Dienstag, 9. Februar 2021

Hancock the Superb


Heute vor 135 Jahren ist der amerikanische General Winfield Scott Hancock gestorben. Er war vierzig Jahre im Dienst der US Army, und wenn er nicht gewesen wäre, hätte der Norden die Schlacht von Gettysburg vielleicht nicht gewonnen. Auf diesem nachträglich kolorierten Photo von Matthew Brady sitzt er während der Overland Campaign 1864 neben einem Baum. Um ihn herum stehen seine drei Divisionskommandeure, die Generäle Francis Channing BarlowDavid B. Birney und John Gibbon. Barlow, der Bostoner Dandy und Jahrgangsbester in Harvard, trägt ein kariertes Hemd mit weißem Kragen, das sich in keiner Dienstvorschrift findet. Sie können mehr über ihn in dem Post zu dem Maler Winslow Homer lesen.

Hancock ist in diesem Blog in den Posts über den Civil War immer wieder erwähnt worden, das lasse ich jetzt einmal weg, ich will auf etwas ganz anderes hinaus. Denn Hancock, den seine Kollegen Hancock the Superb nannten, hatte sich 1880 für die Demokratische Partei auf die Präsidentschaft beworben. Ihm fehlten zweitausend Stimmen, der Republikaner James A. Garfield war gewählt. Es war das knappste Ergebnis in der Geschichte der amerikanischen Wahlen. Hancock trug es mit Fassung. Der Brief, den er 1881 an die Ehefrau von William Collins Whitney schrieb, ist während der letzten US Wahlen häufiger zitiert worden, weil hier ein Präsidentschaftsbewerber das Wahlergebnis ohne zu zögern anerkennt und zur Inauguration des Wahlsiegers nach Washington reist.

Yes, I am going to Washington on the 3d of March for a few days. General Sherman, my commanding officer, has asked me to be present. I have no right to any personal feeling in the matter. It is clearly my duty as a soldier to obey. A Democratic Congress has formally announced that the people have duly elected a President, and this is James A. Garfield. It certainly seems that a Democratic candidate should be there to support the assertion, otherwise he would not be a good Democrat. 

Der ehemalige Präsident Rutherford B. Hayes hat über Hancock, der beinahe sein Nachfolger geworden wäre, gesagt: If, when we make up our estimate of a public man, conspicuous both as a soldier and in civil life, we are to think first and chiefly of his manhood, his integrity, his purity, his singleness of purpose, and his unselfish devotion to duty, we can truthfully say of Hancock that he was through and through pure gold. Über Donald Trump wird niemand jemals so etwas sagen.

Hier ist der Generalmajor Hancock noch einmal zusehen, Matthew Brady hat meistens mehrere Aufnahmen gemacht. Diesmal ist der Stab seines ganzen II. Corps dabei. Hancock ist aufgestanden, wir können sehen, wie groß er ist. Francis Channing Barlow lehnt sich mit seinem gewürfelten Hemd immer noch an den Baum. Dies ist nach dem Krimkrieg der erste photographierte Krieg. Barlow und Hancock überleben den Krieg, obgleich sie in Schlachten schwer verwundet werden. Barlow wird  New York Secretary of State und New York State Attorney General. Er bekämpft die grassierende Korruption, insbesonders den sogenannten Boss Tweeed Ring.

Die Korruption ist dasjenige, das Amerika nach dem Bürgerkrieg auszeichnet. Man nennt die Zeit das Gilded Age, aber das ist kein goldenes Zeitalter, es ist nur mühsam vergoldet. James A. Garfield hat nichts von seiner Präsidentschaft, vier Monate nach seinem Amtsantritt wird er erschossen. Viele in Amerika waren der Meinung, dass Hancock der bessere Präsident gewesen wäre. So sagte Francis A. WalkerAlthough I did not vote for General Hancock, I am strongly disposed to believe that one of the best things the nation has lost in recent years has been the example and the influence of that chivalric, stately, and splendid gentleman in the White House. Perhaps much which both parties now recognize as having been unfortunate and mischievous during the past thirteen years would have been avoided had General Hancock been elected.

Sonntag, 7. Februar 2021

Raymond Chandler (reloaded)


Es geht heute noch einmal um Übersetzungen, gute und schlechte. Oder wie der Franzose sagt: Les traductions sont comme les femmes: quand elles sont belles, elles ne sont pas fidèles, et quand elles sont fidèles, elles ne sont pas belles. Am letzten Sonntag gab es hier Proust, heute gibt es hier Chandler. Ich las in der Zeitung, dass es eine neue Übersetzung der Romane von Raymond Chandler gäbe, die sehr cool sein sollte. Ich notierte mir das auf einem Zettel und ließ es erst einmal liegen. Mich beschäftigten gerade die Übersetzungen von Marcel Prousts Recherche. Und ehrlich gesagt, hatte ich mich für Chandler Übersetzungen noch nie wirklich interessiert. Aber vielleicht hat doch das eine mit dem anderen zu tun: beide Autoren wurden dem deutschen Publikum durch Übersetzungen in den fünfziger Jahren bekannt; beide Autoren waren große Stilisten in der Sprache, in der sie schrieben, beide Autoren haben ihre Übersetzer herausgefordert. Chandlers Englisch war das Upper Class Englisch seiner englischen Public School Erziehung, das gesprochene amerikanische Englisch - das H.L. Mencken in seinem Klassiker The American Language beschrieb - musste er erst einmal lernen. Er wird zu einem Meister dieser Sprache: If I hadn’t grown up on Latin and Greek, I doubt if I would know so well how to draw the very subtle line between what I call a vernacular style and what I should call an illiterate or faux naif style. There’s a hell of a lot of difference, to my mind.

Raymond Chandler war ein gebildeter Mann. Er wußte, wer Proust war, in einem Brief an seinen Verleger vergleicht er den Stil von Dashiell Hammet und James Malahan Cain miteinander. Zu Ungunsten von Cain: I hope the day will come when I don’t have to ride around on Hammett and James Cain, like an organ grinder’s monkey. Hammett is all right. I give him everything. There were a lot of things he could not do, but what he did he did superbly. But James Cain—faugh! Everything he touches smells like a billygoat. He is every kind of writer I detest, a faux naif, a Proust in greasy overalls, a dirty little boy with a piece of chalk and a board fence and nobody looking. Such people are the offal of literature, not because they write about dirty things but because they do it in a dirty way. Ich persönlich mag James Mallahan Cain, ich finde, dass sein Roman Serenade der Höhepunkt des melodramatischen Kitsches ist, der in der Zeit der tough guy writers geschrieben wurde. Aber diese wunderbare kleine Beleidigung im Vorübergehen: a Proust in greasy overalls, die hat schon etwas.

Die coole Blondine in dem Absatz oben ist auf dem Cover der neuen Penguin Ausgabe, und diese coole Blondine soll Eileen Wade in The Long Good-Bye sein. Wo wir Sätze finden wie: Es gibt solche Blondinen und solche, das ist heutzutage fast schon ein geflügelter Witz. Alle Blondinen haben ihre Mucken, mit Ausnahme vielleicht nur der wasserstoffblonden, die jenseits der Chemie so blond sind wie ein Zulu und von Gemüt so glatt wie ein Bürgersteig. Da gibt es das kleine süße Blondchen, das piepst und zwitschert, und die große statuenhafte Blondine, die nur einen einzigen ihrer eisblauen Blicke braucht, um einen auf Distanz zu halten. 

