Sonntag, 7. Januar 2024

Brille: Fielmann


Dass der Brillenkönig Fielmann tot ist, erfuhr ich durch meine Leser. Weil plötzlich aberhunderte Leser den Post Caspar von Saldern lasen, den ich 2011 geschrieben hatte. War was mit dem? Ich las mir den Post noch einmal durch, fügte noch einen Link zu Katharina der Großen ein (ich hätte uach einen Link zu Bolotow einfügen können) und klappte den Post wieder zu. Aber kurz vorm Einschlafen, sagte ich mir: Fielmann. Die lesen den Post alle, weil da Günther Fielmann drin vorkommt. Der Post Caspar von Saldern ist ebenso wie der Post Ingahild Grathmer auf der Top Ten Liste der letzten Woche nach oben gewandert. Wir wissen natürlich, dass Ingahild Grathmer nur der Künstlername der dänischen Königin ist, die demnächst abdanken will. Sie ist hier auch schon in dem Post skandinavische Mode; und in dem Post des Königs Jaguar können Sie lesen, wo ich die einundzwanzigjährige Prinzessin zum ersten Mal gesehen habe.

So sieht es bei Fielmann in Kiel aus, wenn da keine Kunden drin sind. Vor vierzig Jahren hat Fielmann hier sein erstes Super Center eröffnet. Wenn da Kunden drin sind, dann sieht es nicht so aus, dann ist man froh, wenn man eine der vier Kassen hier vorne erreicht hat. Und dann zur Tür geleitet wird. Das ist dem Laden wichtig, dass man beim Kommen und Gehen die Tür aufgehalten bekommt. In feinen Geschäften ist das so, aber Fielmann ist kein feines Geschäft. Als ich dort eine kleine Reparatur bezahlen wollte, sagte mir ein schnöseliger Geschäftsführer: Lass man stecken. Das ist ein Satz, den hört man auf dem Flohmarkt oder in St Pauli, aber nicht in einem Laden, der was Besseres sein will. Ich bin da auch nie wieder gewesen.

Es gibt ja bessere Läden. Zum Beispiel mein Optiker um die Ecke. Das Geschäft heißt Brillen Galerie, weil da neben den Brillen auch immer Kunst hängt. Meine Computerbrille (handmade) und meine Fernsehbrille habe ich von Herrn Ludwig. Die Fernsehbrille ist gerade ganz neu, die alte war zwischen Bücherstapeln verschwunden. Ich habe sie wiedergefunden, aber ich brauchte eh eine neue. Die ist jetzt von Rodenstock aus Eco Friendly Acetate. Was es nicht alles gibt. Wenn ich einen QLED Fernseher hätte, würde ich vielleicht keine Brille brauchen. Außer für Computer und den Fernseher benutze ich sowieso keine Brille. Die Zeitung lese ich morgens ohne Brille, Bücher auch, wenn sie nicht zu kleingedruckt sind.

Warum war ich damals bei Fielmann? Weil mir ein Student erzählt hatte, es gäbe da Ray Ban Wayfarer Kopien für zehn Euro. Die gab es, aber die hatten kein langes Leben. Wenn man wie die Blues Brothers aussehen will, findet man auf Flohmärkten immer noch ein preiswertes Vintage Modell. Es braucht auch keine Ray Ban zu sein, die deutsche Firma Röhm hat da in ihrer Blue Matrix Kollektion auch gute, preiswerte Modelle. Diese Ray Ban hier habe ich vor vielen Jahren geschenkt bekommen, die gab es damals gar nicht im Handel. Hat mir meine Schwägerin gesagt, die aus einer Augsburger Optikerfamilie kommt. Inzwischen gibt es die Brille auch im Handel, ist aber sauteuer. Man erkennt sie sofort an den goldenen Ray Ban Plaketten auf den Brillenbügeln. Meine zweitliebste Sonnenbrille ist eine Menrad, bei der das ganze Gestell farblos ist.

Auch wenn ich keine Brillen brauchte, Sonnenbrillen hatte ich immer. Niemals diese verspiegelten Pilotenbrillen, die heute Pornobrillen heißen. Eher so etwas, das Zbigniew Cybulski, der polnische James Dean, auf der Nase hatte. Es hat noch nie am Theaterhimmel einen Schauspieler gegeben, der spielen konnte, ohne seine Augen zu gebrauchen, und ich weiß, es wird auch keinen mehr geben. Umso besser! Man wird sich ewig an ihn erinnern, und das ist mehr, als man über viele Schauspieler sagen kann, hat Marlene Dietrich gesagt.

Der Brillenkönig Günther Fielmann, den man einmal den Robin Hood der Fehlsichtigen genannt hat, ist im Alter von vierundachtizg Jahren auf seinem Hof Lütjensee gestorben. Er war nicht nur Brillenkönig, er war auch Öko-Landwirt. Er hat Milliarden verdient und viele gute Werke getan. Er hat Axel Springers Schierensee und das Plöner Schloss gekauft, die richtigen Immobilien für einen König. Aber er hat da nie gewohnt, sein Bauernhof in Lütjensee war seine Welt. Seine Angestellten haben von all dem wenig gehabt, Fielmann zahlt nur den Mindestlohn und mit dem Betriebsklima steht es in vielen Filialen nicht zum Besten.

Aber auf der Fielmann Homepage ist das Unternehmen natürlich ganz großartig. Irgendwann schreibe ich mal über Sonnenbrillen, über Leute wie Marcello Mastroianni, Elvis, Zbigniew Cybulski, Udo Lindenberg (its never too dark to be cool) und Karl Lagerfeld. Und alle die, die durch ihre Sonnenbrille berühmt geworden sind.

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Freitag, 5. Januar 2024

François Villon


Als mein Opa mir erzählte, dass er im Krieg in Galizien den Kaiser gesehen hätte, dachte ich mir, dass er in dem Krieg sogar in Spanien gewesen sei. Das spanische Galicien war das einzige Galicien, von dem ich etwas gehört hatte. Dass es noch ein anderes gab, das wusste ich nicht. Ich war ja noch klein. Ich komme auf die Gegend, weil in Ostgalizien ein österreichischer Offizier namens Karl Anton Klammer sich um 1900 ein wenig langweilte und begonnen hatte, François Villon zu übersetzen. Es gibt leider kein Photo von meinem Opa und dem Kaiser; ich weiß auch nicht, wie wahr die Geschichte ist, dass der Kaiser dem Hauptmann der Reserve aus Bremen die Hand geschüttelt hat. Mein Freund Jimmy hatte da eine viel bessere Geschichte von seinem Opa, der hatte ein Photo von seinem Opa und dem Kaiser. Weil der Kaiser seinem Opa an der Front den Pour le Mérite verliehen hat. So etwas hatte Opa nicht, der hatte das Eiserne Kreuz aus der Flandernschlacht und den weinroten Hanseatenorden. Den jeder aus einer Hansestadt bekam, der in den Ersten Weltkrieg gezogen war.

