Sonntag, 8. Mai 2022

Ubbelohde

Ich hielt die Karte in der Hand und sagte mir: Worpswede. Aber den Maler kannte ich nicht. Der war auch nicht aus Worpswede, der kam aus Marburg. Die Karte kam auch aus Marburg, weil die Claudia da studierte. Kunstgeschichte bei Professor Wolfgang Kemp. Der sei letztens mit solchen Entenjagd Schuhen zu einem blauen Anzug im Hörsaal erschienen, hatte sie mir erzählt. Ich nehme an, dass dieser Aufzug für Marburg eine Sensation war. In New York hätte man damit  kein Aufsehen mehr erregt, die Kombination von Entenjagdschuhen und eleganten Anzügen war damals bei Yuppies gerade modern. Wer Claudias Professor war, das wusste ich, denn ich hatte gerade sein Buch über John Ruskin gelesen, das beste deutschsprachige Werk zu Ruskin.

Ich beschloss, da ich nichts über Otto Ubbelohde wusste, diese Wissenslücke zu füllen. Das erste Buch, das mir in die Hand fiel, war im Worpswede Verlag erschienen, so kamen der Marburger Maler und Worpswede doch zusammen. Es ist von dem Kunsthistoriker Bernd Küster, dessen Buch Worpswede 1889 - 1989: Hundert Jahre Künstlerkolonie bei mir im Regal steht. Meine Assoziation Worpswede beim Anblick der Karte (die sich leider nicht im Internet findet) war doch nicht so falsch gewesen. Bernd Küster hat häufig über Worpswede geschrieben, und er war 1987 Preisträger des neu ausgelobten Otto Ubbelohde Preises. Sein Buch über Ubbelohde aus dem Jahre 1984 war die erste Monographie über den Maler. Da heute der hundertste Todestag des Malers ist, stelle ich noch einmal einen Post ein, der hier schon einmal stand. Der ist nach vier Jahren immer noch gut.

Dieses bezaubernde junge Mädchen kennen Sie schon, es findet sich in dem Post, der Worpswede heißt. Der Maler Otto Ubbelohde, der es gemalt hat, war mit einer Bremerin verheiratet. Deshalb zog es ihn wohl nach Worpswede, allerdings zog es ihn auch häufig in die bayrische Künstlerkolonie Dachau. Otto Ubbelohde kam aus Marburg. Dass es ihn nach Bremen verschlug, hat einen einfachen Grund, es sind verwandtschaftiche Beziehungen.

Denn die Johanna Ernestine (Hanna) aus der Künstlerfamilie Unger, die er heiraten wird, ist seine Cousine. Das verschweigt uns der Wikipedia Artikel. Der Maler hat seine Frau immer wieder gemalt, hier ganz in weiß, ein Bild, das uns an die Skagener Maler denken läßt. Diese Bilder der heure bleue, auf denen weißgekleidete Damen den Strand entlang schweben. Wahrscheinlich sind weiße Kleider weder am Strand noch im Moor sehr praktisch, aber sie sind nun einmal ein Kleidungsstück, mit dem die Bourgeoisie zeigt, dass sie Dienstboten hat, die die Kleidung waschen können. Das gilt auch für die Sportarten Tennis und Cricket, die Ende des 19. Jahrhunderts auch für Damen chic wurden. Die Frau in Weiß ist auch auf dem Cover des Katalogbuches Otto Ubbelohde: Kunst und Lebensreform um 1900 (Darmstadt 2001).

Mit diesem englischen Plaid ist Hanna Ubbelohde natürlich viel praktischer gekleidet, sie geht damit beinahe in der Natur auf. So etwas sieht man heute selten, aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und um 1900 findet man das Plaid häufig beim englischen Landadel und der künstlerischen Bohème. Erstaunlicherweise habe ich in den Ausstellungen Ein Hauch von Eleganz: 200 Jahre Mode in Bremen (Focke Museum Bremen 1984) und Kleid und Bild: Mode und Malerei. Klassizismus bis Art Deco (Hannover 1983) kein einziges Plaid gesehen. Die Kataloge zu beiden Ausstellungen kann man heute noch finden, es sind sehr interessante und schöne Kataloge. Wenn Sie den Post Damenmode anklicken, werden Sie sehen, dass es in diesem Blog nicht nur Herrenmode gibt, wie häufig behauptet wird.

Aber ich komme mal eben zur Herrenmode. Dieses Bild kommt jetzt ein wenig wie ein Schock. Wenn Sie jetzt Aääh, mach das weg!!! stöhnen, haben Sie vollkommen recht. Aber es hat auch etwas mit Mode zu tun. Und damit meine ich nicht die kleinen Jungen in Lederhosen mit Hosenträger (so etwas habe ich auch noch getragen, als ich klein war), sondern das, was der Herr rechts im Bild trägt. Es handelt sich natürlich um Martin Heidegger, der in diesem Blog selten vorkommt. Er hat einen Post, der Heidegger heißt, mehr gibt es zu dem Mann nicht. Wenn er hier auftaucht, dann hat das einen simplen Grund: Otto Ubbelohde hat ihm einen Lodenananzug mit Kniebundhosen entworfen. Die Marburger Studenten nannten den seinen existentiellen Anzug. Dies hier auf dem Photo ist er nicht, ein klein wenig exzentrisch ist er aber auf jeden Fall.

Ubbelohde (hier mit seiner Gattin) hat es nicht mehr erlebt, dass Heidegger den von ihm entworfenen Anzug mit den engen Breeches und dem langen Rock trug, er starb schon 1922 mit 55 Jahren. Dass er einen Anzug entwarf, war kein Zufall, er hatte sich lange mit Gedanken zu einer Reform der deutschen Herrenkleidung beschäftigt. Sein Ideal war, dass sich die Herrenmode wieder der Volkstracht annäherte. Er ist nicht der einzige, der sich solche Gedanken macht. Seit der englischen ästhetischen Bewegung, die Shaw dazu bringt Anzüge von Jaeger zu tragen, hat es immer wieder solche Tendenzen gegeben. Auf dem Monte Verità trägt man keine Straßenanzüge.

Wir vergessen Heidegger schnell wieder und widmen uns einmal diesem wunderbar gemalten Damenhut, den Hanna hier trägt. Erstaunlicherweise ist die Malerei nicht das, womit der Künstler sein Brot verdient - er verdient sein Geld als Illustrator. Er hat Grimms Kinder- und Hausmärchen und tausenderlei Bücher illustriert, Ex Libris und Vorsatzblätter und den Hessen-Kunst Kalender entworfen. Seine letzte große Illustrationsarbeit betraf in seinem Todesjahr das Werk Eichendorffs, Eichendorffs Gedichte mit den Zeichnungen von Ubbelohde gibt es heute noch als Insel Taschenbuch.