Da gibt es die Blondine, die hinreißend zu einem aufschaut und ebenso hinreißend duftet und schimmert und einem am Arm hängt und die dann immer so sehr, sehr müde ist, wenn man sie heimbringt. Sie macht dauernd diesen hilflosen Eindruck und hat dauernd diese gottverdammten Kopfschmerzen, und man würde ihr am liebsten eine runterhauen, wenn man nicht heilfroh wäre, das mit den Kopfschmerzen noch rechtzeitig entdeckt zu haben, bevor man zuviel Zeit, Geld und Hoffnung in sie investiert hat. Ich weiß nicht, von wem die Übersetzung ist, aber sie ist auf jeden Fall ziemlich nah am Original (der Blondinenkatalog findet sich hier im 13. Kapitel. Und eine Erklärung für das Knopfloch auf der falschen Seite bei Humphrey Bogarts Jackett finden Sie hier).

Coole Blondinen gehören offenbar zu Philip Marlowe, ebenso wie das leicht heruntergekommene Büro, in dem wir in The Big Sleep der einzigen Erwähnung von Proust in Chandlers Romanen begegnen, wenn Vivian Regan sagt: «Well, you do get up,» she said, wrinkling her nose at the faded red settee, the two odd semi-easy chairs, the net curtains that needed laundering and the boy's size library table with the venerable magazines on it to give the place a professional touch. «I was beginning to think perhaps you worked in bed, like Marcel Proust.» «Who's he?» I put a cigarette in my mouth and stared at her. She looked a little pale and strained, but she looked like a girl who could function under a strain. «A French writer, a connoisseur in degenerates. You wouldn't know him.» «Tut, tut,» I said. «Come into my boudoir.»

Obgleich ich mich, wie gesagt, eigentlich nicht für die Übersetzungen von Chandler interessiere, weiß ich doch, dass The Big Sleep (hier im Volltext) in deutscher Übersetzung zum erstenmal bei einem kleinen Verlag in Nürnberg namens Nest Verlag erschienen war. Der Verlag hat eine gewisse Berühmtheit, weil er von Karl Anders gegründet worden war, der nach der Emigration als Korrespondent für die BBC über die Nürnberger Prozesse berichtet hatte.

Der Nest Verlag sollte ein politischer Verlag sein, der Bücher zum Thema Völkerverständigung und Vergangenheitsbewältigung druckte, aber so schön der Gedanke war, die Bücher verkauften sich nicht. Um eine finanzielle Basis für den Verlag zu haben, nahm Karl Anders Krimis ins Verlagsprogramm, das war der Beginn der Krimireihe Krähen Bücher, die sich bemühte, qualitätsvolle Krimis in guten Übersetzungen zu präsentieren. Helmut Karasek wird 2011 sagen: diese Übersetzungen können sich heute noch sehen lassen. Er weiß gar nicht, wie recht er hat. Politische Bedeutung erlangten die Krähen Bücher noch in einer nicht geahnten Weise, die Übersetzungen des Nest Verlages wanderten in die Produkte des Verlags Volk und Welt in Ostberlin, Chandler und Hammett waren in der DDR ideologisch gedultete Autoren. 

Dies hier ist der Umschlag zu der Übersetzung von Chandlers The Little Sister, 1953 in der Übersetzung von Peter Fischer erschienen (Fischer hat später noch Dashiell Hammett für Goldmann und Joseph Hayes für S. Fischer übersetzt). Die Übersetzung hielt sich lange, erschienen auch in anderen Verlagen (zum Beispiel Ullstein, die beinahe das ganze Programm vom Nest Verlag übernahmen), bis der Diogenes Verlag 1975 eine neue Übersetzung von dem berühmten Walter E. Richartz auf den Markt brachte. Im letzten Jahr hat Diogenes den Roman von Robin Detje neu übersetzen lassen, das war das, was ich in der Zeitung gelesen hatte. 

1953 erschien im Verlag von Karl Anders ein Buch, das sozusagen das begleitende Theoriewerk für die Krähen Krimis darstellte: Fritz Wölckens Der literarische Mord. Es war seine Habilitationsschrift gewesen, zehn Jahre später wurde er Ordinarius für Anglistik an der Uni München. Ich kann mir das hier jetzt einfach machen, alles, was Sie über Wölcken und sein Werk wissen sollten, steht schon in dem Post Eric Ambler. Dies ist nicht das Cover vom Nest Verlag, sondern das Cover der digitalen Neuauflage des CulturBooks Verlag aus dem Jahre 2015. Die hat ein vorzügliches Vorwort von Thomas Wörtche, und das kann ich Ihnen hier auch zur Lektüre anbieten.

Raymond Chandlers berühmtester Roman The Big Sleep wurde von Mary Brand unter dem Titel Der tiefe Schlaf übersetzt. Eine Frau namens Mary Brand wird man in einem Lexikon vergebens suchen. Wenn man den Namen bei Wikipedia eingibt, bekommt mal als erstes die Hauptkommissarin Marie Brand, gespielt von Marielle Millowitsch, angeboten. Aber die haben nichts miteinander zu tun, in Wirklichkeit war Mary Brand das Pseudonym der Übersetzerin Maria von Schweinitz, die für den Nest Verlag auch Chandlers The High Window und The Lady in the Lake übersetzte. Und vieles mehr, im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek kommt sie auf hunderte von Eintragungen. Ihre Übersetzung von The Big Sleep wurde von Ullstein bis in die siebziger Jahre nachgedruckt (eine Liste mit allen deutschen Ausgaben von Chandler finden Sie hier).

Und wenn Sie diesen Link anklicken, können Sie die angeblich besten fünfundzwanzig Cover von The Big Sleep betrachten. Dies hier ist auch dabei, mit dem Kommentar: Büchergilde Gutenberg (Germany) (2013) (Artist: Thomas M. Müller). Driving down the highway into the sunset, with a lone palm tree as witness. The cover art may be from Germany, but this guy totally gets California. Die Ausgabe der Edition Büchergilde war durchgehend von dem Designer Thomas M. Müller illustriert, alles im Stil der dreißiger Jahre. Allerdings sahen die Bücher damals anders aus, das weiß ich, weil ich inzwischen einige Erstausgaben besitze, eine hat mir die Daniela geschenkt. Für die Büchergilde Ausgabe aus dem Jahr 2013 hat man die Übersetzung von Gunar Ortlepp gewählt, der den Roman 1974 für den Diogenes Verlag übersetzt hat. Weshalb der Verlag im letzten Jahr den Roman von Frank Heibert neu übersetzen ließ, das weiß ich nicht. Und weshalb Chandlers Roman unbedingt ein Nachwort von Donna Leon bekommen musste, das weiß ich auch nicht. Chandler und Donna Leon, das geht irgendwie nicht zusammen.

Das Diogenes Lektorat rechtfertigte die neue Übersetzung mit der Aussage: So eine knappe und schnelle Sprache, wie Chandler sie hatte, gab es noch nicht im Deutschen zur Zeit der früheren Übersetzungen. Wirklich? Nehmen wir einmal einen Satz aus dem vierten Kapitel: She approached me with enough sex appeal to stampede a business men's lunch. Der lautet bei Frank Heibert: So sexy, wie sie sich auf mich zuschob, hätte sie jeden Businesslunch in eine Stampede verwandeln können. Mir gefällt das Verb zuschob nicht, und mit dem Verb stampede ist dem Übersetzer etwas durcheinandergeraten. In der ersten Übersetzung von Mary Brand klingt das etwas behäbiger: Sie näherte sich mir mit genügend Sex-Appeal, um einem Geschäftsmann den Appetit auf den Lunch zu verschlagen. Aber bei Gunar Ortlepp ist das 1974 durchaus richtig: Sie näherte sich mir mit genug Sex-Appeal, um eine ganze Aufsichtsratssitzung zu sprengen. Ich habe das Beispiel einer Besprechung der dpa entnommen, in der Heibert gegen Mary Brand ausgespielt wird, Gunar Ortlepp aber gar nicht erwähnt wird. 

