Mittwoch, 6. Juni 2018

Marinemalerei


An den Wänden des großen Saals unseres Heimatmuseums in der Weserstraße hingen Ölbilder (und einzelne Reproduktionen) von dem, was die Kunstgeschichte unter dem Begriff →Marinemalerei subsumiert. Die Marinemalerei gilt als Sondergattung der Landschaftsmalerei. Die regionalen Erzeugnisse von Malern an Nord- und Ostseeküste, die Unterabteilung Kapitänsbilder, auf denen liebevoll und manchmal ein wenig naiv ein einziges Schiff abgebildet ist, sind für Kunsthistoriker kein wirklich ernstzunehmendes Thema. Ist schon an der Grenze zur Volkskunst, zum Buddelschiff, zu →Scrimshaw und →Puffhunden. Dennoch mag man diese Bilder, die den Reiz des Dilettantischen mit pedantischer Sorgfalt im nautischen Detail vereinen. Auch wenn sie schon mit großer Routine gemalt sind, wie hier Fedelers Walfangbild aus der Südsee. Ein Bild, das von einem Maler aus dem Ort gemalt ist und auf den Walfang verweist, der den Ort im 19. Jahrhundert groß gemacht hat.

Kunsthistoriker beschäftigen sich mit den holländischen Meistern der Marinemalerei des 17. Jahrhunderts oder dem ideologischen Gehalt der Bilder von Hans Bohrt oder Willy Stöwer. Den Rest überlässt man den lokalen Historikern. Über Hans Bohrts →Der letzte Mann ist mehr geschrieben worden, als über die beiden Fedelers aus Bremen und Bremerhaven, Fritz Müller aus Bremen und Oltmann Jaburg aus Vegesack. Kunsthistoriker, die die See kennen wie Werner Timm oder Boye Meyer-Friese sind rar.

Wenn auch das schönste Bremer Museum, das Focke-Museum, auf dem Gebiet der Kapitänsbilder mehr zu zeigen hat als wir (die besitzen mehr als 160 Kapitänsbilder), ansehnlich ist der Bestand des Heimatmuseums (Bild) schon. Allerdings haben wir leider keinen so einen schönen Katalog wie Schiffe aus Bremen: Bilder und Modelle im Focke-Museum von Johannes Lachs.

Keiner der Bremer Maler hatte eine akademische Ausbildung, aber die Bildkomponenten, auf die es ihren Auftraggebern ankommt, die detailgetreue Wiedergabe von Schiff, See und Himmel, die kriegen sie schon sehr gut hin. →Fritz Müller ist als Kapitän zur See gefahren (und war Leutnant in →Admiral Brommys Flotte), er soll im amerikanischen Bürgerkrieg gefallen sein. Sein Leben bleibt ein großes Geheimnis. Andere Maler haben zumindest längere Seereisen unternommen. Auf diesem Bild von  Müller ist die Bark C. J. Borgstede mit der Bremer Speckflagge zu sehen.

Oltmann Jaburg hat zusammen mit seinem Bruder, dem Portraitmaler Addig Jaburg, noch ein kleines Zusatzgeschäft. Die beiden malen in den Sommermonaten Sommergäste auf Norderney, das jetzt ein fashionables →Seebad geworden ist, und eine gut verdienende Klientele bestellt gerne bei den Jaburgs. Der König von Hannover macht hier Urlaub. →Klaus Groth wird zum Ärger seiner Frau da sofort wieder abreisen, weil er dem nicht vorgestellt werden will: Ferner machte Klaus eine Reise nach Norderney, um Großvater dort zu seinem 84sten Geburtstag zu begrüßen. Dies endete etwas unglücklich u. hinterließ deshalb eine Mißstimmung. Der König von Hannover kam auf Norderney an. Großvater wünschte, daß Klaus sich ihm vorstellen ließe. Klaus wollte es nicht u reiste Knall auf Fall ab, weil er es dort bei längerem Sein nicht hätte vermeiden können.

Oltmann Jaburg betreibt nebenbei ein photographisches Atelier und wird zu seinem Lebensende Schiffe nicht mehr malen, sondern photographieren. Auf die Idee sind Marinemaler weltweit auch schon gekommen. Kapitänsbilder sind teuer, das kann sich nur ein Kapitän oder ein Steuermann leisten. Wenn der Deutschamerikaner John Henry Mohrmann in Antwerpen um 1900 für ein Bild fünfzig Mark nimmt, dann ist das der halbe Monatslohn eines Steuermanns.
Für die Mannschaften bleibt da nur die Photographie: In Melbourne keem’n Schippsmaler an Buurd. Dee hett mi een Bild maalt för twintig Mark. He hett dat Bild ok photographiert – de Photographie verköfft he an de Besatzung för eenen Schilling.

Noch eine Stufe preiswerter bietet in Amerika die Firma Currier&Ives Lithographien von dramatischen Schiffszenen an. Aber auch hierzulande gibt es Pfennigdrucke aus der Bildergalerie des Volkes. →Theodor Fontane wird in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg ausführlich auf Schiffsdarstellungen in den →Neuruppiner Bilderbögen eingehen. Natürlich sind es dramatische Ereignisse, die er hier erwähnt: die brennende Birkenhead und die zwischen Eisbergen zertrümmerte Präsident. Etwas weniger Dramatisches hätten wir vom Autor von John Maynard ja auch nicht erwartet.

Kapitäne auf Ostasienfahrt lassen ihre Schiffe häufig von Chinesen malen. So wie findige Schneider in Hongkong heute für ihre Kunden Anzüge von Schneidern der →Savile Row für die Hälfte des Preises kopieren, unterbieten die Maler der chinesischen Schule im 19. Jahrhundert ihre westliche Konkurrenz an Nord- und Ostsee. Den Detailreichtum der Schiffe kriegen sie auch immer minutiös hin, aber mit den Wellen und den Wolken hapert es etwas, alles ist eindimensional flächig, es gibt keine Tiefe des Raumes.