Die Worpsweder der Gründergeneration mochten Otto Ubbelohde nicht so sehr, 1889 war er nicht groß aufgefallen, da hatte er sein Studium an der Münchener Akademie noch nicht beendet, aber bei den beiden Sommeraufenthalten 1894 und 1895 kommt es zum Bruch mit den Worpswedern. Obgleich er eigentlich ein Mann der Moderne ist, Mitbegründer der Münchener Sezession ist und sich  an vielen Künstlervereinigungen (wie den Vereinigten Werkstätten für Kunst und Kunsthandwerk) beteiligt, ist er in der Willingshäuser Malerkolonie, wo er seit 1902 ist, besser aufgehoben als in Worpswede.

Ubbelohde ist ein letzter Romantiker, er träumt von der unverfälschten Natur, er trägt Bauerntracht wie Hänsel und Gretel, wenn er sie für Grimms Märchen zeichnet. Es gibt heute noch einen Otto Ubbelohde Preis, dessen Kriterien Denkmalpflege, Heimatkunst, Heimatgeschichte, Pflege des 'heimischen Brauchtums' und Beschäftigung mit dem Werk Otto Ubbelohdes sind. Im Ersten Weltkrieg wird er sich mit patriotischer Propaganda hervortun und eine Vielzahl von Büchlein des Schaffstein Verlags illustrieren. Also solche Büchlein, die Ein Heldentod und Denn wir fahren gegen Engeland! Luft- und Seekriegsgeschichten heißen. Hätte ich das mit dem England Buch vorher gewusst, dann hätte ich das natürlich in den Post gen Engeland hineingeschrieben.

Ubbelohde war ein hervorragender Portraitist (dafür hatte er an der Münchener Akademie eine Auszeichnung erhalten) und ein hervorragender Landschaftsmaler. Was hätte aus ihm werden können, wenn er sich nicht auf die Illustration von Sagen und Märchen und das verquaste deutsche Brauchtum kapriziert hätte? Auf das Sterntaler Bild, das seit den Kindertagen in meinem Kopf ist, könnte ich gerne verzichten.

Freitag, 6. Mai 2022

Bellevue

Jeden Tag ging ich an dem Hotel Norddeutscher Hof vorbei, wenn ich zu Schnatmeyer ging, um dort Brötchen und Zwieback zu kaufen, aber in dem Hotel bin ich nie gewesen. Klassentreffen waren im Havenhaus, Bälle in der Strandlust, warum sollte man in dieses Lokal gehen? Gut, es hatte eine Kegelbahn, die hatten andere Hotels nicht. Mein Vater war hier manchmal, weil die Freimaurer in dem Hotel ein Zuhause gefunden hatten. Der Schachklub tagte da immer, der hatte hier 1849 sogar seine Gründungsversammlung gehabt. Die Vorsitzenden des Vereins waren der Direktor der Kunstgießerei Gustav Uthoff und der Arzt Dr Heinrich Rohlfs, der Bruder des Afrikaforschers. Noch ein zweiter Verein wird hier gegründet, seit dem Jahr 1900 gibt es den Vegesacker Ruderverein (VRV).

Damals hieß der Norddeutsche Hof noch Bellevue. So hatte 1846 der Bäckermeister Arend Wieting sein Hotel genannt. Und eine schöne Aussicht hatte man von da oben auf der Geestkante, über die Weser bis weit ins Oldenburger Land: Der Garten des Hotels, etwa 20 m über dem Strome gelegen, gewährt eine reizende, unserem Flachlande eigenthümliche Aussicht, die sich auf der Plattform des Daches zu einer großen und prächtigen Rundschau erweitert: hier sieht man das Schloß und die Thürme zu Oldenburg sowie den Dom zu Verden, schreibt Lüder Halenbeck 1874 in seiner Geschichte Vegesacks. Ich glaube, das war ein wenig übertrieben. Auf diesem Bild aus dem Jahre 1909 kann man sehen, dass das Bellevue sogar einen eigenen Anleger hatte, den man sich mit dem Ruderverein teilte. Und einen kleinen Badestrand gab es hier auch. Nirgendwo anders im Ort gab es einen solchen Weserzugang, die heutige Strandstraße und der Stadtgarten wurde erst in den zwanziger Jahren durch den Bürgermeister Dr Werner Wittgenstein geschaffen.

Hier noch einmal der winzige eingezäunte Privatstrand, den sich seit der Jahrhundertwende das Bellevue und der Ruderverein teilten. Das Hotel ist links hinter Bäumen verborgen, was in der Bildmitte so hoch aufragt, ist die Villa Bischoff. Der Schriftsteller Per Leo, der hier aufgewachsen ist, hat die Villa in seinen Roman Flut und Boden hineingeschrieben. Er hat auch die Bäckerei Schnatmeyer nicht vergesssen, die neben der Villa Bischoff steht: jeden Abend beim Einschlafen weiß Martin, dass sich direkt neben dem Haus eine Bäckerei befindet. Durch das Flurfenster dringt der Schein ihrer Laterne in sein Schlafzimmer, und wenn es im Sommer offen steht, auch der Duft von frischem Schiffszwieback. Jeden Morgen gibt es zur warmen Milch einen davon, mit einer dicken Schicht Butter an ein Schwarzbrot geheftet.

Wir können in dem Familienroman aus der Weserstraße auch lesen: wo auf Höhe des Hotels Bellevue die Breite Straße auf die Weserstraße traf, baute der Schausteller Heinrich Dralle jedes Jahr am ersten Wochenende im September ein Karussell auf. Nach dem Krieg fängt der Vegesacker Markt erst einmal wieder ganz klein an, bevor er dann den ganzen Sedanplatz und den Aumunder Marktplatz belegt. Und alle Straßen dazwischen. Aber zuerst ist der Markt in der Weserstraße gewesen, keiner weiß mehr genau, wann das war. Doch dass ein kleines Karussell vor Giessels Kolonialwarenladen stand und Keunekes Wurstbude vor Schnatmeyer war, daran erinnert sich jeder.

Das Hotel hat seine große Zeit im 19. Jahrhundert, aber nur in Per Leos Roman taucht es in der Literatur auf. Doris Groth, deren Familie in der Weserstraße eine Villa hat, erwähnt es in ihren Briefen und Tagebüchern nicht, Bruns Garten in Leuchtenburg dagegen ständig. Und auch die feine Bremer Gesellschaft in Marga Bercks Liebesroman Sommer in Lesmona meidet das Bellevue. Sie findet sich einmal im Jahr zu einem Volksball im Havenhaus in Vegesack ein: Also ist es eine alte Sitte, daß die Bremer Familien von den Landgütern dieser Gegend sich einmal im Sommer oder alle paar Jahre irgendwann zu einem Volksball im alten Vegesacker Havenhaus treffen. Die Alten sitzen in irgend einer Ecke, und die Jugend tanzt. Ich war noch nie dabeigewesen. 

