Freitag, 17. April 2020
Hoppers Welt der Einsamkeit
Hier sitzen Leute in der Nacht und reden. Sagen Sachen wie: sie: vielleicht können wir woanders hingehen, er: und wohin? sie: ich weiß es nicht, sie: warum bleibt der barmann immer in unserer nähe? er: er macht seine arbeit, sie: wir sind niemals allein, er: kann ich etwas dafür? sie: wir schleichen uns nachts wie diebe umher. er: du kennst meine situation. sie: dabei ist das nur die liebe ... er: psst! sie: erträgst du dieses wort nicht? sie: du könntest einmal meinen arm berühren, wie zufällig. er: willst du noch einen kaffee? sie: nimm zumindest deinen hut ab! er: warum? sie: er vergrößert unsere einsamkeit.
Dieses Bild hier und ähnliche Bearbeitungen von Edward Hoppers berühmtem Bild Nighthawks kursieren zur Zeit im Internet. Das ist sozusagen die Corona Version des Bildes. Der Guardian titelte letztens 'We are all Edward Hopper paintings now': is he the artist of the coronavirus age?, und in der Süddeutschen konnte man Ähnliches lesen. Als ich 2010 in diesem Blog zum erstenmal über Edward Hopper schrieb, hatte der Post den Titel Einsamkeit.
Hoppers Bilder haben immer wieder Dichter inspiriert. Gail Levin, die 1995 nicht nur einen Hopper Katalog, sondern auch noch eine Hopper Biographie vorgelegt hat, hat im selben Jahr auch noch ein kleines achtzigseitiges Buch veröffentlicht, das den Titel The Poetry of Solitude: A Tribute to Edward Hopper trägt. Der Amerikaner Robert Moulthrop, aus dessen Hopper Gedichten ich heute das Gedicht Western Motel präsentiere, ist aber nicht in diesem Band:
In a moment I will rise from the red bed
Put on my blue jacket
Let fingers touch my golden hair.
You will pick up the two suitcases
And we will leave the light green room
And begin again, in the dark green car.
Even though it is early morning
The car will be hot.
We will roll down the windows, and sit.
Let the air cool the car
While inside the room
Empty air still holds
The red bed and the red chair
The bed where I sat and looked at
My blue jacket and thought
If I stay, I will be here
And you will be alone
In the green car.
We will never know which was better.
Ich habe heute noch ein zweites Gedicht zu einem Gemälde von Edward Hopper. Das ist von dem portugiesischen Dichter Joaquim Manuel Magalhães, und es heißt wie das Bild in diesem Absatz Cape Cod Evening. Hopper hat das Bild 1939 in Truro gemalt. Er hat dazu gesgt: It is no transcription of a place, but pieced together from sketches and mental impressions of things in the vicinity. The grove of locust trees was done from sketches of trees nearby. The doorway of the house comes from Orleans about twenty miles from here. The figures were done almost entirely without models, and the dry blowing grass can be seen from my studio window in the late summer or autumn. In the woman I attempted to get the broad, strong-jawed face and blond hair of a Finnish type of which there are many on the Cape. The man is a dark-haired Yankee. The dog is listening to something, probably a whippoorwill or some evening sound.
Das portugiesische Gedicht Cape cod evening hat außer dem Titel allerdings überhaupt nichts mit Cape Cod oder Hopper zu tun, aber ich finde es eigentlich sehr schön.
Cape cod evening
Subo no fim da tarde
com o fumo da erva seca
ao alto donde se vê o mar.
Recolho o cereal cortado.
A hera cresce pelo choupo.
O plátano raia com a luz
A rã saiu do lodo para a fonte,
Os bugalhos tombam
no barro do campo.
O melro canta no trigo colhido.
Voltei, vê tu, dizem as coisas.
A luz interior acende-se
no poço da voz, mortal
e pronta a não mais findar.
Cape Cod Abend
Ich gehe am späten Nachmittag hinauf
mitten im Dunst vom getrockneten Gras
nach oben, wo man das Meer sehen kann.
Ich sammle die Ähren auf.
Das Efeu wächst bei der Pappel.
Die Platanen leuchten im Licht
Der Frosch kommt aus dem Schlamm zur Quelle,
Die Eicheln fallen
in den Lehm des Feldes.
Die Amsel singt im abgeernteten Feld.
Ich bin wieder da, sieh nur, sagen die Dinge.
Das innere Licht leuchtet
im Brunnen der Stimme, sterblich
und bereit, nicht zu enden.
Das Gespräch zweier Liebender im Diner im ersten Absatz ist nicht aus meiner Feder, das steht in dem wunderbaren Buch Das Rot lächelt, das Blau schweigt: Geschichten über Bilder von Said. Die deutsche Übersetzung von Cape cod evening ist hingegen von mir. Die Übersetzungsprogramme im Internet sind offenbar nicht auf portugiesische Lyrik ausgelegt; von DeepL, Google Translate, Reverso und Pons bekam ich solch haarsträubenden Unsinn serviert, dass ich mir dachte, ich mache das mal lieber selbst.
Kaum ein anderer Maler ist in diesem Blog so häufig erwähnt worden wie Edward Hopper. Die wichtigsten Posts sind wohl: Jo Hopper (und Eddie), Edward Hopper, Einsamkeit und ythlaf.
Donnerstag, 16. April 2020
Alleinsein ist kein Gedicht, das keinen Titel hat
Wenn ich meine Schuhe umgekippt auf dem Fußboden
liegen sehe, fällt mir nichts besonderes dazu ein. Ich sitze ohne
Schuhe am Tisch … Gestern abend war ich bis spät nachts
unterwegs. Hinter einem Bretterzaun sah ich alte Autoreifen
herumliegen, und dazwischen lagen andere Teile.
Das Gras ist verblaßt. Jetzt wird es Zeit, sich auf
einen Unfall vorzubereiten, der nichts Erschreckendes
für mich haben wird. Im Handschuhfach gehen ein paar
Handschuhe verloren. Das ist die gewöhnliche Logik,
wenn das Auto gestohlen wird. Wenn es aber wieder
Sommer geworden ist, fällt mir etwas anderes auf, über das
sich zu sprechen nicht lohnt. Ich ziehe meine Schuhe wieder
an und bin fertig. Die Reisetasche ist gepackt,
sie steht neben mir auf dem Beton. Marilyn Monroe
stirbt war eine Gedichtzeile, in der ich mich
wiederzuerkennen glaubte.
