Mittwoch, 7. April 2021

Tiger im Regen

Vor drei Tagen ist die Schauspielerin Angelica Domröse achtzig Jahre alt geworden, sie war neben Jutta Hoffmann (die hier vor Wochen schon einen Post hatte) die berühmteste Schauspielerin der DDR. 1970 war sie in Wolfgang Luderers Effi Briest die Effi, aber noch berühmter wurde sie drei Jahre später als Paula in dem Kultfilm Die Legende von Paul und Paula. Den hat der MDR als kleines Geburtstagsgeschenk am Sonntag gezeigt. Er ist noch vier Wochen hier in der Mediathek (ansonsten können Sie ihn hier sehen). Ihrer Autobiographie Ich fang mich selbst ein hat Angelica Domröse das Gedicht Trauriger Tag von Sarah Kirsch aus deren erstem Lyrikband Landaufenthalt vorangestellt; und das soll heute mein Gedicht des Tages sein:

Ich bin ein Tiger im Regen
Wasser scheitelt mir das Fell
Tropfen tropfen in die Augen

Ich schlurfe langsam, schleudre die Pfoten
Die Friedrichstraße entlang
Und bin im Regen abgebrannt

Ich hau mich durch Autos bei Rot
Geh ins Café um Magenbitter
Freß die Kapelle und schaukle fort

Ich brülle am Alex den Regen scharf
Das Hochhaus wird nass, verliert seinen Gürtel
(ich knurre: man tut was man kann)

Aber es regnet den siebten Tag
Da bin ich bös bis in die Wimpern

Ich fauche mir die Straße leer
Und setz mich unter ehrliche Möwen

Die sehen alle nach links in die Spree

Und wenn ich gewaltiger Tiger heule
Verstehn sie: ich meine es müsste hier
Noch andere Tiger geben.

Dienstag, 6. April 2021

Laura de Sade


Am 6. April des Jahres 1348 hat der Dichter Petrarca seine Laura gesehen: Laura erschien meinen Augen zum ersten Mal in meiner ersten Jünglingszeit, im Jahre des Herrn 1327, am sechsten Tag des Monats April, in der Kirche der heiligen Klara zu Avignon. Er schreibt hunderte von Sonetten auf die Geliebte. Er versucht sie zu beschreiben, sie zu gewinnen. Wir wissen, dass das selten gelingt, wie hier in Magrittes Bild La Tentative de l'impossible, wo ein Maler eine Frau nicht auf die Leinwand, sondern in die dreidimensionale Wirklichkeit des Raumes zu malen versucht.

Aber was Magrittes Maler gelingt, gelingt Petrarca nicht. Er kriegt sie nicht, seine Laura, sie heiratet einen Grafen Hugues de Sade. Jahrhunderte später wird der Onkel des Marquis de Sade ein Buch über diese Laura schreiben, und den Marquis lässt der Gedanke nicht los, dass er mit Petrarcas Liebesobjekt verwandt ist: Laura verdreht mir den Kopf, ich bin wie ein Kind. Nachts träume ich von ihr ... es war um Mitternacht, und plötzlich erschien sie mir. Ihre Augen hatten noch das gleiche Feuer wie damals, als Petrarca sie rühmte: 'Komm zu mir. Kein Leid, kein Kummer, keine Unruhe sind in dem unendlichen Raum, in dem ich wohne. Habe den Mut, mir zu folgen.' Es ist  nicht so ganz sicher, ob diese Laura, die dem Grafen de Sade elf Kinder schenken wird, wirklich Petrarcas Laura gewesen ist, aber der Marquis de Sade hat fest daran geglaubt. So stammt durch einen bizarren Einfall der Natur der Mann, der in der Liebe nur das Tierische sah, von der Frau, für die der göttliche Petrarca die reinste und edelste Glut empfand, schreibt ein französischer Schriftsteller.