Das können die Bremer, von den Fedelers bis zu den Jaburgs besser, sie können Wasser, Wellen und Wolken mit einer perfekten Transluzität in jeder Farbe und Stimmung malen. Die Bremer Maler sind in jedem Werk zu deutschen Marinemalerei repräsentativ vertreten, am schönsten in dem oben erwähnten Katalog des Focke-Museums Schiffe aus Bremen. Ein Blumenthaler Amtsrichter namens Peter-Michael Pawlik, der sich bei seiner Beamtentätigkeit offenbar langweilte, hat in seinem dreibändigen Werk, für das ihm jeder Bremer dankbar sein muss, →Von der Weser in die Welt, alle an der Weser gebauten Segelschiffe erfasst. 

Er hat in →Band II auch einen kurzen, aber gut recherchierten Abriss über die Bremer Marinemaler. Und natürlich auch alle Kapitänsbilder von diesen Schiffen. Das Werk ist leider sehr teuer, ist aber jeden Cent wert. Vor einem halben Jahrhundert hätte man für das Geld noch einen Carl Fedeler (Bild) gekriegt, jetzt liegt so etwas bei internationalen Auktionshäusern bei 10.000 bis 15.000 $ Eröffnungsgebot. Und selbst ein nicht signiertes Ölbild, das seinem Vater Carl Justus Fedeler nur zugeschrieben wird, brachte vor Jahren über 7.000 Euro.

Oltmann Jaburg (hier seine Havarie auf hoher See) aus Vegesack ist nicht ganz so gefragt, bringt aber doch zwischen 3.000 und 6.000 Dollar. Die Preise sind im Steigen, wenn auch bei manchen Bildern aus einem kuriosen Grund. Viele der von den Bremer Marinemalern gemalten Schiffe haben Auswanderer nach Amerika transportiert. Auf der Suche nach einer eigenen Familiengeschichte, nach ihren roots, versuchen die Amerikaner jetzt, an Bilder jener Schiffe zu kommen, die ihre Vorfahren von Bremen, Bremerhaven oder Hamburg nach Amerika gebracht haben.

Montag, 4. Juni 2018

Laeiszhalle


Heute vor 110 Jahren wurde die Laeiszhalle in Hamburg eröffnet. Das Geld für den Bau kam nicht wie bei der Elbphilharmonie vom Steuerzahler sondern von dem Hamburger Reeder Carl Laeisz, hier portraitiert (mit dem Titel Der Seefeste) von Christian Wilhelm Allers (der Maler wird schon in dem Post →Janice Meredith erwähnt). Laeisz besaß viele Schiffe, viele ihrer Namen fingen mit dem Buchstaben P an. Flying P Liners nannte man sie. Als ich klein war, bemühten wir uns, möglichst viele Schiffsnamen der Laeisz Reederei zu kennen. Nicht nur Pamir und Passat. Ich machte immer Extrapunkte mit Potosi, kannte kaum einer.

Im Herrenzimmer (ja, so etwas hatte man damals) meines Onkels hing ein Ölgemälde des Fünfmastvollschiffes Preußen, natürlich unter vollen Segeln und mit dramatischem Himmel. Aber die Größe und Großartigkeit der Preußen wurde ihr zum Verhängnis, 1910 strandete sie im Ärmelkanal. Sie hatte eine Ladung Klaviere für Chile an Bord, die man geborgen hat, aber ich weiß nicht, ob die hinterher noch so gut klangen. Normalerweise transportieren die Schiffe von Laeisz ja keine Klaviere, sondern eher etwas Anrüchiges, sprich Guano. Aber pecunia non olet.

Und mit dem Klang der Klaviere, die man vor Dover birgt, komme ich zur Laeiszhalle. Die kenne ich gut. Als ich noch in Hamburg studierte, war ich da ein ständiger Gast. Ich wohnte in dem, was man heute →Karoviertel nennt, fünf Minuren zu Fuß zur Laeiszhalle. Ich ging immer zu den Vorkonzerten, weil die billiger waren. Und immer oberster Rang, Stehplätze. Hier habe ich Christoph Eschenbach gehört (da saß ich allerdings vorne in der fünften Reihe), der damals als deutscher →Glenn Gould verkauft wurde. War er nicht.

Als die Halle vollendet war, war man skeptisch. Kurz vor der Premiere schrieben die Hamburger Nachrichten, der Bau sei vollständig verunglückt. Nach der Premiere klang das anders, da schrieb der Hamburgische Correspondent: Man kann die Akustik unbedenklich als gut bezeichnen. (…) Es ist mit den Konzertsälen nicht anders als mit den Geigen. Sie wollen eingespielt sein. Was an Klang in den Mauern schläft, wird durch Klang geweckt. Carl Laeisz hat die Fertigstellung der Musikhalle nicht mehr erlebt. Den Untergang der Preußen auch nicht. Von seinen Schiffen schwimmen nur noch wenige auf den Weltmeeren, die Passat oder die Kruzenshtern (ex Padua) würden mir einfallen. Und dann sind da noch die Pommern und die Peking, alles Museumsschiffe. Mit den Hamburger Reedern ist es heute nicht mehr so doll. Einen Carl Laeisz gibt es nicht mehr, höchstens einen →Herrn Kortüm. Und der stiftet keine Musikhalle.

Zum Untergang der Pamir gibt es →hier einen Post.

