Man nennt mich einen Dandy. Die Bezeichnung will ich gelten lassen. Aber die Meinung ist falsch. Ich bin ein Dandy. (Freilich noch einiges mehr; aber das Äußerlichste an mir, die für die Menschen sichtbare ‚Zwiebelschale‘ meiner Persönlichkeit ist das Dandytum.) Die Leute fassen jedoch den Begriff ganz oberflächlich auf; dies ist wörtlich zu nehmen: sie begreifen nur seine Oberfläche. Man verwechselt den Dandy mit dem Gecken, dem fat. Wenn Kurzsichtige in mir einen Gecken zu erblicken meinen und ihre primitive Erfahrung in dem Begriffe Dandy endgültig festzulegen, also zu begraben unternehmen, — denn Begriffe begraben das Leben der Erscheinung, während sie anderseits den Gedanken gleichsam erstarren machen, und man braucht solche Krystalle zu Zwecken des vereinfachten Verkehrs — dann sehen die Menschen an mir nichts als etwa den tadellos geschnittenen Rock, den niemals gesprungenen Lack meiner Schuhe, den täglich frisch gebügelten Zylinder und der gleichen Zeichen, die ihren vom empörten Gefühl des Unvermögens getrübten Augen als die Merkmale eines Gecken gelten müssen, weil sie selbst nicht imstande sind, sich auch nur menschlich zu kleiden, geschweige denn die Nüancen der guten Toilette zu begreifen. Daß sorgfältige Kleidung ihren Träger keineswegs zum Gecken stempelt, wird man Menschen von so dürftiger Anschauung niemals klar zu machen vermögend sein.
Samstag, 27. Mai 2023
Richard von Schaukal
Man nennt mich einen Dandy. Die Bezeichnung will ich gelten lassen. Aber die Meinung ist falsch. Ich bin ein Dandy. (Freilich noch einiges mehr; aber das Äußerlichste an mir, die für die Menschen sichtbare ‚Zwiebelschale‘ meiner Persönlichkeit ist das Dandytum.) Die Leute fassen jedoch den Begriff ganz oberflächlich auf; dies ist wörtlich zu nehmen: sie begreifen nur seine Oberfläche. Man verwechselt den Dandy mit dem Gecken, dem fat. Wenn Kurzsichtige in mir einen Gecken zu erblicken meinen und ihre primitive Erfahrung in dem Begriffe Dandy endgültig festzulegen, also zu begraben unternehmen, — denn Begriffe begraben das Leben der Erscheinung, während sie anderseits den Gedanken gleichsam erstarren machen, und man braucht solche Krystalle zu Zwecken des vereinfachten Verkehrs — dann sehen die Menschen an mir nichts als etwa den tadellos geschnittenen Rock, den niemals gesprungenen Lack meiner Schuhe, den täglich frisch gebügelten Zylinder und der gleichen Zeichen, die ihren vom empörten Gefühl des Unvermögens getrübten Augen als die Merkmale eines Gecken gelten müssen, weil sie selbst nicht imstande sind, sich auch nur menschlich zu kleiden, geschweige denn die Nüancen der guten Toilette zu begreifen. Daß sorgfältige Kleidung ihren Träger keineswegs zum Gecken stempelt, wird man Menschen von so dürftiger Anschauung niemals klar zu machen vermögend sein.
