Dienstag, 9. November 2021

9. November

Ein Tag der ewigen Schande für Deutschland. Der Begriff der Reichskristallnacht ist wahrscheinlich zuerst eher ein ironischer Ausdruck des Zorns gegen den barbarischen Terror gewesen, bevor die Nazis diesen Euphemismus zynisch für sich vereinnahmten. Mit dem Zerwerfen der Schaufensterscheiben kam die sogenannte Arisierung der Geschäfte, Enteignung, Vertreibung, Ermordung der Geschäftsinhaber.

Ich möchte heute eine kleine, leider wahre Geschichte erzählen, die mich seit Jahrzehnten verfolgt. In Bremen lebt man ja gerne mit der Vorstellung, dass wir Bremer alle immer vornehm und hanseatisch gewesen seien. Und wer hanseatisch ist, ist natürlich immun gegen den Nationalsozialismus. Es ist leider keineswegs so gewesen. Die Zahlen und Statistiken in dem hervorragenden Buch von Inge Marssolek und René Ott Bremen im Dritten Reich sprechen da eine ganz andere Sprache. Nein, die Bremer können nicht sagen, sie seien nicht dabei gewesen. Und die Flaggen auf der Obernstraße im Jahre 1938 auf diesem Photo sind auch nicht wegzuleugnen.

In meinem Heimatort Vegesack erhielt die NSDAP bei der Reichstagswahl vom 6. November 1932 30,8 Prozent der Stimmen. In keinem Bremer Wahlbezirk hat sie mehr Prozente erreicht. Im feinen Schwachhausen sind es immerhin 21,7 Prozent, das zweithöchste Ergebnis. Nur die Arbeiterstadtteile haben die Nazis nicht gewählt. Doch es sind diese Stadtteile, die von den Alliierten bombardiert werden. Sie werden die schlimmsten Verluste haben, darin liegt eine Tragik. Meine Geschichte heute kommt wieder einmal, wie die Geschichte über meinen Freund Peter Gutkind oder die über die Bremer Revolution 1968, aus meinen unfertigen Bremensien. Und sie beginnt mit meinem Schulweg. Springen Sie mit mir für einen Augenblick zurück in die Kindheit. Aber wir werden in dieser Zeit der Unschuld nicht verweilen können.

Wenn ich die Weserstraße mit meinem Ranzen entlanggehe, treffe ich morgens Mitschüler wie Roder oder Gabi, und wir gehen gemeinsam zur Schule. Zwischen der Kimmstraße und der Breiten Straße kennen wir jede Gehwegplatte, weil wir hier Hüpfspiele wie Himmel und Hölle spielen oder die Platten einmal im Jahr hochnehmen, um nach Maikäfern zu suchen. In der Breiten Straße begegnen uns einmal in der Woche Kälber und quiekende Schweine, die zur Schlachterei Pohl in der Bahnhofstraße getrieben werden. Danach gehen wir bei Többens über den Zebrastreifen. Es ist der einzige Zebrastreifen über die Bundestraße 75, den wir im Ort haben. Deshalb soll ich diesen Weg nehmen, sonst könnte ich auch die Kimmstraße entlang gehen und dann bei Viole durch den Gang flitzen. Aber bei Viole, wo immer ein Fass mit Heringen vor der Ladentür steht, ist leider kein Zebrastreifen, und so muss ich bei Többens vorbei.

Neben Többens ist früher ein Schuhgeschäft gewesen. Da hat ein Verwandter meiner Großeltern in der sogenannten Reichskristallnacht ein Paar Schuhe geklaut. Um dann morgens festzustellen, dass er zwei linke Schuhe erwischt hatte. Die Familie lacht immer noch über diese Geschichte, obgleich der Verwandte ansonsten ungern erwähnt wird. Der hatte nämlich in Osnabrück eine kriminelle Pleite hingelegt und war im Gefängnis gewesen, danach war er bei den Bremer Verwandten abgetaucht. Im Osnabrücker Land wollte er sich erstmal nicht mehr sehen lassen.

Wenn wir beim Zebrastreifen sind, macht Herr Többens seinen Laden gerade auf. Das ist ein Herrenmodegeschäft der armseligen Sorte. Ich grüße den Herrn Többens nie. Meine Eltern auch nicht. Wir kaufen da auch nicht, ich war nie in meinem Leben in dem Laden. Walter Caspar Többens ist ein Nazi gewesen und ein Kriegsverbrecher. Das mit dem Kriegsverbrecher habe ich lange nicht gewusst. Dass beinahe alle Vegesacker Geschäftsleute Nazis waren und viele in der SS waren, kommt eines Tages dank unserer Schulzeitung Das Echo heraus, die zum Entsetzen der Schulleitung einen gut recherchierten Artikel aus dem Neuen Deutschland über die Nazis in Vegesack nachdruckt. Dass die Ausgabe des Echo überhaupt erschien, war damals in der Adenauerrepublik immerhin ein kleiner Sieg der Pressefreiheit. Dass Többens ein Kriegsverbrecher war, erfahre ich erst durch einen photokopierten Artikel, den mir mein Freund Gert Börnsen Jahrzehnte nach Többens’ Tod gegeben hat. Ich hatte den Artikel einer Freundin geliehen, die auch aus dem Ort kommt, habe ihn aber nie wiederbekommen. Manche Leute sind ein Bermuda Dreieck für Leihgaben. Aber ich bekomme eines Tages heraus, wer den Artikel geschrieben hat, auch wenn ich die Photokopie von Gert niemals wiedersehe.

Der Verfasser heißt Günther Schwarberg, er schreibt für den Stern. Er ist in Vegesack geboren. Sein Vater war Lehrer an Opas Volksschule. Opa und Schwarberg Senior haben sich nicht ausstehen können, denn Schwarbergs Vater war ein Sozialdemokrat. Das ist für meinen kaisertreuen Opa ja das Schlimmste auf der Welt. Über die Többens dieser Welt macht Opa sich weniger Gedanken. Walter Caspar Többens ist 1954 gestorben, mit seiner Geliebten im Auto verunglückt. Zu dem Zeitpunkt ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht mehr gegen das CDU-Miglied, den gläubigen Katholiken und erfolgreichen Geschäftsmann. Aber 1949, da war er von einer Bremer Spruchkammer als Kriegsverbrecher verurteilt worden, zehn Jahre Arbeitslager, Einziehung des Vermögens, Verlust aller bürgerlichen Rechte und jedes Anspruchs auf Rente und Unterstützung. In Polen gab es ein Todesurteil gegen ihn, aber er ist der Auslieferung durch die Amerikaner zweimal durch Flucht entkommen. Und auch das Bremer Urteil wird nicht vollstreckt, nach 1950 wird in Bremen niemand mehr verfolgt. Das Vermögen bleibt nicht eingezogen. Többens wird 1952 als Mitläufer eingestuft und wohnt dann im feinen Schwachhausen. Vom Kriegsverbrecher zum Mitläufer in drei Jahren, auch das ist Bremer Wirklichkeit. Auf die wir nicht stolz sein können.

