erscheinen, und sie macht Schopenhauer auf einen Schlag berühmt. The article is masterly in all respects, combining perfect grasp of the subject with lucid exposition and interesting treatment. It may be called without exaggeration the foundation of Schopenhauer's fame, both in his own and other countries, schrieb der Musikkritiker der Times Francis Hueffer.

Schopenhauer ist seinem Freund Lindner, der er auch als seinen Apostel bezeichnet, dankbar, dass der innerhalb dreier Wochen Oxenfords Artikel übersetzt und so in Deutschland bekannt gemacht hat: Das ist eine rechte Herzensstärkung im Alter, wo die Freunde unserer Jugendzeit fast alle weggestorben sind, daß wir neue und junge Freunde finden, welche an Theilnahme und Eifer die ehemaligen übertreffen: und doppelt ist es so, wenn wir diese neuen Freunde nicht dem Zufall, oder gemeinen Übereinstimmungen verdanken, sondern dem besten und edelsten Theil unsres Selbst. Ich bin so glücklich einige solche junge Freunde mir erworben zu haben; aber unter allen sind Sie wenigstens der allererste, indem Sie meine Wünsche erfüllen, ja, ihnen entgegenkommen ehe ich es nur gedacht habe.

Ich stammte aus Danzig, wenig aber fehlte, so wäre ich Engländer geworden, schreibt Schopenhauer in dem Lebenslauf, den er bei seiner Habilitation der Alma Mater Berolinensis vorlegt. Er setzt den Termin seiner ersten Vorlesung auf dieselbe Zeit, in der Hegel liest. Er hat kaum Zuhörer. Nach einem Jahr kündigt er die Stellung und macht eine Italienreise. Berlin hat er nie gemocht. Hegel noch weniger. Seine Vater hatte sich gewünscht, dass er in England geboren würde, einem Land der Freiheit, aber Schopenhauers Mutter war zu früh von ihrer Englandreise zurückgekehrt. Nach der Berliner Zeit zieht der Privatgelehrte nach Frankfurt, er hat dafür seine Gründe: Gesundes Klima. Schöne Gegend. Annehmlichkeiten großer Städte. Besseres Lesezimmer. Das Naturhistorische Museum. Besseres Schauspiel, Oper und Concerte. Mehr Engländer. Bessere Kaffeehäuser. Kein schlechtes Wasser. Die Senckenbergische Bibliothek. Keine Überschwemmungen. Weniger beobachtet. Die Freundlichkeit des Platzes und seiner ganzen Umgebung. Ich glaube, das mit den Engländern war ihm das Wichtigste.

In seinem Nachwort zu Oxenfords Iconoclasm in German Philosophy sagte Lindner über Schopenhauer, dass er eine, zumal in der Philosophie, so äußerst seltene Darstellungsgabe besitzt, deren Klarheit und Objectivität nur durch den Tiefsinn des Inhalts übertroffen wird. Das wird über das Werk von Hermann Schmitz wahrscheinlich niemand sagen. Klarheit und Objektivität sind etwas, das die Leser an Schopenhauer schätzen werden. Der Mann, der beinahe in England geboren wurde, ist durch einen Engländer berühmt geworden. Nach seinem Tod, wird ihn die ganze Welt lesen. Tolstoi schreibt, als er gerade Krieg und Frieden beendet hat: Wissen Sie, was der diesjährige Sommer für mich bedeutet hat? Ununterbrochene Begeisterung für Schopenhauer und eine Reihe geistiger Genüsse, die ich niemals zuvor erfahren habe. […] Ich weiß nicht, ob ich meine Meinung einmal ändern werde, jetzt jedenfalls bin ich überzeugt, dass Schopenhauer der genialste aller Menschen ist […]. Wenn ich ihn lese, ist mir unbegreiflich, weshalb sein Name unbekannt bleiben konnte. Es gibt höchstens eine Erklärung, eben jene, die er selber so oft wiederholt, nämlich dass es auf dieser Welt fast nur Idioten gibt.

Donnerstag, 27. August 2020

Georg Wilhelm Friedrich Hegel


Heute vor zehn Jahren stand hier im Blog der Post Hegel. Der deutsche Philosoph hat gerade ein Jubiläum, deshalb stelle ich das noch einmal ein. Weil mir auch nach zehn Jahren nicht mehr so viel zu ihm einfällt, natürlich ist der Text ein wenig überarbeitet. Oder doch ziemlich viel. Die Kieler Nachrichten hatten letztens eine Doppelseite zum Thema Hegel als Sonntagsbeilage, ein Feuilleton hat die Zeitung ja nicht mehr. Die Seiten waren reich bebildert, das Bild von Delacroix La Liberté guidant le peuple war auch dabei.

Unter dem Bild von Delacroix findet sich in der Zeitung dieses Bild. Und der Satz: Er war ein glühender Anhänger der Französischen Revolution; Corona-Demos hätte er wohl abgelehnt. Wie man von der barbusigen Marianne zu den maskenlosen Demonstranten kommt, weiß ich jetzt nicht so ganz. Hat das etwas mit der Hegelschen Dialektik zu tun? Soll es eine Illustration für Hegels Satz Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend sein?

Den größten Teil der Zeitungsseite machte ein Interview mit dem Professor Klaus Vieweg aus, der ist zur Zeit der begehrteste Interviewpartner im Hegel Jahr (das natürlich auch ein Hölderlin Jahr ist). Klaus Vieweg hat nämlich gerade eine neue Hegel Biographie vorgelegt, die Denis Scheck besonders gut gefällt. Nicht alle Rezensenten sind völlig begeistert; und man sollte nicht vergessen, dass auch andere Autoren für das Jahr 2020 Bücher über den Freund der französischen Revolution, der jedes Jahr am 14. Juli ein Glas Champagner zu trinken pflegte, vorgelegt haben.

Da wäre noch Hegels Welt von Jürgen Kaube zu nennen, ein Buch, das sich sehr gut liest. Weil es von einem Journalisten (Mitherausgeber der FAZ) und nicht von einem Philosophieprofessor geschrieben wurde. Das dritte Buch, Slavoj Žižeks Hegel im verdrahteten Gehirn ist eine Übersetzung aus dem Englischen (Hegel in A Wired Brain), es ist erheblich kürzer als das 2014 erschienene Weniger als nichts: Hegel und der Schatten des dialektischen Materialismus des Autors, das mehr als 1.400 Seiten umfasst. Für Freunde von Lacan und Žižek habe ich hier noch ein zweistündiges ✺Video.

Heute vor 250 Jahren wurde Hegel geboren. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Philosophen, ein Vertreter des deutschen Idealismus. Für den Schopenhauer kein gutes Wort übrig hatte: Hier also liegt der Ursprung jener unmittelbar nach Kants Lehre auftretenden philosophischen Methode, die im Mystificiren, Imponiren, Täuschen, Sand in die Augen streuen und Windbeuteln besteht, deren Zeitraum die Geschichte der Philosophie einst unter dem Titel ,Periode der Unredlichkeit' anführen wird. Wenn Sie Hegel nicht gelesen haben, ist der Weltgeist an Ihnen vorbeigelaufen. Man kann aber auch ganz gut ohne ihn leben. Als Schopenhauer vor 200 Jahren an der Berliner Universität anfing, legte er seine Vorlesung auf die gleiche Zeit, in der Hegel zu lesen pflegte. Es kamen sehr wenig Studenten zu Schopenhauer.

