Spirit
Sonntag, 17. Januar 2021
Gregory Corso
Spirit
Donnerstag, 14. Januar 2021
Schicht machen
Entfaltet mir die schwerbehangnen Äste,
Nehmt freundlich mich in eure Schatten ein,
Erquickt von euren Höhn, am Tag der Lieb’ und Lust,
Wie kehrt’ ich oft mit wechselndem Geschicke,
Erhabner Berg! an deinen Fuß zurücke.
O laß mich heut an deinen sachten Höhn
Ich hab’ es wohl auch mit um euch verdienet:
Ich sorge still, indeß ihr ruhig grünet.
Kein Weib soll Mannes-Kleider tragen:
(Wenn es gelegne Zeit wird seyn,
Will ich hierauf die Antwort sagen.)
Man wirft mir weiter vor: Dieß sey nicht mein Beruf.
Es sey von Gott der Weiber-Orden
Zum Haushalt nur erschaffen worden,
Man nimmt des Salomons sein Spruch-Buch zum Behuf.
Der König hat zwar recht; allein wer wills uns wehren,
Wenn wir darneben auch uns von dem Pöbel lehren.
Wer straft uns, wenn auch unser Geist
Ein Herz voll Muth und Feuer weist?
Nach naßen Kitteln, Müh und Schrecken
Und Karren übern Arsch zu drecken,
Nach öftern Mord-Geschrey, an wenig Geld davon.
Von Noth und Kümmerniß, von Jammer-vollen Tagen,
Von Elend, Angst und Schmerz kan uns ein Bergmann sagen.
Aber die Dichterin muss hinein in das Bergwerk:
Ich will / ich muß ein Bergmann seyn.
Ich kan die Regung meiner Brust
Ohnmöglich länger unterdrücken:
Ich muß zu meiner Herzens-Lust
Mich mit dem Bergmanns-Kleide schmücken.
Der Schacht-Hut ziert mich schon, nun bin ich ganz verkleidt!
Mein Gruben-Licht hat auch sein Feuer.
Kein unterirdisch Ungeheuer,
Noch Fahrt, Gefahr noch Müh sezt mich in Bangigkeit.
Schweigt stille! denn mein Geist wagt alles durchzugehen.
Schweigt! lasset mich im Berg’ die Weisheit Gottes sehen.
Glaubt, daß ich iezt so lustig bin,
Das macht, mir liegt die Fahrt im Sinn.
Ja heut’ ist Fest, ich mache Schicht!
Dienstag, 12. Januar 2021
Doppelportrait
Sonntag, 10. Januar 2021
Coco Chanel
Das Kind Gabrielle Chanel, unehelich geborene Tochter des Hausierers Albert Chanel, konnte von dem Ritz nur träumen. Das war das, wo sie hin wollte, egal, um welchen Preis. Es gab damals nicht nur ein Paris. Es gab das Paris von Emile Zola, und es gab das Paris von Marcel Proust. Gabrielle wollte in die Welt von Proust, die Welt von Zola kannte sie zur Genüge. In Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit kommt sie aber nicht vor. Das Kleid von Fortuny, das Albertine an diesem Abend angelegt hatte, kam mir wie ein lockender Schatten jenes unsichtbaren Venedig vor. Morgenländische Ornamente überzogen es überall, die unzählige Male auf dem schillernden Gewebe von tiefem Blau wiederkehrten, das unter meinem vorwärtstastenden Blick sich in schmiegsames Gold verwandelte durch eine ähnliche Metamorphose, wie sie vor der vorwärtsgleitenden Gondel flammendes Metall aus der Azurtönung des Canale Grande macht, heißt es bei Proust. Auch die Herzogin von Guermantes trägt Fortuny. Wenn man sehr viel Glück hat, kann man ein solches Kleid (wie hier auf dem Bild) heute auf einer Auktion für zehntausend Euro ersteigern. Ein Chanel Kostüm ist da sehr viel preiswerter.
Der Rest der Damen aus der Aristokratie bei Marcel Proust wird wahrscheinlich Paul Poiret tragen. Gegen den kommt die Chanel, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Geld ihres Liebhabers ihren ersten Salon in Paris aufgemacht hat, noch nicht an. Ihre Kundschaft ist auch eher die Demimonde und nicht die wirklich feine Welt. Die kauft die Haute Couture bei Madame Grès oder bei Captain Molyneux, bei Elsa Schiaparelli oder bei Madeleine Vionnet. Die alle modehistorisch bedeutender sind als Chanel, die aber nicht das Selbstvermarktungsgenie von Coco Chanel haben.