Günther Schwarberg, der auch die Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm öffentlich gemacht hat, hat Walter Caspar Többens’ Geschichte in seinem Buch Das Getto: Spaziergang in die Hölle aufgeschrieben. Eine Musterkarriere im Dritten Reich: Arisierung der Firma von Adolf Herz in Vegesack, die fortan Többens heißt, dann Großunternehmer und Wehrmachtslieferant für Uniformen in Warschau. Millionengewinne. In Warschau kann man viel Geld machen, auch Oskar Schindler war ja ursprünglich nicht dahin gegangen, um gute Werke zu tun.

Die Deutschen haben sich nach dem Überfall auf Polen hier sozusagen wohnlich eingerichtet. Das kleine, sorgfältig gedruckte Büchlein Soldatenführer durch Warschau, das ich unter Vatis Unterlagen gefunden habe, vermittelt einem den Eindruck einer deutschen Mustersiedlung. Die Soldatengaststätte am Adolf Hitler Platz ist täglich von 7 bis 22 Uhr geöffnet, Uniformen (wahrscheinlich bei Többens genäht) kann man im Deutschen Uniformhaus im Hotel Bristol (Bild) kaufen. Das Heft ist voller Anzeigen deutscher Firmen, von Thonet Möbeln (Slotnastraße 9) bis Telefunken Radios. In dem Soldatenführer liegt auch eine Quittung des Geschäftes von Julius Meinl, wonach Vati (der damals als junger Leutnant durch einen Irrtum einen halben Tag vor der offiziellen Einnahme Warschaus als erster deutscher Soldat mit dem Jeep durch die menschenleere Stadt gefahren ist) für sechzig Gramm Butter und ein Pfund Keks eine Mark dreiundzwanzig bezahlt hat. Die Firma Julius Meinl hat nach 1939 über tausend Filialen in Europa, jetzt auch in Warschau. Der Soldatenführer durch Warschau (gekauft bei der Deutschen Buchhandlung, der Heim- und Pflegestätte deutschen Schrifttums) weist, ähnlich wie ein Baedeker, auch auf die architektonischen und landschaftlichen Schönheiten hin.

Die interessieren Walter Többens weniger. Er wäre ja aus dem Getto davongelaufen, wenn er nicht so gut verdient hätte, sagt er im Prozess. Und gut verdienen tut er. Für 1,4 Millionen Reichsmark kann er plötzlich das Bambergerhaus in Bremen kaufen. In den zwanziger Jahren im expressionistischen Backsteinstil erbaut, war es das erste Hochhaus in Bremen, hatte die ersten Rolltreppen. Und im Erdgeschoss kann man von einem Photomaton in acht Minuten acht Portraitphotos bekommen. Von den Bremern wurde das Kaufhaus liebevoll Bambüddel genannt. Es besaß sogar eine Armenküche. Julius Bamberger tat nicht nur gute Werke, er kämpfte auch zusammen mit dem Bremer Pastor Emil Felden gegen den grassierenden Antisemitismus. 1933 wird Bamberger vorübergehend verhaftet, flieht 1937 in die Schweiz. Baut sich in Paris eine neue Existenz auf. Als die Deutschen kommen, landet er im KZ. Kann wieder fliehen, diesmal in die USA. Er bekommt nach dem Kriege gerade mal 50.000 Mark für das, was man ihm weggenommen hat.

Walter Többens, der ehemalige mittellose Angestellte bei der Firma Leffers in Vegesack, der den Nazis und seiner kriminellen Energie sein Geld verdankt, ist zu dem Zeitpunkt schon wieder im Besitz seines ganzen Vermögens. Er hat kurz vor Kriegsende dank geschmierter Helfer in Berlin auch alles aus seinen Többens-Werken von Warschau und Poniatowa nach Delmenhorst verlagern können. Zu diesem Zeitpunkt kriegen kein Soldat und kein Flüchtling mehr einen Platz in einem Zug nach Westen, Többens kriegt ganze Eisenbahnzüge von seinem Kumpel Dr Heinrich Lauts im Berliner Reichwirtschaftsministerium zur Verfügung gestellt. Das 1944 zerstörte Bambergerhaus ist 1955 wieder aufgebaut worden. Auch der Schriftzug Bamberger steht heute wieder am Haus, in dem jetzt die Volkshochschule residiert. Im Treppenhaus gibt es eine Dauerausstellung über das Leben und Wirken Julius Bambergers.

Zehntausende von jüdischen Arbeitern, die für Többens in Warschau und Umgebung Uniformen nähen, wandern ins KZ. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Többens, der mit einer Peitsche in der Hand durch seine Fabriken geht (sie aber natürlich nie benutzt hat, wie er im Prozeß sagt), ist Großunternehmer, der größte Arbeitgeber im Getto. Ein Oskar Schindler mit umgekehrten Vorzeichen. In dem Bremer Spruchkammerverfahren hatte der Verteidiger von Többens ihn in einem fünfstündigen Plädoyer als einen Wohltäter darzustellen versucht. Und sich zu der Behauptung verstiegen: Lebten die Juden aus dem Warschauer Getto noch, so stünde Többens nicht vor einem Gericht, sondern im Goldenen Buch von Palästina. 1988 legen die Nachkommen von Walter Többens eine kriminelle Millionenpleite hin.

Vor Jahrzehnten ist ein Bundestagspräsident nach dem 9. November zurückgetreten, weil er ein schlechter Redner war. Denn wäre der Philipp Jenninger am fünfzigsten Jahrestag des 9. Novemer 1938 rhetorisch versierter gewesen, und wären die Zuhörer bereit gewesen, ein rhetorisches Mittel wie das der erlebten Rede als ein rhetorische Mittel zu erkennen und nicht als eine Meinung des Redners, nichts wäre geschehen. Vielleicht wäre Jenninger besser beraten gewesen, wenn er einen kurzen Text von Erich Kästner vorgelesen hätte:

In jener Nacht fuhr ich, im Taxi auf dem Heimweg, den Tauentzien und den Kurfürstendamm entlang. Auf beiden Straßenseiten standen Männer und schlugen mit Eisenstangen Schaufenster ein. Überall krachte und splitterte Glas. Es waren SS-Leute, in schwarzen Breeches und hohen Stiefeln, aber in Ziviljacken und mit Hüten. Sie gingen gelassen und systematisch zu Werke. Jedem schienen vier, fünf Häuserfronten zugeteilt. Sie hoben die Stangen, schlugen mehrmals zu und rückten dann zum nächsten Schaufenster vor. Passanten waren nicht zu sehen. (Erst später, hörte ich am folgenden Tag, seien Barfrauen, Nachtkellner und Straßenmädchen aufgetaucht und hätten die Auslagen geplündert). Dreimal ließ ich das Taxi anhalten. Dreimal wollte ich aussteigen. Dreimal trat ein Kriminalbeamter hinter einem der Bäume hervor und forderte mich energisch auf, im Auto zu bleiben und weiterzufahren. [. . .] In der gleichen Nacht wurden von den gleichen Verbrechern, von der gleichen Polizei beschützt, die Synagogen in Brand gesteckt. Und am nächsten Morgen meldete die gesamte deutsche Presse, die Bevölkerung sei es gewesen, die ihrem Unmut spontan Luft gemacht habe. Zur selben Stunde in ganz Deutschland - das nannte man Spontaneität. Ignatz Bubis hat übrigens ein Jahr nach Jenninger Teile aus Jennigers Rede vorgetragen. Es gab keine nationale Entrüstung.