Der englische Dichter Sir Philip Sidney (der hier schon einen Post hat) wird von dem Italiener die Form des Sonetts übernehmen, in seinem Gedichtzyklus Astrophel and Stella sind über hundert Sonette (Sie finden alle Gedichte mit Kommentaren in diesem Blog); manche ähneln in ihren Themen den Sonetten von Petrarca, in vielen setzt er sich von ihm ab. Seine Laura heißt Stella, aber sie ist eine wohl eher eine literarische Phantasiefigur. Vielleicht war es seine Jugendliebe Lady Penelope Devereux, aber das weiß man nicht so genau. Sidney fühlt sich in dem neuen Medium Sonett nicht immer zuhause, wie er in dem ersten Sonett schreibt:

But words came halting forth, wanting invention’s stay;
Invention, Nature’s child, fled step-dame Study’s blows;
And others’ feet still seem’d but strangers in my way.

Doch in dieser Schreibkrise kommt ihm seine Muse zu Hilfe: Fool,’ said my Muse to me, ‘Look in thy heart and write. Und so beginnt er dann zu schreiben: einhundertacht Liebessonette. Und macht sich ein wenig über Petrarca und Konsorten lustig, die die Qualen ihrer Liebespein in Verse bringen:

Some lovers speak when they their Muses entertain,
Of hopes begot by fear, of wot not what desires: 
Of force of heav'nly beams, infusing hellish pain: 
Of living deaths, dear wounds, fair storms, and freezing fires. 
Some one his song in Jove, and Jove's strange tales attires, 
Broidered with bulls and swans, powdered with golden rain; 
Another humbler wit to shepherd's pipe retires, 
Yet hiding royal blood full oft in rural vein. 
To some a sweetest plaint a sweetest style affords, 
While tears pour out his ink, and sighs breathe out his words: 
His paper pale despair, and pain his pen doth move. 
I can speak what I feel, and feel as much as they, 
But think that all the map of my state I display, 
When trembling voice brings forth that I do Stella love.

Mit dem of wot not what desires in der zweiten Zeile persifliert Sidney eine bei Petraca immer immer vorkommende Formel des Selbstzweifels, wie zum Beispiel in dem Vers ch‘i’ medesmo non so quel ch'io mi voglio, den Martin Opitz mit Ich weis nicht was ich wil ich wil nicht was ich weis übersetzt hat. Sidney hat seinen Petrarca schon genau gelesen. Den Druck seiner Liebesgedichte hat Sidney nicht mehr erlebt, es war ihm wohl auch nicht so wichtig. Der vollständige Text erschien zum erstenmal 1598 in seinem Hauptwerk Arcadia, das von seiner dichtenden Schwester, der Gräfin Pembroke, herausgegeben wurde.

Petrarca und seine Laura sind hier schon häufig erwähnt worden. Zuletzt am 6. April 2020 in dem Post Petraca (ancora una volta). Und in den Jahren davor in den Posts: 


Montag, 5. April 2021

let the good times roll


Am Todestag von Allen Ginsberg gab es hier vor sieben Jahren den Post Ruhrgebiet, und heute soll es mal wieder etwas von ihm geben. Das Gedicht heißt First Party At Ken Kesey's With Hell's Angels, es kann uns zeigen, dass das Leben 1965 ganz anders war als heute. Auf jeden Fall, wenn man Allen Ginsberg heißt, bei Ken Kesey eingeladen ist, und die Hell's Angels zu Gast sind. Die Party wird übrigens zwei Tage dauern:

Cool black night thru redwoods
cars parked outside in shade
behind the gate, stars dim above
the ravine, a fire burning by the side
porch and a few tired souls hunched over
in black leather jackets. In the huge
wooden house, a yellow chandelier
at 3 A.M. the blast of loudspeakers
hi-fi Rolling Stones Ray Charles Beatles
Jumping Joe Jackson and twenty youths
dancing to the vibration thru the floor,
a little weed in the bathroom, girls in scarlet
tights, one muscular smooth skinned man
sweating dancing for hours, beer cans
bent littering the yard, a hanged man
sculpture dangling from a high creek branch,
children sleeping softly in their bedroom bunks.
And 4 police cars parked outside the painted
gate, red lights revolving in the leaves.


