Sonntag, 17. Januar 2021

Gregory Corso


Heute vor zwanzig Jahren starb der amerikanische Dichter Gregory Nunzio Corso. Ein Dichter in einer wilden Zeit, als die amerikanische Literatur von Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs bestimmt wurde. Wenn er als Jugendlicher für drei Jahre ins Gefängnis wandert, ist das für ihn ein Bildungserlebnis. Der Italo-Amerikaner wurde von Mafia Gangstern beschützt, die den Kleinen für ein Genie hielten. Das Gefängnis wurde seine Universität, er las und las. Er hatte die Zelle von Lucky Luciano bekommen, der dem Gefängnis seine Bibliothek schenkte, als er Clinton Prison verließ. Lucky Lucianos Zelle besaß eine Lampe, die nachts nicht abgeschaltet wurde, so konnte Corso auch in der Nacht lesen. Seinen zweiten Gedichtband widmete Corso den angels of Clinton Prison who, in my seventeenth year, handed me, from all the cells surrounding me, books of illumination. Ein Kleinkrimineller, ein Mafiaboss und ein Bildungserlebnis, es ist eine erstaunliche Sache.

Im Gefängnis entdeckte das Werk von Percy Bysshe Shelley, das ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen wird. Als er das erste Mal in England ist, hat er in Oxford in Shelleys Zimmer den Fußboden geküsst. Und nach seinem Tod ist er auf dem protestantischen Friedhof von Rom beerdigt worden, zu Füßen des Grabes von Shelley. Das Gedicht, das auf seinem Grabstein steht, hat er selbst geschrieben:

Spirit
is Life
It flows thru
the death of me
endlessly 
like a river
unafraid
of becoming
the sea

Es hat in diesem Blog schon einen Post für Gregory Corso gegeben, der ein klein wenig verborgen ist. Weil er nicht den Namen des Dichters trägt, sondern Fahrkünste heißt. Der Post ist sehr häufig gelesen worden, ich rätsle noch immer, ob das wegen der bescheuerten BMW Fahrerin oder wegen Gregory Corso so ist.

Donnerstag, 14. Januar 2021

Schicht machen


Vor einem Jahr fragte mich ein Freund, was ich von dem übermäßigen Gebrauch des Wortes awesome hielte. Ich sagte: Nichts. Ich hasse es, wenn Wörter ihres Sinns und ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt werden. Also zum Beispiel dieses ubiquitäre vor Ort. Da, wo alle Reporter sind. Als ich das zum ersten Mal im Fernsehen hörte, dass der Reporter vor Ort sei, fragte ich mich: und wo ist das Bergwerk? Denn in die Welt der Bergleute (die neuerdings Bergmänner sind) gehört dieses vor Ort, und es ist auch das Ort, nicht der Ort. Und dann sind da noch die Feuerwehrmänner, die besser Feuerwehrleute sein sollten. Und, und, und. Das fängt morgens mit der Zeitung an und hört abends mit den Nachrichten auf. Vielleicht sollte man in alle Nachrichtenredaktionen einmal Schopenhauers Überlegungen über die Verhunzung der deutschen Sprache geben. Und dann packen wir die ganzen witzigen Bücher von Wolf Schneider noch dazu. Liest niemand diese Bücher mehr? Und da ich gerade dabei bin, Bücher zu empfehlen: Langenscheidt hat ein Lexikon Deutsch als Fremdsprache im Programm. Ist zwar nicht für Deutsche gedacht, kann denen heute aber sehr empfohlen werden. 

Das stand hier im Jahre 2016 in dem Post awesome, ich zitiere das gerne noch einmal. Eigentlich will ich nur auf dieses vor Ort zurückkommen, das aus der Bergmannssprache kommt. Wie die Schicht oder das Arschleder. Und um Bergwerke soll es heute einmal gehen. Ich beginne mal mit Goethe, der in seinem Gedicht über das Bergwerk Ilmenau schreibt:

Anmuthig Thal! du immergrüner Hain!
Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste;
Entfaltet mir die schwerbehangnen Äste,
Nehmt freundlich mich in eure Schatten ein,
Erquickt von euren Höhn, am Tag der Lieb’ und Lust, 
Mit frischer Luft und Balsam meine Brust!

Wie kehrt’ ich oft mit wechselndem Geschicke,
Erhabner Berg! an deinen Fuß zurücke.
O laß mich heut an deinen sachten Höhn
Ein jugendlich, ein neues Eden sehn!
Ich hab’ es wohl auch mit um euch verdienet:
Ich sorge still, indeß ihr ruhig grünet. 