Mittwoch, 24. Mai 2023
Seewölfe
Sonntag, 21. Mai 2023
Abmahnung
Ich erhalte ständig Post von Googles Tochterfirma Blogger (= blogspot.com). Letztens hat man mir mitgeteilt, dass das Layout meines Blogs nicht auf das Handy eines japanischen Lesers passe, der habe sich darüber beschwert. Da kann ich nun rwirklich nichts machen, vielleicht sollte sich der Mann ein größeres Handy kaufen. Aber letzte Woche kam etwas ganz anderes vom immer anonym bleibenden Blogger Team. Die duzen mich, können aber in ihrem Brief das Du nicht groß schreiben. Ich habe eine Abmahnung erhalten, weil ich gegen die Blogger Richtlinien verstoßen haben soll. Deshalb hat man zwei Posts zur Schlacht von Gettysburg aus dem Netz genommen. Die angeblich gegen die Richtlinien zu Malware und Viren verstoßen haben. Ich hatte schon einmal eine Abmahnung; vor elf Jahren hatte Blogger meinen Post Leuchttürme aus dem Netz genommen, weil ich gegen irgendetwas verstoßen haben sollte. Angeblich. Ich schrieb an Blogger im Silicon Valley eine englischsprachige Gegendarstellung, eine Woche später war der Post wieder im Netz. Es gab keine Begründung, keine Entschuldigung, nix. Diesmal sah die Abmahnung so aus:
Hallo,
wie du vielleicht weißt, wird in unseren Community-Richtlinien (https://blogger.com/go/contentpolicy) beschrieben, was auf Blogger erlaubt ist und was nicht. Dein Post "Gettysburg, Pennsylvania" wurde uns zur Überprüfung gemeldet. Wir haben festgestellt, dass er gegen unsere Richtlinien verstößt. Die URL http://armavirumquecanojay.blogspot.com/2014/07/gettysburg-pennsylvania.html wurde auf "Unveröffentlicht" gesetzt und ist für Blogleser nicht zugänglich.
Warum wurde dein Blogpost auf "Unveröffentlicht" gesetzt?
Dein Inhalt verstößt gegen unsere Richtlinien zu Malware und Viren. Weitere Informationen findest du in unseren Community-Richtlinien, die in dieser E-Mail verlinkt sind.
Wenn du den Post neu veröffentlichen möchtest, ändere bitte den Inhalt so, dass er den Community-Richtlinien von Blogger entspricht. Anschließend kannst du den Post unter https://www.blogger.com/go/appeal-post?blogId=7519860291202583692&postId=857445639927482729 neu veröffentlichen. Dadurch wird eine Überprüfung des Posts ausgelöst.
Weitere Informationen erhältst du auf folgenden Seiten:
Nutzungsbedingungen: https://www.blogger.com/go/terms
Community-Richtlinien von Blogger: https://blogger.com/go/contentpolicy
Viele Grüße
Das Blogger-Team
Ich las mir die Richtlinien durch und stieß auf seltsame Dinge. Man kann bei Blogger offenbar Porno Blogs betreiben: Nicht jugendfreie Inhalte: Wir gestatten die Veröffentlichung von nicht jugendfreien Inhalten auf Blogger, darunter auch von Bildern und Videos, die Nacktheit und sexuelle Handlungen zeigen. Wenn dein Blog nicht jugendfreie Inhalte enthält, markiere ihn in deinen Blogger-Einstellungen als nicht jugendfrei. Nehmen Blog-Inhaber diese Einstellung nicht vor, markieren wir die betreffenden Blogs eventuell selbst als nicht jugendfrei. Allen Blogs, die als nicht jugendfrei markiert sind, wird eine Warnseite für nicht jugendfreie Inhalte vorgeschaltet. Wenn deinem Blog eine solche Warnseite vorgeschaltet ist, versuche nicht, sie zu umgehen oder zu deaktivieren. Sie dient zum Schutze aller. Die Firma, die sich sonst als Sittenwächter des Internets aufspielt, vertreibt also Pornographie. Und ist nebenbei der größte Verbreiter von Malware weltweit. Sehr seltsam. Google klagt übrigens auch gegen das deutsche Gesetz gegen Hassbotschaften, weil die Firma in dem Gesetz einen Verstoß gegen die Privatsphäre der Nutzer sieht. Das ist auch sehr seltsam. Ich habe gegen die Doppelmoral des Steuerflüchtlings Google schon vor Jahren in dem Post Hinterhältiges Pack einige böse Dinge gesagt.