Ein halbes Jahrhundert später war ein australischer Kunsthändler namens Simeon Kronenberg, der spät im Leben zu dichten begonnen hatte, der Meinung, dass er das Gedicht einmal umschreiben müsse. Aus der ersten Zeile Cool black night thru redwoods wird bei ihm Hot black night thru melaleucas—, der australische Teebaum ersetzt die redwood forests. Die leather jackets, die beer cans sind noch da, aus den girls in scarlet tights ist one in scarlet tights geworden. Parallelgedichte zu schreiben, ist heute eine Übung des Deutschunterrichts geworden. Man erkennt an dem Endprodukt, dass es an das Original nicht herankommt. Das gilt auch für Kronenbergs After Allen Ginsberg’s ‘First Party at Ken Kesey’s with Hell’s Angels’:

Hot black night thru melaleucas—
cars rest in moons of yellow,
fallen from poles that hiss and burr—
and stars blaze above in navy linen,
the tops of flame trees breathe
insects drifting in the warm breeze.
And parents in the drive, tend

barbecue and smoke (acacia, gum),
pretending happiness, but their eyes belie.
Their tired son in leather jacket sweats
the cool and itches in the dark, rubbing
tobacco and weed, furtive in corners
while other leather-jacketed boys smoke
dope under the front-yard citreodora,

purposeful, concentrated,
and way too cool for school.
I cross the lawn and beer-can
litter to climb the steps. Two boys
in army shirts lean at the screen door,
half-hearted guards, smoked-out
listless and benign, like domestic cats.

Their girls, one in scarlet tights
and long dress, sweat in her hair,
is busy kissing an energetic boy,
who leans in to her on the lounge floor.
The boyfriend guard doesn’t notice;
instead, he looks across the lawn, stoned,
smiling a welcome like Buddha.

Others talk on couches,
but most move to the music—
twenty of them—to the vibration thru the floor.
They sway in the middle of the room
and bend like Vietnamese huts in wind.
I join them and lift my arms
to the new, sudden rush of sound

like war, the beat we came for—
pounding, shrill, the music charges,
electric, we rock and shift—like choppers
in a storm. A red-haired boy,
tight-jeaned, moves like Nureyev.
He smokes a roach, eyes shut.
I look at his crotch and want to marry.

Mir fehlen die vier Streifenwagen mit dem Rotlicht.

Sonntag, 4. April 2021

Ostern

Ostern und Corona, das hat den Cartoonisten, den Sie schon von zahlreichen Bildern in diesem Blog kennen, nicht ruhen lassen. Und so hat er wieder zu Stift und Farbe gegriffen, und das hier ist dabei herausgekommen. Osterhasen mal ganz anders. Hasen haben es jetzt auch nicht leicht. Abstandsregeln, Maske (auch für Schoko-Osterhasen), Pfoten waschen, und die 45.000 Briefe die beim Osterhasenpostamt in Ostereistedt (Landkreis Rotenburg) liegen, wollen auch beantwortet werden. 

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Osterfest. Und wenn Sie einen Impftermin erhalten sollten, verlangen Sie vom Arzt unbedingt das, was dieser Hase hier bekommt. Und kein AstraZeneca.

Samstag, 3. April 2021

Otto Graf von Loeben


Der Dichter des Gedichts Frühlingsseufzer, das ich heute vorstelle, heißt Otto Heinrich Graf von Loeben, er schreibt als Dichter manchmal unter den Namen Isidorus oder Isidorus Orientalis. Er gehört nicht zu den ganz großen Dichtern der deutschen Romantik. Er hatte in seiner Jugend eine schwere Novalis Phase, und der junge Eichendorff soll von ihm begeistert gewesen sein. Aber vielleicht hat die Wissenschaft den Einfluss Loebens auf Eichendorff lange zu hoch eingeschätzt; die schwärmerische Freundschaft geht zuende, als der Leutnant Eichendorff aus Paris heimkehrt, in den preußischen Staatsdienst eintritt und heiratet. Loeben ist nicht eingeladen, er wird nicht einmal von dem Ereignis benachrichtigt. In seinen Gefühlen verletzt, aber noch auf die Rettung der Freundschaft hoffend, schreibt er ein Sonett mit dem Titel Epithalamium, das er an Eichendorff schickt: 

Brautfackeln seh' ich in der Jugend Händen, 
Und Kränze schlingen sich um schlanke Säulen. 
Der Dichter liebt der Freude Fest zu teilen, 
Er hilft wohl noch den sinn'gen Kranz vollenden.
 