Der junge baltische Baron Boris von Uexkuell ganz bestimmt nicht. Der war nämlich Hegel Verehrer. Sein Journal über den Rußlandfeldzug ist 1965 unter dem Titel Armeen und Amouren zum ersten Mal bei Rowohlt erschienen (die englische Ausgabe hatte den Titel Arms and the Woman). Seine Erinnerungen an Hegel sind auch in dem Band. Bei seinem ersten Zusammentreffen mit dem Philosophen in Heidelberg fand Uexkuell zu seiner nicht geringen Verwunderung einen ganz schlichten und einfachen Mann, der ziemlich schwerfällig sprach und nichts Bedeutendes vorbrachte. Danach schreibt er: [Ich] kaufte mir die schon erschienenen Werke Hegels und setzte mich abends bequem in meine Sophaecke, um sie durchzulesen. Allein je mehr ich las, und je aufmerksamer ich beim Lesen zu werden mich bemühte, je weniger verstand ich das Gelesene, so daß ich, nachdem ich mich ein paar Stunden mit einem Satz abgequält hatte, ohne etwas davon zu verstehen zu können, das Buch verstimmt weglegte, jedoch aus Neugierde die Vorlesungen besuchte.

Das wäre ja noch schöner, wenn man sich mit dem Buch eines Philosophen in die Sofaecke setzen könnte und ihn einfach so verstehen könnte. Es ist ja das Wesen des Philosophen (besonders bei Hegel), dass man ihn nicht versteht und immer mehrere andere Philosophen lesen muss, die ihn vielleicht verstanden haben. Der Hegel von Alexandre Kojève ist ein anderer als der Hegel von Vittorio Hösle. Aber unser Uexkuell lässt nicht locker und wird zahlreiche Vorlesungen Hegels abschreiben (beziehungsweise abschreiben lassen), was ihm einen Platz in der Hegel Forschung sichert. Was aber viel wichtiger als seine Vorlesungsmitschriften ist, ist sein Journal aus dem Vaterländischen Krieg, in dem er auf russischer Seite gegen Napoleon kämpft. Gegen denselben Napoleon, der für seinen neuen Lehrmeister einmal die Verkörperung des Weltgeistes zu Pferde war.

Was wäre geschehen, wenn Uexkuell Schopenhauer gehört hätte? Vorlesungen bedeutet damals noch, dass der Professor aus einem eigenen Werk vorliest. Die Studenten hören ehrfurchtsvoll zu, wie auf dem Bild weiter oben, das Hegel vor Studenten in Berlin zeigt. Da könnten sie ja auch zuhause in ihrer Sofaecke die Schriften des Professors studieren. Die Ehrfurcht vor dem Professor brauchen die Studenten bei Hegel, denn sonst ist er nicht zu ertragen, Uexkuell ist da mit seinem Urteil noch zurückhaltend. Hegel besitzt keinerlei Humor, keinerlei Schlagfertigkeit, er ist die Verkörperung des obrigkeitshörigen deutschen Spießers. Und er kann nicht einmal seine eigenen Werke gut vorlesen. Er spricht schlecht, verhaspelt sich ständig und ist um Worte verlegen. Und dann spricht er dieses breite Schwäbisch, sagt ebbes statt etwas oder Also, dess wär doch wirglich nedd nedig gwää.

Er kommt in den Berliner Kreisen nicht unbedingt an, es gibt da eine schöne kleine Anekdote in Therese Devrients Jugenderinnerungen. Da sitzt sie mit ihrem Ehemann (dem Sänger und Schauspieler Eduard Devrient) und Mendelsohn-Bartholdy in einer Gastwirtschaft 'Sagen Sie mir doch, Felix,' wandte sie sich nach rechts, 'wer ist der dumme Kerl hier neben mir?' Der Gefragte hielt sich einen Augenblick das Taschentuch vor den Mund, dann flüsterte er: 'Der dumme Kerl da neben Ihnen ist der berühmte Philosoph Hegel.' Der dumme Kerl ist ja noch ganz nett, Schopenhauer ist der Meinung, er habe eine Bierwirtsphysiognomie. Da gucken wir das Bild da unten doch gleich ganz anders an.

Doch der Mann, der in seiner Jugend, als er noch ein Freund von Hölderlin war, für die Sache der Revolution war, der Napoleon für die Verkörperung des Weltgeistes hielt, der wird jetzt zunehmend unsicher, ob er in seinen philosophischen Systemgebäuden die Welt wirklich richtig berechnet hat. Überall zeigen sich jetzt erste Tendenzen eines Liberalismus, das ist ja nun für Hegel das Schrecklichste auf der Welt. Pressefreiheit? Igitt. Im Jahre 1821 attackiert er seinen Kollegen Jakob Friedrich Fries, der wegen seiner liberalen Ansichten gerade zwangsemeritiert wurde. Als die Hallesche Zeitung schrieb, dass dies für einen großen Philosophen keine noble Haltung sei, beschwert er sich beim König über zu große Pressefreiheit. Er muss sich vom preußischen Kultusminister Carl vom Stein zum Altenstein (dem wir das humanistische Gymnasium und unser ganzes Schulsystem verdanken) belehren lassen, dass er sich  ja an die Gerichte wenden könne, wenn er sich diffamiert fühle.

Der Mann, der die ganze Welt und den Staat in seiner Philosophie definiert hat, versteht die einfachsten Dinge der richtigen Welt nicht. Den Preußen wird dieser Philosoph, der sich ständig bei der Obrigkeit einschleimt, langsam wirklich peinlich. Auf Veranlassung von Friedrich Wilhelm III wird Hegels Artikel Über die englische Reformbill in der Preußischen Staatszeitung nicht vollständig gedruckt. Der König möchte wegen der kleinen Giftnudel Hegel keinen Ärger mit England haben. Hegels bestgehasster Kollege Jakob Friedrich Fries hat für ihn den schönen Satz übrig gehabt:  Hegels metaphysischer Pilz ist ja nicht in den Gärten der Wissenschaft, sondern auf dem Misthaufen der Kriecherei gewachsen... Wissenschaftlicher Ernst wird gegen diesen Philosophen unter den Bütteln nicht die rechte Waffe sein.

Fries ist nicht einzige, der so redet, ich hätte da noch ein schönes Zitat: Hegel, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der, mit beispielloser Frechheit, Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte, welche von seinen feilen Anhängern als unsterbliche Weisheit ausposaunt und von Dummköpfen richtig dafür genommen wurden, ... hat den intellektuellen Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge gehabt. Das ist von Arthur Schopenhauer. Hatte vielleicht derjenige recht, der dem jungen Hegel sagte: O Hegel, Du saufscht Dir g ́wiß noch dai glois bißle Verstand vollends ab? Der Satz wird häufig Hölderlin zugeschrieben, aber er ist wahrscheinlich nicht von ihm. Aber vom Wein wird er sein ganzes Leben nicht lassen, dann wird er auch ganz gesellig.