Das Erlebnis im Havenhaus bedeutet der Heldin viel, und so schreibt sie später: Wir tanzten schöner denn je und immer nur wir beide, und wir dachten an den Volksball in Vegesack und an den Abend im Hotel Hillmann nach dem Rennen und an Nizza. Es war ein solcher Rausch und dabei der Abschiedsgedanke in der Kehle. Das Nizza, an das die Erzählerin denkt, ist nicht das Nizza in Frankreich, sondern eine künstliche Grotte im Park des Hauses Lesmona.

Das Bellevue hat nicht nur mit dem Havenhaus, die einen Ballsaal und einen Sommergarten angebaut haben, Konkurrenz bekommen. Denn inzwischen gibt es die Strandlust, die dem Hotel den Rang ablaufen wird, das erste Haus am Platze zu sein. Das war 1857 noch anders gewesen, da hieß es in dem Reiseführer Bremen: Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebungen für Fremde und Einheimische in dem Kapitel zu Vegesack: Die Heimat der verlassenen hübschen Frauen der Bremer Capitains. Aeusserte Nettigkeit der Häuser, niedliche Gärten und hübsche Aussicht von den hohen Ufern der Weser werden bei jedem Fremden eine angenehme Erinnerung an Vegesack hinterlassen. Die besuchtesten Vergnügungsörter sind: Das Hafenhaus, Belle-Vue (Wieting an der Weserstrasse) ... In einem kleinen Buch aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts Bremen und seine Ausflugsziele wirbt die Strandlust mit Schönste und größte Vergügungsstätte der Bremer Umgegend, direkt am Weserstrom gelegen. Vom Norddeutschen Hof gibt es keine Anzeige. Dabei hatte der Pächter gerade unterhalb des Restaurants einen Sommergarten mit Tanzfläche auf einer Terrasse anlegen lassen. Der wird im Sommer gut besucht. Das hätte sich doch bewerben lassen. Aber die Strandlust hat auch einen großen Sommergarten, sogar mit einem Musikpavillon. Die Strandlust wirbt außerdem mit ihrem neuangelegten Parkplatz, so etwas kann der Norddeutsche Hof nicht bieten. Parkplätze gibt es in der Weserstraße nicht. Auch heute nicht.

Neben dem Norddeutschen Hof hat die Bäckerei Schnatmeyer einen Stollenbunker, der in den Hang eingegraben war. Er diente den Anwohnern in den letzten Kriegstagen 1945 als Schutz, als die Engländer den Ort von Lemwerder aus beschossen. Zwischen Schnatmeyer und dem Hotel Bellevue war eine kleine Flakstellung eingerichtet worden, bemannt von Fünfzehnjährigen. Wenn der Engländer kommt, dann verschwindet ihr aber im Bunker, hatte der alte Schnatmeyer ihnen gesagt. Hier wird wenige Tage vor Kriegsende der Studienrat Dr Alwin Belger, der der Lieblingslehrer meiner Mutter (aber keineswegs der Lieblingslehrer von Ruth Rupp) war, durch einen englischen Tiefflieger zu Tode kommen. Nur wenige Meter entfernt von unserem Heimatmuseum, in dem er die letzten Jahrzehnte mit der Aufarbeitung des Gerhard Rohlfs Nachlasses verbracht hat. Er wollte mal eben durch das Fernglas der Flakstellung neben Schnatmeyer schauen, wäre er im Museum geblieben, wäre ihm nichts passiert. Man hatte ihn noch auf eine Schubkarre vom Polstermeister Ühne Flügel gegenüber gelegt und zum Hartmannstift fahren wollen, aber es war ihm nicht mehr zu helfen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass hier schon einmal Kanonen standen. Aufgestellt 1808 von französischen douaniers in grünen Uniformen im Wietingschen Garten, die die Kontrolle über die Weser haben wollen. Die Kontinentalsperre hat den Schmuggel aufblühen lassen, der Ort lebt davon.

Ende April 1945 türmen die Soldaten unter dem Kommando eines Oberleutnants, der Vegesack bis zur letzten Patrone verteidigen wollte. Übrig bleiben die russischen Kriegsgefangenen, die sie zur Einrichtung der Flakstation mitgebracht hatten. Das Hotel ist voll, Flüchtlinge aus Ostpreussen, alte Männer, die in letzter Minute zum Volkssturm eingezogen worden waren und jetzt nicht wissen wohin. Die Küche arbeitet noch. Die Engländer erobern den Ort, auf der Strandlust weht die englische Flagge, aber nur für einige Tage. Die Amerikaner haben den englischen Verbündeten klar gemacht, dass sie unbedingt Bremen brauchen. Wegen Bremerhaven, das wird jetzt zum Port of Embarkation für die Amerikaner. Die US Army richtet im Hotel ihr Vegesacker Hauptquartier ein, der Pächter und seine Familie dürfen als Hausangestellte bleiben. Der spätere Direktor des Gymnasiums Dr Johannes Schütze arbeitet jetzt als Übersetzer des Stadtkommandanten. Als die Amerikaner 1947 abziehen, überlassen sie das Haus amerikanischen Zivilangestellten. Als die ausziehen, gehört das Haus einem Jugendklub unter amerikanischer Leitung. Erst 1953 kann der Pächter wieder in sein Hotel.

Das Haus ist nicht mehr dasselbe, es verkümmert über die Jahre. Die Freimaurer kommen nicht mehr, weil die 1968 ihr Logenhaus zurückbekommen haben. Nur der Schachklub bleibt dem Hause treu. Draußen am Haus wird eine Reklame für Haake-Beck montiert, das blaue Emailleschild des ADAC bleibt an der Wand, obgleich der ADAC das Hotel schon lange nicht mehr empfiehlt. Der Pächter hat nicht das Geld für eine Renovierung, und den Eigentümer interessiert es nicht. Der Eigentümer ist übrigens die Stadt Vegesack. 1976 wird das ehemalige Bellevue abgerissen. Die Norddeutsche Volkszeitung schreibt dazu: Mit Riesenschritten kommt der Abbruch des ehemaligen Hotels Norddeutscher Hof in der Weserstraße in Vegesack voran. Der einst stolze gastronomische Betrieb, in dem fast 130 Jahre unzählige gesellige und informative Veranstaltungen stattgefunden haben, gleicht nur noch einem Trümmerhaufen. In wenigen Tagen werden die Nordbremer von dieser Stelle einen guten Durchblick zur Weser haben. So kann man das auch formulieren. Das gute Durchblick kann man mit belle vue übersetzen. Dieses Doppelhaus ist einer der Neubauten auf dem Grundstück, der andere Bau (in dem der ADAC sitzt) ist so hässlich, dass es kein Bild davon im Internet gibt.

