Montag, 18. April 2022

Saxifraga


Diese Pflanze brauche ich mal eben, sie heißt Saxifraga. Vom Lateinischen saxum (Fels) und frangere (zertrümmern), der Steinbrech frisst sich durch den Stein. Andere Pflanzen  können das nicht, Orchideen schon gar nicht. Die Pflanze kommt in meinem heutigen Gedicht vor, das Lachlan MacKinnon (der Ehemann von Wendy Cope) im September 2017 im Guardian veröffentlicht hat. Das Gedicht hat den Titel WCW, was für William Carlos Williams steht. Der amerikanische Arzt und Dichter hat hier mit William Carlos Williams schon einen Post, und im Post Max Oertz findet sich auch ein schönes Gedicht von ihm. In diesem Monat gab es hier sein bekanntestes Gedicht This is just to say. Das soll für den Augenblick genug WCW sein, wir schauen einmal auf Lachlan MacKinnon:

WCW 
 
Saxifrage, said William Carlos Williams, was his flower 
because it split stone. Yesterday, in a pot, a clump of it, 
weedy red petals, stems robust as peasant legs. 

It would survive a summer’s rage for decking, 
rost memory, meltwater gush, black August. 
It wouldn’t last a weekend in the jungle, 

being a flower of the far north, temperate at best. 
Williams was a doctor, and he could listen to his language 
for the slightest sign, like a stethoscope.
 
Saxum is stone, frag the root of frangere, to break. 
Latin names for northern things. Ghosts of empire. 
Williams had time for the patient ones, men, women, children
 
who hang on, who pull through, saxifrage splitting stone.

Um das Gedicht richtig zu verstehen, brauchen wir ein anderes Gedicht. Nämlich das, auf das sich MacKinnon bezieht. Literaturwissenschaftler sprechen hier von Hypertextualität. Wir kennen das aus vielen Werken, James Joyces Ulysses hat seine Basis in Homers Odyssee. Und MacKinnons Gedicht hat seinen Ursprung in diesem Gedicht von Williams:

A Sort of a Song

Let the snake wait under
his weed
and the writing
be of words, slow and quick, sharp
to strike, quiet to wait,
sleepless.

—through metaphor to reconcile
the people and the stones.
Compose. (No ideas
but in things) Invent!
Saxifrage is my flower that splits
the rocks.


In einer Tonbandaufzeichnung aus dem Jahre 1951 im Haus seines Freundes Kenneth Burke hat Williams sein Gedicht kommentiert: I can’t reconstruct the situation but saxifrage is my flower, Saxifrage is a very inconspicuous little flower and it grows.. Saxifrage means.. Saxi.. it breaks the rocks. yes that’s it exactly.
       And it’s the idea that the poet and all that he stands for is absolutely insistent and will prevail in the end, although it’ll be a long time. And it’s a very inconspicuous little flower, that, by its roots, does finally end by splitting the rocks. And it doesn’t matter how long it takes, and it isn’t by anyone’s concern, any poet’s concern, but it is his intention to be completely revolutionary and to knock down all opposition, in the end if it takes him forever, he’s gonna win in the end, and it’s a celebration of that, and it’s to say that.
       He’s going to wait, he’s a snake. he’s saxifrage, he’s determined, and you must do it and the the invention – that is the metaphor is juxtaposition of those two things – the people and the stone there they are people stone, people, stone stones are actually a metaphor, they are and they won’t be beaten down, and they won’t be wiped out (although saxifrage will certainly go in there and open them up!)

Ein kleines Gedicht, zwölf Zeilen. Und eine ganze Dichtungstheorie: Compose. (No ideas but in things) Invent!

Sonntag, 17. April 2022

Ostern

Osterjubel

Jetzt ist der Himmel aufgetan,
jetzt hat er wahres Licht!
Jetzt schauet Gott uns wieder an
mit gnädigem Gesicht.
Jetzt scheinet die Sonne
der ewigen Wonne!
Jetzt lachen die Felder,
jetzt jauchzen die Wälder,
jetzt ist man voller Fröhlichkeit.

Jetzt ist die Welt voll Herrlichkeit
und voller Ruhm und Preis.
Jetzt ist die wahre, goldne Zeit
wie einst im Paradeis.
Drum lasset uns singen
mit Jauchzen und Klingen,
frohlocken und freuen;
Gott in der Höh sei Lob und Ehr.

Jesus, du Heiland aller Welt,
dir dank ich Tag und Nacht,
daß du dich hast zu uns gesellt
und diesen Jubel bracht.
Du hast uns befreiet,
die Erde erneuet,
den Himmel gesenket,
dich selbst uns geschenket,
dir, Jesus, sei Ehre und Preis.