Wenn Schopenhauer und Fries in der Beurteilung Hegels nicht ausreichen, dann kann ich noch Karl Popper zitieren, der in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde den Leser davor warnt Hegels schwulstiges und mystifizierendes Kauderwelsch ernst zu nehmen. In seinem Buch zerlegt er Hegels Denken. Und Hegels Sprache, an einer Stelle schreibt er: Es erhebt sich die Frage, ob sich Hegel, durch seinen eigenen Jargon hypnotisiert, selbst hinters Licht geführt hat, oder ob er unverfroren genug war, andere zu verhexen oder hinters Licht zu führen. Ich bin überzeugt, dass letzteres zutrifft.

Ich habe noch eine kleine Anekdote, um mal etwas Nettes über Hegel zu sagen. Der große Denker hat gerade wieder einmal dem Punsch ein wenig zu sehr zugesprochen. Man ist bei einem Herrenabend im Jahre 1817 bei Heinrich Voss, Jean Paul ist der Ehrengast. Im Laufe der Unterhaltung fragt ein anwesender Pfarrer, ob der Herr Professor Hegel nicht eine Einführung in die Philosophie für junge Mädchen schreiben könne? Hegel lehnt das mit dem Hinweis ab, dass seine Sprache nicht leicht fasslich sei (was ja immerhin eine Selbsterkenntnis ist), woraufhin der Pfarrer vorschlägt, dass Jean Paul Hegels Gedanken in die richtige sprachliche Form bringen solle. Das Gelächter will jetzt kein Ende nehmen. Und das ist ja auch eine komische Vorstellung: Jean Paul als ghostwriter für Hegel. Man setzt diese Scherze noch ein wenig fort, bis Hegel ausruft, man müsse Jean Paul zum Doktor der Philosophie machen. Was er tatsächlich wenig später in die Praxis umsetzt. Die Doktorurkunde (die ich mir jetzt zu zitieren erspare) liest sich ein wenig, als sei sie noch in der gleichen weinseligen Nacht geschrieben.

Ich weiß bis heute nicht, weshalb Hegel bedeutend sein soll, ich bin ihm auch in meinem ganzen Studium der Philosophie aus dem Weg gegangen. Die Dozentin, die mich im Rigorosum prüfte, hätte es gerne gesehen, wenn ich ihre Hegel Vorlesung besucht hätte. Aber mir reichte das katastrophale Schelling Seminar, das ich bei ihr besucht hatte. Ich hatte ihr als Prüfungsthemen Schopenhauer oder Kierkegaard angeboten, sie sagte mir, das seien keine Philosophen. Es käme mir niemals in den Sinn, über Schopenhauer oder Kierkegaard ebenso bösartig zu schreiben, wie ich über Hegel schreibe.

Nun mag man sagen, dass alle vorgebrachte Kritik ein argumentum ad hominem ist, und das nichts davon sein System des Denkens berührt. Die Unfähigkeit, sich sprachlich klar verständlich auszudrücken, nehmen wir jetzt mal aus. Das können Philosophen nun mal nicht, schwäbische ganz besonders nicht. Außer sie geben sich volkstümlich: Es ist viel Lobendes gesagt worden, und der Maßstab, nach dem gemessen wurde, hat sein eigenes Recht, aber derjenige, den es angeht, hat noch einen anderen Maßstab, den ich mit einem schwäbischen Spruch kurz formulieren kann: Wenn i wär wia i sein sott. Das ist nun nicht von Hegel, das ist von Heidegger. Dessen Sprache hat Robert Minder einer Analyse unterzogen, und das Ergebnis ist vernichtend. Vielleicht sollte man das auch mal mit Hegel machen, denn die Sprache ist gleichsam der Leib des Denkens oder mit Buffons Worten le style c'est l'homme.

Hegel hat ein System, und von Philosophen, die ein System haben, sind wir Deutschen immer schwer begeistert. Wenn wir es nicht verstehen, macht es nichts, dafür sind Philosophen ja da, dass sie nicht verstanden werden. Es ist schön, dass es Schaubilder wie dieses gibt. Hier wird die Enstehung des Gin Tonic dialektisch erklärt, und sicher hat diese Zeichnung etwas mit Magrittes Bild Hegels Ferien da oben zu tun. Manchmal ist es gefährlich, gehässige Dinge über Philosophen zu sagen. Sie können ja irgendwo Fans haben. Der größte Hegel Fan im Internet heißt Kai und hat eine Hegelwerkstatt, und auf seiner neuen Seite finden Sie Literatur zu Hegel bis zum Abwinken. Hoffentlich liest er dies hier nicht.

Ich bin mal vor Jahren von einer Frau zu einer Party mitgeschleppt worden, wo ich niemanden kannte, und wo ich kurz vor Mitternacht, als sich in der Küche eine kleine philosophische Diskussion entspann (wie das auf Parties ja meistens um Mitternacht in der Küche passiert), einen lebenden deutschen Philosophen verbal beleidigte. Würde ich jederzeit wieder tun. Unglücklicherweise stellte sich jetzt heraus, dass sich der mir bis dahin unbekannte Gastgeber als jemand vorstellte, der sich gerade bei dem Objekt meiner Beleidigungen habilitiert hatte. Und zwei seiner Freunde, die auch in der Küche waren, hielten Hermann Schmitz auch für den größten deutschen Philosophen, nicht für den größten deutschen Spinner. Die ausgelassene Partystimmung bekam sehr gereizte Untertöne. Mich rettete Ingomar von Kieseritzky, den ich nonchalant in die Diskussion einbrachte. Die Stimmung schlug augenblicklich um. Und als ich dann noch hinzufügte, dass ich von Kieseritzkys Buch Die ungeheuerliche Ohrfeige ein vom Autor signiertes und mir gewidmetes Exemplar besaß, war alles vergeben und vergessen. Da hätte ich noch viel schlimmere Dinge über Schmitz sagen können.

Flohkunde + Stoizismus - braucht man mehr? (unbekannter Kyniker). Gern zitiert von I. Kieseritzky steht in meinem Exemplar von Die ungeheuerliche Ohrfeige oder Szenen aus der Geschichte der Vernunft. Flohkunde wäre sicherlich für die Helden dieses Romans, die mit einem Schwein namens Sophia von einem Philosophen zum anderen durch das antike Griechenland wandern. Auf der Suche nach einer Philosophie zur Verbesserung der Menschheit. Das Originellste, was ihnen einfällt, ist eine aus dem Himmel verabfolgte ganz ungeheuerliche Ohrfeige, die denjenigen abwatscht, der völligen Unsinn redet. Unsere drei Philosophen stellen schon Listen auf, wen es treffen soll. Wir als Leser bei der Lektüre des Romans auch. Wäre das nicht schön, all diese Politiker, die man nicht leiden kann, reden zu hören, und dann kommt plötzlich aus dem Himmel diese ungeheure Ohrfeige?