Das geht noch so weiter, Ilmenau am 3. September 1783 ist ein Huldigungsgedicht an Goethes Freund und Landesherrn Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, das ihm Goethe an dessen achtundzwanzigsten Geburtstag überreichte. Sie können hier alles dazu lesen. Das Bergwerk in Ilmenau hat Goethe gut gekannt, seit 1776 war er achtundzwanzig Mal dort gewesen. Um ein Brandunglück aufzuklären, um die verfallenen Bergwerksanlagen zu inspizieren und zu sondieren, ob man den Bergbau wieder aufnehmen könne. Hier hat er auch Über allen Gipfeln ist Ruh geschrieben. Ein halbes Jahr nach der Überreichung des Gedichts erfolgt die feierliche Neueröffnung des Bergwerks, allein, es rentiert sich nicht. 1812 wird der letzte Schacht stillgelegt. Schicht im Schacht würden wir heute sagen, den Ausdruck kannte man damals allerdings noch nicht.

Das Wort Schicht und der Ausdruck Schicht machen sind dagegen schon sehr alt. Und dieses Schicht machen kommt auch in der letzten Zeile eines Bergwerksgedichts vor, das beinahe ein halbes Jahrhundert vor Goethes Ilmenau Gedicht geschrieben wurde. Es stammt von der Dichterin Sidonia Hedwig Zäunemann, die heute vor 310 Jahren in Erfurt geboren wurde. Es ist wie Goethes Gedicht ein Widmungsgedicht (hier im Volltext), dem Herzog Ernst August von Sachsen gewidmet; und es ist ein erstaunliches Gedicht von einer Frau, die am liebsten Männerkleidung trägt:

Man wendet zwar darwider ein:
Kein Weib soll Mannes-Kleider tragen:
(Wenn es gelegne Zeit wird seyn,
Will ich hierauf die Antwort sagen.)
Man wirft mir weiter vor: Dieß sey nicht mein Beruf.
Es sey von Gott der Weiber-Orden
Zum Haushalt nur erschaffen worden,
Man nimmt des Salomons sein Spruch-Buch zum Behuf.
Der König hat zwar recht; allein wer wills uns wehren,
Wenn wir darneben auch uns von dem Pöbel lehren.
Wer straft uns, wenn auch unser Geist

Ein Herz voll Muth und Feuer weist?

Sie weiß, wie es um den Beruf des Bergmanns steht:

Der Bergmann trägt den Lohn
Nach naßen Kitteln, Müh und Schrecken
Und Karren übern Arsch zu drecken,
Nach öftern Mord-Geschrey, an wenig Geld davon.
Von Noth und Kümmerniß, von Jammer-vollen Tagen,
Von Elend, Angst und Schmerz kan uns ein Bergmann sagen.


Aber die Dichterin muss hinein in das Bergwerk:

Des Bergwerks Schönheit nimt mich ein,
Ich will / ich muß ein Bergmann seyn.
Ich kan die Regung meiner Brust
Ohnmöglich länger unterdrücken:
Ich muß zu meiner Herzens-Lust
Mich mit dem Bergmanns-Kleide schmücken.
Der Schacht-Hut ziert mich schon, nun bin ich ganz verkleidt!
Mein Gruben-Licht hat auch sein Feuer.
Kein unterirdisch Ungeheuer,
Noch Fahrt, Gefahr noch Müh sezt mich in Bangigkeit.
Schweigt stille! denn mein Geist wagt alles durchzugehen.
Schweigt! lasset mich im Berg’ die Weisheit Gottes sehen.
Glaubt, daß ich iezt so lustig bin,
Das macht, mir liegt die Fahrt im Sinn.

Es ist ein erstaunliches Gedicht einer emanzipierten Frau, die in eine rein männliche Domäne eindringt. Die Universität Göttingen verleiht der Dichterin Anfang 1738 für ihr Bergwerksgedicht den Titel einer poeta laureata. Goethes Gedicht ist eine gebildete Lobhudelei für seinen Fürsten, das Gedicht der Sidonia Hedwig Zäunemann (bey Gelegenheit des gewöhnlichen Berg-Festes mit poetischer Feder uf Bergmännisch entworfen) ist ein einzigartiges Gedicht in der deutschen Literatur. Es endet mit den wunderbaren Zeilen: 

Ich schweige, denn die Feder bricht,
Ja heut’ ist Fest, ich mache Schicht!

Ich jetzt auch.

Dienstag, 12. Januar 2021

Doppelportrait

Heute vor 165 Jahren wurde der amerikanische Maler John Singer Sargent geboren. In Florenz, nicht in Amerika, er wird den größten Teil seines Lebens in Europa verbringen. Wie Mary Cassatt, Henry James oder James McNeill Whistler. Man nennt sie auch expatriates, ein Begriff, den man ebenso für die amerikanischen Schriftsteller und Künstler der 1920er Jahre verwendet. Also Leute wie Gertude Stein, Hemingway, Fitzgerald, Faulkner, Dos Passos, Ezra Pound, Malcolm Cowley und Henry Miller. Sie leben in Paris, weil das Leben dort preiswerter als in Amerika ist. Die erste Gruppe der expatriates hat keine Geldsorgen. Sargent nie, er malt die Reichen und Schönen der Welt, wie auf diesem Doppelportrait von 1887 das frischgebackene Ehepaar Isaac Newton Phelps Stokes und Edith Minturn Phelps Stokes. Sie kommen beide aus sehr reichen Familien, und sie werden gute Werke tun. Der Onkel von Edith Minturn war übrigens Robert Gould Shaw, der im Bürgerkrieg das erste Regiment von schwarzen Soldaten kommandierte. Sie können mehr zu ihm in dem Post Denkmäler lesen.

