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Sonntag, 16. August 2020

miles gloriosus


Hier steht er noch in großartiger Pose in der Mitte des Bildes und nimmt bei Saratoga die Kapitulation des englisches Generals Burgoyne entgegen. Eine ganze englische Armee muss sich ergeben, aber es sind andere als der General Horatio Gates gewesen, die diesen Sieg erfochten haben, Generäle wie Benedict Arnold, Daniel Morgan und Philip Schuyler. Doch Gates vermarktet sich als The hero of Saratoga, und wenn er auf diesem Bild von John Trumbull als die Szene beherrschender Sieger dargestellt wird, so passt das sehr gut zu dem Gesamtbild. Gates träumt davon, anstelle von Washington das Oberkommando der Armee zu erhalten.

Er hatte als englischer Berufsoffizier seine commission verkauft, weil er nie befördert wurde, war als Major ausgeschieden und hatte ich eine kleine Farm in Virginia gekauft. Als er von der Revolution hörte, ritt er nach Mount Vernon und bot Washington seine Dienste an. Aber nur, wenn er General würde. Er wird Brigadegeneral und Generaladjutant der Armee. Verwaltung und Organisation das kann er, das hat er schon in der englischen Armee gemacht. Eine Armee führen, das kann er nicht, er hat bisher bestenfalls eine Kompanie kommandiert. Horatio Gates, das sollte noch angemerkt werden, hat einen Kumpel namens James Wilkinson, der die größte Schande für die junge amerikanische Armee ist (lesen Sie mehr in dem Post Saratoga). Theodore Roosevelt hat über ihn gesagt: In all our history, there is no more despicable character. Er konnte Trump natürlich nicht kennen.

Heute vor zweihundertvierzig Jahren erlebt der Held von Saratoga sozusagen sein Waterloo, er verliert die Schlacht von Camden gegen den englischen General Cornwallis. Mit schrecklichen Verlusten. Um die Verluste kümmert er sich nicht, er flieht schon während der Schlacht vom Schlachtfeld. Reitet drei Tage, 180 Meilen lang, bis er in Hillsborough ist. But was there ever an instance of a general running away, as Gates has done, from his whole army? And was there ever so precipitate a flight? One hundred and eighty miles in three days and a half. It does admirable credit to the activity of a man at his time of life. But it disgraces the general and the soldier ...  for God's sake, send Greene, schreibt der junge Captain Alexander Hamilton. Gates verliert sein Kommando und wird nie wieder ein Heer kommandieren. In Roland Emmerichs Film ✺The Patriot kommt die Schlacht von Camden auch vor, aber das lassen wir mal weg, das hat nichts mit historischer Wahrheit zu tun. Und Roland Emmerich Filme kommen in diesem Blog sowieso nicht vor. Ich habe aber, wenn Sie Bilder zu dem Ereignis haben wollen, hier ein kleines ✺Video, das sich an die Fakten hält.

Aber die Amerikaner haben an diesem Tag einen Helden, den Generalmajor Baron de Kalb. Geboren wurde der als schlichter Johannes Kalb in Bayern, ging in die französische Armee, erhielt den Orden Mérite militaire und stieg bis zum stellvertrenden Generalquartiermeister der Armee des Oberrheins auf. Jean de Kalb geht mit dem Marquis de Lafayette 1777 nach Amerika, ist mit Washington in dem schlimmen Winter in Valley Forge und wird von ihm zum Generalmajor ernannt. Er hat die Schlacht von Camden nicht gewollt, doch er ist dem General Gates unterstellt, der gibt die Befehle. General de Kalb hält mit seinen Truppen seine Stellung, bis er tödlich verwundet wird.

Drei Tage nach der Schlacht schreibt Gates an den amerikanischen Kongress, er beginnt seinen Brief mit dem Satz In the deepest Distress and Anxiety of Mind, I am obliged to acquaint your Excellency with the Total Defeat of the Troops under my Command. An seinen Vorgesetzten George Washington schreibt er erst vierzehn Tage später, den Tod des Generals de Kalb erwähnt er in diesem Brief nicht. Gates beendet seinen Brief mit den Sätzen That your Excellency may meet with no such Difficulties—That your Road to Fame, and Fortune may be smooth and easy, is the sincere Wish of Sir Your Excellency’s most obedient humble Servant. Will  er sich noch bei Washington einschleimen? Er weiß, dass seine Karriere am Ende ist, der Wunsch von Alexander Hamilton for God's sake, send Greene wird wahr, General Nathanael Greene übernimmt den Posten von Horatio Gates. Ein Jahr später muss sich die englische Armee unter Lord Cornwallis bei Yorktown ergeben.

Horatio Gates, der miles gloriosus der amerikanischen Armee, ist natürlich nicht in der Mitte der Schlacht vom Schlachtfeld geflohen, nein, er wurde von den fliehenden Miliztruppen mitgerissen: I endeavoured, with General Caswall, to rally the militia at some distance, on an advantageous piece of ground, but the enemy’s cavalry continuing to harass their rear, they ran like a torrent, and bore all before them. Hoping yet, that a few miles in the rear they might recover from their panic, and again be brought into order, I continued my endeavour, but this likewise proved in vain. The militia having taken the woods in all directions, I concluded, with General Caswall [sic], to retire toward Charlotte.  Lange bevor Trumps Beraterin Kellyanne Conway den Begriff der alternative facts erfunden hat, macht Horatio Gates davon schon Gebrauch.


Lesen Sie noch mehr zu dem Freiheitskampf der Amerikaner in den Posts: Saratoga, Cowpens, Nathanael Greene und Banastre Tarleton

Dienstag, 16. August 2011

Cowpens


Heute ist der Jahrestag der Schlacht von Camden, wo die Amerikaner unter Führung von General Horatio Gates so fürchterlich verloren haben. Und der feige Gates sicherheitshalber erst einmal getürmt ist. Ich hatte das schon erwähnt, als ich über ➱Nathanael Greene schrieb. Und ich nehme das Datum einmal zum Anlass, das Versprechen einzulösen, über die denkwürdige Schlacht von Cowpens und den General Daniel Morgan zu schreiben.

Die ➱Baronin Riedesel, die ihrem Gatten nach Amerika gefolgt war, hat uns in ihrem Buch Die Berufs-Reise nach America. Briefe der Generalin Riedesel auf dieser Reise und während ihres siebenjährigen Aufenthaltes in America zur Zeit des dortigen Krieges in den Jahren 1777 bis 1783 nach Deutschland geschrieben ein lebendiges Bild von ihrer Zeit in Amerika während des Unabhängigkeitskrieges hinterlassen. Sie mokiert sich darin auch über amerikanische Offiziere, die vor dem Krieg einfache Handwerker waren. Das kann man sich in deutschen Adelskreisen einfach nicht vorstellen. Allerdings hat auch Washington ähnliche Vorstellungen von einem Offizier. Er feuert einen Captain, der vorher Friseur war und jetzt seiner Kompanie die Haare schneidet. Irgendwo sind Grenzen. Ganz bestimmt hat Daniel Morgan der Baronin Riedesel nicht gefallen, denn der grobschlächtige ungebildete Mann begann sein Berufsleben als Fuhrunternehmer, den Spitznamen Old Waggoner hat er sein Leben lang getragen. Er kann immerhin lesen und schreiben, wir sollten aus der Orthographie der wenigen erhaltenen Briefe nicht auf seine Intelligenz schliessen. Amerikaner können keine Rechtschreibung! Das sieht in den Manuskripten von Hemingway und Fitzgerald nicht anders aus als bei dem Old Waggoner. Die Baronin Riedesel hat in Saratoga ja noch mal Glück gehabt, dass sie nach der für die Engländer (und ihren Gatten) schmähliche Kapitulation nicht mit dem Colonel Morgan am Tisch sitzen musste, weil sie der nette General Schuyler in sein Zelt eingeladen hatte.

Wenn wir John Trumbull trauen dürfen, dann hat Daniel Morgan in Saratoga (einer Schlacht, die seine Elitetruppe aus Virginia mitentschieden hat) so ausgesehen, wie auf diesem Bild. Es ist nicht die Uniform, die die amerikanischen Generäle Schuyler, Glover und Whipple neben ihm tragen. Oder Horatio Gates in der Bildmitte. Der mit der Schlacht wenig zu tun hat, sich aber als Sieger feiern lässt. Daniel Morgan trägt wie sein berühmtes 11. Virginia Regiment ein hunting shirt (dies ist allerdings die Gala-Ausführung). Das wird ➱Mode machen. Auch Washington (der so etwas natürlich nie trägt) und der Kongress sind von dem Teil begeistert. Weil es viel preiswerter in der Herstellung (sei es Leinen oder Hirschleder) ist als eine richtige Uniform. Was durch James Fenimore Coopers Lederstrumpf eines Tages berühmt wird, tragen die Scharfschützen von Morgan jetzt schon.