Gunar Ortlepp war nicht irgendjemand, er war Kulturredakteur beim Spiegel, er kannte Arno Schmidt und hat ihn interviewt, als der Zettels Traum schrieb, und er hat The Big Sleep und Hammetts Blood Harvest für Diogenes übersetzt. Ich habe eigentlich an seiner Übersetzung von The Big Sleep, die sich hier im Volltext im Internet findet, wenig auszusetzen. Nehmen wir mal den Anfang des Romans: It was about eleven o’clock in the morning, mid October, with the sun not shining and a look of hard wet rain in the clearness of the foothills. I was wearing my powder-blue suit, with dark blue shirt, tie and display handkerchief, black brogues, black wool socks with dark blue clocks on them. I was neat, clean, shaved and sober, and I didn’t care who knew it. I was everything the well-dressed private detective ought to be. I was calling on four million dollars. 

Das klingt bei Ortlepp so: Es war gegen elf Uhr morgens, Mitte Oktober, ein Tag ohne Sonne und mit klarer Sicht auf die Vorberge, was klatschkalten Regen verhieß. Ich trug meinen kobaltblauen Anzug mit dunkelblauem Hemd, Schlips und Brusttaschentuch, schwarze Sportschuhe und schwarze Wollsocken mit dunkelblauem Muster. Ich war scharf rasiert, sauber und nüchtern – egal nun, ob’s einer merkte. Ich war haargenau das Bild vom gut gekleideten Privatdetektiv. Ich wurde von vier Millionen Dollar erwartet. 

Heiberts Übersetzung aus dem Jahre 2019 bietet folgenden Text: Es war gegen elf Uhr vormittags, Mitte Oktober, keine Sonne am Himmel, und die klare Luft am Fuß der Berge sah nach hartem, nassem Regen aus. Ich trug meinen taubenblauen Anzug mit dunkelblauem Hemd, Schlips und Einstecktuch, schwarze Budapester und schwarze Wollstrümpfe mit dunkelblauem Uhrenmuster. Ich war sauber, rasiert, korrekt und nüchtern, egal, wer das merkte. Ich war hundert Prozent der gutangezogene Privatdetektiv. Ich hatte einen Termin mit vier Millionen Dollar. Ist das wirklich besser? Musste das sein? Gut, taubenblau ist wohl besser als kobaltblau (bei Mary Brand trägt der Detektiv einen pulverblauen Rock), das Einstecktuch ist besser als das Brusttaschenbuch. Aber dafür hat der Übersetzer große Schwierigkeiten mit den Hollywood Foothills und so etwas Geniales wie klatschkalter Regen gelingt ihm nicht.

Der Übersetzer Frank Heibert (wer hat ihm bloß diese Klamotten ausgesucht?) liest bei YouTube seine Übersetzung vor, die Videos wurden vom Verlag ins Netz gestellt. Mit dem Kommentar: Der Start der großen Neuedition! Über die Neuedition konnte man lesen: Der Schweizer Diogenes Verlag gibt die Krimis um den abgewrackten Detektiv Philip-Marlowe so nach und nach in einer Sprache heraus, die dem Heute entspricht. Eine Sprache, die dem Heute entspricht, solche Sätze lese ich zu gerne. Der Diogenes Verlag zitiert auf der Seite zu dem Buch einige Rezensionen: Frank Heibert macht den Oldtimer zu einem Genuss für alle, denen ein paar Erschossene nicht die Freude an guter Literatur nehmen – besser als jeder Tatort! Das findet sich in der Hessischen Allgemeinen. Noch tiefsinniger ist Sex, Drugs und doppelte Spielchen, herrlich! von dem Wiener Lifestyle Magazin Woman. Offenbar ist das Feuilleton der Zeit oder der Süddeutschen sehr zurückhaltend gegenüber den Neuübersetzungen, sodaß man schon auf solche Rezensionen zurückgreifen muss.

Der Diogenes Verlag, der vor wenigen Jahren die Rechte an seinem Autor Georges Simenon an einen anderen Schweizer Verlag verloren hat, macht jetzt mit zwei Neuübersetzungen Anstrengungen, wieder in das Geschäft mit der Kriminalliteratur zu kommen, Simenon hatte sich ja sechzig Millionen mal verkauft. Jetzt heißt es über Chandler: Start der großen Neuedition. Die Philip-Marlowe-Romane von preisgekrönten Übersetzern und mit Nachworten von berühmten Chandler-Fans wie Donna Leon, Michael Connelly, Clemens Meyer und Rainer Moritz. Der Verlag wäre besser beraten, aus den vorhandenen Titeln mal die richtigen Luschen auszusortieren. Sätze wie Chandlers Romane sind haarsträubend übersetzt ... Ein bisschen mehr Pflege könnte dieser Klassiker gebrauchen, kann man immer wieder lesen. Ein Beispiel wäre Hans Wollschlägers Übersetzung von The Long Goodbye (das hier sind Nina van Pallandt und Elliott Gould in der Verfilmung von 1973), für die die Rezensenten bestenfalls das Wort hölzern fanden. 

Wenn man Joyces Ulysses übersetzt, garantiert das nicht, dass man auch Chandler übersetzen kann. Wollschläger schafft es, das schöne Wort unputdownable mit unwiderleglich zu übersetzen, und people that hold up a liquor store werden bei ihm Leute, die einen Schnapsladen betreiben. Da kann man dann auch (in Mord im Regen) einen Longdrink mit einem langen Drink übersetzen. Als Wollschläger die Briefe von Chandler übersetzte, wurde seine Übersetzung im Spiegel von Martin Compart wunderbar auseinandergenommen. Viele Leser begrüßten Comparts vernichtende Kritik, so konnte man in den Leserbriefen lesen: Die Enttarnung des Starübersetzers Wollschläger war überfällig, oder: Ich bin seit den fünfziger Jahren Chandler-Fan und habe Hans Wollschläger immer für den schlechtesten Übersetzer gehalten, da er offenbar weder die englische noch die deutsche Sprache beherrscht und es fertigbringt, mit seinem holprigen Deutsch noch aus Chandler einen Langweiler zu machen.

Noch furchtbarer war die Übersetzung von The Lady in the Lake durch Helmut Karasek. In der Fachzeitschrift Der Übersetzer fand sich 1987 ein Verriss, der mit den Worten endete: Daß die Übersetzung so ist, hat der Übersetzer zu verantworten. Daß sie erschienen ist, geht aufs Konto des Diogenes Verlags, und dieser muß sich sagen lassen: Es ist unanständig, solchen Schrott als Literatur unter die Leute zu bringen. Dieser Roman – er ist einer von Chandlers besten – muß noch einmal neu übersetzt werden, aber diesmal bitte ins Deutsche. Karasek wird allen Chandler Fans dafür in Erinnerung bleiben, weil er you darn fool mit Sie zusammengeflickter Narr übersetzt hat.

Fritz Wölcken wollte mit seinem Buch im Nest Verlag den Kriminalroman aus der Gosse holen und zeigen, dass er zur Literatur gehört. Die Einsicht, dass Kriminalromane richtige Literatur sein können, hatte es schwer, sich durchzusetzen. It doesn't matter a damn what a novel is about, that the only fiction of any moment in any age is that which does magic with words, hat Chandler geschrieben, und diese Magie mit Worten, die kann er immer wieder herbeizaubern. Er hat in einem Brief kurz vor seinem Tod gesagt: To accept a mediocre form and make something like literature out of it is in itself rather an accomplishment. Er hätte bessere Übersetzer verdient als Wollschläger, Karasek und Heibert.