Die Weserstraße ist zu einer Spielwiese für Immobilienspekulanten geworden, die repräsentiven riesigen Villen der Kaiserzeit locken sie an. Die Villa Bischoff wurde inzwischen verkauft. Sie ist äußerlich unverändert. Die Villa Danziger (seit 1928 das Theresienhaus) neben dem Norddeutschen Hof wurde abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, der den Namen Bellevue trägt. Die Danzigers und die Schröders sind miteinander verwandt, sie haben im Ort noch eine Villa (Bild), die viel schöner ist als die beiden gelbbraunen Kästen in der Weserstraße. Die Villa Schröder wurde an Olaf Mosel verkauft, der mit seinem M-Projekt seine Finger überall drin zu haben scheint.wird zur Zeit umgebaut, ob der Anbau, wo die netten beiden Damen Hannelore Arfmann und Ingeborg Meyer (deren Vater Direktor des Bremer Vulkans war) wohnten, abgerissen wird, ist noch nicht entschieden. Auch noch nicht entschieden ist, ob es zu einem Abriß des Verwaltungsgebäudes des Vulkans unten in der Weserstraße kommt. Die Villa Fritze ist wie die Villa Bischoff äußerlich unverändert, innen aber entkernt und zu Luxuswohnungen umgestaltet. Alle Ornamente und Verzierungen sind geblieben, das Haus stand unter Denkmalschutz. Ist besser als abreißen. Die Preise sind kaum bezahlbar. Von den Leuten, die vor einem halben Jahrhundert hier lebten, wie unser Nachbar der Malermeister Wenzel, könnte hier niemand mehr wohnen.

Montag, 2. Mai 2022

das Haus


So hat es vor dem Krieg ausgesehen, ein Bremer Kapitänshaus, das sich der Capitain Ficke Haesloop um 1840 in der Weserstraße hat bauen lassen. Ich lasse das Capitain mal in der alten Schreibweise, wie es sich in einem Einwohnerregister der Stadt aus dem Jahre 1856 findet. Haesloop hat das Haus seinem Sohn Johannes vermacht, der auch Kapitän war. Danach wohnte hier August Wencke, Prokurist einer Seifenfabrik in Lesum. Die Firma hat er später gekauft, es gibt sie heute noch. Wencke zog nach Lesum, wo er sich neben seiner Fabrik ein großes Haus gebaut hatte. 

Der nächste Besitzer des Hauses Weserstraße 31 war der Lehrer und Heimatforscher Diedrich Steilen, der das Buch Geschichte der bremischen Hafenstadt Vegesack geschrieben und das Vegesacker Heimatmuseum gegründet hat. Als Steilen Anfang der zwanziger Jahre nach Bremen ziehen wollte, kaufte ihm mein Opa das Haus ab. Das Kapitänshaus aus dem Jahre 1840 hätte mein Opa von seinem Lehrergehalt nicht bezahlen können, doch er hatte am Anfang des Jahrhunderts reich geheiratet. Hundert Jahre nach der Hochzeit wird mein Onkel Karl fragen: Wie hatte diese Prinzessin aus der reichen Kornhändlerdynastie zu uns herabsteigen können? Er hat meine stille Oma Johanna immer bewundert. Das Haus, über das ich hier schreibe, ist das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. 

Die Häuser auf dieser Seite der Straße sehen sich alle ähnlich, sie sind auch beinahe alle aus derselben Zeit. Nur das Haus der Bäckerei Schnatmeyer ist aus dem 18. Jahrhundert. Die Häuser sehen auch diesem Haus in Oldenburg ähnlich, in dem Horst Janssen aufgewachsen ist. Sie sind alle von Kapitänen oder Steuerleuten gebaut worden, 1856 waren es 37 Kapitäne und 9 Steuerleute im Ort. Von Vegesack ist zu erwähnen, das ist ein Ort mit Kapitänen, die von ihrer Arbeit ruhn, und ansonsten gar nichts tun, heißt es in einem Spottvers, der um 1900 entstanden ist. Im 19. Jahrhundert lebten mehr als die Hälfte aller Bremer Kapitäne in Vegesack. Wenn man damals ein Bremer Schiff mit der Speckflagge kommandierte, musste man Bremer Bürger sein, mindestens drei Jahre. Sonst wurde man auch nicht zur Schaffermahlzeit eingeladen. In Vegesack kostete der Bürgerbrief die Hälfte von den Bremer Gebühren, und die Sache mit den drei Jahren wurde auch nicht so eng gesehen. Häufig genügte die Absichtserklärung, Bremer Bürger werden zu wollen. Außerdem konnte man in Vegesack auch leichter ein Haus finden, am liebsten oben in der Weserstraße.

Wir waren beim Kriegsende nicht in dem Haus, wir waren bei Tante Margret, der Schwester von Oma. Mein Opa ist zum Kriegsende von Bad Essen nach Vegesack marschiert. Er wollte sehen, ob sein Haus in der Weserstraße noch steht. In Ritterhude hat er auf dem Deich einen Nachbarn getroffen, der ihm versichern konnte, das Haus stehe noch, aber da seien jetzt die Amerikaner drin. Und die Weserstraße sei sowieso von den Besatzern abgesperrt. Da hat Opa kehrtgemacht und ist wieder nach Bohmte marschiert. Er war vierundsechzig Jahre alt, war aber offensichtlich noch gut zu Fuß. Den Ersten Weltkrieg hatte der kaisertreue Hauptmann überlebt, den Zweiten jetzt auch. Die amerikanischen Besatzungstruppen hatten die ganze Weserstraße abgeriegelt und alle Häuser requiriert. Den Hof von Redeker hatten sie eingezäunt und zum Gefangenenlager gemacht. Die Strandlust hieß jetzt GI Joe's Beer Hall, das war die Beer Hall Nummer 2, die Nummer eins war das Bremer Rathaus. Meine Mutter hat es den Amerikanern nie verziehen, dass sie das Klavier aus dem Fenster geschmissen und das Meißner Porzellan zerdeppert haben.