Denn die Geschichte der Coco Chanel, die gesagt haben soll Ich mache keine Mode, ich bin die Mode, ist die Geschichte eines selbst gestrickten Mythos. Daran hat sie ihr Leben lang gearbeitet. Sie hat ihre Biographie bis zur Unkenntlichkeit gefälscht, bis sie ein Markenzeichen wurde. Sie war nicht die erste, die die Kleider vom Korsett befreite. Das hatte schon Paul Poiret getan. Sie hat Chanel No. 5 nicht erfunden, das hat der Parfümeur Ernest Beaux erfunden. Das Geld für das ganze Unternehmen kommt von Pierre Wertheimer, die Chanel hat nur einen zehnprozentigen Anteil. Noch heute ist das Modehaus Chanel (Parfüm inklusive) im Alleinbesitz der Familie Wertheimer, einer der reichsten Familien Frankreichs.
Der Pariser Industriellensohn Etienne Balsan hatte sie in die Gesellschaft eingeführt, der englische Bergwerkbesitzer Boy Capel hatte der Modistin den ersten Laden finanziert. Später kam noch ein englischer Herzog dazu, jetzt war es ein Repräsentant von Hitlers Deutschland. Für dessen Vorgesetzten, den SS General Walter Schellenberg, sie später noch die Beerdigung bezahlt hat. Vielleicht wäre das Goethewort Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist an dieser Stelle ganz angebracht. Während der occupation allemande hat sie versucht, die Firma Chanel zu arisieren und sich in den Besitz der siebzig Prozent Firmenanteils der nach Amerika geflohenen Wertheimers zu setzen. An solche Dinge sollte man auch denken, bevor man unkritisch Coco Chanel zu einem Mythos macht.
In der Welt des schönen Scheins, wo das Design das Sein überstrahlt, kommen viele Designer von ganz unten und wollen nach ganz oben. Weil die glitzernde Eleganz da oben ihnen als begehrenswertes Ideal im Gegensatz zu ihrer ärmlichen Kindheit erscheint. Nicht unserem Karl Lagerfeld, der später das Design von Coco Chanel prägte. Der kam aus der Glücksklee Büchsenmilch Dynastie. Aber Gabrielle Chanel und Ralph Lifshitz (der heute Ralph Lauren heißt) wären solche Fälle. Jeremy Hackett ist sich seiner Herkunft aus der working class immerhin noch bewusst. Im letzten Jahr hat es gleich zwei Filme gegeben, die an dem Mythos Chanel arbeiteten: ✺Coco avant Chanel (mit der schnuckeligen kleinen Audrey Tatou) und ✺Coco Chanel & Igor Stravinsky. Die Nazi-Vergangenheit der Heldin sparen beide Filme aus.
Donnerstag, 7. Januar 2021
Washington
Wenn es einen Angriff auf die Symbole der amerikanischen Demokratie, Weißes Haus und Kapitol, gibt, dann kommt der von Außerirdischen. Ein deutscher Filmregisseur namen Roland Emmerich hat mit solchen Katastrophenfilmen viel Geld verdient. Wenn das Weiße Haus brennt, dann war das nicht Roland Emmerich, das waren die Engländer im Krieg von 1814.
Am Ende von Flauberts Bouvard et Pécuchet sagt der Pessimist Pécuchet: Wenn die Zuckungen andauern, die seit 1789 statthaben, dann werden ihre Wellenbewegungen uns durch ihre eigenen Kräfte mitreißen. Dann wird es weder Ideal noch Religion noch Moral mehr geben. Dann hat Amerika die Welt erobert.
Dienstag, 5. Januar 2021
das elfte Jahr
Vor elf Jahren habe ich angefangen, diesen Blog mit dem lateinischen Namen SILVAE zu schreiben. Und gleich gewaltig losgelegt, heute vor elf Jahren standen hier schon zehn Posts. In den ersten Jahren habe ich noch jeden Tag geschrieben, heute gibt es hier dreimal die Woche etwas Neues. Dafür sind die Posts länger geworden. Insgesamt sind es inzwischen 2.606 Posts. Beinahe alle ganz neu. Nur sechs davon sind vorher in Büchern oder Zeitschriften veröffentlicht worden, zum Beispiel The Go-Between, Somewhere West of Laramie und Secret Agents. Manche Posts haben wenige Leser gefunden, andere dafür umso mehr: Fantasy, Cricket und Morning Coat zum Beispiel.
