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Sonntag, 19. Dezember 2021

Hemdenkauf bei ebay

Als ich die Posts Englische Oberhemden und Schweizer Oberhemden geschrieben hatte (und gleichzeitig meine Hemden in den Schränken aufgeräumt hatte), dachte ich mir, ich könnte mich mit einem neuen Hemd belohnen. Und guckte mir an, was ebay so zu bieten hat. Ich fand dieses blau-weiße Borrelli Hemd mit einem Startpreis von fünf Euro, Preisvorschläge waren erwünscht. Ich machte Vorschläge, der Verkäufer rührte sich nicht. Dann verschwand das Angebot plötzlich, ebay sieht so etwas nicht gerne, wenn Angebote aus einer Auktion unter der Hand verkauft werden. Eine Woche später tauchte das Hemd wieder auf, wieder mit einem Startpreis von fünf Euro. Ich bot 25,10 € und bekam sofort den Zuschlag, das ist für ein einmal getragenes Borrelli Hemd kein schlechter Preis.

Ich will keine Reklame für Borrelli Hemden machen, es sind sicher gute Hemden, ich habe das auch nur wegen der böau-weißen Streifen gekauft. Mein ideales Hemd sieht so. Passte mir leider nicht. In Italien gibt es viele Firmen, die Gleiches oder Besseres wie Borrelli herstellen. Ein Borrelli Hemd ist auch nichts Exklusives, bei ebay gibt es mehr als 1.200 Angebote, aber kein Hemd von Bruli (es gibt auch mehr als viertausend van Laack Hemden). Mein erstes Borrelli Hemd hat mir Hans Carl Capelle, den jeder Kelly nannte, verkauft. Es war grasgrün. Vielleicht wusste Kelly das gar nicht, er war farbenblind. Das habe ich erst Jahre später erfahren.

Kelly hatte 1970 - gleichzeitig mit Leuten wie Thomas Friese (Thomas-I-Punkt), Dolf Selbach oder Heinrich Zapke - eine Marktlücke entdeckt, er brachte italienische Mode nach Deutschland. Neben den Hemden von Borrelli gab es bei ihm auch Hemden von Truzzi, Orian und Lorenzini, die eines Tages die überteuerten Ralph Lauren Purple Label Hemden herstellten. Ich lasse das jetzt mal weg, weil ich mir überlegt habe, irgendwann einen Post über italienische Hemden zu schreiben. Das grasgrüne Borrelli Hemd habe ich nach vierzig Jahren immer noch, es passt auch noch. Die Knopflöcher (natürlich handgenäht, darauf ist man bei Borrelli stolz) sind mit weißer Nähseide genäht, das gibt dem Hemd einen gewissen Pep.

Der Ruf von Borrelli ist neuerdings ein klein wenig beschädigt, Borrelli ist auch nicht mehr Borrelli. Der Herr auf dem Photo mit dem zu kurzen Schlips ist Fabio Borrelli, der Sohn des Firmengründers Luigi Borrelli. Er ist gerade vor Gericht freigesprochen worden. Sieben Jahre zuvor hatte die Guardia di Finanza seine Fabriken besetzt und ihn festgenommen. Er kam erst einmal nicht ins Gefängnis sondern bekam Hausarrest. Damals gab es noch keine Corona, sonst hätte er das als Home Office deklarieren können. Es war eine Blitzaktion der Guardia di Finanza gewesen, die nicht nur Borrelli betraf, es ging um Wirtschaftskriminalität, falsche Abrechnungen und das Erschleichen von fünfzig Millionen EU Förderungsgeldern. Borrelli wurde zwar irgendwie freigesprochen, aber er musste für seine Firmen der Borrelli Gruppe Konkurs anmelden. Wer heute die Firma Borrelli besitzt und die Hemden herstellt, ist ein klein wenig unklar. Auf der Borrelli Homepage wird die Wirtschaftskriminalität nicht erwähnt, aber man kann lesen, dass man stolz sei, Viktor Emanuel von Savoyen zu beliefern. Bei dem Ruf dieses Herrn ist das eine sehr zweifelhafte Reklame.

Michael Rieckhof, der das Geschäft Kelly's mittlerweile übernommen hatte, legte seine Borrelli Hemden zur Ausverkaufsware, neue Hemden bekam er erstmal nicht mehr. Zwei Häuser neben Kelly's hatte Hans Carl Capelle noch einen zweiten Laden gehabt, als er den auflöste, zeigte er mir etwas, das ich noch nie gesehen hatte: unter dem Laden in der Dänischen Straße 12-16 war eine Disco. Das war einmal das berühmte Tanzcafé Florida, in dem Hazy Osterwald und Marika Rökk auftraten. Auf dem Parkett der unterirdischen Disco tanzt heute niemand mehr, der Laden darüber ist jetzt ein van Laack Store, der nichts mehr vom dem nostalgischen Charme des Florida oder dem Laden von Kelly hat.

Die Sache mit dem Borrelli Hemd war O.K., ich hatte es nicht wegen des Namens gekauft, sondern wegen diesem schönen blau-weißen Streifen, ich liebe solche Hemden. Aber ich suchte nun bei ebay nach etwas anderem, nach einer Marke, die ich noch nicht kannte. Und da stieß ich auf ein Hemd von Philippe Perzi Vienna, das acht Euro kostete. Kaufte ich, nachdem ich mich im Internet über die Marke informiert hatte. Heute geht das nicht mehr, denn alles, was noch vor Wochen unter https://philippeperzi.com/ im Internet stand, ist plötzlich verschwunden. Der Laden in der Spiegelgasse 25, in dem angeblich Maßhemden geschneidert wurden, ist dauerhaft geschlossen. Die Seite, auf der man Philippe Perzi Hemden, die zweihundert Dollar kosteten, bestellen konnte, ist auch weg.

Das alles wusste ich nicht, als mein Philippe Perzi Vienna Hemd ankam, kostenfreie Lieferung. Ich bestellte mir bei dem Händler noch ein zweites mit einem Haikragen, auch für acht Euro, ungetragen. Man kann gegen die Hemden nichts Böses sagen, sie haben unten in der Seitennaht auch ein kleines Dreieck wie die Borelli Hemden. Und die Hemden haben ein zusätzliches Etikett, das darauf hinweist, dass der Stoff von Thomas Mason ist. Das ist ein berühmter Name, denn diese englische Firma gibt es seit 1796. Genauer gesagt, trägt sie diesen Namen offiziell wohl erst seit den 1870er Jahren. 