Sie sind bei den Engländern gefürchtet. Morgan hat nur Leute in seinem Regiment aufgenommen, die mit dem ersten Schuss ein Ziel von der Größe eines Kopfes auf 100 Yards trafen. Der Fama noch soll die Zielscheibe ein Abbild von König Georg gewesen sein. So etwas finden die Engländer schlichtweg not fair, man schießt nicht aus der Ferne auf Offiziere. Die Engländer haben auch eine Truppe von Scharfschützen, kommandiert von Major Patrick Ferguson, in Amerika. Der hat auch ein Gewehr erfunden, das seiner Zeit hundert Jahre voraus ist. Kein Vergleich mit der Brown Bess Muskete der Army. Aber man wird dieses Gewehr nicht in großen Zahlen bauen und einsetzen, Patrick Fergusons sharp shooters spielen nur eine marginale Rolle in dem Krieg. Und dabei hätte er George Washington (er wusste nicht, dass es Washington war) erschiessen können, aber er hat es gelassen. Er fand es disgusting: As I was with the distance, at which in the quickest firing, I could have lodged a half dozen balls in or about him before he was out of my reach, I had only to determine, but it was not pleasant to fire at the back of an unoffending individual who was acquitting himself coolly of his duty, and so I let him alone. Morgan hat keine Schwierigkeiten, seinen Leuten zu befehlen, auf die Offiziere und die Sergeanten zuerst zu schießen.

Der Krieg in Amerika hat, vor allem seit er sich in den Süden verlagert hat, andere Formen angenommen als es die Engländer von ihren Kriegen in Europa gewöhnt sind. Da führt man noch (auf jeden Fall bis zu Napoleons levée en masse) das, was Historiker den Kabinettskrieg nennen. Feste Regeln und Reglementierungen. Hatte es schon seit dem Mittelalter gegeben, da gab es schon Schiedsrichter, deren Hauptaufgabe es war, sich auf den Namen der Schlacht (nach dem nächsten Adelssitz) zu einigen. Und zu erklären, wer gewonnen hatte. Es war festgelegt, wer wen gefangen nehmen durfte, wer wen erschlagen durfte. Aber Gesetze sind offensichtlich dafür da, um gebrochen zu werden. Die Frucht vom Baum der Erkenntnis wird unerlaubt gegessen. Der Sündenfall des "zivilisierten" Krieges findet spätestens in der Schlacht von Azincourt statt, als die walisischen Bogenschützen anfangen, die adligen französischen Ritter zu erschlagen.

Die Europäer hatten schon vor dem Revolutionskrieg den Krieg einmal nach Amerika getragen. Was bei uns Siebenjähriger Krieg heißt, heißt in den Kolonien French and Indian War, und da bekommt der Krieg eine neue Dimension der Grausamkeit. James Fenimore Coopers ➱Version von dem massacre of Fort William Henry ist ja noch eine nette Version von dem, was in Amerika in diesen neun Jahren geschieht. Der junge Daniel Morgan ist (wie der junge George Washington) dabei gewesen. Er hat einmal einen englischen Offizier verprügelt, was ihm 499 Peitschenhiebe einbringt. Normalerweise ist der Delinquent dann tot, Morgan wird das überleben. Und die Engländer ewig hassen. Die Narben wird er sein Leben lang zeigen. Auch in der Nacht vor der Schlacht von Cowpens.

Daniel Morgans Gegner ➱Banastre Tarleton heißt bei den Amerikaner nur Bloody Ban, er soll Amerikaner niedergemetzelt haben, die sich längst ergeben hatten. Tarleton's quarter wird daraufhin das Umbringen wehrloser Gegner heißen. Beide Seiten betreiben das, der French and Indian War und viele kleine Indianerkriege (an denen Morgan auch teilgenommen hat) haben eine neue Dimension der Grausamkeit in die Kolonien gebracht. Francis Marion, den man den swamp fox nennt, erfindet den Guerrilakrieg. Der Kabinettskrieg ist eine Sache der Vergangenheit.

In der Nacht vor der Schlacht von Cowpens schläft Daniel Morgan nicht, er schleppt sich mit seinen kaputten Bandscheiben (ein Ergebnis des Kanadafeldzuges, das er als a glimmering glimpse of eternity bezeichnete) von Lagerfeuer zu Lagerfeuer und redet mit jedem. Besonders den jungen Freiwilligen von der Miliz, die keinerlei militärische Erfahrung haben. Er hat einen einfachen Plan, und er will, dass ihn jeder versteht. Kein General in Europa käme in diesem Jahrhundert auf die Idee, einen einfachen Plan zu haben und ihn in der Nacht vor der Schlacht seinen Soldaten zu erklären. Morgan baut seinen Plan darauf auf, dass sein Gegner Tarleton heißt, und der hat einen one track mind. Der beau sabreur der Engländer kann nur angreifen, Nachdenken ist bei ihm nicht.

Tarleton ist mit seinen Truppen unweit der Kuhpferche des Herrn Hannah, nach denen die Schlacht heißt. In der Eiseskälte der Dunkelheit (wir haben Januar) hetzt er sie, manchmal im Laufschritt, zum Schlachtfeld. Er weiß von seinen Spionen, dass der größte Teil von Morgans Truppen aus Milizsoldaten besteht. Für die hat er nur Verachtung übrig, sie waren ja auch bei Camden gleich weggelaufen - aber da hatte auch niemand die ganze Nacht mit ihnen geredet. Sie können auch nicht weglaufen. Auf jeden Fall, nicht sehr weit. Hinter ihnen ist der Broad River, das hat General Morgan so ausgesucht. Die Engländer haben bestenfalls vier Stunden in den letzten vierundzwanzig Stunden geschlafen, sie sind durch den Gewaltmarsch fix und fertig, als ihnen Tarleton bei Sonnenaufgang um 6.45 den Angriff befiehlt. Sie brauchen sich nicht mehr lange zu plagen, eine Stunde später ist alles vorbei, und beinahe die ganze Truppe von Tarleton ist tot oder in Gefangenschaft. The most serious calamity since Saratoga, wird einer der Offiziere aus Lord Cornwallis' Stab sagen. Es ist der Anfang vom Untergang der englischen Armee von Lord Cornwallis. Seldom has a battle, in which greater numbers were not engaged, been so important in its consequences as that of Cowpens, hat John Marshall gesagt.

Der Hergang der Schlacht ist schnell erzählt, jeder Stammtischstratege kann das. Fünftklässler einer amerikanischen High School stellen ihre Cowpens ➱Videos ins Netz (wenn Sie eine visuelle Hilfe brauchen, nehmen Sie ➱dieses Video). Auch der deutsche Wikipedia Artikel ist brauchbar, wenn auch in der Terminologie etwas seltsam (auf einer Heeresoffiziersschule war der Verfasser wohl nicht).

Daniel Morgan ist der archetypische amerikanische Held der frontier Gesellschaft (obwohl Daniel Boone bekannter geworden ist als er). Er scheint aus dem Nichts zu kommen, man weiß nichts über seine Herkunft und seine Familie. Er ist tough, stärker als all die Helden, die John Wayne gespielt hat. Er ist schnell beleidigt, und quittiert irgendwann den Dienst, weil man ihn bei der Beförderung zum General immer wieder übergangen hat. Aber als Horatio Gates die Schlacht von Camden verloren hat und die Continental Army im Süden vor ihrer Auflösung steht, da schleppt er sich mit seinem kaputten Rücken wieder auf das Schlachtfeld. Und schlägt die verhassten Briten in einer Stunde. Danach ➱schreibt er an seinen Vorgesetzten Nathanel Greene: Dear Sir, The Troops I had the Honor to command have been so fortunate as to obtain a compleat Victory over a Detachment from the British Army commanded by Lt Colonel Tarlton. The Action happened on the 17th Instant about Sunrise at the Cowpens. It perhaps would be well to remark, for the Honour of the American Arms, that Altho the Progress of this Corps was marked with Burnings and Devastations & altho’ they have waged the most cruel Warfare, not a man was killed, wounded or even insulted after he surrendered. Had not Britons during this Contest received so many Lessons of Humanity, I should flatter myself that this might teach them a little, but I fear they are incorrigible.