Die Kapitänshäuser zwischen der Breiten Straße und der Kimmstraße mit den Hausnummern 22 bis 32 bilden ein Ensemble. Mein Freund Peter, der für das Landesdenkmalamt schon die morschen Walkiefer am Utkiek durch eine Bronzenachbildung hatte ersetzen lassen, hat dafür gesorgt, dass alle Häuser unter Denkmalschutz stehen. Zwei der Häuser fallen aus dem Bild heraus: sie sind völlig baugleich. Man nimmt an, dass der Entwurf der Häuser von dem Bremer Stararchitekten Heinrich Müller stammt (der auch die Villa Fritze in der Weserstraße gebaut hat), aber ganz sicher ist man sich da nicht. Der ehemalige Landesdenkmalpfler Rudolf Stein, der das zweibändige Werk Klassizismus und Romantik in der Baukunst Bremens verfasst hat, ist da sehr vorsichtig.

Die andere Seite der Weserstraße, die mit den Gärten zur Weser hinunter, haben die Kapitäne den Bremer Millionären überlassen. Das ist die Seite der Straße, über die Friedrich Engels schrieb: Hier liegen die Villen der Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern. Wirklich schön sind die riesigen Protzbauten des Historismus nicht: weder die Villa Bischoff, noch die Villa Schröder (die später dem Werftbesitzer Friedrich Lürssen gehörte) oder die Villa Fritze. Es gab noch mehr dieser gelbbraunen Kästen, die Villa von Hermann Danziger, die später das St Theresienhaus war, ist inzwischen abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Den Finkenhof, der dem Schwiegervater von Klaus Groth gehörte, gibt es schon lange nicht mehr. Dieses Haus aus dem Jahre 1856 auch nicht. Es stand bei uns gegenüber, es war das Sommerhaus von Arnold Duckwitz, Bürgermeister von Bremen, Reichshandelsminister und Gründer der ersten deutschen Reichsflotte. 

Das stand auch auf der steinernen Tafel über der Eingangstür: Auf diesem Landsitz wohnte Arnold Duckwitz / 1802 bis 1881 / Bürgermeister von Bremen / 1848 Reichshandelsminister in Frankfurt a.M. / Gründer der ersten deutschen Reichskriegsflotte. Es gab im ganzen Internet kein Bild von dem Haus (bei Rudolf Stein ist es natürlich ausführlich beschrieben und angebildet), bis mir Pastor Ingbert Lindemann aushelfen konnte. Ich schrieb den Post fehlende Bilder, und jetzt findet Google das sofort, wenn man Arnold Duckwitz Haus eingibt. Nachdem Carla Hockemeyer gestorben war, hat der Banause Bernd Hockemeyer diesen historischen Wohnsitz abreißen lassen. Angeblich wusste er von nix, er war sicherheitshalber gerade in der Schweiz. Zahlte hunderttausend Mark Strafe und kriegte zwei Jahre keine Baugenehmigung, dann setzte er zwei bauklotzförmige Apartmenthäuser auf das Grundstück. Aus mir unerklärlichen Gründen ist der Hockemeyer, den ich seit Kindertagen kannte, Bremer Ehrenbürger geworden.

Es gibt ein Buch über die Straße: Kapitäne, Villen, Gärten: Die Weserstraße in Vegesack. Ein Führer von Else Arens. Man sollte es lieber nicht erwähnen, obgleich es schon beim Bremer Landesamt für Denkmalpflege erwähnt wird. Es ist ein fehlerhaft hingeschludertes Werk von einer Frau, die nicht aus dem Ort kommt und niemanden aus der Straße wirklich kannte. Dass Diedrich Steilen in unserem Haus gewohnt hat, weiß sie nicht. Dass im Haus nebenan in den dreißiger Jahren der SA-Sturmführer Westphal wohnte, den die Nazis 1933 anstelle des entlassenen Dr Werner Wittgenstein zum Bürgermeister gemacht hatten, das steht auch nicht in ihrem Buch. Unser Nachbar Alfred Pohl wohnt nach ihren Angaben seit 1958 hier, in Wirklichkeit hatte er das Haus 1938 gekauft. Der Professor Heino Hohnholz heißt bei ihr sowohl Heino als auch Heinrich; ich erwähne den, weil ich ihn, ohne seinen Namen zu nennen, in den Post Leo Spitzer hineingeschrieben habe. Ich verdanke ihm die Bücher von Benedetto Croce und Karl Vossler. Und Vosslers Übersetzung von Dantes Göttlicher Komödie. 

Man kann sich bei Else Arens von Seite zu Seite, von Haus zu Haus, vorarbeiten und Fehler über Fehler entdecken, falsche Namen, falsche Jahreszahlen noch und noch. Der Besitzer des Hauses Nr 78 heißt Neyer, nicht Meyer, ich war mit Gabi Neyer in der Volksschule, ich weiß das. Ich kenne alle Häuser und ihre Besitzer, weil ich jeden Morgen an ihnen entlang zur Schule gehe. Else Arens kennt die Weserstraße nur aus irgendwelchen Verzeichnissen. Das einzige, das in ihrem Buch stimmt, sind die Beschreibungen der Häuser. Die hat die Autorin wörtlich aus Rudolf Steins Standardwerk Klassizismus und Romantik in der Baukunst Bremens abgeschrieben. Mich wundert, dass Nils Aschenbeck das Buch verlegt hat. Dem verdanken wir das hervorragende Buch zu dem Vegesacker Architekten Ernst Becker-Sassenhof, dieses Machwerk hier ist damit nicht zu vergleichen.

Wie man auf diesem Photo aus dem Jahre 1962 sehen kann, hat hat sich das Haus baulich ein wenig verändert. Die Kugeln am Dach sind nicht mehr da, die sind von der englischen Artillerie, die im Mai 1945 Vegesack von Lemwerder aus beschoss, getroffen worden. Aber die Haustür aus einem seltenen Tropenholz, die ist noch original. Die Kapitäne waren stolz auf ihre Haustüren, deren Holz sie aus der Südsee mitgebracht hatten. Nebenan, wo damals der Oberingenieur vom Vulkan Bruno Trube wohnte, hat einmal Dr Albrecht Roth sein Haus gehabt. Der hatte am Weserufer einen Park angelegt. Das Land für den Park schenkt ihm der König von England (wir gehörten damals nicht zu Bremen, sondern zum englischen Hannover), der auf den jungen Forscher aufmerksam geworden ist. Er könne soviel Land haben, als er bebauen könne und wolle. 