Das Buch von Günther Schwarberg Das Getto: Spaziergang in die Hölle ist noch antiquarisch zu bekommen. Das Buch von Inge Marssolek und René Ott Bremen im Dritten Reich ist nach einem Vierteljahrhundert leider vergriffen (lässt sich aber noch finden). Man sollte sich bei Carl Schünemann und beim Senator für Kultur wirklich mal überlegen, ob man das nicht wieder auflegt oder online stellt. Der Kriegsverbrecher Walter Többens, den die historische Forschung jahrzehntelang unbeachtet gelassen hat, besitzt inzwischen einen Wikipedia Artikel und hier beim Weser Kurier eine informative Seite.

Dieser Text stand hier seit 2010 schon mehrfach. Ich stelle ihn an diesem 9. November noch einmal hier hin, genügend Brandstifter haben wir in Deutschland ja wieder. Und jetzt sitzen sie auch schon im Bundestag und wollen sich ihr Land und ihr Volk zurückholen.

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Sonntag, 7. November 2021

Berlin im Regen


Der Maler Lesser Ury, der heute vor hundertsechzig Jahren geboren wurde, machte da weiter, wo sein Kollege Franz Skarbina aufgehört hat: Berlin bei Nacht zu malen. Franz Skarbina hat hier schon einen Post, da soll Lesser Ury auch einen bekommen. Weil ich durch Zufall im Netz dieses Bild gefunden habe, das Brandenburger Tor vom Pariser Platz aus gesehen. 1928 gemalt, Pastell auf Pappe. Es ist nicht groß, 35 x 50 cm, aber es bleibt im Gedächtnis. Vor allem, weil da in der Bildmitte diese Frau ist. Sie stiehlt der Viktoria oben auf der Quadriga die Show. Ohne die Frau, die modisch im Stil einer garçonne daherkommt, wäre das Bild nix. 

Kurz nach dem Mauerfall hat die Deutsche Bank das Bild für ihre Sammlung gekauft, weil es eine Arbeit von historischer und zukünftiger Bedeutsamkeit sei. Vor wenigen Monaten hat die Bank das Bild bei Ketterer verkaufen lassen. Es war auf 100.000 Euro geschätzt, erbrachte aber 337.500 €. Dies war die zweite spektakuläre Auktion, in der die Kunstsammlung der Deutschen Bank unter den Hammer kam; im letzten Jahr hatte man sich von vielen Teilen des Tafelsilbers getrennt, unter anderem von dem riesigen Triptychon Faust von Gerhard Richter. Wenn auf diesem Bild von Lesser Ury die Sonne nach einem Gewitter wieder hervorkommt, dann gilt das nicht für die Deutsche Bank. Die macht Milliardenverluste, und die Millionen von Donald Trump wird sie wohl auch nicht wiederbekommen. Wir werden dies hübsche Bild wahrscheinlich in keinem Museum wiederfinden, aber wir können uns das Berlin nach dem Gewitterregen hier noch auf einem kleinen ✺Video anschauen.

Ich habe noch ein kleines Gedicht vom Wetter in Berlin: was bleibet aber, stiften die Dichter. Es ist von Christian Morgenstern und heißt schlicht Berlin:

Ich liebe dich bei Nebel und bei Nacht,
wenn deine Linien ineinander schwimmen, -
zumal bei Nacht, wenn deine Fenster glimmen
und Menschheit dein Gestein lebendig macht.

Was wüst am Tag, wird rätselvoll im Dunkel;
wie Seelenburgen stehn sie mystisch da,
die Häuserreihn, mit ihrem Lichtgefunkel;
und Einheit ahnt, wer sonst nur Vielheit sah.

Der letzte Glanz erlischt in blinden Scheiben;
in seine Schachteln liegt ein Spiel geräumt;
gebändigt ruht ein ungestümes Treiben,
und heilig wird, was so voll Schicksal träumt.


Freitag, 5. November 2021

the Wizard Earl


Henry Percy, der neunte Earl of Northumberland, der am 5. November 1632 starb, verbrachte einen großen Teil seines Lebens im Londoner Tower. Sein Vater war im Tower gestorben, sein Großvater war hingerichtet worden. Das schöne Bild, das Anthony van Dyck von ihm gemalt hat, ist erst nach seinem Tod entstanden. Henrys Sohn Algernon hatte es in Auftrag gegeben, hat sich auch gleich von van Dyck malen lassen. Henry Percy ist einer der reichsten Adligen Englands, besitzt eine große Bibliothek, beschäftigt sich mit Astrologie und Astronomie und macht alchemistische Experimente. Das hat ihm den Namen the Wizard Earl eingetragen. Er beschäftigt auch den englischen Astronomen Thomas Harriot, den man sicher zu Recht einmal den englischen Galileo genannt hat. Henry Percy zahlt dem Mann, der die Sonnenflecken entdeckte und die erste Karte vom Mond zeichnete, hundert Pfund im Jahr. Das ist damals viel Geld.

Henry Percy lässt seinen Astronomen auch in Syon House wohnen, wo auch er manchmal wohnt, wenn er nicht gerade für fünfzehn Jahre im Tower wohnt. Das Anwesen ist berühmt, weil der Architekt Robert Adam es umgebaut hat, und es gibt hier auch schon einen Post dazu. Syon House ist auch berühmt, weil hier viele Filme gedreht wurden: The Madness of King George, Gosford Park und Teile von Endeavour. Und natürlich Joseph Loseys Film ✺Accident.