Aber ich muss zu Karl Anton Klammer zurückkommen, dem dichtenden Leutnant vom k. u. k. Dragonerregiment Erzherzog Albrecht Nr. 9. Der jetzt in der Abgeschiedenheit Galiziens - der Krieg ist noch weit weg - beinahe den ganzen François Villon übersetzt. Und einen Großteil der Gedichte Arthur Rimbauds. Beides erscheint 1907 unter dem Pseudonym K.L.Ammer. Dies hier ist nicht die Originalausgabe, dies ist die Ausgabe von 1930. Da war der Oberstleutnant Klammer nicht mehr bei der Armee, da war er Verlagsleiter der Wiener Verlagsanstalt Freytag und Bernd. Seine Villon Übersetzung von 1907 war schon lange vergriffen gewesen, aber als die Ausgabe von 1930 erschien, kannte jeder den Übersetzer. Denn der hatte gerade einen Prozess gegen Bertolt Brecht geführt. Unser Brecht war ein Räuber wie François Villon und hatte sich für seine Dreigroschenoper im großen Stil bei der Übersetzung der Gedichte von François Villon durch Karl Klammer bedient. 

Klammer klagte, obgleich ihm die Sache eigentlich peinlich war. Brecht, der sich selbst eine grundsätzliche Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums bescheinigte, musste zahlen. In seiner Autobiographie schrieb Klammer: Die vereinbarten Tantiemen bescherten mir einen derart hohen Betrag, dass ich mir dafür einen Weingarten in Grinzing kaufen konnte. Seine goldflüssige Lese taufte ich pietätvoll Drei-Groschen-Tropfen. Wenn ich auch schon früher keine geradezu schlechten Honorare verdient hatte, mein Anteil an den Erträgnissen der ,Drei-Groschen-Oper‘ stellte alle in den Schatten. Ich beruhigte mein Gewissen damit, dass ich ein Viertel davon für wohltätige Zwecke hingab.

Wenn man heute eine Übersetzung von François Villon sucht, dann scheint der Markt überschwemmt von der Villon Übersetzung eines Mannes namens Paul Zech. Klaus Kinski ist mit seiner Aufnahme von ✺Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund berühmt geworden. Allerdings steht das Gedicht überhaupt nicht bei Villon. Zech, der zu einem deutschen Villon geworden ist, präsentiert uns eine freie Nachdichtung. Der Dragonerleutnant Klammer hatte die Villon Edition von Wolfgang von Wurzbach (1903) als Basis seiner Übersetzung genommen (das Werk habe ich hier im Volltext). Paul Zech kümmert sich nicht um das altfranzösische Original, der bedient sich bei Klammer. Den Villon, den uns Paul Zech vermittelt hat (hier im Volltext), den hat es so nie gegeben. Es ist eine Literatur- und Lebensfälschung im großen Stil. Das sagt uns der Romanistik Professor Gert Pinkenell auf dieser sehr lesenswerten Seite

Heute vor 560 Jahren hat ein Pariser Gericht das Todesurteil gegen François Villon in zehn Jahre Verbannung aus Paris abgewandelt. Zuvor hatte er noch eine Epistel an seine Freunde in Balladenform geschrieben (hier im Originaltext), die es hier heute in der Übersetzung von Karl Anton Klammer gibt. Dessen Villon Übersetzungen kann man in der Diogenes Ausgabe noch preiswert finden.

Nun hört die Stimme, die um Mitleid ruft; 
Villon liegt hier nicht unter Hagedorn, 
nicht unter Buchen, nein, in einer Gruft! 
Hieher verschlug ihn des Geschickes Zorn, 
und Gott, Gott hat ihm nicht gewehrt.

Ihr Mädchen, Jünger, Tändler und Novizen, 
ihr Possenreißer, die ihr tanzt und springt,
so schnell wie Pfeile, scharf wie Lanzenspitzen, 
ihr Jungen, die ihr hell wie Glocken klingt, 
wollt ihr, daß seine Marter ewig währt?

Ihr, die ihr singt, wie’s euch gefällt, ihr Sänger, 
ihr scherzend, spottend, lachendes Gelichter, 
ihr falschen Münzen, Steiger, Müßiggänger, 
ihr Geisteskinder, trüben Kirchenlichter, 
verweilt, daß ihr mein letztes Wort noch hört. 
Ihr Dichter von Rondeaus und Melodien:

ist er gestorben, kocht euch Eierwein;
zu ihm dringt weder Blitz noch Sturmwind hin, 
und dicke Mauern schließen fest ihn ein –
wollt ihr, daß seine Marter ewig währt?

Drum kommt und seht, wie es ihm elend geht, 
ihr Priester, frei von Steuern und Zehent,
die ihr als oberste Autorität
nur Gott im Himmel anerkennt.

Fünf Fasten sind ihm wöchentlich beschert, 
und seine Zähne sind so lang wie Rechen. 
Und keine Kuchen, nein, zu trocknem Brot 
kann er, soviel er Lust hat, Wasser zechen, 
als Tisch steht ihm die Erde zu Gebot:
wollt ihr, daß seine Marter ewig währt?

Geleit

Ihr Herrn und Kameraden, alt und jung,
erwirkt beim König ihm Begnadigung
und schickt sie ihm dann zu, daß ers erfährt, 
wie’s selbst die Schweine machen, die in Haufen, 
wenn eines schreit, sogleich zu Hilfe laufen. 
Wollt ihr, daß seine Marter ewig währt?

Werfen wir doch noch mal eben einen Blick auf den Texträuber Bertolt Brecht. Da heißt es in seiner Dreigroschenoper

Nun hört die Stimme, die um Mitleid ruft,
Macheath liegt hier nicht unterm Hagedorn,
Nicht unter Buchen, nein, in einer Gruft!
Hierher verschlug ihn des Geschickes Zorn.
Geb Gott, daß ihr sein letztes Wort noch hört!
Die dicksten Mauern schließen ihn jetzt ein!
Fragt ihr denn gar nicht, Freunde, wo er sei?
Ist er gestorben, kocht euch Eierwein.
So lang er aber lebt, steht ihm doch bei!
Wollt ihr, daß seine Marter ewig sei?

Jetzt wissen wir, was eine grundsätzliche Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums ist. Lediglich den Namen Villon gegen Macheath auszutauschen, das ist einfach nur frech. Es ist schon richtig, dass Karl Anton Klammer seinen Weingarten in Grinzing verdient hat. Es war der Theaterkritiker Alfred Kerr, der 1929 das Plagiat aufgedeckt hatte und mit satter Ironie im Berliner Tageblatt schrieb: Mit ehrfürchtigem Staunen erkenne man, daß der vergriffene K.L. Ammer 1907 geahnt hat, was der Zeitdichter Brecht einst dichten werde.