Thomas Mason hatte 1796 als cotton spinner in Gargrave begonnen, aber im richtigen Baumwollgeschäft war er erst seit den 1820er Jahren mit seiner Primet Mill in Colne, wo es noch ein Dutzend anderer cotton mills gab. 1845 baut er eine sechsstöckige Fabrik in Ashton-under-Lyne. Der Satz Cotton is King, den James Hammond in seiner berühmten Rede gebrauchte, gilt nicht nur für die amerikanischen Südstaaten, er gilt auch für England. In Fontanes Roman Der Stechlin sagt der Pastor Lorenzen zu dem alten Dubslav von Stechlin über die Engländer: Sie sind drüben schrecklich runtergekommen, weil der Kult vor dem Goldenen Kalbe beständig wächst; lauter Jobber, und die vornehmen Leute obenan. Und dabei so heuchlerisch; sie sagen Christus und meinen Kattun. Es ist die viktorianische Doppelmoral, die hier angeklagt wird. Hugh Mason, der Sohn Thomas Masons, ist frei davon. Er übernimmt nach dem Tod seines Vaters die Fabriken, er wird Politiker (Liberal Party) und Sozialreformer. Er schafft für seine Arbeiter Arbeitsbedingungen, wie das schon Sir Titus Salt in Bradford gemacht hatte. Damit ist er einer der wenigen im viktorianischen England. In Ashton-under-Lyne, wo der paternalistische Fabrikherr auch Bürgermeister war, hat ihm die Gemeinde eine Bronzestatue spendiert.

So eindrucksvoll das Thomas Mason Etikett auf den Hemden von Philippe Perzi daherkommt, die Firma gibt es schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Als Limited Private Company existiert die Firma nach dem Tod des letzten Mitglieds der Familie noch von 1927 bis 1956. Danach wird die Firma verkauft, zuletzt hatte sie dem Industrieriesen Courtauld gehört, der die Fabrik 1991 schloss. Die italienische Albini Group, der größte italienische Weber, kaufte den Namen Thomas Mason und das Renommee, das dieser Name hatte. Und auf den kleinen Etiketten steht jetzt unter dem Namen Thomas Mason woven in Italy.

In der Werbung der italienischen Firma Albini liest sich die Firmengeschichte von Thomas Mason etwas anders als hier beschrieben: At the height of the Industrial Revolution, Sir Thomas Mason founded in Lancashire one of the first factories to manufacture cotton shirt fabric. These fabrics were used by London's West End tailors serving the aristocracy and the upper class, before being exported throughout the British Empire and all over the world. Nichts davon stimmt, er war nicht der erste, er war kein Sir Thomas etc etc. Man fälscht sich die Geschichte, das ist das erste, wenn man einen kleinen Mythos aufbauen will. 

Und den hat sich unser Philippe Perzi auch schreiben lassen: The Philippe Perzi philosophy is an unequivocal commitment to quality and individuality. Philippe Perzi Vienna exquisitely tailored shirts are made from only the highest quality Italian fabrics, with signature marks of expert design and detail giving our shirts that beautifully bespoke finish. The finest Egyptian cotton yarns in the highest counts are selected, including yarns with real West Indian Sea Island cotton – the rarest and most precious variety in the world. Each fabric is selected because it represents the perfect combination of vibrancy and function; individual flair and traditional style. All fabrics are eco-friendly and satisfy the Oeko-Tex Standard 100. Rather than pursuing mass production, each Philippe Perzi Vienna shirt requires at least 25 separate pieces and 50 individual steps, with attention to detail that can only be achieved with hand cutting and hand pressing. Key to our commitment to individuality, Philippe Perzi Vienna shirts are made in a limited edition of 17 or less, ensuring your shirt is one of a kind and truly only yours. Philippe Perzi Vienna continually strives to create new and beautiful collections throughout the seasons, always offering something fresh and exciting. Philippe Perzi Vienna offers a superior level of quality rarely accessible in today’s market. The challenge is for you to choose your favourites from our extensive and unique range. Philippe Perzi Vienna – What makes us different, makes you different. It’s all in the detail. Das ist nichts als Werbelyrik, ich glaube, die ganze Sache mit den Philippe Perzi Hemden ist ein riesiger Schwindel. Alle Internetadressen führen ins Nichts oder auf Werbeseiten. 

In der wunderbaren Geschichte Hemden nach Mass des unterschätzten Reiseschriftstellers Thomas Münster heißt es über den Hemdenkauf (wir sind irgendwo am Mittelmeer): In diesen quirlenden Küstenstädten des Nordwestens kann man niemals genau sagen, wo der afrikanische Wunderglaube aufhört und wo das europäische Ganoventum anfängt. Da stand zum Beispiel ein Mann im Bazar, der sich — keß amerikanisiert — Billy Mack nannte und Hemden verkaufte; Ausschuß von irgendeinem französischen Warenhaus natürlich, ein Hemd genau wie das andere! Aber Billy Mack legte jedem Käufer ein ausgeleiertes Meßband um den Hals und rief dann eine beliebige Zahl. Worauf sein Söhnchen – wie der Vater teils Neger, teils Araber und teils Weißer — das nächste Hemd vom Stapel griff und es dem glücklichen Käufer zuwarf. Und am Ende der Geschichte sagt der Käufer: Dieses Hemd hier paßt mir ganz genau — es ist Maßarbeit, denn ich habe es gestern bei Billy Mack gekauft!

So hat das Geschäft von Philippe Perzi in Wien, einem modernen Billy Mack, angeblich ausgesehen. Wir können es nicht nachprüfen. Wenn man bei ebay Oberhemden Herren eingibt, bekommt man 1.384.263 Ergebnisse. Es sind schlimme Dinge dabei, 65% Polyester (Pierre Balmain), und dann all die slim fit, custom tailored und contemporary fit Hemden. Die bestenfalls dem ehemaligen Außenminister passen, der immer zu kleine Klamotten trug. Im Allgemeinen sind ebay Händler nicht in der Lage ein Hemd korrekt zu beschreiben. Über neunzig Prozent können nicht die relevanten Maße eines Hemdes angeben. Eine Kragengröße sagt gar nichts, vor allem bei italienischen Hemden nicht. Der schlimmste ist ein Händler namens Momox, er bietet keinerlei Größenangaben für das Hemd an, offeriert aber einen kostenlosen Versand und einen kostenlosen Rückversand. Ich nehme an, dass Momox (die unter dem Namen Medimops den Markt antiquarischer Bücher unter Kontrolle haben) die Retourenkönige des Internets sind. Einen Umsatz von 150 Millionen Euro haben sie auch im Jahr, Borrelli schafft mal gerade 25 Millionen.

