Dienstag, 18. Februar 2020

Zorn


Das ist der Hamburger Hafen im Jahre 1891, gemalt von einem Schweden, dessen Vater ein deutscher Bierbrauer war. Das Bild hängt in der Hamburger Kunsthalle, ich habe immer bewundert, wie der Maler mit dem Wasser und dem Licht umgegangen ist. Der schwedische Maler Anders Zorn wurde heute vor 160 Jahren geboren. Es gab (genau heute vor zehn Jahren) natürlich schon einen Post Anders Zorn, weil ich ja 1989 die große Anders Zorn Ausstellung in der Kieler Kunsthalle gesehen habe, die Jens Christian Jensen aus Schweden importiert hatte.

Anders Zorn hat den schwedischen König und die Reichen und Mächtigen der Welt gemalt, er war, was die Portraits betraf, ein Konkurrent von John Singer Sargent. Aber er malte auch etwas anderes, das Leben der einfachen Leute auf dem Lande, da wo er herkam. Zu diesem Bild hat er in seiner Autobiographie gesagt: Zu Hause in Morna nahm ich mir vor, ein Sittengemälde zu malen mit dem Titel 'Mora Jahrmarkt'. Es war gewiß nicht meine Absicht, eine Moralpredigt zu halten, aber ich wollte mich an die Wahrheit halten, und dazu gehörte natürlich der Stockbesoffene im Vordergrund und seine Frau, die geduldig dasitzt und mit seinem Hut in der Hand darauf wartet, daß er den schlimmsten Rausch ausgeschlafen hat.

Er malte auch gerne nackte Schwedinnen. Lange bevor die auf der Kinoleinwand auftauchten, waren sie auf seiner Leinwand. Und das sind andere Frauen als die nackten Römerinnen, die die Engländer im 19. Jahrhundert malen. Andere Frauen als die grandes horizontales der französischen Malerei der Belle Époque. Das ist nun etwas, dass John Singer Sargent fehlt. Der hasst es mittlerweile, die Reichen des Gilded Age zu portraitieren, er hasst die Portraitmalerei überhaupt, aber er kann nichts anderes machen. Er ist in der Welt der Reichen groß geworden, er weiß nicht, wie das einfache Leben auf dem Land ist.

Anders Zorns nackte Schönheiten werden auch auf die Leinwand kommen, nämlich 1994 in dem schwedischen Film ✺Zorn. Den können Sie anklicken, das ist heute mein kleines Schmankerl zu Zorns Geburtstag. Der Regisseur des Films war Gunnar Hellström, er hatte auch das Drehbuch geschrieben. Und die Hauptrolle gespielt. Liv Ullmann, die wir aus den Filmen von Ingmar Bergman kennen, spielt seine Ehefrau, die etwas verbittert über die jungen nackten Dinger ist, die ihren Mann umgeben. Linda Kozlowski, die man aus Crocodile Dundee kennt, ist auch dabei. Nackt.

Noch mehr Anders Zorn in diesem Blog: Bierbrauer und Nordlichter

Sonntag, 16. Februar 2020

St Pauli Noir


krimische, stand im Betreff der E-Mail, und dann im Text: simone buchholz kannsde lesen; spielen in HH & HB; saubere schreibe, saubere plots und dito personage. Er schreibt alles klein, habe ich auch mal gemacht, ist aber lange her. Wenn mein Hamburger Freund, der sonst nur hochgeistiges Zeug liest, mir schon einen Krimitip gibt, dann muss ich dem natürlich nachgehen. Ich hatte noch nie etwas von Simone Buchholz gehört, aber das sagt nichts. Als ich letztens im Radio hörte, dass Mary Higgins Clark gestorben war, wusste ich, dass ich zwar den Namen kannte, aber nie einen ihrer Romane gelesen hatte. Wenn Sie den Post Der Sessel vor dem Schrank gelesen haben, dann wissen Sie, weshalb Krimis nicht unbedingt ganz oben auf meiner Leseliste stehen.

Aber der Sache mit Simone Buchholz wollte ich nachgehen, ich kaufte mir bei ebay und Booklooker für relativ wenig Geld ein kleines Paket von ihren Hamburg Krimis zusammen und begann zu lesen. Um mich nach St Pauli entführen zu lassen. Das ist nicht mehr das St Pauli, wo ich in meinem ersten Semester an der Uni Hamburg diese hübsche kleine Nutte traf, wo Tim Mälzer bei Easy Rider Lederjacken verkaufte, nicht das St Pauli von Dieter Wedels Der König von St Pauli. Hier singt Lale Andersen nicht mehr von der roten Laterne von St Pauli und auch Hans Albers' Das Herz von Pauli erklingt hier nicht mehr.

In der Kneipe liegen ein paar letzte Sonnenstrahlen herum. Auf der abgewetzten Holztheke stehen die Gläser von letzter Nacht, in manchen schimmern noch Zitronenschalen, in manchen stehen nur die Pfützen von was auch immer, Hauptsache, der Verstand ist dabei draufgegangen, zumindest für ein paar Stunden. Ich habe Kneiperauch im Auge, oder was für Rauch auch immer. Vielleicht kommt er gar nicht aus der Kneipe, vielleicht kommt er aus meinem Kopf, vielleicht kommt er aus meinem Herzen. Hier redet die Romanfigur einer Frau, die St Pauli Krimis schreibt und die im Augenblick der ganz große Hit ist.

Der Himmel hängt tief, er sieht aus, als müsse er sich sofort hinlegen. Von der Elbe steigt Nebel auf, zäh und gemein wie eine alte Krähe. Ich schlage meinen Mantelkragen hoch, aber es hilft nichts: Die Feuchtigkeit kriecht mir in die Knochen. Mein Kopf tut weh, ich habe zu wenig geschlafen. Es ist Anfang März, es ist erst halb acht, und zu meinen Füßen liegt ein totes Mädchen. Zwei philippinische  Matrosen auf Landgang haben sie gefunden, so fängt der Krimi Revolverherz von Simone Buchholz an. Man kann anders anfangen, also zum Beispiel so:

It was about eleven o’clock in the morning, mid October, with the sun not shining and a look of hard wet rain in the clearness of the foothills. I was wearing my powder-blue suit, with dark blue shirt, tie and display handkerchief, black brogues, black wool socks with dark blue clocks on them. I was neat, clean, shaved and sober, and I didn’t care who knew it. I was everything the well-dressed private detective ought to be. I was calling on four million dollars. Keine Leiche, die zu Füßen des Ich-Erzählers liegt, aber auch ein wenig Wetter. Raymond Chandler geht in The Big Sleep sparsamer damit um, a look of hard wet rain in the clearness of the foothills genügt ihm für den Anfang.