Sonntag, 31. Dezember 2023

Silvester


Das Jahr ist zuende, es ist Zeit für Silvesterreden. Ich habe heute eine, aber die stammt nicht von mir. Sie ist aus dem Jahre 1952. Der Krieg liegt da sieben Jahre zurück, seit drei Jahren gibt es die Bundesrepublik Deutschland. Seit drei Jahren gibt die Deutsche Demokratische Republik. Was soll ein Schriftsteller sagen, wenn er gebeten wird, eine Rede vor jungen Leuten zu halten, die die Auswirkungen des Krieges noch überall sehen können? Der Schriftsteller heißt Erich Kästner, seine Rede hat er Die vier archimedischen Punkte genannt. Es ist eine Rede, die mit einem Gedicht endet, das ist bei Kästner nicht verwunderlich. Das Gedicht ist hundertmal im Internet zu finden, aber das, was den drei Strophen vorausgeht, das wird erstaunlicherweise nie zitiert. Ich stelle die Rede, die im Untertitel Kleine Neujahrsansprache vor jungen Leuten heißt, heute einmal (mit den besten Wünschen für das neue Jahr) im Volltext ein:

In den Wochen vor und nach der Jahreswende pflegt es Ansprachen zu schneien. Sie senken sich sanft, mild und wattig auf die raue Wirklichkeit, bis diese einer wärmstens empfohlenen, überzuckerten und ozonreichen Winterlandschaft gleicht. Doch mit dem Schnee, wie dicht er auch fällt, hat es seine eigene Bewandtnis – er schmilzt. Und die Wirklichkeit sieht nach der Schmelze, mitten im schönsten Matsch, noch schlimmer aus als vor dem großen Schneetreiben und Ansprachen Gestöber. Was war, wird nicht besser, indem man’s nachträglich lobt. Und das, was kommt, mit frommen Wünschen zu 
garnieren, ist Konditorei, nichts weiter. Es hat keinen Sinn, sich und einander die Taschen voll zu lügen. Sie bleiben leer. Es hat keinen Zweck, die Bilanz zu frisieren. Wenn sie nicht stimmt, helfen keine Dauerwellen. Rund heraus: das alte Jahr war keine ausgesprochene Postkartenschönheit, beileibe nicht. Und das neue? Wir wollen’s abwarten. Wollen wir’s abwarten?

Nein. Wir wollen es nicht abwarten! Wir wollen nicht auf gut Glück und auf gut Wetter warten, nicht auf den Zufall und den Himmel harren, nicht auf die politische Konstellation und die historische Entwicklung hoffen, nicht auf die Weisheit der Regierungen, die Intelligenz der Parteivorstände und die Unfehlbarkeit aller übrigen Büros. Wenn Millionen Menschen nicht nur neben-, sondern mit einander leben wollen, kommt es aufs Verhalten der Millionen, kommt es auf jeden und jede an, nicht auf die Instanzen. Das klingt wie ein Gemeinplatz, und es ist einer. Wir müssen unser Teil Verantwortung für das, was geschieht, und für das, was unterbleibt, aus der öffentlichen Hand in die eigenen Hände zurücknehmen. Wohin es führt, wenn jeder glaubt, die Verantwortung trüge der sehr
geehrte, wertgeschätzte Vordermann und Vorgesetzte, das haben wir erlebt. Soweit wir’s erlebt haben. 


Ich bin ein paar Jahre älter als ihr, und ihr werdet ein paar Jahre länger leben als ich. Das hat nicht viel auf sich. Aber glaubt mir trotzdem: wenn Unrecht geschieht, wenn Not herrscht, wenn Dummheit waltet, wenn Hass gesät wird, wenn Muckertum sich breit macht, wenn Hilfe verweigert wird - stets ist jeder Einzelne zur Abhilfe mit aufgerufen, nicht nur die jeweils 'zuständige' Stelle. Jeder ist mitverantwortlich für das, was geschieht, und für das, was unterbleibt. Und jeder von uns und euch –auch und gerade von euch - muss es spüren, wann die Mitverantwortung neben ihn tritt und schweigend wartet. Wartet, dass er handle, helfe, spreche, sich weigere oder empöre, je nach dem. Fühlt er es nicht, so muss er’s fühlen lernen.

Beim einzelnen liegt die große Entscheidung. Aber wie kann man es lernen? Steht man nicht mit seinem Bündel Verantwortung wie in einem Wald bei Nacht? Ohne Licht und Weg, ohne Laterne, Uhr und Kompass? Ich sagte schon, ich sei ein paar Jahre älter als ihr, und wenn ich bisher auch noch nicht, noch immer nicht gelernt habe, welche Partei, welche Staatsform, welche Kirche, welche Philosophie, welches Wirtschaftssystem und welche Weltanschauung 'richtig' wären, so bin ich doch nie ohne Kompass, Uhr und Taschenlampe in der Welt herumgestolpert. Und wenn ich mich auch nicht immer nach ihnen gerichtet habe, so war’s gewiss nicht ihr, sondern mein Fehler. Archimedes suchte für die physikalische Welt den einen festen Punkt, von dem aus er sich’s zutraute, sie aus den Angeln zu heben. Die soziale, moralische und politische Welt, die Welt der Menschen nicht aus den Angeln, sondern in die rechten Angeln hinein zu heben, dafür gibt es in jedem von uns mehr als einen archimedischen Punkt. Vier dieser Punkte möchte ich aufzählen. 

Punkt 1: Jeder Mensch höre auf sein Gewissen! Das ist möglich. Denn er besitzt eines. Diese Uhr kann man weder aus Versehen verlieren noch mutwillig zertrampeln. Diese Uhr mag leiser oder lauter ticken
– sie geht stets richtig. Nur wir gehen manchmal verkehrt.

Punkt 2: Jeder Mensch suche sich Vorbilder! Das ist möglich. Denn es existieren welche. Und es ist unwichtig, ob es sich dabei um einen großen toten Dichter, um Mahatma Gandhi oder um Onkel Fritz aus Braunschweig handelt, wenn es nur ein Mensch ist, der im gegebenen Augenblick ohne Wimperzucken das gesagt oder getan hätte, wovor wir zögern. Das Vorbild ist ein Kompass, der sich nicht irrt und uns Weg und Ziel weist. 

Punkt 3: Jeder Mensch gedenke immer seiner Kindheit! Das ist möglich. Denn er hat ein Gedächtnis. Die Kindheit ist das stille, reine Licht, das aus der eigenen Vergangenheit tröstlich in die Gegenwart und Zukunft hinüberleuchtet. Sich der Kindheit wahrhaft erinnern, das heißt: plötzlich und ohne langes Überlegen wieder wissen, was echt und falsch, was gut und böse ist. Die meisten vergessen ihre Kindheit wie einen Schirm und lassen sie irgendwo in der Vergangenheit stehen. Und doch können nicht vierzig, nicht fünfzig spätere Jahre des Lernens und Erfahrens den seelischen Feingehalt des ersten Jahrzehnts aufwiegen. Die Kindheit ist unser Leuchtturm. 