Sonntag, 3. Juni 2018

Zwieback


Der Post über den →Vegesacker Markt wurde viel gelesen, das war nett. Ein Leser, der noch Photos aus den fünfziger Jahren an die Mail hängte, gestand mir, dass er mal bei Haberjahn vom Pferd gefallen ist. Konnte mir nicht passieren, da ich um Pferde einen großen Bogen mache, das steht schon in dem Post →Derby. Mein Freund Peter aus Hamburg schickte mir - er schreibt immer alles klein - ein Résumé seiner Marktbesuche: woran ich mich noch erinnere: scherenschnitte / profile, immer mehrere blatt uebereinander, wir haben noch 2 von unseren grossen soehnen; eine frau mit einer singenden saege; ein botanisches wunder: rose von jericho; aber auch praktisches: fleckenentferner; messerschleifer; die losverkaeufer in immer etwas schmuddeligen kitteln; achterbahn; dosenwerfen, entenangeln, geisterbahn, zuckerwatte, liebesaepfel, gebrannte mandeln, jenes fahrgeschaeft, in dem einem der boden unter den fuessen weggezogen wurde in einem sich schnell drehenden zylinder, aber auch die die ganz harmlosen "und dann und wann ein weisser elefant": feuerwehrautos, riesenschwaene, die glocke zur anzeige des fahrtendes, glueckliches zuwinken von eltern und kindern im vorbeifahren.

Ich möchte noch einmal auf die im Post Jahrmarkt erwähnte Bäckerei Schnatmeyer zurückkommen. Weil ich da nicht nur Brötchen gekauft habe, sondern auch Zwieback. Der Bremer Zwieback hat wenig mit dem zu tun, was man gemeinhin unter Zwieback versteht, es ist ein sechseckiges Brötchen. Oben und unten kross, in der Mitte leicht süßlich. Sehr lecker. War auch teurer als das normale Brötchen. Der Bremer Zwieback gehört auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Brotarten, titelte die →taz einmal. Die Bäckerei Schnatmeyer ist seit dem Jahre 1821 an dieser Stelle, da sind die Schnatmeyers in das Haus eingezogen, das sich der Schwiegervater, der Bäckermeister und Ortsvorsteher Berend Harbers, 1798 hatte bauen lassen. Das gelbe Haus links daneben ist jüngeren Datums, darauf komme ich noch zu sprechen.

Im 19. Jahrhundert versorgten sie noch nicht die Nachbarschaft mit Brötchen und Zwieback, da rüsteten sie Schiffe aus. Meistens Walfänger. Da lieferten sie zum Beispiel dem Kapitän Wischhusen für den Walfänger Grönland 2.801 Pfund Hartbrot, 110 Pfund feine Cakes, ein Fass Zwieback, 25 Pfund ordinäre Cakes und 3.330 Pfund Weichbrot. Die hier erwähnten Cakes (von denen sich unser Wort Keks ableitet) bestanden aus Weizenmehl und wurden je nach den Zutaten als fein oder ordinär geliefert. Für das steinharte Brot, das in der Form einem übergroßen Pferdehuf ähnelte und deshalb beim Schiffsvolk Peerfööt genannt wurde, garantierte Schnatmeyer die Haltbarkeit für die Dauer eines Jahres. Es hielt manchmal auch länger: Zwei Jahre waren wir derzeit bereits auf großer Fahrt unterwegs, doch der braune Vegesacker Schiffszwieback hatte sich gut erhalten. Vom Zahn der Zeit und von der bösen Mehlmotte unverdorben, schmeckte er uns wie lang entbehrtes Konfekt.

Neben Schnatmeyer stand das →Hotel Bellevue, in der Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut, inzwischen längst abgerissen. Wie der halbe Ort. Man kann ja froh sein, dass Schnatmeyers Haus noch steht. Es ist neuerdings rot, früher war es weiß, sah besser aus. Da merkte man noch, dass es ein Gebäude des Klassizismus war. Das Landesdenkmalamt hatte natürlich recht, dass es bei einer Renovierung darauf bestand, dass die weiße Farbe verschwand. Denn schon in Rudolf Steins Klassizismus und Romantik in der Baukunst Bremens können wir lesen, dass das Rotsteinmauerwerk erst in neueren Zeit weiß überschlämmt wurde. Der kleine Anbau auf der rechten Seite, das war die Keksfabrik, ist leider 1980 verlorengegangen. Man braucht keine große Backstube mehr, weil man keine Walfänger mehr mit 2.801 Pfund Hartbrot ausstattete. Und Zwieback kann man hier auch nicht mehr kaufen, die Bäckerei wurde 1969 aufgegeben.

Ein Bauwerk wird bei Rudolf Stein nicht erwähnt, und das ist der Stollenbunker der hinter der Keksfabrik in den Hang eingegraben war. Er diente den Anwohnern in den letzten Kriegstagen als Schutz, als die Engländer den Ort von Lemwerder aus beschossen. Zwischen Schnatmeyer und dem Hotel Bellevue war eine kleine Flakstellung eingerichtet worden, bemannt von Fünfzehnjährigen. Wenn der Engländer kommt, dann verschwindet ihr aber im Bunker, hatte der alte Schnatmeyer ihnen gesagt. Hier wird wenige Tage vor Kriegsende der Studienrat Dr. Alwin Belger, der Lieblingslehrer meiner Mutter, durch einen Tiefflieger zu Tode kommen. Nur wenige Meter entfernt von unserem Heimatmuseum, in dem er die letzten Jahrzehnte mit der Aufarbeitung des Gerhard Rohlfs Nachlasses verbracht hat. Er wollte mal eben durch das Fernglas der Flakstellung neben Schnatmeyer schauen, wäre er im Museum geblieben, wäre ihm nichts passiert. Man hatte ihn noch auf eine Schubkarre vom Polstermeister Ühne Flügel auf der anderen Straßenseite gelegt und zum Hartmannstift fahren wollen, aber es war ihm nicht mehr zu helfen. Sein geplantes Buch Die große Zeit deutscher Afrikaforschung und deutscher Kolonialarbeit: Nach dem Briefwechsel von Gerhard Rohlfs ist nie erschienen.