Wo bleibt das Positive? Vor zehn Jahren stand hier: Zuerst wollte ich das hier mit einem Gedicht aus Karl Krolows Herbstsonett mit Hegel beenden. Aber angesichts dieses Wetters geht das nicht, wir reden sonst den Herbst herbei und dabei haben wir doch noch Sommer. Auch wenn die Konfektionsgeschäfte schon überall die dicken Tweedjacken in die Fenster geräumt haben. Doch das Wetter hat sich geändert, der schöne Sommer scheint vorbei, draußen sind Regen und Sturm. Und da das Herbstsonett mit Hegel im Internet kaum zu finden ist, stelle ich es heute hier einmal ein:

Den Staub des Sommers unter den Fingernägeln, 
den Dieselgeruch noch immer im faulenden Laub 
Verschiedene Beeren leuchten, geschaffen zum Raub 
durch Amseln und Winde, die über Baumkronen segeln. 

Der Herbst ist anders. Er nennt seine Regeln 
und bläst in die Blätter und Blusen den eigenen Staub. 
Er brennt in den Gärten. Du frierst schon im Rücken. Glaub 
mir, der ist Dialektiker. Wie weiland bei Hegeln 

geht es zu mit der Geschichte beliebiger Jahre, 
mal so und mal so. Der greift getrost in die Haare 
mit Sturm und macht die Geschichte kaputt. 

Der ist nicht zu ändern, der kommt mit den Regenschauern. 
Da hilft nichts. Da gibt es nichts zu bedauern. 
Die Furie des Verschwindens landet schließlich im Schutt. 

Und ganz zum Schluss habe ich noch etwas Nettes zu Hegel. Es ist ein gelber Reclam Band mit dem Titel Die Philosophenwelt in Versen vorgestellt, selbst gedichtet von dem deutschen Philosophen Lutz Geldsetzer. Das ist nun wirklich einmal eine witzige Einführung in die Philosophie. Ich zitiere daraus mal den Anfang von Strophe 50:

Als Schelling längst in Jena las,
er seines Freundes nicht vergaß,
des Georg Friedrich Wilhelm Hegel,
der - etwas älter - nicht so kregel.
Sie kannten sich seit vielen Jahren
da sie Kommilitonen waren
- was auch den Hölderlin betrifft -
an Tübingens berühmtem Stift.
In Jena sah man diese beiden
so manches Schriftwerk nun verbreiten,
von dem noch heute nicht ganz klar,
was jeweils wohl ihr Anteil war.
Doch hat dann Hegel in der Nacht
der Jena-Auerstedtschen Schlacht
noch letzte Hand ans Werk gelegt,
das späterhin die Welt bewegt:
'Phänomenologie des Geistes,
System der Wissenschaft' - so heißt es.
Da wird der Geist nun absolut,
die ganze Welt ist, was er tut,
und tritt hervor in die Erscheinung
durch seine Kräfte zur Verseinung.
Zunächst ist er nur selber da
- an sich -, eh' irgend was geschah....

Und so geht es weiter. Eine Philosophiegeschichte von der Antike bis zur Gegenwart in einhundert Strophen, das hätte Hegel nicht gekonnt. Strophe 100 wendet sich zwar erst einmal gegen die neuerdings ins Kraut schießenden philosophischen Theorien, aber ich glaube, man kann das auch als Test für jede Philosophie gebrauchen.

Willst du die Wahrheit nur erfühlen,
versuch den Test des Ridikülen,
denn wie schon Shaftesbury empfahl,
gilt von der Wahrheit allemal,
daß sie in dem hat ihren Sitz,
was standhält einem guten Witz!
Treibst du geduldig dieses Spiel,
so sei gewiß, es bleibt nicht viel
von dem, was da in ernsten Worten
ertönet heute allerorten.
Leicht trennt sich da die Spreu vom Weizen,
der uns alleine kann noch reizen,
die Körnchen aber halt' in Ehren,
denn wahre Einsicht sie gewähren.

Freitag, 27. August 2010

Hegel


Heute vor 240 Jahren wurde Hegel geboren. Gilt als einer der bedeutendsten deutschen Philosophen. Wenn Sie ihn nicht gelesen haben, ist der Weltgeist an Ihnen vorbeigelaufen. Man kann aber auch ganz gut ohne ihn leben. Als Schopenhauer vor 190 Jahren an der Berliner Universität anfing, legte er seine Vorlesung auf die gleiche Zeit, in der Hegel zu lesen pflegte. Es kamen sehr wenig Studenten zu Schopenhauer. Der junge baltische Baron Boris von Uexkuell ganz bestimmt nicht. Der war Hegel Verehrer. Bei seinem ersten Zusammentreffen mit dem Philosophen in Heidelberg fand Uexkuell zu seiner nicht geringen Verwunderung einen ganz schlichten und einfachen Mann, der ziemlich schwerfällig sprach und nichts Bedeutendes vorbrachte. Danach schreibt er: [Ich] kaufte mir die schon erschienenen Werke Hegels und setzte mich abends bequem in meine Sophaecke, um sie durchzulesen. Allein je mehr ich las, und je aufmerksamer ich beim Lesen zu werden mich bemühte, je weniger verstand ich das Gelesene, so daß ich, nachdem ich mich ein paar Stunden mit einem Satz abgequält hatte, ohne etwas davon zu verstehen zu können, das Buch verstimmt weglegte, jedoch aus Neugierde die Vorlesungen besuchte.

Das wäre ja noch schöner, wenn man sich mit dem Buch eines Philosophen in die Sofaecke setzen könnte und ihn einfach so verstehen könnte. Es ist ja das Wesen des Philosophen (besonders bei Hegel), dass man ihn nicht versteht und immer mehrere andere Philosophen lesen muss, die ihn vielleicht verstanden haben. Der Hegel von Alexandre Kojève ist ein anderer als der Hegel von Vittorio Hösle. Aber unser Uexkuell lässt nicht locker und wird zahlreiche Vorlesungen Hegels abschreiben (beziehungsweise abschreiben lassen), was ihm seinen Platz in der Hegel Forschung sichert.  Was aber viel wichtiger als seine Vorlesungsmitschriften ist, ist sein Journal aus dem Vaterländischen Krieg, in dem er auf russischer Seite gegen Napoleon kämpft. Gegen den gleichen Napoleon, der für seinen neuen Lehrmeister einmal die Verkörperung des Weltgeistes zu Pferde war. Das Journal von Uexkuell ist 1965 unter dem Titel Armeen und Armouren zum ersten Mal bei Rowohlt erschienen. Seine Erinnerungen an Hegel sind auch in dem Band.