Punkt 4: Jeder Mensch erwerbe sich Humor! Das ist nicht unmöglich. Denn immer und überall ist es einigen gelungen. Der Humor rückt den Augenblick an die richtige Stelle. Er lehrt uns die wahre Größenordnung und die gültige Perspektive. Er macht die Erde zu einem kleinen Stern, die Weltgeschichte zu einem Atemzug und uns selber bescheiden. Das ist viel. Bevor man das Erb- und Erzübel, die Eitelkeit, nicht totgelacht hat, kann man nicht beginnen, das zu werden, was man ist: ein Mensch. Vier Punkte habe ich aufgezählt, dass ihr von ihnen aus die Welt, die aus den Fugen ist, einrenken helft: das Gewissen, das Vorbild, die Kindheit, den Humor.

Vier Angelpunkte. Vier Programmpunkte, wenn man so will. Und damit habe ich unversehens selber eine der Ansprachen gehalten, über die ich mich eingangs lustig machte. Es lässt sich nicht mehr ändern, höchstens und konsequenterweise auf die Spitze treiben, indem ich, anderen geschätzten Vor- und Festrednern folgend, mit ein paar Versen schließe, die ich mit meinen Grüßen schon eingangs vorneweg genommen habe:


Man soll das Jahr nicht mit Programmen
beladen wie ein krankes Pferd.
Wenn man es allzu sehr beschwert,
bricht es zu guter Letzt zusammen.

Je üppiger die Pläne blühen,
um so verzwickter wird die Tat.
Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,
und schließlich hat man den Salat!

Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.
Es nützt nichts, und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos
!

Samstag, 30. Dezember 2023

Dampfschiffe


Wo Werra sich und Fulda küssen
Sie ihre Namen büßen müssen,
Und hier entsteht durch diesen Kuss
Deutsch bis zum Meer der Weser Fluss
.

Steht auf dem Weserstein in Hannoversch Münden, weiß jedes Kind. Hannoversch Münden (damals noch einfach Münden) steht hier heute im Mittelpunkt des Interesses, weil da die Barbaren von der Mündener Schiffergilde vor 313 Jahren eine bahnbrechende Erfindung kaputt gemacht haben: das erste Dampfschiff in Deutschland.

Nun sind wir in meinem Heimatort Vegesack immer bannig stolz darauf gewesen, dass das erste Dampfschiff Deutschlands 1817 bei uns gebaut wurde. Hieß passenderweise Weser und wurde auf der Langeschen Werft, gleich neben dem Vegesacker Hafen gebaut. Zuerst hatte man sich ja in England umgeguckt, um ein Dampfschiff zu kaufen, hatte aber nichts Richtiges finden können. Also baut man es jetzt selbst. Schiffe bauen, das kann Johann Lange schon, aber ein Dampfschiff, das hat er noch nie gebaut. Das können nur die Engländer. Na ja, das konnte offensichtlich auch der Mann im Jahre 1707, von dem gleich noch die Rede sein wird, den man aber völlig vergessen hatte.

Hinter dem ganzen Projekt steckt ein junger Ingenieur aus Bremen, der Ludwig Georg Treviranus heißt und der eine Art Daniel Düsentrieb ist. Der kommt aus einer berühmten Bremer Familie, seine beiden Brüder sind geachtete Naturwissenschaftler. Ludwig Georg interessiert sich für das Linsenschleifen und für Fernrohre. Wenn Sie diesen Blog lesen, dann wissen Sie natürlich, dass Lilienthal bei Bremen jetzt das Zentrum der deutschen Astronomie ist. Und so landet unser Ludwig Georg Treviranus folgerichtig durch die Vermittlung von Dr Heinrich Wilhelm Olbers eines Tages bei dem berühmten Sir William Herschel in England. Aber da verliert er plötzlich das Interesse am Linsenschleifen und interessiert sich nur noch für Dampfmaschinen. Was das ist, wissen wir dank der unsterblichen Definition vom Lehrer Bommel in der FeuerzangenbowleWat is en Dampfmaschin? Da stelle mer uns janz dumm und da sage mer so: En Dampfmaschin dat is ene jroße schwarze Raum. Der hat hinten un vorn e Loch. Dat eine Loch dat is de Feuerung. Und dat andere Loch dat krieje mer später

In Amerika hat Robert Fulton gezeigt, dass man mit Dampfschiffen auf dem Hudson von New York nach Albany fahren kann, so etwas möchte man jetzt zehn Jahre später auch in Bremen haben. Der Bremer Reeder Friedrich Schröder ist glücklich, dass er den jungen Treviranus gefunden hat, der jetzt beim Bau der Weser hilft. Die Maschine hat man bei Boulton & Watt in England gekauft, Treviranus war vorher bei der Firma von James Watt in Soho gewesen, um die Maschine genau zu studieren. Er ist dann auch auf den ersten Testfahrten an Bord der Weser gewesen, weil niemand diesen neuen Antrieb so verstand wie er. Eine der ersten Testfahrten der Weser führte nach Münden. Da wo Werra sich und Fulda küssen. Treviranus natürlich als Mechaniker und Chefingenieur an Bord. 

Der schreibt auch 1817 eine Woche vor der Jungfernfahrt an die Bremer ZeitungZur Sicherung gegen alle Gefahr [...] dient die auf dem Kessel befindliche Sicherheitsklappe (safety valve) und der in Grade abgetheilte Dampfmesser (steam gauge). [...] Bei unserem hiesigen Dampfboot ist die höchste Expansivkraft, welche die Dämpfe erhalten können, nicht größer, als daß jeder Quadrat-Zoll des Kessels nur durch eine Kraft von ungefähr 3,5 Pfund gedrückt wird, indem bei diesem Druck sich das Ventil zu öffnen beginnt. Daß diese Kraft niemals im Stande sein wird, einen, aus dicken Platten vom besten, geschmiedeten Eisen zusammengesetzten, mit starken Nietnägeln verbundenen Kessel auseinander zu treiben, wird Jedem einleuchten. Es ist auch wirklich meines Wissens noch kein Beispiel vorhanden, daß der Kessel einer, nach dem Prinzip der Herren Boulton und Watt wirkenden Dampfmaschine zersprungen wäre.

Und da hat er Recht gehabt, die Sache funktioniert. Wenn es mit der Personenbeförderung auch nicht ganz so funktioniert, wie der Reeder Friedrich Schröder sich das vorstellt. Aber das liegt daran, dass die Weser versandet, nicht an der Erfindungskraft von Treviranus oder an Mängeln der Maschine von Boulton & Watt. Der Schotte James Watt hat die Dampfmaschine zwar nicht erfunden, aber er hat sie entscheidend verbessert. Derjenige, der das vielleicht alles erfunden hat, ist ein Franzose namens Denis Papin, dem die Angehörigen der Schiffergilde aus Münster sein kleines Dampfboot kaputt machen, weil sie die Konkurrenz fürchten. Alles Erworbene bedroht die Maschine.