Und er beendet den Brief mit den Sätzen From our Force being composed of such a Variety of Corps, a wrong Judgment may be formed of our Numbers. We fought only 800 men, two thirds of which were Militia. The British with their Baggage Guard, were not less than 1150, & these Veteran Troops. Their own Officers confess, that they fought 1037. Such was the Inferiority of our Numbers that our Success must be attributed to the Justice of our Cause & the Bravery of our Troops. My Wishes would induce me to mention the Name of every private Centinel in the Corps I have the honor to Command. In Justice to their Bravery & good Conduct, I have taken the Liberty to enclose you a List of their officers from a Conviction that you will be pleased to introduce such Characters to the World.

Hätte er Shakespeares Henry V gekannt, hätte er sagen können: We few, we happy few, we band of brothers.

Montag, 14. Juni 2010

Verrat


Ja, so könnte es gewesen sein. Patriotische Amerikaner haben gerade einen englischen Gentleman gefangen genommen. Der behauptet Zivilist zu sein. Trägt auch Zivil, also das, was Engländer zu dieser Zeit so tragen. Eine Art blauer Frack, gelbliche Reithosen. Wir kennen es als die Kleidung des jungen Werther. Der Herr versucht unsere tapferen amerikanischen Patrioten noch mit einer goldenen Taschenuhr zu bestechen, und er bietet ihnen auch noch sein Pferd an, aber schon hat man die verräterischen Pläne in seinem Stiefel entdeckt. Geheime Pläne, die den Engländern alles über das Fort West Point verraten können. Der Herr in der Werthertracht ist kein privat reisender Gentleman, er ist Major in der englischen Armee, besitzt allerdings auch Papiere von General Benedict Arnold, die ihn als Amerikaner ausweisen. Er hat in Wirklichkeit nicht so elegante Klamotten getragen, die Zivilkleidung, die er angehabt hatte, gehörte ihm nicht, er hatte sie sich gerade geliehen. Wir sind im Jahre 1780, und es ist Krieg zwischen England und den amerikanischen Kolonien. Auf einem zeitgenössischen Flugblatt sieht die gleiche Szene so aus:

Hier trägt die amerikanische Miliz ja schon etwas Uniformähnliches, und der kniende Soldat liest etwas, was wir auch lesen können: Plan of West Point. Bei dem Amerikaner (er heißt John Paulding) dauert das etwas länger, er ist der einzige von den dreien, der ein wenig lesen kann. Eigentlich wollte der Engländer ja mit dem Schiff auf dem Hudson zurück (das englische Schiff ist auf beiden Abbildungen im Hintergrund zu sehen), aber bei diesem geheimen Treffen mit General Arnold ist alles schiefgegangen.  Major John André ist juristisch gesehen ein Spion, so sieht das auch George Washington. Tod durch den Strang ist das Urteil des Kriegsgerichts, in dem auch unser deutscher Baron Steuben sitzt. André möchte lieber als Offizier erschossen werden. Washington ist untröstlich, betrauert auch das Schicksal des gentleman and gallant officers, aber besteht auf dem Galgen. Immerhin hängt man ihn in Uniform.

In gewisser Weise ist dies Washingtons Rache für den Tod von Captain Nathan Hale, den Sir William Howe auch als Spion hatte hängen lassen. Hale ist derjenige, der angesichts des Todes gesagt hat, dass es schade sei, dass er seinem Vaterland nur ein Leben geben könne (wenn der englische Captain John Montresor, der Ingenieur und Kartograph war, das korrekt aufgeschrieben hat). Hale war Mitglied des von Washington gegründeten Culper Rings, des ersten amerikanischen Militärgeheimdienstes. Deshalb steht auch eine Nathan Hale Statue vor dem Gebäude der CIA in Langley. John Andrés Leiche wird unter dem Galgen verscharrt. Vierzig Jahre später gräbt man sie wieder aus und bestattet den Major in der Heldenecke der Westminster Cathedral.

Da weint Britannia auf dem Sarkophag, neben ihr sitzt der englische Löwe. Das ist eigentlich ein bisschen zu viel Ehre für den Major, der in den dreißig Jahren seines Lebens nichts wirklich Heldenhaftes getan hat. Er konnte tanzen und singen und sprach mehrere Sprachen, konnte gut zeichnen und Scherenschnitte anfertigen. Die Frauen liebten ihn, er soll auch eine Affaire mit Peggy Shippen gehabt haben, bevor sie die Frau von Benedict Arnold wird. Als General Howe Philadelphia besetzt hat und mit seiner Geliebten Elizabeth Loring im Bett liegt, wohnt John André im Haus von Benjamin Franklin. Und organisiert die Feste für das Offizierscorps, während George Washington sich draußen in Valley Forge mit seiner Armee zu Tode friert.

Der General Benedict Arnold hat in der amerikanischen Armee wenig Fortüne gehabt, sein Feldzug nach Quebec 1775 war fehlgeschlagen, man hatte ihn jahrelang auf den Titel eines Generalmajors warten lassen. Und bei der Schlacht von Saratoga hat ihm der General Horatio Gates das Kommando entzogen. Bei dieser Schlacht büßt er auch beinahe ein Bein ein, nachdem er so hysterisch über das Schlachtfeld getobt war, dass seine eigenen Leute ihn für besoffen hielten und ihm androhten, ihn vom Pferd zu schießen. Arnold ist ein tapferer Mann und ein guter Taktiker, aber er ist nicht das, was die Briten einen Gentleman nennen würden. Unbeherrscht, aufbrausend, eitel und nachtragend ist er, und jetzt verhandelt er heimlich mit den Engländern.

Er war an dem Tag eigentlich mit Washington zum Frühstück verabredet. Als Washington ins Haus kommt, ist da zwar der Tisch gedeckt, aber er findet nur eine heulende Peggy Shippen vor. Es gibt auch Berichte, wonach sie sich in ihrer Erregung unziemlich entblößt hätte, aber so etwas verfängt ja bei George Washington gar nicht. Benedict Arnold ist kurz zuvor aus dem Haus gehumpelt, nachdem er gehört hat, dass man John André gefangen hat. Hinunter zum Hudson, hat sich mit einem Ruderboot auf den Marinekutter Vulture (der Major André den Fluss hinauf gebracht hatte) übersetzen lassen und dem Kapitän gesagt, dass er ihn nach New York zu General Clinton (Bild) bringen soll. Sir Henry Clinton ist der neue Oberkommandierende in Amerika, nachdem General Howe die Brocken hingeschmissen hat. Sir Henry hat mit André gerade einen Adjutant General verloren, aber mit Benedict Arnold jetzt einen neuen Brigadegeneral gewonnen (George Washington macht ihm ein Angebot, André gegen Arnold zu tauschen, aber darauf mag Clinton, der sein Leben lang jede Entscheidung scheut, nicht eingehen). Vielleicht ist es passend, dass der Marinekutter Geier heißt. Noch an Bord wird Arnold einen Brief an Washington schreiben, in dem er darum bittet, dass man seine Frau nach England ausreisen lässt.

Arnold erhält zwar von den Engländern 6.000 Pfund Sterling (was damals sehr viel Geld ist) einen Generalstitel und eines Tages von George III das Versprechen, dass seine Söhne eines Tages Offizier in der Armee werden können, aber die Engländer werden ihm nie so recht trauen. Sie vertrauen ihm auch kein echtes Kommando an. Ein amerikanischer Offizier, der einmal sein Gefangener wird, antwortet ihm auf die Frage, was die Amerikaner wohl mit ihm machen würden, wenn sie ihn fangen würden: They will cut off your leg which was wounded when you were fighting so gloriously for the cause of liberty, and bury it with the honors of war, and hang the rest of your body on a gibbet. Sie haben ihn nicht gefangen, er ist heute vor 209 Jahren in London gestorben. Aber auf einer symbolischen Ebene ist die freche Antwort des Amerikaners schon wahr geworden.