Das ist auch ein Gedicht, selbst wenn es nicht so aussieht, es wird nicht so häufig zitiert. Erst als der Autor tot war, haben Kritiker das Gedicht hervorgeholt und immer wieder diese Sätze Das Gras ist verblaßt. Jetzt wird es Zeit, sich auf einen Unfall vorzubereiten, der nichts Erschreckendes für mich haben wird zitiert. Der Text stammt aus dem Gedichtband Gras aus dem Jahre 1970.
Fünf Jahre später wird der Dichter in London in der Bayswater Street von einem Auto angefahren. Er ist sofort tot. Genau eine Woche vorher war er 35 Jahre alt geworden. Wenige Monate vor seinem Tod hatte er gesagt: Mich kümmert einen Scheißdreck, wenn ich tot bin, der Tod oder der Begriff Tod ist 'ne blöde Erfindung. Sie haben das schon gemerkt, dass ich über Rolf Dieter Brinkmann schreibe. Der wäre heute achtzig Jahre alt geworden, aber er ist leider schon lange tot. Doch er ist nicht vergessen. Seine Bücher kann man immer noch kaufen, selbst die kleine Festschrift, die der Bremer Antiquar Udo Seinsoth zu Brinkmanns fünfzigstem Geburtstag herausbrachte, ist noch zu finden. Die Universität Vechta, an der es eine Arbeitsstelle Rolf Dieter Brinkmann gibt, hat gerade tausend Seiten Brinkmann Manuskripte von Brinkmanns Jugendfreundin Elisabeth Zöller erworben; der Dichter hat offenbar immer noch Konjunktur. Oder er hat wie Arno Schmidt einen hartnäckigen Kreis von Lesern. Zu dem ich sicherlich gehöre, was er schrieb, hat mich seit den sechziger Jahren begleitet. In diesem Blog war er schon mit den Posts Rolf Dieter Brinkmann, Piccadilly Circus und Februar, und er wird in zahlreichen anderen Posts erwähnt.
Das Gedicht heute hat den Titel Dieses Gedicht hat keinen Titel, es ist das letzte Gedicht in dem Band Westwärts 1&2, Brinkmanns magnum opus, das wenige Tage nach seinem Tod bei Rowohlt erschienen war. Es war einige Jahre still um ihn gewesen, er hatte sich aus dem Literaturbetrieb, den er verachtete, zurückgezogen. Jetzt war er wieder da. Und doch nicht da. Posthum war ihm am Mont Ventoux, dem Berg, den Petrarca einst bestiegen hat, der Petrarca Preis verliehen worden. Das Gedicht heute ist ziemlich lang, aber wir haben ja Zeit, es zu lesen. Weil uns niemand stört. Weil wir allein sind. Und vom Alleinsein handelt es auch:
Ich rede mit mir selbst, tanze, fluche, allein, da,
es ist Montag, es ist Dienstag, es ist Mittwoch usw.
Als ich erwachte, war der Tag schon voll Lärm
und die Dinge wurden bewegt, schon lange vorher,
bevor ich noch richtig erwacht war. Meine
fluchende Verzweiflung, die ramponierte Kiste,
geht darin unter, das macht nichts. Das Frühstück
auf dem Tisch ist richtig, und erklärt nicht,
was schwierig ist und falsch. Was ist los?
Diese Frage, wiederholt, ist ein mürrisches Lied.
Was ich jetzt brauchte, ist der zärtliche Flitter
der Leidenschaft, aber nicht das Flüstern und
Gehen auf Zehenspitzen, Sie alle gehen herum,
verkaufen, kaufen und schieben die Kisten.
Nun müßte ich positiv sein wie eine offene
Kasse, flatternd wie ein weißes, frisches Hemd
auf der Leine, akrobatisch wie ein Busfahrer,
der durch den 5 Uhr Nachmittagsverkehr einen
leeren Bus steuert, der mit den stinkenden,
verschlissenen Kunststoffsitzen innen aussieht,
als sei er überfüllt. Ich müßte laut sein wie
eine Alarmsirene, idiotisch und verbindlich
wie ein Prinzip und glänzen wie ein neues,
silbriges Postfach, rollen wie ein Film und
die Premiere und so nutzlos anstrengend wie
eine Erklärung, die nicht weitergeht, sicher
wie eine Lohnerhöhung, die so sicher ist wie
ein Beschiß. Doch ich schaffs nicht, wie ein
Stepptänzer zu sein und ebenso traurig
melancholisch wie ein künstlicher Blitz
in der Kulisse, zu leuchten wie ein neuer
Haushaltsgegenstand, eingetragen beim Patent
Amt, ebenso bewußtlos und langweilig wie
deutscher Sex in Jeans. Ein kräftiges Herz
stampft durch den Tag. Es kann nur in der
Zivilisation herumgetragen werden, fortlaufen
kann es nicht. Und der Tag ist nicht so, als
hätte jemand eine Erklärung abgegeben und dabei
seinen faulen Zahn ausgespuckt, raschelnd wie harte
Blätter und Ketten, kein verrückter Mond im Baum,
über dem Baukran in einem brachliegenden Feld,
angestrahlt von einer Neonlichtröhre, deren Licht
das Unkraut grau macht morgens halb fünf wie das
Bild vom Mond auf der Dachrinne, das dort hockt,
ein imaginärer Liebhaber der Frau, die ihren
Ehering morgens aus dem Küchenfenster wirft.
