Dienstag, 22. Dezember 2020

Futurismus


Die Geschichte des Futurismus beginnt mit einem Autounfall. Ein Gruppe von reichen Nichtsnutzen ist mit dem Auto verunglückt, sie liegen alle am frühen Morgen stockbesoffen im Straßengraben. Italienische Fischer heben den Wagen wieder auf die Straße. Passiert ist niemandem etwas. Aber für den Millionärssohn Filippo Tommaso Marinetti, der am Steuer gesessen hatte, war es eine Art Erweckung.

Den Isotta Fraschini, der beinahe hundert PS hatte, hatte sich Marinetti gerade gekauft. Sein Fahrlehrer hatte ihm geraten, sich einen
Chauffeur zu nehmen, aber davon wollte der junge Dichter nichts wissen. Hatte er doch gerade die Fahrerlaubnis erhalten. Und so fährt er am frühen Morgen die leere Via Domodossola vor Mailand entlang, und da sind plötzlich zwei Radfahrer: im gleichen Augenblick sah ich zwei Radfahrer auf mich zukommen, die mich ins Unrecht setzten und vor mir zauderten wie zwei Überlegungen, die beide überzeugend und trotzdem kontradiktorisch sind. Ihr dummes Dilemma spielte sich auf meinem Gelände ab... Wie dumm! Puh!... Ich bremste hart und vor lauter Ärger stürzte ich mich, mit den Rädern nach oben, in einen Graben...
      Oh, mütterlicher Graben, fast bis zum Rand mit schmutzigem Wasser gefüllt! Oh schöner Abflußgraben einer Fabrik! Ich schlürfte gierig deinen stärkenden Schlamm, der mich an die heilige, schwarze Brust meiner sudanesischen Amme erinnerte... Als ich wie ein schmutziger, stinkender Lappen unter meinem auf dem Kopf stehenden Auto hervorkroch, fühlte ich die Freude wie ein glühendes Eisen erquickend mein Herz durchdringen!
      Ein Haufen mit Angelruten bewaffneter Fischer und gichtbrüchiger Naturforscher lärmte schon um das Wunder herum. Mit geduldiger und peinlich genauer Sorgfalt stellten diese Leute große Gerüste auf und legten riesige Eisennetze aus, um mein Auto wie einen großen gestrandeten Haifisch zu fangen. Langsam tauchte der Wagen aus dem Graben auf und ließ wie Schuppen seine schwere Karosserie des gesunden Menschenverstandes und seine weichen Polster der Bequemlichkeit auf dem Grund zurück.
      Alle glaubten, mein schöner Haifisch wäre tot, aber eine Liebkosung von mir genügte, um ihn wieder zu beleben; schon ist er zu neuem Leben erwacht, schon bewegt er sich wieder auf seinen mächtigen Flossen!
      Da, das Antlitz vom guten Fabrikschlamm bedeckt – diesem Gemisch aus Metallschlacke, nutzlosem Schweiß und himmlischem Ruß – zerbeult und mit verbundenen Armen, aber unerschrocken, diktierten wir unseren ersten Willen allen lebendigen Menschen dieser Erde:

Und nach dieser Präambel kommt das Manifest des Futurismus, in dem es heißt: Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen . .. ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt. Als das Manifest im Februar 1909 veröffentlicht wird, gab es dieses Auto dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen, noch nicht. Die Autos sahen eher so aus wie Henry Fords Tin Lizzie. Aber die Firma Isotta Fraschini hatte 1909 schon einen Rennwagen im Programm, das wird Marinetti gewusst haben.

Schon vier Jahre vor dem Manifest des Futurismus hatte Marinetti den Rennwagen bedichtet;

Feuriger Gott aus stählernem Geschlecht,
Automobil, das fernensüchtig
geängstet stampft, in scharfen Zähnen das Gebiß!
Japanisch-fürchterliches Untier, schmiedefeueräugig,
mit Flammen und mit Ölen aufgenährt,
nach Horizonten gierig und nach Sternenbeute,
des Herzens teuflisches Töff-Töff befrei ich dir
und deine riesigen Pneumatiks
zum Tanze auf der Erde Straßen.
Ich lasse den metallenen Zügel los und du
stürmst trunken in befreiende Unendlichkeit!...

Die Verherrlichung der mechanical bride geht noch weiter (das ganze Gedicht finden Sie hier), es ist sicher kein Zufall, dass Marinetti im Ersten Weltkrieg in ein Radfahrer- und Automobilisten-Bataillon eintrat. Der Krieg ist für Marinetti (hier in der Mitte neben den jungen starken Futuristen) ebenso schön wie der Feurige Gott aus stählernem Geschlecht. In dem Manifest des Futurimus, das eine Art intellektueller Amoklauf ist, schreibt er: Wir wollen den Krieg verherrlichen — diese einzige Hygiene der Welt -, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.

