Donnerstag, 3. Juni 2010

Konrad Weichberger


Vor hundert Jahren hatte er Bewunderer, vor achtzig Jahren auch noch, und vor zwanzig Jahren hat es in einem Bremer Kleinverlag namens STINT seine Gesammelten Schriften in Einzelausgaben gegeben, aber irgendwie redet heute niemand mehr über Konrad Weichberger. Das ist schade, denn er war ein höchst origineller Mensch und höchst origineller Schriftsteller. Kurt Tucholsky hat ihn mehrfach voller Bewunderung erwähnt, so 1929 in der Weltbühne:

Es gibt von ihm... erschütternd komische Dinge; hier ist mein allerliebstes Lieblingsgedicht, eines, darin die deutsche Sprache selber dichtet, man hört ihr Herz puppern; das ist überhaupt nicht auf Papier geschrieben, das ist in den Blumentöpfen eines Balkons gewachsen...

Laß du doch das Klavier in Ruhe;
es hat dir nichts getan;
nimm lieber deine Gummischuhe
und bring mich an die Bahn -

Das Gedicht hat noch mehr Strophen, aber dank Peter Panter, kennt nun jeder die erste. Fünf Jahre später nimmt Walter Kiaulehn dieses Gedicht zum Anlass um in zwei Artikeln in der Berliner Zeitung am Mittag (10. April und 13. April 1934) über Weichbergers Gedichte zu schreiben. Die Stadt Bremen hat da den Dr. Weichberger, der 1901 mit einer Arbeit über Eichendorffs Ahnung und Gegenwart in Jena promoviert wurde, schon wegen Geisteskrankheit in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Ein Querulant, der ungewöhnliche Methoden im Unterricht einsetzt (er lässt zum Beispiel seine Schüler P.G. Wodehouse und englische und amerikanische Tageszeitungen lesen!). Ein Abweichler, der die bessere Förderung der Arbeiterkinder fordert. Der schon mal barfuß in die Schule kommt, wenn der Schulrat da ist, um auf die Lage der Arbeiterkinder aufmerksam zu machen. Immerhin hatte man ihm nach 15 Jahren im Schuldienst den Professorentitel verliehen.

Schon zwanzig Jahre vor Tucholsky hatte Otto Julius Bierbaum in Das literarische Echo Weichbergers ersten Gedichtband Schorlemorle den Lesern nachdrücklich empfohlen und hatte mit zahlreichen Zitaten den lyrischen Outsider, von dem er in der Zukunft mehr zu lesen hoffte, nicht ohne Sympathie vorgestellt. So furchtbar viel mehr ist da leider nicht gekommen, der Band 2 der Gesamtausgabe, der die Lyrik enthält, ist relativ schmal geblieben. Aber er enthält vieles, was nach einem Jahrhundert noch ganz frisch ist, wie zum Beispiel das Gedicht Sögestraße am Mittag:

Bei solch feinem Schneegestöber,
und von unten ein bißchen Matsch
sehen die Damen alle so niedlich aus
und wissen es dann merkwürdigerweise selbst nicht.

Mit leicht wie vom Künstler geröteten Backen,
mit leicht vom Künstler hingehauchten Rotznäschen,
mit kurzen dicken Strümpfchen
über langen dünnen Strümpfchen.

Mit son paar Pelzchen um die Hälschen,
mit Käuferinnen- und Schenkerinnenfreude in den Grüßen
mit son paar Flocken in den Locken
mit Spritzerchen an den Schuhen und Eile in den Füßen.

Bei solchem feinen Schneegetriebe,
und von unten ein bißchen Matsch;
aus Kalt-Warm ihr Gedichtchen, aus Schnee und Liebe,
gegen euch andichten wollen ist Quatsch.

Kleine Momentaufnahmen aus dem Alltag über eine Tramfahrt mit der Angebeteten, über das Telephonieren und den Bremer Freimarkt. Gedichte, die anfangen wie Du bist so schön, daß ich mir den Knöchel verknaxt habe oder wie das berühmt gewordene Laß du doch das Klavier in Ruhe. Das ist kein Rilke und kein Stefan George, das will keinen Ewigkeitswert haben, aber es hat großen Charme.

Am 6. Juni 1928 erschien die Nummer 1 (Preis 20 Pfennig) seiner Literatur- und Kulturzeitschrift Die Welle, in der Weichberger alles versammelt, was Bremen an Kultur zu bieten hat. Es ist einer der vielen Versuche Weichbergers, Bremen zu einer Kulturstadt zu machen. Am 16. März 1929 erschien die letzte Nummer. Die hanseatischen Pfeffersäcke haben es nicht so mit der Kultur. Sie haben dem Schriftsteller, der 1908 bei Franz Leuwer auch eine kleine Anthologie über Bremen in der Literatur unter dem Titel Das Bremer Gastbett herausgab, auch für seine vielfältigen kulturellen Bemühungen nie so recht gedankt. Bremer mögen ihre Kultur lieber à la Rudolf Alexander Schröder. Wenn man der Sohn eines reichen Kaufmanns ist, dann wird man Ehrenbürger und kommt in die Bremische Biographie und in einen Band wie Geistiges Bremen. Wenn man dagegen originell und quirlig ist, dann stößt einen die Gesellschaft aus, dann bleibt man ein Unbekannter.

Nach dreißig Jahren in Bremen ist Weichberger zuerst nach Berlin gegangen, dann nach dem Tod seiner Mutter zurück in seine Geburtsstadt Weimar, um seinen körperbehinderten Bruder zu pflegen. In Weimar hat er in ärmlichen Verhältnissen gelebt und ist dort 1948 gestorben. Das Leben des Sohnes des Malers Eduard Weichbergers ist nicht gerade und stromlinienförmig verlaufen, lange Phasen von Depressionen und Verfolgungswahn wechseln ab mit Phasen von rastlosem Schaffen und zum Teil obskuren Forschungen. Den "Führer" hat er (wie er in seinem Fragebogen 1945 angibt) dreimal bei den Behörden angezeigt, aber die Nazis ziehen es vor, den Querulanten nicht zu beachten. Aus der Reichsschriftumskammer wird er 1938 ausgeschlossen, es hätte schlimmer kommen können.

Jan Osmers, der die Gesamtausgabe der Schriften Weichbergers herausgegeben hat, hat unter dem Titel Auf ganz eigenen Wegen: Das Leben Konrad Weichbergers im Jahre 2001 eine Biographie des Schriftstellers geschrieben. Dafür gebührt ihm großer Dank. Denn Leute wie Rudolf Alexander Schröder haben wir immer wieder, Menschen wie Konrad Weichberger finden sich nicht so oft.

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