Wetter ist wichtig, in Hamburg oder Los Angeles. Im Krimi wie in jenen Romanen, die zur richtigen Literatur gehören. Das wissen wir nicht erst, seit F.C. Delius seine Dissertation Der Held und sein Wetter geschrieben hat. Simone Buchholz, die seit 2009 Krimis schreibt, räumt dem Hamburger Wetter in ihren Romanen viel Raum ein. Wegen dieses Wetters ist sie auch nach Hamburg gezogen, hat sie gesagt. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich wohl eher nach Los Angeles ziehen, das Schietwedder hier oben kenne ich.

Der Himmel hat dieses spezielle, etwas dunkle Herbstblau, das den Winter ankündigt. Das kommt von den Wolken. Die sind schwerer als im Frühling und im Sommer, die haben eine andere Qualität. Mehr Gewicht, mehr Bumms in den Backen. Sie sind eher beige als weiß, und das wirkt sich natürlich auf den Himmel aus. Und auch, wenn die Sonne da ist, hat sie die Dunkelheit immer schon im Gepäck. Der Hamburger Novemberhimmel ist ein aufdringliches Ding in Moll, ein sentimentales, dramatisches Gebilde, aber das darf man nicht so ernst nehmen. Tut der Himmel ja selber nicht. Das ist der Himmel in dem Roman Schwedenbitter, ähnliche Beschreibungen finden wir in beinahe allen neun Romanen, von Revolverherz bis Hotel Cartagena.

Revolverherz ist bei Droemer Knaur erschienen, Hotel Cartagena bei Suhrkamp, seit 2009 haben die eine eigene Krimireihe. Von Droemer Knaur zu Suhrkamp ist sicherlich ein literarischer Aufstieg. Und Suhrkamp ist stolz auf seine Erfolgsautorin, die in Deutschland sicherlich zu Recht alle Krimipreise abgeräumt hat und gerade für den Friedrich Glauser Preis nominiert wurde. Das Internet ist voll mit lobenden Rezensionen. Suhrkamp verkauft die Rechte für Übersetzungen auch gerne an ausländische Verlage. Jeff Noon schrieb im Spectator: Blue Night has a unique style: fragmented, flitting from subject to subject. It flirts with the avant-garde. […] This is a punk rock album translated into a hard-bitten tale of low life scum and a lone officer. Fierce enough to stab the heart.

Die Ich-Erzählerin von Revolverherz ist die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, ihr Vater war ein amerikanischer Offizier, ihre Mutter eine Deutsche. Ihr Vater ist tot, die Mutter ist schon lange abgehauen. Chastity Riley ist irgendwas Mitte vierzig, und das bleibt sie in den Romanen. Und was sehen Sie, wenn Sie mich anschauen, zum Beispiel? Ich weiß ja nicht, wie lange Sie mir schon zusehen. Vielleicht seit ein paar Jahren. Vielleicht seit ein paar Stunden. Würde mich wirklich interessieren, was Sie sehen, was da für Sie noch zu sehen ist, außer dem etwas comicmäßig geschnittenen Gesicht, den zu großen Lippen, der leicht schiefen Nase und den müden Augen, die immer daherkommen, als wären sie zu stark geschminkt, aber das sind nur die dunklen Ringe, denn ich benutze gar keine Schminke. Was sehen Sie, außer dem großen, ein bisschen knochigen Körper und den langen, rot-braunen Haaren, die fast immer ausehen wie direkt aus der Shampoowerbung?Das ist mir manchmal richtig peinlich, wenn die Leute da verstohlen draufglotzen. Ich kann nichts dafür, dass die Haare sind, wie sie sind. Wenigstens werden sie langsam grau.

Wirklich erwachsen ist sie nicht und wird das wohl nie. Chas Riley hat keine Familie mehr, ihre Familie sind die Kriminalkommissare, mit denen sie zusammenarbeitet. Der Kommissar Faller, den wir uns ungefähr vorstellen können wie Armin Rohde in Nachtschicht, ist für sie ein Vaterersatz. Sie hat einen Lover, der Klatsche heißt und ein Kleinkrimineller ist. Der hat irgendwann eine Kneipe, die Blaue Nacht heißt: Ich glaube, dass Klatsche auch deshalb seine Karriere als Einbrecherkönig an den Nagel gehängt hat, weil ihm spätestens im Knast klar wurde, dass er als Krimineller zwar Tresore knacken darf, aber keine Herzen. Und das macht er doch so gern. Bei mir versucht er's immer noch täglich. Gern würde ich sagen, dass er da auf Granit beißt, das stimmt aber so nicht ganz. Ich bin eher Toastbrot in seinen Händen: etwas zäh, im Ganzen jedoch ziemlich bröckelig. Bevor die Autorin Krimis schrieb, hat sie über Erste Liebe, erster Sex und Orgasmen geschrieben, sie kennt sich da also aus.

Neben der bröckeligen Toastbrotbeziehung, die für einige Romane dauert, wird Chas Riley auch noch etwas mit dem Kommissar Bülent Inceman anfangen. Auch der Hauptkommissar Ivo Stepanovic ist hinter ihr her. Und sie hat auch nichts gegen eine Zufallsbekanntschaft aus einer Bar: Am Himmel steht der Mond, von dem sie heute Morgen im Radio erzählt haben. Er ist riesig, und er ist rot, er spricht von Nähe und Entfernung zugleich, und er scheint mit aller Kraft auf diesen Fußboden, auf dem ich noch nie lag und vermutlich auch nicht nochmal liegen werde. Der Mond zieht mich zu sich hoch, ich ziehe den Mann zu mir runter. Seine Hand unter meinem Rücken und meine Hand in seinem Nacken reichen uns als Startsignal, Flug zum Mond und zurück. Achtung, wir fliegen und sind da, es geht fast so schnell, wie wir getrunken haben. Klamotten aus wäre wirklich ein übertriebener Aufwand gewesen. Später liegen wir halb nebeneinander, halb aufeinander  und rauchen Zigaretten. Vielleicht hätte ich ihn doch fragen sollen, wie er heißt.