Mit diesem Gedicht von dem Barockdichter Angelus Silesius möchte ich all meinen Lesern ein frohes Osterfest wünschen.


Samstag, 16. April 2022

Higgledy-piggledy


Heute ist der hundertste Geburtstag des englischen Schriftstellers Kingsley Amis. Er war ein Freund von Philip Larkin, dessen Gedichte viel besser sind als seine. Das wusste er auch. Sein Sohn Martin Amis hat über seinen Vater gesagt, dass er jeden Tag zwei oder drei Gedichte von Larkin lesen würde. Sie finden Gedichte von Amis in dem langen Post Kingsley Amis, und in dem Post Women are really much nicer than men ist noch ein schönes Gedicht von ihm. Aber heute gibt es kein Gedicht von ihm. Das Gedicht heute ist von einer Frau, die Kingsley Amis ihre Karriere verdankt, ohne dass er etwas dazu getan hat. Die Dichterin Wendy Cope hatte ihrem ersten Gedichtband den Titel Making Cocoa for Kingsley Amis gegeben. Das war auch der Titel dieses Gedichts: 

It was a dream I had last week
And some kind of record seemed vital.
I knew it wouldn't be much of a poem
But I loved the title. 

Kingsley mochte den Titel auch, er kam sogar zu der Party, mit der das Buch im vornehmen Faber & Faber Verlag vorgestellt wurde. Ihre Freundin Valerie Grove hatte das arrangiert: Her first collection, in 1986, was called 'Making Cocoa for Kingsley Amis', a bold move since she had never, at the time, met him, a man not hard to vex. It was I who brazenly rang him on her behalf, to find out what he thought of her stuff. Luckily he thought it bloody good. He admired her adherence to traditional metres ("She might never have heard of Ezra Pound," he said approvingly) and, to her amazement, turned up to her launch party. Wendy Cope hasste es, immer als Dichterin von light verse bezeichnet zu werden, aber wir sollten ihr dafür dankbar sein, dass sie so etwas schreibt. Das Gedicht heute heißt Emily Dickinson, es fällt auch unter die Kategorie light verse, eine Form der Literatur, die seit Edward Lear und Lewis Carroll fest in englischer Hand ist:

Higgledy-piggledy
Emily Dickinson
Liked to use dashes
Instead of full stops.

Nowadays, faced with such
Idiosyncrasy,
Critics and editors
Send for the cops.

Ich habe mit der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson meine Schwierigkeiten, das können Sie dem langen Dickinson Post entnehmen, aber ich finde dies Gedicht ganz wunderbar. Wendy Cope, die mehrfach als poet laureate im Gespräch war, ist mit dem schottischen Dichter Lachlan MacKinnon verheiratet. Der wird hier in den nächsten Tagen auch noch auftauchen.

Freitag, 15. April 2022

Karfreitag


Christ Carrying the Cross

Two crosses on the hill await a third.
A crowd stands in a circle as other townsfolk
swarm slowly up the hill to join them. Where's Christ?
They frolic, gossip, rear the horses, laugh.
Even the soldiers celebrate. They sport
red jackets as they keep some order here.
Not too much. It's an execution, after all.
Where's Christ? There are the thieves. In a horse cart,
one prays, one stares into the sky and howls.
Where's Christ? There's a small town,
there's a crag with a black windmill, rickety, on top.
And there's Christ, hard to see, right in the center.
He's fallen beneath his huge cross. Can he rise?
The revelers kick and taunt him. At church we sing,
Where were you when they crucified my Lord?
A crow perched on a torture-wheel looks off
into the distance. Christ staggers, falls, stays down.
Eternity's a long walk, Lord. Get up!

In meinem ersten Jahr als Blogger stand dieses Gedicht von Andrew Hudgins in meinem Blog. Den amerikanischen Dichter hatte ich entdeckt, weil ich mehrere seiner Gedichtbände im Antiquariat Eschenburg fand. Hans-Jürgen Heise, dem Hudgins sie geschickt hatte, hatte sie dahin getragen. Ich hatte zuvor noch nichts von dem Dichter gehört, wusste nicht, dass er einmal beinahe den Pulitzer Preis und einmal beinahe den National Book Award bekommen hätte, aber ich wusste, dass dies gute Lyrik war. Ich bestellte mir noch mehrere seiner Gedichtbände, schrieb über ihn und schickte ihm das zu. Das war der Beginn einer wunderbaren E-Mail Brieffreundschaft. Seine neuesten Bücher schickte er mir mit Widmung, aber die werde ich natürlich nicht zu Eschenburg tragen.