Einer meiner ersten Aufsätze, den ich als junger Literaturwissenschaftler bei einer seriösen literaturwissenschaftlichen Zeitschrift einreichte, verstörte die Redaktion damals sehr. Der Schriftsteller Raymond Chandler galt den Herren als nicht literaturwürdig. Wir waren in Deutschland weit hinter den Franzosen zurück, André Gide hatte aus seiner Bewunderung für Dashiell Hammett nie einen Hehl gemacht, und die Existentialisten waren von den tough guy writers hin und weg. Muss ich noch sagen, dass Camus' Roman L'étranger auf James Mallahan Cains The Postman always rings twice basiert? Aber nach langem Hin und Her hat die Redaktion den Artikel über Chandler angenommen und gedruckt. Das war vor beinahe fünfzig Jahren eine Sensation, heute würde jede Redaktion einer literarischen Zeitschrift einen Chandler Artikel von mir mit Kusshand nehmen, meine Leser kriegen das natürlich hier umsonst. 

Es gibt viel Chandler in diesem Blog. Das begann im Februar 2010 mit dem Post Ritter, dem im Juli 2010 der Post Raymond Chandler folgte. Und dann noch mehr. Das Beste, was ich zu Chandler schrieb, steht in dem Post Raymond Thornton Chandler. In dem es auch als Schmankerl eine kleine Verfilmung von Chandlers Kurzgeschichte I'll be Waiting mit Marg Helgenberger als Eve Cressy zu sehen gibt.

Donnerstag, 4. Februar 2021

Willmer

Die Pfeife im Schaufenster sah nicht schlecht aus, und sie war preisgünstig. Ich betrat den kleinen Eckladen, in dem ich noch nie gewesen war. Ein Mann mit einem grauen Kittel und einer Goldbrille holte mir die Pfeife aus dem Fenster und legte sie auf den Tresen. Ich habe noch nie etwas von dieser Marke gehört, sagte ich. Ist auch ein Geheimtip, sagte der Verkäufer. So etwas sagen Verkäufer gerne, da hört man am besten nicht drauf. Doch er sagte noch: Das ist eine kleine Firma mit Sitz in London, ist noch im Familienbesitz. Ist ja heute kaum noch jemand. Von solchen Entwicklungen auf dem englischen Markt hatte ich auch schon gehört. 

Das stand nicht im Wirtschaftsteil des Observer, den ich damals abonniert hatte, aber Pfeifenhändler wussten, dass sich in England auf dem Markt viel bewegte. Wussten, dass kleine Firmen plötzlich vom Markt verschwanden. Die Swinging Sixties waren vorbei, England steckte in einer Wirtschaftskrise. Es gab die Dreitagewoche und die Sonntagszeitungen erschienen nicht mehr. Die Times einmal auch ein ganzes Jahr nicht. Da half es auch nicht, dass ich an der Heckscheibe meines Autos einen I'm Backing Britain Sticker hatte. Ich kaufte die Pfeife, die Willmer hieß, mir gefiel dieses wunderbar geschwungene W auf dem Mundstück. Der Mann im grauen Kittel sagte mir, ich sollte am Monatsende noch einmal wiederkommen, vielleicht gäbe es dann noch mehr reduzierte Pfeifen von dieser Marke. Die Filiale hier würde geschlossen, er selbst müsse wieder zurück nach Hamburg in die Zentrale, er wolle nicht alles wieder mitnehmen.

Am Ende des Monats war ich wieder in dem kleinen Laden, das Angebot an reduzierten Pfeifen der Firma Willmer war verlockend groß geworden. Es macht hier keinen Sinn, mit Pfeifen zu handeln, sagte der Mann mit dem grauen Kittel, es gibt in Kiel zu viele Fachhändler. Ich verkaufe Oldenkott und Vauen gut, aber nicht diesen kleinen Engländer, den niemand kennt. Wenn die Leute was Besonderes haben wollen, gehen sie zu Trennt oder Motzek. Oder kaufen sich fünfzig Meter weiter bei Pfeifen-Schulz eine Charatan. Dagegen kann man nicht konkurrieren.

Die Firma Krüger & Oberbeck (auch K&O und KundO), die ihre Kieler Filiale auflöste, war 1889 in Berlin als Zigarettenfabrik gegründet worden. Sie hatte über hundert Filialen in ganz Deutschland, in Neumünster gab es vor dem Bahnhof sogar einen Krüger & Oberbeck Pavillion. Als der Laden am Monatsende geschlossen wurde, hatte ich mittlerweile fünf Pfeifen gekauft, was mich insgesamt hundert Mark gekostet hatte. Solch hübsche Kartons gab es nicht dazu, aber ich bekam doch noch etwas ganz Besonderes.

Ich war am letzten Tag nochmal im Laden, ich wollte keine Pfeife mehr kaufen, ich wollte nur dem netten Mann mit dem grauen Kittel Tschüss sagen und ihm alles Gute wünschen. Er war ganz gerührt und sagte: Ich habe noch etwas für Sie. Ging nach hinten und kam mit einer Pfeife wieder. Ich wollte eigentlich keine mehr kaufen, aber es war ein Geschenk. Das ist das Beste, was die Firma macht, sagte er. Es war eine Willmer Supreme, das war wohl damals, als sie noch nicht die Straight Grains und die AAA Pfeifen anboten, das Beste, was sie herstellten. Die Pfeife ist immer noch supreme.

Die kleine Firma Willmer gibt es nicht mehr. In ihrer letzten Werbeanzeige im Jahre 2003 konnte man noch lesen: H. Willmer & Son have been making fine pipes for two generations. All our pipes are totally hand made, in house, from the finest materials. The workmanship, from the economy models, right up to the hand made freehands, receive the same care and attention throughout all the stages of production, aber wenige Jahre später war Schluss. Sie saßen auch nicht mehr in London, sondern in Southend-on-Sea. Ich weiß, wo das ist. Mein Freund Tony kam daher. Und Gary Glitter. Der Ort ist für Pfeifen eine schlechte Adresse, weil der Cadogan Konzern 1980 seine ganze Produktion in die neue Orlik Fabrik in Southend-on-Sea verlegt hatte. Wahrscheinlich produzieren sie da immer dasselbe und schreiben nur andere Namen auf die Pfeifen. 

Der Mann mit dem grauen Kittel und der Goldbrille hatte natürlich Recht gehabt, Willmer war ein Geheimtip, the best-covered secret in pipe making in England. Im Internet gibt es zahlreiche Foren, wo die Besitzer von Willmer Pfeifen schwören, dass diese Pfeifen besser als Charatan oder Dunhill sind. Es gibt vielleicht eine Beziehung zu Charatan, der Schwager des Firmengründers soll da gearbeitet haben, und die Firma Willmer hat vielleicht Pfeifenköpfe von Charatan bekommen. Man weiß das alles nicht so genau.

Es kursieren auch Gerüchte, dass Harold Willmer für Charatan gearbeitet hat, aber die Firma verließ, als sie ins Trudeln kam und seine eigene Firma aufmachte. An der Geschichte ist aber nichts dran. Es stimmt jedoch, dass führende Mitarbeiter die Firma Charatan (die unter der Ägide von Herman Lane auch die Ben Wade Pfeifen produzierten) verlassen haben, als die hin- und herverkauft wurde. Das war die Geburtsstunde von Firmen wie Millville und Upshall. Es ist auch durchaus möglich, dass Willmer in dieser Phase der Firma Charatan Pfeifen hergestellt hat, die den Namen Charatan trugen. Mit Willmer ging es trotz der hervorragenden Qualität ebenso wie mit Charatan bergab. Wie mit der ganzen englischen Pfeifenindustrie, die hervorragenden kleinen Firmen sind alle verschwunden. Die Firma Krüger & Oberbeck auch.

Das Pipedia Internetlexikon, das leider nicht sehr zuverlässig ist, weiß über Willmer zu sagen: When Willmer first started, they definitely strived to compete with brands in the high-end market. Due to the excellent quality of the pipes Willmer was frequently asked to produce private label pipes for England’s best renowned pipe retailers. So many pipes are not easily recognized as Willmers for stamped under the name of the respective shop. Willmer’s own pipes were stamped 'Willmer – Made in England' and showed a sweeping 'W' in white or gold on top or left side of the stem. Ähnliches steht auch bei Richard Carleton Hacker (der leider auch nicht sehr zuverlässig ist): Although this London firm makes some pipes under its own name for both Great Britain and the U.S., it is primarily known for the vast number of private label pipes it produces for a variety of pipe companies.

