Samstag, 30. August 2025

Lilienthal

Heute vor 280 Jahren wurde Johann Hieronymus Schroeter in Erfurt geboren, er soll uns einige Zeilen wert sein. Meyers Konversations-Lexikon weiß siebzig Jahre nach seinem Tod über ihn zu sagen: er wurde 1778 bei der hannöverschen Regierung angestellt und später Justizrat und Oberamtmann zu Lilienthal im Herzogtum Bremen, wo er eine Privatsternwarte errichtete und wichtige Beobachtungen über die physische Beschaffenheit der Planeten und des Mondes anstellte. 

Dieser Schroeter (hier auf einem Notgeld Schein der 1920er Jahre mit Karl Ludwig Harding und Friedrich Wilhelm Bessel) war ein bedeutender Mann. Eigentlich hatte er in Göttingen Jura studiert, aber er hörte auch Vorlesungen bei Abraham Gotthelf Kästner, der der Leiter der Göttinger Sternwarte war. Kästner wird in dem Post ein Poet im vollen Sinne des Wortes einmal erwähnt, aber der Lilienthaler Oberamtmann Schroeter, der war immer wieder in diesem Blog. Auf einer Seite, die Telescopium Lilienthal heißt, hat Klaus-Dieter Uhden die Lebensgeschichte des Mannes mit der Privatsternwarte aufgeschrieben, der das kleine Kaff Lilienthal für die Wissenschaft berühmt gemacht hat. 

Dieses Lilienthal ist einer der interessantesten Orte! Zwar die Umgebung – es liegt eine Meile nordöstlich von Bremen, in Richtung der großen Moore – kann wohl nur dem Auge des Kanalbauers reizvoll erscheinen; im Herbst und Winter soll das Land voller Nebel und Rauch sein, und einen wahrhaft finnischen Anblick darbieten. … Herr Harding, der die Güte hatte, mir die Instrumente, zweifellos die größten auf dem Kontinente befindlichen, zu zeigen, bedauerte ebenfalls die Ungunst des Himmels. Umso erstaunlicher sind die Resultate seines Fleißes, von denen er uns einige äußerst schätzbare Blätter eines großen Sternatlas vorwies.

Das lässt Arno Schmidt den preußischen Obristen Massenbach in einer Erzählung sagen, in der Massenbach im Jahre 1801 die Lilienthaler Sternwarte besucht. →Lilienthal 1801, oder Die Astronomen hätte ein großer Roman werden sollen, gegen den Zettels Traum eine bloße Handübung gewesen wäre. Aber der Roman ist nie erschienen, allerdings haben sich in Schmidts Zettelkästen rund 400 Notizzettel befunden, die man zu einem Buch zusammengetragen hat. Mit Photographien des Handlungsortes, thematisch verwandten Tagebuchauszügen und Briefstellen von Arno und Alice Schmidt. Lilienthal kannte Arno Schmdt, er hatte sich 1957 auf die Küsterstelle von St Jürgen beworben und dem Pastor geschrieben: Ich wiederhole noch einmal, daß mir eine Wohnung in St Jürgen, zumindest für die nächsten Jahre hinaus, durchaus ideal erscheint; zumal mein nächstes Buch, mit dem Titel 'Lilienthal 1801', in der dortigen Landschaft lokalisiert sein wird. Aber daraus wurde nichts. Schade, es war so still dort, schreibt er an seinen Freund Alfred Andersch. Genau die Landschaft, die ich für 'Lilienthal' brauche.

Als ich klein war, hatte ich mal den Vorsatz, alles über die Sterne am Himmel zu wissen. Als ich zur Oberschule kam, hätte ich den Vorsatz in die Tat umsetzen können. Denn die Schule hatte ein kleines Observatorium auf dem Dach, hier hat es jemand bei Schnee aufgenommen. Meine goldene Omega Constellation de Luxe hat auch ein Observatorium auf dem Gehäuseboden, das erinnert mich heute noch immer daran, dass aus den guten Vorsätzen mit der Erkundung des Sternenhimmels nichts geworden ist.