Donnerstag, 14. April 2022

baisers volés


Der französische Photograph Robert Doisneau wurde heute vor hundertundzehn Jahren geboren, er ist einer der berühmtesten französischen Photographen gewesen. Er hat Picasso photographiert und Georges Braque. Juliette Gréco hat er auch photographiert, Jacques Prévert, dessen Lieder Juliette sang, auch. Als er zu photographieren begann, war er zu schüchtern, Menschen zu photographieren, er lichtete erst einmal Pflastersteine ab. Menschen machten ihm Angst. 

Er begann seine Karriere als Werksphotograph von Renault in Billancourt. Autos zu photographieren ist nicht so schwer. Aber er hat es mit der Zeit gelernt, Menschen zu photographieren. Auf dem Bild im ersten Absatz hat er seine Freundin Sabine Azéma photographiert, die photographierte er gerne. Sie hat auch 1992 einen kleinen Dokumentarfilm über ihn gedreht. Seine Enkelin Clémentine Deroudille hat auch einen Film über ihn gedreht. Kann man leider nicht im Internet sehen, da gibt es nur einen Schnipsel, aber man kann Robert Doisneau: Das Auge von Paris als DVD kaufen. Es gibt natürlich auch schöne Bücher mit seinen Photographien, wie zum Beispiel der Band Mein Paris bei Schirmer/Mosel.

Sein berühmtestes Photo ist dieser Kuss vorm Pariser Rathaus. Was hier aussieht wie ein zufälliger Schnappschuss, ist das Ergebnis von einem halben Tag Arbeit mit zwei jungen Schauspielschülern. Sie können einige Sekunden davon in dem Video da oben sehen. Und in dem Post Straßenphotographie steht auch einiges zu diesem Bild. Bei einem Photo wie diesem ist es klar, dass es heute ein Gedicht über das Küssen geben muss. Es heißt Kuß, noch in dieser Schreibung, denn es ist 150 Jahre älter als das Photo von Doisneau.

Auf die Hände küßt die Achtung,
Freundschaft auf die offne Stirn,
Auf die Wange Wohlgefallen,
Sel'ge Liebe auf den Mund;
Aufs geschloßne Aug' die Sehnsucht,
In die hohle Hand Verlangen,
Arm und Nacken die Begierde,
Übrall sonst die Raserei.


Mittwoch, 13. April 2022

Leserschwund


Da ist er wieder, der Leserschwund. Am siebten April waren es 2.725 Leser, am nächsten Tag noch knapp achthundert. Solche Einbrüche bei den Leserzahlen kommen ja immer wieder vor, ich habe schon mal darüber geschrieben. Ich glaube, ich mach' mal ein bisschen Pause, ich wollte eh nicht jeden Tag im Poetry Month schreiben. Das habe ich zwar im letzten Jahr gemacht, aber das war richtige Arbeit. Zwei kleine Gedichte sollen es heute doch sein, sie haben mit den Lesern zu tun. Sie sind von dem Barockdichter Friedrich von Logau, der schon mit kurzen Epigrammen (von denen er tausende geschrieben hat) zweimal in meinem Blog war.

Das erste Gedichte hat den Titel An den Leser:

O Leser, dir steht frey zu urtheln über mich,
Und andren stehet frey zu urtheln über dich.
Wie du dein Urthel nun von andren dir begehrest,
So sihe, daß du mir mein Urthel auch gewehrest.


Logau hat viele Spruchgedichte an seine imaginierten Leser geschrieben, ein sehr kurzes ist dieses hier:

Leser, wie gefall ich dir?
Leser, wie gefellst du mir?

Und ich verabschiede mich heute mit den Versen:

Sind dir, Leser, meine Sachen mißgefällig wo gewesen,
Kannst du sie am besten strafen mit dem sauren nimmerlesen.



Dienstag, 12. April 2022

anonymous

Der englische Aristokrat Edward de Vere wurde am 12. April 1550 geboren. Er erbt den Titel eines Earl of Oxford, einen der ältesten Adeltitel Englands. Er erbt auch den Titel eines Lord Great Chamberlain. Und er schreibt Gedichte. Das tun nun viele am Hof von Elizabeth, das wäre nicht weiter bemerkenswert. Er schwängert eine Hofdame der Königin und wandert in den Tower. Da sind in dieser Zeit viele für einige Zeit zu Gast, auch die Königin war dort einmal gefangen. Sie zwingt den Adligen, die Affaire mit der Hofdame zu beenden und zu seiner Frau zurückzukehren. Das alles wäre Stoff für einen Roman, aber unser Edward de Vere bekommt noch eine ganz andere Berühmtheit. Vor hundert Jahren schreibt ein englischer Lehrer namens Thomas Looney das Buch Shakespeare Identified in Edward De Vere, the Seventeenth Earl of Oxford, in dem er behauptet, de Vere habe das ganze Werk Shakespeares geschrieben.