Das Monument des Sieges über die England bei Saratoga, wo Gentleman Johnny Burgoyne eine ganze Armee verloren hat, enthält vier Nischen, in denen Figuren der Generäle Gates, Schuyler und Morgan stehen. Die vierte Nische ist leer. Ein Jahrhundert nach der Schlacht hat man auf dem Schlachtfeld von ➱Saratoga ein kleines Denkmal für Benedict Arnold aufgestellt, das allerdings seinen Namen nicht enthält und nur seinen Stiefel zeigt. Es geht doch nichts über politische Symbolik.

Und in der Kirche in Battersea in London gibt es auch noch einen Grabstein und ein buntes Glasfenster für ihn. Die Ölgemälde oben zeigen West Point im frühen 19. Jahrhundert, als es da noch idyllisch ist und Peggy Shippen Arnold mit ihrer Tochter, gemalt von Sir Thomas Lawrence. Darunter sind die Sieger der Schlacht von Saratoga (auf der rechten Bildseite), gemalt von Colonel John Trumbull. General Horatio Gates weigert sich, den Degen von Gentleman Johnny anzunehmen und bittet zu einem kleinen Lunch in sein flaggengeschmücktes Zelt. Man hat zwar nur zwei Gläser für einen Trinkspruch, aber dafür ist der Braten gut. Burgoyne wird artig auf George Washington trinken. Und Gates ohne Zögern einen Toast auf Georg III ausbringen. Der Herr in Weiß ist mein Liebling von allen amerikanischen Revolutionshelden. Er heißt ➱Daniel Morgan, und er hält sich an keine Kleiderordnung. Die Baronin von Riedesel, deren Mann General in englischen Diensten war, und die ihn bei dem amerikanischen Feldzug begleitet hat (und da auch noch Kinder gekriegt hat), fand diese Hinterwäldler wie Daniel Morgan ganz furchtbar. Trotz ihrer bornierten Vorbehalte ist ihr Bericht über die Berufsreise nach Amerika eine ganz wunderbare Lektüre.

Sonntag, 19. September 2010

Saratoga


Das ist Mrs Schuyler, wie sie gerade ihren Weizen anzündet, damit die englische Armee ihn nicht bekommt. Wir sind im Amerika des Jahres 1777, der Unabhängigkeitskrieg tobt. Der Ehemann von Mrs Schuyler hat ihr gesagt, dass sie den Weizen anzünden soll. Der Ehemann heißt Philip Schuyler und kommandiert hier die amerikanischen Truppen. Wir wissen nicht wirklich, ob Mrs Schuyler ihren Weizen niedergebrannt hat oder ob sich Emanuel Leutze diese Szene nur ausgedacht hat. Die Geschichte taucht in einem Buch von Elizabeth Ellet The Women of the American Revolution 1848 auf, daher hat Leutze sie. Wir wissen aber ziemlich sicher, dass die Schlacht zwischen den Engländern und Amerikanern auf dem Grund und Boden der Schuylers stattfinden wird und dass die Engländer das Haus der Schuylers abbrennen werden.

Heute vor 233 Jahren begann die Schlacht von Freeman's Farm, der Beginn von wochenlangen Kämpfen, die zusammengefasst als Schlacht von Saratoga bezeichnet werden. An deren Ende wird sich eine ganze englische Armee unter dem Generalmajor John Burgoyne, genannt Gentleman Johnny, ergeben. Schuyler wird sein Haus wieder aufbauen, man kann es heute noch besichtigen. In der gleichen Gemeinde Schuylerville kann man noch ein anderes Haus besichtigen, das Marshall House heißt. Hier ist bei der Schlacht von Bemis Heights (manchmal auch Saratoga II genannt) eine andere Frau eine Heldin, die Baroness Friederike Charlotte Riedesel.

Sie macht aus Marshall House ein Feldlazarett, sie ist jetzt eine Vorläuferin von Florence Nightingale. Man würde sie heute zu Recht als tough bezeichnen. Die Engländer nennen sie Mrs. General. Sie ist ihrem Mann, der General Braunschweigs in englischen Diensten ist, nach Amerika gefolgt, ein Kleinkind unter dem Arm (auch in Amerika wird sie ihm noch Kinder gebären). Sie wird alles aufschreiben, was sie in Amerika erlebt, ihr Buch Die Berufs-Reise nach America. Briefe der Generalin Riedesel auf dieser Reise und während ihres siebenjährigen Aufenthaltes in America zur Zeit des dortigen Krieges in den Jahren 1777 bis 1783 nach Deutschland geschrieben ist für Historiker eine Fundgrube. Ist aber auch für den normalen Leser amüsant, man kann es antiquarisch noch finden. Sie ist ein klein wenig borniert, weiß alles besser und die Amerikaner sind für sie Barbaren. Außer dem netten und gebildeten Mr Jefferson, bei dem sie sich dann später in der Kriegsgefangenschaft befinden. Die Riedesels haben sich in der Nähe von Jeffersons Landsitz Monticello ein einfaches Holzhaus gebaut, man besucht sich gegenseitig und macht Hausmusik miteinander. Jefferson verkauft Riedesel sogar ein Klavier, einer der braunschweigischen Offiziere wird Jefferson beim Abschied alle seine Noten schenken. Man hat in diesen Kreis damals noch Stil.

Der Feldzugsplan, den John Burgoyne persönlich Lord Germain, der englischen Regierung und dem König verkauft hatte, sah auf der Landkarte so schön aus. Von Kanada aus auf den großen Seen nach Süden, dann den Hudson hinunter nach Albany. Und schon hat man die aufständischen Kolonien zweigeteilt, wie mit dem Buttermesser. Zuerst geht ja noch alles gut.Der Generalgouverneur von Kanada Sir Guy Carleton hat alles gut vorbereitet, und Burgoyne kann den Rebellen das Fort Ticonderga schnell abnehmen. Aber statt jetzt schnell weiter mit den flachen Booten auf dem Lake George nach Süden zum Hudson zu schippern (a splendid regatta, notiert ein Zeitgenosse), macht Burgoyne den Fehler, an Land zu gehen. Und nun wird er mit seiner Armee, beinahe 8.000 Mann und den Kanonen und Nachschubwagen sehr langsam. Zumal diese gemeinen Rebellen ständig Bäume umhacken, was den Marsch Stunden um Stunden verzögert. Und weit hinten überfallen die Rebellen, die von Tag zu Tag mehr werden, seinen Tross und nehmen ihm den Nachschub weg. Glücklicherweise bleiben dem Lebemann (vorerst) die Wagen, in denen er seinen Champagner transportiert. Die Baroness Riedesel, die Burgoyne nicht ausstehen kann, deutet an, dass es im Troß von Burgoyne auch einen fahrbaren Puff gibt. Und während sie nach der Schlacht von Freemans Farm das Essen vom Tisch geräumt hatte, damit der arme General Simon Fraser darauf sterben kann amüsierte sich [Burgyone] mit der Frau eines Commissairs, die seine Maitresse war und, wie er, den Champagner liebte.

Aber sei es wie es sei, Burgoyne steckt fest. Von dem Colonel Barry St. Leger, der das Mohawk Valley und Fort Stanwix erobern und dann zu Burgoynes Armee stoßen sollte, hört man auch nix mehr. Und die tausend Mann, hauptsächlich Hessen, die er nach Bennington in Vermont geschickt hatte, damit sie dort ein Vorratslager plündern, sieht er auch nicht wieder. So langsam dämmert es unserem Lebemann Gentleman Johnny, dessen erstes Theaterstück gerade auf den Londoner Bühnen gespielt wird, dass er die Wette nicht gewinnen wird, die er zuhause in seinem Club abgeschlossen hat. Dass er Weihnachten wieder siegreich in London sei.

Wenn er jetzt schlau wäre, würde er kehrtmachen. Aber er ist ein Spieler und hofft darauf, dass der Colonel St. Leger doch noch auftaucht oder dass die Generäle Clinton oder Howe ihn von Süden her unterstützen. Aber Clinton bleibt sicherheitshalber (beinahe den ganzen Krieg) in New York. Und Sir William Howe hatte Lord Germain mitgeteilt, dass er jetzt Philadelphia erobern wolle. Außerdem muss er sich um seine Geliebte, Mrs Betsy Loring, kümmern. Und hat ständig diesen Washington im Nacken. Es kümmert ihn auch nicht groß, dass es jetzt so nette Verse gibt wie:

Sir William he,
snug as a flea,
Lay all this time a snoring,
Nor dreamed of harm
as he lay warm,
In bed with Mrs. Loring.