Das hat es immer gegeben, dass sich Händler oder andere Firmen Pfeifen machen ließen, die dann ihren Namen trugen. Das haben in Deutschland auch Pfeifen Tesch in Hamburg und Pfeifen Timm auf Helgoland gemacht. Paul Schrader in Bremen handelt mit Tee und Süßwaren, aber sie hatten auch mal Pfeifen im Angebot und hatten eine Eigenmarke, die aus London kam. Dies hier ist eine Ansicht von Fribourg & Treyer am Haymarket aus dem 19. Jahrhundert, der berühmtesten Adresse für Tabakwaren. Fribourg & Treyer war 1720 gegründet worden, war der erste Tabakladen in London, der berühmte Dandy Beau Brummell kaufte hier seinen Schnupftabak. Es gibt auch Pfeifen, die den Namen des Ladens tragen, aber niemand weiß, wer die machte. Geschäfte wie Fribourg  & Treyer oder Astley's (deren Pfeifen wohl von Charatan und Dunhill kamen) achteten darauf, dass die Hersteller ihrer Pfeifen anonym blieben. Das gilt auch für die Firma Bewlay, die Läden quer durch England hatte, ihre Pfeifen waren immer von der besten Qualität. Die drei eben genannten Firmen gibt es nicht mehr, es ist heute für den Sammler schwer, eine Pfeife mit diesen Namen zu finden.

Es ist auch schwer, eine Willmer zu finden. Dunhills gibt es bei ebay zu hunderten, aber keine Willmer. Diese hier muss ich eben mal  abbilden, ich habe sie vor einigen Monaten für zwanzig Euro bei ebay gekauft. Die Form des Modells, das Belgrave heißt (wahrscheinlich nach dem Belgrave Square) ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich gewöhne mich daran. Sie liegt bei mir auf dem Schreibtisch, ich kann sie immer sehen. Geraucht habe ich sie noch nicht. Man muss sich auch Schönes etwas für die Zukunft aufbewahren.

Sonntag, 31. Januar 2021

Eine Liebe von Swann


Es ist jetzt mehr als sechzig Jahre her, dass mir mein Freund Peter sagte, dass wir unbedingt Proust lesen müssten. Die deutsche Übersetzung der Recherche war gerade bei Suhrkamp erschienen. Wir lasen Proust, in kleinen Portionen, die Bände waren teuer. Peter bekam seine Bände preisgünstiger, da seine Mutter aus einer berühmten Verlegerfamilie stammte und überall Verlagsrabatt bekam. Ich durfte manchmal bei ihm etwas mitbestellen, aber ich wollte jetzt meinen ganz eigenen Proust haben. Ich warb im Freundeskreis meiner Eltern Abonnenten für die Welt ein. Wenn der neugewonnnene Leser die Zeitung für drei Monate bestellte, bekam ich einen Band Proust. Es gelang mir nicht immer, rechtzeitig einen Abonnenten zu werben, in zwei von sieben Bänden klebt hinten das kleine grüne Etikett der Buchhandlung Otto & Sohn, wo ich das Buch gekauft habe. Ich kann auf meiner Leseliste aus dem Jahre 1962 sehen, dass ich in dem Jahr schon drei Bände von Prousts gewaltigem Romanwerk gelesen habe. 

Ich lese Proust immer noch. Nabokov, der einmal gesagt hat: Curiously enough, one cannot read a book; one can only reread it. A good reader, a major reader, and active and creative reader is a rereader, würde mich als einen guten Leser bezeichnen. Ich lese natürlich auch Anna Karenina zu Ende, das habe ich schon in dem Post Orchideen gesagt. Aber das habe ich erst einmal unterbrochen, weil ich mal eben Eine Liebe von Swann neu lesen musste. Nicht im Original (das ich auch besitze, obgleich ich mittlerweile die Internetversion des Romans sehr praktisch finde), sondern in einer mir unbekannten Übersetzung, für die ich bei ebay vier Euro ausgegeben hatte. 

Was ich Anfang der sechziger Jahre las, war die bei Suhrkamp erschienene Übersetzung von Eva Rechel-Mertens, an das französische Original traute ich mich damals noch nicht heran, obgleich mein Französisch von Jahr zu Jahr besser wurde. Ich habe aber damals Voyage au bout de la nuit im Original gelesen. Durchgekämpft, wäre wohl eher das Wort. Ich glaube, Proust wäre leichter zu lesen gewesen. Wenn ich den Roman jetzt noch einmal lesen wollte, würde ich es auf deutsch tun, Heike hat mir vor Jahren die schöne neue Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel geschenkt. 

Die sieben Suhrkamp Bände der Recherche mit den ausgeblichenenen malvenfarbenen Schutzumschlägen stehen noch immer nebeneinander im Regal. Ein achter Band mit den Briefen (von denen Proust nicht wollte, dass sie veröffentlicht werden: Sie werden sehen ... kaum dass ich tot bin, werden alle meine Briefe veröffentlichen. Ich habe einen Fehler gemacht, ich habe zu viel geschrieben, viel zu viel) steht in der zweiten Reihe. Neben den Suhrkamp Bänden stehen die Erinnerungen von Prousts Haushälterin Céleste Albaret und drei Biographien: die von George D. Painter (1959 und 1965), Jean-Yves Tadié (1996) und William C. Carter (2002). Painter sagte über sein Werk: I have endeavoured to write a definitive biography of Proust: a complete, exact and detailed narrative of his life, that is, based on every known or discoverable primary source and on primary sources only. Er hat keine Zeitgenossen von Proust interviewt und gesagt, selbst ein Treffen mit Proust hätte ihn nicht weitergebracht. William C. Carter, der jetzt bei der Yale University Press eine kommentierte englische Übersetzung der Recherche herausgibt, hätte so etwas nicht gesagt. Harold Bloom hat Carter Proust’s definitive biographer genannt, er muss immer übertreiben. Die Biographie ist nicht auf dem Niveau von Tadié, ein wenig langweilig, aber immens detailreich.

Natürlich steht da auch das schöne Buch Paintings in Proust von dem amerikanischen Maler Eric Karpeles und all die Bücher, die ich in dem Post Temps retrouvé erwähnt habe. Das Regal ist in den Jahrzehnten voller und voller geworden, aber die Suhrkamp Ausgabe hat ihren Platz nie verändert. Peter Suhrkamp hatte sein Haus auf Sylt 1953 an Axel Springer verkauft, um genügend Geld für den Kauf der Rechte an der Recherche zu haben. Die Übersetzerin Eva Rechel-Mertens, die bei Ernst Robert Curtius promoviert hatte, bekam für ihre Arbeit eine feste Anstellung im Verlag. Davon träumen Übersetzer, es zeigt aber auch, wie wichtig Suhrkamp das Erscheinen der ersten deutschen Übersetzung des Gesamtwerks war. 

Eva Rechel-Mertens wusste, was sie wert war, am Ende ihrer Dankesrede zur Verleihung des Johann Heinrich Voß Preises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sagte sie: Eines freilich glaube ich sagen zu können: wenn man die gesamte 'Recherche du Temps perdu' und den 'Jean Santeuil' übersetzt hat, darf man wohl für sich in Anspruch nehmen, gewissermaßen die Hohe Schule der Übersetzung durchlaufen zu haben. Mit welchem Prädikat? Sie hier, meine Herren, haben mir zu meiner großen Freude ein gutes zuerkannt. Aber das endgültige wird eine andere Instanz mir erteilen, und zwar ‒ ich schließe mit dem Wort, das Proust an das Ende seines großen Werkes gesetzt hat ‒ die ZEIT.