Ich müßte so ausgeliefert sein, sexlos und erledigt
wie eine Familie am Sonntag, häßlich und komplett
eingerichtet wie ein komplett eingerichtetes
Apartment und Blut, das in der Jägersprache Schweiß
heißt, verlassen wie ein Konto, das ins Minus schießt,
allein wie eine hohe Geschwindigkeit und heftig
wie ein Durchzug durch eine leere Wohnung, so leer
wie eine Redensart, leerer als eine Wüste, die ein
zertrümmertes Klavier ist, zurückgelassen wie
ein verrostendes Bettgestell auf einem Trümmer
Grundstück, das wartet, bis die Preise wieder höher
sind. Ich mußte langweilig sein wie ein neues
Schulbuch und öde wie Blutspucken und Magen
Schmerzen, krachend wie eine Ein-Mann-Musikkapelle,
die auf der Straße wie ein ganzes Orchester spielt,
voll wie ein Besorgungszettel am Freitag, aufgestellt
wie ein Bretterzaun, zugenagelt und mürrisch wie
die Zuckerkranke an der Kasse des Lebensmittel
Geschäftes, die die Pfennige rausgibt, mißtrauisch
wie ein Guckloch in einer Etagentür mit einem Auge
dahinter, hemmungslos wie die Aufschriften Selbsttanken,
Kundendienst, so billig wie noch nie. Ich müßte verdreht
sein wie ein verdrehtes Einkaufsnetz aus Kunststoff,
irre wie ein ausradierter Preis in einem Buch, das
verschenkt wird, nachlässig und direkt wie ein Loch
im Strumpf einer ersten Tänzerin und so stur wie
ein Schlagstock, schrill wie eine Trillerpfeife
in der Turnstunde. Ich müßte so identifizierbar und
abgestempelt sein wie ein Paßfoto, mies wie ein Taxi
Fahrer, schick wie Scheiße im Mercedes, der einige Extra
Kurven macht, ausgerechnet wie ein Reformprogramm,
traurig wie ein feuchter Fleck in der Zimmertapete
und anspruchsvoll wie ein Wort, das sich selbständig
gemacht hat und im Kopf immer dieselben Runden zieht,
rücksichtslos und sausend wie ein Haartrockner, der
Föhn heißt, die Haare wehen, es ist ein imaginärer
leichter Sommertag und windbewegt. Die Erinnerung
läßt die Jalousien runter. Im Innern des Zimmers
bin ich nackt und entzückt. Keiner ist verloren.
Aber jeder ist ein wenig stumm wie eine Nummer im
Telefonbuch, Sind die Nummern, alphabetisch geordnet,
nicht wie ein endloser Blues? Ist das kein Blues,
wenn man feuchte, schwitzende Hände schüttelt?
Ist das kein Blues, wenn feuchte, schwitzende Hände
verstohlen an der überhängenden Tischdecke abgewischt
werden, ehe sie hingehalten werden? Ist die mechanische
Ansage der Uhrzeit vierundzwanzig Stunden lang
kein Blues? Ist das nächste Kinoprogramm, jede Woche
neu, kein Blues? Ist das kein Blues, die Anzeigen in
der Tageszeitung zu lesen? Und alle Spülmittel,
Ersatzteile, der bellende Köter im Nachbarhaus?
Du hörst ihn als einziges Geräusch zur Mittagszeit,
und plötzlich hörst du deinen eigenen Atem, zur
gleichen Zeit, als du das Geräusch eines Flugzeugs
hörst. Nun müßte ich blödsinnig sein wie eine Probe,
positiv, stark und unabweisbar wie ein von Straßen
Arbeitern aufgerissenes Loch mitten auf der Straße,
rot und weiß gestrichen wie eine Latte, grell wie
ein Reflex von Sonnenlicht auf einem Autoblech,
irrsinnig wie das Wort Kotflügel,
wüst wie das Manuscript für ein Drehbuch,
kalkuliert, arm, bemitleidenswert wie eine Gerichts
Verhandlung, verrückt wie die Phrase, das letzte
Wort ist noch nicht gesprochen, abstoßend wie ein
Bekenntnis und schäbig wie ein Bäcker, der zähe
klebrige Brötchen backt, alles das schaffe ich
nicht, kaputt zu sein wie ein kaputter Ofen
auseinanderspringend wie eine Ohrfeige, klingend wie
eine Maulschelle, farbig wie eine farbige Sternkarte,
wo der Raum auseinanderreißt, brennt, Feuerbäume
stehen und herumwirbeln, krank wie ein bestrahlter
Pflanzengarten zur Verbesserung der westlichen Welt
hinter schweren Mauern, gedankenlos wie ein umgeknickter
Weltraum, rotierende Feuerschatten, leere Formeln auf
dem Linienpapier, oszillierend wie ein Kriminal
Psychologisches Gutachten, wiederholbar wie die
Ergebnisse der Meinungsforschungsinstitute.
Ich müßte kein Wort deutsch verstehen in der
Straßenbahn, in einem Wartesaal, in einem Kaufhaus,
auf der Straße, dunkel wie Hertie's Kaufhaus abends
um 11 Uhr, das so dunkel ist wie eine Theaterkulisse
abends um 11 Uhr, in der die Puppen in Lebensgröße
stehengeblieben und erstarrt sind abends um 11 Uhr
in der Innenstadt, wo es so gut beleuchtet ist
und dunkel wie eine Sackgasse, hingehauen wie ein
Vorort, der rumsteht. Ich müßte explodieren, wie ein
Benzintank, der die Böschung runterkippt, erstarrt wie
ein Herrenmodegeschäft, weiß wie ein ausgewaschener
neuer Kinderwagen, modern wie ein Slum, auffällig wie
ein lackroter Sturzhelm nachmittags im Verkehr,
aber ich schlendere meine eigenen Wege,
und nicht düster wie eine wörtliche Rede, ohne
Anführungsstriche unten, ohne Anführungsstriche oben,
nicht abreißbar wie ein Tageskalender,
ohne Entschuldigung wie ein Ausruf, ein Mißverständnis,
eine schiefe Übersetzung, gewöhnlich wie dieser Morgen.
Die Häuserwände sind da, die blutigen Kratzspuren
auf dem Handrücken, die Oberlippe, aufgerissen,
vernarbt, und die Narbe ist nur ein winziger Riß.
Das Ende eines Traums erschien mir einmal wie im Traum
eine Mineralwasserflasche, die geöffnet wird und heraus
schäumt Ich weiß nicht was. Den Traum warf ich
weg. Der Traum war zu Ende. Und das Alleinsein
ist lächerlich wie eine umgekippte Haushaltsdekoration,
die über Nacht in einem Schaufenster zusammengebrochen ist.
Und das Alleinsein ist lächerlich wie ein Foto
aus den Ferien, wo ein sommerlicher Schuh allein
auf der weiten Fläche eines leeren Strandes
liegt, an Land geworfen, umgekippt, wenn der Strand
schön und einfach leer geworden ist. Und der Schuh
scheint, als habe sich um ihn die ganze weite leere
Zeit konzentriert. Das ist nicht fürchterlich. Das
ist einfach nur'n Schuh. Und das Alleinsein ist,
wie es scheint, wie eine Reklamesendung, die
durchgelesen wird. Und das Alleinsein ist, wie
es scheint, ein solcher Morgen voller Lärm.