Wem, Gäste, sprecht! wem gelten diese Spenden? 
Wem blüht die Ros', auf der die Blicke weilen? 
Wer neigt, getroffen von der Sehnsucht Pfeilen , 
Die Psycheflügel zu der Fackel Bränden?
 
Bist Du es, Freund? – wohl unterm blüh'nden Kranze 
Kenn' ich sie wieder, die geliebten Mienen, 
Der Lippen warmes Rot, der Augen Bläue. 
Sei mir gegrüßt im Himmelsrosenglanze, 
Worin umarmt Dir Myrt und Lorbeer grünen, 
Seid Eins im Einen, ihr versöhnten Zweie. 

Eichendorff bedankt sich brieflich, aber die Freundschaft ist zuende. Und schon in dem Roman Ahnung und Gegenwart wird er seinen ehemaligen Freund satirisch darstellen, wenn es über einen schwärmerischen Dichter heißt: Er las noch einen Haufen Sonette mit einer Art von priesterlicher Feierlichkeit. Keinem derselben fehlte es an irgend einem wirklich aufrichtigen kleinen Gefühlchen, an großen Ausdrücken und lieblichen Bildern. Alle hatten einen einzigen, bis ins Unendliche breit auseinandergeschlagenen Gedanken, sie bezogen sich alle auf den Beruf des Dichters und die Göttlichkeit der Poesie, aber die Poesie selber, das ursprüngliche, freie, tüchtige Leben, das uns ergreift, ehe wir darüber sprechen, kam nicht zum Vorschein vor lauter Komplimenten davor und Anstalten dazu. Friedrich kamen diese Posierer in ihrer durchaus polierten, glänzenden, wohlerzogenen Weichlichkeit wie der fade, unerquickliche Teedampf, die zierliche Teekanne mit ihrem lodernden Spiritus auf dem Tische wie der Opferaltar dieser Musen vor. Und in seiner autobiographischen Skizze Halle und Heidelberg wird Eichendorff den am 3. April 1825 gestorbenen Grafen als die erstaunlichste Karikatur der Romantik bezeichnen.

Loeben ist der einzige Graf unter den Dichtern dieser Zeit. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass die beinahe alle adlig sind? Fouqué (mit dem Loeben befreundet war) war Baron, Nikolaus Lenau war ein Edler von Strehlenau. Novalis (den Loeben vergötterte) heißt in Wirklichkeit Georg Philipp Friedrich von Hardenberg; und dann haben wir da noch den Freiherrn Joseph von Eichendorff und Achim von Arnim, Adelbert von Chamisso und Karoline von Günderrode. Aber lassen wir das Thema Adel mal beiseite und schauen uns das Gedicht Frühlingsseufzer an:

Lerche jubelt, Finke schlägt,
Herz, du auch so selig wieder?
Frisch der Quell sein Blut bewegt,
Herz, du auch so selig wieder?
Alles frische Blüthen trägt,
Herz! du auch so selig wieder?


Das Gedicht ist im Mai 1818 in der Zeitschrift Wünschelruhte erschienen, wenn man sich deren Inhaltsverzeichnis betrachtet, dann weiß man, was in Deutschland so gedichtet wird, nachdem Napoleon geschlagen ist. Auch Wilhelm Müller, den Heine bewundern wird, ist mit Wanderliedern dabei. Er wird noch berühmt werden (und er hat mit Volkslieder und Griechen-Müller zwei Posts in diesem Blog). Richtig berühmt wird der Graf von Loeben nur mit einem Gedicht, das ich in den nächsten Tagen hier einstelle. 

Loeben hat neben dem Hochzeitslied für Eichendorff noch viele Sonette geschrieben (mehr als hundert), eine Gedichtform, die die Romantiker für sich neu entdecken. Einige von Loebens Sonetten haben die Nibelungen zum Thema, und das Nibelungenlied ist in der Romantik die große literarische Entdeckung. Es wird zur Zeit der napoleonischen Feldzüge zu einem nationalen Epos stilisiert:

Kein anderes Lied mag ein vaterländisches Herz so rühren und ergreifen, so ergötzen und stärken, als dieses [...], worin dem Jünglinge die Schönheit und Anmuth jugendlicher Heldengestalten, kühner, ritterlicher Scherz, Übermuth, Stolz und Trutz, männliche und minnigliche Jungfrauen in des Frühlings und des Schmuckes Pracht, holde Zucht, einfache, fromme und freundliche Sitte, zarte Scheu und Schaam, und liebliches, wonniges Minnespiel, und über alles eine unvergeßliche, ewige Liebe sich darstellen, und worin endlich ein durch dieselbe graunvoll zusammengeschlungenes Verhängniß eine andere zarte Liebe in der Blüthe zerstöhrt und alles unaufhaltsam in den Untergang reißt, aber eben in diesem Sturze die herrlichsten männlichen Tugenden offenbart: Gastlichkeit, Biederkeit, Redlichkeit, Treue und Freundschaft bis in den Tod, Menschlichkeit, Milde und Großmuth in des Kampfes Noth, Heldensinn, unerschütterlichen Standmuth, übermenschliche Tapferkeit, Kühnheit, und willige Opferung für Ehre, Pflicht und Recht; Tugenden, die in der Verschlingung mit den wilden Leidenschaften und düsteren Gewalten der Rache, des Zornes, des Grimmes, der Wuth und der grausen Todeslust nur noch glänzender und mannichfaltiger erscheinen, und uns, zwar traurend und klagend, doch auch getröstet und gestärkt zurücklaßen, uns mit Ergebung in das Unabwendliche, doch zugleich mit Muth zu Wort und That, mit Stolz und Vertrauen auf Vaterland und Volk, mit Hoffnung auf dereinstige Wiederkehr Deutscher Glorie und Weltherrlichkeit erfüllen. Das schreibt Friedrich von der Hagen in seiner Vorrede zu der Nibelungen Ausgabe von 1807. 

Mehr Deutschtum geht wirklich nicht. Aber sind die Nibelungen wirklich für das Sonett geeignet? Wenn man Loebens Siegfrieds Tod liest, kann man daran zweifeln:

Gezwerg, Gewürm erbebte diesem Recken,
Im Drachenblut Kraft sogen seine Glieder,
Den ärgsten Wurm schlugst, Siegfried! du nicht nieder, 
Ein Lindenblatt muss dich zur Erde strecken!

Die Nebelkappe nahmst du, zu verdecken
Dein treues Kämpfen für die liebsten Brüder; 
Doch sie umnebelt Undank; wirst die Hyder
Zu spät, umschlungen schon, im Wald’ entdecken!

Dein Blut, erhitzt, nach Labe ruft und schmachtet, 
Doch Hagen dürstet nach dem Heldenblute,
Da blitzt es hin, und tränkt weinende Wellen.

O Frauenworte, was ihr Unheil brachtet!
Du arm Geschlecht in deinem Uebermuthe! 
Legst deinen Hort dem Tode vor die Schwellen.

Johann Wolfgang Goethe (der ab 1782 Johann Wolfgang von Goethe ist) sieht es mit Unmut, dass sich eine jüngere Generation auf das Sonett stürzt. Im März 1800 hat ihm August Wilhelm Schlegel seine Gedichte geschickt, unter den einundneunzig Gedichten waren zweiundsechzig Sonette. Das ist jetzt zuviel: Goethe schreibt ein Sonett über das Sonett, in der er deutlich macht, dass ihm die Form zuwider ist:

Sich in erneutem Kunstgebrauch zu üben, 
Ist heil'ge Pflicht, die wir dir auferlegen: 
Du kannst dich auch, wie wir, bestimmt bewegen 
Nach Tritt und Schritt, wie es dir vorgeschrieben.
 
Denn eben die Beschränkung läßt sich lieben, 
Wenn sich die Geister gar gewaltig regen; 
Und wie sie sich denn auch gebärden mögen, 
Das Werk zuletzt ist doch vollendet blieben. 

So möcht' ich selbst in künstlichen Sonetten, 
In sprachgewandter Maßen kühnem Stolze, 
Das Beste, was Gefühl mir gäbe, reimen; 
Nur weiß ich hier mich nicht bequem zu betten, 

Ich schneide sonst so gern aus ganzem Holze, 
Und müßte nun doch auch mitunter leimen.