Ich verschob die Welt der Sterne auf später. Das ist mit den guten Vorsätzen ja immer so. Ich habe aber ein kleines Buch, in dem der ganze Himmel und die Harmonie der Welt erklärt wird. Und ich bekam eine drehbare Sternkarte geschenkt. Ich habe die Sache noch nicht ganz aufgegeben. Ich bin noch nicht bei der Haltung Panofskys angelangt, der, als ihm Ernst Kantorowicz sagte: Wenn ich zu den Sternen aufblicke, empfinde ich meine eigene Sinnlosigkeit, geantwortet hat: Alles, was ich empfinde, ist die Sinnlosigkeit der Sterne. Auch wenn ich am Sternenhimmel den Großen Bären nicht von dem Kleinen Löwen unterscheiden kann, über Astronomen und die Astronomie habe ich viel gelesen. Und deshalb weiß ich, dass in dem Roman Mason & Dixon von Thomas Pynchon die Astronomie eine Rolle spielt, und deshalb weiß ich auch, wer Heinrich Christian Schumacher war.

Seit zehn Jahren steht in Lilienthal ein funktionstüchtiger Nachbau des Spiegelteleskops von Johann Hieronymus Schroeter aus dem Jahre 1793. Nach dem Tod von Schroeter 1816 verfiel die Sternwarte und wurde 1850 abgerissen. Schroeter hatte es nicht verwinden können, dass die Franzosen 1813 den ganzen Ort niedergebrannt hatten und dabei alle seine wissenschaftlichen Aufzeichnungen verbrannt waren. Am Anfang des Jahrhunderts hatte alles ganz anders ausgesehen. 

Da hatte der Amateurastronom von Lilienthal, der all seine Forschung und seine Publikationen selbst finanziert hatte, ziemlich viel Geld. Weil er 1799 alles, unter Vorbehalt der weiteren eigenen Nutzung, an den englischen König Georg verkauft hatte. Und im Jahre 1800 gründete er zusammen mit Franz Xaver von Zach die Astronomische Gesellschaft. In seiner Zeitschrift Monatliche Korrespondenzen für Erd- und Himmelskunde schrieb von Zach über Schroeter: Es ist in Deutschland noch immer ein seltner Fall, dass die erhabene Sternkunde thätige Liebhaber findet. Noch seltener ist die Erscheinung, dass Privatmänner einen beträchtlichen Theil ihres Vermögens auf die Anschaffung kostbarer Werkzeuge verwenden, die sie nicht etwa zum Staate, als gelehrten Hausrath anschaffen, sondern unermüdet und beharrlich mit dem glücklichsten Erfolge zu nützlichen Himmels-Beobachtungen und zur Erforschung neuer Wahrheiten gebrauchen, welche unmittelbar zu weiteren Fortschritten in der Weltenkunde führen. Es gibt einen solchen Mann in Deutschland, auf den das Vaterland stolz sein darf, und dieser ist der, dessen wohlgetroffenes Bildnis das gegenwärtige Heft unserer Zeitschrift ziert.

Lilienthal liegt zwischen den Ortschaften Worpswede und Fischerhude, beide haben etwas mit der Kunst zu tun. Zu Worpswede gibt es in diesem Blog eine Vielzahl von Posts. Fischerhude kommt in den Posts Cato Bontjes van Beek  und Albert Stagura vor, Lilienthal hatte mit Kunst wenig zu tun. Aber das hat sich geändert. Dank des Sammlers Hans Adolf Cordes, der die Lilienthaler Kunststiftung gründete, gibt es in dem Kulturdreieck zwischen Wümme, Wörpe und Hamme jetzt massenhaft Kunst. Dank der Ausstellung Hanseatische Malerinnen um 1900: Wie sie die Welt sahen im Jahre 2016 weiß ich etwas darüber. 

Drei der Malerinnen, deren Bilder da zu sehen waren, sind inzwischen in diesen Blog gewandert: Aline von Kapff, Anna Feldhusen und Dora Bromberger. Die aktuelle Ausstellung in Lilienthal →Das große Glück: Die Sammlung der Lilienthaler Kunststiftung läuft noch bis zum 19. Oktober.


Johann Hieronymus Schroeter und seine Sternwarte werden schon in mehreren Posts erwähnt: Wilhelm Olbers, Zeiss, Moor, Astronomie, Eureka, Findorff, Aufklärung, Kometenschwanzleben. Und noch mehr über Observatorien, Sterne, Mond und Zeitmessung finden Sie hier: Adam Elsheimer, Observatorium, Abschiedsgeschenk, Dampfschiffahrt, Zeitmessung, Sommerzeit, Sir Christopher Wren, Alberto Santos-Dumont, Astronomie, Vollmond, Himmel, Die Harmonie der Welt, Vulkane, Dunkelheit, Mondnacht, SoFi, Münchhausen auf dem Mond.


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