Diese wirre Theorie, die immer mal wieder Konjunktur hatte, hat den Namen Oxfordian theory bekommen. Edward de Vere war ein gebildeter Mann, er hatte Latein und Französisch gelernt und eine Bildungsreise, den Vorläufer der Grand Tour, nach Italien gemacht. Shakespeare war nie aus England herausgekommen, Latein und Französisch waren ihm fremd, small Latin and less Greek habe er, hat Ben Jonson über ihn gesagt. Aber Jonson hat auch gesagt: he was not of an age but for all time. Die neueste Biographie von de Vere, streng der Oxfordian theory verpflichtet, ist Shakespeare by Another Name von dem amerikanischen Journalisten Mark Anderson. In dem Buch werden auch alle Daten zu Shakespeares Werken von Mark Anderson korrigiert. Das musste er auch tun, denn Shakespeares Sonnets erschienen, als de Vere schon fünf Jahre lang tot war. Und aus den Sonnets möchte ich eins nehmen. Es ist das Sonett XXX, dessen zweite Zeile zum Titel der englischen Übersetzung von Prousts Recherche geworden ist:

When to the sessions of sweet silent thought
I summon up remembrance of things past,
I sigh the lack of many a thing I sought,
And with old woes new wail my dear time’s waste:
Then can I drown an eye, unused to flow,
For precious friends hid in death’s dateless night,
And weep afresh love’s long since cancell’d woe,
And moan the expense of many a vanish’d sight:
Then can I grieve at grievances foregone,
And heavily from woe to woe tell o’er
The sad account of fore-bemoaned moan,
Which I new pay as if not paid before.
But if the while I think on thee, dear friend,
All losses are restor’d and sorrows end.

Ich habe eine Übersetzung von dem Gedicht, die schon sehr alt ist. Deutsche Übersetzungen gibt es en masse, seit Johann Joachim Eschenburg (der 56 der 154 Sonette übersetzte) haben sich mehr als sechzig Übersetzer an den Sonetten versucht, der Bremer Otto Gildemeister ist auch dabei. Mein Text heute ist von Johann Gottlob Regis. 1836 veröffentlicht, hat er heute immer noch Bestand. Beim Reclam gibt es ihn in Buchform, bei mir gibt es ihn hier:

Wenn ich in schweigender Gedanken Rat
Erinnrung des Vergangnen traulich lade,
Beseufzend was entflohn mir nie mehr naht,
Neu klagend alte Weh’n versunkner Lebenspfade:
Dann netz’ ich wohl versiechte Augenlider
Um teure Freund’ in Todesnacht gehüllt;
Es weinen, längst erstickt, der Liebe Schmerzen wieder,
Der Gram um manch dahingeschwunden Bild.
Dann kann ich leiden um vergangnes Leid,
Die trübe Summe vorbeklagter Klagen
Von Weh zu Weh ziehn mit Betrübsamkeit,
Sie zahlend wie noch niemals abgetragen.
Doch, teurer Freund! gedenk’ ich dein dabei,
Ersetzt ist alles, und ich atme frei.

Und ich habe noch ein kleines Schmankerl zu Schluss. Vor Jahren ist der Regisseur von schrottigen Katastrophenfilmen Roland Emmerich, der dem Trash Kino eine neue Dimension gegeben hat, auf die Oxfordian theory gestossen und hat gleich einen Film daraus gemacht: Anonymous (hier zu sehen). Über diesen Film schrieb der amerikanische Filmkritiker David Walsh (der Emmerichs The Patriot verrissen hatte): Emmerichs ‚dunkler‘ Film ist vor allem ein äußerst perfides Werk. […] Am dümmsten und anstößigsten ist die Darstellung von Shakespeare. Wenn man behaupten will, dass der Autor der berühmten 37 Stücke der Earl of Oxford oder jemand anderes sei, muss man deshalb wirklich den anerkannten Autor als halbgebildeten Angeber, Säufer und… Mörder hinstellen? Wo 'Anonymus' nicht unangenehm und laut ist, ist er langweilig und voller Klischees.