Wenn Sie einen Fissler Vitavit in der Küche haben, wird Ihnen der Schnellkochtopf nicht um die Ohren fliegen, weil er ein Überdruckventil hat. Denis Papin ist seine Erfindung explodiert, als er seinen Dampfkochtopf voller Stolz der Royal Society vorführen wollte. Aber dann hat der aus Frankreich vertriebene Hugenotte noch schnell das Überdruckventil dazu erfunden. Und die Dampfmaschine, das U-Boot und den Schaufelraddampfer. Er ist mit seinem Erfindungen nicht reich geworden, ist in bitterer Armut in London gestorben. Falls es Sie im Urlaub mal auf einen Ausflugsdampfer auf der schönen Oberweser verschlägt, dann denken Sie doch mal einen Augenblick an Denis Papin

Das stand hier schon vor dreizehn Jahren, als ich anfing, das Internet vollzuschreiben. Ich stelle es heute noch einmal hier ein, weil am 30. Dezember 1816 der Stapellauf des ersten deutschen Dampfschiffs stattfand, das von einem Deutschen gebaut wurde. Das zweimal deutsch hintereinander in dem Satz ist wichtig, weil es gleichzeitig ein zweites Dampfschiff in Deutschland gibt. 

Das heißt Prinzessin Charlotte von Preußen und schwimmt auf Havel und Spree. Gebaut wurde es von keinem Deutschen, sondern von dem  schottischen Ingenieur John B. Humphreys Jr. Sieben Jahre nach der Jungfernfahrt wurde die Prinzessin Charlotte von Preußen verkauft und abgewrackt. Die Weser fuhr da immer noch auf der Weser. Und bekam zur Zweihundertjahrfeier 2016 eine Briefmarke. Und 2010 hier einen Post.

1816 ist das Jahr der Dampfschiffe auf den deutschen Flüssen. Im Hamburger Hafen macht im Juni die englische Lady of the Lake fest, sie soll Passagiere ins neugegründete Seebad Cuxhaven bringen. Und auch im Juni 1816 fährt die englische Defiance den Rhein hoch. Will nach Frankfurt, aber kommt da nicht an. Die deutschen Flüsse sind noch nicht für die Dampfschiffe geeignet. Doch schon ein  Jahrzehnt später gibt es einen regelmäßigen Schiffsverkehr zwischen Mainz und Köln. Die Schiffe sind voll mit englischen Touristen, denn in England hat Thomas Cook die Pauschalreise erfunden. Im Jahr 1843 sind eine Million Engländer auf dem Rhein gewesen. Sie reisen gern, die Briten, zuerst im 18. Jahrhundert mit ihrer Grand Tour, die der Oberklasse vorbehalten war. Jetzt kommen alle anderen, der Massentourismus ist erfunden. Lesen Sie mehr in dem Post Drachenfels.

Donnerstag, 28. Dezember 2023

Sportuhren


Diese junge Dame treibt Sport, das ist die große Sache in den dreißiger Jahren. Sie trägt keine Uhr. Weshalb sollte sie eine tragen? Die Uhrenindustrie hätte das gerne, denn die hat gerade die Sportuhr für die modernen Sportler erfunden. Heute sind diese Sportuhren abscheulich groß, man kann mit ihnen den Mount Everest besteigen und in den Marianengraben tauchen. Sie halten alles aus. Als die ersten Sportuhren in den dreißiger Jahren auftauchten, waren Armbanduhren klein und knuffig. Hatten einen Durchmesser und 30 bis 32 Millimeter, vielleicht mal 33 Millimeter. Die Zeit konnte man dennoch gut ablesen, da sie klar gegliederte Zifferblätter hatten. Diese Armbanduhren waren an den Handgelenken sportlicher Menschen zu finden. Sagt uns die Werbung.

In den Anzeigen der Uhrenfirmen der dreißiger Jahre werden immer stärker Armbanduhren mit Sportlern verbunden. Auch wenn es bei dieser Omega Werbung nicht so ganz klar wird, weshalb ein Skiläufer eine Uhr braucht. Die Armbanduhrenwerbung richtet sich natürlich auch gegen die Taschenuhren. Sportler tragen keine Taschenuhren, obgleich eines Tages Uhrenfirmen Uhren für Golfer herausbringen werden, die man am Gürtel tragen kann. In der Mitte der dreißiger Jahre werden zum ersten Mal mehr Armbanduhren als Taschenuhren verkauft. 1934 werden bei der größten deutschen Uhrenfabrik Junghans täglich 1.500 Taschenuhren und 2.000 Armbanduhren fabriziert. Der Siegeszug des Zeitmessers am Handgelenk hatte begonnen. Und der fällt zusammen mit dem Siegeszug von allen Sportarten.

Nicht für alle Menschen. Mein Opa, der sein Leben lang im wilhelminischen Zeitalter blieb, hat nie eine Armbanduhr besessen. Er trieb auch keinen Sport. Opa trug noch in den fünfziger Jahren seine silberne Eterna Taschenuhr, die er am Anfang des Jahrhunderts gekauft hatte. Für die Gartenarbeit auf unserem Land hatte er noch eine billige blecherne Taschenuhr, die er beim Arbeiten an den Ast eines Obstbaums hängte. Die großen amerikanischen Uhrenhersteller gaben den Kampf Taschenuhr gegen Armbanduhr noch nicht verloren. Sie brachten jetzt kleinere, flachere Taschenuhren auf den Markt. Das sind die Uhren, die in Deutschland auf Flohmärkten als Frackuhren gehandelt werden. Ich habe solch eine Uhr von der Firma Hamilton, aber diese Qualität wird man heute nicht wiederfinden. 

Der sportliche Mensch ist ein Ideal der zwanziger und dreißiger Jahre als Begriffe wie Körperertüchtigung und Freikörperkultur die Runde machen. Als es Sportmode gibt und sogar die Herrenunterwäsche dank der Jockey Y-Fronts sportlich wird. Robert Vollmöller wird in den dreißiger Jahren eine Lizenz der amerikanischen Firma Jantzen erwerben und über die Tochterfirma Vollma Wirkwaren die amerikanischen Jockey Y-Front U-Hosen nach Deutschland bringen. 