Dieses Doppelportrait sollte ein ganz anderes Bild werden, ein Portrait von Mrs Phelps Stokes im dunkelblauen Abendkleid. Aber dann wird es doch die sportliche Alltagskleidung der new woman. Was ein Zufall war, wie es Mr Phelps Stokes, Stararchitekt, Stadtplaner und Philanthrop notiert hat: On our next visit to the studio, a very warm morning, we had walked from our apartment. Edith had on a starched white piqué skirt, and a light shirt-waist under her blue serge, tailor-made jacket. As she came into the studio, full of energy, and her cheeks aglow from the brisk walk, Sargent exclaimed at once, 'I want to paint you just as you are.' We thought it wise to submit to his whim, although we had, even then, some apprehension lest our friends at home, and especially Mr. Scrimser, might not altogether approve.

Der hier erwähnte James A. Scrimser ist derjenige, der das Bild bezahlt, es soll sein Hochzeitsgeschenk an das junge Paar sein. Sargent kratzt das blaue Satinkleid von der Leinwand und beginnt noch einmal von vorn. Aber dann gefällt ihm das Ganze nicht, er möchte eine deutsche Dogge neben Mrs Phelps Stokes haben: A new pose was finally decided upon, in which Edith was to stand with one hand resting on the head of a tiger-striped Great Dane, which was to be selected from the kennels belonging to one of Sargent's friends. 

Aus irgendeinem Grund wird das mit der deutschen Dogge nichts, und so fragt Isaac Newton Phelps Stokes, ob er nicht vielleicht anstelle des Hundes auf das Bild könne: I had a sudden inspiration, and offered to assume the role of the Great Dane in the pictureSargent was delighted, and accepted the proposal at once. . . . He painted me in three standings—purely as an accessory. Es ist, mit dem Ehemann als Accessoire, eins der berühmtesten Bilder von John Singer Sargent geworden.

John Singer Sargent ist immer wieder in diesem Blog erwähnt worden, am wichtigsten ist wohl der mit Liebe geschriebene Post Blaue Vasen, den ich unbedingt zur Lektüre empfehlen kann.

Sonntag, 10. Januar 2021

Coco Chanel


Heute vor fünfzig Jahren ist sie in ihrer Suite im Hotel Ritz gestorben. Diese Suite hatte sie nie aufgegeben, auch in den langen Jahren nicht, als sie den Boden Frankreichs nicht mehr betreten durfte. Als sie im Alter von 87 Jahren starb, kannte jeder ihren Namen. Der auch der Name eines Parfüms war, von dem Marilyn Monroe gesagt hatte: What do I wear in bed? Why, Chanel No. 5, of course.

Das Kind Gabrielle Chanel, unehelich geborene Tochter des Hausierers Albert Chanel, konnte von dem Ritz nur träumen. Das war das, wo sie hin wollte, egal, um welchen Preis. Es gab damals nicht nur ein Paris. Es gab das Paris von Emile Zola, und es gab das Paris von Marcel Proust. Gabrielle wollte in die Welt von Proust, die Welt von Zola kannte sie zur Genüge. In Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit kommt sie aber nicht vor. Das Kleid von Fortuny, das Albertine an diesem Abend angelegt hatte, kam mir wie ein lockender Schatten jenes unsichtbaren Venedig vor. Morgenländische Ornamente überzogen es überall, die unzählige Male auf dem schillernden Gewebe von tiefem Blau wiederkehrten, das unter meinem vorwärtstastenden Blick sich in schmiegsames Gold verwandelte durch eine ähnliche Metamorphose, wie sie vor der vorwärtsgleitenden Gondel flammendes Metall aus der Azurtönung des Canale Grande macht, heißt es bei Proust. Auch die Herzogin von Guermantes trägt Fortuny. Wenn man sehr viel Glück hat, kann man ein solches Kleid (wie hier auf dem Bild) heute auf einer Auktion für zehntausend Euro ersteigern. Ein Chanel Kostüm ist da sehr viel preiswerter.

Der Rest der Damen aus der Aristokratie bei Marcel Proust wird wahrscheinlich Paul Poiret tragen. Gegen den kommt die Chanel, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Geld ihres Liebhabers ihren ersten Salon in Paris aufgemacht hat, noch nicht an. Ihre Kundschaft ist auch eher die Demimonde und nicht die wirklich feine Welt. Die kauft die Haute Couture bei Madame Grès oder bei Captain Molyneux, bei Elsa Schiaparelli oder bei Madeleine Vionnet. Die alle modehistorisch bedeutender sind als Chanel, die aber nicht das Selbstvermarktungsgenie von Coco Chanel haben.

Denn die Geschichte der Coco Chanel, die gesagt haben soll Ich mache keine Mode, ich bin die Mode, ist die Geschichte eines selbst gestrickten Mythos. Daran hat sie ihr Leben lang gearbeitet. Sie hat ihre Biographie bis zur Unkenntlichkeit gefälscht, bis sie ein Markenzeichen wurde. Sie war nicht die erste, die die Kleider vom Korsett befreite. Das hatte schon Paul Poiret getan. Sie hat Chanel No. 5 nicht erfunden, das hat der Parfümeur Ernest Beaux erfunden. Das Geld für das ganze Unternehmen kommt von Pierre Wertheimer, die Chanel hat nur einen zehnprozentigen Anteil. Noch heute ist das Modehaus Chanel (Parfüm inklusive) im Alleinbesitz der Familie Wertheimer, einer der reichsten Familien Frankreichs.

Aber das kleine Schwarze hat sie erfunden. Und das Chanel Kostüm. Das aber erst als sie siebzig war und gerade wieder nach Paris zurückgekommen war. Wurde zuerst von der Presse verlacht, trat dann aber seinen Siegeszug im Amerika von Eisenhower und im Deutschland von Adenauer an, der Inbegriff der Eleganz für das Bürgertum (ja, meine Mutter hatte auch mehrere). In Paris hatte man ein Jahrzehnt nach dem Kriegsende gnädig die Vergangenheit der Frau mit der Suite im Ritz vergessen. Die sich dort, als alle deutschen Offiziere der Besatzung ihren Frauen Chanel No. 5 mit nach Deutschland brachten, einen der Nazi-Besatzer geangelt hatte, den Baron von Dincklage. Sie hatte sich ihre Liebhaber immer nach Geld und Einfluss ausgesucht.

Der Pariser Industriellensohn Etienne Balsan hatte sie in die Gesellschaft eingeführt, der englische Bergwerkbesitzer Boy Capel hatte der Modistin den ersten Laden finanziert. Später kam noch ein englischer Herzog dazu, jetzt war es ein Repräsentant von Hitlers Deutschland. Für dessen Vorgesetzten, den SS General Walter Schellenberg, sie später noch die Beerdigung bezahlt hat. Vielleicht wäre das Goethewort Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist an dieser Stelle ganz angebracht. Während der occupation allemande hat sie versucht, die Firma Chanel zu arisieren und sich in den Besitz der siebzig Prozent Firmenanteils der nach Amerika geflohenen Wertheimers zu setzen. An solche Dinge sollte man auch denken, bevor man unkritisch Coco Chanel zu einem Mythos macht.

In der Welt des schönen Scheins, wo das Design das Sein überstrahlt, kommen viele Designer von ganz unten und wollen nach ganz oben. Weil die glitzernde Eleganz da oben ihnen als begehrenswertes Ideal im Gegensatz zu ihrer ärmlichen Kindheit erscheint. Nicht unserem Karl Lagerfeld, der später das Design von Coco Chanel prägte. Der kam aus der Glücksklee Büchsenmilch Dynastie. Aber Gabrielle Chanel und Ralph Lifshitz (der heute Ralph Lauren heißt) wären solche Fälle. Jeremy Hackett ist sich seiner Herkunft aus der working class immerhin noch bewusst. Im letzten Jahr hat es gleich zwei Filme gegeben, die an dem Mythos Chanel arbeiteten: Coco avant Chanel (mit der schnuckeligen kleinen Audrey Tatou) und Coco Chanel & Igor Stravinsky. Die Nazi-Vergangenheit der Heldin sparen beide Filme aus.

Die Dokumentation Coco Chanel, die Revolution der Eleganz ist noch drei Wochen in der arte Mediathek zu sehen. Den Film Chanel Solitaire mit der wunderbaren Marie-France Pisier (Bild) habe ich auch, aber leider in einer schlechten Qualität. Der Post zu Coco Chanel stand hier schon vor zehn Jahren, er ist ein wenig überarbeitet und durch Links zu den Chanel Filmen ergänzt worden. Denn Filme über ihr Leben gibt es genug, ich sollte noch den zweiteiligen Film  Coco Chanel aus dem Jahre 2008 erwähnen, in dem die  slowakischen Schauspielerin Barbora Bobuľová die junge Coco Chanel spielt und Shirley die Coco Chanel nach dem Zweiten Weltkrieg verkörpert. Über Madame Grès und Madeleine Vionnet gibt es keine Spielfilme.

Donnerstag, 7. Januar 2021

Washington

Wenn es einen Angriff auf die Symbole der amerikanischen Demokratie, Weißes Haus und Kapitol, gibt, dann kommt der von Außerirdischen. Ein deutscher Filmregisseur namen Roland Emmerich hat mit solchen Katastrophenfilmen viel Geld verdient. Wenn das Weiße Haus brennt, dann war das nicht Roland Emmerich, das waren die Engländer im Krieg von 1814.