Während es für Chandlers Philip Marlowe keine Frauen gibt, hat diese weibliche Version eines tough guy hero also durchaus Sex. In jedem Roman. Sie bekommt daneben von der Autorin all die Attribute zugeschrieben, die die Helden der hard-boiled novel der dreißiger Jahre auszeichneten, die schnoddrige lakonische Redeweise, den Alkohol, die Zigaretten. Und deshalb hat Suhrkamp den Satz von William Ryan If Philip Marlowe and Bernie Gunther got together in a Hamburg speakeasy and had a literary love child, then that might just explain Chastity Riley – Simone Buchholz's tough, acerbic and utterly engaging central character auf den Buchdeckel gedruckt.

Es sagt sich ja viel und schnell in der Welt der Werbung. Wir sollten etwas vorsichtig sein, wenn wir solche Verwandtschaften konstruieren. Chandler und Hammett waren beide Soldaten im Ersten Weltkrieg gewesen, hatten einen Beruf gehabt und etwas vom Leben in der Weltwirtschaftskrise und der Great Depression mitbekommen, bevor sie zu schreiben begannen. Simone Buchholz hatte ein abgebrochenes Studium der Literatur und Philosophie hinter sich, hat zehn Jahre gekellnert und war fünfzehn Jahre als Journalistin gearbeitet, das ist etwas anderes. Ich will nicht auf die Lebenserfahrung hinaus, sondern auf die Zeit. Chandler und Hammett schreiben in einer Zeit, als eine neue Form des American English praktisch auf der Straße liegt.

Wenn man sich die englische Übersetzung Blue Night anschaut, merkt man schnell, dass der Roman alles von seiner Originalität verliert. Klingt nur noch wie schlechter Chandler: The engine coughs one last time, harrumphs like an old man under a dark sky, and floods. I get out of the car, sit down on the rust-gilded bonnet and feel the thick, cold air on my face. Cigarette. But first smoke the fog dry. Raymond Chandler hat in seinem Essay The Simple Art of Murder gesagt, dass die Sprache der hard-boiled novel eigentlich gar nicht die Erfindung von Dashiell Hammett ist: I believe this style, which does not belong to Hammett or to anybody, but is the American language (and not even exclusively that any more), can say things he did not know how to say, or feel the need of saying. In his hands it had no overtones, left no echo, evoked no image beyond a distant hill. Es schreiben ja damals viele so, nicht nur Hammett, Chandler und Hemingway. Das sind auch noch John O'Hara, James Mallahan Cain, Horace McCoy und der Mann, der das Drehbuch zu Out of the Past geschrieben hat.

Unsere taffe Chas Riley ist immer am Rauchen. Und Husten: Das ist kein Anfängerhusten. Alle paar Minuten kommt ein hässlicher alter Hofhund aus meinen Lungen gekrochen, und der rasselt beim Bellen ziemlich übel mit der Kette. Ich sollte im Bett liegen und eine Tasse Tee trinken, statt hier in HSV-Land rumzustehen und zwei alten Rednecks auf ihre zerschmetterten Köpfe zu kucken. Ich halte mir den Unterarm vor den Mund. Da ist er wieder. Der Hustenhund. 'Sie sind krank', sagt der Calabretta und nimmt mir die Zigarette weg. 'Sie sollten endlich zum Arzt gehen', sagt der Brückner. Er versucht, sehr streng zu kucken, als er das sagt. Geradezu gescheitelt. Huh, gleich hab ich Angst. 'Sie will das nicht hören', sagt der Schulle, 'und das ist eine Frechheit. Ich hab auch schon die Pest am Hals.' Er fasst sich an den Kehlkopf und macht Altmännergeräusche. Jaja, denke ich und huste zu Ende. Es schmeckt ein bisschen nach Blut. Als der harte Hund meine Stimme wieder freigibt, sage ich: Ihr könnt euch ja über mich beschweren. Kann ich meine Zigarette wiederhaben?' 'Nein', faucht der Calabretta.

Was diese Frau in einem Roman an Ziggis und an Alkohol vernichtet, würde einen normalen Menschen umbringen, es ist vielleicht etwas zu viel des Guten, was die Autorin ihrer Heldin von Roman zu Roman zumutet. Würde Violetta Valéry so viel rauchen, sie würde den ersten Akt von La Traviata nicht überleben. In Chandlers Roman The Big Sleep wird das Wort Zigarette achtundsechzig Mal erwähnt, lange Passagen mit dem Hustenhund hat er nicht nötig. Bei ihm stehen Sätze wie: I sat there and poisoned myself with cigarette smoke and listened to the rain and thought about it. Das sind Sätze, die im Gedächtnis bleiben.

Ich habe das Gefühl, dass in dem ganzen Gelaber um uns herum sehr viel ersäuft. Wenn man will, dass die Leute einem zuhören, muss man so schreiben, dass sie beim Lesen stolpern, hat Simone Buchholz gesagt. Und das tut sie, wir stolpern immer wieder über ungewöhnliche Formulierungen. Sätze, die manchmal nur Sinn machen, wenn man einen anderen Roman der Autorin kennt. Ein Satz wie die Nachbarwohnung zerkratzt mir das Gesicht, als ich an ihr vorbeigehe, macht nur Sinn, wenn man weiß, dass in dieser Nachbarwohnung einst ihr Lover Klatsche wohnte. Und ein Kapiteltitel wie Geblitzdingst verlangt vom Leser, dass er den Film Men in Black gesehen hat.

Neun Romane in elf Jahren, Sjöwall Wahlöö (bei denen sich Buchholz dieses Element der Polizeitruppe borgt) hatten da schon zehn Romane fertig, aber die schrieben zu zweit. Neun Romane, von Revolverherz bis Hotel Cartagena, die man durchaus alle lesen kann, sind eine schöne Leistung. Ich wünschte mir, es wären ein paar weniger Romane gewesen und dass ihr ein strenger, nörgeliger Verlagslektor von Zeit zu Zeit auf die Finger klopfen würde bei diesem Zuviel an stilitischen Einfällen. So wie Maxwell Perkins Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Thomas Wolfe auf die Finger geklopft hatte oder wie Albert Erskine, der William Faulkner betreute. Doch welcher Verlag hat heute noch einen Lektor? Es ist mein eigenes Problem, dass ich Romane immer so lese, als wäre ich der Verlagslektor und hätte meinen Rotstift dabei.