Wenn Henry Percy von 1606 bis 1621 im Tower sitzt, kann ihn sein Astronom jederzeit besuchen, all seine Freunde auch. Sir Walter Raleigh sowieso, weil der auch im Tower sitzt. Zwanzig Diener kümmern sich um Percy in seiner Wohnung im Martin Tower, er erzieht dort seine Söhne, und einige Jahre lebt seine Tochter bei ihm. König James lässt ihn und andere politische Gefangene an seinem sechzigsten Geburtstag frei. Percy war im Tower, weil man ihn verdächtigte, am Gunpowder Plot beteiligt gewesen zu sein. Das war er nicht, aber sein Cousin Thomas Percy gehörte zu den Verschwörern, der Vorwand reicht dem König, um ihn einsperren zu lassen. James benützt das Sondergericht, die Star Chamber, um seine politischen Gegner zu verfolgen. Mit dem Habeas Corpus Act von 1640 wird die Star Chamber abgeschafft. Ende der 1580er Jahre soll Henry Percy dem berühmten Miniaturmaler Nicholas Hilliard sechzig Shillings für ein Portrait gezahlt haben. Dies fünf mal sechs Zentimeter große Bild hier kann es nicht sein, denn dies Portrait des im Gras (wahrscheinlich des Parks von Syon House) liegenden Lords schreibt man inzwischen Rowland Lockey zu.

Aber Hilliard hat den Earl of Northumberland gemalt, und das ist ein seltsames Bild geworden. Das Bild soll irgendwann zwischen 1594 und 1595 entstanden sein, auf jeden Fall sagt das Sir Roy Strong, der 1973 der jüngste Direktor des Victoria & Albert Museums geworden war. Ich erinnere mich noch gut daran, er sah damals sehr exzentrisch aus. Er sieht heute immer noch sehr exzentrisch aus, klicken Sie doch einmal Googles Bilder an. Aber er ist Englands Fachmann für das elisabethanische Zeitalter, da glauben wir ihm mal. Die BBC hat zu seinem achtzigsten Geburtstag eine sehr schöne Sendung über ihn gehabt, klicken Sie das *hier mal an. Was sollen wir mit diesem Bild machen? Wenn wir nicht wüssten, dass es aus dem Jahre 1595 stammt, könnten wir es vielleicht für ein surrealistisches Werk des 20. Jahrhunderts halten.

Ein Gentleman liegt auf dem Rasen eines seltsamen Gartens, er ist eher nachlässig gekleidet, trägt einen offenen Kragen und wirkt ein wenig dishevelled. Sein Hemdkragen ist ein schlichter Kragen, nicht der elaborierte Kragen, den wir auf der Miniatur von Rowland Lockey finden. Seine Kleidung ist schwarz und weiß, das sind auch die Farben der Königin Elizabeth. Aber schwarz ist auch die Farbe der Melancholie, und die Melancholie ist ein Thema, das wir in der Literatur und der Kunst dieser Zeit immer wieder finden. Roy Strong hat die Melancholie in einem Aufsatz die The Elizabethan Malady genannt, dieses Bild wird da auch erwähnt. Und es gibt in diesem Blog schon einen Post, der Melancholie heißt. Wir erinnern uns, dass Shakespeares Hamlet schwarz trägt und melancholisch ist. Der melancholische Herr hier hat seine Handschuhe abgelegt, sein schwarzer Hut liegt neben ihm, er hält ein weißes Taschentuch (zu der Zeit ein Luxusgegenstand) in seiner linken Hand. Er hat ein Buch neben sich, das nicht aufgeschlagen ist. Wir wissen nicht, was für ein Buch das ist. Auf dem Bild von van Dyck stützt sich der Earl auf eine Seite, auf der wir das archimedische Prinzip finden. 

Das Bild wirkt weiter, zwanzig Jahre später wird Isaac Oliver den Lord Herbert of Cherbury in ähnlicher Pose malen, auch mit aufgestütztem Kopf. Auch im Freien, aber diesmal nicht in einem Garten. Der Dichter und Philosoph trägt die Kleidung eines Höflings, Schwert und Schild weisen ihn als Soldaten aus. Auf seinem Schild finden wir Dinge, die Kunsthistoriker als Impresa bezeichnen, eine persönliche, häufig schwer verständliche Symbolik. Zu den Impresen, conceits und Symbolen auf diesem Bild habe ich hier eine schöne Seite des National Trust.

Haben Sie Ihren Alciatus dabei? fragte mich Helmut Papajewski. Ich hatte ihn dabei, die kleine gelbe Leinenausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft passte in die Jackentasche. Der Alciatus war natürlich das Emblematum Libellus des Andreas Alciatus, Literaturwissenschaftler und Kunsthistoriker, die sich mit dieser Zeit beschäftigen, können nicht ohne den Alciatus leben. Es ist der Schlüssel für eine verrätselte Welt von Emblemen, Impresen und Symbolen. Henry Percy wird dem Maler gesagt haben, was von seiner persönlichen Symbolik auf dem Bild sein soll. Manches können wir enträtseln, so kann der abgesägte Ast des Baums vorne links ein Symbol dafür sein, dass einige seiner Vorfahren geköpft wurden. Die Percys waren eine katholische Familie, die im Rising of the North die schottische Königin Mary auf Englands Thron sehen wollten. Einer von Henry Percys Vorfahren wird als katholischer Märtyrer betrachtet, ein anderer wurde vom Papst seliggesprochen. Henry gehört zwar der Church of England an, aber viele glauben, dass er in seinem Herzen Katholik ist.

Was ist das für ein Garten, in dem der Lord da liegt? Nicht der englische Landschaftsgarten, eher etwas Kunstvolles, Künstliches. Ein Garten, der einen anderen hortus conclusus in sich birgt. Roy Strong hat in The English Renaissance Miniature gesagt, dass die Rechtecke des Gartens eigentlich Quadrate sein sollten, Hilliard hätte das mit der Perspektive nur nicht so hingekriegt. Über die Symbolik von Quadraten könnte man spekulieren, ich weiß nicht, ob das viel bringt, die Gärten in der Zeit haben alle ziemlich geometrische Muster. Roy Strong hat mehrere Bücher über englische Gärten geschrieben, und er hat in den letzten Jahrzehnten einen großen Garten angelegt, elaboriert wie die Kleidung, die er trägt. Gartenfreunde fanden seinen Garten zu elaboriert und der National Trust wollte den Garten nicht für geschenkt haben. Das hat Sir Roy wehgetan, jetzt hat er den Garten der Organisation Perennial vermacht.

Vieles auf dem Bild kann man erklären, manches bleibt ein Rätsel. Diese Waage hält eine Kugel, die die Weltkugel symbolisieren kann. Ihr Gewicht wird balanciert durch kleine Federn. Und dan haben wir da noch die Schrift TANTI. Jetzt wird es schwierig. Glücklicherweise gibt es den Dr Laurence Shafe, der einen Magistertitel vom Courtauld Institut hat (wo Roy Strong auch seine Dissertation schrieb) und noch zwei Doktortitel besitzt. Der erklärt uns auf seiner Seite beinahe alles, muss aber am Schluss zugeben, dass uns der Schlüssel für alle Geheimnisse des Bildes fehlt: Unfortunately, we have lost the key and are left with tantalizing glimpses of hidden meanings.