Da wäre Burgoyne jetzt vielleicht auch lieber, stattdessen verwüstet er Grund und Boden von General Schuyler. Der wird ihn aber trotzdem, wenn sich Burgoyne Wochen später ergibt, sehr höflich behandeln. Er beherbergt ihn sogar später in Albany. Beherbergt auch die zickige Baroness Riedesel, die überrascht ist, einen Mann von solcher Höflichkeit und Lebensart bei den Amerikanern zu finden. Normalerweise kann es ihr ja keiner rechtmachen, aber die kritisiert ja nun (ausser ihrem Mann, der ganz toll ist und dem die Engländer besser das Oberkommando gegeben hätten) jeden. Der arme Major Acland, schon bei Ticonderoga verwundet, und jetzt von den Rebellen durch beide Beine geschossen und gefangen genommen. Seine Frau holt sich von General Burgoyne einen Pass, rudert den Hudson hinunter durch die amerikanischen Linien, um ihrem Mann beizustehen. Die Amerikaner behandeln sie sehr höflich, sie darf ihren Mann gesundpflegen. Aber unsere Baroness kann es nicht lassen, und muss dem noch ein ob er gleich ein roher Mensch war, der sich fast alle Tage betrank hinzusetzen. Acland, von dem es ein Portrait von Joshua Reynolds gibt, wird sich dank der liebevollen Pflege von Lady Harriet (die auch ein Diary führen wird) von den Verletzungen erholen. Wenn er wieder in England ist, wird er nicht müde werden, die ritterliche Haltung der Amerikaner zu rühmen. Er stirbt nach einem Duell. Allerdings nicht durch eine Schuss- oder Stichverletzung, er hat sich an dem kalten Oktobermorgen verkühlt. Er hatte einen jungen englischen Leutnant zu dem Duell gefordert, weil der eine herablassende Bemerkung über die Amerikaner gemacht hatte.

Catherine (genannt Kitty) Van Rensselaer Schuyler ist gerade dabei, die Möbel aus dem Haus in Saratoga abzuholen, damit die Engländer die nicht mitnehmen, als sie die Nachricht von ihrem Mann bekommt, sie solle auch den Weizen anzünden. So steht es 1848 bei Mrs Ellet in ihrem Buch über die Heldinnen des Unabhängigkeitskrieges. Auf das Haus können die Schuylers verzichten, sie wohnen hier nicht ständig. Sie haben ein Haus in Albany, der Hauptstadt von New York. Dort beherrscht Kitty Schuyler als umschwärmter Mittelpunkt auch die Gesellschaft, sie kommt aus einer der reichsten holländischen Familien des Staates New York.

Hier auf dem Familienbild von der Kapitulation hat man ihren Gatten schon ganz schön aus der Bildmitte geschoben. In der Bildmitte ist Horatio Gates, vielleicht der unfähigste General, den die Amerikaner jetzt haben. Er weist mit einer dieser Gebärden, die wir auf dieser Art von Bildern immer wieder finden, das Schwert von Johnny Burgoyne zurück. Lass stecken, Kumpel. Nach der Zeremonie wird zu einem kleinen Umtrunk geladen, obgleich man nicht genug Gläser für den Punsch hat. Philip Schuyler ist der fünfte von rechts, der in dem braunen Anzug. John Trumbull hat ihn nicht mit einer blauen Generalsuniform gemalt, obgleich Schuyler als einer der ersten vom Kongress ernannten Generalmajore einer der ranghöchsten Soldaten ist. Aber er hatte in diesem Jahr diese Gichtanfälle, konnte sich kaum bewegen, hat manches schleifen lassen. Und das nutzte der intrigante Horatio Gates aus, um den Posten von Schuyler zu bekommen. Er legt sich ins gemachte Bett, denn Schuyler hatte den Ort der Schlacht ausgewählt, durch Thaddäus Kosciuszko die Befestigungsanlagen bauen lassen und die Anwerbung der Truppen vorangetrieben. Gates wird später noch an einer Intrige zur Entmachtung Washingtons beteiligt sein und wird drei Jahre später bei der einzigen Schlacht, die nicht von anderen für ihn gewonnen wird, eine verheerende Niederlage erleiden und vom Schlachtfeld von Camden fliehen. Danach gibt man ihm nie wieder ein Truppenkommando.

Gates hat einen Kumpel, der noch peinlicher ist als er selbst, das ist der Colonel James Wilkinson. Wahrscheinlich das kriminellste Element, das je in der US Army war, jemand der keine Schlacht gewonnen und kein Kriegsgerichtsverfahren verloren hat. Er wird es Jahrzehnte später noch bis zum ranghöchsten amerikanischen Offizier bringen. Man kann seinen Kopf ganz klein über der Hand von Gates sehen. Der kleine Kopf über dem Schwert von Burgoyne ist übrigens der Freiherr Riedesel zu Eisenbach. ➱Thaddäus Kosciuszko ist nicht auf dem Bild. General Benedict Arnold, der auch gerne den Oberbefehl im Norden hätte, auch nicht. Aber das Bild ist Jahrzehnte nach dem Ereignis gemalt, da mochte man den Vaterlandsverräter vielleicht nicht auf dem Bild sehen. Der Mann, der nach der Vorbereitung von Schuyler und Kosciouszko, die Schlacht wahrscheinlich mit seinen Leuten entscheidet, trägt hier eine extravagante weiße Uniform. Es ist der Colonel Daniel Morgan, und ihm werde ich irgendwann später doch noch eine kleine Abhandlung widmen.

Frauen sind nicht auf dem Bild, aber sie gehören natürlich zu der Geschichte. Saratoga würde uns nichts bedeuten, wenn Mrs Schuyler ihren Weizen nicht verbrennen würde, solch ein Bild vergisst man nicht. Die Baroness Riedesel wird nach der Kapitulation von einem ihr unbekannten Mann angesprochen und mit ihren Kindern zu einem frugalen Mal in sein Zelt eingeladen. Es ist Philip Schuyler, der sie einlädt. Er wird die Riedesels auch in sein schön möbliertes Haus (das mit den Möbeln fällt Henrike Charlotte gleich auf) nach Albany einladen, selbst wenn sie jetzt Gefangene sind.

Die kleine Geschichte mit Kitty Schuyler, ist eine nette Beigabe derjenigen, die Geschichte erzählen. Eine gute Erzählung braucht dekorative Elemente. Wie diese Betsy Ross, die das erste Sternenbanner genäht haben soll oder Molly Pitcher, die die Schlacht von ➱Monmouth entscheidend beeinflusst haben soll. In einer anderen Kategorie bewegen sich die Baroness Riedesel und Lady Harriet Acland, sie sind mittendrin, da wo Geschichte gemacht wird, und sie führen ein Tagebuch. Wie unzuverlässig es auch sein mag. Aber was ist mit den Frauen, die zwischen den Lagern stehen?

Was ist mit Margaret Kemble, einer der schönsten Frauen in den Kolonien? Verheiratet mit dem englischen General Thomas Gage, der nur ungern Krieg gegen seine eigenen Landsleute führt. Soll den Revolutionären geheime Pläne zugespielt haben. Aber das sind nur Verdächtigungen, bewiesen ist nichts. Obgleich ihr Gatte das seiner Frau schon zutraut, er schickt sie sicherheitshalber nach England. Und dann haben wir noch Peggy Shippen, die sich ein wenig entblösst, um George Washington aufzuhalten, als ihr Gatte, der Verräter Benedict Arnold, gerade dabei ist zu türmen. Ihre Verwicklungen in Verrat und Spionage sind schon etwas handfester als bei Margaret Kemble Gage. Und damit kommen wir noch einmal zurück auf Mrs Loring. Was ist dran an der These, dass die Engländer den Krieg verloren haben, nur weil General Howe in ihrem Bett lag? Oder haben sie in Philadelphia doch nur ein paar Mal getanzt? Klatsch und Tratsch sind natürlich immer schön, und Geschichten entstehen jetzt im Kriege schnell, die dann von der Propaganda immens vergrößert werden.