Aber ich will die Romane von Simone Buchholz nicht schlechtmachen, vielleicht ist sie wirklich das Beste, was die deutsche Krimiszene zur Zeit hat. Es war entspannend, während ich die Günderrode, Ossian, Hölderlin und Heidegger las, mal so etwas zu lesen. To accept a mediocre form and make something like literature out of it is in itself rather an accomplishment, hat Raymond Chandler einmal gesagt, Simone Buchholz ist auf dem besten Weg to make something like literature out of it.

Freitag, 14. Februar 2020

Valentinstag


Liebe ist

nur ein Wort
ein Wort aus fünf Buchstaben
ein ewigwährendes Gefühl
die Berührung zweier Hautoberflächen
ein seltsames Spiel
das Schicksal einer tatenlosen Gesellschaft
tout donner, tout sacrifier sans espoir de retour
für jeden etwas Anderes
un oiseau rebelle
die Verzweiflung, wenn man nachts wachliegt
das Glück, das man einen Augenblick lang verspürt
a fanclub for only two fans
was einen überfällt wie der Regen
une realité dans les domaines d'imagination
was das Leben schwermacht
der Schnittpunkt zweier Paralellen
das Größeste unter GlaubeLiebeHoffnung
die Melodie eines vergessenen Liedes

Dienstag, 11. Februar 2020

die Günderrode


Gestern las ich Ossians 'Dartula', und es wirkte so angenehm auf mich: der alte Wunsch, einen Heldentod zu sterben, ergriff mich mit großer Heftigkeit; unleidlich war es mir, noch zu leben, unleidlicher, ruhig und gemein zu sterben. Schon oft hatte ich den unweiblichen Wunsch. mich in ein wildes Schlachtgetümmel zu werfen, zu sterben. Warum ward ich kein Mann? Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir. Es ist ein unseliges, aber unverbesserliches Mißverhältnis in meiner Seele; und es wird und muß so bleiben, denn ich bin ein Weib und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd, so uneins mit mir. Das schreibt eine junge Frau, die gerade einunzwanzig geworden ist. Wir sind im Jahre 1801, Ossian wird noch immer gelesen.

Ein Vierteljahrhundert zuvor ließ Goethe seinen jungen Werther sagen: Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt. Welch eine Welt, in die der Herrliche mich führt. Zu wandern über die Haide, umsaußt vom Sturmwinde, der in dampfenden Nebeln, die Geister der Väter im dämmernden Lichte des Mondes hinführt. Zu hören vom Gebürge her, im Gebrülle des Waldstroms, halb verwehtes Aechzen der Geister aus ihren Hölen und die Wehklagen des zu Tode gejammerten Mädgens, um die vier moosbedekten, grasbewachsnen Steine des edelgefallnen ihres Geliebten. Wenn ich ihn denn finde, den wandelnden grauen Barden, der auf der weiten Haide die Fustapfen seiner Väter sucht und ach! ihre Grabsteine findet. Obgleich das Ganze nichts als eine Literaturfälschung ist (was Dr Johnson völlig klar war), kommen die Geschichten des blinden Sängers bei empfindsamen Seelen immer noch an.

Auf der Schiffsreise nach Ägypten lässt sich Napoleon aus dem Ossian vorlesen, der Barde ist sein Lieblingsdichter geworden. Und die junge Frau, die so gerne ein Mann sein möchte, um sich in wildes Schlachtengetümmel zu werfen, schreibt in ihrem Gedicht Buonaparte in Egypten:

Alle Bande der Knechtschaft löset die Freiheit,
Der Begeisterung Funke erwekt die Söhne Egyptens. -
Wer bewirkt die Erscheinung? Wer ruft der Vorwelt
Tage zurük? Wer reiset Hüll und Ketten vom Bilde
Jener Isis, die der Vergangenheit Räthsel
Dasteht, ein Denkmal vergessener Weisheit der Urwelt?
Bonaparte ist's, Italiens Erobrer,
Frankreichs Liebling, die Säule der würdigeren Freiheit
Rufet er der Vorzeit Begeisterung zurüke
Zeiget dem erschlaften Jahrhunderte römische Kraft. -
Möge dem Helden das Werk gelingen Völker
Zu beglükken, möge der schöne Morgen der Freiheit
Sich entwinden der Dämmerung finsterem Schoose.
Möge der späte Enkel sich freuen der labenden
Der gereiften Frucht, die mit Todesgefahren
In dem schreklichen Kampf mit finsterem Wahn, der Menge
Irrthum, der großen Härte, des Volks Verblendung
Blutige Thränen vergiesend die leidende Menschheit
Zitternd in dieses Jahrhunderts Laufe gepflanzt.


Das ist jetzt weit, weit weg von der Wirklichkeit. Das ägyptische Abenteuer wird zu einer militärischen Katastrophe. Erst vernichtet Nelson ihm seine Flotte bei Abukir, dann hält ihn der Kommodore Sir Sidney Smith auf dem Weg nach Syrien auf. Das hat ihm Napoleon nie verziehen: cet homme m'a fait manquer ma fortune, hat er immer wieder gesagt. Als unsere junge Dichterin über Frankreichs Liebling, die Säule der würdigeren Freiheit schreibt, ist der schon längst wieder nach Paris geflohen.

Aber die französische Übersetzung des Ossian aus dem Jahre 1777 wird ihn von Ägypten bis St Helena begleiten, vor manchen Schlachten liest er seinen Generälen etwas daraus vor. Und er lässt sich von Anne-Louis Girodet-Trioson dieses Bild für sein Schloss Malmaison malen. Apothéose des héros français morts pour la patrie pendant la guerre de la liberté heißt es. Die Generäle, die da von dem blinden Barden in Walhalla begrüßt werden, sind alle schon tot. Kléber ist auch dabei, den Napoleon in Ägypten zurückgelassen hat. Bei unserer jungen Dichterin, die Buonaparte in Egypten geschrieben hatte, ist die Begeisterung für Ossian ungebrochen, und sie wird die Totenklage der Darthula übersetzen. Das hatte Herder schon ein Vierteljahrhundert früher getan, aber offenbar muss Ossian immer wieder übersetzt werden.

