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Samstag, 6. Juni 2026

die funkelnden Lichter von Havanna


Wenn hier tagelang nichts steht, dann heißt das nicht, dass ich nichts schreibe. Ich schreibe so nebenbei den Text von meinem kleinen Internetroman Que reste-t-il de nos amours immer wieder ein wenig um. Das beginnt schon damit, dass ich den Text von ✺Veinte años von Omara Portuondo vor das Ganze gestellt habe. Weil in diesem Lied alles steht, von dem der kleinen Roman handelt:

¿Qué te importa que te ame
Si tú no me quieres ya?
El amor, que ya ha pasado
No se debe recordar

Fui la ilusión de tu vida -
Un día lejano ya
Hoy represento el pasado
No me puedo conformar

Si las cosas, que uno quiere
Se pudieran alcanzar
Tú me quisieras lo mismo
Que veinte años atrás

Con qué tristeza miramos
Un amor, que se nos va
Es un pedazo del alma
Que se arranca sin piedad

Si las cosas, que uno quiere
Se pudieran alcanzar
Tú me quisieras lo mismo
Que veinte años atrás

Con qué tristeza miramos
Un amor, que se nos va
Es un pedazo del alma
Que se arranca sin piedad


Das bringt uns natürlich nach Havanna, das heute etwas anders aussieht als im Jahre 1997, als Omara Portuondo durch Ry Cooders Album Buena Vista Social Club weltberühmt wurde. Die Straßen von Havanna sind voller Müll, die Autos bleiben liegen, weil es kein Benzin mehr gibt. Der Traumort Havanna ist zum Alptraum geworden. Ab dem heutigen Tag können die Menschen in Kuba nicht mehr mit Visa- und Masterkarten zahlen. Die Zentralbank Kubas setzt die Transaktionen infolge von US-Sanktionen zum 6. Juni aus. Touristen müssen in den Hotels mit Bargeld bezahlen. Oder mit chinesischen Kreditkarten. Den Kubanern wird das egal sein, sie haben eh keine Kreditkarten, aber die Maßnahme vertreibt die Touristen, die Geld ins Land bringen könnten. Einige Hotelketten haben sich schon zurückgezogen.

Ich schreibe dies heute mit einer Uhr von der Firma →Cuervo y Sobrinos Habana am Arm, einer im 19. Jahrhundert gegründeten→Firma, die man einmal das kubanische Tiffany genannt hat. Das hier sind die Neffen des Firmengründers Ramón Fernández Cuervo, die nach seinem Tod 1907 das Geschäft übernahmen. Die Uhr war ein Zufallsfund, von dem jeder Sammler träumt. Ein DDR Bürger hatte sie sich bei seinem einzigen Auslandsaufenthalt in Havanna gekauft und nach der Wende bei ebay vertickt. 

Die Uhr stammt aus den dreißiger Jahren, der Zeit, als amerikanische Millionäre in Kuba Urlaub machten. Damals war Kuba mehr oder weniger ein Bordell, nicht erst seit den Tagen von Batista. Haben Castro und der Comandante Ché Guevara daran etwas geändert? Die Leser von Guillermo Cabrera Infante, der wegen Castro die Insel verließ, wissen, dass sich wenig geändert hat. Die →Jineteras sind noch immer auf den Straßen. Lesen Sie mehr dazu in diesem interessanten →Artikel aus der Zeitschrift Lettre. Und schauen Sie einmal in diese ✺Doku von arte über die Mafia in Kuba hinein. Von der Zdfinfo Serie Geheimes Kuba kann ich hier ✺Teil 1 und ✺Teil 3 anbieten.

Kuba und Havanna waren immer in diesem Blog. Das hat etwas mit der Musik zu tun, aber auch mit Zigarren. Manches taucht an versteckten Stellen unerwartet auf. Wie zum Beispiel in dem Post Bielefelder Qualitätshemden: Ich muss mal eben einen Bremer in die Bielefelder Hemdengeschichte bringen. Er heißt Alexander Friedrich Kleinwort und arbeitet in Havana in dem deutschen Handelshaus von Adolf Höber. Die Firma importiert vor allem Bielefelder Leinen, das nach genauen Qualitätsvorgaben in Bielefeld bestellt wurde. Das Kontorhaus erlaubt Kleinwort, nebenbei auf eigene Rechnung zu arbeiten. So handelt er mit Bielefelder Leinen. Und Zigarren.

Der Handel mit Zigarren war ihm aus seiner Heimatstadt →Bremen nicht unbekannt. Kleinwort hatte in Havanna →Hermann Dietrich Upmann aus Bielefeld kennengelernt, zusammen mischen die beiden Freunde den kubanischen Tabakmarkt auf. Und werden beide berühmt: Kleinwort mit seiner Bank (die später Kleinwort Benson heißt), →H. Upmann mit seinen Zigarren. Das Photo zeigt John F. Kennedy beim Unterzeichnen des Handelsembargos gegen Kuba. Bevor er seinen Namen unter das Dokument setzte, hatte er übrigens all seine kubanischen Lieblingszigarren in Washington aufkaufen lassen, sein Pressesprecher konnte ihm noch 1.200 Upmann Petit Coronas besorgen.

Das Handelsembargo, mit dem man die kommunistischen Machthaber zu Fall bringen wollte, wurde zwei Jahre später noch verschärft. Da hatten wir die Kubakrise und waren kurz vor einem Weltkrieg. Da sind wir heute nicht mehr, auch wenn Trump gesagt hat, dass Kuba als Nächstes dran wäre. Und der Flugzeugträger Nimitz mit Begleitschiffen schon mal in kubanische Gewässer gelaufen ist. Mehr als sechzig Jahre Handelskrieg haben Kuba ruiniert. Das Öl-Embargo vom Januar war die letzte tödliche Waffe in diesem Krieg, der mal mit dem Boykott von Zigarren angefangen hatte. Gegen Raúl Modesto Castro Ruz, der vor wenigen Tagen fünfundneunzig wurde, läuft in den USA eine Mordanklage. Die Regierung ist am Ende, aber sie gibt nicht auf. Ich weiß nicht, was werden wird. Obama hatte sich um ein friedliches Verhältnis mit Kuba bemüht. Wäre man seinen Weg weiter gegangen, hätte man jetzt nicht diese Katastrophe.

Es ist viel Kuba in diesem Blog. Meine Heimatstadt Bremen hat viel mit der Insel zu tun. Bremer Kaufleute machten da schon seit dem frühen 18. Jahrhundert im Zucker-, Kaffee- und Tabakgeschäft ihr Geld. 1836 hatte Bremen mit →Diedrich Hermann Wätjen einen Konsul in Havanna. Ein eher abschreckendes Beispiel des hanseatischen Geschäftssinns ist der Kaufmann Richard Fritze, der eine Tochter von Arnold Duckwitz geheiratet hatte. Er war auf Kuba ein →Profiteur der Sklavenwirtschaft, sein Onkel hatte sich bei uns im Ort die Villa Fritze bauen lassen. 

Dass Fidel Castro mal eine Affaire mit einer Bremer Kapitänstochter hatte, steht hier schon in dem Post das Blaue Band. Meine Uhr aus Havanna mit dem Juvenia Werk ist schon in dem Post saudade. In dem Post wird auch →Walker Evans erwähnt, von dem heute das zweite Photo stammt. Er hatte sich in den dreißiger Jahren durch Havanna photographiert. Ich nehme an, dass der Nimitz nichts geschehen wird, aber die Amerikaner haben in Havanna schon mal einen Panzerkreuzer verloren, was Sie in den Posts Havanna und Yellow Press nachlesen können. Und die Posts Zigarrren, Frauen und Zigarren und Blauer Dunst haben natürlich etwas mit kubanischen Zigarren zu tun.

Die auch in dem Post Nikolaus auftauchen: Das repräsentative Gebäude neben dem Bremer Dom, auf dem mit goldenen Lettern Verein Vorwärts steht, gehörte seit 1853 dem Bildungsverein der Zigarrenmacher. Heute ist da die Wittheit zu Hause. Der Zusammenschluss der →Zigarrenmacher verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung. Und sie hatten Vorleser in der Fabrik. Vielleicht kann man das mit den Zigarrenmachern in Kuba vergleichen, die in ihren Fabriken einen Vorleser hatten (wie auf diesem Photo den Herrn mit dem Hut), der ihnen während der Arbeit Romane vorlas. So hörten die Arbeiter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Jules Verne, Shakespeare und Emile Zola. Angeblich sollen so die Zigarrenmarken Montechristo und Romeo y Julieta nach dem Grafen von Montechristo und Shakespeares Theaterstück benannt worden sein. Manchmal lasen die Vorleser auch Politisches aus Zeitungen vor, was bei den Fabrikbesitzern nicht so gut ankam (und manchmal verboten wurde). Ob der leidenschaftliche Zigarrenraucher Karl Marx das gewusst hat? Auch in den Bremer Tabakfabriken hat es solche Vorleser gegeben, die von den Arbeitern bezahlt wurden. Manchmal waren das auch Kinder und Handlanger, die kosteten nicht so viel. Der Beginn der Arbeiterbildung liegt, auf jeden Fall in Bremen, im Tabakrauch. 

Als ich an der Uni aufhörte, schrieb ich auf dem Computer, der ein Geschenk des Englischen Seminars war, eine Autobiographie mit dem Titel →Bremensien. Aus der nehme ich zum Abschluss mal ein kleines Stück, weil Havanna da drin vorkommt. 

Der Kapitän, zu dem ich über die Jahre das freundschaftlichste Verhältnis von allen Kapitänen habe, die bei uns ein- und ausgingen, ist Ernst Biet. Die Biets sind seit dem 18. Jahrhundert Kapitäne, eine Dynastie. In Peter-Michael Pawliks Buch Von der Weser in die Welt werden im zweiten Band zwanzig Biets aufgelistet, und Kapitän Rolf Reinemuth schreibt 1979 in Master Next to God: Das Buch der Kapitäne: Die Nachkommen des Hinrich Biet hielten sich noch eine Generation weiter auf der See. Da waren Ernst Biet, der bis in die Gegenwart beim Norddeutschen Lloyd schöne und große Dampfer befehligte...

In den 1960er Jahren wird Ernst Biet Ehrengast der Kapitänsschaffer bei der Bremer Schaffermahlzeit sein, eine größere Ehre gibt es für Kapitäne nicht. Ich überlege mir immer, ob er eine schwarze oder eine weiße Schleife zum Frack getragen hat, das sind Feinheiten, auf die man nur in Bremen kommt. Einer seiner Vorfahren hat sich in einer Seegerichtsverhandlung um die Jahrhundertwende, zu der er zum ersten Mal in seiner Karriere erscheinen muss, geweigert, dem Gerichtsdiener sein Kapitänspatent vorher auszuhändigen. Eine Formsache. Nee, Dschunge, dat giff ik di nich. - Aber Kapitän Biet, wenn Sie mir Ihr Patent nicht geben, dann kann die Verhandlung nicht stattfinden. Dann können Sie auch nicht freigesprochen werden und können nie wieder zur See fahren. Worauf jener Biet sich umdrehte und sagte: Denn fohr ik nich’ mehr to See. Bin all oll genug. Aver miin Patent, dat giff ik di nich. Da kann man nur mit dem Lateiner sagen Ubique naufragium est. Ernst Biet hat ein von Wind und Wetter zerklüftetes Gesicht, er könnte in Hollywoodwestern Indianerhäuptlinge spielen. Seine rechte Hand ist von der Arthritis geplagt, aber sein Händedruck ist immer noch fest. Und seine Pfeife kann er auch immer noch halten, immer ‘ne Charatan kaufen, keine Dunhill, die sind besser. Ich werde es beherzigen. Den Prince Albert Pfeifentabak, den er raucht, mag ich nicht, aber wenn er mir die rote Dose herüberreicht, werde ich meine Pfeife damit stopfen. Ich kann ihm stundenlang zuhören, er erzählt wunderbare Geschichten. Manche auch gerne, zum Entsetzen seiner sehr konservativen Ehefrau in großer Gesellschaft; auch nicht gebremst von einem spitzen, lang gezogenen Eerrrnst! aus dem Munde seiner Gattin: Und da vor Havanna, da wollt’ ich den Passagieren eine kleine Freude machen und bin noch weiter unter Land gegangen, damit sie die Lichter von Havanna so scheun in der Nacht funkeln sehen konnten. Tja, und da sind wir dann‘nen büschen aufgelaufen innen Hafen von Havanna.  Besser als die Maine, die dort unterging, aber in den Augen von Anita Biet eine ewige Schande, einen Lloyddampfer vor Havanna auf Grund zu setzen.

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Pfeifenkauf


Nein, ich rauchte damals eigentlich keine Ziggis. Aber die Frau, die dieses Photo gemacht hat, hat mir eine Zigarette in die Hand gedrückt und gesagt, ich würde mit einer Zigarette im Mund auf dem Photo unheimlich cool aussehen. Damals, als ich so unheimlich cool aussah, war ich gerade wissenschaftliche Hilfskraft bei einem Professor geworden, der neu an der Uni war. Ich lernte schnell, dass meine wichtigste wissenschaftliche Aufgabe darin bestand, den TK93 Tabak bei Trennt zu kaufen.

Der Professor war aus dem Rheinland nach Kiel gekommen, er war ziemlich berühmt. Auf jeden Fall erzählte er gerne, dass er ziemlich berühmt sei. Er rauchte Pfeife, und als Pfeiferaucher hatte er natürlich schon von dem bekannten Tabak TK93 von Tabac Trennt gehört, den die Firma an Liebhaber in der ganzen Welt verschickte. Der Spruch Jeder Smöker hett sin Höker, De watt kennt swört op Trennt war offenbar bis Köln gedrungen.

Der Laden war damals noch in einem unscheinbaren Flachbau in der Brunswiker Straße gegenüber der Lubinus Klinik. Unser Professor begab sich also zu dem kleinen Laden, um Tabak und eventuell noch eine Pfeife zu kaufen, es blieb sein einziger Besuch bei Tabac Trennt. Aber TK93 rauchte er jeden Tag. Ich fragte irgendwann die anderen HiWis, warum sich der Professor seinen Tabak nicht selbst kaufte. Erst dann erfuhr ich die ganze Geschichte. Der Professor war damals mit seiner typischen kölschen Fröhlichkeit in den kleinen Laden gekommen, Pfeife im Mund. Und der alte Trennt hatte ihm die Pfeife aus dem Mund genommen, sie angeguckt und gesagt: Ihnen verkauf' ich doch keinen Tabak, Sie können überhaupt nicht Pfeife rauchen.

Geschichten dieser Art gab es im Ort damals zuhauf, Karl-Heinrich Trennt, der Kieler Hüter der Tabakkultur, war unnachgiebig gegenüber Kunden, die seiner Meinung nach guten Tabak nicht würdigten und billige Zigaretten rauchten. Ich habe das schon in dem Post Tabac Trennt erwähnt. Im Gegensatz zu dem oben erwähnten Professor bin ich mit Herrn Trennt immer gut ausgekommen, und mit seinem Sohn Jochen-Gunnar Trennt wird kein Kunde Schwierigkeiten haben, der ist wirklich sehr nett. Und er sorgt gerade dafür, dass eine meiner alten Dunhill Pfeifen repariert wird.

Mit dieser Pfeife, die W.Ø. Larsen signiert ist, springen wir mal eben nach Dänemark. Den Laden von W.Ø. Larsen in der Strøget in Kopenhagen gibt es nicht mehr, die Marke lebt aber weiter. W.Ø. Larsen, der auch Kongelig Hofleverandør war, stellte selbt keine Pfeifen her, aber die berühmtesten dänischen Pfeifenmacher, von denen sich manche später selbständig machten, arbeiteten für die Firma. Und so bot man in einer Anzeige vor fünfzig Jahren zurückhaltend an: Moderne og klassiske modeller i fineste udførelse og med perfekte rygeegenskaber. Ich habe zwei W.Ø.Larsen Pfeifen, und das mit den perfekten Raucheigenschaften kann ich bestätigen.

Und da ich bei berühmten Läden bin, die es nicht mehr gibt, muss ich noch eben Astley's erwähnen, die früher in der Nummer 109 der Jermyn Street residierten. Die New York Times schrieb in ihrem Artikel A Gentlemanly Stroll On Jermyn Street über das Geschäft: For a postprandial smoke, Astley's, a specialist in pipes, is next door. The store was established in 1862, and if there be such a thing as a pipe museum this is it: an extraordinary collection of weird and antique smoking equipment of every conceivable shape and figuration. Astley's ließ sich seine Pfeifen von Charatan und Dunhill liefern, aber deren Namen fand man nicht auf den Pfeifen. Da steht nur Astley's und die Anschrift des Ladens. Dieses Jermyn Street 109 findet sich übrigens auch auf ihrer Zweitmarke, die Tudor Rose heißt.

Das hier ist eine Straight Grain Pfeife von Astley's, man nennt diese Pfeifen so, weil sie eine völlig parallel laufende Maserung des Bruyere Holzes haben. Das ist, wie bei Pfeifen auf denen flame grain oder birdseye steht, ein Zufallsprodukt, eine Laune der Natur. Ich habe Anfang der siebziger Jahre für meine Astley's Straight Grain hundert Pfund bezahlt, fragen Sie mich nicht, wo damals das englische Pfund stand. Aber es ist eine gute Pfeife, und sie sieht nach über vierzig Jahren immer noch gut aus. Es ging natürlich auch billiger, der kleine Händler in Sussex, der in der Sunday Times Straight Grain Pfeifen zweiter Wahl anbot, schickte mir eine erstklassige Pfeife ohne Herstellernamen für zwei Pfund fünfzig. Die nach Jahrzehnten immer noch perfekte rygeegenskaber hat.

Und ein netter dänischer Händler in Sonderburg bot mir für einen lächerlich geringen Preis eine Dunhill zweiter Wahl an. Stand nicht Dunhill drauf, nur Made in London England, man konnte die Fehler und Kittstellen im Holz sehen. Auf dem Mundstück war nicht Dunhills Markenzeichen, der berühmte weiße Punkt, sondern dies hier, das Logo der Firma Hardcastle. Von der Firma hatte Dunhill 1936 die Hälfte der Aktien gekauft, zehn Jahre später den Rest. Es gibt den sich beharrlich haltenden Mythos, dass es bei Dunhill keine Pfeifen zweiter Wahl gibt, bei denen ist alles perfekt. Aber natürlich wird es etwas geben, was man failings, rejects oder seconds gibt. Niemand kann dem Stück Holz, aus dem die Pfeife geschnitzt wird, von außen ansehen, wie es innen drin aussieht. Und Dunhill hatte 1922 die Parker Pipe Co Limited ursprünglich nur gegründet, um seine failings zu verkaufen.

Kapitän Ernst Biet, den ich nur mit einer Pfeife im Mund kannte, hat mir mal gesagt, dass ich mir lieber eine Charatan als eine Dunhill kaufen sollte. Ich habe auf ihn gehört, es war kein schlechter Rat. Dunhill hat irgendwann die Firma Charatan geschluckt und sie seinem Dunhill-Parker-Hardcastle Imperium einverleibt, zu dem auch die Masta Pipes gehörten, die der alte Trennt so gerne den Neulingen des Pfeifenrauchens verkaufte. Parker und Hardcastle entwickelten sich zu eigenen Firmen, die nichts mehr mit der Dunhillschen Resteverwertung zu tun hatten.

Und die Qualität von Charatan (hier Georges Simenon mit einer Charatan), der ältesten englischen Firma, die vor hundert Jahren Dunhill mit Pfeifen belieferten, war nach der Übernahme durch Dunhill nie mehr dieselbe. Es ist mit Dunhill ein wenig so wie mit Rolex: viel Mythos, viel Werbung, und dahinter viele Fragezeichen. Ich besitze drei Pfeifen von der Firma, deren Pfeifen heute bei einem Preis von 500 Euro anfangen. Aber ich habe die nur, weil ein kleiner Händler, der seinen Laden aufgeben musste, seinen Bestand an Dunhill Pfeifen für 120 Mark das Stück verkaufte. Das war billiger als bei Pfeifen Timm auf Helgoland in den siebziger Jahren.

Wenn man ein Antiquariat, wie zum Beispiel das von Eschenburg, betritt, dann kann man sicher sein, dass der Besitzer des Geschäftes etwas von Büchern versteht und man sich auf seinen Rat verlassen kann. Pfeifenläden sind ähnlich wie Antiquariate, ihre Besitzer prägen die Atmosphäre des Ladens, man kann gut mit ihnen reden, ein wenig fachsimpeln, Neues erfahren, selbst wenn man nur eine Packung Pfeifenreiniger kauft.

Das hier ist Herbert Motzek, der den neben Trennt zweiten erstklassigen Laden in Kiel hatte. Er hatte bei berühmten dänischen Pfeifenmachern wie Viggo Nielsen und Poul Winslow gelernt, war mit einer Dänin verheiratet und hatte immer eine kleine dänische Flagge vor seinem Laden stehen. Obgleich ich eigentlich Kunde von Trennt war, habe ich jahrelang bei Herbert Motzek Tabak gekauft. Eine seiner eigenen Mischungen mit viel gelbem Virginia Tabak, die gibt es wahrscheinlich heute immer noch. Den Tabak, den sich Günter Grass bei Motzek bestellte, gibt es wahrscheinlich auch noch.

Herbert Motzek hat sich vor vier Jahren in den Ruhestand verabschiedet, aber er hat mit Thomas Darasz einen Nachfolger gefunden, der auch Pfeifenmacher ist. Der Danebrog ist immer noch vor dem Laden, und es hat sich wenig geändert. Thomas Darasz hat eine große Internetpräsenz, und wahrscheinlich geht das Geschäft mit Pfeifen und Tabak immer mehr ins Netz. Das schon voll ist mit gebrauchten Pfeifen. Die nicht als gebrauchte Pfeifen angeboten werden, sondern estate pipes heißen. Klingt großartig, ist eine neue Bedeutung von estate, die das englische Lexikon bisher so nicht kannte. Eine stark gebrauchte, ungereinigte Dunhill Pfeife fängt preislich bei ebay bei 100 € an, dazu sage ich lieber nichts.

In dem Geschäft mit estate pipes ist auch Stefan Kyselka aus Altenholz bei Kiel, der allerdings auch Pfeifenmacher ist. Gegen eine fachmännisch aufbereitete Pfeife ist im Grunde nichts zu sagen, wenn sie ein neues Mundstück bekommen hat. Den berühmten weißen Punkt, um den Dunhill und Vauen in den zwanziger Jahren einen erbitterten Prozess führten, kann man auch anbringen lassen. Das einzige Risiko ist, dass der Vorbesitzer mal Erinmore Tabak geraucht hat, den furchtbaren Geschmack bekommt man nie wieder aus der Pfeife.

Viele Läden, die Pfeifen verkauften, sind mittlerweile aus der Stadt verschwunden: Pfeifen Schulz neben den Kieler Nachrichten, der das Fenster voller goldener Dupont Feuerzeuge hatte und Charatan Pfeifen anbot, ist weg (ich habe hier ein Bild vom Abriss des Ladens). Krüger & Oberbeck in der Holstenstraße, die preiswerte englische Willmer Pfeifen (die sehr gut waren) verkauften, gibt es nicht mehr. Lorinki (Lorenz Ingwersen) in der Küterstraße war einmal erstklassig sortiert, was dänische Pfeifen betraf, nach dem Tod des Besitzers ist der Laden nur noch ein Schatten seiner selbst. Tabak Waister, Ihr Fachgeschäft im Norden Kiels, ist einer Immobilienspekulation zum Opfer gefallen.

Uhrmacher gibt es nicht mehr. Auch viele Buchhandlungen sind aus der Stadt verschwunden, alles wird ins Internet verlagert. Auf den Flohmärkten landet nur noch besserer Hausmüll, alle guten Dinge finden sich bei ebay. Dass ich damals die schöne BBB Pfeife auf dem Flohmarkt gefunden habe, ist auch schon zwanzig Jahre her. Die Alltgskultur wird viral, man könnte wieder einmal Petronius zitieren: Si bene calculum ponas, ubique naufragium est. Motzek gibt es seit über vierzig Jahren, Trennt kann im nächsten Jahr sein 150. Jubiläum feiern. Seien wir dankbar, dass es diese Läden noch gibt.


Lesen Sie auch: Dunhill, Merrie England's Favourite Pipe, Tabac Trennt, Blauer Dunst, Unsere Marine, Tabak, Zigarren, Frauen und Zigarren.

Sonntag, 12. Mai 2019

Bundesmarine


Mit gefällt (fast) alles, was Sie schreiben. Nur mit der Marine sind wir über Kreuz, aber was kann ich schon von einem “unedlen Grau des Feldes“ erwarten, schrieb mir ein Freund. Er spielte darauf an, dass ich in meinem Blog gelegentlich (wie zuum Beispiel in den Posts Unsere Marine und Minen) leicht gehässige Bemerkungen über die Bundesmarine gemacht habe. Ich muss das relativieren und erklären, ich fange mal mit diesem Schiff hier an. Sieht aus wie die Gorch Fock (die hier schon einen Post hat), segelt aber unter amerikanischer Flagge. Die USCGC Eagle kam an diesem Wochenende in Kiel an und lag auf dem Stammplatz der Gorch Fock.

Das Segelschulschiff der Bundesmarine war 1958 vom Stapel gelaufen. Die 14-jährige Ulli Kinau taufte das Schiff auf den Namen ihres Onkels Johann, der unter dem Künstlernamen Gorch Fock berühmt geworden war. Und das Ganze auf Platt: Boben dat Leben steiht de Dod, aber boben den Dod steiht wedder dat Leben. Ick döp di op den Naam 'Gorch Fock'!" Die Feier wurde allerdings davon überschattet, dass ein Jahr zuvor der Großsegler Pamir untergegangen war (lesen Sie dazu mehr in dem Post Wetter). Diese Gorch Fock ist genau genommen die Gorch Fock II, ihr Schwesterschiff liegt im Hafen von Stralsund.

Die Gorch Fock, die zwanzig Jahre jünger ist als die USCGC Eagle, segelt zur Zeit nicht. Sie liegt in Elsfleht und verbirgt sich unter den Tarpaulinmassen hinter Ursula von der Leyen. Sie ist für die Bundesmarine das Äquivalent zum Flughafen BER. Reden wir lieber nicht über den Skandal mit der Werft in Elsfleth, der den Steuerzahler Millionen kostet. Fragen wir uns lieber, warum die USCGC Eagle, die bei Blohm und Voss als Horst Wessel gebaut wurde, schwimmt und die Gorch Fock nicht. Auch die Eagle ist in den letzten Jahren in der Werft gewesen, allerdings in einer Werft, die der US Coast Guard gehörte. Da hat man Kontrolle über das, was man macht. Die vierjährige Überholung soll 28 Millionen Dollar gekostet haben, die Kosten für die Gorch Fock werden inzwischen auf 135 Millionen geschätzt.

Die Bundesmarine beschäftigt zur Zeit einen Admiral, vier Vizeadmiräle, neun Konteradmiräle und 18 Flotillenadmiräle. Hätte man nicht ein paar von denen nach Elsfleht schicken können, um die Reparaturarbeiten an der Gorch Fock zu überwachen? In dem Post Admiräle habe ich geschrieben: Echte Sorgen mache ich mir nicht, es gibt eh zu viele von der Spezies Admiral. Das hat Cyril Northcote Parkinson, dem wir die schöne Biographie The Life and Times of Horatio Hornblower und ein halbes Dutzend Seeromane verdanken, schon in seinem Buch Parkinson's Law bewiesen. Das von ihm gefundene Gesetz über die Vermehrung der Beamtenstellen kennen wir alle aus dem alltäglichen Leben. Parkinson nahm in seinem Buch dafür Statistiken der Royal Navy als Beispiel. Im Jahre 1914 hatte England 62 Schlachtschiffe, Panzerkreuzer und Kreuzer, die von 2.000 Beamten in der Admiralität verwaltet wurden. 1928 waren es nur noch zwanzig Schiffe, aber es gab mittlerweile 3.569 Beamte. Auch heute hat sich das Missverhältnis nicht geändert: vor drei Jahren kamen auf 19 einsatzfähige Kampfschiffe vierzig Admiräle und 260 Kapitäne. Man fragt sich bei solchen Zahlen immer wieder: was machen die alle?

Lassen wir mal den augenblicklichen Zustand der Bundesmarine weg, ich muss weiter zurückgehen, um meine leichte Aversion gegen die Marine zu erklären. Niemand aus meiner Klasse ist zur Marine gegangen, selbst Dirk H. nicht, dessen Vater in dritter Generation eine kleine Werft besaß. Manche verweigerten den Wehrdienst, andere wie Gert Börnsen zogen nach Berlin, um der Einberufung zu entgehen. Der Rest ging zum Heer oder zur Luftwaffe, aber nicht zur Marine. Sie besaß kein Ansehen. In dem kleinen Kaff, aus dem ich komme, arbeiteten Werften wie Lürssen und Abeking und Rasmussen damals für die Bundesmarine. Bauten Schnellboote, den Tender Neckar, Korvetten und solche Dinge. Aber die Werftarbeiter ließen die jungen Marineoffiziere nicht ans Ruder, wenn es um schwierige Manöver ging. Nicht solange das Schiff noch nicht abgenommen war. Kapitän Ernst Biet hat mir mal erzählt, dass er bei der Übergabe eines Schiffes an die Bundesmarine sofort auf dem begleitenden Schlepper war, wenn der Kaleu das Schiff übernommen hatte. Und es kurz danach mit Aplomb in Bremerhaven gegen die Columbuskaje setzte.

Ich wäre dazu prädestiniert gewesen, die Marine zu lieben. Unserem Haus gegenüber stand eine Villa, auf deren Steintafel über dem Eingang stand: Auf diesem Landsitz wohnte Arnold Duckwitz 1802 bis 1881 Bürgermeister von Bremen 1848 Reichshandelsminister in Frankfurt a.M. Gründer der ersten deutschen Reichskriegsflotte. Ohne Duckwitz, der Rudolf Brommy zum esrten deutschen Admiral machte, hätte es die deutsche Marine vielleicht nicht gegeben. Es wäre ein Grund für die Bundesmarine gewesen, bei Jubiläen mal eben eine Abordnung von Marinesoldaten vor die Villa zu stellen. Bei der Royal Navy hätte man so etwas gemacht. Wir aber haben keine Traditionspflege, das ist zu bedauern.

Meine Eltern waren mit vielen Kapitänen befreundet. Die eigene Schiffe hatten oder wie Ernst Biet Ozeanriesen des Norddeutschen Lloyds befehligten. Master next to God. Beinahe alle Kapitäne, die meine Eltern kannten, waren im Zweiten Weltkrieg Marineoffiziere gewesen. Hermann Bögel hatte ein Ritterkreuz bekommen, hat das aber nie erzählt. Hein Janssen (den ich mal in der Nacht von Holland nach Bremen fuhr) war auf dem U-Boot U 55 gewesen und in englische Kriegsgefangenschaft geraten. In den fünfziger Jahren bekam er sogar einmal Besuch von Admiral Dönitz, Traditionspflege der anderen Art. Dönitz wusste, wo Vegesack war, schließlich waren hier auf dem Bremer Vulkan seine U-Boote gebaut worden.

Ernst Biet, der schon im Ersten Weltkrieg auf U-Booten gefahren war, kommandierte im Zweiten Weltkrieg als Kapitän zur See der Reseve den Minenleger Ulm (hier mit Tarnanstrich), der von der HMS Onslaught versenkt wurde. Biet war der letzte, der von Bord ging, aber der erste, den die Engländer auffischten. Er hatte ja noch versucht, der HMS Onslaught zu entgehen und sogar die amerikanische Flagge hissen lassen, um die Engländer zu täuschen. Über das Schiff und die Besatzung war er nicht glücklich, der Minenleger Ulm war nämlich eigentlich ein Bananenfrachter, der in kürzester Zeit zu einem Behelfskriegsschiff umgebaut worden war.

Bis auf den Kap Hornier Hugo Gottsmann, der ein Schulschiff kommandierte und mir das Segeln beibrachte, der ein wenig verschlossen war, haben mir diese Männer, deren ganzes Leben die See war, vieles erzählt. Sie erzählten diese Geschichten nicht jeden Tag, sie prahlten nicht mit ihrem Krieg. Wenn ich daran zurückdenke, klang manches wie eine Lebensbeichte. Ein Versuch, einem Jüngeren diese Vergangenheit zu erklären. Ich weiß es nicht. Ich ging bei ihnen ein und aus und durfte auch mal auf ihren Schiffen mitfahren, was eine tolle Sache war, wenn man jung ist. Aber es hat mich nie zur Marine gezogen, darüber habe ich wohl schon etwas gesagt, als ich über Schnellboote schrieb. Ich glaube da steht auch drin, dass bei dem einzigen Mal, als ich auf einem Minenräumer mitgefahren bin, ein junger Leutnant zur See das Ding in Bremerhaven mit einem Krach gegen die Hafenmauer gesetzt hat. Nach dem, was mir Käpt'n Biet zuvor über die mangelnden nautischen Fähigkeiten der jungen Bundesmarineoffiziere erzählt hatte, fand ich das ganz passend.

Ernst Biet, der Charatan Pfeifen rauchte, weil er Dunhill zu prollig fand, hatte für die Bundesmarine kein gutes Wort übrig. Die Kapitäne Hein Janssen, Hermann Bögel und Jan Kampen auch nicht. Mit ihren Meinungen bin ich aufgewachsen, und wenn ich mich umschaute, gab es nichts, was der Bundesmarine einen Glanz verlieh. Und deshalb mache ich manchmal spöttische Bemerkungen. Was einem heute natürlich, wenn man an die Einsatzfähigkeiten von U-Booten, Fregatten und der Gorch Fock denkt, ganz leicht fällt.

Donnerstag, 23. Februar 2017

Mordsee


Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwärder. Regungslos saß die Gemeinde. In die Augen kam eine Dunkelheit wie von aufsteigenden Tränen.
     Denn die See nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee – mit ihren jagenden, zerrissenen Wolken, mit ihrem pfeifenden, brausenden Sturm, mit ihren haushohen, schäumenden, brüllenden Seen, mit Brand und Wetterleuchten, mit Dünung und Gewitter – mit geborstenen Segeln, gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln, verlorenen Wracks und hilferufenden Fahrensleuten.
     Und es war niemand da, der nicht ihre Stimme vernommen hätte.


So steht es bei ▹Gorch Fock in ▹Seefahrt ist not! Mit solchen Texten, die von der See handelten, bin ich aufgewachsen, mit dem Schimmelreiter auch. Und mit Ottjen Alldag, der auf einer Eisscholle auf der Weser in Richtung Norsee treibt. Nordsee ist Mordsee, das ist ein Satz, der bleibt im Kopf. Wir wussten in unserem Kaff an der Weser, was Stürme waren. Mehrmals im Jahr stand die ▹Strandstraße unter Wasser, bei der ▹Flutkatastrophe 1962 war es höher als jemals zuvor, 5,35 Meter über Normalnull. Ich wollte in der Nacht noch meinen üblichen Weserspaziergang mit dem Hund machen, da stand das Wasser schon im ▹Stadtgarten. Ich bewunderte den blauschwarzen Nachthimmel und die fliegenden Wolken, die am Vollmond vorbeiwischten. Warum dem Schrecken nicht einen Augenblick der Schönheit abgewinnen? Ich wusste, dass man die Katastrophe nicht aufhalten konnte, Trutz, Blanke Hans ist nur eine Gedichtszeile, man kann dem Meer nicht trotzen. Das Wasser würde kommen, die Nordsee würde bis zum Weserwehr heraufschwappen. Und unser Direx würde in der Nacht in seinem überfluteten Wohnzimmer versuchen, die Abiarbeiten zu retten.

Stürme und Hochwasser hatten wir immer, aber an unserem Teil der Weser gab es keine großen Schiffsunglücke. Auf der Außenweser, da, wo die Nordsee anfängt, da schon. Manchmal schaffte es bei uns ein Kümo nicht, an der Weserbiegung vom ▹Schönebecker Sand die Kurve zu kriegen. Der landete dann auf unserer Weserseite auf dem Strand, da hätte man schon Hein duck di - da kommt'n Damper över'n Diek! sagen können. Der Kümo wurde dann bei der nächsten Flut unter dem Gelächter der Zuschauer von einem Schlepper wieder in die Fahrrinne gezogen.

In meiner Jugend war die Weser das, was für Huck Finn der Mississippi war. Wenn draußen keine Schiffe tuteten, konnte ich nicht einschlafen. Wenn ich frühmorgens die ▹genagelten Stiefel der Vulkanesen hörte, die in der Mitte der Weserstraße zu ihrer Werft marschierten, dann wusste ich, dass ich aufstehen musste. Wenn ich das Radio anmachte, las gerade eine Stimme vor, wo im Hafen noch Schauerleute gebraucht wurden. Danach kam Rudolf Kinau (der Bruder von Gorch Fock) mit Hör mal ’n beten to. Ohne Rudi Kinau konnte der Tag nicht anfangen. Ich las morgens in der Zeitung als erstes die Schiffahrtsnachrichten, an den Teil kam ich immer heran, der interessierte meinen Vater nicht. Würden große Pötte kommen? Die musste man sehen. Mein Vater interessierte sich nicht für den Schifffahrtsteil, weil ihm seine Patienten, die auf dem Vulkan, bei Lürssen oder Abeking & Rasmussen arbeiteten, alles erzählten, was man über die Schiffe auf der Weser wissen musste.

Aber wir kleinen Pökse, wir mussten an die Weser. Wir kannten John Masefields Gedicht I must go down to the seas again, to the lonely sea and the sky noch nicht, aber wir mussten an die Weser. Wir konnten die Heimatflaggen und die Reedereiflaggen lesen. Und wir waren Experten im Schätzen von Bruttoregistertonnen. Wir lagen, wenn es warm war, auf dem Anleger vom ▹Ruderverein und fingen kleine Aale mit der Hand. Der ▹Konny hatte immer mehr als ich. Wir warfen sie aber wieder in den Fluß. Heute ist die Weser so dreckig, dass man keinen Aal mehr darin sehen könnte. Der Anleger vom Ruderverein ist auch nicht mehr da. Der Ruderverein auch nicht. Wenn heute bei einem Kümo an der Weserbiegung die Steuerung versagt, dann landet der nicht sanft auf dem Sand. Dann kracht es in die neue Spundwand.

In meinem Heimatort schien jeder ein Kapitän zu sein, alle Männer trugen Elbsegler oder Prinz Heinrich Mützen. Viele standen den halben Tag am Anleger der Dampfer der Schreiber Reederei oder am ▹Utkiek und guckten auf das Wasser. So wie es Herman Melville im Kapitel ▹Loomings von Moby-Dick beschreibt: Look at the crowds of water gazers there ... Posted like silent sentinels all around the town, stand thousands upon thousands of mortal men fixed in ocean reveries. Dies ist nicht New York, dies ist eine kleine Hafenstadt an der Weser, mit ▹Heringsloggern, Werften und Segelmachern. Es sind auch keine tausende, die da stehen. Bestenfalls zwei Dutzend, aber auch sie haben ihre ocean reveries. Man könnte sie für Arbeitslose halten, die nichts mit sich anzufangen wissen, aber die meisten von ihnen sind wirklich zur See gefahren. Viele als Kapitän oder Steuermann. Sie haben alle diesen leeren Blick in die Ferne.

Ich weiß es noch genau, wie ich vor fünfzig Jahren auf dem Weg nach Hause war und auf der anderen Straßenseite Kapitän ▹Hugo Gottsmann sah. Er war nicht der Mann für einen Klönschnack, er redete eher wenig. Mit ▹Kapitän Biet konnte man stundenlang schnacken, mit Kapitän Gottsmann kaum. Der war nicht schlank und elegant wie Ernst Biet, den die Damen auf seinen schönen und großen Lloyddampfern vergötterten. Hugo Gottsmann war klein und knöterig. Aber er war ein Freund meiner Eltern, war mit meinem Vater in der ▹Freimaurerloge und hatte mir das Segeln beigebracht. Ich überquerte die Straße, um ihn zu begrüßen, überall lagen noch Zweige und Äste, die der Sturm in der Nacht zuvor heruntergefegt hatte. Der kleine Kapitän mit seinem grauen Tweedmantel guckte mich schweigend an und sagte dann: Die Adolph Bermpohl ist untergegangen. Ich wusste nicht, ob er weinte, er hatte immer diese leicht glasigen wasserblauen Augen.

Ich konnte das mit der Bermpohl nicht glauben. Das Schiff mit dem Namen des ▹Gründers der DGzRS war hier bei Abeking & Rasmussen gebaut worden, hier von der 21-jährigen Irmhild Schneider (einer geborenen Bermpohl) getauft worden. Und das Beiboot der Bermpohl hieß auch noch Vegesack. Es war, als hätte der Ort ein Stück Geschichte verloren. Kapitän Gottsmann hatte alle Ozeane gesehen, er war als Kapitän eines Segelschiffs um Kap Hoorn gesegelt, er knüppelte für A&R noch im Alter von über achtzig jedes Jahr eine Luxusyacht über der Atlantik (dafür spendierte ihm die Werft acht oder zehn Mann Besatzung), aber die Sache mit der Adolph Bermpohl  nahm ihm den Atem. Die unsinkbare Adolph Bermpohl untergegangen. Nordsee ist Mordsee.

Am 23. Februar 1967 haben in einem Orkan vor Helgoland der Vormann Paul Denker und drei Rettungsmänner der Adolph Bermpohl den Tod gefunden. Auch die drei Holländer im Beiboot Vegesack, die die Bermpohl kurz zuvor gerettet hatte, starben. Denn die See nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee – mit ihren jagenden, zerrissenen Wolken, mit ihrem pfeifenden, brausenden Sturm, mit ihren haushohen, schäumenden, brüllenden Seen, mit Brand und Wetterleuchten, mit Dünung und Gewitter – mit geborstenen Segeln, gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln, verlorenen Wracks und hilferufenden Fahrensleuten.

War es ein Kaventsmann, eine Grundsee? Die ▹Unglücksursache wurde nie geklärt. Der Seenotkreuzer wurde einen Tag später gefunden, er war zwar schwer zerstört, aber wirklich unsinkbar. Den Orkan, bei dem achtzig Seeleute in der Nordsee ertrunken sind, haben Meteorologen später den Adolph Bermpohl Orkan getauft. Man hatte am 23. Februar mit 14 Beaufort die höchsten Windstärken gemessen, die jemals in der Nordsee gemessen wurden (ein normaler Orkan hat die Beaufort Stärke 12). An die vier Rettungsmänner der Adolph Bermpohl erinnerten später noch die Namen von vier Rettungskreuzern: Paul Denker, H.J. Kratschke, Otto Schülke und G. Kuchenbecker.

Denken wir mal einen Augenblick an sie.


Samstag, 28. Mai 2016

Tennis


Au revoir Angelique, titelte meine örtliche Zeitung, die Angelique Kerber aus Kiel war gerade in der ersten Runde in Paris rausgeflogen. Gleichzeitig mit dieser Schlagzeile bekam ich von einer Bekannten ein Bild von Marcel Proust mit einem Tennisschläger zugeschickt. Das verlockt doch, mal eben etwas über Tennis zu schreiben. Das hier ist natürlich nicht das Stade Roland Garros in Paris (das ja nach einem Fliegerhelden benannt wurde, lesen Sie mehr in Piloten), das hier ist ein court für real tennis. 

In der Folge Old School Ties versucht Sergeant Hathaway seinem Inspector Lewis zu erklären, was real tennis sei. Und was spielen sie in Wimbledon? Digitales Tennis? fragt Lewis. Das real in real tennis hat nichts mit unserem Wort real zu tun, eher etwas mit Real Madrid. Es bedeutet schlichtweg royal. Und es ist der Beginn des Tennis. Wo und wie der Philosoph Thomas Hobbes Tennis gespielt hat, weiß ich nicht, aber ich nehme an, dass es auch ein real tennis court gewesen ist.

Der Star in meinem Tennisverein war Charlie. Eigentlich hieß er Volker, aber jeder nannte ihn Charlie. Wir waren ja so amerikanisch. Schließlich waren wir seit Kriegsende eine Amerikanische Enklave. Ich war mit Charlie in der Volksschule, und er war auch mit uns in Frankreich dabei, als wir den Friedhof in Ailly-sur-Somme wieder herrichteten. Er trug dazu bei, dass wir die Fußballmannschaft von Ailly-sur-Some zweistellig besiegten. Ich glaube, er schoss auch damals das einzige Tor, als wir in Nykøbing in Dänemark 9:1 untergingen. Die neun Tore der Dänen gehen auf meine Kappe, aber Dragomir Ilic hätte die auch nicht gehalten.

Charlie war einer der besten Spieler in unserem Tennisverein. Und der Mittelstürmer beim SAV. So sportlich er war, für die Bundeswehr war er dienstunfähig, weil ihm der Tennisarzt ein Gefälligkeitsgutachten ausstellte. Charlie ist beim Sport geblieben, er ist später bei der ARD ein großes Tier geworden und war immer auf dem Bildschirm zu sehen. Ich habe mal versucht, ihn dafür zu gewinnen, eine Sendung über Cricket zu machen, aber ich konnte ihn nicht überreden. Georg hatte beim NDR mehr Erfolg. Die haben mit seiner Hilfe einen kleinen Film gedreht. Als er gesendet werden sollte, wurde er nicht gesendet. Weil Sepp Herberger gestorben war. Sepp Herberger ist wichtiger als Cricket.

Das erste Jahr im Tennisverein spielten die Junioren kein Tennis. Der Verein spendierte uns zehn kostenlose Trainerstunden und erwartete von uns, dass wir die Plätze bei Turnieren in Ordnung hielten, Balljungen und Schiedsrichter waren. Wir lernten, einen Tennisschläger neu mit Darmsaiten zu beziehen, und wir waren Meister im Kreiden der Linien. Aber Bälle schlugen wir nicht über das Netz. Dieses Lehrjahr war natürlich nützlich, im Weser Yacht Club war das im ersten Jahr der Vereinzugehörigkeit ähnlich: Boote abschleifen und anpönen. Und Seemannsknoten knüpfen. Tennis wurde damals noch in weiß gespielt, lange weiße Hosen waren bei Senioren häufig anzutreffen. Ich fing mit einem Dunlop Gold Wing an, träumte aber von einem Dunlop Maxply (Bild), einem Schläger, der heute als old skool woodie bezeichnet wird. Ich habe den Schläger immer noch.

Für das Vereinsleben habe ich mich nie wirklich interessiert, weder in meinem Heimatort noch hier. Einmal hat mich mein Kieler Verein zu einem Knabenturnier zur Tennis Gesellschaft Düsternbrook geschickt, ich möchte mal nach dem Rechten sehen. Tat ich. Da war ein missratenes Kind, das sich diese auf dem Platz randalierenden Rowdies wie John McEnroe (hier mit Björn Borg) zum Vorbild genommen hatte. Kickte Cola Dosen über den Platz, warf seinen Schläger ins Netz. Ich bin in einer Spielpause zu ihm hin und habe ihm gesagt: Pass auf, Du kleiner Pisser. Wenn Du noch einmal mit dem Schläger wirfst oder irgendwas Ähnliches machst, dann hole ich Dich vom Platz. Während des Spiels. Es war eine Sprache, die er nicht gewöhnt war. Zeigte aber Wirkung. Am Abend hatte ich einen Anruf vom Vorsitzenden meines Vereins, der mir referierte, was die Eltern des Kindes ihm gesagt hätten. Und das Ganze mit dem Satz schloss: Jay, ich bin Ihnen ja so dankbar.

Die amerikanischen Rüpel wie McEnroe und Konsorten auf den Tennisplätzen (und auch unser BummBummBecker war ja nicht unbedingt ein Vorbild) gaben dem Sport, der sich ja immer bemühte etwas Vornehmes zu sein, eine neue Dimension. War nix mehr mit royal. Ende der fünfziger Jahre hat mich ein Freund meines Vater einmal zu einem Tennisturnier am Rothenbaum mitgenommen. Es war kalt, Regen lag in der Luft. Auf den Holzbänken fröstelte ein Dutzend älterer Herren im Burbery, die Spieler trugen lange weiße Hosen. Old Skool wie man heute sagt. Heute ist das German Open eine Massenveranstaltung, bei der niemand mehr stilvolle weiße Kleidung trägt.

Franz W. Koebner formulierte die Gesetze der Kleidung 1913 in seinem ➱Buch Der Gentleman so: Auch bei den Herren der Schöpfung findet das Weiß immer mehr Anklang, mag man nun den weißen Flanellanzug oder das weiße Beinkleid zum dunkelblauen Jackett vorziehen (nur sollte man keine braunen oder – noch fürchterlicher – lacklederne Schuhe dazu tragen!). Natürlich gibt es Tennis und Tennis. Tennis auf Privatplätzen, wo die Bälle so bedrohlich hoch in die Luft gehen, daß man für die Fensterscheiben der Nachbarschaft fürchtet und Tennis auf öffentlichen Turnierplätzen, wo die Bälle centimeterhoch über das Netz sausen, wo die Spieler ein Meter hinter den Strich treten und jeder Ball eine viertel Stunde lang gespielt wird.

Dr Bach, der mich nach Hamburg mitnahm, spielte selbst nicht Tennis, versäumte aber kein Turnier: Während man in Berlin auf den Plätzen der großen Klubs, besonders auf den reizend im Grunewald gelegenen Plätzen des Berliner Lawn-Tennis-Turnier-Klubs, ziemlich dasselbe Bild findet; wo die Spieler mit Hilfe von Berufstrainern in angestrengter Arbeit sich für die Wettspiele vorbereiten, und im Sommer, nachdem das große Berliner Pfingstturnier den Reigen eröffnet hat, ihre Reise nach all den Plätzen machen, wo wertvolle Preise dem Sieger winken: Heiligendamm, wo nicht jeder beliebige Sterbliche an dem Turnier teilnehmen darf, das fast regelmäßig vom Kronprinzen und anderen höchsten und hohen Herrschaften durch aktive Teilnahme ausgezeichnet wird, sondern wo es einer Aufforderung durch das Komitee bedarf; Warnemünde, Heringsdorf. Zoppot, Hamburg, Homburg, Wiesbaden, Baden-Baden und wie sie alle heißen.

Ich wäre als langjähriger Straßenfußballer lieber in den Fußballverein statt in den Tennisverein gegangen. Ich hatte Camus noch nicht gelesen, der gesagt hatte: Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball. Über Tennis kann man das nicht sagen, der Sport erzieht nur zum Egoismus. Aber Fußballverein war für meinen Vater, der vor dem Krieg beim Bremer Sport Verein gespielt hatte und jedes Wochenende mit mir zum Fußball ging, keine Option. Also spielte ich Tennis. Hatte einen mickrigen Aufschlag, aber eine grandiose Rückhand. Und natürlich weiße Kleidung und ein gutes Benehmen. Alles, was ich beim Tennis gelernt hatte, konnte ich an anderer Stelle gebrauchen: ich habe jahrzehntelang kein Tischtennisspiel verloren. Wenn Sie von mir eine Kulturgeschichte des Tennissports erwartet haben, muss ich Sie enttäuschen. Habe aber einen schönen Literaturtip: Theo Stemmler Vom Tennis: Kleine Geschichte des Tennisspiels.

Und eine hübsche Geschichte habe ich auch noch, bevor ich zu Marcel Proust und seinem Tennisschläger komme. Sonntagmorgen, Ende der fünfziger Jahre. Tennisturnier auf den Plätzen des VTV im Vegesacker Stadion, das einst Ernst Becker-Sassenhof gebaut hatte. Die Zuschauer sonntäglich gekleidet, bis auf diesen leicht angeschickerten Sailor, der sich wie ein Affe im Zoo an den Maschendraht des Platzes gehängt hat und das Spiel kommentiert. Auf den West Indies habe er ein viel besseres Tennis gespielt, wiederholt er immer wieder.

Nach einer Viertelstunde wird es dem Vorsitzenden des Vereins zu viel, er geht zu dem Sailor und sagt, wenn er so gut spielen könne, dann könne er ja gegen den Sieger spielen, wenn das Match hier vorbei sei. Der Mann von den West Indies bedankte sich und war fortan ruhig. Als die beiden Herren auf dem Platz ihr Spiel beendet hatten, bat man den Mann von den West Indies auf den Platz. Man hatte ihm zuvor weiße Shorts und ein weißes Hemd angeboten, aber er lehnte das ab, er trug diese beige-gelben Hosen, die die Handelsmarine trägt. Kriegte man bei uns beim Schiffsausrüster in der Hafenstraße. Er ging auf den Platz, begrüßte höflich seinen Gegner, spielte sich mit einigen Bällen ein und .... Sie ahnen jetzt was kommt: Er fegte die Nummer fünf der Rangliste 6:1 vom Platz. Gab den Schläger zurück und verließ leicht torkelnd das Stadion. Vielleicht war das das Ende des Tennis in meinem Heimatort. Der Verein machte vor zwanzig Jahren Pleite, das ganze Stadion ist herunter gekommen. Man kann das symbolisch an diesem vergammelten Schild ablesen.

Hundert Jahre vor dem Ende meines Vereins ist das Tennis der fashionableste englische Import der Pariser feinen Gesellschaft. Man mag die Engländer zwar nicht so sehr, schließlich hat man ja mal einen hundertjährigen Krieg gegen sie geführt, aber jetzt sind sie gerade mal chic. 1886 eröffnete das Luxusgeschäft Old England am Boulevard des Capucines. Marcel Proust, der englische Schlipse der Firma Liberty trägt, kauft sich bei Old England seine Schuhe. Schwarze geknöpfte Lackstiefel, Halbstiefel natürlich. Nichts anderes (Sie können ihn mit solchen Schuhen in dem Post Morning Coat sehen). Einmal hat ihm seine Haushälterin Céleste Albaret ein Paar Leinenstiefel gekauft, nicht bei Old England. Erstaunlicherweise haben sie ihm gefallen.

Vielleicht kommt dieses Outfit, das er hier für den Tennisplatz trägt, auch von Old England. Allerdings sollten wir jetzt vorsichtig sein und unseren Marcel nicht zu einem Tennisspieler machen. Er hat nie Tennis gespielt. War ihm zu brutal. Dabei kannte er das Benehmen von John McEnroe und die Aufschläge von Ivan Lendl noch gar nicht. Es genügte Proust, bei den Tennisspielern dabei zu sein, wenn nur die angehimmelte Jeanne Pouquet dabei war. In die war er verliebt, wie er später Céleste erzählte:

Ich war in sie verliebt, wie man es nicht mehr sein kann. . . . Ich konnte nicht mehr schlafen. Wenn wir vormittags zum Tennis gingen, nahm ich Proviant mit, kleine Kuchen und Sandwiches, für jeden Geschmack und in allen Farben ; ich wußte nicht, was ich anstellen sollte, um ihr eine Freude zu machen; ich kaufte ihr Blumen und Geschenke, ich gab mir so viel Mühe! Wenn ich mit ihr verabredet war, dann ging ich nicht, ich rannte! Wenn sie Tennis spielte, sah ich gern ihre blonden Zöpfe fliegen... Im Gegensatz zu Proust habe ich in Jahrzehnten des Tennisspiels dort nie eine schöne, interessante Frau kennengelernt. Das Bild rechts hat Jean Cocteau gezeichnet. Die Flasche in der Manteltasche ist eine Evian Wasserflasche, die Proust immer dabei hatte. Auch Tennisspieler sind heute nichts ohne Wasserflasche.

Vielleicht mag ich Tennis deshalb nicht so besonders, weil es da keine hübschen Frauen gab. Aber vielleicht redet in dem Zitat auch nicht der wirkliche Proust, sondern nur der Romanautor. Vielleicht ist die Tennisphase für Proust auch nur eine Phase auf dem Weg nach ganz oben. Der Mann, der aus der reichen französischen Bourgeoisie kommt, benimmt sich wie ein Neureicher. Er möchte in die französische Aristokratie, die längst keine Bedeutung mehr hat. Außer für ihren Chronisten Marcel Proust, der auf diesem Photo von Prinzen und Prinzessinnen umgeben ist.

Der französische Philosoph Paul Desjardins, mit dessen Sohn Proust auf der Schule war, hat über das Photo mit dem Tennisschläger gesagt, dass Proust wie ein persischer Prinz mit großen Gazellenaugen aussähe. Die Zeichnung hat Prousts Freund Paul Baignères im gleichen Jahr von ihm gezeichnet. Wir können auch die Lackstiefel erkennen, die Proust nach der Mode der Zeit mit Gamaschen trägt. Ich kann mir den Mann, der sich seine Klamotten bei Carnaval de Venise am Boulevard de la Madeleine machen lässt (der Schneider kommt ins Haus), nicht mit Leinenstiefeln vorstellen.

Für Proust, der noch nicht der große Schriftsteller, sondern nur ein kleiner Snob ist, ist es wichtig, dabei zu sein, ein Teil dieser Welt der Tennisplätze am Boulevard Bineau in Neuilly zu sein. Wenn Proust die auf einem Stuhl stehende Jeanne Pouquet mit einer Tennisschlägerserenade anhimmelt, dann ist er zwar auf dem Boden, aber in Wirklichkeit ist er auf dem Weg nach oben. Sein Freund Gaston Arman de Caillavet hat gerade mit dem Tennisspielen begonnen, und Proust macht seine ersten Schritte in den Salon der Mutter, Madame Arman de Caillavet (Bild). Sein Freund Gaston wird übrigens die von Proust angehimmelte Jeanne Pouquet, und Proust wird alle Beteiligten in seine Recherche hineinschreiben. Natürlich kommt in dem Roman auch Tennis vor. Wenn Sie wissen wollen wo, dann klicken Sie hier.

Mich hat beim Tennis immer dieser Aspekt gestört, dass sich viele im Verein einbildeten, etwas Besseres zu sein. Von daher ist der Düsternbrooker Verein einfach lächerlich, weil er sich Tennisgesellschaft nennt. Und signalisiert: wir sind was Feines, die hoi polloi bleiben bitte draußen. Die Sache mit dem Sailor von den West Indies war ein schönes Beispiel dafür, dass hier zwei Schichten aufeinander stießen. Ich hätte noch einen zweiten Seemann anzubieten, der auch Tennis spielte. Und der auch für eine Geschichte gut ist. Als die Engländer das Schiff von Kapitän Ernst Biet im Zweiten Weltkrieg in der Nordsee versenkten, klagte der Kapitänleutnant der Reserve Biet, kaum aus dem Wasser gezogen, dem englischen Kommandanten sein größtes Leid: den Verlust seiner Tennisausrüstung. Weshalb, um Himmels willen, hatte er die 1942 überhaupt mit an Bord?