Das Land ist nichts wert, ein ödes Sandgebiet, auf dem nur Heide wächst. Und ein paar Bäumchen. Bei Hochwasser und Sturmflut frisst die Weser das Land weg. Wahrscheinlich glaubt George III, dieser junge Dr Roth wolle einen Landschaftsgarten anlegen, wie er jetzt in England Mode ist. Roth wird noch Land dazu kaufen, bis ihm das ganze Unterland der heutigen Weserstraße gehört, von der Strandlust bis zur Langeschen Werft (dem Vorläufer des Bremer Vulkans). Der Park, den der Botaniker und Landmedicus Albrecht Roth anlegen wird. enthält die seltensten Bäume. Es sind einhundert exotische Bäume und Stauden auf zwei Hektar Grund. Roth und seine Erben werden den Park peu à peu an die Bremer verkaufen, die oben in der Weserstraße ihre Villen bauen. Zuerst an den Weinhändler Albert Dietrich Finke, dessen Tochter Doris den Dichter Klaus Groth heiraten wird. Der wird viel Zeit hier verbringen, auf seine Frau und das liebliche Vegesack hat er das Gedicht Idyll geschrieben. Den Löwenanteil wird der Bremer Kaufmann und Senator Carl Wilhelm August Fritze erwerben, Arnold Duckwitz kauft das Nachbargrundstück.

Ich bin auf die Idee gekommen, dies hier zu schreiben, weil mich der Historiker Thomas Begerow (von dem Sie hier einen interessanten Aufsatz über Vegesacker Kapitäne lesen können) gefragt hat, ob ich ein Photo von dem Haus vor 1945 besäße. Ich habe ein halbes Dutzend Photoalben, in denen die Familie bis 1890 zurück repräsentiert ist, durchgesehen. Kein Bild des Hauses. Thomas Begerow sagte, er würde Ingbert Lindemann fragen. Pastor Lindemann hat ein sehr großes Archiv von alten Photos, davon habe ich schon mehrmals profitiert. Ingbert Lindemann, mit dem ich vor Jahrzehnten in der Evangelischen Jugend zusammen war, schickte Begerow und mir das Photo da oben. Und da dachte ich mir: schreib' doch mal über das Haus. Und mein Dank geht natürlich an Ingbert Lindemann und Thomas Begerow.

Samstag, 30. April 2022

ein letztes Gedicht

Das hatte nicht gewollt, jeden Tag im Poetry Month zu schreiben. Habe ich im letzten Jahr gemacht. War zuviel Arbeit. Das machst Du nie wieder, habe ich mir gesagt. Und nun ist es doch passiert. Der letzte Tag des Monats, ein letztes Gedicht. Ich suchte im Internet nach einem letzten Gedicht und fand in der NZZ eins, das so heißt und fand dieses:

Ich bin / das letzte / Gedicht dieser Nacht. / Wenn du nebenan / im Dunkeln / schläfst / wirst du mich / vergessen / wie alles / andere; / du mit deinem / blöden halb- / offenen Mund / während du im / Tiefschlaf / schnarchst. / Ich aber / werde hier / warten, unsterb- / lich, und wenn / du tot bist / und der schwarze / Himmel ein / letztes Mal / für dich rot / aufblitzt / werden deine / dumpfen Gebeine / nur noch Staub / wert sein. Und / ich lebe weiter.

Das Gedicht von Charles Bukowski ist wahrscheinlich nicht vollständig, es stammt aus dem Band Letzte Meldungen, den Bukowskis deutscher Übersetzer und Freund Carl Weissner herausgegeben hat. Bukowski ist schon mehrfach hier erwähnt worden, und in dem Post Porsche gibt es ein schönes Gedicht von ihm. Auf dieser Seite finden Sie ganz viele Bukowski Gedichte, und eins davon nehme ich mir heute: 

How Is Your Heart?

during my worst times
on the park benches
in the jails
or living with
whores
I always had this certain
contentment–
I wouldn’t call it
happiness–
it was more of an inner
balance
that settled for
whatever was occurring
and it helped in the
factories
and when relationships
went wrong
with the
girls.

it helped
through the
wars and the
hangovers
the backalley fights
the
hospitals.

to awaken in a cheap room
in a strange city and
pull up the shade–
this was the craziest kind of
contentment
and to walk across the floor
to an old dresser with a
cracked mirror–
see myself, ugly,
grinning at it all.

what matters most is
how well you
walk through the
fire.

Freitag, 29. April 2022

Hitchcock


Heute vor zweiundvierzig Jahren ist Alfred Hitchcock gestorben. Der Regisseur war schon häufig in diesem Blog. Ich glaube, die letzten beiden Posts sind Happy Birthday, Vera Miles und Vögel. Die gefallen mir immer noch. Hitchcock und Gedichte? Gibt es welche? Ja, es gibt da etwas, nämlich den Amerikaner Peter Swanson. Der hat am Trinity College und der University of Massachusetts in Amherst studiert und vom Emerson College einen Master of Fine Arts bekommen. Obgleich der akademische Grad für Poetry war, schreibt er wenig Gedichte, er schreibt Romane. Er musste beinahe zehn Jahre warten, bis er einen Verleger für seinen ersten Roman fand. Jetzt ist er ein Autor von Bestsellern, die in dreißig Sprachen übersetzt sind. Er schreibt Kriminalromane. Und er hat eine Vielzahl von Gedichten über Hitchcock Filme geschrieben, von denen nehme ich mir mal Psycho. Und wenn Sie fragen, was diese junge Dame hier soll: das ist Marli Renfro, das Körperdouble von Janet Leigh in der ✺Duschszene.

Psycho

Undressed she looks fresh-plucked, her flesh
As white as boiled hens. How easily
She exists within her nakedness,
How unaware she is of what I see.

She changes to a dressing gown,
So shiny that a giant crow would snatch
Her up to line his nest. I make no sound.
My mind is quiet too, not even a scratch.

The bad thoughts will gather soon, I suppose.
My mind won’t shake her birdy skin
But with those private traps, those animal parts.

We all look so much realer in our clothes.
That’s my hobby, see. It’s stuffing things.
I don’t really know all that much about birds.


Donnerstag, 28. April 2022

arrivederci Roma


Am 28. April 1937 hat Benito Mussolini die Filmstadt Cinecittà eingeweiht. Das Hollywood on the Tiber hat hier schon mit Cinecittà und die Mode einen schönen kulturhistorischen Post. Deshalb lassen wir Cinecittà mal weg. Mussolini auch, obgleich der erstaunlicherweise in der deutschen Literatur belesen war. Bei der deutschen Literatur wollen wir heute einmal bleiben. Ich habe zwei Gedichte, die Schriftsteller nach ihrem Besuch der ewigen Stadt geschrieben haben. Wir sind bei dem Thema der deutschen Italiensehnsucht, eine Sehnsucht, die sich immer wandelt. Wandlungen der Italiensehnsucht war der Untertitel des Buches Das Klassische Land des Kunsthistorikers Wilhelm Waetzoldt. Der 1927 schon konstatierte, dass das Italien, von dem die Väter träumten, nicht mehr existiere: Es ist zu nah gerückt, zu bekannt und zu verwandt geworden. Distanz und Pathos sind aus dem Verhältnis der nordischen Menschen zum Süden verschwunden. Ja, das Erlebnis der Italienreise ist banalisiert worden.