Mittwoch, 17. Mai 2023
Après moi le déluge
Irgendwann gibt es einen Halt an einer Talsperre oder einem großen See. Ich weiß nicht, wo wir sind. Ich liege neben Wuddel unter einem schattenspendenden Baum im Gras, oben auf einem Hügel. Noch weiter oben steht der Bus an der Straße. Tief unter uns ist das Wasser. Über uns ein wunderbarer Sommerhimmel mit weißen Wattewölckchen, die Zeit steht still. Gut, ich habe eine kleine Gehirnerschütterung und habe die ganzen Schmerzmittel geschluckt, die mir der Doc gegeben hat. Ich bin high, und ich erlebe das alles ein wenig in slow motion. Das ist mir schon klar. Man hat immer wieder diese Augenblicke, in denen man alles registriert. In denen einem ist, als ob man träumt. And I asked myself about the present: how wide it was, how deep it was, how much was mine to keep. Eine blonde Schwedin an meiner Seite wäre jetzt auch schön gewesen, aber ich bin froh, dass Wuddel bei mir ist. Ich muss nachher, tüddelig wie ich bin, noch den Hügel hoch. Was für mich ein kurzer Augenblick eines besoffenen Glücks war, war für die Menschen hier achtzehn Jahre zuvor eine Tragödie.
Heute vor achtzig Jahren haben die Engländer im Rahmen der Operation Chastise (chastise heißt Züchtigung) Angriffe mit neuartigen Rollbomben gegen die Edertalsperre, die Möhnetalsperre und die Sorpetalsperre geflogen. Das ist für die Engländer ein gefeierter Sieg gewesen. Der englische König wird die Piloten einen Monat später im Buckingham Palace auszeichnen. Wing Commander Guy Penrose Gibson erhält das Victoria Cross.
Sonntag, 14. Mai 2023
Thomas Gainsborough
Im Zusammenhang mit der →Landschaftsmalerei muss noch ein anderer Brief Gainsboroughs gesehen werden, den er in den 1760er Jahren an den Earl of Hardwicke schreibt: Mr Gainsborough presents his Humble respects to Lord Hardwicke; and shall always think it an honor to be employ’d in any thing for his Lordship; but with regard to real Views from Nature in this Country, he has never seen any Place that affords a Subject equal to the poorest imitations of Gaspar or Claude. Paul Sanby is the only Man of Genius, he believes, who has employ’d his Pencil that Way – Mr G hopes Lord Hardwicke will not mistake his meaning, but if his Lordship wishes to have any thing tolerable of the name of G. the Subject altogether as well as the figures &c must be of his own Brain.
Stolze Selbstbehauptung des Künstlers: niemand redet mir drein, wie ich das Bild zu malen habe. Ein Jahrzehnt vorher ist das bei Gainsborough noch nicht so ausgeprägt, in das Portrait von Mr Robert Andrews und seiner frischangetrauten Gattin Frances Mary hat ihm Robert Andrews schon hineingeredet. He who pays the piper calls the tune.
Dieses Doppelportrait Conversation in a Park macht noch stärker als das Bild von Mr und Mrs Andrews deutlich, dass wir uns noch im Rokoko befinden. Man kann das auch sehr schön an der Gartenbank erkennen, die auf dem Grundstück der Andrews' unter der Eiche steht. Das sollten wir nicht vergessen, es ist noch eine Welt der sorgfältig beachteten Konventionen. Rousseaus Gedanken über die Natur kursieren zwar schon, aber die französische Revolution ist noch weit entfernt. Für John Berger in seiner BBC Serie →Ways of Seeing nicht, wenn er über das Ehepaar Andrews sagt: They are not a couple in nature as Rousseau imagined nature. They are landowners and their proprietary attitude towards what surrounds them is visible in their stance.
Ways of Seeing war eine revolutionäre Sendung. Ich habe den bei Penguin erschienen Begleitband jetzt mit einer gewissen Rührung in die Hand genommen, those were the days. Die Sendung war auch eine ideologische Attacke auf die Sendung ✺Civilisation von Sir Kenneth Clark: Few television programmes have been as sincere as 'Ways of Seeing'. It was a revolutionary riposte to ‘Lord Clark of Civilisation’, who wore tweeds and offered a Grand Tour approach to world art, while Berger wore a pop art shirt (‘Haha! Everyone comments on it. I just liked it’), compared old masters with advertisements, solicited the opinions of mini-skirted feminists, and added a trespassers keep out sign to Gainsborough’s portrait of the rather smug Mr and Mrs Andrews in front of their rolling acres. Art as agitprop. ‘Our concept was, I suppose, distinctly opposed to programmes like 'Civilisation'.'