Dienstag, 26. August 2025

van Laack: königlich?


Im Jahre 1881 gründen die Herren Heinrich van Laack, Wilhelm Schmitz und Gustav Eltschig in Berlin eine Wäschefirma. Die Firma van Laack existiert heute noch. Auf der Homepage der Firma können wir lesen: Als Heinrich van Laack sein Unternehmen 1881 in Berlin gründete, hatte er ein klares Ziel vor Augen: er wollte das beste Hemd der Welt fertigen. Seine Vision hat bis heute Bestand. Und auf dieser Seite sagt Christian von Daniels, der jetzige Besitzer der Firma, in einem kleinen Video, dass Heinrich van Laack auf der Suche nach den besten Stoffen der Welt zu Thomas Mason nach Bergamo reiste. Das ist nun kompletter Quatsch, denn zu Lebzeiten von Heinrich van Laack war die renommierte Weberei von Thomas Mason in Lancashire. Nach Bergamo kam sie erst 1992, als die italienische Firma Albini den Firmenamen Thomas Mason kaufte. Wenn man solch fette Lügen in einem Werbevideo in die Welt setzt, dann scheint einiges mit der Vision der Firma nicht zu stimmen. 

Vor allem, wenn man weiß, dass dieser Heinrich van Laack mit seiner angeblichen Vision vom besten Hemd der Welt zehn Jahre nach der Firmengründung gar nicht mehr in der Wäschefirma ist. Da gehört die Firma, die Kragen, Manschetten, Hemden und Schlafanzüge herstellt, ganz allein Gustav Eltschig. Der hat in Berlin Spuren hinterlassen. Nämlich dieses Prunkgrab aus weißem Marmor auf dem Luisenstädtischen Friedhof. Das Grab wurde von dem Kaiserlichen Baurat Jürgen Kröger entworfen, der Trauerengel stammt von dem Bildhauer Richard Grüttner. Da muss man schon Millionär sein, um sich so etwas leisten zu können. Von seinem ehemaligen Kompagnon Heinrich Bernhard van Laack, der schon 1894 starb, gibt es keine solcher Spuren. Da ist nur der Firmenname geblieben. 

Gustav Eltschig kam aus dem sächsischen Pegau, er hatte mit siebzehn Jahren sein Abitur gemacht und war danach Einjährig Freiwilliger gewesen, die richtige Basis, um im kaiserlichen Deutschland Karriere zu machen. Er besaß neben seiner Wäschefabrik eine Dampfwäscherei, vielleicht hat er den gleichaltrigen Heinrich Bernhard van Laack aus Niedermörmter nur wegen des wohlklingenden Namens mit in die Firma genommen. Denn so ein holländischer Name mit einem van klingt doch schon beinahe wie ein deutscher Adelsname. Damit kann man Hemden verkaufen, deren Kragen berühmt sind. Schon in den ersten Anzeigen wies die Firma im 19. Jahrhundert darauf hin, dass sie auch den van Heusen Kragen produzierte, einen besonders weichen halbsteifen Kragen. Wir müssen bedenken, dass damals Hemd und Kragen noch voneinander getrennt sind.

Eltschig starb 1903 als reicher Privatier, da hatte er seine Firma schon an den englischstämmigen Brasilianer Newton Joseph Bennaton verkauft. Nach dessen Tod leitet seine Witwe Irmgard Bennaton die Firma. Es scheint ihr finanziell an nichts gefehlt zu haben, denn 1925 ließ sie sich von der Architektin Emilie Winkelmann ein großes Landhaus bauen, das heute die Residenz des belgischen Botschafters ist. 1930 geht die Firma, die inzwischen auch Damenwäsche herstellt, an ihren Neffen Alfons Schnoeckel. Der steht noch 1949 als Inhaber von van Laack, Schmitz & Eltschig im Handelsblatt; aber das ist auch das Jahr, in dem er von der Sowjetischen Militärverwaltung enteignet wird. Weil der Firmensitz Greifswalder Straße 5 im Osten der jetzt zweigeteilten Stadt Berlin liegt.

Der neue Besitzer des Firmennamens wird Heinrich Hoffmann aus Mönchengladbach, das man einmal das rheinische Manchester genannt hat. Hoffmann kommt aus der Textilbranche, er war der Syndikus der Textilfirma Hermann Meyer, die 1938 arisiert wurde. Hoffmann produziert jetzt Hemden mit dem Namen van Laack, die Herren Schmitz & Eltschig tauchen nicht mehr im Firmennamen auf. Ich nehme an, dass aus der Familie Hoffmann auch die Hemden Création Otto Hoffmann kommen, die von guter Qualität und den van Laack Hemden gleichwertig waren. 1970 übernimmt Hoffmanns Sohn Rolf Hoffmann die Firma van Laack, die inzwischen so floriert, dass er sich eine große Kunstsammlung zulegen kann. Bevor Hoffmann die Firma 1986 verkauft, lässt er sich 1981 zum 100-jährigen Firmenjubiläum von dem Kunsthistoriker Manfred Schneckenburger eine kleine Kulturgeschichte schreiben. Es ist eine schöne, reich bebilderte Kulturgeschichte der Welt zwischen 1881 und 1981, in der leider überhaupt nichts über die Firma van Laack steht.

Der nächste Besitzer der Firma van Laack, die inzwischen so weit oben ist, dass sie ihre Hemden und Blusen mit Wim Wenders und Ute Lemper bewerben kann, kommt aus der Familie Quandt. Und der möchte mit Hilfe seines Geschäftsführers Rolf Schuemann aus van Laack einen Weltkonzern machen. Flagship Stores in New York, an der Rue de Fauborg St. Honoré in Paris, der Old Bond Street in London und solche Dinge. Man entwickelte einen Zehnjahresplan, um ganz oben in der Welt dabei zu sein. Und dazu gehörte natürlich nicht nur ein Ziel von 35 Luxusboutiquen weltweit, dazu gehörte eine Vollkollektion. Also kaufte man die traditionsreiche Firma Regent in Weißenburg. Und seitdem haben die Jacketts und Anzüge von Regent den berühmten Dreilochknopf der Firma van Laack.