Und das Alleinsein ist kein Muskelkater,
wenn man aufwacht. Und das Alleinsein ist
wie das Lächeln auf einem Foto, das in einem
Fotoautomaten gemacht worden ist, in dem man
hinter der grauen Gardine auf einem Drehstuhl
sitzt und vier Mal für zwei Mark in den Fotoblitz
lächelt. Und Alleinsein ist wie ein Kinderzahn,
der in einem Pappschächtelchen aufbewahrt wird zur
Erinnerung, wie ich einmal gesehen habe, sich zu erinnern,
sich für immer zu erinnern, fiir später.
Alleinsein ist wie Gas, das ausströmt. Alleinsein
ist wie mitten am Tag das Zimmerlicht anzuschalten.
Alleinsein ist wie im Badezimmerspiegel sein eigenes
Gesicht anzustarren. Alleinsein ist lächerlich wie
ein Vergleich. Und Alleinsein ist wie ein stinkendes
Motorrad im Hausflur. Und Alleinsein ist wie eine
überfüllte Mülltonne, in die nichts mehr reinpaßt,
und Alleinsein ist nicht einmal wie eine Zwiebel,
die geschält wird und die Tränen kommen, Alleinsein
ist wie die Redewendung, „aber wirklich."
Alleinsein ist wie die Wut, wenn einer fragt, „verstehste?"
Und Alleinsein ist kein Gedicht, das keinen Titel hat.
Und Alleinsein ist wie die Frage, was tue ich Montag.
Fünf Jahre später wird der Dichter in London in der Bayswater Street von einem Auto angefahren. Er ist sofort tot. Genau eine Woche vorher war er 35 Jahre alt geworden. Wenige Monate vor seinem Tod hatte er gesagt: Mich kümmert einen Scheißdreck, wenn ich tot bin, der Tod oder der Begriff Tod ist 'ne blöde Erfindung. Sie haben das schon gemerkt, dass ich über Rolf Dieter Brinkmann schreibe. Der wäre heute achtzig Jahre alt geworden, aber er ist leider schon lange tot. Doch er ist nicht vergessen. Seine Bücher kann man immer noch kaufen, selbst die kleine Festschrift, die der Bremer Antiquar Udo Seinsoth zu Brinkmanns fünfzigstem Geburtstag herausbrachte, ist noch zu finden. Die Universität Vechta, an der es eine Arbeitsstelle Rolf Dieter Brinkmann gibt, hat gerade tausend Seiten Brinkmann Manuskripte von Brinkmanns Jugendfreundin Elisabeth Zöller erworben; der Dichter hat offenbar immer noch Konjunktur. Oder er hat wie Arno Schmidt einen hartnäckigen Kreis von Lesern. Zu dem ich sicherlich gehöre, was er schrieb, hat mich seit den sechziger Jahren begleitet. In diesem Blog war er schon mit den Posts Rolf Dieter Brinkmann, Piccadilly Circus und Februar, und er wird in zahlreichen anderen Posts erwähnt.
Das Gedicht heute hat den Titel Dieses Gedicht hat keinen Titel, es ist das letzte Gedicht in dem Band Westwärts 1&2, Brinkmanns magnum opus, das wenige Tage nach seinem Tod bei Rowohlt erschienen war. Es war einige Jahre still um ihn gewesen, er hatte sich aus dem Literaturbetrieb, den er verachtete, zurückgezogen. Jetzt war er wieder da. Und doch nicht da. Posthum war ihm am Mont Ventoux, dem Berg, den Petrarca einst bestiegen hat, der Petrarca Preis verliehen worden. Das Gedicht heute ist ziemlich lang, aber wir haben ja Zeit, es zu lesen. Weil uns niemand stört. Weil wir allein sind. Und vom Alleinsein handelt es auch:
Ich rede mit mir selbst, tanze, fluche, allein, da,
es ist Montag, es ist Dienstag, es ist Mittwoch usw.
Als ich erwachte, war der Tag schon voll Lärm
und die Dinge wurden bewegt, schon lange vorher,
bevor ich noch richtig erwacht war. Meine
fluchende Verzweiflung, die ramponierte Kiste,
geht darin unter, das macht nichts. Das Frühstück
auf dem Tisch ist richtig, und erklärt nicht,
was schwierig ist und falsch. Was ist los?
Diese Frage, wiederholt, ist ein mürrisches Lied.
Was ich jetzt brauchte, ist der zärtliche Flitter
der Leidenschaft, aber nicht das Flüstern und
Gehen auf Zehenspitzen, Sie alle gehen herum,
verkaufen, kaufen und schieben die Kisten.
Nun müßte ich positiv sein wie eine offene
Kasse, flatternd wie ein weißes, frisches Hemd
auf der Leine, akrobatisch wie ein Busfahrer,
der durch den 5 Uhr Nachmittagsverkehr einen
leeren Bus steuert, der mit den stinkenden,
verschlissenen Kunststoffsitzen innen aussieht,
als sei er überfüllt. Ich müßte laut sein wie
eine Alarmsirene, idiotisch und verbindlich
wie ein Prinzip und glänzen wie ein neues,
silbriges Postfach, rollen wie ein Film und
die Premiere und so nutzlos anstrengend wie
eine Erklärung, die nicht weitergeht, sicher
wie eine Lohnerhöhung, die so sicher ist wie
ein Beschiß. Doch ich schaffs nicht, wie ein
Stepptänzer zu sein und ebenso traurig
melancholisch wie ein künstlicher Blitz
in der Kulisse, zu leuchten wie ein neuer
Haushaltsgegenstand, eingetragen beim Patent
Amt, ebenso bewußtlos und langweilig wie
deutscher Sex in Jeans. Ein kräftiges Herz
stampft durch den Tag. Es kann nur in der
Zivilisation herumgetragen werden, fortlaufen
kann es nicht. Und der Tag ist nicht so, als
hätte jemand eine Erklärung abgegeben und dabei
seinen faulen Zahn ausgespuckt, raschelnd wie harte
Blätter und Ketten, kein verrückter Mond im Baum,
über dem Baukran in einem brachliegenden Feld,
angestrahlt von einer Neonlichtröhre, deren Licht
das Unkraut grau macht morgens halb fünf wie das
Bild vom Mond auf der Dachrinne, das dort hockt,
ein imaginärer Liebhaber der Frau, die ihren
Ehering morgens aus dem Küchenfenster wirft.