Sport und Mode werden jetzt miteinander verbunden, damals als Suzanne Lenglen sportlich und modisch die Tennisturniere beherrschte. Und René Lacoste sich ein Krokodil auf das Tennishemd sticken lässt. Als Frauen Hosen trugen und Golf spielten. Wie Jordan Baker in Fitzgeralds Great Gatsby. Als Luis Trenker und andere Bergfexe auf die höchsten Berge klettern. Auf den Punkt gebracht finden wir das Thema Sport und Mode in dieser Anzeige aus den dreißiger Jahren, wo es heißt: Die leuchtenden Farben und ganz bestimmt den kurzen Rock wie die kurzen Haare, das alles verdankt die Frau dem Sport Muss sie nicht dankbar sein?

Neben den klassischen Sportarten gibt es jetzt auch etwas wie Motorsport, als Mercedes nicht nur die Autos für Adolf Hitler, sondern auch die Silberpfeile baut. So schön der Gedanke des orandum est, ut sit mens sana in corpore sano ist, aus der Körperertüchtigung wird schnell die Wehrertüchtigung. Und aus der Sportuhr der dreißiger Jahre wird die Militäruhr des Zweiten Weltkriegs werden. Auch der Motorsport wird jetzt zur Frauensache.

Schon 1905 hatte der britisch-deutsche Maler Sir Hubert von Herkomer etwas zum Thema Auto und Frau zu sagen. Herkomer war nicht nur Künstler, er war auch ein Wegbereiter des Motorsports in Deutschland. Für die Herkomer Konkurrenz (die man nach neunzig Jahren wiederbelebte) hatte der Maler den silbernen Pokal selbst gestaltet. Und er hat dieses schön-schreckliche Bild gemalt, das Die Zukunft heißt. Steht so auf der Bauchbinde, die über die nackte junge Dame drapiert ist. Wer diesen Wagen mit der nackten Kühlerfigur lenkt, wissen wir nicht. Das Bild von Herkomer wanderte als Photogravur auf die Speisekarte der ersten Herkomer Konkurrenz (die erste Tourenwagen Rallye der Welt) im August 1905. Für die The Motor Union of Great Britain and Northern Ireland wurde 1908 auch noch eine Silbermedaille mit der nackten und blinden Zukunft geprägt.

Und dann ist da noch Emil Jellinek, der die Daimler Autos nach seiner elfjährigen Tochter Mercédès benannt hat. Die rotgekleidete Autosportlerin aus dem Jahre 1926 auf dem Plakat da oben stammt von Edward Alfred Cucuel, der seine Plakate mit Offelsmeyer oder Cucuel Offelsmeyer zu signieren pflegte. Die Frau in dem roten Rennanzug hat es wirklich gegeben, es war Ernes Merck, die erste Deutsche, die in den zwanziger Jahren Autorennen fuhr. Und die schon berühmt war, bevor Rudolf Caracciola, Hans Stuck, Bernd Rosemeyer und Tazio Nuvolari das wurden. An dieser Stelle muss ich mal eben auf den schönen Roman Silberpfeile von Walter Kappacher hinweisen, über den ich ja immer noch mal schreiben will.

Und das hier ist ein deutsches Ideal, ein Auto. das ihr allein gehört. Virginia Woolf wünschte sich in dieser Zeit a room of my own, diese junge Dame hat a car of my own. Um so etwas in dieser Zeit sagen zu können, muss man schon zu den besseren Schichten gehören, das sagt uns diese Opel Anzeige, die Er gehört ihr allein betitelt ist: Die Sportdame ist nicht mehr abhängig von ihrem großen Wagen. Spielend erledigt sie nun die vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen und findet doch Zeit täglich ihre Partie Golf zu spielen, dann, wenn es ihr passt. Dies alles verdankt sie ihrem wendigen, schönen Wagen, der ihr allein gehört. Wir nehmen mal an, dass die Golferin, die neben dem Opel Laubfrosch noch einen großen Wagen besitzt, auch die richtige Armbanduhr für das Golfen besitzt.

Die Entwicklung zur Armbanduhr hatte die deutsche Vorzeigefirma A. Lange & Söhne in Glashütte völlig verschlafen. Sie hatte den Wandel der Zeiten nicht erkannt, sie glaubte immer noch, dass man ihre goldenen Taschenuhren ad infinitum kaufen würde. Was in der Weltwirtschaftskrise immer schwieriger wurde. Wenn die Armbanduhr dann kommt, dann beziehen sie die Werke von der schweizer Firma Altus. Gut, sie bearbeiten die Werke noch ein wenig, damit die ihrem Standard entsprechen. Und sie schreiben natürlich ihren Firmennamen drauf. Erst 1945 bringen sie ihr erstes eigenes Armbanduhrenwerk auf den Markt. 

Gleichzeitig kommt ein anderes Armbanduhrenwerk auf den Markt, das auch aus Glashütte kommt, aber jetzt in einem Ort namens Ganderkesee gebaut wird. Es ist das Kaliber Kurtz 25, das erste deutsche Armbanduhrenwerk mit Breguetspirale. Wenn Sie alles darüber wissen wollen, dann sollten sie einmal den Post Kurtz lesen. Das Uhrwerk findet sich in Arctos Elite Uhren oder in Uhren, die Glashütter Tradition heißen. Die erste Serie hatte noch keine Stoßsicherung, die mit der Stoßsicherung kann man vielleicht auch für Sportuhren gebrauchen.

Man findet kaum Bilder aus den dreißiger Jahren, auf denen Athleten mit Armbanduhren zu sehen sind. Wozu auch? Ein batsman beim Cricket müsste bescheuert sein, eine Armbanduhr zu tragen. Obgleich die Werbung der Uhrenfirmen in den dreißiger Jahre suggeriert, dass man die Uhren für alle möglichen Aktivitäten tragen kann. Auch im Wasser. Ich besitze solch eine rechteckige Cyma wie auf diesem Bild, ich käme aber nicht auf die Idee, die unter Wasser zu halten. Und damit wären wir schon bei der ersten Forderung an eine Sportuhr: sie sollte wasserdicht sein. Nicht nur widerstandsfähig gegen den Schweiß des Sportlers. Die weiteren Forderungen sind, dass die Uhr gegen Stöße und den gefürchteten Bruch der Unruhwelle geschützt sind. Und antimagnetisch und temperaturunempfindlich sind.

Die erste Sportuhr, die diesen Namen verdient hat, kommt 1928 von der amerikanischen Firma Wittnauer. Sie ist 28 mm groß, man sollte wohl eher sagen 28 mm klein. Laut der Werbung ist die Uhr, die den Namen Allproof trägt, wasserdicht, stoßgesichert und nicht-magnetisch. Die Uhr hat einen Schraubboden aus Stahl, der hier als contracid bezeichnet wird. Edelstahl ist nicht gleich Edelstahl, ein künstliches Hüftgelenk hat eine andere Legierung als ein Brückenpfeiler. Hier ist man in den dreißiger Jahren am Tüfteln mit den Legierungen, was durch die Vielzahl der Aufschriften auf dem Gehäuseboden zum Ausdruck kommt: contracid, acier inoxydable, Chrom-Vanadium Stahl, Krupp Stahl, Edelstahl. 