Wir wissen wissen, dass die blonde Schönheit Elizabeth Lloyd Loring damals seit beinahe zehn Jahren mit Joshua Loring Jr verheiratet war. Dass er Kommissär für die englische Armee war und sich dabei sicherlich bereichert hat, dass ihm die Generäle Gage, Howe und Cornwallis Empfehlungsschreiben ausgestellt haben. Er zieht mit Betsy nach England, sie wird ihm noch drei Kinder schenken (eins davon wird noch ein englischer Admiral werden). Nach seinem Tode wird sie eine Staatspension beantragen, was Lord Howe mit etwas zittriger Hand befürwortet: I certify to the Facts as stated in this Petition relative to the late Mr. Loring’s Loyalty, to the Widow’s present distressed circumstances, and to the affluent income Mr. Loring enjoyed in America- W. Howe. Sie wird noch lange leben, bis zum Jahre 1831. Sieben Jahre vorher war Margaret Kemble Gage gestorben, sie war neunzig Jahre alt geworden. Sie wird ewig bewahrt auf dem Bild von John Singleton Copley, wo sie in der gerade modischen türkischen Verkleidung auf dem Sofa drapiert ist.  Von Elizabeth Loring haben wir leider kein Bild.

Diese Dame auf dem Bild von Gilbert Stuart fällt nicht unter die Kategorie der Schönheiten der amerikanischen Revolution von leicht zweifelhaftem Ruf. Abigail Adams ist eine der ersten First Ladies der amerikanischen Geschichte, die einzige Frau, die Gattin eines Präsidenten und Mutter eines Präsidenten ist. Remember the Ladies, hat sie ihrem John in einem Brief geschrieben: I long to hear that you have declared an independancy-and by the way in the new Code of Laws which I suppose it will be necessary for you to make I desire you would Remember the Ladies, and be more generous and favourable to them than your ancestors. Do not put such unlimited power into the hands of the Husbands. Remember all Men would be tyrants if they could. If perticuliar care and attention is not paid to the Laidies we are determined to foment a Rebelion, and will not hold ourselves bound by any Laws in which we have no voice, or Representation.

That your Sex are Naturally Tyrannical is a Truth so thoroughly established as to admit of no dispute, but such of you as wish to be happy willingly give up the harsh title of Master for the more tender and endearing one of Friend. Why then, not put it out of the power of the vicious and the Lawless to use us with cruelty and indignity with impunity. Men of Sense in all Ages abhor those customs which treat us only as the vassals of your Sex. Regard us then as Beings placed by providence under your protection and in immitation of the Supreem Being make use of that power only for our happiness.


Und das ist eins der revolutionärsten Dokumente in der amerikanischen Revolution, eine Frau fordert die Rechte der Frauen in einer männlich dominierten Gesellschaft ein! Zuerst wollte ich ja eigentlich über die Schlacht von Saratoga schreiben, ich hatte das hübsche Bild von Leutze von Mrs Schuyler, aber dann bin ich über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben (um Kleist ein wenig zu verändern) zu den Frauen der amerikanischen Revolution gekommen. Und jetzt merke ich, dass man darüber noch viel mehr schreiben könnte. Aber für heute soll es mal reichen.

Sonntag, 7. August 2011

Nathanael Greene


Nathanael Greene hat heute Geburtstag. Er ist schon über zweihundert Jahre tot, aber in Amerika weiß man noch, wer er ist. Unzählige Schulen tragen seinen Namen, Orte sind nach ihm benannt. Er war ein General im Revolutionskrieg und einer der besten Freunde von George Washington. Er gilt als einer der fähigsten amerikanischen Generäle im Unabhängigkeitskrieg. Er hat keine einzige Schlacht gewonnen. Aber worin liegt seine Größe? Normalerweise beurteilt man Feldherren nach ihren gewonnenen Schlachten, damit kann der Quäker aus Rhode Island nicht aufwarten.

Als George Washington ihm einmal für wenige Tage die Armee überlässt, tut er das mit den folgenden Worten: In my absence the command of the army devolves upon you. I have such entire confidence in your prudence and abilities that I leave conduct of it to your discretion, with only one observation: that with our present prospects it is not our business to seek action, nor to accept one, except upon advantageous terms. Den letzten Satz hat er verinnerlicht, als er das Kommando über die amerikanische Armee in den südlichen Kolonien erhält: it is not our business to seek action, nor to accept one, except upon advantageous terms.

Der General Horatio Gates, ein miles gloriosus, der auch schon gegen Washington intrigiert hatte, war bei Camden vernichtend geschlagen worden. Hatte sich dann auf sein Pferd gesetzt und war am Abend schon 60 Meilen weit weg in Charlotte (North Carolina). Er hat nie wieder ein Kommando in der Revolutionsarmee bekommen. Nathanael Greene soll jetzt die geschlagene Armee wieder aufrichten und den Siegeszug von Lord Cornwallis aufhalten. Nachdem die Engländer die Amerikaner im Norden nicht haben schlagen können, hat Cornwallis den Krieg auf Befehl des glücklosen englischen Oberbefehlhabers Henry Clinton (der Lord Cornwallis nicht ausstehen kann) in den Süden getragen. In diese Staaten, die alle nach englischen Herrschern heißen: Georgia (nach George II), Carolina (nach Charles I), Virginia (nach der virgin queen Elizabeth I). Eigentlich war es Henry Clinton, der gerade Savannah eingenommen hat. Aber als die englischen Truppen die Stadt erobern, ist Clinton schon wieder in New York. Er ist am liebsten in New York, da war sein Pappi schon Gouverneur, da fühlt er sich sicher. Die Sache mit Savannah hat er auch nur unternommen, um die Scharte mit Sullivan's Island auszuwetzen, wo sich die Engländer so unsterblich blamiert haben. Und eine Kanonenkugel eines eigenen Geschützes Admiral Parker den Hosenboden weggeschossen hat. Einige Jahrzehnte später war der junge Edgar Allan Poe dort stationiert, seine Erzählung The Gold-Bug spielt auf Sullivan's Island.

Nathanael Greene hat den Krieg als gemeiner Soldat begonnen. Die Infanteriekompanie, in die er eingetreten war, wollte ihn nicht zu ihrem Captain wählen, weil er ein lahmes Bein hatte. Aber wenig später ist er schon Brigadegeneral der Miliz. Er ist vom Anfang des Krieges an immer an Washingtons Seite gewesen, später hat ihn Washington zum Generalquartiermeister der Armee gemacht. Das hat Greene nicht geschmeckt (No one ever heard of a quartermaster in history), aber er hat in dieser Zeit viel gelernt, er holt da sozusagen eine Generalstabsausbildung nach. Wie man Truppenteile bewegt, wie man Nachschub an Munition und Verpflegung organisiert. Vieles bezahlt er jetzt auch (wie Washington) aus eigener Tasche. In seiner Jugend hat er jedes Buch über die Kriegskunst gelesen, das er in die Finger kriegen konnte - was die Quäkergemeinde nicht gerne sah - jetzt kann er die Theorie in die Praxis umsetzen. Und er weiß, dass er Niederlagen einstecken wird, Scharmützel, Gefechte und Schlachten verlieren wird. We fight, get beat, rise, and fight again, schreibt er an den französischen Gesandten in Amerika, den Chevalier de la Luzerne (nach dem Luzerne County in Pennsylvania benannt ist). Der gleiche Satz findet sich auch in einem Brief an Washington vom 1. Mai 1781. General Greene hat den Unterschied zwischen Strategie und Taktik begriffen, er will keine Schlacht gewinnen, er will den Krieg gewinnen.

Und so sieht er zu, dass er immer einen Fluss zwischen sich und dem Gegner hält. Und die Engländer (und ihre deutschen Hilfstruppen) schleppen sich hinter ihm her. Von Georgia durch die Carolinas bis nach Virginia. Und immer wieder werden sie aus dem Hinterhalt attackiert. Von Leuten wie Francis Marion, den man den swamp fox nennt (und der eine der Vorlagen für den australischen Schlagetot Schauspieler Mel Gibson in Roland Emmerichs grauenhafter Geschichtsklitterung The Patriot ist). Aber auch ihre eigenen loyalistischen Miliztruppen (deren Stärke lange nicht so groß ist wie man General Cornwallis vorgemacht hat) verlieren gegen die amerikanischen Milizen in der Schlacht von Kings Mountain. Und Banastre Tarleton, der bestgehasste englische Offizier in Amerika, erleidet bei Cowpens eine schmähliche Niederlage. Und mit jedem Gefecht wird Cornwallis' Armee kleiner. Die Amerikaner schiessen auch gemeinerweise zuerst auf die Offiziere. Einfache Soldaten kann Cornwallis aus den loyalistischen Milizen rekrutieren, Offiziere, die ihren Beruf erlernt haben, bekommt er nicht nach. Die Truppen, die ihm Clinton versprochen hat, kommen auch nie an.