Im Haus Weserstraße 83 wohnt noch immer eine Familie Schnatmeyer, man kann da gut wohnen. Es gibt hier nicht viel Verkehr, und nach hinten hinaus hat man einen schönen Blick auf die Weser. Im Nachbarhaus No 84 möchte ich nicht wohnen, ein gruseliger Protzstil, innen wie außen. Erbaut zur Hochzeit von →Heinrich Friedrich Bischoff und →Marie Danziger, haben hier Reeder und Werftbesitzer gewohnt. Dann kam ein Oberlehrer Dr Heinrich Leo, dessen Nachkommen hier das ganze 20. Jahrhundert wohnten. Einer dieser Nachkommen, Per Leo, hat einen Roman um das Haus und die Familie geschrieben. Heißt Flut und Boden. Schnatmeyer wird in dem Roman nicht erwähnt. Solche Nachbarn kennt man offensichtlich nicht, wenn man in Nummer 84 wohnt.

Postscriptum: Sorry. Per Leo hat mich darauf hingewiesen, dass Schnatmeyer doch in seinem Roman zu finden ist. Die Stelle findet sich auf Seite 108: Jeden Abend beim Einschlafen weiß Martin, dass sich direkt neben dem Haus eine Bäckerei befindet. Durch das Flurfenster dringt der Schein ihrer Laterne in sein Schlafzimmer, und wenn es im Sommer offen steht, auch der Duft von frischem Schiffszwieback. Jeden Morgen gibt es zur warmen Milch einen davon, mit einer dicken Schicht Butter an ein Schwarzbrot geheftet.

Samstag, 2. Juni 2018

Gehen - Schreiben


Walking is the natural recreation for a man who desires not absolutely to suppress his intellect but to turn it out to play for a season. All great men of letters have, therefore, been enthusiastic walkers (exceptions, of course, excepted). Shakespeare, besides being a sportsman, a lawyer, a divine, and so forth, conscientiously observed his own maxim, 'Jog on, jog on, the footpath way'; though a full proof of this could only be given in an octavo volume. Anyhow, he divined the connection between walking and a 'merry heart'; that is, of course, a cheerful acceptance of our position in the universe founded upon the deepest moral and philosophical principles. His friend, Ben Jonson, walked from London to Scotland. Another gentleman of the period (I forget his name) danced from London to Norwich. Tom Coryate hung up in his parish church the shoes in which he walked from Venice and then started to walk (with occasional lifts) to India, schreibt Leslie Stephen (der Vater von →Virginia Woolf und →Vanessa Bell) in →In Praise of Walking.

Philosophen wandern oft, wenn sie nicht wie →Thomas Hobbes neben dem täglichen Spaziergang noch Tennis spielen. Den Peripatetikern wird nachgesagt, dass sie wanderten. Aber das stimmt nicht ganz, sie diskutieren die Philosophie des Aristoteles nur in einer Wandelhalle (Peripatos). Wir wissen, dass →Heidegger auf Holzwegen wandelte, aber der soll uns nicht interessieren. Viel interessanter sind die Helden von Ingomar von Kieseritzkys Roman →Die ungeheuerliche Ohrfeige oder Szenen aus der Geschichte der Vernunft, die mit einem Schwein namens Sophia auf der Suche nach einer Philosophie zur Verbesserung der Menschheit von einem Philosophen zum anderen durch das antike Griechenland wandern.

Viele Autoren müssen gehen, um zu schreiben. Ich kann nur beim Gehen nachdenken. Bleibe ich stehen, tun dies auch meine Gedanken, schreibt →Jean-Jacques Rousseau. Oder zitieren wir noch Kierkegard: Ich bin zu meinen besten Gedanken gegangen, und ich kenne keinen Gedanken, der so bedrückend wäre, dass man ihn nicht gehend hinter sich lassen könnte. Manche Autoren brauchen die Großstadt, um zu flanieren. Der große Flaneur Franz Hessel hat gesagt: Man muß sich selbst vergessen, um glücklich spazieren zu gehen. Aber das Spazierengehen ist kein Selbstzweck, wenn die Schriftsteller nach Hause kommen, beginnen sie zu schreiben. Manche schreiben im Stehen. Wie →Ernest Hemingway der gesagt hat: Autoren sollten stehend an einem Pult schreiben. Dann würden ihnen ganz von selbst kurze Sätze einfallen. Das wäre nichts für Thomas Mann gewesen. Hätte er kurze Sätze geschrieben, wenn er ein Stehpult benutzt hätte? Einige Schriftsteller schreiben im Liegen. Wie Truman Capote, der sagte: Ich kann nicht denken, wenn ich mich nicht hinlege. Das berühmteste Beispiel ist natürlich Marcel Proust, der seine →Recherche im Bett schreibt.

Früher bin ich stundenlang durch die Stadt spaziert, bevor ich zu Hause mit einem Becher Tee neben mir zu →schreiben begann. Heute sitze ich vor dem Computer und schreibe. Dass ich das kann habe ich ein Jahr vor meiner Pensionierung festgestellt, es war für mich eine erstaunliche Erkenntnis. Ich halte mich da an →Flaubert, der gesagt hat: On ne peut penser et écrire qu’assis. Ich denke immer darüber nach, ob ich besser schreiben würde, wenn ich mehr gehen würde. Aber wie Walter Benjamin sagte: So kann ich davon träumen, wie ich einmal das Gehen lernte. Doch das hilft mir nichts. Nun kann ich gehen; gehen lernen nicht mehr. Im Augenblick kann ich schlecht gehen, ich sage nur: Lumboischialgie. Da muss ich wieder gehen lernen. Aber merkt man das meinem Schreiben an?

Manche Autoren diktieren. Goethe zum Beispiel, der sich das Diktieren seit den Weimarer Jahren angewöhnt hat: Was ich Gutes finde in Überlegungen, Gedanken, ja sogar Ausdruck, kommt mir meist im Gehen. Sitzend bin ich zu nichts aufgelegt. Da ist es wieder, das Gehen und das Schreiben. Goethe, der sein halbes Leben an chronischen Rückenschmerzen laborierte, hat geschrieben: Der Mensch ist so alt wie sein Rücken und seine Gelenke. Jeder Orthopäde würde das bestätigen. Goethes Dauerproblem wurde lange Zeit fehlgedeutet: seine steife Körperhaltung als Ausdruck eines Hangs zum Majestätischen. Das war aber keine Pose, das war schmerzhaft aufgezwungen, schreibt Dieter Kühn in Schillers Schreibtisch in Buchenwald.