Das Bild hier ist nicht von gestern, das ist die sogenannte Bonus Army, die 1932 nach Washington marschierte. Das Militär, das der Präsident Hoover geholt hat, beendete damals den Protest der Kriegsveteranen. George Patton, der noch General werden wird, reitet einen Kavallerieangriff mit gezogenem Degen gegen die Ex-Soldaten. Patton zerstört dabei auch die Unterkunft von einem ehemaligen Sergeanten namens Joe Angelo. Der Mann, der aus New Jersey zu Fuß nach Washington marschiert ist, möchte am nächsten Tag mit Patton reden, er kennt ihn nämlich. Patton hat einmal über ihn gesagt He is the bravest man in the American Army. Das war 1918, da hat ihm Joe Angelo das Leben gerettet. Er hat höchste Orden dafür bekommen. Die trägt er jetzt am Revers seines zerlumpten Anzugs. Aber er bekommt von Patton nur zu hören: I do not know this man. Take him away and under no circumstance permit him to return. Patton weiß ganz genau, wer Joe Angelo ist. Er will nur nicht, dass die Presse von der Geschichte Wind kriegt. Das wird sie aber. Die Geschichte steht schon in dem Post Dwight D. Eisenhower, aber sie ist es wert, noch einmal erzählt zu werden.

Einunddreißig Jahre später sind noch mehr Demonstranten in Washington, das ist der Marsch auf Washington, bei dem Martin Luther King seine berühmte Rede I have a dream vor 250.000 Menschen hält. Die Veranstaltung verläuft friedlich, niemand besetzt das Weiße Haus oder das Kapitol.

Und nun kommt der Mob. Aufgeheizt von einem, der ein Biedermann sein will, der aber ein Brandstifter ist. Ein big protest sollte es werden, ein Tag der Abrechnung. Be there, will be wild! hat er getwittert. Es wird wild, das Kapitol wird gestürmt, ein Hinterwäldler lässt sich im Büro von Nancy Pelosi photographieren, es gibt Verletzte und Tote. Und was hat Donald Trump dazu zu sagen? These are the things and events that happen when a sacred landslide election victory is so unceremoniously & viciously stripped away from great patriots who have been badly & unfairly treated for so long. Er sagt erst einmal nichts mehr, weil ihm Twitter und Facebook den Zugang gesperrt haben. 

Am Ende von Flauberts Bouvard et Pécuchet sagt der Pessimist Pécuchet: Wenn die Zuckungen andauern, die seit 1789 statthaben, dann werden ihre Wellenbewegungen uns durch ihre eigenen Kräfte mitreißen. Dann wird es weder Ideal noch Religion noch Moral mehr geben. Dann hat Amerika die Welt erobert. 

Dienstag, 5. Januar 2021

das elfte Jahr

Vor elf Jahren habe ich angefangen, diesen Blog mit dem lateinischen Namen SILVAE zu schreiben. Und gleich gewaltig losgelegt, heute vor elf Jahren standen hier schon zehn Posts. In den ersten Jahren habe ich noch jeden Tag geschrieben, heute gibt es hier dreimal die Woche etwas Neues. Dafür sind die Posts länger geworden. Insgesamt sind es inzwischen 2.606 Posts. Beinahe alle ganz neu. Nur sechs davon sind vorher in Büchern oder Zeitschriften veröffentlicht worden, zum Beispiel The Go-Between, Somewhere West of Laramie und Secret Agents. Manche Posts haben wenige Leser gefunden, andere dafür umso mehr: FantasyCricket und Morning Coat zum Beispiel.

Man weiß in diesem Blog nie was kommt. Ich auch nicht. Ich halte mich an das Familienmotto As my whimsy takes me von Dorothy Sayers' Romanhelden Lord Peter Wimsey. Ich schaue immer mal auf das Kalenderblatt von Wikipedia. Da konnte ich gestern lesen, dass der französische Maler Anne-Louis Girodet-Trioson am 5. Januar 1767 geboren wurde. Über den brauche ich nichts zu schreiben, der war schon häufig hier im Blog. Zum Beispiel in dem langen Post Haiti, aus dem diesem Bild stammt. Oder in den Posts Apotheose, die Günderode und sansculotte. Der amerikanische Maler George Whiting Flagg, der an einem 5. Januar starb, ist nicht weiter bedeutend, aber er hat auch schon einen Post.

Gestern las ich in der Zeitung, dass die Kieler Kunsthalle für das Frühjahr die Ausstellung Zauber der Wirklichkeit: Der Maler Albert Aereboe plant. Die Kunsthalle schreibt, dass es eine monografische Ausstellung zum Werk des Malers sei, das modische Wort monografisch ist eigentlich überflüssig. Es ist die erste Aereboe Ausstellung seit 1983, an die kann ich mich noch gut erinnern, ich habe auch den Katalog gekauft. Und Albert Aereboe hatte hier natürlich auch schon einen Post. Der in den letzten Wochen überdurchschnittlich häufig angeklickt wurde. 

Alles, was mit dem magischen Realismus zu tun hat, bringt hohe Leserzahlen, das habe ich inzwischen gemerkt. Der Aereboe Post ist fünftausendmal angeklickt worden, der zu Richard Oelze über zehntausend Mal. In dem Oelze Post wird der holländische Maler Carel Willink erwähnt, zu dessen Porträt seiner Frau Wilma es gestern eine sehr interessante Sendung bei 3sat gab. Sie können Carel Willinks 'Porträt von Wilma' noch das ganze Jahr über in der 3sat Mediathek sehen. Lohnt sich unbedingt.

Ich möchte es nicht vergessen, und das hat jetzt nichts mehr mit der Kunst der Pittura metafisica zu tun, dem Pianisten Alfred Brendel zum neunzigsten Geburtstag zu gratulieren. Und natürlich auch dem amerikanischen Schauspieler Robert Duvall, der heute ebenfalls neunzig wird. Wir kennen ihn aus dem Film Apocalypse Now als Colonel Kilgore (= kill + gore). Der die berühmten Sätze sagt: You smell that? Do you smell that? Napalm, son. Nothing else in the world smells like that. I love the smell of napalm in the morning. You know, one time we had a hill bombed, for twelve hours. When it was all over I walked up. We didn't find one of 'em, not one stinkin' dink body. But the smell! You know – that gasoline smell... the whole hill! Smelled like... victory. (Pause) Some day this war is going to end...

Und an dieser Stelle muss ich doch noch einmal Donald Trump zitieren, ich hoffe, es ist das letzte Mal, dass er in diesem Blog auftaucht. Bei einem Treffen mit Vertretern der Kriegsveteranen im Jahre 2017 behauptete Trump, begleitet von seiner Assistentin Omarosa Manigault-Newman, dass der Colonel Kilgore in dem Film von Agent Orange und nicht von Napalm redet. Obgleich er von allen Seiten korrigiert wird, beharrt er auf seiner irrigen Meinung. Wie immer. Weil es für ihn eine andere Realität als für den Rest der Welt gibt. In der Colonel Kilgore nun eben I love the smell of Agent Orange in the morning sagt (lesen Sie mehr zu dieser bizarren Szene in The Daily Beast). Seine Assistentin für Öffentlichkeitsarbeit, die erste Farbige im Weißen Haus (der Gentleman auf dem Bild im zweiten Absatz hätte bei Trump keine Chancen gehabt) wurde Ende des Jahres gefeuert. Was ein Fehler war, denn Omarosa schrieb über ihr Jahr im Weißen Haus ein Buch. Trump nannte sie daraufhin auf Twitter that dog. Irgendwie wird uns der Prolet mit dem großen Maul, der Amerika zur Bananenrepublik gemacht hat, fehlen.


Sonntag, 3. Januar 2021

der Oberrock


Ich bin immer noch dabei, Anna Karenina zu lesen. Es geht langsam voran. Das liegt daran, dass ich den Roman jetzt in der vierten Übersetzung lese. In dem Post Anna Karenina: Übersetzungen hatte ich geschrieben, dass ich mir bei booklooker für 4,95€ die Übersetzung von Hermann Asemissen (Rütten und Loening, 2 Leinenbände) gekauft hatte. Weil mich das Dünndruckpapier der Hanser Ausgabe störte. Die Ausgabe von Rütten und Loening, die identisch ist mit der Ausgabe des Aufbau Verlags, kann ich ohne Brille lesen, und die Seiten zerknittern beim Umblättern nicht. Und gegen Asemissens Übersetzung kann man wirklich nichts sagen. Die Anmerkungen von Rosemarie Tietze in der Hanser Ausgabe benutzte ich weiterhin, weil es sehr gute Anmerkungen sind.

Ich hätte jetzt ruhig und friedlich weiterlesen können, wenn ich mir nicht bei ebay für einen Euro die beiden Bände des Insel Verlages in der Übersetzung von Gisela Drohla gekauft hätte. Unglaublich, über zwölfhundert Seiten Tolstoi für einen Euro. Ich setzte meine Lektüre jetzt mit der Drohla Übersetzung fort, die sich sehr flüssig liest, las aber bestimmte Stellen noch einmal bei Hermann Röhl (bei Zeno im Internet) und bei Asemissen und Tietze. Deshalb komme ich nur langsam voran. Aber ich habe schon mehr als die Hälfte des Roman bewältigt, so ist es nicht. Wie es ausgeht, weiß ich sowieso.

Je genauer man liest, desto mehr stolpert man über Kleinigkeiten. Denen nachzugehen, hält natürlich den Fluß des Lesens auf. Ich nehme als ein Beispiel mal das Wort Oberrock. Es findet sich in der Röhlschen Übersetzung, die schon über hundert Jahre alt ist, an folgender Stelle:

Gestern hatte sich Stepan Arkadjewitsch ihm dienstlich in Uniform vorgestellt, und der neue Vorgesetzte war sehr liebenswürdig gewesen und hatte sich mit ihm wie mit einem guten Bekannten unterhalten; daher hielt es Stepan Arkadjewitsch für seine Pflicht, ihm nun einen Besuch im Oberrock zu machen. Der Gedanke, daß der neue Vorgesetzte ihn vielleicht unfreundlich empfangen werde, war der zweite unangenehme Umstand. Aber Stepan Arkadjewitsch hatte das unwillkürliche Gefühl, das werde sich alles schon ganz vortrefflich »einrenken«. ›Wir sind ja alle Menschen und sind allzumal Sünder; wozu soll man sich da übereinander ärgern und sich miteinander zanken?‹ dachte er, als er in das Hotel hineinging.

Der Fürst Stepan Arkadjewitsch Oblonski ist der Bruder von Anna Karenina, er ist wie sein Schwager ein höherer Beamter. Wir kennen ihn vom Romananfang, wo es über ihn heißt: Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich. Der ganze Haushalt der Familie Oblonski war in Unordnung geraten. Die Hausfrau hatte erfahren, daß ihr Mann mit einer französischen Gouvernante, die sie früher im Hause gehabt hatten, ein Verhältnis unterhielt, und hatte ihm erklärt, sie könne nicht länger mit ihm unter einem Dache wohnen. Drei Tage schon währte nun dieser Zustand, und er wurde sowohl von den Ehegatten selbst wie auch von den übrigen Familienmitgliedern und dem Hausgesinde als eine Qual empfunden.

Wenn der Fürst, den seine Freunde Stiwa nennen, sich seinem neuen Vorgesetzten vorstellen muss, trägt er die für Beamte vorgeschriebene Uniform, aber für das nächste Treffen glaubt er, sich ziviler geben zu können und zieht einen Oberrock an. Aber was ist das? Bei Adelung heißt es: Der Oberrock, des -es, plur. die -röcke, der obere Rock, in der weitern Bedeutung dieses letztern Wortes, so daß der Oberrock der Weste entgegen gesetzet ist, da er denn auch nur der Rock schlechthin genannt wird. Der Überrock ist von demselben gewisser Maßen noch verschieden, obgleich beyde oft verwechselt werden, auch verwechselt werden können, weil ober das Beywort, über aber das Vorwort ist; beyde aber eine und eben dieselbe Bedeutung gewähren. Bringt uns das weiter? Wissen wir jetzt, was der Unterschied zwischen Oberrock und Überrock ist?

Der Überrock wird sich noch im militärischen Bereich halten, wo er auch Interimsrock heißt. So etwas, das Bismarck hier trägt, eine Art zweireihiger Kurzmantel, der bis zum Hals geschlossen ist. Aber das kann an dieser Romanstelle nicht gemeint sein. Noch verwirrender wird es, wenn wir bei Jacob Falke 1858 in seinem Buch Die deutschen Trachten- und Modenwelt: Die alte Zeit und das Mittelalter lesen, dass der Oberrock auch Schapperun genannt wird. Das ist nun ein ganz altes Wort, das wir häufig in der mittelhochdeutschen Dichtung finden. Zum Beispiel im Wigalois des Wirnt von Gravenberch, wo es heißt:

In disen sorgen reit er
Nu kom gegen im geloufen her
uf dem wege ein garzun
der trug einen schapperun
gesniten von fritschale
mit roten zendale
was er gefurririert
sin hut der was gezieret
mit blumen und mit loube
sus lief er in dem stoube
des roten Seites von der gran
truc er einen rok an
gebriset mit grossem flizze
hantschuhe vil wizze
het er an den henden
den stap begunde er wenden 
nach der garzune site
da furdert er sin loufen mite
sin hosen waren gut genuc
zwene brisschuhe er an truc  

Dem Ritter Wigalois begegnet hier ein Bote (in dem Wort garzun steckt noch das französische garçon), der einen Schapperun aus vornehmem Stoff trägt, er ist so vornehm gekleidet, weil er ein Bote des König Artus ist. Mittelhochdeutsche Dichter verwenden viel Liebe und Sorgfalt auf die Beschreibung der Kleidung. Und Kommentatoren schreiben an dieser Stelle in den Text: 'tzschabrun', in der Regel schaperun, schapperun, schaprun, vom franz. chaperon, leichter Mantel. Wenn Sie diese Stelle im Neuhochdeutschen lesen wollen, dann klicken Sie dies an.

Oberrock und Überrock führen uns in eine Sackgasse, die neueren Übersetzungen von Anna Karenina verwenden alle das Wort Gehrock. Und das wird es sein, was unser Fürst Oblonski trägt. Dieser Gehrock ist der Vorgänger eines Kleidungsstücks, das den englischen Namen Morning Coat hat (im Deutschen hat es den Namen Cutaway, den Adenauer den Kött nannte). Das ist das Kleidungsstück, das Marcel Proust trägt, wenn er die Straßen von Paris betritt. Wenn Sie mehr dazu wissen wollen, dann klicken Sie doch einmal den Post Morning Coat an, das haben schon mehr als 25.000 Leser getan.

