Donnerstag, 7. April 2022

Schröder


Gerhard Schröder hat heute Geburtstag. Soll man gratulieren? Kann man gratulieren? Darf man gratulieren? Er ist hier im Blog kaum zu finden. Es gibt einen schönen kunsthistorischen Artikel zu dem
Hamburger Kunstsammler Johann Heinrich von Schröder, und auch Atze Schröder wird hier schon erwähnt. Der Gas Gerd bekommt ein paar Sätze im Nachruf auf meinen Freund Kelly. Und eine Erwähnung in dem Brioni Post. Wo man allerdings auch lesen kann, dass Gedichte in der Welt von Schröder eine Rolle spielen. Vor Jahren stand in der Zeit: Gelegentlich, wenn die Stimmung danach ist oder wenn er einfach nur zeigen will, daß er das kann, dann zitiert Gerhard Schröder ein Gedicht von Rilke. In jungen Jahren, so erzählt er, habe er eines Tages begonnen, Gedichte Rilkes auswendig zu lernen. Einfach so, weil sie ihm gut gefielen. Als er 1998 seinen Antrittsbesuch in Frankreich machte, hat er dort Rilkes Herbsttag vorgetragen. Das hat er auch 2004 bei Beckmann gemacht und letztens auf Instagram. 

1998 in Paris war das Gedicht ja ganz passend, Rilke hatte das Gedicht Herbsttag 1902 in Paris geschrieben, und der Herbst hatte gerade begonnen, als Schröder nach Frankreich kam. Aber es einmal zu zitieren, wäre genug gewesen, das ist nichts für Talkshows und Instagram. Bei mir gibt es heute ein Gedicht von Schröders Namensvetter Rudolf Alexander Schröder über einen alten Mann, das ist vielleicht ganz passend.

Mit altem Mann geht's wunderlich:
Hat viel gelernt, muss viel verlernen.
Ihm ist, als wollt sein eigen Ich
Sich leis aus ihm entfernen.

Des Abschiednehmens lichte Zeit
Verzehrt das flockichte Gewimmel;
In goldner Wölbung hoch und weit
Blaut über ihm der Himmel.

Noch weist zu Füßen mir die Flur,
Als wär's durch Spiegel des Geschehens,
Die alt-vertraute Zauberspur
Des Kommens und des Gehens.

Die alt-vertraute Zauberspur,
Trotz alles Haderns, Zorn und Grämens
Geliebt, warum? - Und ist doch nur
Die Spur des Abschiednehmens.

O Abschiednehmen, goldne Zeit,
Gern bin ich deines Winks gewärtig,
Vom Ziel des Weges nicht mehr weit
Und dennoch reisefertig!

Mir altem Mann geht's wunderlich,
Hab viel verlernt, muss Neues lernen. -
S'ist an der Zeit: befreunde dich
Der Nacht und ihren Sternen.

Mittwoch, 6. April 2022

die kleinen Dinge

Ich besitze seit Jahrzehnten eine kleine schwarze Holzschale, die ein wenig so aussieht wie diese Schale von dem Designer Simon Legald. Es war ein Geschenk meiner Mutter. Ist von Harjes, hatte sie dazu gesagt. Harjes bedeutete im Ort etwas. Den Kunsthandwerk Laden von Harjes in der Sagerstraße (unten zur Hafenstraße hin) liebte sie. Alles im Haus, was aus Bronze, Kupfer oder Messing war, stammte von Harjes. Meine kleinen Schnapsgläser auch. Ich hatte keine richtige Verwendung für die Schale, obgleich mir der Name Harjes hätte sagen sollen, dass dies hier ein Designobjekt war. Ich stellte sie auf die Fensterbank und füllte sie mit allerlei Krimskrams.