Lassen wir mal eben Goethe durchs Zimmer gehen und diktieren. Und nun geben wir eine kleine Verletzung hinzu, ein verstauchtes Sprunggelenk, einen Muskelfaserriß, einen eingeklemmten Ischiasnerv. Er wird jetzt anders gehen. Merkt man das am Stil? Ja, hätte Eduard Sievers gesagt, neben Karl Lachmann wohl unser bedeutendster Philologe im 19. Jahrhundert (wir lassen mal eben Max Mueller beiseite). Er hat in einem Fall durch Pendelschwingungen bei der Analyse eines Manuskripts festgestellt, dass der Autor eine Beinverletzung hatte. Sievers' Methode der →Schallanalyse ist immer umstritten gewesen, der Autor hat seine geheimen Formeln mit ins Grab genommen. Am kürzesten hat Stefan Rieger das Ganze zusammengefasst: Sprache, egal ob aktuell gebraucht oder welchen entlegenen Überlieferungszusammenhängen auch immer geschuldet, trägt Spuren des Körpers ihres Sprechers.

Im Jahre 1875 vertrat Eduard Sievers die Meinung, dass das altenglische Genesisgedicht (Genesis B) von einer altsächsischen Vorlage abstamme. Hatte er mit Pendeln und Schallanalyse herausgefunden. Es war sozusagen ein philologischer Coup, denn knapp zwanzig Jahre später fand Karl Zangemeister in einer vatikanischen Handschrift (Pal. lat. 1447) genau dieses altsächsische Manuskript. Sievers Forschungen zur Phonetik und Melodie der altenglischen Verse haben übrigens keinen Geringeren als Ezra Pound beeinflusst als er seine Übersetzung des →Seafarer schrieb.

Gehen und schreiben. Wir lassen das letzte Wort einmal Friedrich Nietzsche: Wir gehören nicht zu denen, die erst zwischen Büchern, auf den Anstoß von Büchern zu Gedanken kommen – unsre Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen oder dicht am Meere, da wo selbst die Wege nachdenklich werden. Unsre ersten Wertfragen, in bezug auf Buch, Mensch und Musik, lauten: »kann er gehen? mehr noch, kann er tanzen?«... Wir lesen selten, wir lesen darum nicht schlechter – oh wie rasch erraten wir's, wie einer auf seine Gedanken gekommen ist, ob sitzend, vor dem Tintenfaß, mit zusammengedrücktem Bauche, den Kopf über das Papier gebeugt: oh wie rasch sind wir auch mit seinem Buche fertig! Das geklemmte Eingeweide verrät sich, darauf darf man wetten, ebenso wie sich Stubenluft, Stubendecke, Stubenenge verrät. – Das waren meine Gefühle, als ich eben ein rechtschaffenes, gelehrtes Buch zuschlug, dankbar, sehr dankbar, aber auch erleichtert.

Donnerstag, 31. Mai 2018

Big Ben


Am 31. Mai 1859 konnte man die Glocke, die Big Ben heißt, zum ersten Mal in London hören. Heute nennt jedermann den Glockenturm Big Ben, aber es ist nur die Glocke, die so heißt. Wir merken uns das mal mit dieser wunderbaren Geschichte, die sich in Tom Stoppards Theaterstück Dirty Linen & New-found-land findet. Diese kleine Geschichte aus dem Stück möchte ich doch mal eben zitieren. Es redet da ein gewisser Bernard, ein Beamter des Home Office:

Lloyd George once asked me whether it was possible to see Big Ben from the upstairs window. I said that it was not. `Surely you are wrong,’ he said, ‘are you absolutely certain?’ ‘Absolutely certain, Prime Minister.’ He replied that he found it difficult to believe and would like to see for himself. I assured him that there was no need. The fact was, my mother was upstairs in bed making out her dinner table: she had the understandable, though to me unwelcome, desire to show me off during my leave. Lloyd George pressed the point, and finally said, ‘I will bet you £5 that I can see Big Ben from Marjorie’s window.’ ‘Very well,’ I said, and we went upstairs. 

I explained to my mother that the Prime Minister and I had a bet on. She received us gaily, just as though she were in her drawing room, Lloyd George went to the window and pointed. ‘Bernard,’ he said, ‘I see from Big Ben that it is four minutes past the hour. The £5 which you have lost,’ he continued, ‘I will spend on vast quantities of flowers for your mother by way of excusing this intrusion. It is a small price to pay,’ he said, ‘for the lesson that you must never pit any of the five Anglo-Saxon senses against the Celtic sixth sense.’ ‘Prime Minister,’ I said, ‘I’m afraid Welsh intuition is no match for English cunning. Big Ben is the name of the bell, not the clock.’ He paid up at once. . . and that was a fiver which I can tell you I have never spent.

Der gute Bernard hat sich sein Leben lang nicht gefragt, wieso der Premierminister das Schlafzimmer seiner Mutter kannte.

Tissot


Irgendwie ist das ja immer noch ein cooles Teil, meine alte Tissot Seastar Seven Visodate. Sie hatte mal ein Metallband, jetzt hat sie ein Krokoband. Man kann den Boden nicht aufschrauben, das Gehäuse ist aus einem Stück. Wenn man an das Werk will, muss man mit einem Spezialöffner das Plexiglas abnehmen, diese Konstruktion garantierte, dass die Uhr wasserdicht war. Tissots Schwesterfirma Omega hatte damals das Modell Seamaster, Tissot die Seastar. Die Erwähnung des Meeres musste sein, auch wenn die meisten Besitzer einer solchen Sportuhr sie nie den salzigen Fluten aussetzten. Bevor die Seastar auf den Markt kam, bot Tissot als Sportuhr das Modell Camping an (und in den 40er Jahren gab es schon eine Aquasport), eine robuste Uhr mit dem unverwüstlichen 27er Kaliber.