Hermann Hesse, der Suhrkamp schon 1949 gedrängt hatte, die Rechte zu kaufen, schrieb 1954 an seinen Verleger: Es ist ein Glück, daß Eva Rechel-Mertens nun den ganzen Proust übersetzt. Sie soll es womöglich so rasch tun, daß ich nicht mittendraus wegsterbe. Er wird die Recherche noch lesen können, Eva Rechel-Mertens übersetzte rasch. Während der fünf Jahre, die zur Vollendung nötig waren , habe ich stets gebangt, Frau Rechel-Mertens könnte unter der Aufgabe zusammenbrechen; und es gab gefährliche Krisenzeiten. Ich bewundere nicht nur die Einheit, den eigenen Ton in ihrer Übersetzung, sondern mehr noch den persönlichen Einsatz, der eine ungewöhnliche moralische Leistung darstellt, hat Peter Suhrkamp 1957 geschrieben

Vom zweiten Band an konnte die Übersetzerin auf die von Pierre Clarac und André Ferré herausgegebene Pléilade Ausgabe von Gallimard zurückgreifen. Seit der ersten deutschen Übersetzung von Un amour de Swann durch Rudolf Schottlaender im Jahre 1926 hatte Hermann Hesse eine Übersetzung des ganzen Romans gefordert. So schreibt er am Ende der zwanziger Jahre: Vor drei Jahren noch, als Proust endlich anfing, auch in Deutschland beachtet zu werden, sprachen unsere Kritiker von ihm flüsternd und geheimnisvoll wie von einem vergrabenen Schatz - heut' sind sie schon wieder mit ihm fertig und finden, er sei doch eben nur ein schwächlicher, entnervter Mensch mit Gefühlen zweiten Ranges. Möge den Kerls Schimmel auf der Zunge wachsen! Ich kümmere mich den Teufel um sie, ich bin froh, daß es etwas so beseelet Schönes, etwas so Warmes, Blumiges und Liebenswertes gibt wie die Gespinste dieses zarten Dichters, der nun schon lange den Kuckuck nicht mehr rufen hört.

Der Romanist Ernst Robert Curtius, der mit Proust korrespondierte, hatte den französischen Autor 1925 durch einen hundertzwanzig Seiten langen Essay in Deutschland bekanntgemacht. Ein kleiner Berliner Verlag namens Die Schmiede verpflichtete den vierundzwanzigjährigen Altphilologen Dr Rudolf Schottlaender, Prousts Du côté de chez Swann zu übersetzen. Zuvor musste er eine Probeübersetzung abliefern, er wählte La Brière von Alphonse de Châteaubriant, das als Schwarzes Land erschien und von der Kritik gelobt wurde. Schottlaender war sich über die Schwierigkeit der Aufgabe im Klaren, er machte es dem Verlag gegenüber zur Bedingung, dass seine Übersetzung nur eine Rohfassung sei und man einen Revisor hinzuziehen sollte. Er schlug dafür Ernst Robert Curtius vor. Aber der Verlag hielt sich nicht an die Absprachen und veröffentlichte die Rohfassung. 

Die dann von Curtius verbal vernichtet wurde. Schlimme Worte sind da gefallen, wie zum Beispiel: 'Du Côté de chez Swann' ist - das dürfte deutlich geworden sein – vom Verdeutscher übel zugerichtet worden. Es ist ungefähr so, wie wenn Debussy für die Mundharmonika arrangiert würde. Schottlaender schreibt einen höflichen Brief, er sei tief betrübt, Fehler gemacht zu haben, aber die Aufgabe sei auch sehr groß: Ganz bewältigen könnte sie heute nur einer, der ein vollendeter Philologe und zugleich vollendeter Nachbildner wäre. Weder das eine noch das andere wähne ich zu sein. Aber da ich vom Philologen wie vom Nachbilden etwas in mir fühlte, zudem von einer Liebe zu Proust besessen war, in der ich Herrn Professor Curtius vielleicht nichts nachgebe, glaubte ich mich zu dem Wagnis berechtigt. Er bittet Curtius, der sich in der Aufzählung von fünfzig Fehlern suhlte, um eine Gesamtwürdigung, die kam auch: Eine Gesamtwürdigung verlangt Herr Schottlaender? Hier ist sie: eine liederliche Pfuscherei ist sein Machwerk. Man kann das alles nachlesen in George Pistorius: Marcel Proust und Deutschland; Eine internationale Bibliografie. Das Buch hat mir der Friedhard mal geschenkt, esliegt bei mir im Regal, da das voluminöse Hochformat von der Höhe nicht in das Lundia Regal passt. Man kann die ganze Geschichte auch in dem Buch von Nathalie Mälzer Proust oder ähnlich: ProustÜbersetzen in Deutschland nachlesen.

Der Bonner Professor für Romanistik galt als Deutschlands Proust Koryphäe, gegen seine Kritik wagte kaum jemand, etwas laut zu sagen. Jahre später hat Schottlaender, inzwischen Ordinarius für Klassische Philologie, über dessen Antigone Übersetzung kein Kritiker ein böses Wort sagte, über Curtius geschrieben: Es fällt mir nicht ein, an der Lebensleistung Ernst Robert Curtius', insbesondere an seinem Verdienst um Proust, zu mäkeln. Nur daß eben auch er gelegentlich zum bösartigen Fachidioten werden konnte, scheint mir durch sein Vorgehen gegen meine Proust-Übersetzung erwiesen. Die beiden deutschen Philologen Curtius und Schottlaender konnten unterschiedlicher nicht sein. Curtius tritt 1938 in die NSDAP ein und schreibt 1932 in seinem Buch Deutscher Geist in GefahrAber die Schuld trifft nicht nur Deutsche und Deutschstämmige allein, sie trifft ebensosehr unsere Juden, von denen leider gesagt werden muß, daß sie zum überwiegenden Teile und in maßgebender Betätigung der Skepsis und der Destruktion zugeschworen sind. Diese Juden sind von der Idee des Judentums selbst abgefallene Juden... Sie sind aber auch nicht bereit, sich dem Christentum, dem Humanismus oder dem Deutschtum zu öffnen und es aufzunehmen. Es bleibt ihnen also nur die Negation in ihren zwei Formen: Destruktion und Zynismus. Dagegen müssen wir uns wehren, weil Destruktion in einer so zerklüfteten Nation wie der deutschen zehnfach gefährlich ist. Der Jude Schottlaender überlebt das Dritte Reich nur, weil er mit einer nicht-jüdischen Frau verheiratet ist und es ein Gesetz über priviligierte Mischehen gibt.

Es war nicht nur Hermann Hesse, der Schottlaenders Übersetzung lobte (Über die Übersetzung sind unter den Fachleuten Diskussionen entstanden – für meine Person bin ich dem Übersetzer Schottlaender sehr dankbar für seine Arbeit); auch Thomas Mann, der Schottlaender einen vierseitigen Brief schrieb und Theodor Adorno haben das getan. Alfred Kerr, sicherlich kein unkritischer Kritiker, schrieb an den Verlag: Es war ein seltener Genuß, dieser Proust, also hat Schottlaender seine Sache gut gemacht. Und Peter Suhrkamp würdigte 1954 in seinem Vortrag Was kann Marcel Proust uns bedeuten die Leistung von Schottlaender: Rückblickend darf man heute sagen, daß Schottländers Übersetzung, wenn man die Aufgabe bedenkt: für die es absolut kein Vorbild und keinen Vergleich gab – gemessen an anderen Übersetzungen jener Zeit in Deutschland, eine Pioniertat darstellt. Ich mag das Buch sehr, ich besitze den zweiten Band (Der Weg zu Swann) in der Ausgabe von 1926. Diese Ausgabe mit dem Umschlagentwurf von dem berühmten Georg Salter kostet heute richtiges Geld, aber man kann sehr preiswert an die Übersetzung kommen: der Kölner Parkland Verlag offeriert seit 2004 Der Weg zu Swann mit allen 604 Seiten für kleines Geld. Wenn Sie mehr über die Proust Übersetzung von Schottlaender wissen wollen, dann lesen Sie hier doch diesen informativen Artikel von Stephan Reimertz.