Nicht immer helfen uns der Alciatus und die Symbollexika. Und vielleicht ist das auch gut so. Robert Walser hat einmal bei einer Wanderung mit Carl Seelig gesagt: Man muss nicht hinter alle Geheimnisse kommen wollen: Das habe ich mein ganzes Leben so gehalten: Ist es nicht schön, dass in unserem Dasein so manches fremd und seltsam bleibt, wie hinter Efeumauern? Das gibt ihm einen unsäglichen Reiz, der immer mehr verloren geht. Man kann sich das Bild von Hilliard als Druck kaufen und es an die Wand hängen, aber das hat nichts mit dem Original zu tun, denn das hat gerade mal die Größe eines DIN A4 Blattes. 

Das Bild ist über Jahrhunderte im Familienbesitz gewesen, es wurde 1937 bei Christie's verkauft. 1940 kaufte es die holländische Historikerin Dr. Maria Elisabeth Kronenbergh bei Frederik Muller in Amsterdam, es wurde ihr als ein Porträt von Sir Philip Sidney verkauft. 1981 erwarb das Rijksmuseum das Bild. Es wird dem Rijksmuseum nicht gefallen, dass eine bis dato unbekannte Kunsthistorikerin namens Cathy J. Reed im British Art Journal behauptet, das Bild stelle Robert Devereux, den zweiten Earl of Essex, dar. Nun ist das British Art Journal nicht das Burlington Magazine, man wird das cum grano salis nehmen. Der Aufsatz provozierte einen Artikel einer jungen Kunsthistorikerin namens Céline Cachaud. Sie hat eine schöne Internetseite, die Hillyarde and Co heißt, und da hat sie einen langen illustrierten Artikel zur Frage der Identifikation des melancholischen Herrn auf dem Rasen. Dieser Herr hier sieht aus wie ein Adeliger, ist aber nur ein Goldschmied und limner. Auf einer kleinen runden Miniatur hat sich Nicholas Hilliard so gemalt, wie er sich sieht. Vier Zentimeter klein, aber doch riesengroß: This self-portrait is vain as hell. The picture of his own dapper handsomeness that Nicholas Hilliard created in 1577, when he was about 30, is a revolutionary assertion that artists are stars who belong in the best society, hat Jonathan Jones im Guardian geschrieben.

Dienstag, 2. November 2021

Straßenzeitschrift


Diese Straßenzeitungen kennen wir alle. Man kauft sie im Vorbeigehen und hofft, dass man etwas Gutes damit tut. Man schleppt sie für den Rest des Tages mit sich herum, damit andere sehen, dass man etwas Gutes getan hat. Meistens liest man die Zeitung nicht. Ich möchte heute einmal ein paar Zeilen über eine Straßenzeitung schreiben, die in meiner Heimatstadt Bremen erscheint. Und die etwas ganz Besonderes ist. Sie hat sogar einen Wikipedia Artikel, das kann nicht jede Straßenzeitung Deutschlands von sich sagen. Dass sie etwas Besonders ist, kann man schon an diesem Layout sehen, professionell gemacht. Unter anderem wurde sie vom renommierten Type Directors Club (TDC) in New York dreifach prämiert und im TDC Jahrbuch Typography 33 vorgestellt.

Die ZDS wurde 2010 als Medien-, Sozial- und Lernprojekt von der Hochschule Bremerhaven, der Hochschule für Künste Bremen und dem Verein für Innere Mission in Bremen gegründet. Einer ihrer Gründer, Professor Dr Michael Vogel, hat gerade vom Bremer Bürgermeister das Bundesverdienstkreuz bekommen, und die ZDS hatte darüber natürlich einen Artikel. Vogel ist Professor für Tourismusmanagement und Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Bremerhaven, er ist mehrfach als Hochschullehrer ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem ars legendi Preis. Im Jahre 2017 hat die Zeitschrift ZDS den ✺Deutschen Bürgerpreis erhalten, sie ist immer wieder ausgezeichnet worden. Dafür hat die Zeitschrift natürlich eine Seite mit dem Presseecho, die Resonanz betitelt ist.

Ich bin stolz darauf, dass ich auch einmal mit einem kleinen Artikel dabei war. Ich bin von einem Mitglied der Redaktion, dem Photographen Dr Jan Zier, angeworben worden. Wahrscheinlich steckte mein Freund Peter in Hamburg dahinter, der Herrn Zier erzählt hat, dass ich in meinem Blog SILVAE immer wieder über Vegesack schreiben würde. Zuletzt kam der Ort in den Posts nach sechzig Jahren und die Villa Fritze vor, das wissen Sie. Man bereitete in der Redaktion gerade eine Ausgabe über die Vegesacker Gerhard Rohlfs Straße vor (diese Straßenzeitschrift wird nicht nur auf der Straße verkauft, sie widmet sich auch einzelnen Bremer Straßen), und da hätte man mich gerne dabei gehabt. Da konnte ich natürlich nicht nein sagen.

Mit dem Namensgeber der Straße kenne ich mich aus, der hat hier schon dem Post Gerhard Rohlfs und kommt mehrfach im Blog vor. Unter anderem in dem Post Emily Ruete, der mehr als sechtausend Mal gelesen worden ist und einige Jahre unter den Top Ten Ergebnissen bei Google stand. Die Gerhard Rohlfs Straße hat ihren Namen erst seit 1910, vorher hieß sie Langenstraße. Heute ist es eine Fußgängerzone, früher war das die B75, und der ganze Verkehr rauschte hier durch. Es ist die Hauptgeschäftsstraße des Orts, keine besonders schöne Straße. Ich hätte lieber über die Strandstraße geschrieben, wo man auf der Weser mal die Bremen sehen konnte, die bei uns umgebaut wurde. Oder ich hätte auch gerne über die Hafenstraße oder die Weserstraße geschrieben, aber die Posts stehen hier schon im Blog.

Ich nahm mir für meinen kleinen Artikel die Mitte der Straße, da wo der Sedanplatz ist, wo einmal im Jahr Jahrmarkt war. Nicht ganz so  großartig wie der Bremer Freimarkt, aber doch ganz ordentlich. Ich hatte damals viel zu tun und hatte auch noch angefangen, Anna Karenina zu lesen. So machte ich das, was ich in solchen Fällen immer tue: ich beklaute mich selbst. Raymond Chandler nannte das cannibalizing. Ich nahm als Basis für meinen Artikel den Post Sedanplatz und schrieb ihn um. Es gefiel der Redaktion offenbar, die noch dieses schöne Bild spendierte. Hier bin ich jeden Morgen zur Schule gegangen, hier war der einzige Zebrastreifen der Gerhard Rohlfs Straße. Man sieht rechts den Laden von Többens; dass er ein Kriegsverbrecher war, wusste ich damals nicht, Auf der anderen Straßenseite ist die Drogerie Tüscher, wo ich meine erste Kleinbildkamera kaufte, die Werra aus der DDR. Das Photo hier ist aus dem Buch Bremen-Nord in den Fünfzigern, in dem die Photographin Sigrid Hofmann Photos aus dem Bilderarchiv ihres Vaters herausgegeben hat, der der Bildberichterstatter des Weser Kurier und der Norddeutschen Volkszeitung war. Ist ein reiner Nostalgietrip.

