Sonntag, 31. Mai 2026

Leonce und Lena


Am 31. Mai 1895 wurde das Theaterstück Leonce und Lena in München zum ersten Mal aufgeführt. Da war der Autor Georg Büchner, der das Stück ein Jahr vor seinem Tod geschrieben hatte, schon sehr lange tot. Die romantische Komödie, die auch eine politische Satire ist, hatte sechzig Jahre gebraucht, um auf die Bühne zu kommen. Weil es im Vormärz eine gefährliche Sache war, eine Satire über die deutsche Kleinstaaterei zu schreiben.

Für Erich Kästner war Leonce und Lena eine der sechs wichtigsten Komödien der deutschen Sprache: sechs einsame Lustspiele, von denen noch nicht einmal alle sechs 'Feingold' gestempelt sind! Die anderen Stücke waren seiner Meinung nach: Lessings Minna von Barnhelm, Kleists Der Zerbrochene Krug, Grillparzers Weh dem, der lügt, Freytags Die Journalisten und Hauptmanns Der Biberpelz. Ich finde, Büchners Stück gehört ganz oben auf diese Liste.

Ich mag es sehr, ich kenne noch große Teile des Stückes auswendig. Weil ich bei der Aufführung der Theater AG meines Gymnasiums unter der Regie von Dr 'Edu' Schäfer dabei war. Ich hatte eine kleine Nebenrolle als Staatsrat, war aber eigentlich Regieassistent und Souffleur. Was ich damals von Büchner las, war mein ganz eigener persönlicher Büchner, davon war ich überzeugt. Ich war neunzehn. Wenn man Souffleur ist, dann kennt man den inneren Rhythmus des Textes. Seine Stärken und Schwächen. Die kleinen Pausen, das Zögern, das Tempo: beinahe überall offenbart sich zugleich die Hast, das Atemlose, Überhitzte, das gleichsam Fiebrige eines Autors, der manches zu überspielen hat und in Eile ist: er muß disponieren, drängen, muß aus seinen seismographischen Feststellungen ein Stenogramm machen, muß in Stichworten Unaussprechliches Hintergründiges beschwören. Wie später im 'Woyzeck', so ersetzen schon hier Satzfetzen ganze Sätze und werden gerade durch ihre Kürze zu genialischen Würfen, jederzeit verfügbar und jederzeit verwerfbar: sogar die Paralipomena sind voller Schätze. Und alles, Sätze, Fetzen, Bilder, ist in tiefe Melancholie gehüllt. Von Eichendorffs Die Freier, das wir auch aufführten, kann ich auch noch große Teile, aber Leonce und Lena ist noch beinahe ganz in meinem Kopf. Meinen Lieblingsmonolog aus Leonce und Lena stelle ich mal eben hier hin:

Ein sonderbares Ding um die Liebe. Man liegt ein Jahr lang schlafwachend zu Bette, und an einem schönen Morgen wacht man auf, trinkt ein Glas Wasser, zieht seine Kleider an und fährt sich mit der Hand über die Stirn und besinnt sich – und besinnt sich. – Mein Gott, wieviel Weiber hat man nöthig, um die Scala der Liebe auf und ab zu singen? Kaum daß Eine einen Ton ausfüllt. Warum ist der Dunst über unsrer Erde ein Prisma, das den weißen Gluthstrahl der Liebe in einen Regenbogen bricht? – (Er trinkt) In welcher Bouteille steckt denn der Wein, an dem ich mich heute betrinken soll? Bringe ich es nicht einmal mehr so weit? Ich sitze wie unter einer Luftpumpe. Die Luft so scharf und dünn, daß mich friert, als sollte ich in Nankinhosen Schlittschuh laufen. – Meine Herren, meine Herren, wißt ihr auch, was Caligula und Nero waren? Ich weiß es. – Komm Leonce, halte mir einen Monolog, ich will zuhören. Mein Leben gähnt mich an, wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit tod[t]müden Augen einander an. Ich stülpe mich jeden Tag vier und zwanzigmal herum, wie einen Handschuh. O ich kenne mich, ich weiß was ich in einer Viertelstunde, was ich in acht Tagen, was ich in einem Jahre denken und träumen werde. Gott, was habe ich denn verbrochen, daß du mich, wie einen Schulbuben, meine Lection so oft hersagen läßt?

Der Satz Die Luft so scharf und dünn, daß mich friert, als sollte ich in Nankinghosen Schlittschuh laufen ist in diesem Blog in mehreren Posts wieder aufgetaucht, die mit der Herrenmode und gelben Hosen zu tun haben (Beinkleider, Sir John Henry von Schroder, Biedermeier und Hosenkauf). Davon abgesehen war Büchner immer in diesem Blog: Georg Büchner, Theater, Landbote, Danton, Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?.

Ich habe noch ein wenig Bild und Ton zum Abschluss. Leonce und Lena, die letzte →Oper von Paul Dessau, die seine Ehefrau Ruth Berghaus 1979 auf die Bühne brachte, kann man als CD kaufen, aber bei YouTube gibt es leider nur kleine Schnipsel. Ich habe hier die Arie der Lena Auf dem Kirchhof will ich liegen gesungen von Carola Nossek. Die Inszenierung erlebte nur wenige Aufführungen, was auch daran lag, dass Thomas Körner, der Autors des Librettos, die ganze Handlung von Büchners Stück von hinten nach vorn erzählte. Sie können hier alles zu der Oper und der Inszenierung lesen. 

Und dann habe ich noch den Film, der nach der Aufführung von Leonce und Lena 1975 bei den Salzburger Festspielen mit Klaus Maria Brandauer und Marianne Nentwich gedreht wurde. Brandauer spielt den Leonce, als wolle er den Hamlet spielen. Und da ist natürlich etwas dran. Büchner hat seinen →Shakespeare gut gekannt und ein klein wenig ausgebeutet. Ein Blick auf die Erläuterungen der →Marburger Ausgabe zeigt uns das. Kritiker vermuten, dass Büchner Hamlet auswendig kannte. Anklänge an das Stück 'Hamlet' gab es im 'Leonce' zur Genüge schon zuvor. Wer dächte bei der arroganten Servilität des Hofmeisters nicht an Polonius oder an Osric! Auch im 'Hamlet' geht das Gespräch über Wolken. Aber hier, in der Rosetta-Szene, klingt Hamlet als Figur an, hier wird eine Affinität, wenn nicht gar Abhängigkeit, sichtbar. Die zurückgewiesene Rosetta wird zur zurückgewiesenen Ophelia, der Hamlet, freilich in fingiertem Wahnsinn, den Rat gibt, in ein Kloster zu gehen, hat Wolfgang Hildesheimer 1966 in seiner Dankrede bei der Entgegennahme des Büchner Preises gesagt. Und diese Rede (hier im →Volltext) gehört zum Besten, was über Büchners Leonce und Lena gesagt worden ist.

Das Bild im ersten Absatz und dieses hier sind aus einem →Bilderbuch für Kinder ab vier Jahre. Es ist die Geschichte von dem Prinzen Leonce aus dem Königreich Popo und der Prinzessin Lena aus dem Königreich Pipi, nach Büchners Stück nacherzählt von Jürg Amann. Mit farbigen Zeichnungen von Lisbeth Zwerger.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen