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Samstag, 17. August 2024

und jetzt nix mehr

Mein Freund Peter schenkte mir vor vielen Jahren ein Buch über das Sammeln. Das Buch enthielt ein Kapitel über die Gefahren des Sammelns, die Gefahren kennt jeder Sammler. Auch der Sammler, der Überraschungseier sammelt. Ich sammle keine Bücher, ich habe nur ganz viele. Büchersammler sammeln nach Erstausgaben, Büchern mit einer Signatur des Autors, streng limitierten Auflagen und solchen Dingen. Ich besitze wenig Bücher mit Widmung. Nein, das mit den Büchern ist kein Sammeln, es sammelt sich nur an. 

Das mit den Uhren ist vielleicht schon ein Sammeln. Ich will aber auch immer damit aufhören. Ich habe im letzten Jahr ein halbes Dutzend Uhren an Freunde (und Freundinnen) verschenkt und vier Uhren verkauft. Ich kann mich von den Dingen trennen. Und was die Uhren betrifft, habe ich auch alles, was ich haben wollte. Bis auf diese eine Uhr, die ich nie bekam. Ich wusste auch nicht, ob ich die wirklich haben wollte, weil sie eigentlich potthäßlich war. Es war eine Uhr der Firma Zenith. Zu der Firma habe ich hier vor zehn Jahren schon einiges in dem Post Precision Class geschrieben. 

Meine Zenith Taschenuhr habe ich auch schon erwähnt, und meine Zenith Defy mit dem Gay Frères Band war schon 2010 in dem Post Flohmarkt abgebildet. Meine Zenith AF/P ist bisher noch nicht erwähnt worden, deshalb mache ich das heute mal eben. Das Bild hier oben zeigt die Villa, die der Besitzer der Uhrenfabrik Zenith sich von dem jungen Charles-Édouard Jeanneret aus der Uhrenstadt La Chaux-de-Fonds hat bauen lassen. Der Architekt schreibt im Januar 1920 seinen Eltern, dass er mit dreiundzwanzig Jahren schon die Akropolis gesehen und die Villa Georges Favre gebaut habe. Der junge Mann wird seinen Namen ändern, wir kennen ihn als Le Corbusier.

Angefangen hatte Georges Favre-Jacot mit seiner Fabrique des Billodes mit relativ einfachen Uhren, die Billodes hießen. Ein großer Teil dieser Uhren war für das osmanische Reich bestimmt. Das kann man an den reich verzierten Zifferblättern und den türkischen Ziffern erkennen. Häufig tragen diese Uhren auch den Namen K. Serkisoff & Co Constantinople, das war ein russischer Händler in Konstantinopel, der offenbar der Generalimporteur war. Ich besitze eine silberne Taschenuhr, deren Werk diesem Werk hier sehr ähnlich ist. Sie hat mich auf dem Flohmarkt mal vierzig Mark gekostet, ich habe sie gekauft, weil der Aufbau des Werkes sehr originell ist. Und weil ich wusste, dass es eine frühe Zenith war. Die Uhr läuft nach hundertdreißig Jahren übrigens immer noch.

Das osmanische Reich und Russland sind zum Ende des 19. Jahrhunderts Großabnehmer für Schweizer Uhren. Die Firma von Georges Favre-Jacot produziert um 1900 schon hunderttausend Uhren im Jahr und nennt sich ab 1911 Fabrique des Montres Zenith. Den Namen soll Favre-Jacot folgendermaßen gefunden haben: Eines Abends vollendete Firmengründer Georges Favre-Jacot ein Uhrwerk, das ihm besser zu sein schien als alle bisherigen. Als er kurz darauf in die sternenklare Nacht hinaus trat und seinen Blick zum Himmel richtete, erschien ihm die Himmelsmechanik wie das Spiel der Räder und Zapfen eines Uhrwerks und er beschloss, sein neues Uhrwerk und auch seine Manufaktur nach dem höchsten Punkt des Universums zu benennen: Zenith. Das sind diese Geschichten, für die der Italiener den Satz se non è vero, è ben trovato bereithält. Dieses Zenith Werk mit Breguetspirale und Kurvenscheiben Feinregulierung ist Lichtjahre von dem einfachen Billodes Werk entfernt. Zenith wird das Werk jahrzehntelang bauen. Mahatma Gandhi wird eine Zenith Taschenuhr besitzen, sie war eins seiner wenigen Besitztümer. In den sechziger Jahren, als kaum noch eine Schweizer Firma Taschenuhren herstellt, bringt Zenith noch eine Taschenuhr mit dem Chronometerwerk 5011K auf den Markt.

Ein Jahr bevor Georges Favre dem jungen Le Corbusier den Auftrag für den Bau seiner Villa gibt, hatte er Konkurs anmelden müssen. Die Firma wird von seinem Neffen (und Schwiegersohn) Jämes Favre übernommen, der den Firmengründer sofort hinauswirft. In den nächsten Jahrzehnten wird es bei Zenith in Le Locle zahlreiche Besitzerwechsel geben. Aber es gibt ein beruhigendes Element in der Firma, und das ist Charles-Albert Ziegler. Der war 1912 als Lehrling in die Firma eingetreten und wurde 1942 Technischer Direktor. Das wird er auch unter den neuen Besitzern bleiben. Ziegler hatte den Uhrmacher Ephrem Jobin beauftragt, ein 30 mm großes Uhrwerk zu konstruieren, mit dem man an den jährlichén Präzisionswettbewerben teilnehmen konnte. Was Jobin liefert, ist das Kaliber 135, das schon in dem Post Precision Class vorgstellt worden ist. Es gibt hier einen sehr informativen Artikel dazu. Jobin konstruiert für Zenith auch die erste Automatikuhr mit dem Kaliber 133, eine Hammerautomatik. Dazu würde der Engländer nothing to write home about sagen, aber es ist ein Anfang. Zenith wird auch sehr gute Automatikwerke bauen.

Bei den Wettbewerben in Neuchâtel werden Zenith Chronometer für die nächsten Jahre immer auf den ersten Plätzen sein. Rolex kommt niemals auf die vorderen Plätze, Hans Wilsdorf ist beleidigt und steigt aus den Wettbewerben aus. Von dem Kaliber 135 sind vielleicht elftausend Stück gebaut worden. In den sechziger Jahren brachte Zenith eine Zenith 2000 auf den Markt, in der das Kaliber 135 ohne Chronometerzertifikat tickte. Danach hat Zenith alle Unterlagen an die Russen verkauft, die das Werk mit kleinen Änderungen als Wostok Precision und Wolna weitergebaut haben. Es war nicht die Qualität von Zenith, aber es waren die einzigen jemals in Russland gebauten Chronometer.

Auch wenn Zenith das Kaliber 135 nicht weiterbaute, erreichten ihre Handaufzugswerke (hier das Kaliber 126) leicht die Chronometernorm. Eine Variante dieses Werks hier wurde als Kaliber 40T auch als Chronometer angeboten. Ich habe das Kaliber 40 (ohne Chronometerprüfung) in einer Zenith Sporto, die mich mal hundert Mark gekostet hat. Als ich den Boden abnahm, staunte ich nicht schlecht. Über dem Werk war noch ein durchsichtiger Plastikboden. Verschraubt. Da konnte man sicher sein, dass kein Staubkorn das Werk erreichte. Die sechziger Jahre Werke haben alle eine Glucydurunruhe, ein bewegliches Spiralklötzchen und diesen doppelten Rückerzeiger, mit dem man angeblich die Feinregulierung noch genauer vornehmen konnte. 

Nicht in allen Zenith Uhren der späten sechziger Jahre ist ein Zenith Werk. In manchen ist auch ein Movado Werk (oder umgekehrt), da die beiden Firmen in finanzieller Verzweiflung 1968 eine Kooperation eingegangen waren. In meiner Zenith AF/P (was für alta frequenza precisione steht) tickt mit 36.000 Halbschwingungen ein Movado Kaliber 408 mit einer Triovis Feinregulierung. Es ist eine elegante flache Uhr, wahrscheinlich hatte sie diesen italienischen Namen, weil ein großer Teils der Zenith Produktion nach Italien ging. Wo sie häufig als Zenith Stellina angeboten werden. Die Marke Stellina hat es nie gegeben, gemeint damit ist nur das Firmensymbol, der Zenithstern.

Mit den Schnellschwingern komme ich zu dem berühmtesten Schnellschwinger Uhrwerk von Zenith, dessen wechselvolle Geschichte aus einem Kriminalroman stammen könnte. 1969 brachte Zenith nach jahrelanger Arbeit mithilfe der Martel Watch in Ponts-de-Martel einen Chronographen mit automatischem Aufzug auf den Markt, der den Namen El Primero bekam. Wenn sie das anklicken, kommen Sie auf eine schöne Seite und können alles dazu lesen. Ob Zenith wirklich die erste Firma war, die so etwas auf dem Markt hatte, ist umstritten, denn gleichzeitig kam Seiko mit dem Kaliber 6138/ 6139 heraus. Es war allerdings eine schlechte Zeit für Uhren mit Komplikationen, das merkte man auch in Grenchen mit dem Werk AS 5008. Denn aus Japan kamen jetzt Quarzuhren, die alles waren: Chronograph, Chronometer, Stoppuhr, Wecker und was Sie wollen.

Bei der Firma Zenith beschloss der damalige Besitzer, die amerikanische Zenith Radio Company, nur noch Quarzuhren zu bauen. Charles Vermot (hier im Bild) bekam 1975 den Auftrag, die Fabrik in Ponts-de-Martel zu schließen und alle Rohwerke, Werkzeuge und Konstruktionsunterlagen zu vernichten. Das tat Charles Vermot sehr weh. Er schloss das Werk in Ponts-de-Martel, aber er nahm alles mit, was man für die Konstruktion eines El Primero Werks brauchte, und versteckte es auf dem Dachboden. Jahre später erzählte Vermot den neuen Besitzern der Firma, dass man das El Primero ohne Schwierigkeiten weiterbauen könne. Die Firmenleitung schenkte ihm eine Zenith El Primero und spendierte ihm und seiner Gattin ein Abendessen. Sie hätten ihm eine Million Fränkli geben sollen, denn das Uhrwerk wurde wenig später der größte Verkaufserfolg der Firma. Ab 1988 bestellte Rolex für die nächsten dreizehn Jahre hundertausende von Zenith Werken für ihr Modell Rolex Cosmograph Daytona. Rolex Sammler zahlen heute mindestens 20.000 Euro für diese Uhr, die Zenith Rainbow mit demselben Werk bekommt man schon für ein Fünftel dieses Preises.

1969 brachte Zenith eine Uhr auf den Markt, die in dieser französischen Anzeige als un coffre fort bezeichnet wird. Ein coffre fort ist ein Tresor, ein Safe, etwas, das man nicht aufbrechen kann. Und das sollte diese dreihundert Meter wasserdichte Uhr auch sein. Das Glas ist nicht mit einem Sprengring in das Gehäuse gesetzt, es ist gegen das Gehäuse verschraubt. Das Werk ist durch einen Gummiring vom Gehäuse abgefedert, ähnlich wie Certina das mit seinen DS Modellen gemacht hatte. Das Edelstahlband der Uhr kam von der Firma Gay Frères. Bis in die achtziger Jahre gab es, dem Zeitgeschmack folgend, verschiedene Modelle der Uhr, die alle den Namen Defy hatten. Den Namen Defi (französisch für Herausferung) hatte sich Favre-Jacot  schon im 19. Jahrhudert eintragen lassen, nun kam die Uhr mit dem englischen defy, was trotzen, widerstehen hetßt. Ein Modell habe ich seit zwanzig Jahren, es war auf dem Flohmarkt ein Risikokauf, weil das Glas kaputt war. Aber wem immer die Firma Zenith damals gehörte, sie lieferte meinem Uhrmacher noch das passende Originalglas und alle originalen Dichtungen. Ich mag die Uhr sehr, aber auf meiner geheimen Wunschliste der Uhren, die ich niemals bekommen würde, stand irgendwie doch das häßliche erste Modell von 1969.

Das war das Modell 3642, von dem es, wenn man Manfred Rösslers Zenith Buch glauben darf, nur zwanzigtausend Stück gibt. Die Uhr ist achteckig, das war damals neu. Ein paar Jahre später gab es viele achteckige Uhren. Weil der Designer Gérald Genta für alle Luxusfirmen achteckige Uhren entwarf. Die werden heute von den Werbefuzzis als legendär bezeichnet, in der Welt der Werbung geht so etwas schnell. Heute wirbt die Firma mit Sätzen wie: Zenith vereint die Schönheit zeitgenössischer Designs mit dem Savoir-faire und der Tradition der Schweizer Uhrmacherkunst und erschafft ein Universum ikonischer Zeitmesser. Sie werden mit höchster Präzision gefertigt, um dem Lebensstil und den Ambitionen moderner Träger gerecht zu werden. Ich habe mit meinem Lebensstil und meinen Ambitionen letztens eine 3642 bei kleinanzeigen gefunden. Sie hatte keinen Preis, der war Verhandlungssache. Es war die Uhr des Vaters des Verkäufers gewesen, und der wünschte sich, dass sie in gute Hände kam. Nachdem er ein wenig von meinem Uhrenblog Tickendes Teufelsherz gelesen hatte, wusste er, dass die Uhr bei mir in guten Händen sein würde. Wir wurden uns schnell einig, und der Preis war nicht mal vierstellig. Dafür sieht meine aber auch nicht ganz so neu aus wie dieses Modell hier. Aber das macht überhaupt nichts, eine Uhr darf auch ihr Alter zeigen. Der Barni hat sie sanft poliert, und der Uhrmacher Petersen hat ihr ein neues Glass verpasst. Jetzt ist sie perfekt. Und jetzt wird nix mehr gekauft, keine Uhren mehr. Schreiben werde ich aber noch über Uhren. Weil Sie das so gerne lesen.

Da dies nun beinahe eine Firmengeschichte von Zenith geworden ist, muss ich zum Schluss noch meine liebste Zenith zeigen, es ist eine Zenith Pilot aus den vierziger Jahren. Den Namen Pilot hatte sich Georges Favre-Jacot  schon im 19. Jahrhundert als Markennamen eintragen lassen. Die Uhr ist klitzeklein, nur 30 mm groß. Der Schraubboden enthält einen halben Roman. Unter dem Schraubboden ist noch ein Weicheisendeckel gegen Magnetismus. Deshalb konnte die Firma auch zu Recht non-magnetic auf den Boden schreiben. Heute kann man auch noch Uhren mit dem Modellnamen Zenith Pilot kaufen, aber die sind riesig groß. Die Defy 3642 ist vor Jahren in einer limitierten Auflage von 250 Stück neu wieder aufgelegt worden. Aber von der neuen Firma Zenith, die jetzt Louis Vuitton gehört und von diesem Herrn Jean-Claude Biver geleitet wird, interessiert mich gar nichts. Es sind große häßliche Uhren, die furchtbar teuer sind. Angeblich will der asiatische Markt das so haben. Ich würde die nicht mal für geschenkt nehmen.

Lesen Sie auch: niemals nie sagen

Donnerstag, 14. November 2024

niemals nie sagen

Als ich den Post und jetzt nix mehr geschrieben hatte, machten sich einige Leser Sorgen um mich. Fragten, ob ich krank sei. Und versicherten mir, dass man niemals mit dem Sammeln aufhöre. Das sei ja der Sinn des Sammelns. Gut, ich wollte mit der Zenith Defy aufhören, denn so etwas bekommt man so schnell nicht wieder, vor allem nicht zu dem Preis. Aber ich gucke trotzdem immer noch in die Kataloge, die mir die Firma Henry's freundlicherweise zusendet, so wie wie ich in die Kataloge von Antiquariaten gucke. Bücher sind billig geworden, aber leider nicht alle. Das, was man sucht, ist immer teuer, das ist eine Grunderfahrung des Sammelns. Am besten sucht man nicht gezielt, sondern überlässt das Finden dem Zufall. In einem erstaunlich gut sortierten Antiquariat bei ebay fand ich Joseph Darracotts England's Constable: The Life and Letters of John Constable von der Londoner Folio Society, ungelesen und noch im Schuber, für sieben Euro. Portofrei. Obgleich ich schon zahlreiche Bücher über John Constable habe, habe ich das Buch doch gekauft.

Und obgleich ich ja eigentlich keine Uhren mehr sammle, habe ich doch einige gekauft. Das fängt mit dieser Dugena Watertrip an, die mal in den siebziger Jahren eine Taucheruhr war. Es gibt davon eine Vielzahl von Modellen, die je nach Gehäuse hundert oder zweihundert Meter wasserdicht waren. Die Dinger sind ziemlich teuer geworden, aber dieses Teil mit den orangefarbenen Indizes und den leuchtenden Zeigern, bei dem skin diver auf dem Gehäuseboden steht, war erstaunlich preiswert. Hat ein Handaufzugswerk, das von der Firma Bifora kommt. Die hatten ja sogar mal ein Chronometerwerk im Angebot gehabt. So eine Bifora Unima mit der Schwanenhals Feinregulierung kostet heute schon richtiges Geld. Meine Watertrip hier hat nicht mehr dieses Band, sie hat jetzt ein dickes schwarzes Band aus Haifischleder. Das muss eine echte Taucheruhr haben. Das Band war vorher an der Taravana gewesen, die gerade ein stilechtes sechziger Jahre Stelux Band bekommen hat.

Da ich gerade die Bifora Unima Chronometer erwähnt habe, muss ich auf einen Zenith Chronometer kommen, den ich bei kleinanzeigen fand. Ich bekam keine zittrigen Finger, als ich die Anzeige sah, in der eine Zenith Captain Chronometre angeboten wurde. Ich wollte ja keine Uhren mehr kaufen. Und ich besaß ja, da haben mehr als dreißig Jahre Flohmärkte ihre Spuren hinterlassen, ein halbes Dutzend Zenith Uhren. Da braucht man eigentlich keine mehr. Ich kenne noch alle Händler, bei denen ich sie gekauft habe. 

Manche habe ich schon hier im Blog erwähnt, von dem netten Herrn Brandt aus Hameln (der im Post Flohmarkt erwähnt wird) habe ich eine Zenith Defy und eine Zenith Surf. Vom Holger eine Sporto und von Barni die AF/D. Was für alta frequenza precisione steht. Zenith verkaufte sehr viele Uhren nach Italien. Das kann man bei ebay noch merken: die besten Uhren sind bei italienischen Händlern. Zenith belieferte auch die italienische Marine mit der 200 Meter wasserdichten S-58 Uhr. Da hatte der für die Regierung tätige Händler Antonio Cairelli in Rom die ganze Produktion von 2.500 Uhren aufgekauft. Cairelli belieferte auch die italienische Luftwaffe mit Zenith Chronographen. Was ich jetzt bei kleinanzeigen sah, war etwas ziemlich Luxuriöses und Seltenes. Wenn die Uhr gut war, dann wäre das zu dem Preis ein Schnäppchen. Es war eine Zenith Captain Chronometre. Nicht in Gold, wie dieses Modell hier. Das hier wird um 1950 eins der ersten Captain Modelle gewesen sein. 

Die goldene Captain sieht ein klein wenig wie ein Klon dieser Omega Constellation hier aus, aber das war etwas, wo Zenith mit der Linie Captain hinwollte. Noch höher hinaus. In der Captain Linie, die über zwanzig Jahre lang gebaut wurde, finden sich viele Golduhren und viele Uhren, die den Schriftzug Chronometre auf dem Zifferblatt haben. 

In dem goldenen Constellation Klon klötert eine Hammerautomatik, das Kaliber 133, das Ephrem Jobin für Zenith konstruiert hatte. Ich will nichts gegen Hammerautomatikwerke sagen, wenn man sie vorsichtig behandelt, können sie lange eine Uhr aufziehen. Ich habe sie in Uhren von Alpina, Cyma, Eterna, Omega und Tissot. Die Alpina President ist am lautesten. Das kleinste Werk ist in meiner Cyma Watersport, einer sehr eleganten Uhr. Sie können es hier sehen. Bei anderen Firmen füllen die Hammerautomatikwerke die Uhrengehäuse aus. Hier nicht. Dafür macht die Uhr auch nur ganz leise Geräusche

Ich wollte nie eins von den Wald-und Wiesenmodellen haben, auf deren Zifferblatt Captain steht. Ich wollte, wie wahrscheinlich alle Zenith Sammler, entweder die erste in Gold mit der Hammerautomatik oder dieses spezielle siebziger Jahre Modell haben, das firmenintern den Namen la tortue hatte. Das heißt auf deutsch Schildkröte, und den Namen hat sie, weil sie wie der Rücken einer Schildkröte aussieht. Die buckelige Uhr ist mit 38 mm auch größer als die Vorgänger. Es ist eins dieser typischen siebziger Jahre Monster, die Sie in dem Post was Fettes am Arm sehen können.

Und sie hat mit dem Kaliber 2562 PC auch das neueste Automatikwerk der Firma, das 28.800 Halbschwingungen schnell ist. Das Werk, das auch in der zweiten Serie der 3642 Defy verbaut wurde, sieht genauso aus wie all die anderen Zenith Kaliber der 25er Reihe. Hat aber eine Feinregulierung, weil es ein geprüfter Chronometer ist. Von alledem konnte man bei dem Angebot bei kleinanzeigen nichts sehen. Da gab es nur ein einziges mickriges Bild der Uhr. Ich bat den Händler um einige bessere Bilder. Er schickte welche, aber man konnte darauf wenig von der Uhr erkennen. Die Feinregulierung sah aus, als wäre sie mit Rost überzogen. Ich bedankte mich und winkte ab.

Kaufte mir erstmal eine verhältnismäßig preisgünstige Seiko QZ bei Tokei Japan. Die QZ war die letzte teure Quarzuhr von Seiko in den siebziger Jahren, die kam 1975 auf der Seiko Preisliste nach der Grand Quarz und der King Quarz. Sie blieb nicht lange im Angebot, denn ab 1977 kamen die Seiko Type II Uhren auf den Markt, die die Hälfte einer QZ kosteten. Und von denen Seiko fünfundneunzig verschiedene Modelle baute, das ist unglaublich. Die QZ hat ist ein knuffiges Teil, man merkt dem Gehäuse an, dass das noch Wertarbeit war. 

Vor allem, wenn man tagelang die Mikrokratzer aus dem Gehäuse poliert hat, dann kennt man die Uhr gut. Das Tollste an der Uhr ist natürlich dieses Diamond Dust Zifferblatt, das manchmal auch als Snowflake bezeichnet wird. Das tauchte zuerst auf der Grand Seiko auf, es war für die Uhr eine Art Markenzeichen (und Grand Seiko Uhren haben heute immer noch solche Zifferblätter). Es ist unglaublich, welchen Aufwand die Firma Seiko mit ihren Zifferblättern treibt. Auf den ersten Blick erscheint es wie ein schlichtes weißes Zifferblatt, aber auf den zweiten Blick erkennt man die Struktur.

Der Händler, dem ich zum Abschied meine Internetseite mit den Zenith Uhren geschickt hatte, meldete sich plötzlich wieder. Er schickte erst einmal bessere Bilder vom Innenleben der Uhr. Und schrieb dann, dass die Uhr in einem sehr guten Zustand sei, er hätte sie bei einem holländischen Zenith Händler gekauft. Die Zenith Captain Chronometre rückte wieder in mein Blickfeld. Die Photos sahen gut aus, kein Rost auf der Feinregulierung, die Geschichte mit dem Holländer klang glaubhaft. Ich dachte einen Tag nach und machte ein Kaufangebot, das etwas unter seiner Preisvorstellung lag. Er nahm das umgehend an. Ich glaube, er hatte auf einen Spinner wie mich gewartet. 

Die Uhr wurde mir zwei Tage später von der Briefzustellkraft übergeben, dieses neue Wort habe ich von DHL gelernt. Hieß früher Briefträger oder Postbote. Wir haben ja für vieles neue Wörter, die sich glücklicherweise nie in meinen Blog verirren. Die Uhr war wirklich in einem ausgezeichneten Zustand, keine Flecken auf dem Zifferblatt, keine Kratzer auf dem Glas. Und kein Rost im Werk. Ich entfernte, das etwas defekte Armband und spendierte der Uhr ein neues 20 mm Band. Sie bekam das weiße Straußenlederband, das vorher die Seiko Grand Quartz gehabt hatte, das sieht gut an dieser Uhr aus. Die Seiko Grand Quartz konnte nicht enttäuscht sein, sie hat jetzt ein dunkelgrünes Krokoband bekommen, das hatte ich noch in der Schublade. Ich habe diesen Post mit der Seiko QZ am Arm geschrieben. 

Die Zenith Captain Chronometre tüdelt auf dem automatischen Uhrenbeweger herum, das kann ihr nicht schaden. Vor über fünfzig Jahren bewarb Zenith das Modell mit diesem Text, in dem dem potentiellen Kunden versichert wurde, dass man in der Zeit, in der man dieses Modell polierte, zwanzig andere Uhren hätte bauen können. In dem Text besucht der démon de la vitesse die Zenith Werke in Le Locle, um ihnen zu sagen, dass man Uhren viel. viel schneller bauen könne: Vous, chez Zenith, vous me peinez. Regardez vos concurrents. Des gens connus. Chacun de leurs ouvriers fait 100, 200 montres par jour. Et vous qui êtes au moins aussi bien équipés qu'eux, vous interdisez à vos régleurs de dépasser 10 montres per jour. Aber Zenith gibt dem Werben des Teufels der Geschwindigkeit nicht nach. Das war auch gut so.


Dienstag, 24. Juni 2014

Precision Class


Die Uhr, die Thomas Mudge 1770 für seinen König baute, hatte eine große Unruh. Uhrmacher schworen damals auf langsam schwingende, große Unruhen. Hier eine Unruh von einem pocket chronometer von John Arnold (der auch Uhren für George III gebaut hat); die seltsame Form, mit der man den Gang regulieren kann und Schwankungen der Temperatur kompensieren will, beachten wir mal eben nicht. Arnold hat mit verschiedenen Typen der Unruh experimentiert, dies ist eine vom Typ 0Z.

Im Laufe der Zeit sind die Schwingungszahlen der Unruh immer weiter gestiegen, genügten vor hundert Jahren 18.000 Halbschwingungen in der Stunde, so war man vor vierzig Jahren stolz auf Schnellschwinger, die es auf 36.000 A/h brachten. Und die natürlich eine ganz kleine Unruh hatten. Ich illustriere das hier mit der zwergenhaft kleinen Unruh in dieser Longines. Das Werk kam von der ETA und wurde auch an andere Uhrenhersteller geliefert. Nach der Schnellschwinger Euphorie der siebziger Jahre haben heute alle Uhrwerkshersteller die Schnellschwinger aufgegeben, einzig Zenith verwendet die 36.000 A/h noch in seiner El Primero (das Werk tickte ja auch Jahrzehnte lang in den Rolex Chronographen).

Aber für die Konstrukteure, die Werke bauten, die alle Werte der Chronometerprüfung bei den jährlichen Präzisionswettbewerben weit unterboten, war das Ziel immer eine schöne große Unruh. Das hier ist eins der ästhetisch schönsten Handaufzugswerke, die in der Schweiz gebaut wurden. Es ist das berühmte 13-linige Kaliber 135 von Zenith, das 1948 auf den Markt kam. Nur das Kaliber Peseux 260, das von verschiedenen Firmen für Chronometerwettbewerbe verwendet wurde, reichte an dieses Werk heran. Die ungewöhnliche Konstruktion des Kaliber 135 mit einer indirekten Minute erlaubte die Verwendung einer sehr großen Unruh und eines großen Federhauses: ein Garant für einen stabilen Gang. Die Breguet Spirale ist vielleicht bei einer Glucydur Unruh überflüssig, aber in der traditionellen Horlogerie hielt sie sich noch sehr lange. Die Kurvenscheibe für die Feinregulierung hatte Zenith bei seinen Taschenuhren schon immer verwendet. Das Zenith Kaliber 135 gab es auch in einer Version, die nicht als Chronometer geprüft war, diese Uhren trugen den Namen Zenith 2000.

Die Uhrenhersteller haben immer gewusst, das ein 13-liniges Werk (also ein Werk mit 30 mm Durchmesser) die ideale Größe eines Armbanduhrwerks war. Omega hatte sein 30T2, das alle Präzisionsrekorde hielt - und das auch noch nach siebzig Jahren sehr gut gehen kann. Das AS 1130 (das man auch Wehrmachtswerk nannte, weil es in allen Uhren der Wehrmacht war, die keine Manufakturuhren waren) verdankte seinen Ruf seiner Größe, wie auch das Zenith 135 oder das Peseux 260. Die natürlich in einer anderen Klasse tickten. Selten ging man über die 30mm Norm hinaus, wie zum Beispiel hier in dem 14-linigen Eterna Kaliber 852. Das auch in Uhren verbaut wurde, die am Arm von tschechischen Piloten ihren Weg in die Royal Air Force fanden.

Es hat die Bauweise einer Taschenuhr, mit Kronrad und Sperrrad unter einer Brücke (was Stabilität garantiert) und nicht à vue. Eterna hat bei seinen Handaufzugswerken lange auf diese klassische Bauweise gesetzt, die bei der IWC mit dem Kaliber 83 aufgegeben wurde. Die Konstruktion des Zenith mit der indirekten Minute ist nicht unbeobachtet geblieben, die Eterna (und wenig später die ETA) ging in der Mitte der fünfziger Jahre zu einer ähnlichen Konstruktion über, um eine große Unruh verwenden zu können (ein Jahrzehnt später gab es das in der Glashütte Spezimatik auch). Dass man eine große Unruh heute immer noch bauen kann, zeigt dieses schöne Werk von Volker Vyskocil.

Die Unruh des Eterna Kalibers 852 hat übrigens einen Durchmesser von 13,5 mm - das Zenith 135 kommt sogar auf 14 mm - das erreichen manchmal kleine Taschenuhren nicht. Dieses Bild hätte nicht unbedingt sein müssen, das ist ein Citizen Chronometer mit einem 13-linigen Werk (und 31 Steinen!). 1963 hatte die Schweiz der Firma Seiko 63 zum ersten Mal erlaubt, an einem Wettbewerb für Chronometer teilzunehmen. Wenige Jahre zuvor waren Seiko und Citizen noch nicht in der Lage gewesen, eigene Uhrwerke zu bauen. Jetzt sind sie bei den Chronometern mit dabei. Mit einem Werk, zu dem man nur sagen kann: form follows function. Oder: potthäßlich.

Statt weiterhin 30mm Werke zu bauen, konstruierte man gegen besseres Wissen immer kleinere (und flachere) Werke. Weil man die auch in Damenuhren und rechteckige Uhren einschalen konnte. Die natürlich niemals die Ganggenauigkeit und Langlebigkeit eines großen Werkes erreichen konnten (das Patek Kaliber 10-200 ist nur neun Millimeter größer als die Unruh der Zenith!). Hier noch einmal das Zenith Kaliber, diesmal in ungewohnter Form. Es war nie in einem Uhrengehäuse, es steckte in einem hölzernen Gehäuse und wurde bei einem Chronometer Wettbewerb eingereicht. Das erklärt auch die ungewöhnliche Form der Feinregulierung (mit der man auch ➱Abfallfehler korrigieren kann) und die fehlende Stoßsicherung. Viele Manufakturen glaubten noch in den fünfziger Jahren, dass eine Stoßsicherung den Gang verschlechtern würde. Bei einer Uhr, die nur zu einem Chronometer Wettbewerb geschickt wird, ist eine Stoßsicherung natürlich unnötig, sie ist keinen Alltagsbelastungen ausgesetzt. Weshalb die Uhr allerdings keine Glucydurunruh sondern eine bimetallische Kompensationsunruh hat, das wird nur der Regleur wissen.

Dies Uhrwerk hier ist nicht in der Schweiz gebaut worden, es tickt in einer russischen Wostok. Oder auch in einer Wolna, was nur ein weiterer Markenname der Uhrenfabrik Tschistopol ist (ab Mitte der sechziger Jahre verwendete Wostok einheitlich den Namen Wostok), die 800 km östlich von Moskau liegt. Das linke Werk ist vergoldet, das rechte vernickelt - das macht keinen Unterschied, obgleich das Gerücht geht, dass die vergoldeten besser sind. Man sieht auf den ersten Blick zwei Dinge: das Kaliber 2809 der Firma Wostok ist dem Kaliber 135 der Firma Zenith sehr ähnlich. Und zum zweiten: der Grad der Feinbearbeitung ist bei Zenith höher. Was man auf den ersten Blick nicht sieht, ist dass man das 22-steinige Wostok Werk leicht umkonstruiert hat, sodass es jetzt eine Zentralsekunde statt der kleinen Sekunde hat.

Man kann bei dieser Detailaufnahme von Unruh und Feinregulierung des Wostok Werkes sehen, dass es bessere Qualitäten als dieses Werk gibt. Der Unruhkloben ist nicht angliert, und man kann der Kurvenscheibe schon beinahe ansehen, dass sie wackelt. Ich sage das, weil ich das Kaliber 2809 von oben und unten kenne. Ein freundlicher Händler hat mir mal eine ganze Pappschachtel dieser Werke geschenkt. Die werden sorgfältig in einer Schublade als Ersatzteile gehortet. Obgleich dieses Werk das Spitzenprodukt der russischen Uhrenindustrie war, ist die Verarbeitung doch eher rustikal. Klicken Sie zum Vergleich noch mal eben das Zenith Werk an.

Das Poljot 2809 ist nicht das einzige Werk in russischen Uhren, das außerhalb Russland konstruiert wurde. Sammler erkennen bei diesem Sarja (Swjesda) 2602 der Ersten Moskauer Uhrenfabrik sofort das berühmte, von André Donat konzipierte Lip T18, das von 1933 bis 1949 in Besançon produziert wurde. Der Franzose Fred Lipman hatte den Russen in den dreißiger Jahren die Baupläne für dies Werk (und andere wie zum Beispiel das Kaliber R26 und das Taschenuhrkaliber R43) verkauft. Als die Deutschen 1939 Besançon besetzten, verlor die russische Uhrenindustrie einen ihrer wichtigsten Zulieferer.

Die Rechteckuhren von Lip mit dem T18 Kaliber können sehr formschön sein. Ich habe genau dieses Modell in Edelstahl, allerdings mit schwarzem Zifferblatt. Ist nach beinahe achtzig Jahren immer noch cool. Es sind heutzutage viele der Rechteckuhren der Firma Lip (häufig unter dem Modellnamen Churchill) auf dem Markt. Aber das sind meistens Repliken, die ein billiges Quarzwerk von Ronda besitzen.

Seit ihren Gründungstagen hatte die Sowjetunion versucht, eine eigene Uhrenproduktion auf die Beine zu stellen. Vor der Revolution war der russische Uhrenmarkt fest in Schweizer Hand. Für die Firma Tissot war Russland das Kerngeschäft, Paul Buhré (hier eine goldene Uhr dieser Firma) hatte sich sogar in Pawel Buhré umgenannt und besaß seit 1815 ein Geschäft in Petersburg. Und der junge Blaise Cendrars hatte vor der Revolution bei dem Schweizer Juwelier und Uhrmacher Henri Albert Leuba in St. Petersburg gearbeitet.

1922 war die Aviapribor, ein Zusammenschluss für feinmechanische Geräte, speziell elektromechanischer Geräte für Flugzeuge gegründet worden, 1924 die MEMZ (Moskauer Elektro-Mechanische Betrieb). Die MEMZ soll jetzt die Industrie mit elektrischen Uhren, Weckern und Wanduhren versorgen. Wozu man den Wecker Bravo der deutschen Firma Junghans kopiert und als russischen B-1 Wecker anbietet. 1927 beschließt man die Gründung der 1. Staatlichen Uhrenfabrik (1 ГЧЗ), wo pro Jahr 1,5 Millionen Wanduhren, 400.000 Wecker und 45.000 elektrische Zeitmesser entstehen sollen. Planziele sind auf dem Papier immer schön. 1930 wird die MEMZ in Slawa (Zweite Moskauer Uhrenfabrik) umbenannt. Uhrmacherisch ist man noch Lichtjahre von den Schweizer Produkten aus der Zeit vor der Oktoberrevolution entfernt, die stolz den russischen Doppeladler trugen.

Inzwischen hatte die Amerikanskoe Torgovlye in den USA zwei Uhrenfabriken gekauft (die Dueber Hampton Watch und die Ansonia Clock Company), die demontiert und nach Russland verschifft wurden (Verhandlungen mit einer Schweizer Fabrik hatten sich in letzter Minute durch den Einspruch der Schweizer Regierung zerschlagen). Die Maschinen der  amerikanischen Fabriken wurden in Moskau unter der Anleitung von sechzig amerikanischen Uhrmachern wieder aufgebaut. Am dreizehnten Jahrestag der Oktoberrevolution konnte man voller Stolz die ersten fünfzig Taschenuhren vom Typ 1 an Parteifunktionäre liefern. Man hatte auch in Deutschland erfolglos versucht, eine Uhrenfabrik zu kaufen. Aber nach dem Zusammenbruch der Glashütter Uhrenindustrie (also bevor die von Dr Kurtz wieder erfolgreich aufgebaut wurde) konnte man immerhin einige Fachleute mit einem Siebenjahresvertrag nach Moskau locken. Lesen Sie hier mehr dazu.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die russische Uhrenindustrie noch eine Vielzahl von Bauplänen, Maschinen und Werkzeugen aus der Schweiz bekommen (lesen Sie in dieser Übersicht mehr dazu). Wozu neben dem Kaliber Zenith 135 auch noch das Weckerwerk AS 1475 (das als Poljot 2612.2 weitergebaut wurde), das Kaliber Venus 150 (das in den Strela Schaltrad Chronographen ist) und das Favre-Leuba Werk mit dem Doppelfederhaus (das dann Slawa 2427 hieß, aber nie so gut aussah wie das Original hier) zählten. Da ein großer Teil der Werke heute noch verbaut wird, gibt das dem Sammler die Gelegenheit, preisgünstig an interessante Schweizer Werke zu kommen. Man munkelt, dass manchmal auch die russischen Werke zurückgekauft, in der Schweiz veredelt und in teure Uhren eingeschalt werden.

An dieser Stelle möchte ich mal eben einen russischen Krimi empfehlen, in dem Uhren eine Rolle spielen. Ich bekam ihn vor vielen Jahren von Friedrich Hübner (der alles über die russische Literatur weiß und auch Uhren sammelt) geschenkt. Der Roman heißt Uhren für Mr. Kelly, geschrieben von den Brüdern Arkadi und Georgi Wainer. Der Roman erschien in der Übersetzung von Harry Burck 1974 im Ostberliner Verlag Das Neue Berlin. Er hätte ebenso gut in der renommierten Krimireihe des Rowohlt Verlages erscheinen können, die Richard K. Flesch herausgab. Dass jenseits der Grenze auch gute Krimis verlegt wurden, das wusste Flesch, immerhin teilte er sich mit dem Verlag Volk und Welt die deutschen Verlagsrechte für das Autorenpaar Sjöwall und Wahlöö (die hier einen Post haben, in dem auch Richard Flesch gewürdigt wird). Die Romane von Sjöwall Wahlöö waren die Bestseller der Rowohlt Reihe, Flesch hat mir damals unter dem Siegel der Vertraulichkeit die Auflagezahlen genannt. Also in aller Kürze, Uhren für Mr. Kelly ist ein brillant geschriebener Krimi. Wenn Sie immer schon einmal wissen wollten, wie viele Unruhwellen man in einem Glasfläschchen transportieren kann, dann sollten Sie diesen Roman lesen. Man bekommt ihn antiquarisch ab einem Cent.

Ein Sahnestückchen wie eine Wostok mit dem Precision Class auf dem Zifferblatt zu bekommen, wird dagegen schon schwierig. Die Uhren erfüllten damals den Standard für russische Chronometer (Werke, die dem Standard nicht genügten, wurden unter der Marke Almaz verkauft), und inzwischen haben die Sammler gemerkt, dass sie den Nachbau des Zenith 135 enthalten. Chronometerwerte erreicht keins meiner beiden Exemplare. Leider habe ich keine Uhr mit dem Kaliber 135, es ist sehr selten, nur etwa zehntausend Stück wurden davon gebaut. Aber meine Zenith Uhren mit den Kalibern 40, 120 und 12-4.5.6 schaffen die Chronometernorm nach über sechzig Jahren noch alle. Leicht und locker. Das ist der Unterschied zwischen Swiss Made und Made in USSR.

Donnerstag, 26. Oktober 2023

Taucheruhren


Ich komme nach dem Post Superuhr noch einmal auf das Thema Taucheruhren zurück. Mein Uhrmacher hatte mir vor zwanzig Jahren eine schöne dunkelblaue gefälschte Rolex Submariner geschenkt. Und später noch ein Edelstahlband, das von einer sehr teuren Rolexfälschung stammte. Mein Bruder, dem meine Eltern zum Examen eine Rolex schenkten, sagte mir, dass mein Band besser sei als das Band seiner Rolex. Er hatte jetzt in vierzig Jahren schon das dritte Band an seiner Uhr. Vor Jahrzehnten haben sich Rolexbesitzer Edelstahlbänder der Firma Tissot gekauft, weil die besser waren als das Original. Aber jetzt, wo Rolex die Firma Gay Frères gekauft hat, hat das Elend der Rolex Armbänder vielleicht ein Ende. Leider ist meine Rolex (Nachtauslage) jetzt ein bisschen kaputt. Nicht reparierbar. Obgleich ich sie selten benutzte, sie fehlt mir irgendwie. Hat jetzt eine Funktion als Briefbeschwerer bekommen. 

Wenn ich Geld für eine Taucheruhr ausgeben wollte, dann würde ich mir bei ebay diese Zenith kaufen. Der amerikanische Händler wollte sie mir schon ein paar hundert Dollar billiger lassen nachdem ich die Uhr auf meiner Beobachtungsliste plaziert hatte. Ich finde die Uhr scharf, weil die so ganz anders aussieht als die ubiquitäre Rolex Submariner und all deren Kopien. Es gibt ja auch einige Verbindungen zwischen der Firma Zenith und der Firma Rolex, schließlich hat Zenith jahrzehntelang die Chronographenwerke (das sogenannte El Primero) für die Rolex Daytona geliefert.

Wenn man bei ebay einen Gegenstand auf seine Beobachtungsliste setzt, dann bekommt der Händler einen Ping und weiß, dass da ein  möglicher Interessent ist. Diese 43 mm große grüne Scheußlichkeit hatte ich auf meiner Beobachtungsliste. Ich wollte die auf keinen Fall kaufen, ich verglich die Uhr nur mit dieser Rolex Submariner, die auch grün ist und den Spitznamen Hulk hat. Scheint ein begehrtes Modell zu sein, die Preise klettern. Bei dieser Uhr hier fielen die Preise. Der Händler bot mir die Uhr, die wahrscheinlich aus China kommt, für 15 Euro an (Porto 2,75). 

Ich konnte dem nicht widerstehen, auch wenn ich noch nie einen Hulk Film gesehen habe und das grüne Wesen selbst in meinem Post Fantasy nicht erwähnt wird. Aber die Quarzuhr, die es auch in Blau gibt, wiegt nix und liegt gut auf dem Handgelenk. Ich mag sie inzwischen. Sie hat ein Hardlex Glas, kein Saphir Glas, aber das ist bei vielen Seikos ähnlich. Sie ist aus Edelstahl, nicht unbedingt dem Edelstahl, den die Firma IWC verwendet. Das Band ist gestiftet, nicht geschraubt. Der Barni, der mir ein paar Glieder herausgenommen hat, hat die Firma verflucht. Auf dem Stahlboden steht, dass die Uhr ein japanisches Quarzwerk besitzt und 3 ATM wasserdicht ist. Was will man für fünfzehn Euro mehr haben? Wie die Chinesen das zu diesem Preis hinkriegen, weiß ich nicht. 

Für die deutsche Amazon Seite wurde der amerikanische Text mit dem universalen Übersetzungsprogramm bearbeitet, das immer perfekten Unisinn produziert. Und das heißt dann so: DAXY Luxus-Uhr ist ein neues Ankunft für Männer. Modischer Einfachheits-Stil, exquisites Quarzwerk, macht Sie charmanter. Patentierte Quarztechnologie, schützende Mineralglasscheibe, Gehäuse aus Legierung. Gute Wahl für Feiertagsgeschenke, Thanksgiving, Weihnachtsgeschenke, Abschlussgeschenke, Vatertagsgeschenke, Geburtstagsgeschenke.Hergestellt mit Tiny Equipment Composing Technologie von DAXY Uhrenherstellung. Wasserfeste Struktur (nicht geeignet zum Schwimmen, Tauchen, Duschen usw.) Präzise Bewegung mit dem neuesten Durchbruch Armbanduhr mit goldenem Herren-Luxusgehäuse, geeignet für den täglichen Gebrauch. Speziell entworfenes Metallgehäuse mit hochwertiger Uhr. Spezielles Zifferblatt-Design zeigt Ihren modischen Blickwinkel.

Mitte der fünfziger Jahre waren die ersten wasserdichten Taucheruhren mit einer beweglichen Lünette auf den Markt gekommen: Blancpain Fifty Fathoms (1953), die Rolex Submariner (1954) und die Zodac Sea Wolf ein Jahr später. Am Ende der 1950er Jahre gab es einen ganz neuen Typ der Taucheruhren, die man daran erkannte, dass sie zwei Kronen besaßen. Die untere Krone war zum Aufziehen und für die Zeigerstellung; die obere Krone bewegte die Taucherlünette, die unter dem Uhrglas war. Nach einem Patent der Firma Ervin Piquerez S.A. (EPSA) hießen sie Super Compressor, beinahe jede schweizer Firma hatte die im Angebot. 

Renommierte Firmen wie Jaeger-LeCoultre und Longines, aber auch kleine, unbekannte Firmen verwendeten das Gehäuse von Piquerez. Die Uhren waren 35 mm groß, waren noch nicht so absurd groß wie heutige Taucheruhren. Man konnte sie in der Stadt hervorragend zur Berechnung der Parkzeit verwenden, ob man wirklich mit ihnen tauchen konnte, das weiß ich nicht. Meine Uhr ist von der Firma Hema, hat ein ETA Automatikwerk mit 25 Steinen und läuft seit Jahrzehnten ohne Probleme. Die Hema Watch Co. wurde von der Desco von Schulthess Gruppe gekauft und hieß später Maurice Lacroix. Die stellen natürlich auch Taucheruhren her, sogar solche mit zwei Kronen.

Neben den Super Compressor Qualitätsuhren gab es einen riesigen Markt von Billiguhren, die vorgaben, Taucheruhren zu sein. Manche hießen Meister Anker, die konnte man bei Karstadt und Quelle kaufen. Sie kamen aus Ruhla und hatten meistens das Kaliber UMF 24 in der Uhr. Von diesem sehr einfachen Werk hat man in Ruhla 130 Millionen Stück gebaut. Das sicherte der DDR ein klein wenig Devisen. Die nach der Wende zerschlagene VEB Ruhla ist inzwischen wiederbelebt worden, sie hat jetzt NVA Kommando Minentaucher Uhren im Programm. Ein bisschen pervers ist das schon.

Und dann gab es noch Mengen von Taucheruhren, in denen ganz billige Stiftankerwerke waren. Man erkannte sie daran, dass sie auf dem Gehäuseboden einen Taucher mit Schwimmflossen und Taucherbrille im Wasser zeigten. Das war nun das Billigste vom Billigen, auch qualitativ. Diese Cimier Taucheruhr sieht auf den ersten Blick ganz nett aus, aber wehe man öffnet sie und schaut sich das Werk an. Sie können das schrottige Werk hier sehen. Die Firma Cimier wirbt heute mit Sprüchen wie A passion for the tradition of the finest craftsmanship since 1924. Es wird nirgendwo so viel gelogen wie in der Welt der Uhren.

Der englischen Firma Smiths ging es in den sechziger Jahren finanziell nicht gut. Sie besaß zwar noch den W10 Auftrag für die Fliegeruhren der Royal Air Force, aber der war am Auslaufen. Da brachte Smiths 1968 eine solide 38 mm große Taucheruhr auf den Markt (waterproof tested 20 atmospheres) weil sie sich einen Auftrag der Royal Navy erhofften. Doch daraus wurde nichts, und so war die Smiths Astral CM4501 Diver, die Journalisten liebevoll die englische Rolex getauft hatten, die letzte englische Armbanduhr mit einem englischen Manufakturwerk.
 
Die Uhr kostete damals 15 Pfund Sterling, heute muss man schon vierstellige Summen für diese Uhr auf den Tisch legen. Ich habe meine vor dreißig Jahren für 85 Mark gekauft; und bis auf die immer etwas neben der Zeit liegende Datumsschaltung, will ich nichts Böses über diese Uhr sagen. Weshalb Taucheruhren eine Datumsanzeige brauchen, weiß ich nicht. Die Smiths sieht wirklich ein wenig wie eine alte Rolex aus. Vor allem mit dem schwarzen Horween Pferdelederband, das ich ihr spendiert habe. Auf dieser alten Anzeige wird die Uhr als skindiver's watch bezeichnet, und das gilt für all die Uhren, die bisher erwähnt wurden. Und die wir so global als Taucheruhren bezeichnen. Sie sind fürs Schnorcheln gut, sind nichts für Berufstaucher, die in der Tiefsee arbeiten. 

1961 gründete der Ingenieur Henri Germain Delauze ein Unternehmen, das Compagnie Maritime d'Expertises, abgekürzt COMEX, hieß. Er suchte schnell die Zusammenarbeit mit der Firma Rolex, und die baute ihm Uhren, die wirklich für das kommerzielle Tiefseetauchen geeignet waren. Die bekamen dann den Namen Comex auf das Zifferblatt, und wenn eine wirklich die Arbeit unter Wasser überlebt hat, dann kostet sie wie diese hier 172.000 Euro. Dafür kann man sich auch einen gebrauchten Rolls Royce kaufen. Oder das Geld an Ärzte ohne Grenzen überweisen. Die meisten Rolex Comex Uhren, die angeboten werden, sind wahrscheinlich Uhren mit einem gefälschten Zifferblatt.

Auch Omega arbeitete mit der Comex zusammen. Ihre Seamaster Professional 600 hatte den Spitznamen Ploprof (was von Plongeur Professionel abgeleitet wurde). Die Uhr war doppelt so teuer wie eine Rolex Submariner, schlug aber sämtliche Rekorde, die man mit einer professionellen Taucheruhr erreichen konnte. Bei einer simulierten Tauchtiefe von 1.370 Metern verformte sich das Gehäuse ein wenig, die Uhr funktionierte aber noch. Die Ploprof war mit einer Größe von 55 mm für den täglichen Gebrauch ein wenig unpraktisch, deshalb brachte Omega wenig später noch eine Baby Ploprof in der Größe von 38 mm auf den Markt.

Das Uhrenmagazin watchtime versichert uns: Heute werden Taucheruhren längst nicht mehr nur zum Tauchen getragen. Ihr sportlicher Look begeistert auch Menschen, die sich an Land wohler fühlen als unter Wasser. Eine Taucheruhr ist heute mitunter modisches Statement, beliebtes Sammlerobjekt unter Uhrenfans oder einfach nur ein cooles Accessoire. Das sind so die Sprüche, die ich liebe. Ähnlich werben Uhrenfirmen: Das Modell X besticht durch seine Exklusivität. Das massive Design zeigt den sportlichen Anspruch des Trägers. Ob das auch für diese potthässliche ZentRa Safari aus den siebziger Jahren gelten kann?

Die ZentRa Safari wird man schon wieder mögen, weil sie ebenso wie die Zenith da ganz oben ein wenig anders ist als der wasserdichte Einheitsbrei der Taucheruhren. Beinahe alle noch existierenden schweizer Firmen haben so etwas mit schwarzem Zifferblatt und Lünette im Programm. Viele Firmen holen historische Modelle wieder aus der Schublade, weil man ein bisschen Nostalgie immer gut verkaufen kann. Die Eterna Super KonTiki hat es als Neuauflage gegeben, die Doxa 300 Sub auch. Und bei Blancpain, die zwischenzeitlich immer mal pleite waren, gibt es bestimmt jedes Jahr wieder eine Neuauflage der Fifty Fathoms. Der. Geist,. den. es. zu. bewahren. gilt steht da auf der Firmenseite.

Noch mehr an Taucheruhren, als die schweizer Firmen anbieten können, kommen aus China. Sie haben Namen wie Parnis, Pagani Design, San Martin, Bliger, Corgeut, Bersigar oder Steeldive. Manchmal bezeichnen auch unterschiedliche Namen dasselbe Produkt. Und dann ist da ja noch die große Modding Szene, die Seikos umbaut. Diese schöne Seiko Marine Master ist nicht von Seiko, mit einer echten Seiko Prospex hat das nichts zu tun. Von Seiko ist nur das Uhrwerk. Der Rest ist custom made wie der Kunde es haben will. Anderes Zifferblatt, andere Lünette, andere Zeiger: anything goes. Seiko selbst ist erst seit 1965 mit der 62MAS im Taucheruhrengeschäft, aber eine alte Taucheruhr von Seiko, die mindestens 2.500 Euro kostet, wird niemand modfizieren wollen.

Es gibt auch in Deutschland kleine Firmen, die für den Bruchteil des Preises einer Rolex Submariner qualitativ akzeptable Uhren anbieten, die mehr als hundert Meter wasserdicht sind. Und Made in Germany auf die Uhr schreiben können. Da wären neben der Firma Sinn Spezialuhren zum Beispiel Steinhart und Marcello C. Die Firma des Architekten Günter Steinhart liefert mit der Ocean One für 500 Euro eine Taucheruhr; die Nettuno 3 von Marcello C kostet das Doppelte. Die Eichmüller Uhren für 49 Euro lassen wir mal weg, weil die alle aus China kommen. Die Firma Marcello C von Marcell Kainz hat ihren Sitz in Würselen, da wo Martin Schulz mal Bürgermeister war. Die Firma ist seit dreißig Jahren im Geschäft, und ihre Kunden scheinen sehr zufrieden zu sein. Das Signet auf ihrer Nettuno 3 ist eine zarte Welle, aus der der Dreizack Neptuns hervorragt. 

Als ich das Signet vor Jahren zum erstenmal sah, gefiel mir diese Uhr. Ich beobachtete bei ebay über die Jahre die Preise. Die Nettuno kostet neu tausend Euro, gebrauchte Uhren werden bei ebay zu Preisen zwischen dreihundert und fünfhundert Euro gehandelt. Nix für mich. Aber als ich letztens eine für hundertsiebzig (oder Preisvorschlag) sah, schlug ich zu. Habe die Uhr jetzt am Arm. Die Uhr ist zehn Jahre alt, aber in einem sehr, sehr gepflegten Zustand. Der Verkäufer hatte bei seiner Beschreibung nicht übertrieben. In der Uhr tickt ein ETA 2824-2 in der Qualität élaboré, in den neueren Modellen ist ein Selitta SW 200. Das ist ein erstklassiger ETA Klon, die ETA liefert das 2824-2 nur noch an Firmen der Swatch Gruppe (es ist übrigens auch in allen Taucheruhren der Rolex Zweitmarke Tudor). Die Uhr geht nach zehn Jahren noch chronometergenau. An der Qualität der Nettuno 3 gibt es nichts zu bemängeln. Am Preis auch nicht, vor allem weil mich die Uhr nur 155 Euro gekostet hat.

Die Bundeswehr kennt keine Dienstuhren, aber die Firma Sinn versichert uns, dass die Kampfschwimmer in Eckernförde ihre Uhren tragen. Die haben in Eckernförde schon alles ausprobiert, sie hatten Uhren von Rolex, Blancpain und Doxa im Test. Das hat mir jemand erzählt, der sich da auskannte. Bevor sie zu Sinn wechselten, hatten sie Uhren der IWC Porsche Design 2000. Der  Besitzer der Firma Sinn war vorher in einer Führungsposition bei der IWC gewesen. Es ist für die Werbung einer Uhrenfirma immer gut, wenn man auf eine militärische Verwendung hinweisen kann. Ich habe meine ganze Dienstzeit als Soldat mit meiner Konfirmations Junghans bestritten, ich habe nie einen Soldaten mit einer Taucheruhr gesehen. Heute ist das wahrscheinlich anders. 

Wenn man bei Google Taucheruhr eingibt, bekommt man zweieinhalb Millionen Ergebisse. Tausende solcher Uhren mit dem massiven Design, das den sportlichen Anspruch des Trägers zeigt, liegen bei ebay herum. Warten darauf, dass sie von richtigen Männern gekauft werden. Am Anfang des Filmes Dr No trägt James Bond, wenn er Sylvia Trench kennenlernt, eine goldene Gruen Precision. Eine Uhr für einen Gentleman, ganz besonders zum Dinner Jacket. Aber bei den Dreharbeiten in der Karibik fand der Produzent Cubby Broccoli, dass die goldene Gruen am Arm von Sean Connery etwas mickrig aussah. Und er lieh dem Hauptdarsteller seine Rolex Submariner. Seitdem tragen richtige Männer Taucheruhren. Auch wenn sie Nichtschwimmer sind.

Die Rolex blieb in den James Bond Filmen ein wiederkehrendes Element, bis sie von einer Omega abgelöst wurde. Wenn Bond in Casino Royale (2006) gefragt wird, ob er eine Rolex träge, ist seine Antwort: Omega. Diese Omega aus dem Film war einem Sammler bei der Auktion von Antiquorum 215.000 Schweizer Franken wert. War noch originaler Dreck von den Dreharbeiten dran. Sieht aus wie rote Erde auf dem Truppenübungsplatz Sennelager. Warum kauft jemand so etwas?

Aber es gibt ein Leben ohne diese Dinger. Nach einer Woche Uhrentest (ohne Dusch- und Badewannentest) habe ich die Nettuno beiseitegelegt. Sie geht zwar hervorragend, aber sie ist mir zu schwer und zu unhandlich. Sie stört mich beim Tippen. Und sie schabt die Manschetten der italienischen Oberhemden ab. Sie liegt jetzt neben der alten blauen Rolex. Wenn ich ein wenig Schwere im Leben brauche, kommt sie wieder an den Arm..