Un amour de Swann ist der Mittelteil des ersten Bandes der Recherche, es ist eine in sich abgeschlossene Erzählung, und es ist der einzige Teil des Romans, der nicht von einem Ich-Erzähler erzählt wird. Wenn man sich den Weg zu Prousts riesigem Werk leicht machen will und sich nicht mit einem abstract zufrieden gibt, dann lese man dieses Werk, alles aus der Recherche ist hier schon enthalten. Viele Motive, die später noch ausführlich ausgeführt werden, finden sich schon hier. Der Verlag Die Schmiede, der finanziell am Rande des Abgrunds stand, gab die Zusammenarbeit mit Schottlaender auf und ließ Im Schatten der jungen Mädchen von Walter Benjamin und Franz Hessel übersetzen (hier im Volltext). Danach verkaufte man die Rechte an Proust an den Piper Verlag. Dort erschien 1930 noch Die Herzogin von Guermantes von Walter Benjamin und Franz Hessel (hier im Volltext), und damit war der erste Versuch einer vollständigen deutschen Übersetzung der Recherche zu Ende gekommen. Die Übersetzungen von Benjamin und Hessel sind heute im Anaconda Verlag (Im Schatten der jungen 
Mädchen) und bei Suhrkamp (Die Herzogin von Guermantes) lieferbar. Beide Bände sind ein Lesevergnügen, man merkt den Autoren an, dass sie Frankreich lieben, große Teile der Romane haben sie in Paris übersetzt.

Der Suhrkamp Verlag hatte die Gesamtausgabe der Recherche in der Übersetzung von Rechel-Mertens bis 1982 mehr als 100.000 verkauft, es wurden noch viele Einzeltitel nachgedruckt, sodaß man insgesamt mit Lizenausgaben auf 400.000 verkaufte Exemplare kam. Von keinem anderen zeitgenösisschen französischen Autor waren in Deutschland so viele Bücher verkauft worden. Aber den neuen Verlagsherren reichte ein Urteil wie das von Rudolf Hartung nicht mehr aus: Die deutsche Übertragung von Eva Rechel-Mertens ist ausgezeichnet. Der reich gegliederte, oft labyrinthische Satz Prousts bleibt mit seiner herrlichen rhythmischen Bewegung erhalten: Erst jetzt wird die Sicherheit und Eleganz der Proustschen Diktion sichtbar. Man wollte für die neue Frankfurter Ausgabe einen neuen Proust, und wenn nicht ganz neu, dann doch wenigstens stark überarbeitet.

Was für Hartung Der reich gegliederte, oft labyrinthische Satz Prousts warwar für Walter Benjamin eine Syntax uferloser Sätze (dem Nil der Sprache, welcher hier befruchtend in die Breiten der Wahrheit hinübertritt) gewesen, das Übersetzen erschien ihm als eine elende Schinderei. Jetzt sollte der Schweizer Romanist Luzius Keller (von dem ich das hübsche Buch Proust im Engadin besitze) zusammen mit Sibylla Laemmel für Suhrkamp den Text überarbeiten. Das haben sie getan, mit leichten Revisionen und manchen Neuübersetzungen, es gab inzwischen neue Texte, die Eva Rechel-Mertens nicht hatte kennen können. Da sind das sogenannte Mauriac Typoskript 1987 (eine kürzende Überarbeitung von Albertine disparue) und die Neuausgabe der Recherche in der Bibliothèque de la Pléiade von Jean-Yves Tadié (1987-1989).

Nun könnte man meinen, jetzt sei es genug an Proust Übersetzungen, aber weit gefehlt. Der deutsche Schriftsteller Michael Kleeberg forderte vor Jahren, von diesem völlig in Sprache und Beschreibung gelösten Nichts an Handlung, endlich eine ungezuckerte Übersetzung zu erstellen, die den Fin-de-siècle-Firniss wegschlägt, der Prousts Härte und Eckigkeit, aber auch seine ganze Komik verbirgt. Der frischgegründete Liebeskind Verlag in München gab dem Autor mit der Veröffentlichung von Combray und Eine Liebe Swanns die Gelegenheit, eine Übersetzung ohne Zucker oder Süßstoff herzustellen. 

Der Verlag schrieb dazu: Michael Kleebergs Neuübersetzung tritt mit dem Anspruch an, zum ersten Mal die ganze Vielseitigkeit und den Anspielungsreichtum der Sprache Marcel Prousts zu erfassen. Auch die stilistischen Besonderheiten des Werkes werden genauer wiedergegeben als bisher. Dass dabei die deutsche Sprache bis an ihre Grenzen getrieben wird, so wie Proust es mit der französischen tat, ist die große Leistung. Diese lobhudelnde Werbesprache kommertierte die NZZ mit den Sätzen: Da wird jeder Bogen, den der Text beschreibt, zu einer Ecke, um die der Übersetzer gerade noch kommt. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Höchstens noch: 'Bis an ihre Grenzen getrieben' wird jedenfalls die Sprache eines Verlegers, wenn er eine stümperhafte Arbeit - vielleicht ahnungslos, aber er sollte nicht ahnungslos sein - für ein Meisterwerk erklärt

Es war nicht irgendjemand, der Kleebergs Übersetzung, die die Welt eine beglückende Lektüre nannte, vernichtete. Es war der Schweizer Schriftsteller Hanno Helbling, der jahrzehntelang der Feuilletonchef der NZZ war. Vielleicht war die Rezension aber auch nur Konkurrenzneid, denn im Jahr davor hatte Helbling als Übersetzer Albertine: Ein Roman aus der 'Suche nach der verlorenen Zeit' auf den Markt gebracht und 1996 zusammen mit Christina Viragh Der gewendete Tag: Aus der "Suche nach der verlorenen Zeit" in den Vorabdrucken veröffentlicht. Wenn ich  an Keller, Laemmel, Helbling und Viragh denke, habe ich das Gefühl, dass es inzwischen so etwas wie eine Schweizer Proust Mafia gibt.

Für diesen signierten Horst Janssen muss man inzwischen 160 Euro ausgeben, als ich ihn vor Jahrzehnten kaufte, war er billiger. Aber Prousts Recherche ist preisgünstig geworden. Die beiden Bände von Kleeberg kosten zusammen 44€, für 49,95 kann man allerdings schon die ganze Frankfurter Ausgabe im Taschenbuchformat bekommen (98€ broschiert), soll man da für eine Neuübersetzung, über die die FAZ wenig Gutes sagte, soviel Geld ausgeben? Und da wir bei Preisen sind, muss ich den Reclam Verlag erwähnen, der seit vier Jahren den ganzen Proust (plus ein beinahe neunhundertseitiges Handbuch) zu einem Preis von 85€ offeriert. Und das alles in einer ganz neuen Übersetzung. 

Zehn Jahre hat Bernd-Jürgen Fischer an der neuen Übersetzung gearbeitet. Ich habe mir aus Neugier den Band Eine Liebe von Swann gekauft, vier Euro bei ebay, und begann zu lesen. Nach zwanzig Seiten hatte ich genug. Ich dachte mir: irgendwie ist das prollig (wenn ich den Rezensionen bei Perlentaucher glauben darf, bin ich nicht der einzige, dem das nicht gefiel). Ich holte den Band von Eva Rechel-Mertens, fing an zu lesen und war wieder zu Hause. Man merkte, dass Hartung Recht hatte, wenn er sagte: Der reich gegliederte, oft labyrinthische Satz Prousts bleibt mit seiner herrlichen rhythmischen Bewegung erhalten: Erst jetzt wird die Sicherheit und Eleganz der Proustschen Diktion sichtbar. 