Zwanzig Jahre nach dem Photo im oberen Absatz sah der Sedanplatz so aus, die Eiche, die einmal Sedan Eiche hieß und die uns Straßenfußballern als Torpfosten diente, gab es nicht mehr. Dafür war der Platz in der Mitte der Gerhard Rohlfs Straße unterkellert, man brauchte einen Parkplatz für Hertie. Das ist dieser kleine Klotz unten rechts. Hertie war wenige Jahre später pleite. Wie der halbe Ort. Weil auch der Bremer Vulkan, der einst die Pasteur zur Bremen umgebaut hatte (namensgleich mit dem viel berühmteren Schnelldampfer Bremen) pleite war.

Ich schrieb also meinen kleinen Artikel über den Sedanplatz, das war reine Nostalgie, das schrieb sich leicht. Kurz nachdem das Novemberheft der ZDS erschienen war, bekam ich einen Anruf von einem älteren Herren aus meinem Heimatort, der sich bei mir für den Artikel bedanken wollte. Ja, so sei es gewesen. An seine ganze Jugend hätte er sich wieder erinnert, als er das gelesen hatte. Er wollte mir gerne das Buch Bremen-Nord in den Fünfzigern schenken, aber ich sagte ihm, dass ich das schon seit seinem Erscheinen 2003 besitze. Doch dann fiel mir der Peter in Hamburg ein, und ich fragte den Herrn, ob er mir ein Exemplar für einen Freund schicken könne. Das hat er getan, und so ist der Peter auch zu diesem Nostalgiebuch gekommen. Er hat sich natürlich ganz doll bei dem netten Herrn bedankt.

Der Afrikaforscher Gerhard Rohlfs, dessen Geburtshaus in der Gerhard Rohlfs Straße eine Plakette ziert, hat natürlich auch einen Artikel in dem Novemberheft 2019 der ZDS. Seit sechzig Jahren gibt es ein Denkmal für ihn von dem Bremer Bildhauer Paul Halbhuber. Eine beinahe fünf Meter hohe Bronzesäule, auf deren Reliefs Bilder seiner afrikanischen Reiseerlebnisse zu sehen sind. Sie können hier den ✺Künstler bei der Vollendung seines Werks sehen. Vor hundertzehn Jahren wollte man ein Denkmal errichten, das den ehemaligen Konsul von Sansibar als Kamelreiter zeigte, aber den Plan hatte man fallengelassen. Das Londoner Victoria & Albert Museum besitzt ein Photo von dem Entwurf des Bildhauers Kurt Edzard. Es wäre ja ganz schön gewesen, wenn man das Gerhard Rohlfs Denkmal auf der gleichnamigen Straße aufgestellt hätte, aber dafür gab es 1961 in der Geschäftsstraße keinen Platz. So steht es jetzt ein wenig sehr abseits in den Grünanlagen des Fährgrunds.

Die Redaktion der ZDS hat meinen Artikel Drei Ecken, ein Elfer inzwischen ins Internet gestellt hatte.  In der medialen Repräsentation ist die Zeitung nicht zu schlagen. Da sind sie Profis wie in ihrem preisgekrönten Design, in ihrem Archiv kann man alles wiederfinden. Wenn Sie jetzt auf den Geschmack gekommen sind: Sie können die Zeitschrift auch abonnieren. Man braucht kein Bremer oder Butenbremer zu sein.

Samstag, 30. Oktober 2021

als Weib wirklich ungeheures Talent


Das ist die englische Künstlerin Rebecca Salter. Sie kann RA hinter ihren Namen schreiben, weil sie ein Mitglied der Royal Academy ist. Und nicht nur das, seit zwei Jahren ist sie die Präsidentin der Royal Academy. Das hat es in den zweieinhalb Jahrhunderten der Geschichte der Institution noch nicht gegeben. Frauen, die Mitglieder der Royal Academy waren, die gab es vorher allerdings schon einmal.

Zum Beispiel sie hier. Mit siebenundzwanzig schon Mitglied der gerade gegründeten Royal Academy, fünf Jahre zuvor war sie schon Ehrenmitglied der Akademie von Bologna geworden. Sie ist die berühmteste Malerin ihrer Zeit. Sie ist nicht nur eine Malerin, die die Welt bewundert, sie hat auch eine schöne Singstimme. Eigentlich wollte sie Sängerin werden. Vielleicht. Auf dem ersten Selbstportrait, das sie mit zwölf Jahren malt, hält sie Notenblätter in der Hand. Sie wird von Männern bewundert, aber sie findet nicht den richtigen Mann. Sie schreibt an den jungen Goethe:

Mir träumte vor ein paar Nächten, ich hätte Briefe von Ihnen empfangen, und war getröstet und sagte, es ist gut, dass er schreibt, sonst wär ich halb aus Wehmut gestorben. Mich vergnügt, zu wissen, dass Sie wohl sind, der Himmel erhalte Sie immer so. Goethe, dem das Bild, das sie von ihm malt, überhaupt nicht gefiel, schreibt an Charlotte von Stein: Sie ist eine treffliche, zarte, kluge, gute Frau, meine beste Bekanntschaft hier in Rom. Und sagt an anderer Stelle: Sie hat ein unglaubliches und als Weib wirklich ungeheures Talent. Und 1789 schreibt er seiner Frau Christiane: Was mich in diesen letzten Wochen auf eine sonderbare Weise, wenn ich so sagen darf, gereinigt u. veredelt hat, ist der Angelika Freundschaft. O daß ich so viel Zeit in Rom verloren u. mich gequält habe, ohne diese zarte u. edle Seele, die so schüchtern u. zurückgezogen, wie eine himmlische Erscheinung ist, näher kennen zu lernen, […] vielleicht die kultivierteste Frau in Europa. Unter dem Titel Mir träumte vor ein paar Nächten, ich hätte Briefe von Ihnen empfangen hat der Libelle Verlag in Lengwil vor zwanzig Jahren ihre Briefe herausgebracht. In den Originalsprachen; englisch, deutsch und französisch.

Sie wissen schon, dass ich von Angelika Kauffmann rede, die heute vor zweihundertachtzig Jahren geboren wurde. Über die John Flaxman sagte: She was of her time and the time was made for her. Und der dänische Legationssecretär in London, Graf von Schönborn, schreibt in einem Brief an Klopstock: Ein Kupferstecher hier, der fast nichts als ihre Gemählde sticht, sagte mir einmahl, the whole world is angelicamad! Ihre Freunde verehrten sie als die zehnte Muse Roms, aber diese Muse ist auch geschäftstüchtig. Ihre Bilder werden nachgestochen, Szenen aus ihren Bildern wandern auf Porzellangeschirr, eine Kommerzialisierung ihrer Kunst durch Merchandise Artikel. Weil die Welt nun mal angelicamad ist. Angelika Kauffmann: Künstlerin, Powerfrau, Influencerin ist der Titel der neuesten Ausstellung.