Vor einem Jahr, als ich über Banastre Tarleton schrieb, versprach ich, demnächst einmal über die denkwürdige Schlacht von Cowpens zu schreiben. Ich habe es immer noch nicht getan, weil hier in diesem Blog kein System drin ist, und ich mich von augenblicklichen Einfällen leiten lasse. Das hat natürlich einen gewissen Charme, ist aber auch ein geniales Kuddelmuddel. Aber ich habe keine Lust, nur zu einem Thema zu schreiben. Dann hätte ich kein Blogger zu werden brauchen, dann hätte ich ein Buch geschrieben. Was viel langweiliger ist, als einen Blog zu füllen. Ich weiß das. Und ich verspreche jetzt auch, demnächst über die Schlacht von Cowpens zu schreiben.

Die Schlacht von Cowpens hat sich Nathanael Greene zum Vorbild genommen, als er sich endlich Lord Cornwallis in einer Schlacht stellt. Er wird die Schlacht von Guilford Court House verlieren, weil der Gegner am Ende der Schlacht das Feld behauptet, nachdem sich Greene geordnet zurückgezogen hat. Aber das ist wieder einmal das, was man so schön als Pyrrhussieg bezeichnet. The enemy got the ground the other Day. They had the splendour but we the advantage. Cornwallis kann Greene nicht verfolgen, er schafft es nicht einmal, sich um seine Toten und Verwundeten zu kümmern, die beinahe zwei Tage im strömenden Regen auf dem Schlachtfeld liegen. Allein die Garderegimenter verlieren elf ihrer neunzehn Offiziere durch Tod oder Verwundung (und beinahe die Hälfte der Mannschaften). Als die Verlustlisten London erreichen, wird der Oppositionsführer im Parlament Charles James Fox ausrufen Another such victory would ruin the British army! Als der Bericht von General Greene den Kongress in Philadelphia erreicht, hat eine Zeitung die schöne Schlagzeile Good News from the South.

Your private letter of the 18th ultimo came safe to hand. Although the honors of the field did not fall to your lot, I am convinced you deserved them. The chances of war are various and the best concerted measures, and the most flattering prospects, may and often do deceive us; especially while we are in the power of the militia. The motives which induced you to seek an action with Lord Cornwallis are supported upon the best military principles; and the consequences, if you can prevent the dissipation of your troops, will no doubt be fortunate. Every support, that it is in my power to give you from this army, shall cheerfully be afforded; but if I part with any more troops, I must accompany them or have none to command, as there is not at this moment more than a garrison for West Point, nor can I tell when there will be.

Das ist der Brief, den Nathanael Greene von George Washington erhält, seinem großen Lehrmeister im Zögern und Abwarten. Washington wird ein wenig Verstärkung durch die Truppen des Comte de Rochambeau erhalten. Obwohl sein Französisch kaum existent ist (dafür ist sein Latein gut), verstehen sich Rochambeau und Washington gut. Und planen gemeinsam mit dem französischen Admiral de Grasse den Angriff auf Yorktown. Lord Cornwallis bleibt nichts anderes übrig, als sich zu ergeben. Nach Saratoga verlieren die Engländer jetzt ihre zweite Armee in Amerika. Und in den Carolinas räumt Nathanael Greene jetzt planmäßig auf, ein kleines Gefecht nach dem anderen, bis sich die Briten nach Charleston zurückziehen.

We fight, get beat, rise, and fight again. Man braucht viel Selbstvertrauen, um über lange Monate einen überlegenen Gegner zu zermürben. There are few Generals that have run oftener, or more lustily than I have done... But I have taken care not to run too far and commonly have run as fast forward as backward, to convince our enemy that we were like a crab, that could run either way.

Nach dem gewonnenen Krieg zieht es den Mann aus Rhode Island in den Süden, wo er in Georgia Plantagenbesitzer wird. Auch darin eifert er seinem Vorbild George Washington, der immer das Leben eines englischen Landedelmannes einer kriegerischen Tätigkeit vorzog. The garden is delightful. The fruit trees and flowering shrubs form a pleasant variety. We have green peas almost fit to eat and as fine lettuce as you ever saw. The mocking birds surround us evening and morning. The weather is mild and the vegetable world progressing to perfection. We have in the same orchard apples, pears, peaches, apricots, nectarines, plums of various kinds, figs, pomegranate and oranges. And we have strawberries which measure three inches around, schreibt Greene im April 1786. Er kann aber das ländliche Idyll nicht lange genießen, wenige Monate nach diesem Brief stirbt er an einem Hitzschlag.

Donnerstag, 10. Oktober 2024

Thaddäus Kosciuszko


Heute vor zweihundertdreißig Jahren hat der General Thaddeus Kosciusko die Schlacht von Maciejowice gegen die Russen verloren. Das wissen Sie natürlich, weil Sie 2010 den Post Maciejowice gelesen haben. In dem Jahr gab es noch einen zweiten Post zu dem polnischen Nationalhelden, der Benjamin Wests 'Thaddäus Kosciuszko' heißt. Den Post hat damals kaum jemand gelesen, aber der Post über die Schlacht von Maciejowice im Oktober hatte dann schon vierstellige Leserzahlen. Wie bin ich auf den Mann gekommen, dass ich, kaum bin ich im Internet, gleich zweimal über ihn schreibe? Ich hatte das Gefühl, man müsse ihnvor dem Vergessen bewahren.

Für den amerikanischen Quäker Benjamin West war der polnische Edelmann ein amerikanischer Held. Und das ist er sicherlich auch gewesen. Benjamin West, der inzwischen zum Lieblingsmaler von George III geworden war, wollte Kosciuszko unbedingt in dem Londoner Hotelzimmer malen, in dem der General sich von den Wunden erholte, die er in der Schlacht von Maciejowice erlitten hatte. Der russische Zar Paul hatte ihn im Gefängnis besucht, er hatte gewisse Sympathien für diesen Mann, der für sein Heimatland Polen kämpfte. 

Ein Land, das Preußen, Österreich und Russland immer wieder für sich beanspruchten. Erste, zweite, dritte polnische Teilung: kennen wir alle noch aus dem Geschichtsunterricht. Wenn der Zar Kosciusko nach dem Tod seiner gehassten Mutter Katharina die Freiheit schenkt, wünscht er sich von ihm, einmal die Uniform zu sehen, die der Mann, der König von Polen hätte werden können, im Freiheitskampf trug. Als er ein Heer von Bauern mit Sensen anführte. Kosciusko bringt ihm die Uniform, aber er trägt sie nicht. Er trägt die Uniform eines amerikanischen Brigadegenerals mit weißen Epauletten, die er ein Jahrzehnt früher getragen hatte.

Der russische Zar lässt ihn allerdings trotz aller Freundlichkeiten in London von seinem Botschafter, dem Grafen Semyon (Simon) Woronzow, bespitzeln. Wir haben den Grafen hier, gemalt von Thomas Lawrence. Offiziell erkundigt sich Woronzow natürlich nur nach der Gesundheit des polnischen Freiheitskämpfers. Aber man möchte in Russland schon gerne wissen, was er vorhat. Wird er nach Amerika gehen? Wird er die 48.000 Rubel bei der Londoner Bank abheben, die der Zar dort als Geschenk für ihn deponiert hat? Der Graf Woronzow, der eines Tages das Vertrauen seines Zaren verlieren wird, bleibt bis zu seinem Lebensende in England. Er ist ein Londoner geworden, der bei seinem Tod ein kleines Vermögen für das Armenhaus der Gemeinde hinterlässt. Es gibt in London eine Woronzow Road, nördlich vom Regent's Park (oder für Beatles Fans: in der Nähe der Abbey Road).