Man kann hier natürlich mit Brecht sagen Ja, mach nur einen Plan Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch 'nen zweiten Plan Geh' n tun sie beide nicht. Der gesunde Menschenverstand hätte Stefan Quandt sagen können, dass das nichts wird, aber mit dem gesunden Menschenverstand ist das so eine Sache, wenn die Marke ganz oben direkt unter der Luxusschiene positioniert werden soll. Dazu gehörte, dass Regent seine Preise verdoppelte, weil man ja jetzt das deutsche Äquivalent zu Brioni oder Kiton sein wollte. Was erstmal dazu führte, dass die meisten gutbürgerlichen Herrenausstatter in Deutschland Regent aus dem Sortiment schmissen. Irgendwann, als die Firmen nur noch rote Zahlen schrieben, verlor Stefan Quandt das Interesse an seinem Spielzeug. Feuerte Schuemann, und van Laack und Regent standen zum Verkauf.

Christian von Daniels, der keinen Wikipedia Artikel, aber eine YouTube Seite hat, kaufte 2002 die Firma van Laack. Zwanzig Jahre später erwarb er einen seiner Hauptkunden, die insolvente SØR Rusche GmbH von Thomas Rusche und machte da seine Tochter Celina von Daniels zur Geschäftsführerin. Wie es mit den SØR Filialen weitergeht, steht noch in den Sternen. Aber Online existiert SØR auf jeden Fall noch, man kann da auch van Laack Hemden kaufen.

Die Corona Krise, die die Textilwelt schwer traf, wurde für van Laack eine goldene Zeit. Im Geschäftsjahr 2020 verkaufte van Laack mehr als 100 Millionen Alltagsmasken (der Werbeträger Johannes B. Kerner trägt hier eine) und zwölf Millionen Kittel. Damit verdoppelte die Firma ihren Umsatz. Aber dieser Gewinn bringt auch viel Schmutz mit sich, der an der Firma van Laack kleben bleibt. Dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Armin Laschet, dessen Sohn als Influencer für van Laack Reklame macht, wird vorgeworfen, die Aufträge an van Laack ohne Ausschreibung vergeben zu haben. 

Und die in Tunesien schnell genähten Kittel sind offenbar Schrott. Die Uniklinik Köln sortiert im Dezember 48.000 Corona Schutzkittel aus, in der Uniklinik Essen werden 40.000 Kittel ausgemustert. Die Firma van Laack hat auf ihrer Homepage inzwischen eine eigene Seite, die Medical heißt, wo wir lesen können: Seit Beginn der Pandemie hat van Laack seine Expertise im Bereich Medical unter Beweis gestellt und ganz Deutschland mit Masken ausgestattet. Die Expertise aus den Erfahrungen der vergangen Jahre ist nun in die Entwicklung einer Medical-Fashion Kollektion geflossen. Von mangelnder Qualität oder rechtswidrig erschlichenen Aufträgen ist da nicht die Rede. In England hat Emma Willis, die auch Oberhemden für den König näht (und schon in dem Post englische Oberhemden erwähnt wird) auch Kittel nähen lassen. Ohne Skandale, und ohne etwas daran zu verdienen.

Hemden stellt van Laack in Tunesien und Saigon natürlich auch noch her. Im Laufe der Firmengeschichte haben sie irgendwann das Epitheton ornans das königliche Hemd bekommen. Kriegten das Wort Royal unter dem Kragen eingestickt und bekamen eine kleine Krone auf die Brusttasche, die später auf die Manschette des rechten Arms wanderte. Ich weiß nicht, ob es die besten deutschen Hemden sind, die besten der Welt auf keinen Fall. Die Hemden, die den Namen Werner Baldessarini trugen, als er noch bei Hugo Boss war, die waren besser. Was heute Baldessarini heißt, ist nicht erwähnenswert. Windsor hatte mal gute Hemden, aber die Zeiten sind auch lange vorbei. Die einzige wirklich gute erwähnenswerte Firma ist  Emanuel Berg, die ihren Firmensitz in Rösrath hat und die Hemden in Danzig schneidern lässt. Viele deutsche Herrenausstatter beziehen die Maßhemden für ihre Kunden von dieser Adresse.

Mein erstes van Laack Hemd kam von Stiesing aus der Sögestraße, das ist über sechzig Jahre her. Mein zweites kam von dem Herrenausstatter von Alten in der Knochenhauerstraße, der immer preiswerte van Laack Hemden im Schlussverkauf hatte. Bremen war in der Adenauerzeit, als es nur weiße Hemden gab, keine besonders gute Adresse für Oberhemden, das steht schon etwas detaillierter in dem Post Made in Italy. Seit den Sixties begleiten mich die Hemden aus Mönchengladbach, aber Werbung für die Firma würde ich nicht unbedingt machen. Ich habe mir aber gerade im SSV bei kleinanzeigen eins gekauft, ein Modell, das Meisterwerk heißt, eine Komposition aus erlesenen Stoffen und einer modernen Schnittführung, vollendet durch meisterliche Handwerkskunst, definiert das luxuriöse Hemd neu. So etwas hatte ich noch nicht. Es hat eine Passe, das finde ich mit den Diagonalstreifen ja ganz charmant. Aber die Streifen der Schulter sind nicht an die Streifen des Ärmels angepasst, das ist wirklich ärmlich. Das Hemd hat sehr gute Knopflöcher, aber das ist auch das einzig Gute an dem Hemd.

Ich habe dreißig Euro dafür bezahlt. Das, was es im Laden kostet, ist das Hemd nicht wert. Einher mit diesem Kauf ging ein anderer Kauf bei kleinanzeigen, bei dem ich für zwanzig Euro ein nagelneues Bruli Hemd erstand. Die Firma nimmt für ihre Hemden inzwischen 450 Euro, die Ign. Joseph Hemden, die sie auch herstellen, kosten die Hälfte. Als die beiden kleinanzeigen Käufe nach dem Waschen auf der Leine nebeneinander hingen, konnte man die Unterschiede der Qualität sehr schön sehen. Da hing Champions League neben Amateurliga. Noch einmal Christian von Daniels: Als Heinrich van Laack sein Unternehmen 1881 in Berlin gründete, hatte er ein klares Ziel vor Augen: er wollte das beste Hemd der Welt fertigen. Seine Vision hat bis heute Bestand. Es bleibt aber nur eine Vision. Etwas, was weit weg ist.