Es wird gemeinhin gesagt, dass Kenneth Clark den Titel eines Baron of Saltwood (ja, es war natürlich die Satirezeitschrift Private Eye, die den Titel Lord Clark of Civilisation vorgeschlagen hatte) nur wegen der Sendung bekommen hätte, aber das ist wohl kaum richtig. Seine Verdienste um die englische Kunst und die National Gallery hätten einen Adelstitel jederzeit gerechtfertigt. Man täuscht sich auch ein wenig in ihm, der Millionärssohn mit den eleganten Savile Row Anzügen, der der jüngste Direktor der National Gallery wird, ist ein grundsolider Kunsthistoriker gewesen (er ist natürlich schon in diesem Blog erwähnt worden, als ich über Nikolaus Pevsner schrieb). Ich habe viel von Clark gelesen (und alles über ihn gelesen), und ich habe viel von ihm gelernt. Das habe ich schon in Posts wie Aktmalerei, John Constbles Wolken und Gothick gesagt.
Kenneth Clark was a much more erudite art historian than I was, or am. He was an expert, sharing his knowledge with those less expert. And we wanted somehow, now one would say to destructure expertise, to throw the initiative, democratically, to the spectators. That was our strategy. Sagte John Berger in einem Interview Jahrzehnte nach seiner Sendung, in der er Kenneth Clark direkt angriff. Dessen Sätze At the very beginning of his career his pleasure in what he saw inspired him to put into his pictures backgrounds as sensitively observed as the corn-field in which are seated Mr and Mrs Andrews. This enchanted work is painted with such love and mastery, kann er nicht unkommentiert stehen lassen.
Inzwischen hat David Cohen ihn unter Bezug auf den Kunstkritiker Peter Fuller darauf hingewiesen, dass Berger mit seiner Kritik an Clark fundamental falsch lag: Actually, strategy, rather than purpose, lies at the heart of Fuller's affection for Clark. Fuller's mentor in the 1970s had been John Berger, whose TV series 'Ways of Seeing' formed a critique of Clark's series, 'Civilization.' Berger disingenuously vilified Clark for failing to notice that Gainsborough's Mr. and Mrs. Andrews surveyed land filled with starving tenants, whereas, on reading Clark's text first hand, Fuller discovered that Clark had made precisely this point. Fuller's rehabilitation of Clark was a gesture of defiance against Berger and a characteristic act of naughtiness on the part of a Marxist whose critical subject up to that point had been a critique of the art establishment personified by Clark. Clark became Fuller's vehicle for a calculatedly polemical insistence on connoisseurship and taste.
Der Anfang von Ways of Seeing war spektakulär: Berger kam in die National Gallery und zerschnitt einen Botticelli mit einem Teppichmesser: The art of the past no longer exists as it once did. Its authority is lost. In its place there is a language of images. What matters now is who uses that language for what purpose. Sie können es sich ✺hier anschauen. Es war glücklicherweise kein echter Botticelli. Die siebziger Jahre, die Reste der sogenannten 68er Revolution und der Klassenkampf liegen heute hinter uns. Über manches in Bergers Ways of Seeing wird man heute milde lächeln. Das Bild von Mr und Mrs Andrews hat nichts mit Klassenkampf zu tun. Wohl aber mit der sozialen Klasse. Um die geht es in England immer (das meinte man vor elf Jahren offensichtlich in der National Gallery, als man das Bild neben Martin Parrs Photo Signs of the Times präsentierte); vorzüglich im 18. Jahrhundert, in dem sich die bürgerliche Gesellschaft etabliert. Und das reich gewordene Bürgertum die Mode, die Manieren (und den Grundbesitz) des Adels adaptiert. Der Robert Andrews, den Gainsborough malt, ist Großgrundbesitzer. Pappi hat ihm das Anwesen The Auberies gekauft, der Rest kam durch die Heirat mit Frances Mary Carter dazu. Gainsborough kennt die beiden seit Jahren.
Er war auf derselben Grammar School wie Robert Andrews, aber bei seinem Vater reichte das Geld nicht für ein Studium in Oxford. Denn sein Vater war in den 1730er Jahren in die Pleite geschlittert - der Vater von Frances Mary Carter hatte ihn übrigens vor dem Schuldgefängnis bewahrt. Die Gainsboroughs gehörten einmal zur gleichen Klasse wie Robert Andrews und Frances Mary Carter.