Angelika Kauffmann war nicht die einzige Frau unter den vierunddreißig Gründungsmitgliedern der Royal Academy. Da war noch Mary Moser, die sich auf die Blumenmalerei spezialisiert hatte. Für länger als ein Jahrhundert werden diese beiden Frauen die einzigen weiblichen Mitglieder der Royal Academy sein. Vier Jahre nach der Gründung malt Johann Zoffany die Royal Academy bei der Arbeit, der König kauft ihm das Bild sofort ab. Nicht alle Gründungsmitglieder sind auf dem Bild, Thomas Gainsborough fehlt, ich weiß nicht weshalb. 

Und die beiden Frauen suchen wir auch vergeblich. Sie sind zwar da, aber nur als Portraits an der Wand. Denn schließlich sind zwei nackte Männer, die den Künstlern Modell stehen sollen, im Raum. Da können Frauen nicht dabei sein, das verstösst gegen das decorum. Das wird noch für über hundert Jahre Frauen vom Besuch von Kunstschulen ausschließen. Es sind wenig nackte Männer im Werk von Angelika Kauffmann zu sehen. Und wenn sie nackt sind, dann sehen sie so aus. Das decorum ist etwas, das dem Neoklassizismus eigen ist, wozu reisen die Gentlemen jetzt alle nach Rom? Das Bild Zoffanys beschreibt kein reales Ereignis, er hat sich das alles so ausgedacht. Aber witzig bleibt das doch mit den Damen an der Wand.

Angelika Kauffmann hat von 1772 bis in die 1790er Jahre immer wieder in der Royal Academy ihre Bilder ausgestellt. Es gab hier vor zehn Jahren schon einmal einen Post Angelika Kauffmann, den stelle ich heute in leichter Bearbeitung noch einmal ein. Dies Portrait von Johann Joachim Winckelmann hat sie mit zweiundzwanzig Jahren gemalt, es machte sie, immer wieder nachgestochen, in ganz Europa bekannt. Sie malt den homme des lettres im deshabillé, ohne Perücke, nur mit einem Morgenmantel bekleidet. Die Oberschicht gibt sich in der Mode des 18. Jahrhunderts gerne lässig, schließlich lebt man im Zeitalter der Empfindsamkeit, da stört ein steifer Kragen.

Das Bild hier ist mit Liebe gezeichnet. Die Malerin Angelika Kauffmann ist gerade Ehrenmitglied der Accademia Clementina di Bologna geworden und hat eine Woche später das Diplom der Accademia del Disegno erhalten. Sie ist zweiundzwanzig. Sie hat gerade in Rom diesen hübschen amerikanischen Quäker namens Benjamin West getroffen. Er sieht mit den Klamotten ein bisschen aus wie William Shakespeare. Kunsthistoriker nennen das einen Van Dyke suit, was er da trägt. Ähnliche Kleidung findet sich in dieser Zeit auch auf den Bildern der beiden führenden Portraisten in Italien, Pompeo Batoni und Anton Raphael Mengs (dem Lehrer von Benjamin West). Dieser Van Dyke suit findet sich natürlich auch bei Gainsboroughs The Blue Boy und in der Verfilmung von Little Lord Fauntleroy. Er wird später von Dandies immer mal wieder aus der Mottenkiste der Mode gezogen werden, Oscar Wilde hatte auch mal so etwas getragen.

Der junge Amerikaner Benjamin West hat gerade eine schwere Erkrankung überstanden, ein rheumatisches Fieber, das seine Beine lähmte. Aber der berühmteste italienische Chirurg Dr Angelo Nannoni konnte ihm helfen. An Nannoni war West durch die Empfehlung von dem Diplomaten und Kunstsammler Sir Horace Mann geraten. Noch hat die amerikanische Revolution nicht stattgefunden, noch ist West ein Engländer, und die Engländer in Italien helfen einander. Italien ist voller Engländer, Kunstsammlern und Gentlemen auf ihrer Grand Tour. Wenn Benjamin West Italien im nächsten Jahr verlässt, wird er nach London gehen und für den Rest seines Lebens in England bleiben und noch Präsident der Royal Academy werden. Zuvor hat er natürlich noch Angelika Kauffmann portraitiert.

Er wird später sagen, dass er ihr den ersten Unterricht in the principles of composition, the importance of outline, and likewise the proper combinations and mixtures of colours gegeben habe. Aber das kann nicht so ganz stimmen, Angelika Kauffmann stand zwar erst am Anfang ihrer Karriere und war mit ihrem Vater nach Italien gekommen, um sich zu vervollkommnen, aber malen konnte sie schon. Obgleich sie sich damals eben noch nicht sicher war, ob sie wirklich eine Malerin werden sollte. Sie hatte diese schöne Stimme und liebäugelte noch mit einer Karriere als Opernsängerin.

Die beiden sollen damals schwer ineinander verliebt gewesen sein. Hat Charles Willson Peale gesagt (der eines Tages seine Tochter Angelica Kauffman Peale nennen wird), doch der hat West erst vier Jahre nach dem Zusammentreffen der beiden kennengelernt. Hat Benjamin West dem jüngeren Peale diese Geschichte erzählt? Wie immer es sei, aus der Romanze wird nichts, schließlich hat West noch seine Verlobte Betsy Shewell drüben in Amerika. Irgendwie scheinen es die Zeitgenossen, vor allem die zeitgenössischen Maler, darauf angelegt zu haben, die junge Schweizerin (hier ein Portrait von Nathaniel Dance) als ein Flittchen auf Männerjagd darzustellen.

She was ridiculously fond of displaying her person and being admired, for which purpose she one evening took her station in one of the most conspicuuous boxes of the theatre accompanied by Nathaniel Dance and another artist, both of whom as well as many others were desperately enamoured of her, while she was standing between her two beaux, and finding an arm of each most longingly embracing her waist, she contrived, whilst her arms were folded before her on the front of the box over which she was leaning, to squeeze the hand of both, so that each lover concluded himself beyond all doubt the man of her choice, schreibt John Thomas Smith, der zu der Zeit in Italien ist und später bei West studiert. Aber Smith (in den sie angeblich auch einmal verliebt gewesen sein soll) hat eine schnelle und böse Zunge, er ist zwar ein Kleinmeister der Verleumdung, aber nicht unbedingt der zuverlässigste Zeitzeuge.