Kosciuszko war 1776 nach Amerika gekommen, weil er als Offizier in der polnischen Armee keine Zukunft hatte. Und die amerikanische Kontinentalarmee war ja auch dankbar für gut ausgebildete Offiziere aus Europa, vor allem, wenn die adlig sind. Wenn auch in manchen Fällen, wie bei dem Baron von Steuben und dem Baron de Kalb, die Adelstitel ein klein wenig fiktiv sind. Kosciuszko, der sich für die Schiffsreise nach Amerika achtzig Dukaten von seinem Schwager geliehen hatte, hat andere Qualitäten als Steuben und de Kalb, er ist ein Ingenieur. Er hatte die königliche Offiziersschule in Warschau und die Ecole Militaire in Paris besucht. Er kann Festungsanlagen und Brücken bauen. Solche Leute braucht man jetzt in Amerika, man macht ihn sofort zum Colonel und wird ihm im Laufe des Krieges in den Südstaaten auch kleinere militärische Einheiten anvertrauen. Er rechtfertigt das Vertrauen, das er von Benkamin Franklin und George Washington erhielt. Er wird die Befestigungen des Forts West Point so anlegen, dass die Engländer es nie einnehmen können. Da müssen sie schon darauf hoffen, dass der Verräter Benedict Arnold ihnen die Pläne verkauft. Dieses Denkmal erinnert in West Point heute noch an Kosciusko .

Bevor Kosciuszko West Point ausbaute, hatte er 1777 sein Meisterstück in der Schlacht von Saratoga geliefert, einer Schlacht, in der die Engländer unter dem Generalmajor John Burgoyne eine ganze Armee verlieren. Das ist ein Wendepunkt des Unabhängigkeitskrieges, und die Schlacht hat hier mit Saratoga schon einen langen Post. Die Schlacht, die aus zwei Einzelschlachten besteht (Freeman’s Farm und Bemis Heights), gewinnen die Amerikaner, weil der adlige Colonel aus Polen so geschickt die Festungsanlagen um Bemis Heights herum plaziert hatte. 

The great tacticians of the campaign were hills and forests, which a young Polish Engineer was skilful enough to select for my encampment, wird der General Horatio Gates eines Tages schreiben. Auf dem Bild, das John Trumbull eines Tages von der Kapitulation von John Burgoyne malen wird, ist Thaddeus Kosciusko nicht zu sehen. Aber Historiker sagen heute, dass sein Anteil am Sieg ebenso groß gewesen sei wie der der Generäle. Es sind immer die Generäle, die auf dem Pferd sitzen und einen Säbel in der Hand haben, die man bewundert. Über die Militäringenieure, die Befestigungen bauen, redet niemand. Die finden wir bestenfalls in Laurence Sternes Roman Tristram Shandy.

George Washingtons Freund, der General Nathanael Greene wird über Kosciuszko sagen: Colonel Kosciuszko belonged to the number of my most useful and dearest comrades in arms. I can liken to nothing his zeal in the public service, and in the solution of important problems nothing could have been more helpful than his judgment, vigilance and diligence. In the execution of my recommendations in every department of the service he was always eager, capable, in one word impervious against every temptation to ease, unwearied by any labour, fearless of every danger. He was greatly distinguished for his unexampled modesty and entire unconsciousness that he had done anything unusual. He never manifested desires or claims for himself, and never let any opportunity pass of calling attention to and recommending the merits of others. 

Es wird etwas dauern, bis der amerikanischen Kongress die Verdienste von Kosciuszko anerkennt. Erst auf das Drängen von George Washington macht man ihn zum Brigadegeneral und beschliesst: that the secretary at war transmit to Colonel Kosciuszko the brevet commission of brigadier-general, and signify to that officer, that Congress entertain a high sense of his long, faithful, and meritorious services. Und er wird Ehrenmitglied der Society of the Cincinnati, das zeigt dieser kleine goldene Orden, der an seinem Kragen hängt. Washington wird auch dafür sorgen, dass Kosciuszkos farbiger Adjutant Agrippa Hull eine lebenslange Rente erhält. Der Kongress gewährt dem Brigadegeneral für seine Dienste ein Guthaben von 12.280 Dollar mit einer jährlichen Auszahlung von 6 Prozent Zinsen. Und den Anspruch auf 500 Acres Land, falls er in den Vereinigten Staaten bleiben wolle. Das Bild hier ist ein kolorierter Stich von Frederick  Girsch aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Bild heißt Die Helden der Revolution, Kosciuszko ist der fünfte von links. Immerhin zählt man ihn damals zu den Helden der amerikanischen Revolution. 

1797 wird er Amerika wieder besuchen, man feiert ihn wie einen Nationalhelden. George Washington wird ihm schreiben: I beg you to be assured that no one has a higher respect and veneration for your character than I have; or one who more singularly wished during your arduous struggle in the cause of liberty and your country, that it might be crowned with Success. But the ways of Providence are inscrutable, and Mortals must submit. I pray you to believe, that at all times, and under any circumstances, it would make me happy to see you at my last retreat. Das Haus in Philadelphia, in dem Kosciuszko wohnte, ist heute ein Nationaldenkmal. Er wird seinen Lebensabend in Paris und der Schweiz verbringen. Aber zuvor hat der Mann, der die Worte Freiheit, Integrität und Unabhängigkeit auf seinem Wappenschild hatte, noch etwas Erstaunliches getan. Er setzt mit seinem Freund Thomas Jefferson sein Testament auf. Von den 12.280 Dollar (und den Zinsen) sollen Farbige freigekauft werden. Seinen polnischen Leibeigenen hatte er schon vorher die Freiheit gegeben. He is as pure a son of liberty, as I have ever known, and of that liberty which is to go to all, and not to the few or the rich alone, hat Jefferson über ihn gesagt. 

Einen Monat vor seinem Tod 1817 hat Thaddeus Kosciuszko seinem Freund Jefferson einen Brief geschrieben und hat ihn an das Testament erinnert. In dem man lesen kann: Thaddeus Kosciuszko being just in my departure from America do hereby declare and direct that should I make no other testamentary disposition of my property in the United States I hereby authorise my friend Thomas Jefferson to employ the whole thereof in purchasing Negroes from among his own or any others and giving them liberty in my name, in giving them an education in trades or otherwise and in having them instructed for their new condition in the duties of morality which may make them good neighbours, good fathers or mothers, husbands or wives and in their duties as citizens teaching them to be defenders of their liberty and Country and of the good order of society and in whatsoever may make them happy and useful and I make the said Thomas Jefferson my executor of this. Aber Jefferson hat das nicht hingekriegt, er bat aus Altersschwäche und Überarbeitung den Federal Court, einen anderen Testamentsvollstrecker zu bestellen. Dann landete das Ganze vor dem Supreme Court, der das Testament für nichtig erklärte, weil es angeblich noch andere Testamente gäbe. Der Brief von 1817 wird nicht berücksichtigt. In Sachen Sklaverei werden die amerikanischen Gerichte sehr unterschiedliche Urteile sprechen. Bis der Supreme Court im Fall Dred Scott versus Sandford ein katastrophales Urteil fällt. Es wird beinahe hundert Jahre dauern, bis Earl Warren ein neues Kapitel der amerikanischen Rechtsgeschichte schreiben wird.

Aber die 12.800 Dollar sind nicht verloren, sie werden einem guten Zweck zugeführt. Bei Booker T. Washington können wir 1911 lesen: Seven years after his death, a school (for former) slaves, known as the Kosciuszko School, was established in Newark, New Jersey. The sum left for the benefit of this school amounted to thirteen thousand dollars. The Polish patriot is buried in the cathedral at Cracow, which is the Westminster Abbey of Poland, and is filled with memorials of the honored names of that country. Kosciuszko lies in a vault beneath the marble floor of the cathedral. As I looked upon his tomb I thought how small the world is after all, and how curiously interwoven are the interests that bind people together. Here I was in this strange land, farther from my home than I ever expected to be in my life, and yet I was paying my respects to a man whom the members of my race owed one of the first permanent schools for them in the United States. When I visited the tomb of Kosciuszko I placed a rose on it in the name of my race.

Monica Mary Gardner, die als Schriftstellerin eine interessante Karriere hat, hat 1920 die Biographie →Kościuszko A Biography veröffentlicht. Sie ist hier im Internet lesbar, ist auch immer wieder neu aufgelegt worden, zuletzt 2022. Aber ein richtig gutes Buch über Kosciuszko gibt es meines Wissens nicht. Auch dies Buch des amerikanischen Journalisten Alex Storozynski →The Peasant Prince: Thaddeus Kosciuszko and the Age of Revolution ist eher ein Roman als eine solide Biographie. Sie können aber hier den einstündigen Dokumentarfilm ✺Kosciuszko: A Man Before His Time von Storozynski anschauen. Ist besser als nix. 

Die 48.000 Rubel hat Thaddeus Kosciuszko übrigens in London nie abgeholt, er wollte vom russischen Zaren nichts geschenkt bekommen.