Die junge Dichterin stellt die Totenklage auf die gälische Schönheit gleich an den Anfang ihres ersten Gedichtbandes, das ist sicherlich programmatisch. Ihre Nachdichtung ist auch wirklich sehr schön, ich zitiere einmal (nach Macphersons Ossian) das Ende:

When wilt thou rise in thy beauty, first of Erin's maids? 
Thy sleep is long in the tomb. The morning distant far. 
The sun shall not come to thy bed and saay, 
Awake, Dar-thula! awake, thou first of women! 
the wind of spring is abroad. 
The flowers shake their heads on the green hills. 
The woods wave their growing leaves.
Retire, O sun! the daughter of Colla is asleep. 
She will not come forth in her beauty. 
She will not move in the steps of her loveliness!

O! wann grüßest du den Morgen wieder?
Schöngelockte! wirst du lange ruhn?
Weit entfernet ist dein Morgen, nimmer!
Stehst du mehr in deiner Schönheit auf;
Ach! die Sonne tritt nicht an dein Bette,
Spricht, erwach aus deiner Ruhestätte!
Collas schöne Tochter! steig herauf!
Junges Grün entkeimet schon dem Hügel,
Frühlingslüfte fliegen drüber her.
Sonne birg in Wolken deinen Schimmer!
Denn sie schläft, der Frauen Erste! nimmer
Kehret sie in ihrer Schönheit mehr.


Das kann sich durchaus mit Herders Übersetzung messen, Johannes Brahms hätte auch ihren Text nehmen können, aber ich glaube, dass die junge Dichterin damals schon vergessen war. Sie hat bis jetzt in diesem Text keinen Namen gehabt, aber sie haben vielleicht schon gemerkt, dass hier die Rede von Karoline von Günderrode ist, die heute vor 240 Jahren geboren wurde. Verarmter Adel, von der Mutter, die ihre Tochter nicht liebte, als Stiftsdame in einem evangelischen Wohltätigkeitsstift in Frankfurt untergebracht. Die Siebzehnjährige brachte man in das Cronstettensche evangelische Damenstift in Frankfurt, das sonst nur Frauen über dreißig und ehrbarer Herkunft aufnahm. Wie es da wohl zuginge? Karoline wurde Leserin und schützte sich mit Goethe, Jean Paul und Hölderlin, schreibt Wolfgang Koeppen. Er hätte noch Novalis hinzufügen können, den die Günderrode bedichtet.

Gebildet und belesen, so dass es den Männern Angst macht. Wäre sie reich gewesen, hätte sie vielleicht eine Rahel Varnhagen oder eine Julie Récamier werden können, doch zur Salonière taugte sie wohl nicht: sie war schüchtern-freundlich und viel zu willenlos, als daß sie in der Gesellschaft sich bemerkbar gemacht hätte, hat ihre Freundin Bettine von Arnim geschrieben. Für  Bettine war das Günderrödchen, wie ihr Freundeskreis sie nannte, eine schöne Frau: Sie war so sanft und weich in allen Zügen wie eine Blondine. Sie hatte braunes Haar, aber blaue Augen, die waren gedeckt mit langen Augenwimpern; wenn sie lachte, so war es nicht laut, es war vielmehr ein sanftes gedämpftes Girren, in dem sich Lust und Heiterkeit sehr vernehmlich aussprachen. Sie ging nicht, sie wandelte. Ihr lyrisches Werk scheint schmal. 1804 erscheint der erste Gedichtband unter dem Pseudonym Tian, 1806 der zweite Band. Den dritten Band Melete wird der Mann, in den sie sich verliebt hatte, vernichten. Aber man wird den Inhalt rekonstruieren, hundert Jahre nach ihrem Tod erscheint Melete vollständig. Und zu ihrem zweihundertsten Todestag wird Walter Morgenthaler beim Verlag Stroemfeld/Roter Stern, der durch seine Hölderlin Ausgabe berühmt wurde, eine historisch-kritische Ausgabe herausbringen. Immerhin beläuft sie sich auf anderthalbtausend Seiten, da gibt es noch viel zu entdecken.

Den Verlust deiner Liebe könnte ich nicht ertragen. Versprich mir, mich nimmer zu verlassen. O du Leben meines Lebens, verlasse meine Seele nicht, schreibt sie an den Mann, den sie liebt. Aber dieser Mann, der ihren letzten Gedichtband vernichtet, wird durch einen Abschiedsbrief ihr Leben vernichten. Ich bin eigentlich lebensmüde, ich fühle daß meine Zeit aus ist, und daß ich nur fortlebe durch einen Irrthum der Natur; dies Gefühl ist zuweilen lebhafter in mir, zuweilen blässer. Das ist mein Lebenslauf, schreibt sie an eine Freundin. Wenig später begeht sie Selbstmord. Goethe schreibt in einem Brief: Doch muß ich noch eines traurigen Falles gedenken, wie nehmlich die idealen Ansichten, wahrscheinlich in Gesellschaft irdischer Leidenschaften, ein gar hübsches Gefäß zerstört haben. Ohne es vielleicht zu wollen, hat Goethe hier ihr Leben beschrieben, das aus eben diesen idealen Ansichten und und den irdischen Leidenschaften besteht. Eins in Zwei zu sein, Eins im andern sich zu finden, Daß der Zweiheit Grenzen schwinden Und des Daseins Pein, der romantische Traum der Einheit in der Liebe. Der für sie nie wahr werden wird:

Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden
Bittrer Trennung Schmerz;
Wer geliebt was er verloren,
Lassen muß was er erkoren,
Das geliebte Herz,

Der versteht in Lust die Tränen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
Eins im andern sich zu finden,
Daß der Zweiheit Grenzen schwinden
Und des Daseins Pein.

Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt' ein Wesen liebgewinnen
O! den tröstet's nicht
Daß für Freuden, die verloren,
Neue werden neu geboren:
Jene sind's doch nicht.