Was wäre geschehen, wenn Uexkuell Schopenhauer gehört hätte? Vorlesungen bedeutet damals noch, dass der Professor aus einem eigenen Werk vorliest. Die Studenten hören ehrfurchtsvoll zu, wie auf dem Bild oben, das Hegel vor Studenten in Berlin zeigt. da könnten sie ja auch zuhause in ihrer Sofaecke die Schriften des Professors studieren. Die Ehrfurcht vor dem Professor brauchen die Studenten bei Hegel, denn sonst ist er nicht zu ertragen, Uexkuell ist da mit seinem Urteil noch zurückhaltend. Hegel besitzt keinerlei Humor, keinerlei Schlagfertigkeit, er ist die Verkörperung des obrigkeitshörigen deutschen Spießers. Und er kann nicht einmal seine eigenen Werke gut vorlesen. Er spricht schlecht, verhaspelt sich ständig und ist um Worte verlegen. Und dann spricht er dieses breite Schwäbisch, sagt ebbes statt etwas oder Also, dess wär doch wirglich nedd nedig gwäa. Er kommt in den Berliner Kreisen nicht unbedingt an, es gibt da eine schöne kleine Anekdote in Therese Devrients Jugenderinnerungen. Da sitzt sie mit ihrem Ehemann (dem Sänger und Schauspieler Eduard Devrient) und Mendelsohn-Bartholdy in einer Gastwirtschaft "Sagen Sie mir doch, Felix," wandte sie sich nach rechts, "wer ist der dumme Kerl hier neben mir?" Der Gefragte hielt sich einen Augenblick das Taschentuch vor den Mund, dann flüsterte er: "Der dumme Kerl da neben Ihnen ist der berühmte Philosoph Hegel." Der dumme Kerl ist ja noch ganz nett, Schopenhauer ist der Meinung, er habe eine Bierwirtsphysiognomie. Da gucken wir das Bild da unten doch gleich ganz anders an.

Doch der Mann, der in seiner Jugend, als er noch ein Freund von Hölderlin war, für die Sache der Revolution war, der Napoleon für die Verkörperung des Weltgeistes hielt, der wird jetzt zunehmend unsicher, ob er in seinen philosophischen Systemgebäuden die Welt wirklich richtig berechnet hat. Überall zeigen sich jetzt erste Tendenzen eines Liberalismus, das ist ja nun für Hegel das Schrecklichste auf der Welt. Pressefreiheit? Igitt. Im Jahre 1821 attackiert er seinen Kollegen Jakob Friedrich Fries, der wegen seiner liberalen Ansichten gerade zwangsemeritiert wurde. Als die Hallesche Zeitung schrieb, dass dies für einen großen Philosophen keine noble Haltung sei, beschwert er sich beim König über zu große Pressefreiheit. Er muss sich vom preußischen Kultusminister Karl vom Stein zum Altenstein (dem wir das humanistische Gymnasium und unser ganzes Schulsystem verdanken) belehren lassen, dass er sich  ja an die Gerichte wenden könne, wenn er sich diffamiert fühle. Der Mann, der die ganze Welt und den Staat in seiner Philosophie definiert hat, versteht die einfachsten Dinge der richtigen Welt nicht. Den Preußen wird dieser Philosoph, der sich ständig bei der Obrigkeit einschleimt, langsam wirklich peinlich. Auf Veranlassung von Friedrich Wilhelm III wird Hegels Artikel Über die englische Reformbill in der Preußischen Staatszeitung nicht vollständig gedruckt. Der König möchte wegen der kleinen Giftnudel Hegel keinen Ärger mit England haben. Hegels bestgehasster Kollege Jakob Friedrich Fries hat für ihn den schönen Satz übrig gehabt: Hegels metaphysischer Pilz ist ja nicht in den Gärten der Wissenschaft, sondern auf dem Misthaufen der Kriecherei gewachsen... Wissenschaftlicher Ernst wird gegen diesen Philosophen unter den Bütteln nicht die rechte Waffe sein.

Fries ist nicht einzige, der so redet, ich hätte da noch ein schönes Zitat: Hegel, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der, mit beispielloser Frechheit, Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte, welche von seinen feilen Anhängern als unsterbliche Weisheit ausposaunt und von Dummköpfen richtig dafür genommen wurden, ... hat den intellektuellen Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge gehabt. Das ist von Arthur Schopenhauer. Hatte vielleicht derjenige recht, der dem jungen Hegel sagte O Hegel, Du saufscht Dir g ́wiß noch dai glois bißle Verstand vollends ab? Der Satz wird häufig Hölderlin zugeschrieben, aber er ist wahrscheinlich nicht von ihm. Aber vom Wein wird er sein ganzes Leben nicht lassen, dann wird er auch ganz gesellig.

In meiner letzten Hegel Anekdote hat der große Denker wieder einmal dem Punsch ein wenig zu sehr zugesprochen. Man ist bei einem Herrenabend im Jahre 1817 bei Heinrich Voss, der hat heute Jean Paul als Ehrengast. Im Laufe der Unterhaltung fragt ein anwesender Pfarrer, ob der Herr Professor Hegel nicht eine Einführung in die Philosophie für junge Mädchen schreiben könne? Hegel lehnt das mit dem Hinweis ab, dass seine Sprache nicht leicht fasslich sei (was ja immerhin eine Selbsterkenntnis ist), woraufhin der Pfarrer vorschlägt, dass Jean Paul Hegels Gedanken in die richtige sprachliche Form bringen solle. Das Gelächter will jetzt kein Ende nehmen. Und das ist ja auch eine komische Vorstellung, Jean Paul als ghostwriter für Hegel. Man setzt diese Scherze noch ein wenig fort, bis Hegel ausruft, man müsse Jean Paul zum Doktor der Philosophie machen. Was er tatsächlich wenig später in die Praxis umsetzt. Die Doktorurkunde (die ich mir jetzt zu zitieren erspare) liest sich ein wenig, als sei sie noch in der gleichen weinseligen Nacht geschrieben.

Ich weiß bis heute nicht, weshalb Hegel bedeutend sein soll, ich bin ihm auch in meinem ganzen Studium der Philosophie aus dem Weg gegangen. Und es käme mir auch niemals in den Sinn, über seine Zeitgenossen Schopenhauer oder Kierkegaard mit einer ähnlichen Attitüde der Verachtung zu schreiben. Nun mag man sagen, dass alle vorgebrachte Kritik ein argumentum ad hominem ist, und das nichts davon sein System des Denkens berührt. Die Unfähigkeit, sich sprachlich klar verständlich auszudrücken, nehmen wir jetzt mal aus. Das können Philosophen nun mal nicht, schwäbische ganz besonders nicht. Außer sie geben sich volkstümlich: Es ist viel Lobendes gesagt worden, und der Maßstab, nach dem gemessen wurde, hat sein eigenes Recht, aber derjenige, den es angeht, hat noch einen anderen Maßstab, den ich mit einem schwäbischen Spruch kurz formulieren kann: Wenn i wär wia i sein sott. Das ist nun nicht von Hegel, das ist von Heidegger. Dessen Sprache hat Robert Minder einer Analyse unterzogen, und das Ergebnis ist vernichtend. Vielleicht sollte man das auch mal mit Hegel machen, denn die Sprache ist gleichsam der Leib des Denkens oder mit Buffons Worten le style c'est l'homme.