Das mit dem leimen ist nun richtig fies. Aber unser Graf Loeben, der Goethe verehrt, schreibt weiter Sonette. Und schreibt Goethe in ein gut geleimtes Sonett hinein:

Dem blüht kein Lorbeer, der die Liebe meidet!
Zum Schattenreiche kranzlos wird er ziehen,
Vor ihm wird Saffo und Alcäus fliehen,
Und Orfeus, der den Lethe nicht mehr neidet;

Vor ihm Petrarca, den der Lorbeer kleidet,
Torquato, dem die Welt ihr Ohr geliehen,
Ariost, gewohnt, vor Frauen hinzuknieen,
Der hohe Dante, der die Sfären scheidet.

Novalis, der mit ernster Ahndung Bliken
Erstrebt, den Bau des Lebens zu betrachten,
Bekennt, es sei der Lehrling edler Frauen.

Und Göthe lächelt, daß die Schläf' ergrauen,
Daß Abendwinde nach den Rosen trachten,
Die aus dem Lorbeer ew'ge Düfte schiken.

Freitag, 2. April 2021

Karfreitag

Der heutige Post stand hier schon am Karfreitag des Jahres 2010. Ich möchte damit verdeutlichen, dass die christlichen Feiertage in diesem Blog immer gewürdigt worden sind. An meinem ersten Karfreitag im Internet hatte ich von dem hierzulande kaum bekannten amerikanischen Dichter Andrew Hudgins das Gedicht Christ Carrying the Cross eingestellt, und 2014 gab es von Wendell Berry The Way of Pain. Doch ansonsten stand hier immer John Donnes Good-Friday, 1613. Riding Westward, das wohl berümteste Karfreitagsgedicht der Literatur. Nur vor drei Jahren hatte ich etwas anderes, nämlich dieses Gedicht von Paul Celan:

Einmal

da hörte ich ihn,
da wusch er die Welt ,
ungesehn, nachtlang,
wirklich.

Eins und Unendlich,
vernichtet,
ichten.

Licht war. Rettung.

Was 2010 in dem Post zum Karfreitag stand, kann so stehen bleiben. Das Fernsehprogramm mag sich verändert haben, der Rest wenig. Ich habe einen Link eingefügt, damit Sie die deutsche Übersetzung von John Donnes Good Friday, 1613. Riding Westward lesen können. Den Autor des heutigen Gedichts, der schon häufiger in meinem Blog erwähnt wird, kenne ich mittlerweile auch ein wenig.

Dass heute einer der höchsten christlichen Feiertage ist, kann man mit einem Blick am Fernsehprogramm erkennen: Aliens vs. PredatorWu Kung: Herr der blutigen MesserDolph Lundgren: The Last WarriorBlackbeard: Piraten der Karibik. Dazu diese schlimmen Hollywood Blockbuster wie Ben Hur, Die zehn Gebote oder Kampf um Rom. Und als Höhepunkt die Passiongeschichte in der Version von Mad Max Mel Gibson. Da kann man schon dankbar sein, dass man bei 3sat wenigstens im Abendprogramm Bachs Matthäuspassion sehen und hören kann. Gut, es wird Menschen geben, die jetzt in die Kirche gehen, die heute in der Bibel lesen, die heute Brahms Deutsches Requiem hören werden oder John Donnes Good Friday, 1613. Riding Westward lesen. Aber ich fürchte, sie sind in der Minderheit. Geistliche Lyrik zu schreiben, war für John Donne noch eine Selbstverständlichkeit. Heute muss man schon angestrengt suchen, um einen christlichen Dichter zu finden.

Die Gedichte von Andrew Hudgins in The Never-Ending 1991 wären eine Alternative. Der gebürtige Texaner, der in Montgomery, Alabama (da, wo Dr Martin Luther King Pastor gewesen ist) aufgewachsen und auf einem Methodisten College gewesen ist, hat sich einmal, wenn schon nicht als Christian, dann aber auf jeden Fall als Christian poet bezeichnet. Und einem Journalisten auf die Frage nach seiner Lektüre  geantwortet: Robert Lowell und die Bibel. Robert Lowell ist einer der bedeutendsten amerikanischen Dichter im 20. Jahrhundert gewesen, man merkt den Einfluss sicherlich überall im Werk von Hudgins. Den der Bibel auch, Hudgins' Vater hat der Familie jeden Abend daraus vorgelesen.