Dass die akkurat ziselierten Kornreihen zu den zierlichen Füsschen der 18-jährigen Mrs Andrews passen, ist keine Erfindndung des Malers, der die Natur rokokohaft ordnen möchte. Das zeigt nur, dass man die state of the art Maschine des Landwirtschaftsreformers Jethro Tull zum Einsäen des Getreides verwendet hat. Zur modernen Landwirtschaft gehört auch, dass die Schafe in einem eingezäunten Areal weiden. Diese enclosures des 18. Jahrhunderts bieten sozialen Sprengstoff, vorher war es (seit dem Mittelalter) common land. Jetzt wird alles eingezäunt. Mit Neuerungen aller Art in der Technik ist Gainsborough nicht unvertraut, zwei seiner Brüder sind, wenn man so will, Erfinder. Der erste, John Gainsborough (auch Scheming Jack) genannt, rangiert eher in der Kategorie der mad scientists. Aber der zweite, der Reverend Humphrey Gainsborough (der auch landwirtschaftliche Geräte erfindet), ist ein Mann von großer Bedeutung. Gainsboroughs Freund Philip Thicknesse schrieb über Humphrey: one of the most ingenious men that ever lived, and one of the best that ever died … Perhaps of all the mechanical geniuses this or any nation has produced. Mr Gainsborough was the first.
Wir können vieles in dem Bild erklären. Der Kirchturm im Hintergrund (weiter oben im Detail) hat so ausgesehen. Die Eiche in dem Bild ist sicherlich symbolisch (wie das Kornfeld als Symbol der Fruchtbarkeit), aber es ist auch eine wirkliche Eiche, sie steht immer noch im Park von Auberies. Aber ein kleines Rätsel bleibt doch: das Bild ist unfertig, unter den Händen von Mrs Andrews ist eine freie Fläche, nur die Grundierung der Leinwand ist in ihrem Schoß zu sehen. Hier hat es die erstaunlichsten Spekulationen gegeben. Er habe das Bild nicht fertig gemalt, weil er die die beiden nicht ausstehen konnte, man könne das aus den Gesichtern des Paares herauslesen.
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wenn ich bösartig wäre, würde ich sagen, dass er die Musikinstrumente auf seinen Portraits mit größerer Liebe malt als die Gesichter von Mr und Mrs Andrews. Er ist Musikliebhaber und Liebhaber von Instrumenten, die Erwähnung der Viola da Gamba in seinem Brief ist keine rhetorische Formel. Wir müssen auch bedenken, dass dies eins seiner ersten Portraits ist - er hat noch nicht die Meisterschaft, die er auf dem Portrait der Herzogin Georgiana zeigt. Auch die Theorie, dass hier ein toter Vogel hätte Platz finden sollen, den Robert Andrews gerade geschossen hat, kann nicht überzeugen. Bei aller Liebe zum Ehemann und zum Landleben, würde eine junge Dame auf diesem neuen Seidenkleid eine blutige Jagdtrophäe plazieren? Die dritte Theorie ist überzeugender: die zwanzigjährige Frances Mary Andrews ist guter Hoffnung, an diese Stelle sollte ihr erstes Kind gemalt werden.
Ich habe noch einige Lesetips zum Schluss (mehrere Leser haben mir geschrieben, dass sie die ganz nützlich fänden). Wenn es nur ein Buch sein soll, dann sollte es Gainsborough von William Vaughan aus der Reihe World of Art von Thames & Hudson sein. Es gibt kein Buch, das auf 224 Seiten so umfassend und so lesbar in Leben und Werk Gainsboroughs einführt. Reich illustriert mit 172 Abbildungen (davon 68 in Farbe) gibt dieses Buch dem Leser einen schnellen Zugang zum Werk. Das aber nicht auf Kosten einer seriösen Wissenschaftlichkeit, Vaughan ist auf dem neuesten Stand der Forschung, dies zeigt die Einarbeitung von Forschungsergebnissen, die Ellis Waterhouse bei seinem Katalog von 1958 noch nicht kennen konnte. Und auch die kurze Bibliographie ist ein Meisterstück der Selbstbeschränkung, aber alles Wesentliche steht drin. Professor Vaughan beherrscht nicht nur sein Fach und seinen Gegenstand, er kann auch gut schreiben. Das ist etwas, was Engländer ja häufig ihren deutschen Kollegen voraus haben.