Hegel hat ein System, und von Philosophen, die ein System haben, sind wir Deutschen immer schwer begeistert. Wenn wir es nicht verstehen, macht es nichts, dafür sind Philosophen ja da, dass sie nicht verstanden werden. Dennoch ist es manchmal gefährlich, gehässige Dinge über Philosophen zu sagen. Sie können ja irgendwo Fans haben. Der größte Hegel Fan im Internet heißt Kai und hat eine Hegelwerkstatt, und auf seiner neuen Seite finden Sie Literatur zu Hegel bis zum Abwinken. Hoffentlich liest er dies hier nicht. Ich bin mal vor Jahren von einer Frau zu einer Party mitgeschleppt worden, wo ich niemanden kannte, und wo ich kurz vor Mitternacht, als sich in der Küche eine kleine philosophische Diskussion entspann (wie das auf Parties ja meistens um Mitternacht in der Küche passiert), einen lebenden deutschen Philosophen verbal beleidigte. Würde ich jederzeit wieder tun. Unglücklicherweise stellte sich jetzt heraus, dass sich der mir bis dahin unbekannte Gastgeber als jemand vorstellte, der sich gerade bei dem Objekt meiner Beleidigungen habilitiert hatte. Und zwei seiner Freunde, die auch in der Küche waren, hielten Hermann Schmitz auch für den größten deutschen Philosophen, nicht für den größten deutschen Spinner. Die ausgelassene Partystimmung bekam sehr gereizte Untertöne. Mich rettete Ingomar von Kieseritzky, den ich nonchalant in die Diskussion einbrachte. Die Stimmung schlug augenblicklich um. Und als ich dann noch hinzufügte, dass ich von Kieseritzkys Buch Die ungeheuerliche Ohrfeige ein vom Autor signiertes und mir gewidmetes Exemplar besaß, war alles vergeben und vergessen. Da hätte ich noch viel schlimmere Dinge über Schmitz sagen können.

Flohkunde + Stoizismus - braucht man mehr? (unbekannter Kyniker). Gern zitiert von I. Kieseritzky steht in meinem Exemplar von Die ungeheuerliche Ohrfeige oder Szenen aus der Geschichte der Vernunft. Flohkunde wäre sicherlich für die Helden dieses Romans, die mit einem Schwein namens Sophia von einem Philosophen zum anderen durch das antike Griechenland wandern. Auf der Suche nach einer Philosophie zur Verbesserung der Menschheit. Das originellste, was ihnen einfällt, ist eine aus dem Himmel verabfolgte ganz ungeheuerliche Ohrfeige, die denjenigen abwatscht, der völligen Unsinn redet. Unsere drei Philosophen stellen schon Listen auf, wen es treffen soll. Wir als Leser bei der Lektüre des Romans auch. Wäre das nicht schön, all diese Politiker, die man nicht leiden kann, reden zu hören, und dann kommt plötzlich aus dem Himmel diese ungeheure Ohrfeige?

Wo bleibt das Positive? Zuerst wollte ich das hier mit dem Gedicht von Karl Krolow Herbstsonett mit Hegel beenden. Aber angesichts dieses Wetters geht das nicht, wir reden sonst den Herbst herbei und dabei haben wir doch noch Sommer. Auch wenn die Konfektionsgeschäfte schon überall die dicken Tweedjacken in die Fenster geräumt haben. Aber ich habe doch noch etwas Nettes zum Schluss. Es ist ein gelber Reclam Band mit dem Titel Die Philosophenwelt in Versen vorgestellt, selbst gedichtet von dem deutschen Philosophen Lutz Geldsetzer. Das ist nun wirklich einmal eine witzige Einführung in die Philosophie. Ich zitiere daraus mal den Anfang von Strophe 50:

Als Schelling längst in Jena las,
er seines Freundes nicht vergaß,
des Georg Friedrich Wilhelm Hegel,
der - etwas älter - nicht so kregel.
Sie kannten sich seit vielen Jahren
da sie Kommilitonen waren
- was auch den Hölderlin betrifft -
an Tübingens berühmtem Stift.
In Jena sah man diese beiden
so manches Schriftwerk nun verbreiten,
von dem noch heute nicht ganz klar,
was jeweils wohl ihr Anteil war.
Doch hat dann Hegel in der Nacht
der Jena-Auerstedtschen Schlacht
noch letzte Hand ans Werk gelegt,
das späterhin die Welt bewegt:
'Phänomenologie des Geistes,
System der Wissenschaft' - so heißt es.
Da wird der Geist nun absolut,
die ganze Welt ist, was er tut,
und tritt hervor in die Erscheinung
durch seine Kräfte zur Verseinung.
Zunächst ist er nur selber da
- an sich -, eh' irgend was geschah....

Und so geht es weiter. Eine Philosophiegeschichte von der Antike bis zur Gegenwart in einhundert Strophen, das hätte Hegel nicht gekonnt. Strophe 100 wendet sich zwar erst einmal gegen die neuerdings ins Kraut schießenden philosophischen Theorien, aber ich glaube, man kann das auch als Test für jede Philosophie gebrauchen.

Willst du die Wahrheit nur erfühlen,
versuch den Test des Ridikülen,
denn wie schon Shaftesbury empfahl,
gilt von der Wahrheit allemal,
daß sie in dem hat ihren Sitz,
was standhält einem guten Witz!
Treibst du geduldig dieses Spiel,
so sei gewiß, es bleibt nicht viel
von dem, was da in ernsten Worten
ertönet heute allerorten.
Leicht trennt sich da die Spreu vom Weizen,
der uns alleine kann noch reizen,
die Körnchen aber halt' in Ehren,
denn wahre Einsicht sie gewähren.

Samstag, 13. August 2016

perlegi


Jetzt, wo ich den halben Tag schreibe, lese ich nicht mehr so viel wie früher. Ich lese schon noch, aber das hat meistens mit den Posts zu tun, an denen ich gerade schreibe. Als ich über Vergil und Hermann Broch schrieb, habe ich den halben Tod des Vergil noch einmal gelesen. Für Joseph Anton Koch habe ich Hilmar Franks Büchlein über den Schmadribachfall aus dem Regal geholt, und für den Post über Theodor Fontane habe ich nebenbei eine Menge Fontane gelesen. Was immer ein Vergnügen ist. Manchmal kommen die Anstöße zum Lesen auch vom Fernsehen, der Film Dame, König, As, Spion brachte mich dazu, John le Carrés Roman Tinker Tailor Soldier Spy noch einmal zu lesen. Ist auch ein Vergnügen, liest sich aber schneller als Fontane. Passte allerdings schön zu dem letzten Grabbelkastenfund: Ben Macintyre A Spy Among Friends: Philby and the Great Betrayal, Bestseller No 1 in England, mit einem Nachwort von John le Carré. Wunderbar bösartig in der Beschreibung der bornierten englischen Oberklasse.

Doch all das ist so eine Art des Lesens en passant, nicht das richtige Lesen. Also dieses Lesen wenn man noch jung ist und die ganze Welt der Literatur vor einem liegt. Wenn einem Freunde (oder Freundinnen) sagen, was man unbedingt lesen muss. Die Empfehlungen von Freunden waren (nachträglich gesehen) in meinem Leben für mich fruchtbringender als das Studium der Literaturwissenschaft. Ich hatte nie die Sorge, dass das Lesen zu einem Ersatzleben wurde. Leben gab es nebenbei noch genug.

Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns: wir wiederholen bloß seinen mentalen Proceß. Es ist damit, wie wenn beim Schreibenlernen der Schüler die vom Lehrer mit Bleistift geschriebenen Züge mit der Feder nachzieht. Demnach ist beim Lesen die Arbeit des Denkens uns zum größten Theile abgenommen. Daher die fühlbare Erleichterung, wenn wir von der Beschäftigung mit unsren eigenen Gedanken zum Lesen übergehn. Eben daher kommt es auch, daß wer sehr viel und fast den ganzen Tag liest, dazwischen aber sich in gedankenlosem Zeitvertreibe erholt, die Fähigkeit, selbst zu denken, allmälig verliert, – wie Einer, der immer reitet, zuletzt das Gehn verlernt. Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrten: sie haben sich dumm gelesen.

Kaum ist im 18. Jahrhundert der Roman erfunden worden, da treten auch schon die Warner (wie hier Schopenhauer) auf, die vor der neuen Krankheit Lesesucht (oder Lesewut) warnen. Lesesucht, die Sucht, d. h. die unmäßige, ungeregelte und auf Kosten anderer nöthiger Beschäftigungen befriedigte Begierde zu lesen, sich durch Bücherlesen zu vergnügen, heißt es in einem Wörterbuch im Jahre 1809. Noch im 19. Jahrhundert stellten besorgte Eltern die Romane in einen abschließbaren Schrank. Schopenhauers Parerga und Paralipomena (aus dem das Zitat oben stammt) sind 1851 erschienen, da ist der Buchmarkt schon explodiert. Da gibt es schon mehr Trivialliteratur als Literatur.

Man liest immer etwas, was man nicht hätte lesen sollen: Es ist in der Litteratur nicht anders, als im Leben: wohin auch man sich wende, trifft man sogleich auf den inkorrigibeln Pöbel der Menschheit, welcher überall legionenweise vorhanden ist, Alles erfüllt und Alles beschmutzt, wie die Fliegen im Sommer. Daher die Unzahl schlechter Bücher, dieses wuchernde Unkraut der Litteratur, welches dem Waizen die Nahrung entzieht, und ihn erstickt. Sie reißen nämlich Zeit, Geld und Aufmerksamkeit des Publikums, welche von Rechtswegen den guten Büchern und ihren edelen Zwecken gehören, an sich, während sie bloß in der Absicht, Geld einzutragen, oder Aemter zu verschaffen, geschrieben sind. Sie sind also nicht bloß unnütz, sondern positiv schädlich. Das ist auch noch einmal Schopenhauer. Ich habe das Zitat parat, weil ich es schon mal mal in dem Post zu Brigitte Kronauer verwenden wollte. Aber man sollte diesem Zitat auch das schöne Wort All normal people need both classics and trash von Shaw entgegenhalten.

Und man sollte dem pessimistischen Leser Schopenhauer auch die schönen Sätze von Marcel Proust entgegenhalten, denen zufolge das Lesen eher ein Erkenne dich selbst! ist: In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können.

In einer after-dinner speech einer Fachtagung stellte ein Professor der neueren Philologie einmal zehn goldene Regeln für Literaturwissenschaftler auf. Die erste Regel war: Rede in Lehrveranstaltungen nie über Romane, die Du nicht gelesen hast und nur aus 'Kindlers Literatur Lexikon' kennst! Es gab ein riesiges Gelächter, das beinahe die Aufzählung der nächsten neun Regeln verhinderte. Am Anfang meines Studiums bekam ich in der Vorlesung von Professor Rudolf Haas von seinen Hilfskräften ein Papierkonvolut in die Hand gedrückt: die Leseliste des Englischen Seminars der Universität Hamburg. In der Stunde habe ich Haas nicht zugehört (obgleich seine Vorlesung immer sehr gut war), ich arbeitete die Liste durch und machte Häkchen an alle Titel, die ich schon gelesen hatte. Am Ende der Vorlesung musste ich mitansehen, dass manche meiner Kommilitonen beim Verlassen des Audimax die Leseliste in einen Papierkorb neben der Tür warfen. Ich habe mich damals gefragt: warum tun die das? Heute denke ich, dass aus ihnen Professoren geworden sind, die sich ihr ganzes Leben auf Kindlers Literatur Lexikon verlassen mussten. So gut das Lexikon ist, unfehlbar ist es nicht. Manche der Autoren des Lexikons haben das Werk, über das sie schrieben, entweder nicht gelesen oder nicht verstanden. Das gilt natürlich nicht für die Lexikonartikel, die ich geschrieben habe.

In David Lodges Universitätsroman Changing Places spielen Akademiker ein Spiel, bei dem man die meisten Punkte für die Nennung eines Werkes der Weltliteratur bekommt, das man nicht gelesen hat. Der Anglistikprofessor, der bekennt, niemals Hamlet gelesen zu haben, gewinnt. Und verliert wenig später seinen Job. David Lodge selbst hat noch 1985 zugegeben, dass er niemals Krieg und Frieden gelesen habe. Hatte ich damals auch nicht (hatte aber drei Verfilmungen gesehen), jetzt kenne ich den Roman. Ich bin sogar glücklich, dass ich zwei wichtige Romane erst mit einem halben Jahrhundert Verspätung gelesen habe. Der eine ist natürlich Krieg und Frieden, zu dem mich Friedrich Hübner immer wieder gedrängt hat, der andere Roman ist Fontanes Vor dem Sturm. Den ich übrigens (genau wie Krieg und Frieden) ein zweites Mal las, als ich damit fertig war. Es gibt Romane, bei denen man - wie die Maler an der Brücke über den Firth of Forth - wieder von vorne anfängt, wenn man damit fertig ist.

Es ist schon einige Monate her, da unterhielt ich mich mit Friedhard über die Strudlhofstiege. Er hat die längst gelesen, ich fing erst damit an. Letztens erkundigte er sich per Mail, wie weit ich mit meiner Lektüre sei. Ich schrieb zurück, dass ich die Prachttreppe (die man letztens im Fernsehen in Vorstadtweiber sehen konnte) ganz vorsichtig Stufe für Stufe betreten würde. Manchmal einige Stufen zurückgehen würde, manchmal einige Stufen nach oben hin überspringen würde. In seiner nächsten Mail stand: Das ist genau die rechte und beste Art, es zu lesen!

Ich weiß, was ich gelesen habe, ich brauche mir nur die Bücherregale anzuschauen. Früher, als ich noch ein kleiner literarischer Snob war, schrieb ich mit Bleistift perlegi und das Datum in ein Buch, wenn ich es gelesen hatte (das perlegi habe ich inzwischen aufgegeben, heute notiere ich nur vor Monat und Jahr mit Bleistift in einem Buch). In manche, ganz besondere Bücher, schrieb ich das perlegi in Gold. Mein Vater bekam von der Degussa zu Weihnachten immer kleine mit Gold beschichtete Folien, wenn man darauf schrieb, übertrug sich das Gold auf das Papier. Fand ich toll. Man konnte natürlich nicht nur perlegi mit der Goldfolie schreiben, man konnte auch ein goldenes je t'aime als Widmung in ein Buch schreiben. Damit konnte man junge Frauen schon beeindrucken.