Mehr zu van Laack in den Posts: Made in Germany, englische Oberhemden, Bielefelder Qualitätshemden, Hemdenkauf bei ebay, Oberhemden. Noch mehr Hemden in den Posts: Retouren , Oberhemden, Papierkragen, Handschuhknopf, Ralph Lauren Purple Label, Haikragen, Jermyn Street, gatsby-weiß, Tab Kragen, Nordstrom, fliegende Tauben, Kieler Chic, die Passe, WISICA, Schweizer Oberhemden, Mad Men, Hemdenkauf bei ebay, Made in Italy: Ign. Joseph, Made in Italy: Luciano Barbera, Made in Italy, Made in Italy: Lorenzini, Made in Italy: Finamore, Made in Italy: Fray, Manschetten

Montag, 8. Mai 2017

Thomas Pynchon


Das hier soll er sein. Ist er das? Man weiß es nicht so genau. Der amerikanische Schriftsteller Thomas Pynchon hat es geschafft, sein Leben geheim zu halten. Das wollte ➱J.D. Salinger, den man die Greta Garbo der amerikanischen Literatur nannte, auch. Ist ihm aber nicht so ganz gelungen. Wir wissen zum Beispiel, dass er mal einen ➱Borgward gefahren hat. Wir wissen nichts über die Autos von Thomas Pynchon. Von dem, was er mit seinen Büchern verdient hat, könnte er sich bestimmt einen ➱Rolls-Royce leisten. Ein klein wenig wissen wir über Thomas Pynchon schon. Zum Beispiel, dass Harper Lee, die ebenso wie Salinger und Pynchon die Verborgenheit bevorzugte, ihn gefördert hat. Und wir wissen, dass er mal bei der US Navy war, das Photo stammt aus dieser Zeit.

Diese Frau heißt Mary Ann Tharaldsen, sie war mal die Freundin von Pynchon. Oder vielleicht auch seine Ehefrau, man weiß das nicht so genau. Es ist viel Ungewissheit in den Fakten über das Leben des Autors. Es ist auch viel Ungewissheit in den Romanen von Pynchon: Nach seiner rund vierzig Jahre währenden Arbeit als Schriftsteller umfasst Pynchons Werk bislang acht Romane und einige Kurzgeschichten. Allgemein wird seinen Werken stilistische Virtuosität und enzyklopädische Informationsfülle bescheinigt. Statt konventionell zu erzählen, knüpft Pynchon ein dichtes Netz aus Bezügen zwischen Figuren und Handlungen. Ein häufiges Motiv in Pynchons Literatur ist die Suche, wobei unklar bleibt, ob das Gesuchte überhaupt existiert oder nur Einbildung ist. Wiederkehrende Themen sind Todessehnsucht, Paranoia und Entropie. Pynchon wechselt in seinen Büchern häufig die literarische Gattung und setzt Comics und Zeichentrickfilme, Naturwissenschaften und Technik sowie Religion, Psychologie, Philosophie und Kulturgeschichte miteinander in Bezug. Diese Merkmale seines Schreibens weisen ihn als Autor der literarischen Postmoderne aus, aufgrund seiner Komplexität wurde sein Werk bisweilen mit dem von James Joyce verglichen. Steht bei Wikipedia, kann man diesmal nicht besser sagen.

Das hier ist nicht Mary Ann Tharaldsen, das ist Melanie Jackson. Wenn das Photo stimmt. Das weiß man wieder nicht so genau. Aber wenn es stimmt, dann ist es die Ehefrau von Pynchon, die auch seine Literaturagentin ist. Pynchon schreibt dicke Romane, für die man viel Zeit braucht, die man aber auch gerne ein zweites Mal liest. Ich habe sie beinahe alle gelesen. Habe mir mal überlegt, ob ich ein Seminar über Pynchon machen sollte. Habe den Gedanken aber verworfen, weil mich die ➱Studenten dann gehasst hätten. Die haben mich schon in den ➱Melville und ➱Faulkner Seminaren gehasst. Studenten lieben keine dicken Romane, bei denen man ständig ein Lexikon benutzen muss. Pynchon ist eine Zumutung für den Leser. ➱Against the Day ist über tausend Seiten lang.

Was soll ich sagen? Thomas Pynchon, der heute achtzig wird (wozu ich natürlich herzlich gratuliere), braucht keine Werbung. Wer ihn mag, liest ihn sowieso, der braucht auch nicht ➱Denis Schecks Empfehlungen für den neuesten ➱Roman. Wenn Sie noch nie etwas von Pynchon gelesen haben, dann könnten Sie in ➱The Crying of Lot 49 hineinschauen, den Roman gibt es da im Volltext. Ich war gerade mal vier Wochen Blogger, da tauchte in diesem Blog schon Thomas  Pynchon in dem Post ➱Intertextualität auf. Und der Roman Mason & Dixon, den ich dort genannt habe, wäre auch meine Leseempfehlung, ich halte ihn für den besten Roman von Thomas Pynchon. The Continuum Encyclopedia of American Literature hält ihn für ein masterpiece und einen Bewerber auf den Titel The Great American Novel. 

Montag, 1. Februar 2010

Intertextualität


Thomas Pynchon ist ein amerikanischer Schriftsteller über den wir noch weniger wissen als über J.D. Salinger. Er entzieht sich beharrlich der amerikanischen Medienmaschinerie, die nichts Privates privat lässt. Vielleicht ist das ein Relikt aus puritanischen Tagen, als man a city upon a hill bauen wollen. Etwas, wo jedermann hineinschauen konnte. So wie die puritanischen Holländer früher keine Vorhänge vor den Fenstern hatten. Wir haben von Pynchon einige Photos, und er ist bei den Simpsons aufgetreten. Allerdings mit einer Papiertüte auf dem Kopf, auf der ein Fragezeichen war. Pynchon schreibt dicke Romane, rätselhaft, bizarr und voll von enzyklopädischer Bildung. Man könnte auch Papiertüten mit Fragezeichen auf den Buchumschlag malen. In dem Roman Mason&Dixon geht es um zwei englische Astronomen und Landvermesser, die für die berühmte Mason und Dixon Line verantwortlich sind. Die nach Amerika geholt wurden, um einen immer währenden Grenzstreit zwischen den Familien Penn und Calvert zu schlichten. Die Calverts waren schon etwas länger in dem neuen Land, Charles I. hatte seinem Freund Lord Baltimore eine Kolonie geschenkt, die der nach der Gattin von Charles benannte. William Penn bekommt seine Kolonie von Charles II., der damit seine Schulden abträgt. Penns Vater, der Admiral William Penn war einer der reichsten Männer Englands, er hatte dem König Geld geliehen. Könige haben ja nie Bargeld. William Penn Junior wollte die Kolonie New Wales nennen, aber der König sagte: nichts da, der Name Deines Vaters kommt in den Namen hinein. Also wird es Pennsylvania. Ein bürgerlicher Name für eine Kolonie. Virginia, New York, Carolina, Maryland, Georgia und Louisiana heißen nach Königen und Königinnen. Sowohl Lord Baltimore als auch William Penn haben ihre Kolonien auf Religions- und Gedankenfreiheit und auf Toleranz begründet. Aber einige Generationen später ist es mit der Toleranz nicht mehr so weit her, Grenzstreitigkeiten unter Nachbarn, wie in der Schrebergartenkolonie. Mason und Dixon sollen es jetzt richten.