Obgleich er den Ersten Weltkrieg kennengelernt hat (in dem er sich hier für den Photographen in Szene setzt), haben die Schrecken des Krieges auf unseren Futuristen keine Auswirkungen. In seinem Manifest zum Äthiopien Krieg kämpft er für eine Ästhetisierung des Krieges: Seit siebenundzwanzig Jahren erheben wir Futuristen uns dagegen, daß der Krieg als antiästhetisch bezeichnet wird … Demgemäß stellen wir fest: …Der Krieg ist schön, weil er dank der Gasmasken, der schreckenerregenden Megaphone, der Flammenwerfer und der kleinen Tanks die Herrschaft des Menschen über die Maschine begründet. Der Krieg ist schön, weil er die erträumte Metallisierung des menschlichen Körpers inauguriert. Der Krieg ist schön, weil er eine blühende Wiese um die feurigen Orchideen der Mitrailleusen bereichert. Der Krieg ist schön, weil er das Gewehrfeuer, die Kanonaden, die Feuerpausen, die Parfums und Verwesungsgerüche zu einer Symphonie vereinigt. Der Krieg ist schön, weil er neue Architekturen, wie die der großen Tanks, der geometrischen Fliegergeschwader, der Rauchspiralen aus brennenden Dörfern und vieles andere schafft. Dichter und Künstler des Futurismus … erinnert Euch dieser Grundsätze einer Ästhetik des Krieges, damit Euer Ringen um eine neue Poesie und eine neue Plastik … von ihnen erleuchtet werde!

Glaubt er wirklich den Unsinn, den er da schreibt? Mussolini hat ihn einmal einen extravaganten Clown, der Politik spielt und den niemand, ich am wenigsten, ernst nimmt genannt. Und ein Clown war er sicher. Lesen Sie doch einmal sein Gedicht Zang tumb tumb, ein Höhepunkt der futuristischen Lyrik. Es gibt Dinge, bei denen er Recht hat. Zum Bespiel, wenn er 1913 in Die drahtlose Einbildungskraft schreibt (1913): Der Futurismus gründet sich auf die vollständige Erneuerung der menschlichen Sensibilität als Folge der großen Entdeckungen [...] Diejenigen, welche heutzutage Dinge benutzen wie Telephon, Grammophon, Eisenbahn, Fahrrad, Motorrad, Ozeandampfer, Luftschiff, Flugzeug, Kinematograph und große Tageszeitungen, denken nicht daran, daß diese verschiedenen Kommunikations-, Verkehrs- und Informationsformen auch entscheidenden Einfluß auf ihre Psyche ausüben. Ich habe das schon in dem Post Sonia Delaunay zitiert. Dies Bild hier zeigt einen der Höhepunkte der Futurismus, das Buch La cucina futurista, das Marinetti mit seinem Weggefährten Fillia herausgebracht hat. Der Futurist wird nicht mehr mit Messer und Gabel essen, und er wird vor allem keine Pasta mehr essen. Glücklicherweise wird sich die La cucina futurista in Italien nicht durchsetzen. Und Venedig, dessen Paläste Marinetti abreißen und den Schutt im Canale Grande versenken will, kommt auch noch einmal davon.

Wenig von seinem großen Weltentwurf wird sich durchsetzen, und Marinetti hält sich selbst nicht an seine Lehren. Predigte er noch 1909 die Verachtung des Weibes, so ist davon nicht mehr die Rede, als er die futuristische Malerin Benedetta Cappa heiratet. Und dieses Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken, … Leitet den Lauf der Kanäle um, um die Museen zu überschwemmen! wird er nicht durchsetzen, wenn er italienischer Kultusminister wird. Aber seine Kriegsbegeisterung, die hat nie aufgehört. Der Mann, der im Ersten Weltkrieg Leutnant war, wird im Zweiten Weltkrieg mit sechsundsechzig Jahren noch als Oberstleutnant vor Stalingrad auftauchen.

Sonntag, 20. Dezember 2020

Adventskranz


Der erste Adventskranz war nichr aus geflochtenen Tannenzweigen, er war ein hölzernes Wagenrad, auf dem neunzehn rote und vier weiße Kerzen aufgesteckt waren. Es waren 1839 vom ersten Advent bis Weihnachten dreiundzwanzig Tage. Der Wagenrad-Kranz hing im Betsaal des Hamburger Waisenhauses, das den Namen Rauhes Haus hat. An jedem Werktag zündete der Theologe Johann Hinrich Wichern, der das Rauhe Haus gegründet hatte, eine rote Kerze an, dazu wurde gebetet und gesungen. An den Adventssonntagen wurden die großen weißen Kerzen angezündet. Die Kinder, die Wichern immer mit der Frage gequält hatten, wann denn endlich Weihnachten sei, konnten es jetzt jeden Tag verfolgen. Sie lernten dabei auch das Zählen. Irgendwann in den nächsten Jahren hat man zum Schmuck ein paar Tannenzweige auf das Wagenrad gesteckt. Und ein paar Jahrzehnte später war das, was hier im Waisenhaus begonnen hatte, in jedem deutschen Wohnzimmer.

Ich wünsche all meinen Lesern einen schönen vierten Advent.

Freitag, 18. Dezember 2020

Verlierer


Der amerikanische Dichter Philip Freneau hatte hier vor zehn Jahren schon einen Post, ich möchte daraus zwei Dinge zitieren, die gerade wieder aktuell sind. Das erste ist dieser Absatz:

Der Princeton Absolvent, Journalist, Dichter und Kapitän Philip Morin Freneau ist am 18. Dezember 1832 im Alter von achtzig Jahren in einem Schneesturm erfroren. That rascal Freneau hatte Washington ihn wutentbrannt genannt, als der ehemalige poet of the revolution ihn attackiert hatte und ihm in seiner National Gazette vorgeworfen hatte, er gebärde sich wie der König von England. Das Abo von der National Gazette hat Washington sofort gekündigt, aber Freneau hat ihn weiter beliefert. Seine National Gazette ist die Plattform für Jeffersons politische Ansichten, und Jefferson wird Freneau in Schutz nehmen: he saved our Constitution which was galloping fast into monarchy. Kaum hat man den Unabhängigkeitskrieg gewonnen, kaum besitzt man eine Verfassung, da bekämpft man sich in Amerika gegenseitig. Jetzt sagt nicht nur Freneaus englischer König Oh, blast this Congress! jetzt sagen es schon Amerikaner in diesem Kampf der Federalists gegen die Republicans. Irgendwie hatte Hobbes mit dem homo homini lupus doch recht.

Ich möchte das was Thomas Jefferson über die Pressefreiheit und Freneaus National Gazette am 23. Mai 1793 gesagt hat, nachdem er sich gerade mit George Washington unterhalten hat, einmal vollständig zitieren: His paper has saved our constitution, which was galloping fast into monarchy, & has been checked by no one means so powerfully as by that paper. It is well and universally known, that it has been that paper which has checked the career of the monocrats, & the President, not sensible of the designs of the party, has not with his usual good sense and sang froid, looked on the efforts and effects of this free press and seen that, though some bad things have passed through it to the public, yet the good have preponderated immensely. Dass ein Präsident sein Amt missbraucht und sich im Krieg mit der Presse befindet, das haben wir gerade vier Jahre lang erlebt. Dass der augenblickliche Präsident jemals good sense and sang froid gezeigt hätte, das will niemand behaupten.

Und da ist noch etwas, was ich aus dem Post aus dem Jahre 2010 noch einmal zitieren möchte, und das ist Freneaus Gedicht aus dem Jahre 1779, in dem der englische König George III ein Selbstgespräch führt und den Verlust seiner Kolonien beklagt. Wir kennen den König George (auf diesem Bild links im Hintergrund), er war manchmal ein wenig wahnsinnig; wir alle haben den Film The Madness of King George gesehen. Der wahnsinnige König wird gerade in der Washington Post zitiert, weil ein Offizieller aus dem Weißen Haus etwas ausgeplaudert hat. Dass nämlich Trump in der Wahlnacht wie Mad King George durch das Weiße Haus geirrt sei und I won, I won, I won gemurmelt hätte. Der Independent zitierte die schöne Geschichte unter dem Titel Trump was ‘muttering, I won, I won, like ‘Mad King George’ after election defeat. Und den Journalisten war in ihrem Artikel eine wunderbare Formulierung für den Realitätsverlust von Trump gelungen: Trump scrambled for an escape hatch from reality. Den Notausgang für die Flucht aus der Realität sucht Donald Trump noch immer, aber mehr als I won this election, by a lot! ist dabei nicht herausgekommen.

Der englische König rennt nicht wie ein Wahnsinniger durch seinen Palast, als Amerika verloren ist. Er hat als Verlierer Stil, Trump nicht. Er schreibt einen kleinen Essay: America is lost! Must we fall beneath the blow? Or have we resources that may repair the mischiefs? What are those resources? Should they be sought in distant Regions held by precarious Tenure, or shall we seek them at home in the exertions of a new policy? The situation of the Kingdom is novel, the policy that is to govern it must be novel likewise, or neither adapted to the real evils of the present moment, or the dreaded ones of the future. Und wenn der erste amerikanische Minister am englischen Hof John Adams ihm seine Aufwartung macht, wird er sagen: I was the last to consent to the separation; but the separation having been made and having become inevitable, I have always said, as I say now, that I would be the first to meet the friendship of the United States as an independent power.

George ist ein gebildeter Mann, er kann Latein, Französisch und Deutsch. Seine Vorgänger aus Hannover konnten kaum Englisch. Er hat eine große Bibliothek und liebt die Musik, Mozart und Händel sind Gäste in seinem Palast. Er fördert die Kust und die Royal Academy, mehr als die Hälfte seines Privatvermögens gehen an wohltätige Zwecke. Die Landwirtschaft liegt ihm am Herzen, man nennt ihn Farmer George. Er fördert Astronomie und Uhrmacherei. Er ist kein Monster. Zu dem machen ihn die Amerikaner in ihrer Unabhängigkeitserklärung, die eine lange Liste seiner angeblichen Missetaten enthält. An deren Ende der Satz steht: A Prince, whose character is thus marked by every act which may define a Tyrant, is unfit to be the ruler of a free people. Vielleicht wird jemand mal eines Tages eine Liste der Untaten von Donald Trump aufstellen, an deren Ende sicher auch stehen wird, dass er unfit to be the ruler of a free people sei.

Für Philip Freneau ist der König Georg natürlich ein Monster. Sein Gedicht George The Third's Soliloquy, das ich schon vor zehn Jahren zitierte, ist Propaganda, politische Lyrik:

Oh! blast this Congress, blast each upstart State,
On whose commands ten thousand warriors wait;
From various climes that dire assembly came,
True to their trust, yet hostile to my fame.
'Tis these, ah! these have ruin'd half my sway,
Disgrac'd my arms, and lead my realm astray.

France aids them now; I play a desperate game,
And sunburnt Spain they say will do the same,
My armies vanquish'd, and my heroes fled,
My people murmuring, and my commerce dead.
My shatter'd navy, pelted, bruis'd, and clubb'd,
By Dutchmen bullied, and by Frenchmen drubb'd.

My name abborr'd, my nation in disgrace,
What should I do in such a mournful case ?
My hopes and joys are vanish'd, with my coin,
My ruined army, and my lost Burgoyne !
What shall I do, confess my labors vain,
Or whet my tusks, and to the charge again ?

But where's my force, my choicest troops are fled,
Some thousands crippled, and a myriad dead;
If I were owned the stoutest of mankind,
And hell with all her rage inspired my mind;
Could I at once with France and Spain contend,
And fight the rebels on the world's green end ?

Yet rogues and savage tribes I must employ,
And what I cannot conquer, will destroy.
Is there a robber close in Newgate hemm'd?
Is there a cut-throat fetter'd and condemn'd ?
Haste, loyal slaves, to George's standard come,
Attend his lectures when you hear the drum.

Your chains I break, for better days prepare,
Come out, my friends, from prison and from care;
Far to the west I plan your desperate way,
There, 'tis no sin, to ravage, burn, and slay;
There, without fear, your bloody trade pursue,
And show mankind what British rage can do.

Ye daring hosts that crowd Columbia's shore,
Tremble, ye traitors ! and exult no more;
Flames I will hurl with an unceasing hand,
Till fires eternal blaze throughout your land;
And every dome and every town expires,
And traitors perish in the unfeeling fires.

But hold - though this be all my soul's desire,
Will my own towns be proof to rebel fire ?
If in revenge my raging foes should come
And burn my London - it would strike me dumb
To see my children and my queen in tears,
And these tall piles come tumbling round my ears.

Curs'd be the day when first I saw the sun,
Curs'd be the hour when I this war begun;
The fiends of darkness then inspir'd my mind,
And powers unfriendly to the human kind;
My future years I consecrate to woe,
For this great loss-my soul in tears shall flow.

To wasting grief and sullen rage a prey,
To Scotland's utmost verge I take my way;
With nature's storms eternal concert keep,
And while her billows rage as fiercely weep;
Oh ! let the earth my rugged fate bemoan,
And give at least one sympathizing groan.

Satire wirkt immer. Der englische Schriftsteller Ian Martin hat vor vier Wochen im Guardian den wunderbaren kleinen satirischen Artikel The madness of King Trump, America's sulky George III sequel veröffentlicht. Den kann ich nur zur Lektüre empfehlen.

Mittwoch, 16. Dezember 2020

das Quagga


Also, ich wusste nicht, was ein Quagga ist. Aber der englische Maler Samuel Daniell, der heute vor zweihundertneun Jahren starb, der hat ein Quagga gemalt. Bevor er nach Sri Lanka zog, hat er sich durch Südafrikas Tierwelt gemalt; im Jahre 1804, als er dies hübsche Quagga malte, gab es diese Zebraart noch. Achtzig Jahre später nicht mehr, da war das letzte Quagga gerade im Zoo von Amsterdam gestorben. Bei dem guten alten Brehm finden sich die Quaggas unter der Rubrik Tigerpferde.

Samuel Daniell kommt aus einer Familie von Malern, sein Bruder und sein Onkel sind sogar in der Royal Academy. Sie sind beide schon in den Posts lonely as a cloud und William Daniells Orient erwähnt worden. Bei der Expedition ins Betschuanaland und später bei seinen Reisen als Kolonialbeamter durch Sri Lanka fertigt Daniell erst einmal nur Zeichungen an, die später zu Radierungen oder zu Aqurellen werden. Das übernehmen seine Verwandten in London, die aus den Bildern Bücher machen. Und dank der Familie Daniells wissen die Engländer, wie es in Südafrika, in Indien, China und Sri Lanka aussieht. Wenn Sie einen Eindruck davon bekommen wollen, dann klicken Sie hier

Das Quagga hat es sogar in die Literatur geschafft, denn die amerikanische Dichterin Sarah Lindsay hat das Tier in ihre Elegy for the Quagga hineingeschrieben. Das Jahr 1883 ist nicht nur das Jahr des Todes des letzten Quagga, es ist auch das Jahr einer Katastrophe: der Krakatau bricht aus. Dazu können Sie einiges in dem Post Das Jahr ohne Sommer lesen, und Arno Schmidts Prosastück Krakatau habe ich natürlich auch für Sie. Geschickt verknüpft Sarah Lindsay in ihrem Gedicht, das im Oktober 2008 in der Zeitschrift Poetry erschien, die weltbewegende Katastrophe mit der kleineren Katastrophe:

Krakatau split with a blinding noise
and raised from gutted, steaming rock
a pulverized black sky, over water walls
that swiftly fell on Java and Sumatra.
Fifteen days before, in its cage in Amsterdam,
the last known member of Equus quagga,
the southernmost subspecies of zebra, died.
Most of the wild ones, not wild enough,
grazing near the Cape of Good Hope,
had been shot and skinned and roasted by white hunters.

When a spider walked on cooling Krakatau’s skin,
no quagga walked anywhere. While seeds
pitched by long winds onto newborn fields
burst open and rooted, perhaps some thistle
flourished on the quagga’s discarded innards.
The fractured island greened and hummed again;
handsome zebras tossed their heads
in zoos, on hired safari plains.
Who needs to hear a quagga’s voice?
Or see the warm hide twitch away a fly,

see the neck turn, curving its cream and chestnut stripes
that run down to plain dark haunches and plain white legs?
A kind of horse. Less picturesque than a dodo. Still,
we mourn what we mourn.
Even if, when it sank to its irreplaceable knees,
when its unique throat closed behind a sigh,
no dust rose to redden a whole year’s sunsets,
no one unwittingly busy
two thousand miles away jumped at the sound,
no ashes rained on ships in the merciless sea.


Montag, 14. Dezember 2020

John le Carré ✝

David Cornwell, den wir besser unter seinem Schriftstellernamen John le Carré kennen, ist vorgestern im Alter von neunundachtzig Jahren gestorben. Vor neun Jahren habe ich ihm mit dem Post John le Carré zum achtzigsten Geburtstag gratutliert, ich stelle diesen Post mit minimalen Änderungen heute noch einmal ein. Wenn Sie den Post Sir Sean Connery gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich vor vielen Jahren eine Doktorarbeit über den englischen Spionageroman geschrieben habe. In der le Carré natürlich auch auftauchte. Ich habe noch mehrfach über ihn geschrieben, einer der Aufsätze hatte den schönen Untertitel nolstagia for a lost paradise. John le Carré, der mit Ian Fleming wenig gemein hat, weil er erzählerisch eher in der Tradition von Joseph Conrad und Graham Greene und nicht der bang-bang, kiss-kiss stories (wie Fleming seine Romane nannte) steht, war eine Ausnahmeerscheinung im Genre des Spionageromans. Wenn Sie eine kurze Geschichte des englischen Spionageromans lesen wollen, klicken Sie hier den ausführlichen Post Secret Agents an. John le Carré war ein leidenschaftlicher Europäer. Er war vielleicht auch ein typischer Engländer, aber sein England hatte wenig mit dem England von Boris Johnson, den er verachtete, zu tun: Wenn ich mich heute in Grossbritannien umschaue, sehe ich, dass sich die Gesichter der Menschen verändert haben. In Cornwall, wo ich die meiste Zeit lebe, sehe ich das, was wir früher das ‹Dritte-Welt-Gefühl› genannt haben. Die Menschen sind deprimiert und getrieben, halten aber irgendwie durch. Der Humor ist verschwunden. Grossbritannien ist ein sehr unglückliches Land. Das muss sich ändern. Aber woraus können wir Hoffnung schöpfen?


Es ist hoffentlich noch nicht zu spät für die Geburtstagswünsche, John le Carré ist gestern achtzig geworden. Er ist derjenige Autor von realistischen englischen Spionageromanen, den man in Deutschland immer liebte. Immer wieder hat es Interviews mit ihm gegeben, sein Kollege Len Deighton (inzwischen 82) wurde in den deutschen quality papers nie so gefeiert. Wahrscheinlich mögen wir le Carré, weil er so aussieht, wie wir uns den typischen englischen upper middle class Gentleman vorstellen. Und weil er (wie sein Romanheld George Smiley) Deutsch kann. Er war ja auch lange in Deutschland, in Bonn und Hamburg. Offiziell im diplomatischen Dienst, etwas weniger offiziell war er beim MI6. Den hat er irgendwann verlassen (oder vielleicht doch nicht?), um seine Romane über den englischen Geheimdienst zu schreiben. Für den Geheimdienst hatte er schon während seiner Zeit in der Armee und während seines Studiums gearbeitet, er war der perfect spy, doppelte Existenzen und Betrug gehörten von klein auf zu seinem Leben. Seit dem autobiographischen Roman The Perfect Spy wissen wir einiges über die kriminelle Vergangenheit seines Vaters.

Die ersten beiden Romane von le Carré, Call for the Dead und A Murder of Quality, erschienen gleichzeitig mit Len Deightons Debütroman The Ipcress File. Deighton und le Carré veränderten in den sechziger Jahren den englischen Spionageroman vollständig, die abgegriffene Ian Fleming Romanformel hatte ausgedient. Sie hat natürlich nie ausgedient, es wird immer Leute geben, die die James Bond Romane ganz toll finden. Es wird wahrscheinlich auch immer Leser für die G-Man Jerry Cotton Hefte geben.

Len Deighton repräsentierte den Geist der Zeit, das Swinging London swingte auch in seine Romane hinein. Ähnlich wie Antonionis Blow-Up, wie Schlesingers Darling oder Lesters The Knack gehörten Len Deightons Romane in diese Kultur. George Melly hätte sie ruhig in Revolt into Style erwähnen können. Deightons namenloser Held, der in den Filmen Harry Palmer hieß (aber natürlich eigentlich Michael Caine hieß), war cool wie eine Hundeschnauze. Er war einer der ersten literarischen Geheimagenten, der nicht aus der Oberklasse kam. Das passte natürlich wunderbar zu Michael Caine, der mit dem Londoner Cockney Akzent aufgewachsen war; wenn man ein Ohr für Akzente hat, kann man den sprachlichen Klassenunterschied auf der Originaltonspur von ✺The Ipcress File sehr schön hören.

Das Swinging London war nicht die Sache von John le Carré, er strebte in seinen Romanen nach Höherem als ein Chronist des Zeitgeschmacks der sixties zu sein. Er hat in vielen Interviews Joseph Conrad und Graham Greene als seine literarischen Vorbilder bezeichnet, man merkt das auf beinahe jeder Seite seiner Romane. Er hat allerdings auch P.G. Wodehouse als sein Vorbild bezeichnet, das merkt man nun nicht unbedingt. le Carrés Romane sind - im Gegensatz zu den Romanen Deightons - weitgehend humorfrei. Er wäre nie auf die Idee gekommen (oder vielleicht doch), eine völlige Fälschung seines Lebenslaufes in das Who is Who zu schmuggeln wie Len Deighton das getan hat: Eldest son of a Governor-General of the Windward Islands. After an uneventful education at Eton and Worcester College, Oxford, where he read Philosophy, Politics and Economics and was President of the Union, he signed on as a deckhand on a Japanese whaler. Nichts davon ist wahr, ich finde es immer noch sehr komisch.

John le Carré hielt sich nicht in den Niederungen der Trivialliteratur auf, um sich nach oben zu schreiben wie Raymond Chandler. Er begann gleich ganz oben, und nach der Verfilmung von ✺The Spy Who Came in from the Cold wusste die ganze Welt, dass England einen Superstar des Spionageromans hatte. Die Literaturkritiker sind ja auch immer nett zu ihm gewesen und haben ihm beinahe von Anfang an versichert, dass er kein Autor von billigen Thrillern wäre, sondern dass seine Romane zumindest auf der Ebene von Graham Greenes entertainments anzusiedeln wären. Es bestand für ihn also eigentlich gar kein Grund, seine Whippets so abzurichten, dass sie bei der Erwähnung des Wortes critic zu knurren anfingen.

Len Deighton überließ seinem Kollegen erst einmal das Feld des Spionageromans, da ihn andere Dinge interessierten: so schrieb er zwei Kochbücher, einen London-Führer und dann den Roman Bomber, in den Jahre der historischen Recherche hineingegangen waren. Seine Jahre bei der RAF haben ihn nie so recht losgelassen, damit meine ich jetzt nicht einen Roman wie Goodbye, Mickey Mouse sondern sein Buch über den Luftkrieg, Fighter: The True Story of the Battle of Britain, das ihm die Anerkennung der englischen Historikerzunft eintrug. Ich erwähne das mal eben im Kontrast zu John le Carré, um zu zeigen, dass die Bandbreite von Len Deighton viel größer ist als die von John le Carré.

Es kam für die Gemeinde der John le Carré Fans wie ein Schock, dass le Carré seinen vom Publikum geliebten Helden George Smiley aufgab, der in den ersten Romanen - und besonders in der Trilogie, die später unter dem Namen The Quest for Karla veröffentlicht wurde - so etwas wie eine moralische Instanz geworden war. Ähnlich wie der Kapitän Charles Marlow für manche Romane Joseph Conrads. Damals schrieb Bernd Eilert in Der Rabe unter der Rubrik Der Rabe rät ab: Seit le Carré seinen altmodischen Spion Smiley pensioniert hat, fehlt seinen Geschichten das, was sie anderen Spionage-Romanen voraushatten: eine gewisse Würde... Das haben viele Leser ähnlich gesehen, denn George Smiley, über den der Autor sagte The moment I had Smiley as a figure, with that past, that memory, that uncomfortable private life and that excellence in his profession, I knew I had something I could live with and work with, war ihnen ans Herz gewachsen. Mir auch, ich habe zwar weiterhin die meisten Romane von le Carré gekauft (und manchmal auch gelesen, häufig jedoch nicht), aber es war nicht mehr das, was ich mochte.

George Smiley begann sein literarisches Leben in Call for the Dead. Er kommt leider nicht so furchtbar oft in Filmen vor. Er wurde in ✺The Deadly Affair von James Mason gespielt, der passte genau in die Rolle. In der TV-Fassung von Tinker, Tailor, Soldier, Spy wird er von Sir Alec Guinness gespielt - aber so sieht der George Smiley meiner Romanwelt nicht aus, sorry. Deshalb gibt es hier als Bild einmal den Helden mehrerer Len Deighton Verfilmungen zu sehen. Glücklicherweise gibt es mittlerweile eine hervorragende Verfilmung von ✺Tinker, Tailor, Soldier, Spy.