Der Fürst Oblonski besucht seinen Schwager (höchstwahrscheinlich im Gehrock), um ihn zum Abendessen einzuladen, aber Alexei Alexandrowitsch Karenin will partout nicht. Er ist gerade dabei die Papiere für die Scheidung für den Scheidungsanwalt vorzubereiten: 'Es ist mir unmöglich zu kommen', erwiderte Alexei Alexandrowitsch, der selbst stand und auch den Besucher nicht zum Sitzen aufforderte. Alexei Alexandrowitsch gedachte sofort das kühle Verhältnis in Kraft treten zu lassen, in dem er mit dem Bruder seiner Frau, gegen die er die Scheidungsklage einleitete, künftig werde stehen müssen; aber er hatte nicht mit jenem Meere von Gutmütigkeit gerechnet, das in Stepan Arkadjewitschs Seele über alle Ufer trat

Zwei höhere Beamte, zwei grundverschiedene Menschen, der eine lebenslustig mit einem Meer von Gutmütigkeit in der Seele, der andere ein gefühlskalter Spießer. Stiwa überredet Karenin doch noch, die Einladung anzunehmen und verabschiedet sich: Als er im Gehen den Überzieher anzog, stieß er dabei unversehens mit der Hand den Diener gegen den Kopf, lachte laut auf und ging hinaus. 'Um fünf Uhr, bitte, und im Oberrock!' rief er noch einmal, indem er zur Tür zurückkehrte. Die neueren Übersetzer lassen ihn keinen Überzieher sondern einen Mantel anziehen, das entspricht dem heutigen Sprachgebrauch. Wenn Oblonski betont, dass Karenin einen Oberrock tragen solle, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass der jetzt gerade seine Beamtenuniform trägt. Die stellt man sich in Hollywood so vor, das hier ist Basil Rathbone in der Verfilmung von 1935, wo er den Karenin an der Seite von Greta Garbo spielt. 

In den Verfilmungen des Romans trägt Karenin seltsame Sachen, man weiß nicht sehr viel über die russischen Beamtenuniformen des 19. Jahrhunderts. Sagt Leonid Efimovic Shepelev in seinem Aufsatz Ziviluniformen im zaristischen Russland. Aber wenn jemand etwas darüber weiß, dann ist er es, hat er doch schon 1977 ein Buch über Ränge und Titel im russischen Reich geschrieben, das 1991 überarbeitet als Titel, Uniformen und Orden im Russischen Reich (Tituly, mundiry, ordena v Rossiĭskoĭ imperii) erschien.

Wenn Karenin dann zum Diner kommt, dann trägt er keinen Gehrock, wie ihm sein Schwager geraten hat, das ist nun sehr witzig. Karenin kommt im Frack: Karenin selbst war, wie es in Petersburg bei einem Essen mit Damen Sitte ist, in Frack und weißer Binde, und Stepan Arkadjewitsch ersah an seinem Gesichte, daß er nur, um sein gegebenes Wort zu halten, gekommen sei und durch seine Anwesenheit in dieser Gesellschaft eine lästige Pflicht erfülle. Er war auch in erster Linie schuld an der eisigen Temperatur, die alle Gäste vor Stepan Arkadjewitschs Eintreffen in Erstarrung versetzt hatte.  

Mit dieser Szene hätten die Regisseure und Kostümdesigner von Verfilmungen keine Schwierigkeiten. Sie müssen nur darauf achten, dass der Frack in den 1870er Jahren noch keine Brusttasche hat. Wir sehen hier Anna und Wronski in dem russischen Film von 2017. Der Frack von Wronski mag hingehen, aber ein solches Kleid gibt es um 1879 in St Petersburg wohl nicht. Das ist in dem Film mit Keira Knightley als Anna ähnlich, Jacqueline Durran hat zwar einen Oscar für die Kostüme bekommen, aber mit russischer Mode hat das alles nichts zu tun. 

Die meisten Anna Karenina Verfilmungen sind sartoriale Ausstattungsorgien, der Roman hat wenig davon. Wahrscheinlich ist mehr Mode in Wirnt von Gravenberchs Wigalois als in Tolstois Anna Karenina. Auch wenn Tolstoi Annas Kleider ziemlich genau beschreibt, offeriert er uns keine modische Opulenz, er offeriert uns eher Leerstellen. Wir als Leser müssen die ausfüllen, das ist unser Teil an der Erschaffung des Romans. Denn seit Marcel Proust wissen wir: In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können.


In dem Post Lew Tolstoi finden Sie ein Vielzahl von Anna Karenina Verfilmungen, die Sie mit einem Klick auf Ihren Bildschirm zaubern können. Eine habe ich vergessen, und das ist die ARD Degeto Produktion aus dem Jahre 2013, aus der das Bild im obigen Absatz mit Karenin in Phantasie-Beamtenuniform stammt. Ich weiß aber nicht, ob man den Film wirklich sehen muss.