Wenn sich unsere Helden am Anfang des Romans im sechsten Kapitel auf einer englischen Fregatte befinden, schreibt der Autor Thomas Pynchon einen Schriftstellerkollegen in den Text hinein: "Excuse me, Captain, problem with the Euphroes again." "Get O'Brian up here, then, if it's about Euphroes, he's the one to see.""Hey, t'en, Pat. Scribblin' again, are ye? More Sea Stories?" Not only does O'Brian know all there is to know and more 'pon the Topick of Euphroes, and Rigging even more obscure,- he's also acknowledg'd as the best Yarn-Spinner in all the Fleets. Dieser Patrick O'Brian, der best Yarn-Spinner in all the Fleets, ist uns natürlich als der Autor von zwanzig Seeromanen bekannt. Pynchon deutet durch diese kleine Reverenz an, dass er alles, was er jetzt über das Leben auf Schiffen weiß, bei O'Brian abgeschrieben hat. Schriftsteller schreiben immer bei anderen Schriftstellern ab, das ist eine Tatsache der Literaturgeschichte. Für diejenigen, die das noch nicht wussten, hat der holländische Germanist Herman Meyer das mit seinem Buch Das Zitat in der Erzählkunst mit hunderten von Beispielen bewiesen. Neuerdings nennt die Literaturwissenschaft das Intertextualität. Intertextualität klingt auch besser als Klauen.

Aber versteht Patrick O'Brian wirklich etwas von all diesen nautischen Feinheiten wie euphroes und rigging? So wie Herman Melville und Joseph Conrad, die zur See gefahren sind? Die Antwort ist, und Patrick O'Brian Fans müssen jetzt ganz stark sein: Nein. Er ist nie zur See gefahren (er ist auch kein Ire, und er heißt auch nicht Patrick O'Brian). C.S. Forester, der Schöpfer von ➱Horatio Hornblower, ist immerhin mit einem kleinen Segelboot um ganz England gesegelt. Northcote Parkinson war Dozent am Royal Naval College. Douglas Reeman, der als "Alexander Kent" schreibt, war britischer Marineoffizier im Zweiten Weltkrieg. Richard Patrick Russ, der seine Romane als Patrick O'Brian in Südfrankreich schreibt, hat sich immerhin irgendwann einmal ein kleines Segelboot gekauft. Aber alles, was er an nautischen Fachtermini in seinen Büchern verwendet, hat er aus anderen Büchern.

Das ist ein Trick von Schriftstellern, durch das Nennen von tausenderlei Fachbegriffen, die der Leser nicht kennt, die völlige Beherrschung der Materie vorzutäuschen. Hemingway redet über Gewehre, als sei er in einer Waffenfabrik aufgewachsen. Der Meister dieser Täuschung ist sicher Ian Fleming gewesen. Der Schriftsteller Kingsley Amis hat diese Verwendung von Markennamen und Fachbegriffen in seinem witzigen James Bond Dossier den Ian Fleming effect getauft. Fleming wußte, was er tat: Um meine phantastischen Fabeln zu verankern, wende ich den Kunstgriff an, die richtigen Namen von Dingen und Orten zu verwenden. Die ständige Benutzung von wirklichen und vertrauten Namen und Dingen gibt dem Leser die Gewißheit, dass sowohl er wie der Autor mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen steht, obwohl beide in ein phantastisches Abenteuer verwickelt sind. Aus diesem Grund begann ich mit dem technischen Kunstgriff zu arbeiten, daß ich von einem Ronson-Feuerzeug sprach, von einem 4,5-Liter-Bentley mit einem Amherst-Villiers-Vorverdichter, dem Ritz-Hotel in London, dem 21 Club in New York, den genauen Namen auch für die geringfügigste Einzelheit. All das gibt dem Leser das Gefühl des Wahrscheinlichen. Man sollte natürlich hinzufügen, dass der ehemalige Commander der Royal Navy eine Welt beschrieb, die ihm in allen Details vertraut war.

Anders als die postmodernen Schreiber, die ihre Romanwelt nur aus anderen Romanwelten beziehen. Richard Henry Dana, Captain Marryat, James Fenimore Cooper, Herman Melville und Joseph Conrad sind zur See gefahren. Die wissen, worüber sie schreiben. Sie brauchen ihre seemännischen Kenntnisse nicht durch die Verwendung von tausenderlei Fachausdrücken zu beweisen. Oder sie sich wie Pynchon bei dem yarn-spinner O'Brian zu borgen. Wobei Thomas Pynchon nicht Thomas Pynchon wäre, wenn diese Romanstelle über euphroes and rigging even more obscure nicht auch eine Portion Ironie enthalten würde.

Freitag, 12. November 2021

englische Oberhemden


Sie haben lange nichts mehr über Mode geschrieben, sagte mir ein Leser. Das Gefühl habe ich auch, auch wenn es von Zeit zu Zeit etwas über Mode gab. Wenn ich in meinen Wordpress Themenblog Kleiderschrank gucke, der ja leider wegen WSoD nicht weitergeführt wird, dann gab es in diesem Jahr Posts wie Blaustrümpfe, Orchideen, der Oberrock und Coco Chanel. Gut, früher war es mehr. Es gab allerdings auch immer andere Stimmen, ein Leser schrieb, er würde in meinem Blog alles lesen, außer wenn ich über Hemden und Schuhe schriebe. Ich bin gerade dabei, Hemden in den Schränken aufzuräumen, eine echte Aufgabe angesichts meiner Sammlung.