Beim Frühjahrsputz habe ich jetzt einmal alles aus der Schale herausgenommen und die Schale mit Möbelpolitur behandelt, da war sie wieder wie neu. Und da merkte man ihr an, dass es nicht nur eine simple Schale war, sondern eigentlich ein Kunstobjekt. Sorgfältig gedrechselt, alle Fasern des Holzes parallel. Meinem Freund Uwe, der Kunstprofessor war, würde das gefallen. Bevor er der deutsche Keramikspezialist wurde, hat er Holzarbeiten gemacht und mir erklärt, worauf es beim fachmännischen Verarbeiten ankommt. Dierk Böckenhauer, der Mitglied im Bundesverband Kunsthandwerk ist, wusste, was er machte, als er meine schwarze Schale gedrechselt hat. Eine richtige Verwendung für die Schale habe ich immer noch nicht, jetzt ist sie einfach nur schön, a thing of beauty is a joy forever.

Die Geschichte der Firma Harjes beginnt 1912, als der Gürtlermeister und Metallbildhauer Friedrich (Fidi) Harjes seine Firma aufmacht. Nach dem Ersten Weltkrieg ist er nach Worpswede auf Heinrich Vogelers Barkenhoff gezogen und hat auch in der Worpsweder Arbeitsschule mitgearbeitet. Vogeler hat Harjes einen seiner fleißigsten Mitarbeiter genannt, er brauchte ihn, weil er hoffte, dass mit den Produkten der Metallwerkstatt etwas Geld in die leeren Kassen der Künstlerkommune kommt. Doch Harjes verlässt 1922 den Barkenhoff und zieht nach Bremen. Man trennt sich in Freundschaft, wie es auf dieser informativen →Seite der Firma Harjes heißt.

Aber in Wirklichkeit hasst Vogeler den Anarcho-Syndikalisten und fanatischen Vegetarier inzwischen. Hier hat er ihn 1919 mit Frau und nackten Kindern portraitiert, Arbeitsschule Barkenhoff heißt das Bild. Es sind keine Schweine auf dem Bild, aber es waren mal Schweine auf dem Bild. Die hat Vogeler auf Verlangen des Vegetariers Harjes übermalen müssen. Harjes ist für Vogeler zu einem Zertrümmerer geworden: wir setzen alle Mittel daran ihn loszuwerden, schreibt er. Das Verhältnis war schon vorher gespannt, wie man Vogelers Brief an den Pazifisten Pierre Ramus aus dem Jahre 1921 entnehmen kann: Fidi ist das kritische Element auf dem Hofe und bedeutet wohl das beste Gegengewicht in seiner scheinbaren Negation zu Vogeler, der, zu sehr im Zukünftigen verankert, das naheliegende der täglichen Wirklichkeit manchmal übersieht. In Vogelers 1952 (auf Wunsch von Wilhelm Pieck) veröffentlichten Erinnerungen gibt es ein Kapitel, das Zersetzungserscheinungen heißt, von Freundschaft zwischen ihm und Fidi ist da nicht mehr die Rede.

Harjes wusste, dass er in der Kommune von Vogeler nicht weiterkam. Vogeler wird ihm nie verzeihen, dass er alles Werkzeug und Gerät aus seinem Studio mitgenommen hat, Vogeler betrachtete das als Besitz der Kommune. Im 1925 erschienenen Katalog Kunst und Kunstgewerbe in Worpswede wird Harjes nicht erwähnt. Der Mann, den Vogeler immer als den Metallarbeiter bezeichnete, hatte sich in Bremen schon einen Namen gemacht; er macht jetzt große Arbeiten für das Chilehaus in Hamburg und für die Bremer Baumwollbörse, deren Präsident Dr A.W. Cramer sein Mäzen wird und ihm die neue Werkstatt in St Magnus finanziert. Wenn die Baumwollbörse ihrem Präsidenten 1930 zum fünfundsiebzigsten Geburtstag gratuliert, dann ist die Bronzemedaille wohl von Fidi Harjes. Die Metallkunstwerkstatt Harjes gibt es heute in der vierten Generation immer noch. Die Werkstatt ist heute in Meyenburg, den Laden in Vegesack hat man aufgegeben. Meine bei Harjes gekaufte schwarze Schale steht inzwischen auf meinem Schreibtisch, ich lege meine Lesebrille da rein, dann weiß ich immer, wo sie ist.