Das geliebte, süße Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Gibt kein Gott zurück.

Karoline von Günderrode, das Waisenkind der Romantik, wird nicht vergessen werden. Achim von Arnim wird ihr Novellen widmen, Bettine von Arnim schreibt sie in den Briefroman Die Günderode. hinein. In dem Roman Kein Ort. Nirgends von Christa Wolf begegnet Karoline Heinrich von Kleist, dessen Satz Die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war auch über ihrem Leben stehen könnte. In diesem Haus in Oberwesel hat sie nie gewohnt, aber es heißt das Günderrode Haus. Es ist für einen Film gebaut worden: im letzten Teil von Edgar Reitz Heimat III finden sich nach der Wiedervereinigung Deutschlands alle Figuren des Films hier ein, um die baufällige romantische Ruine wieder instandzusetzen. Und Clarissa Lichtblau singt ✺Aus der Heimat hinter den Blitzen rot, sie und Hermann haben jetzt eine neue Heimat. Auch wenn das alles fake ist, ist es doch irgendwie schön. Man wollte das Haus nach den Dreharbeiten abreißen, aber dann hat man es doch stehenlassen, heute ist es ein Gasthaus.

Die Günderrode, lieblich wie eine Silberbirke, hatte keine Heimat mehr, seit ihr geliebter Vater viel zu früh starb. Ihre Heimat sind nicht die zwei Kammern im Stift, nicht die Frankfurter Salons einer poetisch engagierten Jeunesse dorée, nicht das Gut Trages bei Hanau, wohin sie Carl von Savigny, den sie liebt, einlädt. Ich erschaffe mir eine andre Welt, schreibt sie an eine Freundin. Ihre Heimat ist die Poesie, und das Dichten von der Liebe. Ihr Gedicht Der Kuß im Traume hat den Untertitel aus einem ungedruckten Romane. Es ist der Roman ihres Lebens:

Es hat ein Kuß mir Leben eingehaucht,
Gestillet meines Busens tiefstes Schmachten,
Komm, Dunkelheit! mich traulich zu umnachten
Daß neue Wonne meine Lippe saugt.

In Träume war solch Leben eingetaucht,
Drum leb' ich, ewig Träume zu betrachten,
Kann aller andern Freuden Glanz verachten,
Weil nur die Nacht so süßen Balsam haucht.

Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen,
Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen
Und mich verzehren seiner Sonne Gluthen.
Drum birg dich Aug' dem Glanze irr'dscher Sonnen!
Hüll' dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen
Und heilt den Schmerz, wie Lethes kühle Fluthen.

Samstag, 8. Februar 2020

Nordholm


Den Ort Nordholm gibt es nicht auf der Landkarte Schleswig Holsteins, den gibt es nur im ZDF. Offenbar schon seit 2015, ist aber glücklicherweise an mir vorbeigelaufen. Vor Wochen habe ich in der Zeitung gelesen, dass sich Zuschauer beschwerten, dass der Krimi ✺Das Mädchen am Strand viel zu lang gewesen sei. Ich hatte vom ✺zweiten Teil des Krimis eine halbe Stunde gesehen und kann die Klagen voll verstehen. Gut photographiert, aber inhaltsleer.

Die Handlung reichte vielleicht mal gerade für das Vorabendprogramm, im Notruf Hafenkante wäre man nach einer Dreiviertelstunde mit dem Thema durch gewesen. Aber dies hier quälte sich über 180 Minuten hin. Was kann ein Regisseur nicht alles aus 180 Minuten machen. Sergei Bondartschuk war nach zwei Stunden mit der Schlacht von ✺Waterloo fertig, und in drei Stunden hatte er ein Drittel von Krieg und Frieden geschafft. Und das bietet mehr an Handlung als diese läppische Strandgeschichte, die in Lütjenburg und Umgebung gedreht wurde.

Kriminalfilme, bei denen Leichen am Strand gefunden werden, sind nicht unbedingt etwas Neues. Ich darf vielleicht an den schönen französischen Film ✺Ertrinken Verboten erinnern, der hier einen ausführlichen Post hat. Ist keine drei Stunden, sondern nur 95 Minuten lang, aber keine Minute langweilig. Der Film hat eine ähnliche Struktur wie Das Mädchen am Strand: ein Küstenort, ein Mord, zwei Kommissare, die sich nicht ausstehen können, ermitteln. Einer kennt den Ort, der andere nicht. Der Film liefert auch, in der Art von Claude Chabrol, eine soziologische Bestandsaufnahme einer Kleinstadt, wo viele der Anwohner etwas zu verbergen haben.

Dass Krimis nicht nur von dem whodunit bestimmt werden, sondern im Hintergrund ein Psychogramm einer Gesellschaft zeigen, war ein Phänomen der sechziger Jahre. Seien es die Romane von Nicolas Freeling oder Janwillem van de Wetering, die uns ein verbrecherisches Holland hinter den Fenstern ohne Gardinen zeigten, oder seien es die Autoren des sogenannten Neuen Deutschen Kriminalromans wie H.J. Martin, Friedhelm Werremeier, -ky etc. , der Krimi wurde immer soziologischer.

Die Schweden Sjöwall und Wahlöö gaben ihren zehn Romanen einen Untertitel: roman om en forbrydelse. Die einzelnen Romane sollten nur die Teile eines dreitausend Seiten umfassenden Romans sein, der einen Längsschnitt durch die Gesellschaft legte und die Kriminalität als soziale Funktion analysierte. Aus all dem hat Thomas Berger, der bei dem Zweiteiler Das Mädchen am Strand wie schon bei Tod eines Mädchens und Die verschwundene Familie Regie führte (und die Drehbücher zu den beiden letzten Zweiteilern schrieb), nichts gelernt. In seiner Nordholm Saga bleibt das versuchte Psychogramm der Gesellschaft flach wie das Land.