Ich fand eins im Schrank, an das ich mich kaum erinnerte, zog es an, es passte hervorragend. Es ist von der englischen Firma Raymond Cleeve. Meine Mutter hatte es mir mal von Terner in Hannover mitgebracht. Das war ein Laden, den sie liebte, der hat hier schon einen Post, der Fuchsjagd heißt. Meine Mutter ist lange tot, Terner gibt es nicht mehr, aber das Hemd ist noch da. Ich guckte bei ebay nach Cleeve Hemden, fand eins zum Sofortkauf für vier Euro und kaufte es. Und beschloss, mal eben einen Post über englische Oberhemden zu schreiben. Früher habe ich beinahe nur englische Hemden getragen, wenn ich mir jetzt das angucke, was da auf der Leine zum Bügeln hängt, dann sind das beinahe alles Italiener.

Raymond Cleeve, der seine Hemdenfabrik in Chard in Somerset hatte, begann bei der Firma British Van Heusen Co Ltd. Die war 1928 in Taunton in Somerset gegründet worden. In Somerset saß seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein großer Teil der englischen Hemdenindustrie. Und wir sollten nicht vergessen, dass die Firma Fox, die den berühmtesten Flanellstoff der Welt herstellt, auch in Somerset zuhause ist. Die British Van Heusen, die einen Royal Warrant als Hoflieferant besaß, hat nichts mit dem amerikanischen Phillips-Van Heusen Konzern zu tun. Dieses Van Heusen war nur ein Markenname der Firma Harding, Tilton and Harley Ltd, weil John Manning van Heusen um 1910 einen halbwegs weichen Kragen erfunden hatte.

Der allerdings noch nicht Teil des Hemds war, so wie hier sah ein British Van Heusen Hemd in den zwanziger Jahren aus. Man knöpfte den Kragen an das Hemd und kaufte noch einen Ersatzkragen dazu. Solche Hemden hat man bis 1971 produziert, Engländer sind ja traditionell. Der englische Politiker Enoch Powell hat erst im hohen Alter bei seinem Schneider erfahren, dass es schon seit langem Hemden mit angesetztem Kragen gibt.
 
Die Hemden, wie wir sie heute kennen, sind eine englische Erfindung. Im Jahr 1871 hat sich die Firma Brown, Davis & Co. aus Aldermanbury die Knopfleiste patentieren lassen. Vorher konnte man ein Hemd nicht aufknöpfen, man zog es über den Kopf, so wie wir heute ein Unterhemd anziehen. Es ist die 1898 gegründete Firma T.M. Lewin, die um 1900 dieses coat shirt, wie es damals genannt wird, auf den Markt bringt. Hundertzwanzig Jahre später muss T.M. Lewin seine 66 Läden in England aufgeben und seine sechshundert Angestellten entlassen. Die Firma ist weiterhin im Onlinehandel tätig.

Raymond Cleeve hört bei Van Heusen auf, als es mit denen bergab geht. In seiner Fabrik in Chard, was nicht so weit von Taunton weg ist, werden weiterhin Hemden mit anknöpfbaren Kragen hergestellt, erst ab 1976 gibt es die Oberhemden, wie wir sie kennen. Die Firma wuchs und wuchs, und 1998 bezog sie ein neues Gebäude. Sogar Prinzessin Anne kam zur Einweihung. Als es mit der Firma zuende ging, wurde der Name (und die Fabrik in Chard) von Michael Drake gekauft. Der hatte 1977 mit Scarves, Shawls and Plaids angefangen, ich habe zwei Schals von der Firma, die wirklich luxuriös sind. Dann kamen noch Schlipse hinzu und dann alles andere. 2013 kaufte man die Firma Rayner and Sturges, die letzte Firma, die fabrikmäßig Hemden Made in England herstellte, und die einst Ede & Ravenscroft, Dunhill, Paul Smith und Crombie belieferte. Rayner and Sturges wurde nach Chard in die alte Fabrik von Raymond Cleeve verlegt.

Als Emma Willis im Jahre 2000 ihren Laden für Oberhemden in der Jermyn Street eröffnete, hatte sie auch Krawatten von Drake's im Angebot. Sie hatte Kunst an der Slade School of Fine Art studiert, hatte dann aber beschlossen, dass ihre Zukunft im Hemdennähen läge. Sie hat klein angefangen, heute ist sie groß im Geschäft. Sie macht die Hemden für Huntsman, und stattet Daniel Craig, Hugh Grant, Benedict Cumberbatch und diesen Herrn hier aus. Einen Royal Warrant als Hemdenmacherin von Charles hat sie noch nicht, aber ihr Antrag läuft. Dieses Photo wurde gemacht, als Charles ihre Fabrik in Gloucester besuchte. 

Sie ist stolz darauf, dass ihre Hemden Made in England sind, viele große Namen der Jermyn Street können das nicht mehr von sich sagen. Ihre Stoffe bezieht Emma Wills seit fünfundzwanzig Jahren von der Schweizer Firma Alumo, englische Weber gibt es ja nicht mehr so viele. Thomas Mason und David & John Anderson gehören längst dem Italiener Albini. Im 19. Jahrhundert wurde in England die Hälfte der Baumwollstoffe der Welt gewebt, zu den Bedingungen wollen wir lieber nichts sagen. Ein Gedicht wie Song of the Shirt konnte nur in England entstehen.

Willis stellt sich im Internet erstklassig dar, einen Blog hat sie auch. Sie tut auch gute Werke (und redet darüber), zum Beispiel mit ihrem Projekt Style for Soldiers. Während des Höhepunkts der Corona Welle hat sie den National Health Service durch ihr Project Style for Surgeons mit Kitteln aus erstklassigen Schweizer Vollzwirn beliefert. Das ist etwas anderes als die Firma van Laack, die 100.000 ihrer an das Land Nordrhein-Westfalen gelieferten Kittel zurücknehmen musste. Den Deal mit den Kitteln hatte der Firma Armin Laschets Sohn vermittelt, der Mode Blogger ist und auf der Gehaltsliste von van Laack steht.