Ich müßte so ausgeliefert sein, sexlos und erledigt
wie eine Familie am Sonntag, häßlich und komplett
eingerichtet wie ein komplett eingerichtetes
Apartment und Blut, das in der Jägersprache Schweiß
heißt, verlassen wie ein Konto, das ins Minus schießt,
allein wie eine hohe Geschwindigkeit und heftig
wie ein Durchzug durch eine leere Wohnung, so leer
wie eine Redensart, leerer als eine Wüste, die ein
zertrümmertes Klavier ist, zurückgelassen wie
ein verrostendes Bettgestell auf einem Trümmer
Grundstück, das wartet, bis die Preise wieder höher
sind. Ich mußte langweilig sein wie ein neues
Schulbuch und öde wie Blutspucken und Magen
Schmerzen, krachend wie eine Ein-Mann-Musikkapelle,
die auf der Straße wie ein ganzes Orchester spielt,
voll wie ein Besorgungszettel am Freitag, aufgestellt
wie ein Bretterzaun, zugenagelt und mürrisch wie
die Zuckerkranke an der Kasse des Lebensmittel
Geschäftes, die die Pfennige rausgibt, mißtrauisch
wie ein Guckloch in einer Etagentür mit einem Auge
dahinter, hemmungslos wie die Aufschriften Selbsttanken,
Kundendienst, so billig wie noch nie. Ich müßte verdreht
sein wie ein verdrehtes Einkaufsnetz aus Kunststoff,
irre wie ein ausradierter Preis in einem Buch, das
verschenkt wird, nachlässig und direkt wie ein Loch
im Strumpf einer ersten Tänzerin und so stur wie
ein Schlagstock, schrill wie eine Trillerpfeife
in der Turnstunde. Ich müßte so identifizierbar und
abgestempelt sein wie ein Paßfoto, mies wie ein Taxi
Fahrer, schick wie Scheiße im Mercedes, der einige Extra
Kurven macht, ausgerechnet wie ein Reformprogramm,
traurig wie ein feuchter Fleck in der Zimmertapete
und anspruchsvoll wie ein Wort, das sich selbständig
gemacht hat und im Kopf immer dieselben Runden zieht,
rücksichtslos und sausend wie ein Haartrockner, der
Föhn heißt, die Haare wehen, es ist ein imaginärer
leichter Sommertag und windbewegt. Die Erinnerung
läßt die Jalousien runter. Im Innern des Zimmers
bin ich nackt und entzückt. Keiner ist verloren.
Aber jeder ist ein wenig stumm wie eine Nummer im
Telefonbuch, Sind die Nummern, alphabetisch geordnet,
nicht wie ein endloser Blues? Ist das kein Blues,
wenn man feuchte, schwitzende Hände schüttelt?
Ist das kein Blues, wenn feuchte, schwitzende Hände
verstohlen an der überhängenden Tischdecke abgewischt
werden, ehe sie hingehalten werden? Ist die mechanische
Ansage der Uhrzeit vierundzwanzig Stunden lang
kein Blues? Ist das nächste Kinoprogramm, jede Woche
neu, kein Blues? Ist das kein Blues, die Anzeigen in
der Tageszeitung zu lesen? Und alle Spülmittel,
Ersatzteile, der bellende Köter im Nachbarhaus?
Du hörst ihn als einziges Geräusch zur Mittagszeit,
und plötzlich hörst du deinen eigenen Atem, zur
gleichen Zeit, als du das Geräusch eines Flugzeugs
hörst. Nun müßte ich blödsinnig sein wie eine Probe,
positiv, stark und unabweisbar wie ein von Straßen
Arbeitern aufgerissenes Loch mitten auf der Straße,
rot und weiß gestrichen wie eine Latte, grell wie
ein Reflex von Sonnenlicht auf einem Autoblech,
irrsinnig wie das Wort Kotflügel,
wüst wie das Manuscript für ein Drehbuch,
kalkuliert, arm, bemitleidenswert wie eine Gerichts
Verhandlung, verrückt wie die Phrase, das letzte
Wort ist noch nicht gesprochen, abstoßend wie ein
Bekenntnis und schäbig wie ein Bäcker, der zähe
klebrige Brötchen backt, alles das schaffe ich
nicht, kaputt zu sein wie ein kaputter Ofen
auseinanderspringend wie eine Ohrfeige, klingend wie
eine Maulschelle, farbig wie eine farbige Sternkarte,
wo der Raum auseinanderreißt, brennt, Feuerbäume
stehen und herumwirbeln, krank wie ein bestrahlter
Pflanzengarten zur Verbesserung der westlichen Welt
hinter schweren Mauern, gedankenlos wie ein umgeknickter
Weltraum, rotierende Feuerschatten, leere Formeln auf
dem Linienpapier, oszillierend wie ein Kriminal
Psychologisches Gutachten, wiederholbar wie die
Ergebnisse der Meinungsforschungsinstitute.
Ich müßte kein Wort deutsch verstehen in der
Straßenbahn, in einem Wartesaal, in einem Kaufhaus,
auf der Straße, dunkel wie Hertie's Kaufhaus abends
um 11 Uhr, das so dunkel ist wie eine Theaterkulisse
abends um 11 Uhr, in der die Puppen in Lebensgröße
stehengeblieben und erstarrt sind abends um 11 Uhr
in der Innenstadt, wo es so gut beleuchtet ist
und dunkel wie eine Sackgasse, hingehauen wie ein
Vorort, der rumsteht. Ich müßte explodieren, wie ein
Benzintank, der die Böschung runterkippt, erstarrt wie
ein Herrenmodegeschäft, weiß wie ein ausgewaschener
neuer Kinderwagen, modern wie ein Slum, auffällig wie
ein lackroter Sturzhelm nachmittags im Verkehr,
aber ich schlendere meine eigenen Wege,
und nicht düster wie eine wörtliche Rede, ohne
Anführungsstriche unten, ohne Anführungsstriche oben,
nicht abreißbar wie ein Tageskalender,
ohne Entschuldigung wie ein Ausruf, ein Mißverständnis,
eine schiefe Übersetzung, gewöhnlich wie dieser Morgen.