Mein Exemplar von The Never-Ending trägt die handschriftliche Widmung des Autors an einen bedeutenden deutschen Dichter. Der mit dem Band nichts anderes anzufangen wußte, als ihn in einem Antiquariat zu verkaufen. Irgendwie ein barbarischer Akt für einen Dichter. Inzwischen besitze ich von Hudgins einige Bände, die er mir gewidmet hat, die landen natürlich nicht im Antiquariat. Andrew Hudgins ist nicht irgendjemand, kein obskurer religiöser Fanatiker aus dem amerikanischen Süden, wie Hazel Motes in Flannery O'Connors Roman Wise Blood. Hudgins' Gedichte sind im New Yorker und in ähnlichen prominenten Journalen gedruckt worden. Er hat zahlreiche literarische Preise erhalten, ist 1985 mit Saints and Strangers in die Nähe des Pulitzer Preises gekommen und ist Gastprofessor in Princeton gewesen. Er lehrt heute als Professor für Englisch an der Ohio State University. Und er schreibt immer noch Gedichte, vielleicht die originellsten in Amerika. Hudgins' ist kein Prediger, er hat keine Botschaft zum Mitnehmen. Aber die stille Art, in der er in The Never-Ending die Passionsgeschichte mit dem Hass der weissen Ku-Klux-Klan Nachfolger auf die Schwarzen im Alabama der fünfziger Jahre kontrastiert, lässt den Leser betroffen zurück. Diese Geschichte ist nicht auf dem Kalvarienberg zu Ende, sie ist nie zu Ende.

Christ Carrying the Cross

Two crosses on the hill await a third.
A crowd stands in a circle as other townsfolk
swarm slowly up the hill to join them. Where's Christ?
They frolic, gossip, rear the horses, laugh.
Even the soldiers celebrate. They sport
red jackets as they keep some order here.
Not too much. It's an execution, after all.
Where's Christ? There are the thieves. In a horse cart,
one prays, one stares into the sky and howls.
Where's Christ? There's a small town, 
there's a crag with a black windmill, rickety, on top.
And there's Christ, hard to see, right in the center.
He's fallen beneath his huge cross. Can he rise?
The revelers kick and taunt him. At church we sing,
Where were you when they crucified my Lord?
A crow perched on a torture-wheel looks off
into the distance. Christ staggers, falls, stays down.
Eternity's a long walk, Lord. Get up!

Donnerstag, 1. April 2021

flinke Finger


Da ist er wieder der April, der uns Gedichte bringt. Wenn Sie diesen Blog schon länger lesen, dann wissen Sie, dass es jetzt in Amerika einen Poetry Month gibt. Und in diesem Blog auch. Jedes Jahr. Das Gedicht Piano Lessons heute ist von dem amerikanischen Dichter Billy Collins. Den habe ich im letzten Jahr schon in dem Post Hart Crane zitiert, und 2012 habe ich ihn in dem Post Bücher erwähnt. Ich habe das Gedicht in dem Band Taking Off Emily Dickinson's Clothes gefunden:

My teacher lies on the floor with a bad back 
off to the side of the piano. 
I sit up straight on the stool. 
He begins by telling me that every key 
is like a different room 
and I am a blind man who must learn 
to walk through all twelve of them
without hitting the furniture.
I feel myself reach for the first doorknob.

He tells me that every scale has a shape
and I have to learn how to hold
each one in my hands.
At home I practice with my eyes closed.
C is an open book.
D is a vase with two handles.
G flat is a black boot.
E has the legs of a bird.

He says the scale is the mother of the chords.
I can see her pacing the bedroom floor
waiting for her children to come home.
They are out at nightclubs shading and lighting
all the songs while couples dance slowly
or stare at one another across tables.
This is the way it must be. After all,
just the right chord can bring you to tears
but no one listens to the scales,
no one listens to their mother.

I am doing my scales,
the familiar anthems of childhood.
My fingers climb the ladder of notes
and come back down without turning around.
Anyone walking under this open window
would picture a girl of about ten
sitting at the keyboard with perfect posture,
not me slumped over in my bathrobe, disheveled,
like a white Horace Silver.

I am learning to play
'It Might As Well Be Spring'
but my left hand would rather be jingling
the change in the darkness of my pocket
or taking a nap on an armrest.
I have to drag him in to the music
like a difficult and neglected child.
This is the revenge of the one who never gets
to hold the pen or wave good-bye,
and now, who never gets to play the melody.