Dass Turnbull & Asser auch eine Fabrik in Gloucester haben, das steht hier schon 2013 in dem Post Haikragen, sie haben aber auch noch eine Fabrik in Sidcup. Ich hatte in den siebziger Jahren mal eine schwere Turnbull & Asser Phase, ich liebte diese lappigen Manschetten mit den drei Knöpfen. Dass Mr Fish das Hemd mit der umgestülpten Manschette (die Cocktail Cuff genannt wird) für James Bond in Dr No gemacht hat, das weiß ich natürlich, Sie können das in dem Post Haikragen und in dem Post Agentenmode sehen. Es ist immer noch im Programm. Das Hemd, das Daniel Craig in Casino Royale getragen hat, kostet 410 Pfund. Dieses schöne Haus aus dem Georgian Age ist das Bearland House in Gloucester, es beherbergt die Fabrik von Emma Willis. Turnbull & Asser hat in Gloucester nur einen häßlichen Zweckbau in einem Industriegebiet. Wenn Sie alles über Turnbull & Asser wissen wollen, dann klicken Sie hier einmal →Turnbull & Asser an. Ein bisschen Zeit müssen Sie für die opulente Show von Bildern und Videos schon mitbringen.

Karl Lagerfeld ließ sich mehr als tausend Hemden von Hilditch & Key machen, er schickte ihnen Zeichnungen wie diese, und sie machten ihm diese weißen Hemden mit dem hohen Kragen. Ich hatte mal ein Hilditch & Key Hemd, aber da war der Kragen in kürzester Zeit durchgescheuert, Qualität war das nicht. Ihre Hemden sollen jetzt aus Italien kommen, vielleicht sind die ja besser. Formelle englische Oberhemden sind auch nicht jedermanns Sache. Ich erinnere mich noch an die wunderbare Kolumne im Observer von Sue Arnold, wo sie in der Jermyn Street für ihren Mann ein Hemd kaufen will. Das war in den siebziger Jahren geschrieben, als Sue Arnold noch dope nahm, und London das Swinging London war. Da trug man Blümchenhemden und schrille Sachen aus der Carnaby Street, aber keine formellen englischen Hemden mit steifem Kragen.

Die 1984 gegründete Firma  Thomas Pink war auch in der Jermyn Street, wie auch der Billiganbieter Charles Tyrwhitt (designed in London made in Vietnam), der Straßenname edelt das Produkt. Tyrwhitt war der erste Händler, der sich konsequent auf den deutschen Markt orientierte. Inzwischen schalten aber auch andere Händler wie zum Beispiel Hawes & Curtis deutschsprachige Anzeigen im Internet. Thomas Pink wurde 1999 von Louis Vuitton aufgekauft, dann ließen sie das Thomas weg und waren nur noch Pink, jetzt sind sie ganz weg. Der Laden in der Jermyn Street ist geschlossen. Die Qualität von Emma Willis oder Turnbull & Asser hatten ihre Hemden nie, Made in England waren sie auch nicht. Zuerst kamen ihre Hemden aus Irland, später aus Vietnam (wo auch die van Laack Hemden gefertigt werden). Ich besitze eins von Thomas Pink (in pink), aber ich trauere der Firma nicht nach. 

Auch andere Firmen, die schon lange in der Jermyn Street sind, haben Probleme. Die 1865 gegründete Firma New & Lingwood, die zuerst in Eton beheimatet war, ist 2015 von einer amerikanischen Investorengruppen namens Pop Capital gekauft worden, sie haben ihr Personal verjüngt, um eine jüngere Klientele anzuziehen, aber finanziell geht es ihnen nicht so gut. Ihr bisheriger Direktor, der Südafrikaner Anthony Spitz, der New & Lingwood 1992 kaufte, blieb nach dem Deal mit Pop Capital weiterhin Geschäftsführer.

Niemand weiß genau, wer ihre Hemden macht, sie sollen ihre Fabrik in Essex geschlossen haben. In den 1990er Jahren haben sie Bowring und Arundel aufgekauft, den letzten Hemdenmacher auf der Savile Row, der noch Handarbeit lieferte. Als die Gabi zum erstenmal nach London fuhr (wo die schuhverrückte Frau im Laden von Manolo Blahnik beinahe ohnmächtig wurde), hat sie mir ein New & Lingwood Hemd mitgebracht. Dem fielen beim Auspacken schon zwei Knöpfe ab, Qualität sieht anders aus.

Ich kaufte keine Engländer mehr, ich trug Hemden von Stenströms und Italienern wie Truzzi, Orian, Fray und Lilian Fock. Ich weiß auch nicht, was aus der Jermyn Street wird, der Brexit hat die englische Modeindustrie schwer angeschlagen. Boris Johnson interessiert das kaum. New & Lingwood hatte als Hemdenlieferant der jungen Gentlemen an der Privatschule Eton begonnen. Boris Johnson war in Eton, aber er ist kein Kunde von New & Lingwood. Er ist auch kein Gentleman.

Hat ein englischer Premierminister jemals so ausgesehen? Vanessa Friedman von der New York Times hat von einem silly style gesprochen, der Johnson auszeichnet. Auf der Weltklimakonferenz in Glasgow erschien er in einem Anzug von Oliver Brown, den er für vierunddreißg Pfund pro Tag bei der Firma My Wardrobe HQ gemietet hatte. Seine Frau hatte bei der Firma auch ihr Hochzeitskleid gemietet. Wer leiht sich schon einen Anzug? Man kann sich bei Moss Bros einen Morning Coat leihen, wenn man zu einer Hochzeit muss, aber sonst geht das nun gar nicht.

Das britische GQ Magazin hatte nur Hohn für den Premierminister übrig: That's right, Bojo – AKA Worzel Gummidge 2.0 – has finally made a good sartorial decision. Oft derided by the likes of, well, us for wearing the kind of outfits that a blind clown would struggle to make look quite so terrible (remember the floral short and Dennis The Menace beanie combo he wore to go running in 2017? We do), Johnson's decision to wear a second-hand suit at the summit, which is taking place in Scotland's second city until 12 November, is perhaps the smartest (/only?) piece of sartorial virtue signalling we've ever seen from the man at Number Ten. Er hat Schwierigkeiten mit Hemden, das weiße Hemd, das er zur Hochzeit trug war ungebügelt, und offenbar kann er sich nicht einmal die Manschetten richtig zuknöpfen. 2015, als er auf seinem Weg nach oben war, hat er einen Stapel Oberhemden von Turnbull & Asser geschenkt bekommen, die trägt er heute wahrscheinlich zum Joggen.