Die Häuserwände sind da, die blutigen Kratzspuren
auf dem Handrücken, die Oberlippe, aufgerissen,
vernarbt, und die Narbe ist nur ein winziger Riß.
Das Ende eines Traums erschien mir einmal wie im Traum
eine Mineralwasserflasche, die geöffnet wird und heraus
schäumt Ich weiß nicht was. Den Traum warf ich
weg. Der Traum war zu Ende. Und das Alleinsein
ist lächerlich wie eine umgekippte Haushaltsdekoration,
die über Nacht in einem Schaufenster zusammengebrochen ist.
Und das Alleinsein ist lächerlich wie ein Foto
aus den Ferien, wo ein sommerlicher Schuh allein
auf der weiten Fläche eines leeren Strandes
liegt, an Land geworfen, umgekippt, wenn der Strand
schön und einfach leer geworden ist. Und der Schuh
scheint, als habe sich um ihn die ganze weite leere
Zeit konzentriert. Das ist nicht fürchterlich. Das
ist einfach nur'n Schuh. Und das Alleinsein ist,
wie es scheint, wie eine Reklamesendung, die
durchgelesen wird. Und das Alleinsein ist, wie
es scheint, ein solcher Morgen voller Lärm.
Und das Alleinsein ist kein Muskelkater,
wenn man aufwacht. Und das Alleinsein ist
wie das Lächeln auf einem Foto, das in einem
Fotoautomaten gemacht worden ist, in dem man
hinter der grauen Gardine auf einem Drehstuhl
sitzt und vier Mal für zwei Mark in den Fotoblitz
lächelt. Und Alleinsein ist wie ein Kinderzahn,
der in einem Pappschächtelchen aufbewahrt wird zur
Erinnerung, wie ich einmal gesehen habe, sich zu erinnern,
sich für immer zu erinnern, fiir später.
Alleinsein ist wie Gas, das ausströmt. Alleinsein
ist wie mitten am Tag das Zimmerlicht anzuschalten.
Alleinsein ist wie im Badezimmerspiegel sein eigenes
Gesicht anzustarren. Alleinsein ist lächerlich wie
ein Vergleich. Und Alleinsein ist wie ein stinkendes
Motorrad im Hausflur. Und Alleinsein ist wie eine
überfüllte Mülltonne, in die nichts mehr reinpaßt,
und Alleinsein ist nicht einmal wie eine Zwiebel,
die geschält wird und die Tränen kommen, Alleinsein
ist wie die Redewendung, „aber wirklich."
Alleinsein ist wie die Wut, wenn einer fragt, „verstehste?"
Und Alleinsein ist kein Gedicht, das keinen Titel hat.
Und Alleinsein ist wie die Frage, was tue ich Montag.
Mittwoch, 15. April 2020
Dictionary
Heute vor 265 Jahren hat Samuel Johnson sein berühmtes Wörterbuch Dictionary of the English Language veröffentlich. Das ist das Buch, das Thackerays ein klein wenig amoralische Heldin Becky Sharp in dem Roman Vanity Fair aus dem Fenster der Kusche wirft, wenn sie die Lehranstalt verläßt. Die Präsentation des Wörterbuchs ist glücklicherweise nicht unbeobachtet geblieben. Dank der BBC und ihrer Sendung Blackadder kann ich Ihnen heute in der aktuellen Folge ✺Ink And Incapability zeigen, wie Dr Johnson dem Prinzen George das Werk übergibt, an dem er beinahe zehn Jahre gearbeitet hat. Einen Blick auf das Lexikon können Sie hier auch werfen.
Dr Johnson hat sein Werk mit einem Gedicht gefeiert. In lateinischer Sprache, das lassen wir mal weg. Ich nehme lieber als Gedicht des Tages, was sein Freund, der Schauspieler David Garrick (der hier schon erwähnt wird) mit On Johnson's Dictionary. 1755. gedichtet hat:
Talk of war with a Briton, he'll boldly advance,
That one English soldier will beat ten of France;
Would we alter the boast from the sword to the pen,
Our odds are still greater, still greater our men:
In the deep mines of science tho' Frenchmen may toil,
Can their strength be compar'd to Locke, Newton, and Boyle?
Let them rally their heroes, send forth all their pow'rs,
Their verse-men, and prose-men; then match them with ours!
First Shakespeare and Milton, like gods in the fight,
Have put their whole drama and epic to flight;
In satires, epistles, and odes would they cope,
Their numbers retreat before Dryden and Pope;
And Johnson, well arm'd, like a hero of yore,
Has beat forty French, and will beat forty more.
That one English soldier will beat ten of France;
Would we alter the boast from the sword to the pen,
Our odds are still greater, still greater our men:
In the deep mines of science tho' Frenchmen may toil,
Can their strength be compar'd to Locke, Newton, and Boyle?
Let them rally their heroes, send forth all their pow'rs,
Their verse-men, and prose-men; then match them with ours!
First Shakespeare and Milton, like gods in the fight,
Have put their whole drama and epic to flight;
In satires, epistles, and odes would they cope,
Their numbers retreat before Dryden and Pope;
And Johnson, well arm'd, like a hero of yore,
Has beat forty French, and will beat forty more.
Beim Erstdruck des Gedichts gab es für forty French eine Fußnote, in der erklärt wurde, dass sich diese Zahl auf die Mitglieder der Académie Française bezieht. Die hatten 1637 mit ihrem Dictionnaire de l’Académie Française begonnen, der erste Band erschien 1694, da war der gute Dr Johnson einwandfrei schneller.
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Dienstag, 14. April 2020
Henri Lehmann
Die Kunsthalle Kiel besitzt ein Bild von dem Maler, der am 14. April 1814 in Kiel geboren wurde. Sie bekam es nach seinem Tod testamentarisch aus seinem Nachlaß, die Hl Katharina, die zum Himmel entschwebt, wird aber nie gezeigt. Dabei war der Maler in seiner Zeit ein bedeutender Mann. Seinen Vornamen Heinrich hatte er abgelegt, er war jetzt Henri Lehmann, 1853 Offizier der Ehrenlegion, Professor an der Académie des Beaux-Arts. Er war ein Schüler von Ingres, der ihn als seinen besten Schüler bezeichnet hat, und er hatte schon mit einundzwanzig Jahren sein erstes Bild im Pariser Salon zeigen können. Dieses Portrait von Franz Liszt, mit dem er befreundet war, hat er drei Jahre später gemalt.