Tissot hatte damals noch eine andere wasserdichte Uhr im Programm, das Modell hieß T12. Das T stand für Tissot, das 12 für 120 Meter. Wenn Schweizer Firmen 120 Meter garantierten, dann war die Uhr wirklich wasserdicht. Ansonsten besagen diese Zahlen auf dem Zifferblatt wenig, wenn da 30 Meter steht, dann darf man sich mal gerade mit der Uhr die Hände waschen. Auf dem Boden der Seastar steht waterproof, und das war sie wirklich, da ich jahrelang mit ihr geschwommen bin. Was das Symbol auf dem Rückboden bedeutet, weiß ich nicht. Es könnte etwas Bootsähnliches sein. Beim Modell T12 ist eine Art spanischer Galeone auf dem Boden, könnte auch das Flaggschiff von Christoph Kolumbus sein.

Die außergewöhnliche Wassersportwelle und das große Interesse für das Fischen und Tauchen im Meer haben die Fabrik Tissot dazu veranlasst, eine Uhr zu etwickeln, welche die strengsten Anforderungen unter verschiedensten zeitlichen, örtlichen und beruflichen Bedingungen erfüllt, schrieb Tissot 1956 in einem Prospekt anläßlich der Lancierung des T12 Modells.

Zur Konfirmation hatte ich, wie Millionen aus meiner Generation, eine Junghans bekommen. Das Armband war aus Nylon und wurde unter der Uhr durchgezogen. Man konnte es jede Woche waschen, das war praktisch. Ich hätte die →Junghans wahrscheinlich heute noch, wenn sie nicht in einem →Bundeswehrmanöver unter einen Panzer gekommen wäre. Glücklicherweise war mein Arm nicht dran. Als ich Leutnant wurde, schenkten mir meine Eltern zu Weihnachten die Tissot Seastar Seven, automatisch und wasserdicht, sozusagen state of the art. Sie hat mich nie im Stich gelassen. Sie hat in den siebziger Jahren mal den Großbaum unseres Congers bei einem verunglückten Wendemanöver abbekommen. Seitdem sitzt das Werk etwas schief im Gehäuse, jeder Uhrmacher weist mich darauf hin. Macht aber nix, sie geht nach 50 Jahren immer noch zuverlässig.

Auf die Marke Tissot, die im 19. Jahrhundert im Rußlandgeschäft groß geworden war, lasse ich nichts kommen. Meine Schwägerin gewann als junges Mädchen bei einem Tissot Preisausschreiben eine Mexikoreise, damals hatte Tissot gerade eine Fabrik in Cuautitlan in Mexiko eröffnet. Meine Schwägerin trägt aber keine Tissot. Mein Bruder hat ihr einmal eine Omega geschenkt, ist ja die gleiche Firma. Mein Bruder bekommt zum medizinischen Staatsexamen von meinen Eltern eine Rolex, gottseidank eine Explorer, ein schlichtes Modell. Hat damals achthundert Mark gekostet. Für das, was ihm die Firma Rolex beim Kundendienst in den letzten Jahrzehnten an Geld abgenommen hat, hätte er zwei Dutzend Tissot Seastars kaufen können. In Gold.

Als es Omega in den zwanziger Jahren schlecht ging, schlossen sich Tissot und Omega zur Société Suisse pour l’Industrie Horlogère SA (SSIH) zusammen. Madame Marie Tissot pflegte noch Jahrzehnte später im Aufsichtsrat die Vertreter der inzwischen viel mächtigeren Konzernschwester Omega daran zu erinnern, wer sie damals gerettet hatte. Die Enkelin des Firmengründers, die wie ihr Bruder Paul noch in Russland geboren wurde, hat fünfundfünfzig Jahre für die Firma gearbeitet, deren Namen sie trug. Die Firmengeschichte von Tissot kann man in dem Buch Tissot: 150 Jahre Geschichte 1853-2003 von Estelle Fallet nachlesen, ein Buch, das leider nicht an die Qualität von Marco Richons Omega Buch heranreicht.

Omega und Tissot verwendeten häufig die gleichen oder ähnliche Werke. Dies ist das erste Automatikwerk (noch eine Hammerautomatik) von Tissot, das beinahe baugleich mit dem  Omega Werk 28.10 ist. Diese Baugleichheit wird man bei Tissot bis zu den neuesten Omega Werken beibehalten. Das Tissot 2940 ist nichts anderes als das Omega 1022. Auch die Quarzwerke der beiden Firmen werden die gleichen sein. Die Werke von Tissot sehen nicht besonders schön aus, den letzten Schliff, den die Omega Werke haben, den haben sie nicht. Aber sie sind robust.

Ein Werk, das Tissot in den 70er Jahren auf den Markt brachte, hat Omega nicht gebaut. Das ist das Kaliber 2250, beinahe nur Plastik. Lief unter dem Namen Astrolon und Sytal (Systeme Total d'Autolubrification). Hatte keine lange Lebensdauer. Die goldenen Taschenuhren, die die Tissots im 19. Jahrhundert dem russischen Zaren lieferten, können heute noch gehen (Tissot hat solche Uhren als Replikat wieder aufgelegt), ein Astrolon Werk aus den 7oer Jahren geht heute bestimmt nicht mehr. Mein Nachbar Uli hat mal versucht, seins zu reparieren. Zu dem Ergebnis sage ich lieber nichts.

Tissot hatte noch eine Sportuhrenlinie, die PR 516 hieß, Seamaster stand da auch häufig noch auf dem Zifferblatt. Was PR 516 bedeutet, weiß niemand so recht, das PR kann für präzise und robust oder particulièrement robuste stehen. Dies hier ist eine PR 516 GL, ein wunderbares 70er Jahre Monster. Man kann mit einem Blick sehen, dass zwischen Zifferblatt und Gehäuse ein Spalt ist. Das Zifferblatt (mit dem Werk) stößt also nicht ans Gehäuse. Diese Entkoppelung von Werk und Gehäuse finden wir in den 70er Jahren bei Sportuhren häufig, so zum Beispiel in der IWC Yacht Club oder der Zenith Defy. Aber man konnte eine solche Konstruktion auch schon preiswerter in der Junghans Trilastic bekommen.