Man weiß in diesem Blog nie was kommt. Ich auch nicht. Ich halte mich an das Familienmotto As my whimsy takes me von Dorothy Sayers' Romanhelden Lord Peter Wimsey. Ich schaue immer mal auf das Kalenderblatt von Wikipedia. Da konnte ich gestern lesen, dass der französische Maler Anne-Louis Girodet-Trioson am 5. Januar 1767 geboren wurde. Über den brauche ich nichts zu schreiben, der war schon häufig hier im Blog. Zum Beispiel in dem langen Post Haiti, aus dem diesem Bild stammt. Oder in den Posts Apotheose, die Günderode und sansculotte. Der amerikanische Maler George Whiting Flagg, der an einem 5. Januar starb, ist nicht weiter bedeutend, aber er hat auch schon einen Post.
Gestern las ich in der Zeitung, dass die Kieler Kunsthalle für das Frühjahr die Ausstellung Zauber der Wirklichkeit: Der Maler Albert Aereboe plant. Die Kunsthalle schreibt, dass es eine monografische Ausstellung zum Werk des Malers sei, das modische Wort monografisch ist eigentlich überflüssig. Es ist die erste Aereboe Ausstellung seit 1983, an die kann ich mich noch gut erinnern, ich habe auch den Katalog gekauft. Und Albert Aereboe hatte hier natürlich auch schon einen Post. Der in den letzten Wochen überdurchschnittlich häufig angeklickt wurde.
Alles, was mit dem magischen Realismus zu tun hat, bringt hohe Leserzahlen, das habe ich inzwischen gemerkt. Der Aereboe Post ist fünftausendmal angeklickt worden, der zu Richard Oelze über zehntausend Mal. In dem Oelze Post wird der holländische Maler Carel Willink erwähnt, zu dessen Porträt seiner Frau Wilma es gestern eine sehr interessante Sendung bei 3sat gab. Sie können ✺Carel Willinks 'Porträt von Wilma' noch das ganze Jahr über in der 3sat Mediathek sehen. Lohnt sich unbedingt.
Ich möchte es nicht vergessen, und das hat jetzt nichts mehr mit der Kunst der Pittura metafisica zu tun, dem Pianisten Alfred Brendel zum neunzigsten Geburtstag zu gratulieren. Und natürlich auch dem amerikanischen Schauspieler Robert Duvall, der heute ebenfalls neunzig wird. Wir kennen ihn aus dem Film ✺Apocalypse Now als Colonel Kilgore (= kill + gore). Der die berühmten Sätze sagt: You smell that? Do you smell that? Napalm, son. Nothing else in the world smells like that. I love the smell of napalm in the morning. You know, one time we had a hill bombed, for twelve hours. When it was all over I walked up. We didn't find one of 'em, not one stinkin' dink body. But the smell! You know – that gasoline smell... the whole hill! Smelled like... victory. (Pause) Some day this war is going to end...
Und an dieser Stelle muss ich doch noch einmal Donald Trump zitieren, ich hoffe, es ist das letzte Mal, dass er in diesem Blog auftaucht. Bei einem Treffen mit Vertretern der Kriegsveteranen im Jahre 2017 behauptete Trump, begleitet von seiner Assistentin Omarosa Manigault-Newman, dass der Colonel Kilgore in dem Film von Agent Orange und nicht von Napalm redet. Obgleich er von allen Seiten korrigiert wird, beharrt er auf seiner irrigen Meinung. Wie immer. Weil es für ihn eine andere Realität als für den Rest der Welt gibt. In der Colonel Kilgore nun eben I love the smell of Agent Orange in the morning sagt (lesen Sie mehr zu dieser bizarren Szene in The Daily Beast). Seine Assistentin für Öffentlichkeitsarbeit, die erste Farbige im Weißen Haus (der Gentleman auf dem Bild im zweiten Absatz hätte bei Trump keine Chancen gehabt) wurde Ende des Jahres gefeuert. Was ein Fehler war, denn Omarosa schrieb über ihr Jahr im Weißen Haus ein Buch. Trump nannte sie daraufhin auf Twitter that dog. Irgendwie wird uns der Prolet mit dem großen Maul, der Amerika zur Bananenrepublik gemacht hat, fehlen.