Die kleinen Dinge des Alltags, dazu habe ich ein kleines Gedicht. Es ist von William Carlos Williams und heißt This Is Just To Say. Wahrscheinlich war es mal ein Zettel, den der Dichter seiner Frau auf den Küchertisch gelegt hat:

This Is Just To Say 

I have eaten
the plums
that were in
the icebox

and which
you were probably
saving
for breakfast

Forgive me
they were delicious
so sweet

and so cold

Dienstag, 5. April 2022

strange music

Am 5. April 1946 wurde die dritte Sinfonie von Charles Ives in New York aufgeführt, vierzig Jahre nachdem der Komponist sie geschrieben hatte. Ein Jahr später bekam er für das Werk den Pulitzer Preis. Ives war für das Publikum der große Unbekannte in der amerikanischen Musik, er suchte nie die Öffentlichkeit. Er hatte einen ganz anderen Beruf, er hatte mit seinem Freund Julian Myrick eine Versicherungsgesellschaft gegründet, die einmal die größte Gesellschaft Amerikas war. Hier haben wir einen Millionär, der nebenbei Musik schreibt, das ist eine erstaunliche Sache. Bei arte gab es vor Tagen die Sendung ✺The Unanswered Ives - Wunderkind – Wall-Street-Gigant – Klangpionier, die ist noch vier Wochen in der Mediathek.

Ich muss bekennen, dass ich mal eine schwere Charles Ives Phase hatte. Ich besitze noch viele LPs aus der CBS Masterworks Serie mit den seltsamen Landschaften auf dem Cover. Das Bild hier ist von Henri Rousseau, auf der Platte von der vierten Symphonie ist ein Bild von Grant Wood. Die geheimnisvollen Bilder passen zu der geheimnisvollen Musik. Nicht, dass ich sie verstehen würde, aber ich höre sie gern. Charles Ives hat viele Lieder geschrieben, manche nach eigenen Texten. Denen man häufig seine Beeinflussung durch die amerikanischen Transzendentalisten Emerson und Thoreau anmerken kann. Und von denen nehme ich heute eins als Gedicht. Es heißt Walking, und es ist das siebenundsechzigste Lied der Sammlung von einhundertvierzehn Liedern. Es ist mit dem Jahr 1902 datiert, aber wahrscheinlich hat Ives es noch früher geschrieben. Vielleicht noch, als an der Yale University Musik studierte und seine erste Sinfonie als Examensarbeit schrieb.

Walking

A big October morning,
the village church-bells,
the road along the ridge,
the chestnut burr and sumach,
the hills above the bridge
with autumn colors glow.
Now we strike a steady gait,
walking towards the future,
letting past and present wait,
we push on in the sun,
Now hark! Something bids us pause…
But we keep on a walking,
’tis yet not noon-day,
the road still calls us onward,
today we do not choose to die
or to dance, but to live and walk.

Montag, 4. April 2022

dünner Regen


Ich habe Kierkegaard, Hans Christian Andersen und Jens Peter Jacobsen gelesen, aber das sind dänische Autoren des 19. Jahrhunderts. Von der neueren dänischen Literatur weiß ich wenig. Dänische Lyrik erschien Hans Magnus Enzensberger 1963 in seinem Aufsatz Gulliver in Kopemhagen in der Zeitschrift Akzente als wenig bemerkenswert. Mit einer Ausnahme, und das war Klaus Rifbjerg. Der am 4. April 2015 verstorbene Dichter sagt selbst mir etwas. Ich besitze nämlich einen Band seiner Gedichte, Uhrenschlag der aufgelösten Zeit, 1991 im Berliner Verlag Volk und Welt erschienen. Übersetzt und herausgegeben von Lutz Volke, der auch das Nachwort zu disem schönen bibliophilen Band geschrieben hat, der Gedichte von 1956 bis 1988 enthält. Klaus Rifbjerg ist auch schon mehrmals in diesem Blog gewesen, zum Beispiel in den Posts Anna Ancher, Dänische Kunst und Des Königs Jaguar.

Der Skandinavist Thomas Fechner-Smarsly hat Rifbjergs Werk mit der dänischen Fußball Nationalmannschaft assoziiert: Rifbjerg, Klaus, geb. 1931, ist in der dänischen Literatur-Oberliga eine Institution. Rifbjerg schreibt alles: Romane, Theaterstücke, Essays, Drehbücher, Feuilletons. Und Gedichte, immer wieder Gedichte. Sie bilden beinahe so etwas wie seine heimliche Autobiographie. Und Rifbjerg schreibt, wie die dänische Mannschaft spielt: ein bißchen verschmitzt, voller Witz, mal mit Tempo, mal mit der nötigen Ruhe, die man braucht, um einen gekonnten Angriff über mehrere Stationen hinweg vorzutragen. Er läßt den Ball ein wenig in den eigenen Reihen laufen, um dann mit einem geschickten Steilpaß die Lücke zu finden: in den alltäglichen Beobachtungen, in den bruchstückhaften Erinnerungen, in der biegsamen Sprache seiner Gedichte. Und plötzlich zappelt der Ball im Kopf des Lesers! Das fand ich sehr witzig. Da es draußen regnet und regnet, nehme ich heute mal das Gedicht Soviel Sorten Regen von dem Dichter:

Es regnet es regnet dünn
wie das ja möglich ist
es regnet ohne Säure
und Vorbehalt
aber gerade darum
gerade darum
es regnet gleichmäßig und alles ist schief
seicht kantig schräg
eng unberechenbar
soviel Sorten Regen

auch der in dem man nach draußen geht
der in dem man nach draußen geht
der in dem sie steht
einen Augenblick lang lauschend als
wolle sie ineins hören
das rieselnde gluckernde
schief und scharf fallende
in alle Spalten berstende
direkt vom Himmel nieder-
stürzende Wasser

ehe sie den Fuß aufsetzt
ehe sie den Fuß aufsetzt
ehe sie ihren Körper wieder bewegt
ehe sie wachzuwerden scheint
ehe sie sich für einen Augenblick an ihr Geschlecht erinnert
ehe sie den Regenschirm aufspannt
und draußen in den Regen tritt

Der dünn fällt
und ohne Vorbehalt
gebrochen unvorhersehbar wegen der
vielen Winkel
aber genormt rund und harmonisch
überm Regenschirm
unter dem sie geht
bis sie verschwindet

Es regnet dünn.


Sonntag, 3. April 2022

Judie Tzuke

Die englische Sängerin Judie Tzuke hat heute Geburtstag, da möchte ich doch mal eben gratulieren. Sie kennen sie vielleicht nicht, aber ich weiß, wer sie ist, weil ich seit Jahrzehnten diese Judie Tzuke CD habe. Hat mich im Grabbelkasten eines Plattenladens einen Euro gekostet. Bei Amazon will heute ein Händler fünfzig Euro für die CD haben. Ich wusste damals nicht, wer die Sängerin war, aber das schrille Outfit gefiel mir. Man kaufte ja früher Platten häufig nach dem Cover. Beim Jazz Label ECM waren die Cover häufig besser als die Musik. In dem Post Rickie Lee Jones habe ich geschrieben: Von dieser CD hier hätte ich auch die leere Hülle gekauft, so wie Judie Tzuke stellt man sich ein Kunstprodukt aus der Welt der Popmusik vor. Als mein Freund Ollie aus England kurz darauf zu Besuch kam, habe ich als erstes die Judie Tzuke Platte versteckt. Weil der Ollie nämlich alles über Rock'n Roll weiß, der brauchte so etwas nicht zu sehen. Er ist neben seinem Beruf immer auch DJ bei einem lokalen Sender und road manager kleinerer Bands gewesen. Wenn Sie sein Buch Volume: A Cautionary Tale of Rock & Roll Obsession gelesen haben, wissen Sie alles über ihn.

Als Judie Tzuke ein Teenie war, hat sie Gedichte geschrieben und die zur Gitarre gesungen, irgendwann hatte sie einen richtigen Hit. Der hieß ✺Stay with Me till Dawn und kam 1979 in England unter die Top Twenty, auf der CD da oben ist er natürlich auch drauf. Aber der Text reicht nicht aus für richtige Lyrik im Poetry Month. Da nehme ich doch lieber das wahrscheinlich schönste Gedicht aus dem Jahre 1979. Es heißt The Guttural Muse und ist von Seamus Heaney, der schon mehrmals in diesem Blog war. Der New Yorker hat das Gedicht in seiner Ausgabe vom 25. Juni 1979 veröffentlicht. Als Heaney 2013 starb, hat der New Yorker das Gedicht wieder abgedruckt, die Redaktion war offenbar der Meinung, dass dies sein wichtigstes Gedicht war. Wies aber darauf hin, dass seine Übersetzung des sechsten Buch der Aeneis im nächsten Jahr erscheinen würde. Die hatte Heaney vier Wochen vor seinem Tod noch vollenden können. Die Aeneis lasse ich heute mal weg, heute gibt es The Guttural Muse:

Late summer, and at midnight
I smelt the heat of the day:
At my window over the hotel car park
I breathed the muddied night airs off the lake
And watched a young crowd leave the discotheque.

Their voices rose up thick and comforting
As oily bubbles the feeding tench sent up
That evening at dusk – the slimy tench
Once called the ‘doctor fish’ because his slime
Was said to heal the wounds of fish that touched it.

A girl in a white dress
Was being courted out among the cars:
As her voice swarmed and puddled into laughs
I felt like some old pike all badged with sores
Wanting to swim in touch with soft-mouthed life.


Mehr Vergil in Vergil, Hebamme, Poetry Month

Samstag, 2. April 2022

Märzveilchen im April

Es ist nicht mehr März, aber das Gedicht Märzveilchen muss heute sein. Weil Hans Christian Andersen heute Geburtstag hat. Der Post stand hier am 2. April 2015 schon mal, aber das macht nichts. Andersen kann man immer lesen. Seine Märchen gehören zu meinen ersten Leseerlebnissen. Ich konnte lesen, bevor ich zur Schule kam, das wollte mein gerade als Lehrer pensionierter Opa so. In dem Post silvae: Wälder: Lesen habe ich geschrieben:

Mein Lesen fängt mit Opas Büchern, mit der ganzen Heiligen Schrift (ein von Rezensenten unterschätztes literarisches Werk), mit Grimms Märchen, mit Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums, dem Nibelungenlied in einer Volksausgabe und erstaunlicherweise Longfellows Hiawatha. Und Hans Christian Andersen in einer illustrierten gelben Leinenausgabe, deren Farbe mit den Jahren immer mehr verblasst. Illustrationen sind eigentlich immer eine Enttäuschung, sie engen die Phantasie ein. Was sollen mir die Strichzeichnungen von der kleinen Meerjungfrau, wie sie nachts auf den ins Meer führenden Stufen des Palastes sitzt? Oder der Schneekönigin im ewigen Eis? Ich kann ja noch von Glück sagen, dass meine Ausgabe nicht diese potthässlichen Illustrationen von Vilhelm Pedersen enthielt. Hans Christian Andersens Welt braucht keine Bilder, die Bilder zeichnet unsere Phantasie. Es gibt beim Lesen magische Momente, auch wenn ich damals vieles nicht verstehe. Aber Mädchen mit Schwefelhölzern und kleine Meerjungfrauen werden mir nie wieder aus dem Kopf gehen. Nie.

Ich war gerade mal einen Tag Blogger, da tauchte Hans Christian Andersens kleine Meerjungfrau hier schon in dem Post I skovens dybe stille ro auf. Noch mehr Meerjungfrauen finden Sie in dem Post Meerjungfrauen + Waldnixen. Ich hätte ja heute das Gedicht Seejungfräulein von Andersen nehmen können, aber das ist mir zu lang (Sie können es hier lesen). Und es sollte schon etwas Dänisches sein. Damit ich die Daniela testen kann, die gerade einen tollen Job in Dänemark bekommen hat und jetzt Dänisch lernen muss. Da bietet sich doch das Gedicht Martsviolerne an:

Sig Himlen hvælver saa reen og klar,
Iisblomster fryse paa Rudens Glar.
I Solens Flamme saa smukt de staae,
En Yngling kommer og seer derpaa.
Men som han paa de Blomster seer,
To Pige-Øine derude leer.
Saa skjønne Blomster han aldrig saae,
To Martsvioler saa smukke blaae.
Iisblomsten smelter ved Kindens Brand,
— Vor Herre hjelpe den unge Mand!

Für alle, die gerade kein Dänisch lernen müssen, habe ich die Martsviolerne auch auf deutsch, und zwar in der Übersetzung von Adelbert von Chamisso. Den hatte Andersen bei seinem Besuch in Berlin kennengelernt: Chamisso konnte Dänisch lesen; ich schenkte ihm meine Gedichte, und er wurde der erste, der mich übersetzte, der mich in Deutschland einführte. Zwei Monate später veröffentlichte Chamisso in der Zeitschrift Der Gesellschafter: Blätter für Herz und Geist eine Übersetzung von einem Gedicht Andersens. 1833 erscheinen im Morgenblatt für Gebildete Stände drei Gedichte aus dem Dänischen des H.C.Andersen. Das Märzveilchen war auch dabei:

Märzveilchen

Der Himmel wölbt sich rein und blau,
Der Reif stellt Blumen aus zur Schau.
Am Fenster prangt ein flimmernder Flor,
Ein Jüngling steht, ihn betrachtend, davor,
Und hinter den Blumen blühet noch gar
Ein blaues, ein lächelndes Augenpaar,
Märzveilchen, wie jener noch keine gesehn.
Der Reif wird, angehaucht, zergehn.
Eisblumen fangen zu schmelzen an,
Und Gott sei gnädig dem jungen Mann.

Robert Schumann hat das Gedicht vertont. Wahrscheinlich hätte es Hans Christian Andersens gerne gehabt, wenn es von seiner ganz großen Liebe Jenny Lind gesungen worden wäre. Die schwedische Nachtigall hat natürlich in diesem Blog längst einen Post, aber wir haben sie leider nicht auf einer Platte. Hören Sie stattdessen ✺Tiana Lemnitz (mit Michael Raucheisen am Klavier), wie sie Robert Schumanns Märzveilchen singt. Robert Schumann war übrigens ebenso wie Hans Christian Andersen ein großer Bewunderer von Jenny Lind, die mit seiner Frau Clara befreundet war.

Berlin ist eine Schicksalsstadt für Andersen. Hier wird er Jenny Lind kennenlernen. Berlin ist auch, dank Chamisso, der Beginn des internationalen Ruhms für Andersen, 1846 wird ihn der König einladen und ihm den Roten Adlerorden verleihen. Aber Berlin ist auch der Augenblick der größten Schmach für Andersen. Als der Märchenkönig den Märchenforscher Jakob Grimm besucht, hat der den Namen H.C. Andersen noch nie gehört: Nun wurde ich verlegen, nannte jedoch meine Märchen. Ich kenne diese Märchen nicht! sagte er. Nennen Sie mir andere Schriften von Ihnen, vielleicht habe ich von diesen etwas gehört. Ich nannte den Improvisator und noch ein paar meiner Bücher. Er schüttelte den Kopf, und mir wurde ganz ungemütlich dabei. (…) Aber Sie müssen mich doch kennen! 