Und dann ist da noch die Geschichte mit der angeblichen Verlobung mit Nathaniel Dance, die sie gelöst haben soll, als sie Joshua Reynolds kennenlernte (den sie hier auch in einem Van Dyke suit malt). Das sagt Joseph Farington, allerdings beginnt er sein berühmtes Diary erst im Jahre 1793, alles was die Klatschbase der Kunst da sagt, ist aus zweiter, meist dritter Hand. In einem Brief des schottischen Abbé Peter Grant, der mit vielen der englischen Romreisenden bekannt ist, heißt es 1765: Mr Dance if you remember him made strong love to her the whole of last winter, and was really so far gone in his tender passion that he was truly to be pitied, but all his address was not able to make the smallest impression upon her heart her whole raptures not having any other object than that of excelling in her profession. Das klingt nicht gerade nach bevorstehender Verlobung in London.

Vergessen wir bei all dem nicht: dies ist das Zeitalter der emphatischen Liebesschwüre, The Man of Feeling ist nicht nur ein Romantitel, es ist ein Programm für eine ganze Epoche, das age of sensibility. Natürlich kann man Selbstmord aus Liebe begehen, Goethes Werther wird dafür berühmt, die meisten behelfen sich aber mit sentimentalen Klagen. Und nachträglich bösem Klatsch. Gentlemen sind das nicht, das sind Künstler. Was Arnold Böcklin über seine Malerkollegen sagte, gilt sicher auch für die vielen liebeskranken Herren im London des 18. Jahrhunderts: Sie sind Streber, Affairisten, Jongleure: der eine will reich, der andere gesellschaftlich angesehen, der dritte berühmt oder berüchtigt, der vierte Akademiedirektor werden. Keiner denkt daran, ruhig ohne rechts und links zu blicken, das, was in ihm ist, auszubilden. Der Höhepunkt der Verleumdungsaktion ist vielleicht dieses Bild von Nathaniel Hone, das Joshua Reynolds als eine Art Jahrmarktsmagier zeigt. Es ist der Gegenstand eines großen Kunstskandals. Angelika Kauffmann soll eine der tanzenden Nackten auf dem Bild oben links in der Ecke sein. Sie beklagt sich bei der Royal Academy, Hone muss die nackten Damen übermalen.

Es ist schwer für eine selbständige Frau, in dieser Zeit einen geraden Weg zu gehen, ruhig ohne rechts und links zu blicken. So pointiert übertrieben das Buch The obstacle race: the fortunes of women painters and their work von Germaine Greer häufig ist, in vielem kann man ihr bei dem Kapitel über Angelika Kauffmann nur zustimmen. Der größte Fehler ihres Lebens ist ihre heimliche Hochzeit mit dem schwedischen Grafen Frederick de Horn gewesen, einem Heiratsschwindler, der es nur auf ihr Geld abgesehen hat.  Germaine Greer sagt darüber: it simply increased her notoriety and with it her vulnerability. Von nun an werden sich die Gerüchte und Verleumdungen jagen. Jean-Paul Marat wird behaupten, dass er sie verführt habe - es ist ja nur gerecht, dass er in einer Badewanne von einer Frau erstochen wird. Das wäre doch mal ein schönes Thema für die Malerin gewesen, das hätte sie nicht Jacques-Louis David überlassen sollen!

Wir stellen uns die englische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts immer gerne so vor wie auf dem Bild von Mr und Mrs Andrews von Gainsborough. Wir sollten sie uns vielleicht besser so vorstellen, wie sie uns auf den Bildern von William Hogarth entgegentritt: ordinär, lüstern, hinterlistig und verschlagen. Der Lebensweg von Lady Emma Hamilton wäre ein Beispiel dafür. Es ist für Angelika Kauffmann nur von Vorteil, wenn sie nach ihrer Heirat mit dem Maler Antonio Zucchi London verlässt und nach Rom zieht. Der so schwer liebeskranke Nathaniel Dance, der für sein Portrait von James Cook bekannt wird, heiratet eine reiche Witwe, wird Baronet und kauft sich ein großes Landhaus. Und gibt das Malen auf. Er schenkt Gilbert Stuart seine ganzen Malutensilien.

Die Londoner Jahre, die unglückliche Heirat mit dem schwedischen Heiratsschwindler, die ständigen Verleumdungen (wie zum Beispiel die Karikatur The Paintress of Macaronis), haben ihre Spuren hinterlassen. Die Malerin wird sich nicht mehr wirklich weiterentwickeln. Sie wird nicht einsam und verlassen sein wie diese von Theseus verlassene Ariadne. Sie wird mit Goethe befreundet sein, der ihr schreibt Es ist wahr, ich bin mit meinem Geiste so nahe bei Ihnen wie mein eigener Schatten, aber in ihrer Kunst lebt sie von ihrem alten Ruhm. Ihre Begräbnis wird von Antonio Canova zu einem prunkvollen Staatsbegräbnis gestaltet, und man hat sie bis heute nicht vergessen.

Die erste große Angelika Kauffmann Retrospektive fand 1998 in Düsseldorf statt, und da mir mein Freund Götz damals den Katalog aus seiner Heimatstadt mitgebracht hat, bin ich natürlich bestens informiert. Der sehr gute Katalog, den man noch antiquarisch finden kann, wurde von Bettina Baumgärtel herausgegeben, die zuvor mit der Dissertation Angelika Kauffmann (1741-1807): Bedingungen weiblicher Kreativität in der Malerei des 18. Jahrhunderts hervorgetreten war. Ich lese bei Katalogen zuerst immer die Fußnoten, zugegeben eine déformation professionnelle, und so ist mir ein kurioser kleiner Fehler nicht entgangen: Benjamin West war mit keiner Miss Sewel verlobt. Die Frau, die West zwei Jahre nach der Begegnung mit den jungen Angelika heiratete, hieß Elizabeth Shewell.

Seit der Düsseldorfer Ausstellung 1998 hat es in den letzten Jahrzehnten immer wieder Ausstellungen für sie gegeben. Im Angelika Kauffmann Museum Schwarzenberg gibt es eine Dauerausstellung für sie. Dies Selbstbildnis zeigt sie im weißen Kleid der Unschuld hingerissen zwischen den Allegorien der Musik und der Malerei. Sie wird den Weg gehen, den ihr die energische Blonde zeigt. Mit einer Handbewegung nimmt sie Abschied von der Allegorie der Musik, die ihre Entscheidung zu verstehen scheint. Der irische Maler James Barry, der den Tod des General Wolfe so ganz anders gemalt hat als Benjamin West, hat über diese Szene gesagt: Some may say that this is great, since it was executed by a female; but I say that whoever produced such a picture, in whatever age or whatever country, it is great, it is noble, it is sublime! How I envy plaintive Music the squeezes she now receives, the impression seems deeply imprinted on her her - all is feeling, energy and grace! Er musste so etwas sagen, wir sind nun mal im age of sensibility. Das Bild mit der hin und hergerissenen Angelika zwischen den beiden Allegorien ist ihr berühmtestes Bild geworden. Wir wissen nicht, was aus ihr geworden wäre, wäre sie eine Opernsängerin geworden.