Es wird jetzt schwierig, ein Gedicht für Franz Liszt (der hier schon einen Post hat) zu finden, wo man doch seine Musik schon als sinfonische Gedichte bezeichnet hat. Franz Grillparzer, der selbst komponierte, hat ein Liszt Gedicht geschrieben, das mag ich nun gar nicht. Man könnte Freiligraths O lieb’, solang du lieben kannst! nehmen, das Liszt vertont hat, und dessen Melodie er später er noch einmal als Liebestraum Nr. 3 recycelt hat. Ich mache lieber etwas anderes, ich präsentiere noch einmal Alfred Brendel, der ja auch viel Franz Liszt gespielt hat:
Schweigen wir
der Lärm ist schon groß genug
Ohnehin
hört man die eigene Stimme nicht mehr
Gestikulierend
grüßen wir uns
werfen die Arme in die Luft
schürzen
in komischer Verzweiflung
die Lippen
Wenn niemand hinsieht
wagen wir eine Berührung
das ist immer noch das Schönste
einander berühren ohne zu sprechen
Von Deinem Mund
lese ich ihn ab
Deinen kleinen Seufzer
Deinen unhörbaren Schrei
Der in London lebende Pianist, der neben seinen kleinen Gedichten eine Vielzahl von Büchern geschrieben hat, hat seine Gedichte zusammen mit Richard Stokes auch ins Englische übertragen:
Surrounded by all that noise
let us be silent
No chance
even to hear one’s own voice
A few gestures will do
arms flung above our heads
lips pursed in comic despair
When no one’s looking
we swiftly touch each other
What could be lovelier
than wordless touching
From your lips
I can read your tiny sighs
your inaudible scream
Irgendwie ist das beinahe schon ein Gedicht von der Liebe in den Zeiten der Corona, wenn niemand hinsieht wagen wir eine Berührung.
Montag, 13. April 2020
Ständchen
Er hat seine große Zeit gehabt, der Schriftststeller Ludwig Rellstab, der am 13. April 1799 geboren wurde, heute liest ihn wohl niemand mehr. Bestimmt nicht den Schinken 1812: Ein historischer Roman. Aber manche von seinen Gedichten haben überlebt, besonders die, die Franz Schubert vertont hat. Sieben dieser Gedichte finden sich in der Sammlung Schwanengesang, ein Titel, der nicht von Schubert ist, den hat sich der Verleger nach dem Tod von Schubert ausgedacht. Rellstabs Gedichte stehen da neben sechs Gedichten von Heinrich Heine, inhaltlich passt das alles nicht zusammen. Aber es ist ein Schwanengesang, weil es das letzte war, das der Komponist geschrieben hat. Das berühmteste Gedicht von Rellstab ist sicher das Ständchen:
Leise flehen meine Lieder
Durch die Nacht zu Dir;
In den stillen Hain hernieder,
Liebchen, komm’ zu mir!
Flüsternd schlanke Wipfel rauschen
In des Mondes Licht;
Des Verräters feindlich Lauschen
Fürchte, Holde, nicht.
Hörst die Nachtigallen schlagen?
Ach! sie flehen Dich,
Mit der Töne süssen Klagen
Flehen sie für mich.
Sie verstehn des Busens Sehnen,
Kennen Liebesschmerz,
Rühren mit den Silbertönen
Jedes weiche Herz.
Lass auch Dir die Brust bewegen,
Liebchen, höre mich!
Bebend harr’ ich Dir entgegen!
Komm’, beglücke mich!
Ein Sänger in der Nacht, der ein Ständchen darbringt, so wie das Don Giovanni in Mozarts Oper mit ✺Feinsliebchen, komm ans Fenster; erhör mein Flehen! tut. Solche Ständchen scheinen in Rellstabs Zeit Konjunktur zu haben. Ich hätte da noch ein Ständchen von Rellstabs Zeitgenossen August von Kotzebue:
Komm Feinsliebchen komm ans Fenster
alles still und stumm
nur Verliebte und Gespenster
wandeln noch herum
Dein getreuer Knabe harret
komm in seinen Arm
Seine Finger sind erstarret
doch sein Herz ist warm
Zwar die Sternlein sich verdunkeln
Luna leuchtet nicht
doch wo Liebchens Augen funkeln
da ist helles Licht
Drum Feinsliebchen komm ans Fenster
alles still und stumm
nur Verliebte und Gespenster
wandeln noch herum
Einen ✺Film, der den ersten Vers von Rellstabs Ständchen als Titel hat, kann ich auch noch anbieten.
Sonntag, 12. April 2020
der romantische Mozart
Mozart ist Wiener Klassik, sagte der Musiklehrer. Die Klasse schrieb mit: Mozart ist Wiener Klassik. War das alles, was es zu Mozart zu sagen gab? Bei diesem Musiklehrer (der schon in den Posts Die Seeräuber Jenny und Die Harmonie der Welt erwähnt wird) war das alles. Ich meldete mich und sagte, dass man bei Mozart aber auch romantische Elemente entdecken könne. Das Ergebnis dieser Meinung war, dass ich am Ende des Schuljahres statt meiner üblichen Note gut die Note befriedigend bekam.
Am 12. April 1784 hat Wolfgang Amadeus Mozart sein ✺17. Klavierkonzert in G-Dur vollendet, das er wie das ✺14. Klavierkonzert für seine Schülerin Barbara Ployer geschrieben hat. Im Wikipedia Artikel zu dem Klavierkonzert kann man lesen: Das 17. Klavierkonzert gehört zu den Konzerten, die bereits in die kommende romantische Epoche deuten. So hat E.T.A. Hoffmann eine auf Schubert weisende Harmoniefolge im dritten Satz als 'Beispiel der romantischen Musik' bezeichnet.