Bernd-Jürgen Fischer hat über seine Übersetzung gesagt: mir fehlte ein ganz bestimmter Sprachklang, den ich aus der französischen Übersetzung gehört habe und in der deutschen eben so nicht gefunden hatte. Auf mich hatte Prousts Französisch nüchterner, schärfer konturiert gewirkt. Er nimmt auch keine Rücksicht auf den Leser, der Leser muss sich ihm anpassen und versuchen, ihm zu folgen, während Rechel-Mertens damals in den 50ern, als man dem Leser halt noch nicht so viel zumuten konnte, doch arg viel Öl in das syntaktische Getriebe geträufelt hat, damit er ein bisschen leichter runtergeht. Michael Kleeberg wollte eine ungezuckerte Übersetzung erstellen, die den Fin-de-siècle-Firniss wegschlägt, Fischer setzt auf den Sprachklang, das sagt er auch hier im Interview. Aber wie hört man den Sprachklang?

Er liest sich gut, der erste Band der 'Recherche' in der neuen Übersetzung, wenn man sich ihrem Duktus und Cursus anvertraut und sich auf ihre straff und markant zeichnende Sprache einlässt. Man darf gespannt sein auf die noch folgenden sechs Bände. Wie sich dieser ‚neue‘ Proust gegenüber der bewährten Übersetzung von Rechel-Mertens behaupten wird, wird die Zeit zeigen, und das heißt nicht zuletzt eine jüngere Leserschaft, urteilte Astrid Nettling 2014 im Deutschlandfunk. Da hat die junge Philosophin sicherlich Recht, die Sprache der Übersetzung ist eine Sprache der Generation der Übersetzer. Als Eva Rechel-Mertens bei Curtius promovierte, war Proust gerade drei Jahre tot. Ihr Deutsch ist das Deutsch der Hochsprache des gebildeten Bürgertums, das kann man heute nicht mehr unbedingt voraussetzen.

Der Band 1 der Reclam Ausgabe hat einen achtzigseitigen Kommentarteil, darin ist Fischer wirklich groß. Wenn man im Netz liest, was er zu Robert de Montesquiou (hier von Boldini gemalt) zu sagen weiß, dann kann man nur sagen: Chapeau. Martin Mosebach hebt das in seiner Rezension in der FAZ hervor: Mit Vergnügen und Neugier liest man hingegen Bernd-Jürgen Fischers reichen Anmerkungsteil, der das Umfeld der großen Erzählung weit verästelt erschließt; auf diese Abteilung der Neuübersetzung werden auch die Kenner ungern verzichten wollen, allein ihretwegen schon gehört das Buch in die Bibliothek der Proust-Leser. Das gilt auch für sein Handbuch zu Marcel Prousts 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit', das allerdings mehr etwas für Universitätsbibliotheken und Fachgelehrte als für den normalen Leser ist. Der wäre mit dem Kauf von Philippe Michel-Thiriet Das Marcel Proust Lexikon sicher besser bedient.

Die deutschen Proust Übersetzer haben sehr unterschiedliche Biographien. Schottlaender promovierte 1923 in Heidelberg mit einer Arbeit über die Nikomachische Ethik des Aristoteles. Er war noch nie in Frankreich gewesen, hatte aber einen guten Französischlehrer gehabt: Trotz Franzosenhaß wurde  Französisch nach alter Tradition in unserer Schule früh und ausgiebig gelehrt. Eva Rechel-Mertens war fünfundfünfzig, als sie bei Suhrkamp eingestellt wurde, da konnte sie auf eine Übersetzertätigkeit zurückblicken, die bis in die zwanziger Jahre zurückreichte. Michael Kleeberg war vierzig, als er Proust übersetzte. Da hatte er schon viele Texte aus dem Französischen und Englischen übersetzt, ein halbes Dutzend Romane geschrieben und zwölf Jahre in Frankreich gelebt. Bernd-Jürgen Fischer war siebzig als der erste Band seiner Übersetzung erschien. Er war dreizehn Jahre Dozent in der Germanistik, bevor er freier Autor wurde. Michael Kleeberg ist der einzige der Proust Übersetzer, der keinen Doktortitel hat. Vielleicht lieben ihn die Kritiker deshalb nicht:

Es muss irgendwann ein proustisches Konzil von Nicäa stattgefunden haben, bei dem postuliert wurde, dass alle deutsche Proust-Beschäftigung von Ernst Robert Curtius ausgehe, von ihm auf Eva Rechel-Mertens gekommen sei und exklusiv vom Hause Suhrkamp und der Proust-Gesellschaft verwaltet werde. Nun verstand ich, worauf sich das Gerede von 'Wagnis' und 'Nicht einverstanden' bezog. Aufs Prinzip. Nicht wie ich gearbeitet hatte, stand infrage, sondern dass ich mich ohne die Kaution eines der deutschen Starverlage und ohne Mentor aus dem deutschen Proust-Serail (Tadié, mit dem ich mich bei der Arbeit mehrmals ausgetauscht hatte, hätte hier wenig gezählt) an einem vermeintlichen Privateigentum vergriff.

Das hat Kleeberg in der TAZ geschrieben. Das hat mir sehr gut gefallen. Seine Übersetzung, die das Bureau du Livre der Französischen Botschaft in Berlin unterstützt hat, hat mir auch gefallen. Eine Liebe Swanns, die ich mir trotz der schlechten Rezensionen kaufte, hat mich als Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg fünf Euro bei Booklooker gekostet. Hardcover, noch eingeschweißt, mit einer rätselhaften Umschlaggestaltung von Ines von Ketelhodt, die viel schöner ist als der potthäßliche Umschlag der Originalausgabe. Gut gedruckt, und ein Lesebändchen gibt es auch.

Kleeberg macht Fehler, zum Teil dusselige Fehler, aber Fehler kann man in allen Übersetzungen finden. Kleeberg macht das alles wieder wett, weil er ein guter Erzähler ist. Es liest sich gut, sehr gut, weil alles fließt. Weil ich Fischers und Kleebergs Proust lesen musste, kam ich nicht dazu, Anna Karenina weiterzulesen. Und dann kam dies hier auch noch dazwischen, ein Buchtip von Janni. Alles von Julian Barnes lese ich ja sofort, sein geniales Buch Flaubert's Parrot habe ich schon in dem Post Gustave Flaubert erwähnt. Das Detail eines Gemäldes von John Singer Sargent auf dem Cover des Buches The Man in the Red Coat zeigt den berühmten Dr Samuel Jean Pozzi. Der unter dem Namen Dr Cottard auch in Eine Liebe Swanns vorkommt.

Michael Kleeberg hat seine Übersetzung komplex, hart, manchmal unelegant, aber eindringlich genannt. Er war in der Werbung tätig, er weiß, was Journalisten gerne hören wollen. Ein klein wenig hat er sich gerade an dem Curtius Kartell gerächt: die Neuauflage von Curtius' Essay Marcel Proust bei Schöffling enthält Übersetzungen von Kleeberg. Im Original von 1925 hielt es Curtius nicht für nötig, die zum Teil langen Zitate aus Prousts Werk zu übersetzen. Als Suhrkamp den Text 1952 als Band 28 der Bibliothek Suhrkamp veröffentlichte, waren die Proustschen Zitate von Eva Rechel-Mertens übersetzt worden. In der philologischen Luxusausgabe des Schöffling Verlags kommen Nachwort und die Übersetzungen von Michael Kleeberg. Irgendwann werden die Snobs der Marcel  Proust Gesellschaft ihn schon liebgewinnen.


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