Es kommt noch hinzu, dass die Nordholm Krimis überhaupt nicht Neues waren, der erste Teil war schlichtweg von der englischen Serie ✺Broadchurch abgekupfert. Die taz schrieb dazu: Womit wir bei der schlechten Nachricht wären. ''Tod eines Mädchens' war das für deutsche Verhältnisse überdurchschnittliche, mehr als nur leidlich spannende inoffizielle Remake (um nicht zu sagen: Plagiat) der herausragenden britischen Serie 'Broadchurch'. In 'Broadchurch' ging es um den Mord an dem elfjährigen Jungen Danny. Vor allem aber ging es darum, was so ein Mord mit einer Kleinstadtgemeinschaft macht, in der jeder jeden kennt. Dieses Psychogramm jenseits aller Krimi-Konventionen wurde in zwei weiteren Staffeln vertieft, deren jüngste das ZDF seinen Zuschauern bislang vorenthalten hat.

Am Strand von Dorset gab es in Broadchurch Felsen. Die gibt es nun in den Orten der Dreharbeiten Lütjenburg, Hohwacht, Kellenhusen oder Schwedeneck nicht. Aber Felsen wollte man unbedingt haben, so wurden die Dreharbeiten für kurze Zeit auf die Insel Moen verlegt, wo es ja schöne Kreidefelsen gibt (zu den Kreidefelsen gibt es hier schon einen langen Post). Nordholm ist ein synthetisch zusammengesetzer Ort. Aber das Meer muss irgendwie sein. Eine Serie wie Der Kommissar und das Meer gibt es schon, und selbst Wilsberg war schon auf Norderney. Aber bleiben wir in Schleswig-Holstein, dem einzig echten Norden. Hier wird überall gemordet, und immer ist ein Fernsehteam dabei.

Ich kam vor Jahren mal zwei Tage nicht in meine Bank, weil in dem Haus ein Tatort gedreht wurde, ich musste eine andere Zweigstelle nehmen. Axel Milberg habe ich nicht gesehen, aber seine Assistentin, die vorher Pornodarstellerin war (und für die Joseph von Westphalen einen Miniroman geschrieben hat), fröstelte auf der Straße. Die Tatorte aus Kiel vermeide ich, wenn ich da mal hineingucke, kenne ich nichts von Kiel. Das Haus, in dem meine Bank ist, war auch nicht im Film zu sehen, weil man da nur oben im zweiten Stock in einem Wohnzimmer gedreht hat. Und dafür der ganze Aufwand mit einem riesigen Gerüst, das hätte man auch im Studio drehen können. Doch die Kosten interessieren die Produzenten nicht, das wird ja alles von den Gebührenzahlern getragen.

In Tod eines Mädchens war auch Hinnerk Schönemann zu sehen gewesen. Der gehört aber eigentlich nicht nach Nordholm, sondern nach Schwanitz, auch einem Ort, der nicht auf der Landkarte ist. Manche Serien, die hier im Lande gedreht wurden, sind inzwischen Geschichte. Die Vorabendserie Kripo Holstein wurde nach einem Jahr eingestellt, die Motoren der Küstenwache dieseln nicht mehr, das Duo aus Lübeck ermittelt nicht mehr. So haben wir hier nur noch den Kommissar Borowski, die Kollegen von Nord Nord Mord auf Sylt und seit 2014 die Krimireihe Nord bei Nordwest, die in besagtem Schwanitz spielt. Aber wie lange noch? Vorgestern ist die rothaarige Kommissarin in der Folge ✺In eigener Sache den Filmtod gestorben. Bela Lugosi ist in seinem Leben sechsunddreißig Mal den Filmtod gestorben, das erwarten wir von Bela Lugosi. Aber von Henny Reents erwarten wir das nicht. Nicht einmal. Wie geht es weiter? Zwei Folgen mit den Arbeitstiteln Der Anschlag und Conny & Maik sind schon in Vorbereitung.

Die Formel der Serie war einfach: Schwanitz, ein hübsches kleines Dorf an der Ostsee, wo jeder jeden kennt. Ein Tierarzt, der eigentlich Kriminalkommissar ist, zwei rothaarige Schönheiten und ein bisschen Humor. Aber in dem letzten Film In eigener Sache gab es keinen Humor mehr und eine rothaarige Frau weniger. Das Formelgerüst war zerbrochen, die Filmmusik, die wie das Tonband eines Bestatttungsinstituts klang, sollte dem Ganzen ein bisschen Tiefe geben. Gab es nicht. Wenn nicht in letzter Minute der Vater der rothaarigen Kommissarin, ein ehemaliger Geheimagent, als deus ex machina ins Bild kommend, den Serienmörder erschossen hätte, wären alle tot gewesen.

So sehr wir den Verlust beklagen, wir sollten Verständnis dafür haben, wenn Schauspielerinnen wie Henny Reents oder Friederike Kempter (die Nadeshda Krusenstern aus dem Münsteraner Tatort) den Filmtod wählen, um aus der Serie auszusteigen. Vielleicht ist ihnen das einfach alles zu blöd, immer wieder dasselbe zu spielen.

Dienstag, 4. Februar 2020

kenningar


In dem Post mit dem seltsamen Titel ylaf, der viele Leser angezogen hat, ging es über Bilder vom Strand. Dort hatte ich geschrieben: Es ist ein Wort aus dem Altenglischen, das wohl schlicht Strand bedeutet. So ganz sicher ist man sich da nicht, weil das Wort nur zweimal im Altenglischen vorkommt. Das Wort ist aus zwei Wörtern zusammengesetzt, wobei das yth- Welle(n) bedeutet, das -laf so etwas wie Überrest. Damit sind wir bei einer Besonderheit der altenglischen Dichtung, dem Kenning, eine poetische Zusammenfügung von zwei Wörtern, die dann etwas Drittes bedeuten. So wird aus hwal (whale) und rade (road) die hwal-rade, nämlich das Meer (hron-rade kommt schon in der zehnten Zeile vom Beowulf vor). Und ythlaf, der Überrest der Wellen, ist natürlich der Strand. Ist doch ganz einfach.