Die Wittnauer Allproof hat eine dicke Krone, unter der eine Dichtung sitzt, das macht sie wasserdicht. Über dem einfachen 7-steinigen Werk ist ein kleiner Weicheisendeckel, der verhindert, dass das Uhrwerk magnetisch aufgeladen wird. Zur Zeit der Straßenbahnen damals noch ein Problem für Uhrenträger. Die Wittnauer sieht der schweizer Revue Sport, die 33 mm groß ist, sehr ähnlich. Und die Firma Revue Thommen, die hier ihre Uhren mit Sportlern bewirbt, ist auch der Hersteller dieser Uhr. Die Firma ist unter Reinhard Straumann die Kaderschmiede der modernen Armbanduhr. Ihr verdanken wir die Glucydurunruhe, die Nivaroxspirale, und auch das Raumnutzwerk der Urofa kommt eigentlich von Revue Thommen.

Die von Wittnauer importierte Uhr hat in Amerika ihre eigene Geschichte. Weil Amelia Earhart ihrer Wittnauer-Longines vertraute. Und weil Jimmie Mattern mit einer Wittnauer Allproof um die Welt geflogen ist. Er hat 1933 über die ✺Wittnauer Allproof nette Dinge gesagt: It gives me great pleasure to advise you that my Wittnauer All-Proof Watch was my only constant companion on my ’round the world solo flight, and it survived all hardships. It is a crashproof timepiece par excellence. After my ’plane crashed and I had to wade and swim in some of the rivers it proved absolutely waterproof. It kept up a true performance when I was lost to civilization for many days. It was a sensation with the Eskimos…who considered it something super-natural. It personifies mechanical perfection heretofore unknown to me, and when I reached New York it was correct to the minute. I banged it all around. It was dropped on concrete a number of times – still it keeps ticking away. 

I should not have believed that such a watch could be built, but my experience has shown me that too much cannot be said about this wonderful All-Proof timepiece which I recommend for hard usage. Wenn Neil Armstrong den Mond betritt, trägt er eine Omega Speedmaster, das wissen wir. Aber vorher hat er immer seine Wittnauer Allproof dabei gehabt. Wir wissen, dass er sie bei der Gemini 8 Mission getragen hat. Das hier ist Armstrongs Arm im Raumanzug, die kleine Wittnauer Allproof kann man erkennen. Er hätte sie eigentlich auch auf den Mond mitnehmen können. Die Uhr hätte das bestimmt ausgehalten.

Sportuhren sehen heute so aus, da hat sich seit der kleinen Wittnauer viel geändert. Ich weiß nicht, ob diese mit Elektronik vollgestopften Plastikmonster neunzig Jahre halten. Aber die kleine Wittnauer Allproof, die ich habe, die ist neunzig Jahre alt. Und geht immer noch.  Ich habe sie von einem Freund geschenkt bekommen, der sie auf einer Auktion ersteigerte. Im Katalog sah sie größer aus. Als er sie bekam, war er enttäuscht. Ich nicht, ich habe ihr sogar ein braunes Krokoband spendiert. Und diesen ganzen Post mit ihr geschrieben. Ob sie noch wasserdicht ist, werde ich unter der Dusche nicht testen.


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Sonntag, 24. Dezember 2023

die Weisen aus dem Morgenland


Die Weihnachtspredigt von Lancelot Andrewes ist vierhundert Jahre alt. Und doch erscheint sie, wenn man sie heute liest, beinahe modern. Kurt Vonnegut hat über Andrewes gesagt, er sei the greatest writer in the English language gewesen. Und T.S. Eliot hat über den Bischof, der wesentlichen Anteil an der Entstehung King James Version der Bibel hatte, geschrieben: He takes a word and delivers the world from it. Squeezing and squeezing the word until it yields a full juice of meaning, which we should never have supposed any word to possess. Aus der Weihnachtspredigt des Bischofs vom 25. Dezember 1622 (die es hier im Volltext gibt) hat Eliot einen Absatz genommen: Last we consider the time of their coming, the season of the year. It was no summer progress. A cold coming they had of it at this time of the year, just the worst time of the year to take a journey, and specially a long journey. The ways deep, the weather sharp, the days short, the sun farthest off, in solsitio brumali, the very dead of winter. Venimus, we are come, if that be one, venimus, we are now come, come at this time, that sure is another. Das wandert in sein Gedicht The Journey of the Magi hinein. Das Gedicht habe ich in den letzten dreizehn Jahren schon mehrfach zitiert. 

Jetzt habe ich eine Übersetzung gefunden, die ich bisher nicht kannte. Sie stammt von dem Schriftsteller und Übersetzer Rainer Maria Gerhardt, der hier im Internet eine schöne Seite hat. Man hat den Mann, der Ezra Pound, Charles Olson, Robert Creeley und T.S. Eliot (hier im Volltext) übersetzte, schnell vergessen. Er passte mit seiner Modernität nicht in die Zeit. Er hatte, kaum dass der Krieg zu Ende war, versucht, moderne amerikanische Lyrik nach Deutschland zu bringen. Rolf Dieter Brinkmann wird das Jahrzehnte später gelingen. Alfred Anderschs Nachruf auf der Frühverstorbenen umreißt das traurige Leben Gerhardt sicherlich adäquat: Der ebenso begabte wie gefährdete junge Mann hat sich für die Idee, die Dichtung, und zwar die anspruchsvollste und schwierigste Dichtung der Moderne aller Länder, ins Zentrum des geistigen Lebens zu rücken, buchstäblich aufgeopfert. (...) In dem verzweifelten Wunsch nach Unabhängigkeit hat er alles, was er verlegte, selbst »finanziert« was in seinem Falle hieß, daß er sich ein Leben in bitterstem Elend abforderte. Er besaß nicht einmal die Andeutung einer Wohnung, sondern lebte während neun von zwölf Monaten des Jahres in seinem Zelt an den Landstraßen im Dreieck Paris - Zürich - Hamburg, ein alles andere als romantischer Nomade des Geistes. (...) Nun ist dieses Leben jäh erloschen - ausgelöscht vom eisigen Wind des wirklichen Hungers, der Schulden, der inneren Schwierigkeiten und von der Kälte des Wartens auf ein Echo, das er, ein sehr Ungeduldiger, nicht vernahm. Sein Werk ist weniger als ein Torso, aber mehr als ein »Verlag«. Er hat ein paar Zeichen signalisiert, die wichtiger sind als das meiste, was heute in Deutschland gedruckt wird. Was Gerhardt schrieb, ist nicht verloren. Zu seinem achtzigsten Geburtstag hat Uwe Pörksen das Buch Umkreisung: Das Gesamtwerk herausgegeben,

Als Rainer Maria Gerhard T.S. Eliot übersetzte, war er einundzwanzig Jahre alt. Dies war eine der ersten Übersetzungen von The Journey of the Magi. Gleichzeitig hatte, aber das wusste Gerhardt wahrscheinlich nicht, Erich von Kahler in Princeton das Gedicht übersetzt. Das findet sich aber leider nicht im Internet, deshalb gibt es heute hier Gerhardts Version, auch wenn sie vielleicht Schwächen hat. Ich habe den Text in der ursprünglichen Manuskriptform belassen.