Le Carré hatte sich in seinem ersten Roman bemüßigt gefühlt, zur Erklärung der Romanfigur noch A Brief History of George Smiley hinzuzufügen (Sie können sie hier nachlesen). Eigentlich eine ungewöhnliche Sache für einen Romanautor. Sie zeigt aber, dass le Carré von Anfang an diesen George Smiley als Serienhelden im Kopf hatte, so wie Conan Doyle seinen Sherlock Holmes im Kopf hatte - auch wenn le Carré seinem Helden den Sturz in die Reichenbach Fälle erspart. In den nächsten Romanen fristet George Smiley ein wenig eine Randexistenz. Man fürchtete damals als Leser doch schon den Tod in den Reichenbachfällen als le Carré The Naive and Sentimental Lover schrieb. Ein Roman, der ihm von den Kritikern um die Ohren gehauen wurde. Vielleicht stammt die Geschichte mit den Hunden aus dieser Zeit. Aber dann, wie Phönix aus der Asche, war George Smiley wieder da. Und dann gleich als Trilogie (Tinker Tailor Soldier Spy, The Honourable Schoolboy und Smiley's People). Und auch noch passend zu all den Skandalen des englischen Geheimdienstes von Burgess und Maclean bis Kim Philby war er der einzige, der England retten konnte. Dafür sind die Helden des englischen Spionageromans ja da, ob sie Richard Hannay, James Bond oder George Smiley heißen. Immer müssen sie England retten. Meistens noch in der letzten Minute. Was wären die Engländer bloß ohne ihre spy novel Autoren?

John le Carré wurde vor Jahren in einem Interview der BBC gefragt, welche Romane er für seine besten hielte. Seine Antwort war: The Spy Who Came in from the Cold, Tinker, Tailor, Soldier, Spy, The Tailor of Panama, The Constant Gardener. Da Geburtstagskinder immer Recht haben, lassen wir das mal so stehen.

Sonntag, 13. Dezember 2020

Advent


Aus irgendeinem Grund ist der Post Drei deutsche Weihnachtsgedichte, der seit Weihnachten 2012 im Netz steht, in der Statistik meiner Posts auf Platz eins. Und das nicht erst seit der Adventszeit, der steht in der Statistik schon seit Monaten ganz oben. Also auch schon im Sommer. Aber jetzt haben wir Winter, auch wenn es draußen nicht so aussieht. Draußen ist mieses Wetter und Corona. Und der nächste Lockdown steht vor der Tür, nicht das Christkind. Und der Weihnachtsmann kommt nicht mehr mit dem Schlitten, der kommt jetzt mit einem Audi. Sagt uns die Fernsehwerbung, die in diesem Jahr vor Weihnachten ansonsten etwas zurückhaltend daherkommt. Aber das alles lassen wir im Advent lieber nicht in unser Herz kommen. 

Es ist schon schlimm genug, dass unser Leben bestimmt wird von Wörtern, die wir vor einem Jahr noch nicht kannten. Wenn man da zur Weihnachtszeit Corona gesagt hätte, dann war das ein Gedichtzyklus von sieben Gedichten des englischen Dichters John Donne, die die Geschichte Jesu Christi erzählen. Oder ein Liebesgedicht, das Paul Celan an Ingeborg Bachmann schrieb. Jetzt ist Corona etwas anderes. Lockdown? Was war das? Hatte irgendetwas mit amerikanischen Gefägnissen zu tun. Jetzt bestimmen diese beiden Wörter unser Leben. Nicht mehr der Advent. 

Es war einmal anders. Also zum Beispiel vor mehr als hundert Jahren. Da schreibt ein junger Dichter ein Gedicht, das Advent heißt:

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,

und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Er ist gerade unsterblich in eine ältere Frau verliebt, die hat ihm gesagt, dass er seinen Vornamen von René in Rainer ändern soll. Hat der Rilke getan. Wie lange Corona und Lockdown bleiben, das wissen wir nicht, aber die Adventszeit, die stade Zeit, kommt jedes Jahr wieder. Nutzen wir den Lockdown einfach zur Ruhe und Einkehr. Und träumen von Winterwäldern, die der einen Nacht der Herrlichkeit entgegensehen.

Samstag, 12. Dezember 2020

der Torstenssonkrieg


Heute vor 377 Jahren brach der sogenannte Torstenssonkrieg zwischen Schweden und Dänemark aus. Ohne Kriegserklärung überfällt der schwedische General Lennart Torstensson das dänische Holstein. Einer der Leidtragenden dieses Überfalls ist der Pastor Johann Rist in Wedel. Der nicht nur Pastor, sondern auch ein berühmter Dichter ist, princeps poetarum totius Germaniae nennt man ihn. Der Kaiser wird ihn 1645 adeln. Der dänische König Christian IV hätte ihn wohl gerne an seinem Hofe gesehen, aber das ist nichts für Rist, wie seine Gedichte über das Hofleben zeigen. Nach dem Tode des Barockherrschers, der die Kunst liebte, wird sein Sohn Frederik König. Für den muss Rist 1643 das Hochzeitsgedicht schreiben. Frederik besucht den Poeten auch einmal für mehrere Tage in Wedel. Aber danach besuchen Torstenssons Truppen den Dichter. Und das nicht nur einmal, im Zweiten Nordischen Krieg sind sie wieder da und verwüsten alles:

Als ich aber zu meinem großen Herzeleide musste erfahren, dass meine beiden, von vielen Jahren her ziemlich wohlangerichteten Gärten nun zum anderemal aller ihrer Planken, Zäune, Türen und anderer Beschützung gänzlich beraubet, die Blumen und Kräuterbeete zu Pferde-Stallungen gemacht, mit Zelten bedeckt, mit Munition, Rüst-, Proviant- und anderen Wagen besetzt, umgegraben, zerwühlt, die allerschönsten Blumen und Gewächse hinaus geworfen. Alle Pfähle, Latten und Holzwerk ausgezogen und abgebrochen, die lustigsten Spaziergänge, Laubhütten und grüne Zeltlein (wie ich die selben mit meinen schlichten Mitteln noch haben können) heruntergerissen und der Erden gleichgemacht. Die fruchtbarsten Bäume abgehauen und, dass ich es nur kurz begreife, meinen Garten endlich zu einem Schindacker für gefallene Pferde, auch vieles anderen geschlachteten Viehes gemachet worden. 

Es ist nicht nur der Verlust seines geliebten Gartens (genaugenommen besitzt er drei Gärten), den der Dichter beklagt: Auch dass mein neues anmutigstes Buch, nach den Monaten des Jahres in 12 Hauptstücke abgeleitet unter dem Titel 'Unschädliche Gartenlust', da es schon ins Reine geschrieben war und zum offenen Drucke übergeben werden sollte, auf kleine Stücklein, leider! zerrissen. Er wäre natürlich kein Pastor und kein Barockdichter, wenn er sich nicht daran dächte, dass auch diese Gartenlust eine große Eitelkeit und ein recht nichtiges, flüchtiges und vergängliches Wesen sei.

Bevor die schwedischen Truppen 1657 ein zweites Mal über Wedel herfallen, gab noch die große Naturkatastrophe von 1648, die Rist in einem Buch beschreibt: Daß ist Kurtze, iedoch eigentliche Beschreibung Des erschreklichen Ungewitters, Erdbebens und überaus grossen Sturmwindes, welcher Jn der Fastnacht dieses 1648 Jahres, am Tage Valentins, war der 14 des Hornungs, vom Mohntag auff den Dienstag, ungefähr gegen Mitternacht plötzlich entstanden. Ob es wirklich neben Orkan und Hochwasser auch ein Erdbeben gab, weiß man nicht so genau, aber Rist schreibt es in seinem Buch Holstein vergiß eß nicht alles auf. Und er macht sich daran, das verlorengegangene Tractat / die unschädliche GartenLust genannt neu zu schreiben.

Der Torsenssonkrieg geht mit dem Friedensschluss von Brömsebro zuende, Holstein ist erst einmal von den Schweden befreit, Rist schreibt ein Gedicht in Alexandrinern:

O wollte Gott/ dass Teutschland möchte kosten
Wie wir/ den süßen Fried! Ach möchten doch verrosten 
Pistolen/ Schwerter/ Spieß’ und Stücke groß und klein? 
Ach möcht’ uns kein Gewehr hinfort mehr schädlich sein? 
O wollte Gott/ man sollt’ aus den Musquetten machen 
Nur Pflüge/ Gabeln/ Beil und tausend andre Sachen
Wodurch der Ackerbau wird treulich fortgesetzt
Der nicht nur Reichtum bringt/ besonders auch ergötzt!
O wollte wollte Gott/ es möchten doch die Tauben
Ihr’ Eier brüten aus in lauter Pikkelhauben!
O wollte wollte Gott/ dass’ doch der Ackersmann
Die starken Kürass nehm' als Körb und Wannen an!

Schwerter zu Pflugscharen, das Gedicht nimmt das alte Bibelzitat wieder auf. Das dänische Holstein mag für einen Augenblick Frieden haben, der Rest von Deutschland muss noch auf den Frieden von Münster und Osnabrück warten. Der Graf Lennart Torstensson wird sechs Jahre nach dem Ende des Krieges sterben, der seinen Namen trägt. Aber die abscheulichen Greuel des blutigen Krieges gehen weiter. Auch wenn es Rist zu ihrer Beschreibung an Zeit, Tint, Feder und Papier ermangelt und wodurch das Vaterland zur Wüsten ganz und gar geworden ist, er schreibt weiter: Auch wenn er klagt, dass ich auch nicht ein paar Schuhe über die Füße behalten, sondern fast alles, was ich in der Welt gehabt, verloren und halb nackend davon fliehend, mein Leben mit genauer Not müssen erretten. Was Johann Rist schreibt, ist Teil unserer deutschen Literatur, der schwedische Feldherr Torstensson taucht in der Literatur nur in dem Kinderbuch Das kleine Gespenst auf.

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