Nein, Andersen mochte Berlin nicht wirklich. Schon am dritten Tag seines ersten Aufenthalts in der Stadt hatte er geschrieben: 

Schnurgerade Straßen, Palais an Palais,
Füße und Augen tun einem hier weh.
Hübsche Soldaten - der erste schien mir
Mitten durchs Herze zu gehen schier.
"Nie sah ich Schöneres!" rief ich laut,
"Gott, wie ist er doch prächtig gebaut!"
Unter den Linden ging alle Welt
(Am schönsten als Kupferstich dargestellt).
Schmutzig die Straßen, die Jungen sind,
Ach, dafür wäre man lieber blind!
Echten Berliner Witz finden man kann,
Und der ist kostbar, insonderheit dann,
Wenn er per Schnellpost reiset fürbaß,
Ist er, weil zu schwer, ein teurer Spaß!
R wird gerollt hier, man sagt: "Mein Jott!"
Sonst aber sind diese Leute sehr gut.
Sieht man die Stadt jedoch kreuz und quer,
Paßt ihre Größe in Verse nicht mehr.
Moral 
Merk dir: Berlin ist mitnichten klein
Und die Moral davon ist überaus fein. 

Freitag, 1. April 2022

and it's war


Da ist er wieder, der Monat April, in dem es in diesem Blog seit dem Jahre 2010 Gedichte gibt. In Anlehnung an den National Poetry Month in Amerika habe ich das in SILVAE eingeführt und konsequent durchgehalten. Das soll auch so bleiben. Ich beginne den Monat mit einem Gedicht, das War heißt. Es hat nichts mit dem Ukraine Krieg zu tun, es ist ein anderer Krieg. Irgendwo auf der Welt ist immer Krieg. Dies Gedicht ist von einem jungen Mann, der am 1. April 1875 geboren wurde. Mit neunzehn hat er seine Verlobte verlassen und ist zur englischen Armee gegangen. Er wurde nach Südafrika in den Zweiten Burenkrieg geschickt. Er hat sich von der Infanterie zum Royal Army Medical Corps versetzen lassen, und dem Corps hat er 1900 auch seinen Gedichtband Writ in Barracks gewidmet: To the rank and file of the Royal Army Medical Corps amongst whom I spent six happy years of my life, this collection of verses mostly written in barracks is admiringly dedicated. Das Gedicht War, das wie beinahe alle Gedichte aus dieser Sammlung schwer von Rudyard Kipling beeinflusst ist, hat auch etwas RAMC zu tun:

A tent that is pitched at the base:
A wagon that comes from the night:
A stretcher—and on it a Case:
A surgeon, who's holding a light.
The Infantry's bearing the brunt—
O hark to the wind-carried cheer!
A mutter of guns at the front:
A whimper of sobs at the rear.
And it's War! 'Orderly, hold the light.
You can lay him down on the table: so.
Easily—gently! Thanks—you may go.'
And it's War! but the part that is not for show.

A tent, with a table athwart,
A table that's laid out for one;
A waterproof cover—and nought
But the limp, mangled work of a gun.
A bottle that's stuck by the pole,
A guttering dip in its neck;
The flickering light of a soul
On the wondering eyes of The Wreck,
And it's War! 'Orderly, hold his hand.
I'm not going to hurt you, so don't be afraid.
A ricochet! God! what a mess it has made!'
And it's War! and a very unhealthy trade.

The clink of a stopper and glass:
A sigh as the chloroform drips:
A trickle of—what? on the grass,
And bluer and bluer the lips.
The lashes have hidden the stare....
A rent, and the clothes fall away....
A touch, and the wound is laid bare....
A cut, and the face has turned grey....
And it's War! 'Orderly, take It out.
It's hard for his child, and it's rough on his wife,
There might have been—sooner—a chance for his life.
But it's War! And—Orderly, clean this knife!
'

Der Band Writ in Barracks wird sein einziger Gedichtband bleiben. Als der erscheint, hat er sich gerade aus der Armee freigekauft und wird ein berühmter Kriegskorrespondent für Reuters und die Daily Mail. Wenn er nach London zurückkehrt, macht er etwas ganz anderes: er schreibt Kriminalromane. Wir kennen den Dichter von War besser unter dem Namen Edgar Wallace.