Reise der Drei Koenige

'Einen kalten Weg hatten wir hin, 
Just zur schlimmsten zeit des jahres 
Fuer eine reise, eine so lange reise: 
Die wege tief und das wetter rauh, 
Der allertiefste winter.'

Und die kamele wund, offenfuessig, stoerrisch,
Legten sich nieder in den schmelzenden schnee.
Es waren zeiten, da vermissten wir
Die sommerpalaeste an den bergeshaengen, die terrassen 
Und die seidenen maedchen, sherbet reichend.

Dann fluchten die kameltreiber und murrten
Und liefen davon, hinweg zu schnaps und zu weibern, 
Und die nachtfeuer loschen, und der mangel an obdach, 
Und die staedte feindlich und die orte unfreundlich
Und die doerfer schmutzig und fordernd hohe preise: 
Eine harte zeit hatten wir da.
Schliesslich zogen wir vor, weiter zu reisen bei nacht nur, 
Schliefen stueckweis,
Mit der stimmen singen in unseren ohren, die sprachen 
Dies alles sei torheit.

Dann mit der daemmerung kamen wir hinab in ein mildes tal,
Feucht, unter der schneegrenze, duftend der pflanzenwuchs;
Mit einem eiligen strom und einer wassermuehle die durch die dunkelheit drang, 
Und drei baeumen in tiefhaengendem himmel,
Und ein altes weisses pferd galoppierte davon in die wiese.
Dann kamen wir zu einer schenke hin mit weinlaub ueber der schwelle,
Sechs haende in der offenen tuer wuerfelten um silberstuecke,
Und fuesse traten die leeren weinschlaeuch.
Aber es gab keinerlei auskunft, und so ritten wir weiter
Und kamen am abend, nicht einen augenblick zu frueh
An den ort hin; es war (man darf sagen) befriedigend.

All dies ist eine lange zeit her, ich erinnere mich, 
Und ich wuerde es wieder tun, doch schreibe auf 
Dieses schreib auf
Dieses: wurden wir diesen ganzen weg gefuehrt zu Geburt oder Tod? 
Das war Geburt, gewiss,

Wir hatten beweise und zweifelten nicht. 
Ich hatte geburt und tod gesehen, 
Doch immer gedacht sie seien verschieden; diese Geburt war
Harte und bittere pein fuer uns, wie Tod, wie unser tod.
Wir kehrten zu unserer heimat, diesen Koenigreichen.

Doch nicht laenger zufrieden hier mehr, in der alten ordnung, 
Bei einem entfremdeten volk, das nach seinen goettern greift. 
Ich waere froh ueber einen anderen tod.

Wenn die drei Weisen aus dem Morgenland eine schwierige Reise hatten, heute wäre die Reise unmöglich. Dort, wohin der Stern sie führte, ist heute Krieg und Tod. Die drei Weisen aus dem Morgenland finden sich nicht im Lukasevangelium. Aber die Engel sind da, die den Hirten in der Nacht den Frieden auf Erden verkünden. Auf den können wir nur hoffen.

Ich wünsche all meinen Lesern ein schönes Weihnachtsfest.

Freitag, 22. Dezember 2023

Wintersonnenwende


Wintersonnenwende, der kürzeste Tag im Jahr, in zwei Tagen ist Weihnachten. Hier oben liegt kein Schnee mehr. Es ist kalt, Sturm und Orkanböen sind angesagt, ein Sturmtief namens Zoltan rollt an. Früher war dies die Zeit, wo man draußen keine Wäsche mehr aufhängte, weil Wotans wilde verwegene Jagd durch die Wolken tobte. Jetzt ist es noch ruhig, im Fernsehen läuft Weihnachten mit André Rieu. Das ist schlimm, aber noch schlimmer wäre Torsten Sträter. Damit es in der staade Zeit hier wenigstens ein klein wenig weihnachtlich wird, habe ich heute ein Weihnachtsgedicht für Sie. Es ist von Christina Rossetti und wurde zuerst 1872 unter dem Titel A Christmas Carol veröffentlicht. Komponisten haben es vertont, und es ist ein Kirchenlied geworden:

In the bleak midwinter, frosty wind made moan,
Earth stood hard as iron, water like a stone;
Snow had fallen, snow on snow, snow on snow,
In the bleak midwinter, long ago.

Our God, heaven cannot hold Him, nor earth sustain;
Heaven and earth shall flee away when He comes to reign.
In the bleak midwinter a stable place sufficed
The Lord God Almighty, Jesus Christ.

Enough for Him, Whom cherubim worship night and day,
Breastful of milk, and a mangerful of hay;
Enough for Him, Whom angels fall before,
The ox and ass and camel which adore.

Angels and archangels may have gathered there,
Cherubim and seraphim thronged the air;
But His mother only, in her maiden bliss,
Worshipped the beloved with a kiss.

What can I give Him, poor as I am?
If I were a shepherd, I would bring a lamb;
If I were a Wise Man, I would do my part;
Yet what I can give Him: give my heart.

Auf der Suche nach deutschen Übersetzungen habe ich auf der Seite von Lobolyrix eine Sängerin namens Karliene gefunden, ihre Version von In the bleak midwinder ist bei YouTube zu hören. Das ist sehr melodisch. Die bekannteste Version des Liedes ist von Gustav Holst, aber die Version von Harold Edwin Darke ist auch interessant. Gut, das sind Klassiker, aber Sie könnten noch mal eben in das Berliner Blockflöten Orchester hineinhören. Lobolyrix hat das Gedicht von Christina Rossetti übersetzt, aber es gibt auf der Seite von lyrictranslate noch eine bessere Übersetzung. Die ist von Bertram Kottmann, einem Übersetzer, der hier schon in dem Post Narzissen erwähnt wurde. Bertram Kottmann war nicht so glücklich, mit dem, was ich geschrieben hatte. Das tut mir leid, ich wollte seine Qualitäten als Übersetzer nicht anzweifeln. Ich habe nur etwas gegen die ausufernenden Internetpublikationen. Meinen eigenen Blog nicht ausgenommen. Bertram Kottmanns Übersetzung der Daffodils gehört zweifellos zu den überzeugenden Übersetzungen des Gedichts von Wordsworth. Wir hatten eine längere Diskussion per E-Mail, ich hoffe, dass er mir jetzt nicht mehr böse ist. Und seine Übersetzung Tief im kalten Winter kann ich nur empfehlen.