Ich hätte gerne den Ausweis der Volksbücherei gehabt. Als Minderjähriger brauchte man dafür das Einverständnis der Erziehungsberechtigten. Meine Vater wollte nicht, dass ich mit den schmuddeligen Büchern (und die waren in der Nachkriegszeit wirklich schmuddelig) der Volksbücherei in Berührung komme, ich bekam von ihm zusätzlich zum Taschengeld ein Büchergeld. Damit beginnt das Verhängnis. Lebenslanges Büchersammeln.

Ich legte Hefte an, in die ich eintrage, was ich gelesen habe und was ich noch lesen will. Diese Jahr für Jahr geführten Hefte mit der gelesenen Literatur waren für mich auch eine Art von Rechtfertigung gegenüber meinem Vater für das großzügig gewährte Büchergeld (obgleich er auf diese Idee gar nicht gekommen wäre und da nie reinguckt, wenn ich sie ihm am Jahresende hinlege). Die Hefte geben mir nach Jahrzehnten einen ganz klaren Blick auf meine Entwicklung als Leser. Gleichzeitig rufen sie mir auch das ganze Jahr ins Gedächtnis zurück. Man liest niemals im luftleeren Raum, Jahreszeiten, das Wetter und schöne Frauen haben auch eine Bedeutung für die Lektüre, und man erinnert sich noch nach Jahren daran. Ich habe die Hefte noch alle, ich greife mir einmal das Jahr 1962 (also ungefähr die Zeit von den Gefährlichen Liebschaften in Berlin) heraus, dann sieht meine Leseliste so aus:

Melville: Billy Budd – Augustinus: De civitate Dei – Schiller: Wallenstein – Machiavelli: Il Principe – Poe: Tales and Poems – Prévost: Manon Lescaut – Catull: Gedichte – Vigny: Glanz und Elend des Militärs – Kierkegaard: Der Begriff Angst – Montherlant: Die jungen Mädchen – Bronte: Wuthering Heights – Goethe: Faust – Aquinas: Sein und Wesen – Proust II – Montaigne: Essays – Thukydides: Peleponesischer Krieg – Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode – Kierkegaard: Die Wiederholung – Sartre: Zeit der Reife – Leonardo da Vinci: Schriften – Proust III – rowohlt monographie Proust – Proust: Fünf Essays – Gracian: Criticon - Hocke: Manierismus I+II – Platon IV – Platon II – Johnson: Mutmaßungen über Jakob – Büchner: Dramen – Mann: Tod in Venedig – Fragmente der Vorsokratiker – Pascal: Pensées – Lawrence: Sons and Lovers – Faulkner: Intruder in the Dust – Faulkner: Go down, Moses - Eliot: Selected Prose – Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem Totenhaus – Hippokrates: Schriften – Malraux: Psychologie der Kunst – Baudelaire: Les Fleurs du Mal – Manzoni: Die Verlobten – Apuleius: Der goldene Esel – Römische Satiren – Euripides: Hippolyth – Sartre: Der Aufschub – Johnson: Five Plays – Marlowe: Complete Plays – Blake: Selected Prose – Chaucer: Canterbury Tales – Sterne: Tristram Shandy – Platon: Phaidon – Tasso: Arminta – Montherlant: Erbarmen mit den Frauen – Rochefort: Das Ruhekissen - Rousseau: Bekenntnisse – Stendhal: Lucien Leuwen – James: The Turn of the Screw – Proust IV - Melville: Weißjacke – Prévert: Gedichte – Kierkegaard: Tagebücher I – Goethe: Wahlverwandtschaften – Meredith: Diana vom Kreuzweg - Sartre: Was ist Literatur? – James: The Aspern Papers – Zeltner-Neukomm: Der französische Gegenwartsroman - Céline: Voyage au bout de la nuit – Conrad: Lord Jim – Musil: Der Mann ohne Eigenschaften – Wittgenstein: Schriften

Man kann hier diagnostisch ablesen, dass ich eine schwere Kierkegaard Phase habe, dass ich Faulkner und Melville für mich entdecke (Moby-Dick hatte ich schon im Vorjahr gelesen). Und dass die existentialistische Phase (Camus, Sartre) noch anhält, im September werde ich in Berlin Juliette Gréco sehen und hören. Manches sind Jugendsünden, wie zum Beispiel die Lektüre von Henri de Montherlant. Christiane Rocheforts Das Ruhekissen habe ich nur gelesen, weil ich im September den Film mit Brigitte Bardot gesehen hatte. Daneben arbeite ich mich durch Proust und das Programm der Rowohlt Klassiker (das erklärt die Vorsokratiker, Platon, Gracian etc.) und der Exempla Classica des Fischer Verlags (zum Beispiel Sterne, Manzoni, Meredith, Stendhal).

Diese beiden Reihen sind mein Leitfaden durch die Literatur. Mit einundzwanzig will ich durch die Weltliteratur durch sein; ich weiß nicht, wann mir diese Idee gekommen ist, aber ich halte mich zäh daran. Kaum etwas von meinem Leseprogramm stand auf dem offiziellen Stundenplan der Schule, mit Ausnahme von Goethe, Thomas Mann, Uwe Johnson, Franz Kafka und Vergils Äneis. Mein größtes Leseerlebnis im Französischen ist Voyage au bout de la nuit. Was ich mit hätte sparen können, war Walter Jens. Der ist kein wirklicher Schriftsteller.

Vieles von der Lektüre des Jahres 1962 habe ich später ein zweites Mal (und dann im Original) gelesen. Manches habe ich auch nicht verstanden. Aber es hat mich sehr getröstet, als ich im Fernsehen den österreichischen Filmregisseur Michael Haneke in einem Interview sagen hörte, dass er immer über seinem Niveau gelesen habe und vieles nicht verstanden habe. Und dann nach einer Pause hinzufügte, dass man immer über seinem Niveau lesen solle. Es bliebe immer irgendetwas hängen.

Das bringt mich zu Wittgenstein, den ich auch 1962 las, aber natürlich nicht verstand. Jahrzehnte später habe ich einmal einen amerikanischen Philosophieprofessor zu Gast, der sich als erstes auf den Tractatus stürzt. Und feststellt, dass bei mir Seiten verdruckt sind und fehlen. Der Henry kennt sich bei Wittgenstein aus, er hat ein Buch über Wittgenstein und Derrida geschrieben (mit Vorwort von Derrida). Mit schöner Ehrlichkeit muss ich ihm gestehen, dass ich gar nicht bis zu diesen Seiten vorgedrungen bin. Ein echter Leser weiß, wann er ein Buch aufgeben muss.

Und dann erzähle ich Henry noch die wunderbare Geschichte von C.K. Ogden, der den Tractatus ins Englische übersetzt hat. Und der Neurotiker Wittgenstein fegt hin zu Lord Russell, um sich zu beklagen, dass Ogden ihn überhaupt nicht verstanden hätte und dass die ganze Übersetzung falsch sei. Und da lächelt Lord Russell und sagt dem österreichischen Spinner, dass er nur durch diese Übersetzung eine Ahnung von dem bekommen hätte, was Wittgenstein vielleicht meinte. Am nächsten Tag schreibe ich an den Suhrkamp Verlag, und ich bekomme sogar Jahrzehnte nach dem Kauf ein nagelneues Exemplar zugesandt. Habe ich natürlich immer noch nicht gelesen.


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