Donnerstag, 11. Mai 2023
nachts
Musik klingt schön des Nachts, wenn alles still und dunkel ist. Man könnte jetzt die Goldberg Variationen hören, weil die ja angeblich geschrieben wurden, um einen schlaflosen Grafen in den Schlaf zu spielen. Man könnte auch Max Richters ✺Sleep in der acht Stunden Version hören (wenn Sie das anklicken, bekommen Sie tatsächlich die lange Version). Ich habe Teil von dem Stück zum erstenmal im Radio bei dem Sender NDR Kultur (neo) gehört. Die haben tolle Musik, aber leider nur in der Nacht von Sonnabend und Sonntag. Da habe ich damals auch zum erstenmal Chick Coreas Mozart gehört. In der Nacht klang es besser als am Tage. Letztens habe ich kurz vor Mitternacht bei Kultur (neo) wieder etwas gehört, was ich überhaupt nicht kannte. Ein Lied mit Klavierbegleitung, das ein wenig wie Schubert klang, wie Brahms oder Mahler, sehr romantisch. Das Display meines kleinen Digitalradios sagte mir, dass das Lied Auf den Schwingen der Nacht hieß und vom New Muses Project kam. Ich wusste, dass ich am nächsten Tag etwas am Computer forschen musste und ging schlafen.
Am nächsten Morgen ging ich zur Seite von NDR Kultur (neo), die haben die Listen gespeichert, von dem, was sie gesendet haben. Allerdings kam ich nur mit einem speziellen Programm an die Liste, von dem ich gar nicht wusste, dass mein Computer das besitzt. In dem Programm, das Charlotte Oelschlegel zusammengestellt hatte, fand ich den Titel Auf den Schwingen der Nacht, bei dem auch noch Luise Greger dabei stand. Ich lernte dank meines Computers dazu, dass Luise Greger eine Komponistin und Sängerin gewesen war, die bestimmt einhundert Lieder geschrieben hat. Sie war einmal berühmt, um 1930 war sie Deutschlands bedeutendste lyrische Tondichterin der Gegenwart. Man hat sie auch eine pommersche Gans genannt, weil sie einmal gesagt hat: Geboren bin ich in Greifswald, wo es die fetten Gänse gibt. Ich bin auch eine von den Gänsen. Nach ihrem Tod 1944 hat man sie schnell vergessen. Aber man hat sie jetzt wiederentdeckt, es gibt CDs und Noten, und die verlorengegange Fassung ihrer Märchenoper Gänseliesel hat man auch wiedergefunden. Der Musikverlag Furore leistet da viel.
Der Dichter, der in den 1920er Jahren Auf den Schwingen der Nacht geschrieben hat, heißt Gottfried Hertel. Über ihn habe ich nichts herausfinden können. Aber das Gedicht habe ich gefunden:
Auf den Schwingen der Nachtträgt mich die Sehnsucht zu dir.
Ob ein Verlangen nach mir
in deiner Seele erwacht?
Stern steht droben bei Stern,
und wie mich tröstet ihr Licht,
seh' ich dein Angesicht
liebenden Aug's von fern.
Es gibt bei YouTube eine Fassung von ✺Auf den Schwingen der Nacht, die allerdings nur 42 mal in den letzten acht Monaten angeklickt wurde. Das sollte sich ändern. Eine andere Fassung kann man ab Minute 40:51 in dem ✺Programm hören, das Charlotte Oelschlegel ihren Hörern in der letzten Aprilnacht servierte. Luise Greger hat noch ein anderes Gedicht von Gottfried Hertel vertont, aber davon habe ich keine musikalische Fassung. Doch von einem Gedicht von Oskar Ludwig Brandt, von dem die Komponistin viele Lieder vertonte, habe ich eine ✺Fassung. Und den Text:
meine beiden Augen schließe,
Ein Hörer hat da als Kommentar Wow geschrieben. Ist ein bisschen kitschig, aber irgendwie doch wow. Und schön. Vor allem nachts.



























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