Even when I am not playing, I think about the piano.
It is the largest, heaviest,
and most beautiful object in this house.
I pause in the doorway just to take it all in.
And late at night I picture it downstairs,
this hallucination standing on three legs,
this curious beast with its enormous moonlit smile.

Zwölf Tasten, sieben weiße, fünf schwarze, zwölf Räume, durch die man sich tasten muss. Führen die schwarzen Tasten in dunklere Räume? Meine Klavierlehrerin hat nie auf dem Boden gelegen und mir nichts über die Zimmer gesagt, die ich blind durchwandern muss. Es ist alles eine Sache der Finger. Man lernt Noten, Tonarten und wird mit endlosen Tonleitern, Akkordgriffen und Geläufigkeitsübungen gepiesackt. Die Schule der Geläufigkeit von Carl Czerny wird zu einer Bibel. Aber Jahre später nimmt man alle Flüche zurück, die man gegen seine Klavierlehrerin ausgestoßen hat. Ich kann noch heute sicher eine Oktave greifen, Septakkorde sind keine Herausforderung für mich. Verzierungen wie Praller, Triller und Mordent auch nicht. Ich habe mir im Lauf von vielen Jahren als Torwart beim Hallenhandball und beim Fußball sieben von zehn Fingern gebrochen. Aber es ist alles gut verheilt, und die Finger tun auch im Alter noch ihren Dienst. Sie sind auch durch das ständige Tippen auf der Tastatur des Computers gut trainiert. Das Gedicht von Billy Collins brachte mich auf ein anderes Gedicht von dem Neuseeländer C.K Stead, in dem es auch um das Klavierspielen geht:

Third finger! Third finger!'
That was the voice
from two rooms away.
I'd used second finger
or fourth.

That's how it was
having your teacher in the house
while you practised.

Not that the note was wrong,
just the finger.
How could she tell?

I was her worst pupil,
her biggest disappointment -
perfect pitch
and some failure of hand and eye.

Never mind, Mum,
you trained my ears.
They're listening still.

Es ist alles eine Sache der Finger. Da stehen nicht nur Noten auf dem Blatt, häufig stehen da auch ganz kleine Zahlen bei den Noten, die Applikatur sagt einem, welchen Finger man nehmen soll. Häufig hält man sich nicht daran, nimmt einen anderen Finger. Aber das rächt sich, das merkt man später. Die kleinen Zahlen haben schon ihren Sinn, After all, just the right chord can bring you to tears. Das Internet ist voll mit Seiten, die Ratschläge zum richtigen Fingersatz geben. Aber das ist alles unnütz. Denn da gibt es diesen kanadischen Pianisten dem sein Lehrer etwas ganz anderes beigebracht hat, der gerne wollene Handschuhe trägt, und der uns sagt: Die Finger haben nicht viel zu tun mit dem Klavierspielen

Sein kanadischer Landsmann, der Dichter James Strecker, hat Glenn Gould Gedichte geschrieben. Gedichte über die Stücke, die Gould gespielt hat. Muss man dazu die Musik hören, wenn man das Gedicht liest oder macht die Lektüre ohne das Spiel von Glenn Gould keinen Sinn? Sie könnten das jetzt einmal testen, indem Sie William Byrd hier anklicken und Streckers Gedicht lesen:

Byrd: First Pavane and Galliard

If darkness be light invisible,
or want of light that conspires
greater darkness, each notion
of art knows no love 's fibre.
The moon 's dark quarter becomes
another moon, and silences dream
one another among the living, among
the unreachable dead. Even the sentient
stars cannot heal this wound in the
universe; and even those who aspire
with love shall be neither water
nor sky but silence, veined of silence,
and perfect only because they die.

But in darkness every sound is
true, and imagination, willed or
made of will, flows like cosmic blood
where light is spent. Souls, whatever
they are, overlap on spirit, on the
crisscross dance of nothing and idea.
We are naked of purpose here, we
carve our meaning in sound, though
music makes no shadow, even in pure
light. Each sound dies superfluous to
silence, dies nothing before our brief
wisdom dies, perfectly this and
imperfectly that, perhaps eternal.