Es ist ein langer Weg zwischen Goethes italienischer Reise und den fünfziger Jahren, als Carl Borgward in Bremen seine Automodelle Isabella und Arabella nennt, und die Nation die ✺Caprifischer oder ✺Komm' ein bisschen mit nach Italien singt. Es gibt heute nichts aus Goethes italienischer Reise, und die Römischen Schlendertage von Hermann Allmers sind auch nicht dabei. Und auch den Hass von Rolf Dieter Brinkmann auf Rom lasse ich mal weg: Dieses Arkadien ist die reinste Lumpenschau. Seien es die modischen Lumpen oder die antiken Lumpen, ein Mischmasch, das so weit von Vitalität entfernt ist. Tatsächlich, das Abendland geht nicht nur unter – es ist bereits untergegangen, und nur einer dieser kulturellen Fabrikanten taumelt noch gefräßig und unbedarft herum, berauscht sich an dem Schrott.

Ich beginne einmal mit einem Gedicht, das vielleicht das älteste deutsche Romgedicht ist. Es wurde und von dem Barockdichter Andreas Gryphius 1650, drei Jahre nach seiner Rückkehr aus Italien, veröffentlicht:

Als Er auß Rom geschieden​

Ade' begriff der welt' Stadt der nichts gleich gewesen /
Vnd nichts zu gleichen ist / In der man alles siht
Was zwischen Ost vnd West / vnd Nord vnd Suden blüht,
Was die Natur erdacht / was je ein Mensch gelesen.
Du / deren Aschen man / nur nicht vorhin mit Bäsen
Auff einen hauffen kährt / in der man sich bemüht
Zu suchen wo dein grauß / (fliht trüben Jahre! fliht /)
Bist nach dem fall erhöht / nach langem Ach / genäsen.​

Ihr Wunder der gemäld / ihr prächtigen Palläst /
Ob den die kunst erstarrt / du starck bewehrte Fest /
Du Herrlichs Vatikan / dem man nichts gleich kan bawen;
Ihr Bücher, / Gärten / grüfft; Ihr Bilder / Nadeln / Stein /
Ihr / die dies vnd noch mehr schliß't in die Sinnen eyn /
Ade! Man kan euch nicht / satt mit zwey Augen schawen.​

Gryphius hatte 1644 als Hofmeister den jungen pommerschen Adligen Wilhelm Schlegel auf seiner Kavalierstour, also dem, was man im 18. Jahrhundert die Grand Tour nennen wird, durch halb Europa begleitet. 1645 ist die Gruppe in Rom, vielleicht kehren sie noch ein zweites Mal dahin zurück. Das weiß man nicht so genau, das Reisetagebuch der dreijährigen Reise, das Gryphius geführt hatte, ist verloren gegangen. Ich habe zu dem Romgedicht von Gryphius hier einen interessanten Aufsatz von Jörg Robert, der den Titel Leichenwissen und Katakombenpoesie: Andreas Gryphius und die Roma sotterranea hat.

Im nächsten Jahrhundert wird jedermann in Rom sein, Schriftsteller und Maler. Goethe wird eine ganze Epoche der Italienbegeisterung prägen. Eine deutsche Malergruppe in Rom wird man die Deutschrömer nennen. Es sind auch große Mengen von Engländern in Rom, aber die haben nicht die Krankheit der Italiensehnsucht, die offenbar nur Deutsche befällt. Die sind da, um sich von Batoni oder Mengs malen zu lassen. Um Gemälde von Claude Lorrain (es ist kein Zufall, dass Lorrains Tiberbrücke im ersten Absatz in englischem Besitz ist) zu kaufen. Und natürlich, um antike Statuen zu erwerben, die man zuhause in den Landschaftsgarten stellen kann. Goethe verspottet die Reiselust der Engländer ein wenig, wenn er Mephisto sagen läßt:

Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel,
Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,
Gestürzten Mauern, klassisch-dumpfen Stellen;
Das wäre hier für sie ein würdig Ziel.

Die Eisenbahn wird den Romtourismus verändern, Italien ist nah gerückt. Niemand geht mehr zu Fuß über die Alpen wie der romantische Maler Carl Philipp Fohr, der beim Baden im Tiber ertrinken wird. Nur der Romantiker Eichendorff, der immer wieder Italien heraufbeschwört, wird nie dort gewesen sein. Die Engländer wenden sich von Rom ab, die entdecken die Rheinromantik oder fahren nach Venedig. Aber die Deutschen, die kommen immer wieder nach Rom. Auch Theodor Fontane, der 1874 in Rom mit seiner Frau die Silberhochzeit feiern will. Die Gattin muss er allerdings erst von der Reise überzeugen: Ich rechne auf Deine Zustimmung und während der Reise selbst auf Deine Entschlossenheit und gute Laune. […] Ich rechne also auf Dein Ja-Wort, wie am Altar. Emilie Fontane wird wie ihr Mann ein Reisetagebuch führen, aber sie fühlt sich bei den vielen Besichtigungen nicht glücklich: Auf, morgen nach Rom, der ewigen Stadt. Eigentlich ginge ich nun gern wieder ein bischen 'heeme' denn mein armer Grips reicht nirgends aus. Fontane gefällt Italien auch nicht wirklich. Selbst Venedig nicht: Es ist interessant von Schritt zu Schritt, landschaftlich zauberhaft, poetisch durch und durch, aber es repräsentirt doch nicht die Form der Schönheit, die ich dauernd vor Augen haben möchte. Dazu ist mir, rund heraus gesagt, die ganze Geschichte doch zu schmutzig.