Und BR-Klassik fragte den polnischen Pianisten Piotr Anderszewski (der ✺hier das Klavierkonzert spielt und selbst dirigiert): Herr Anderszewski, es scheint, als habe Mozart in seinem G-Dur-Konzert bewusst experimentiert. E.T.A. Hoffmann hat dieses Konzert - die Nr. 17 in der Reihe der Mozart'schen Klavierkonzerte – als das erste romantische Klavierkonzert bezeichnet, weil es an manchen Stellen bereits auf Schubert vorausweise. Sehen Sie das auch so? Und der Pianist antwortet: Es ist immer schwierig, genau zu definieren, was denn nun Romantik wirklich bedeutet. Aber ja, für mich hat eigentlich fast alles von Mozart eine romantische Note. Reicht uns das an Romantik? Ich hätte da noch das Mozartfest Würzburg, das im letzten Jahr das Thema Mozart, ein Romantiker? hatte. Auf deren Seite ist ein sehr interessanter Aufsatz von dem Musikwissenschaftler Ulrich Konrad zu lesen. Mein Musiklehrer lebt schon lange nicht mehr. Wenn er das hier lesen könnte, dann würde er sich schämen und nachträglich meine Musiknote ändern.
Ich brauche jetzt noch ein Mozartgedicht. Natürlich hätte ich mich bei der Sammlung des Dänen Georg Nikolaus von Nissen bedienen können, der Mozarts Witwe Constanze geheiratet und die erste Mozart Biographie geschrieben hat, aber ich wollte etwa ganz besonderes. Und da kam ich auf den Pianisten Alfred Brendel, der immer Gedichte geschrieben hat. Dies hier ist wirklich schräg und kein bisschen romantisch, aber ich glaube, das kennen Sie noch nicht:
Als Mozart ermordet worden war
ahnte niemand
nicht einmal Haydn
daß kein Geringerer als Beethoven
die ruchlose Tat begangen hatte
Während einer Landpartie
da Mozart
vom Bockspringen ermüdet
im Grase ruhte
näherte sich Beethoven
als Salieri verkleidet
mit der Geräuschlosigkeit einer Katze
und träufelte dem Schöpfer der Kleinen Nachtmusik
Gift ins Ohr
An dieser Stelle wäre einzuflechten
daß es im Leben Beethovens
ein gut gehütetes Geheimnis gab
Beethoven WAR EIN NEGER
und Mozart HATTE ES BEMERKT
Nach einem von Beethovens berühmten Forte-
piano-Vorträgen
hörte man Mozart halblaut zu Süßmayr sagen
Für an Nega spülta netamoi schlecht
Nun lag er da
und das Gift gluckste in ihm
Grimmig in sich hineinlachend
schlich der junge Übeltäter davon
im festen Besitz der Tonart c-moll
die ihm
von dieser Stunde an
keiner mehr streitig machen würde
Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Osterfest.
ahnte niemand
nicht einmal Haydn
daß kein Geringerer als Beethoven
die ruchlose Tat begangen hatte
Während einer Landpartie
da Mozart
vom Bockspringen ermüdet
im Grase ruhte
näherte sich Beethoven
als Salieri verkleidet
mit der Geräuschlosigkeit einer Katze
und träufelte dem Schöpfer der Kleinen Nachtmusik
Gift ins Ohr
An dieser Stelle wäre einzuflechten
daß es im Leben Beethovens
ein gut gehütetes Geheimnis gab
Beethoven WAR EIN NEGER
und Mozart HATTE ES BEMERKT
Nach einem von Beethovens berühmten Forte-
piano-Vorträgen
hörte man Mozart halblaut zu Süßmayr sagen
Für an Nega spülta netamoi schlecht
Nun lag er da
und das Gift gluckste in ihm
Grimmig in sich hineinlachend
schlich der junge Übeltäter davon
im festen Besitz der Tonart c-moll
die ihm
von dieser Stunde an
keiner mehr streitig machen würde
Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Osterfest.
Samstag, 11. April 2020
ohne Dich
Am 11. April 2012 gab es hier den Post Tote Hasen. Der gratulierte der Gruppe, die wir unter dem Namen Die Toten Hosen kennen, zum 30-jährigen Bestehen. Denn am 11. April 1982 waren sie im Bremer Schlachthof mit ihrem ersten Konzert aufgetreten, unglücklicherweise als Tote Hasen angekündigt. So etwas passiert schon mal. Ich kann mich noch daran erinnern, dass das British Council die Liverpool Poets auf ihrer Deutschlandtourneee als the little poor poets bewarb. Der Post Tote Hasen fand sehr viele Leser. Weil ein gewisser Trini Trimpop auf seiner Facebook Seite auf den Post hinwies.
Und da das Wort Leser gefallen ist, denen ich sagen möchte Ohne dich kann ich nicht sein: heute in der Frühe haben meine Leser diese Marke von 4.5 Millionen geknackt. Als ich am 3. Januar mein zehnjähriges Jubiläum im Internet feierte, waren es noch 4.4 Millionen. Das bedeutet, dass ich in diesem Jahre, mit und ohne Corona-Krise, hundertausendmal angeklickt wurde. Da kann ich mit den Toten Hosen Ich wart’ seit Wochen auf diesen Tag Und tanz’ vor Freude über den Asphalt singen, und dieses Lied soll heute das Gedicht des Tages sein:
Ich wart’ seit Wochen auf diesen Tag
Und tanz’ vor Freude über den Asphalt
Als wär’s ein Rhythmus, als gäb’s ein Lied
Das mich immer weiter durch die Straßen zieht
Komm’ dir entgegen, dich abzuholen, wie ausgemacht
Zu derselben Uhrzeit, am selben Treffpunkt, wie letztes Mal
Durch das Gedränge der Menschenmenge
Bahnen wir uns den altbekannten Weg
Entlang der Gassen, zu den Rheinterrassen
Über die Brücken, bis hin zu der Musik
Wo alles laut ist, wo alle drauf sind, um durchzudrehen
Wo die Anderen warten, um mit uns zu starten und abzugehen
An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit
An Tagen wie diesen haben wir noch ewig Zeit
Wünsch ich mir Unendlichkeit
Das hier ist ewig, ewig für heute
Wir stehen nicht still für eine ganze Nacht
Komm ich trag dich durch die Leute
Hab keine Angst, ich gebe auf dich Acht
Wir lassen uns treiben, tauchen unter, schwimmen mit dem Strom
Drehen unsere Kreise, kommen nicht mehr runter, sind schwerelos
An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit
An Tagen wie diesen haben wir noch ewig Zeit
In dieser Nacht der Nächte, die uns soviel verspricht
Erleben wir das Beste, kein Ende ist in Sicht
Die Band war schon ein zweites Mal in diesem Blog, lesen Sie doch mal den Post Straßensperrung.
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