Der Plural von dem Wort kenning ist kenningar, deshalb heute der Titel. Sie werden von Dichtern heute nicht mehr so häufig verwendet, sie hatten ihre große Zeit im Altenglischen (und in anderen germanischen Spracher jener Zeit), aber manchmal holt doch ein Dichter die kenningar wieder aus der Wörtertruhe heraus. Ein Gedicht habe ich heute, es heißt Swearing In, es ist aus der Sammlung Sincerity (2018) von der ehemaligen Hofdichterin Carol Ann Duffy. Es ist ein Gedicht für Donald Trump, einem Mann, der seine politischen Gegner mit allen möglichen Ausdrücken beschimpft und beleidigt hat. Nun kommt ein klein wenig zu ihm zurück, und alle Beschimpfungen, die man sich für ihn ausdenken kann, sind hier dichterisch verarbeitet:

Combover, thatch-fraud, rug-rogue, laquer-lout;
twitter-rat, tweet-twat, tripe-gob, muckspout.

Sleaze-serf, poke-knave, bribe-berk, bedswerver; 
hand-mangler, kids-mitts, thumb-sucker, fist-jerker.

News-maggot, lie-monger, tongue-trickster, crap-grubber;
smell-feast, guzzle-chops, snout-ligger, burger-blubber.

Tie-treader, tan-faker, draft-dodger, piss-douse;
fraud-hawker, golf-plonker, bigot-merchant, shite-louse.

Mandrake Mymmerkin, welcome to the White House.

Samstag, 1. Februar 2020

Simple Pleasures


So sieht Amerika im Jahre 1938 aus, auf jeden Fall das ländliche Amerika. General Store and Post Office, heißt das Bild, das einen neuen Stil der Genremalerei konstituiert. Das kleine Mädchen schaut sich einen Steckbrief an, es gibt jetzt viel Verbrechen in der Zeit der Great Depression. Meistens sind es Bankräuber wie Bonnie und Clyde, die auf diesen Steckbriefen abgebildet sind. Woody Guthrie hat in seiner Ballade über Pretty Boy Floyd gesungen: Yes, as through this world I've wandered I've seen lots of funny men; Some will rob you with a six-gun, And some with a fountain pen. Was mag der junge Mann in seiner Zeitung lesen? Berichte von Banküberfällen oder Berichte über Banken, die die Farmer ausplündern? Farmers Organize kann man lesen, das ist wichtig.

Draußen auf der Straße ist schon die Moderne, da ist die rote Zapfsäule der Firma Mobilgas zu sehen, die Edward Hopper zwei Jahre nach dem Bild General Store and Post Office auf seinem Bild Gas gemalt hat. Eins seiner vielen Bilder, das die amerikanische Einsamkeit zeigt.

Das Bild von dem Kleinstadtladen, in dem noch ein Spucknapf auf dem Boden steht, ist von der Malerin Doris Emrick Lee, die am 1. Februar 1905 geboren wurde. Es ist ein Wandgemälde für das Postgebäude in Washington, das von der Works Progress Administration in Auftrag gegeben wurde. Auch der Ehemann der Malerin, der Photograph Russell Lee, arbeitet für eine Organisation der Roosevelt Administration. Die heißt Farm Security Administration (FSA), und zu dem Thema gibt es hier mit Dokumentarfilm schon einen langen, ausführlichen Post.

Es gibt zu dem Bild von Doris Lee noch ein zweites Bild, das Country Post heißt. Es erzählt im Stil des social realism der Roosevelt Ära wieder eine kleine Geschichte. Die Post kommt hier schon mit einem Automobil, ein Junge auf einem Pferd will dem Postboten in letzter Minute noch einen Brief bringen. Die Frau rechts beginnt in einem Brief zu lesen. Der junge Mann mit dem Strohhut ist wohl derselbe, der in General Store and Post Office in der Zeitung liest. Oben rechts ist eine Lokomotive zu sehen, ein Zeichen für den Fortschritt. Oben links ist eine Kirche, im typischen James Gibbs Stil, der sich überall in Neuengland findet, ein Zeichen für die Tradition.

Hier kann man auch Benzin von der Firma Mobilgas tanken, aber das Bild The Blacksmith Shop von Doris Lee sieht definitiv anders aus, als Edward Hoppers Gas. Wir sollten diese Art der Malerei nicht mit der Malerei von Grandma Moses verwechseln, sie hat in Amerika eine lange Tradition, die von Edward Hicks bis zu Norman Rockwell reicht. Das habe ich schon in dem Post Grandma Moses gesagt. Grandma Moses kann nicht anders malen, Doris Lee, die in Amerika, München und Paris studiert hat, könnte es. Aber sie will es nicht. Sie will diesen Stil, der eine künstliche naive Malerei ist.

Es ist in manchen Bildern wie dieser Siesta aus dem Jahre 1944 auch ein Stil, der dem Magischen Realismus in Europa ähnelt. Dieses Bild hat einmal Clare Boothe Luce gehört, die es dem National Museum of Women in the Arts schenkte, wo es heute hängt. Doris Lee ist nicht bei dem Stil und den Themen der dreißiger Jahre geblieben, wo sie Malern wie Grant Wood, Thomas Hart Benton und Norman Rockwell (zu dem gibt es hier zwei Posts: Bilder: Geschichte und Norman Rockwell) ähnelt.

Wenn Sie wissen wollen, wie die Kunst in Amerika in den dreißiger und vierziger Jahren aussah, kann ich nur den Katalog der groß angelegten Ausstellung Amerika: Traum und Depression 1920/40 (Berlin 1980 und Hamburg 1981) zum Kauf empfehlen. Man kann ihn zu moderaten Preisen noch antiquarisch finden. Dass sich das Bild Country Wedding von 1942 eines Tages auf einer Grußkarte findet, wird niemanden erstaunen.

Die Verkäufe der Postkarten reichen nicht an Grandma Moses heran, von deren Bildern 1946 sechzehn Millionen Karten verkauft werden, aber sie sind eine kleine Einkommensquelle. Das Buch Painting for Enjoyment, das sie mit ihrem zweiten Ehemann Arnold Blanch verfasst, auch. Doris Lee hat Erfolg, sie gewinnt Kunstpreise (1935 für ✺Thanksgiving) und Museen kaufen ihre Bilder. So kauft zum Beispiel das Metropolitan Museum ihr Bild The Catastrophe, das den Absturz der brennenden Hindenburg zeigt. Und ihr Bild Harvest wird für eine ✺Bierreklame gebraucht. Im Westmoreland Museum of American Art in Pennsylvania wird man ab September einen Überblick über das Werk dieser interessanten Künstlerin in der Ausstellung Simple Pleasures: The Art of Doris Lee bekommen.