Man kann die Spuren der Italienreise noch in dem Stechlin spüren, wo er den Adligen Gnewkow sagen lässt: 'Ja', nahm Gnewkow, der aus Langerweile viel gereist war, seinen Urgedanken, daß solcher Park eigentlich ein Glück sei, wieder auf. 'Ich finde, was Molchow da gesagt hat, ganz richtig; es kommt drauf an, daß man reingezwungen wird, sonst weiß man überhaupt gar nichts. Wenn ich so bloß an Italien zurückdenke. Sehen Sie, da läuft man nu so rum, was einen doch am Ende strapziert, und dabei dieser ewige pralle Sonnenschein. Ein paar Stunden geht es; aber wenn man nu schon zweimal Kaffee getrunken und Granito gegessen hat, und es ist noch nicht mal Mittag, ja, ich bitte Sie, was hat man da? Was fängt man da an? Gradezu schrecklich. Und da kann ich Ihnen bloß sagen, da bin ich ein kirchlicher Mensch geworden. Und wenn man dann so von der Seite her still eintritt und hat mit einem Male die Kühle um sich rum, ja, da will man gar nicht wieder raus und sieht sich so seine funfzig Bilder an, man weiß nicht wie. Is doch immer noch besser als draußen. Und die Zeit vergeht, und die Stunde, wo man was Reguläres kriegt, läppert sich so heran'.

Literarisch trägt Fontanes fünfzigtägige Reise wenig Früchte, nur ein Artikel mit dem Titel Ein letzter Tag in Italien ist 1874 in der Vossischen Zeitung erschienen. Der fängt mit den Sätzen an: Es ging wieder heim. Der 'ewig blaue Himmel Italiens' lag unverändert über der Landschaft, aber diese Landschaft selber lag im Schnee. Eine tiefe Sehnsucht nach Teppich und Doppelfenster fröstelte mir durchs Herz ... Und dann gibt es neben den vielen Briefen und dem Reisetagebuch noch eine Ballade über den Markuslöwen und dies wunderbare kleine Gedicht:

Welches von beiden

Rom im Siebenhügelkranz, –
Cremmen, Schwante, Vehlefanz.

Nemi-See, Genzano-Sträußchen, –
Stralau, Treptow, Eierhäuschen.

Blick auf Forum, Ara Celi, –
Tasse Kaffee bei Stehely,

Lockt auch Fremde, Schönheit, Pracht, –
Glücklicher hat mich die Heimat gemacht.

Mittwoch, 27. April 2022

Michelangelo


Heute vor einhundertvierzig Jahren starb Ralph Waldo Emerson, Philosoph und Schriftsteller, Hauptvertreter des amerikanischen Transzendentalismus. Er hat auch Gedichte geschrieben, aber das sind Gedichte, mit denen ich nicht viel anfangen kann. Wenn man bedenkt, dass zur gleichen Zeit Walt Whitman (dessen Talent Emerson würdigte) und Herman Melville schreiben, dann fallen Emersons Gedichte doch stark ab. Ich bin auch nicht der Einzige, der dieser Meinung ist. In den dreißiger Jahren hat der Dichter und Literaturkritiker Yvor Winters gesagt: Emerson had talent, which was badly damaged by foolish thinking. Bösartiger geht es nicht. Emerson (der hier schon einen Post hat) selbst war natürlich anderer Meinung: I am born a poet, of a low class without doubt yet a poet. This is my nature and vocation, schrieb er an Lydia, die seine zweite Frau wurde.

Ich habe heute Emersons Übersetzung des Sonetts 151 von Michelangelo als Gedicht des Tages. Wie gut er Italienisch konnte, weiß ich nicht, aber er konnte Latein, weil er Theologie studiert hatte. Er ist auch in Italien gewesen, und die Europareise hatte sein Denken verändert, er gab die Kirche auf und wurde Schriftsteller und Redner. Michelangelos Sonett 151 ist von manchen Kritikern als das beste seiner mehr als dreihundert Sonette bezeichnet worden:

Non ha l’ottimo artista alcun concetto 
c’un marmo solo in sé non circonscriva
col suo superchio, e solo a quello arriva
la man che ubbidisce all’intelletto.
Il mal ch’io fuggo, e ’l ben ch’io mi prometto,
in te, donna leggiadra, altera e diva,
tal si nasconde; e perch’io più non viva,
contraria ho l’arte al disïato effetto.
Amor dunque non ha, né tua beltate
o durezza o fortuna o gran disdegno,
del mio mal colpa, o mio destino o sorte;
se dentro del tuo cor morte e pietate
porti in un tempo, e che ’l mio basso ingegno
non sappia, ardendo, trarne altro che morte.


Bei Emerson liest sich das Gedicht so:

Never did sculptor's dream unfold 
A form which marble doth not hold 
In its white block; yet it therein shall find 
Only the hand secure and bold 
Which still obeys the mind. 
So hide in thee, thou heavenly dame, 
The ill I shun, the good I claim; 
I alas! not well alive, 
Miss the aim whereto I strive. 
Not love, nor beauty's pride, 
Nor Fortune, nor thy coldness, can I chide, 
If, whilst within thy heart abide 
Both death and pity, my unequal skill 
Fails of the life, but draws the death and ill. 

Eine andere Übersetzung hat 1877 der englische Schriftsteller John Addington Symonds vorgelegt, die von Emerson ist keineswegs schlechter. Ich kann noch eine deutsche Prosaübersetzung anbieten, die sicherlich nützlich ist. Und ich habe Teile der Übersetzung von Gottlob Regis aus dem Jahre 1842, dieses deutsche Übersetzergenie des 19. Jahrhunderts habe ich schon in dem Post anonymous erwähnt. Rainer Maria Rilke hat viele der Sonette übersetzt, aber dieses leider nicht. Ich kann aber zum Schluss eine deutsche Übersetzung vorstellen:

Nichts kann der beste Künstler denken sich,
Das nicht in einem einz’gen Marmorsteine
Umschrieben wäre, und dies ergreift alleine
Die Hand, die seinem Geist dient williglich.
Das Übel, das ich flieh‘, das Gut, das ich
Ersehn‘, in Dir, Anmut’ge, Hohe, Reine,
Ruht’s eben so; zuwider ist nur meine
Kunst dem erwünschten Zweck, und tötet mich.
So hat nicht Liebe Schuld an meinen Schmerzen,
Nicht Deine Schönheit, Hochmut, große Strenge,
Nicht mein Geschick noch Los darf ich verklagen,
Wenn du trägst Lieb‘ und Tod in Deinem Herzen
Zugleich, und meinem schwachen Geist gelänge
Nur Tod mir glühend d’raus hervorzuschlagen.

Die Übersetzung ist von dem Romanisten Hugo Friedrich aus seinem Buch Epochen der italienischen Lyrik. Rilke als Übersetzer mochte Professor Friedrich überhaupt nicht, seine Michelangelo Übersetzungen hat er als das Abseitigste seiner Dichtung abgetan. Hugo Friedrich hat hier in dem Post Montaigne en allemand einen längeren Absatz, die wunderbare Rabattmarken Anekdote ist auch da drin. Das letzte ist vielleicht nicht so wichtig, aber sein Montaigne Buch aus dem Jahre 1949 (dritte Auflage 1993), das ist wichtig.