Auch unter der Bezeichnung Seastar lief dieses Modell, das aber keine Verzierungen auf dem Stahlschraubboden hatte. Es war ein Chronograph (Handaufzug), in dem das Tissot Kaliber 872 tickte. Was nichts anderes als das Lemania 1277 war. Der Chronospezialist Lemania war 1930 zur Société Suisse pour l’Industrie Horlogère gekommen und versorgte seitdem Omega und Tissot mit Chronographenwerken.

Mein Chrono hat ein schönes Edelstahlband, und man muss sagen, dass Tissot in den sechziger und siebziger Jahren hrvorragende Armbänder hatte (bei der T12 kamen die sogar von Gay Frères). Ich kannte einen Rolex Besitzer, der seine Rolex mit einem Tissot Band versehen hatte. Sah beinahe so aus wie ein Rolex Band, war aber qualitativ besser. Über die Jahre habe ich eine schöne kleine Tissot Sammlung zusammengetragen. Was mir fehlt, ist diese rechteckige Uhr aus den dreißiger Jahren. 

Aber da ich so viele rechteckige Uhren habe - unter anderem zwei rechteckige Moeris - ist das nicht so schlimm. Meine eine Moeris hat ein gutes Zifferblatt, die andere hat eine Stoßsicherung. Moeris war eine der ersten Firmen, die in den 1930er Jahren Incabloc Stoßsicherungen und Glucydurunruhen einbaute. Die Firma Moeris erwähne ich deshalb, weil ich dadurch einen schönen Übergang zu den Taschenuhren von Tissot bekomme, denn Tissot hat Moeris Anfang der siebziger Jahre gekauft. 

Die Firma von Fritz Moeri war berühmt für ihre Taschenuhren, die im Zweiten Weltkrieg auch von der englischen Armee verwendet wurden. Moeris lieferte erstklassige Qualität, ihre Armbanduhren hatten schon in den 30er Jahren Stoßsicherung und Glucydurunruhe (die vom gleichen Hersteller kamen, der auch Eterna belieferte). Eine Armbanduhr ist berühmt beworden, als es der Firma schon schlecht ging, und sie keine Top Qualität mehr lieferte. Und das ist die James Bond Uhr, sie können Sie in dem Post 007 sehen. Die Taschenuhrproduktion - Tissot ist heute einer der wenigen Hersteller, der noch Taschenuhren anbietet - wanderte zu Moeris. Die auch eine Modellreihe mit der Bezeichnung Moeris Grand Prix offerierten, aber das hatte nichts mehr mit der Qualität zu tun, mit der Moeris einst seine Grand Prix Modelle anbot.

Sonntag, 27. Mai 2018

Jahrmarkt


In Winsen war gerade Stadtfest, in ein paar Tagen ist in meinem Heimatort Vegesack ein Hafenfest, in vier Wochen fängt hier die →Kieler Woche an. Irgendwie sind diese vielen Feste zu einer Pest geworden. Früher gab es Jahrmärkte (und das Wort sagt schon alles) am Ende des Sommers, das reichte für den Rest des Jahres. Vor allem, wenn es nach dem Marktbesuch so aussah wie auf diesem Bild von →Anders Zorn. Ich möchte Sie in dieses früher heute einmal mitnehmen. Wir blättern im Buch der Erinnerungen mal einige Seiten zurück, bis wir zu den fünfziger Jahren kommen.

Die Bremer haben ihren Freimarkt, wo angeblich jeder in Bremen herumläuft und ischa Freimaak grölt, wie sich Journalisten das so ausdenken. Selbst der →Roland bekommt ein Lebkuchenherz mit Ischa Freimaak verpasst, wahrscheinlich auch von einem Journalisten. Aber uns in Vegesack interessiert der Bremer Freimarkt nicht so sehr, wir haben unseren eigenen Vegesacker Markt. Der ist auch schon alt, nicht so alt wie der Oldenburger Kramermarkt oder der Bremer Freimarkt, aber seit 1808 gibt es ihn doch schon. Da ist das noch, wie alle diese Märkte, ein Viehmarkt gewesen, und es wird nicht viel anders ausgesehen haben als der irische Markt im Jahre 1828, den →Humphrey O’Sullivan in seinem berühmten Tagebuch beschrieben hat. Das werde ich eines Tages für Karl August Großkreutz, den promovierten Tiermediziner, der im Alter beginnt, Bücher über das →Schwein in der Weltliteratur zu schreiben, zum Teil übersetzen.

Es scheint noch ein anderes Volksvergnügen in Vegesack gegeben zu haben, denn Marga Berck berichtet in ihrem bittersüssen Liebesroman →Sommer in Lesmona, dass sich die feine Bremer Gesellschaft einmal im Jahr zu einem Volksball im →Havenhaus in Vegesack einfindet: Also ist es eine alte Sitte, daß die Bremer Familien von den Landgütern dieser Gegend sich einmal im Sommer oder alle paar Jahre irgendwann zu einem Volksball im alten Vegesacker Havenhaus treffen. Die Alten sitzen in irgend einer Ecke, und die Jugend tanzt. Ich war noch nie dabeigewesen. Das Erlebnis im Havenhaus bedeutet der Heldin viel, und so schreibt sie später: Wir tanzten schöner denn je und immer nur wir beide, und wir dachten an den Volksball in Vegesack und an den Abend im Hotel Hillmann nach dem Rennen und an Nizza. Es war ein solcher Rausch und dabei der Abschiedsgedanke in der Kehle.

Nach dem Krieg fängt der Vegesacker Markt erst einmal wieder ganz klein an, bevor er dann den ganzen →Sedanplatz und den Aumunder Marktplatz belegt. Und alle Straßen dazwischen. Einmal ist der Markt sogar in der Weserstraße gewesen, keiner weiß mehr genau, wann das war. Aber dass ein kleines Karussell vor Giessels Kolonialwarenladen stand und Keunekes Wurstbude vor Schnatmeyer (wo ich jeden Morgen die Brötchen hole) war, daran erinnert sich jeder.

Die Märkte unserer Jugend in den fünfziger Jahren sind ein Ereignis, sie haben noch nichts von der bunten Hochtechnologie und dem Lärm der heutigen Volksvergnügen an sich. Das Hippodrom, über dem Reiten kann ein jedermann im Hippodrom von Haberjahn stand, ist leider irgendwann vom Markt verschwunden.

Hier ist →Haberjahns Hippodrom noch im Hintergrund zu sehen. Fügt sich ein in die Welt von Schießbuden, Kettenkarussells, Riesenrad und Geisterbahnen, dem eingeölten starken August, einem Hau-den-Lukas und der Dame ohne Unterleib. Das alles gibt es sicher schon seit Jahrzehnten. Und die Kuchenherzen mit Liebesbotschaften, die so grauenhaft nach Pappe schmecken, wenn man sie zu essen versucht.

Besser schmecken natürlich die Borgholzhausener Pfefferkuchen. Eine kleine Papiertüte mit Borgholzhausener Pfefferküchlein war für mich, als ich klein war, das Schönste auf der Welt. Eigentlich kommen die ja aus Dissen, sagt Opa, die Kuchenbäcker sind nur irgendwann in den Nachbarort abgewandert. Ich weiß nicht, ob das wieder so eine lokalpatriotische Geschichte ist (das weiß man bei Opas Geschichten nie), aber irgendwie besteht meine Jugend nur aus →Borgholzhausener Pfefferkuchen. Luftballons, Zuckerwatte, rot-weiße Lutschstangen, Lakritze, gebrannte Mandeln, braune Moppen und Kokoskonfekt gehören selbstverständlich zu einem Marktbesuch.

Genau wie die Bockwurst von Heinrich Keuneke. Es gibt aber auch Stände mit Roßbratwurst, soll ja toll schmecken, aber ich habe nie eine gegessen. So was könnte man hier auch jeden Tag haben, denn in Aumund gibt es in der Fährer Flur die Schlachterei von Carsten Dohrmann, die nur Fleisch vom Pferd verkauft. Doch als vorsichtiger Norddeutscher hält man sich da lieber an Keunekes Brat- oder Bockwurst, mit viel Senf und diesem labberigen kleinen Brötchen auf der weißen Pappe. Die ist viel besser als die Bockwurst bei →Aschinger in Berlin, aber da kriegt man so viele kleine Brötchen (die da Schrippen heißen), wie man haben will.

Es gibt natürlich immer wieder Neuigkeiten, davon leben Jahrmärkte ja. Autoskooter sind jetzt neu, aber leider auch teuer. Die Todeswand, jene Holztrommel, in der waghalsige Motorradfahrer Kunststücke auf einer alten amerikanischen Indian machen, ist auch neu (und auch teuer). Wenn die Indian nicht in der Trommel gebraucht wird, steht sie aufgebockt vor dem Zelt und ist in ihrer vollen Schönheit, quietscherot und chromblinkend zu bewundern. Doch von diesen Dingen abgesehen, inklusive des billigen Jakobs, der an der Rückseite von Scheffels Wurstbude auf dem Sedanplatz steht (wo ich immer für Opa seine Stumpen und seine geliebten Jerry Cotton Hefte kaufen muss), ist das hier der ganz normale Rummel. Überall gibt es handgemalte Schilder: Junger Mann zum Mitreisen gesucht. Das hat aber nichts mit Eichendorffs Ach wer da mitreisen könnte In der prächtigen Sommernacht! zu tun. Wenn man klein ist, ist das alles eine märchenhafte Welt, vor der man mit offenem Mund steht. Mach den Mund zu, das Herz wird kalt, bekomme ich in solchen Augenblicken immer zu hören. Das Herz wird nur kalt, wenn man nicht mehr staunen kann.

Wenn man über das Alter des Staunens hinaus ist, geht man nur wegen der jungen Frauen in der ersten Septemberwoche auf den Markt. Die gehen immer in Gruppen, wir auch. Wir bewegen uns auf durch ungeschriebene Gesetze des Flirtens vorgeschriebenen Bahnen über den Markt, erst zweimal über den Sedanplatz. Dann am Goldenen Stern vorbei die Georg Gleistein Straße entlang und über den Aumunder Markt. Diese Wege über die Marktplätze haben sich tief in meine Erinnerung eingegraben, sie tauchen nach einem halben Jahrhundert noch in meinen Träumen auf. Immer wieder begegnen wir, scheinbar ganz zufällig, dieser Gruppe von jungen Frauen. Wir kennen sie alle, sie waren mit uns in der Volksschule, sie sind mit uns jetzt in der →Tanzstunde, in der →Jugendgruppe, wir sehen sie ständig. 

Aber der Markt ist eine Ausnahmesituation für das Flirten, da sind junge Frauen ganz anders als sonst. Vor allem bei der Raupe (die manchmal auch Knutschtunnel genannt wird), wenn sich die Persenning über das Wagendach senkt und es diesen Augenblick der Intimität im Dunkel gibt. Wir schießen Blumen für die Frauen, manchmal auch einen Teddybär. Wenn man Glück hat und ein gutes Gewehr erwischt. Wir kaufen ihnen diese pappigen glasierten Herzen mit tief symbolischen Botschaften drauf. Dein ist mein ganzes Herz, oder so was. Und seit dem Gedicht Ischa Freimaak von →Konrad Weichberger hat sich in dreißig Jahren auch nichts geändert:

Bremer Moppen hier, da Bremer Kluten,
volles Herz und leeres Portmoneh -
säurliche Bonbons und süße Schnuten
von der Großen zu der Klein’n—Alleh!