Donnerstag, 14. April 2022

baisers volés


Der französische Photograph Robert Doisneau wurde heute vor hundertundzehn Jahren geboren, er ist einer der berühmtesten französischen Photographen gewesen. Er hat Picasso photographiert und Georges Braque. Juliette Gréco hat er auch photographiert, Jacques Prévert, dessen Lieder Juliette sang, auch. Als er zu photographieren begann, war er zu schüchtern, Menschen zu photographieren, er lichtete erst einmal Pflastersteine ab. Menschen machten ihm Angst. 

Er begann seine Karriere als Werksphotograph von Renault in Billancourt. Autos zu photographieren ist nicht so schwer. Aber er hat es mit der Zeit gelernt, Menschen zu photographieren. Auf dem Bild im ersten Absatz hat er seine Freundin Sabine Azéma photographiert, die photographierte er gerne. Sie hat auch 1992 einen kleinen Dokumentarfilm über ihn gedreht. Seine Enkelin Clémentine Deroudille hat auch einen Film über ihn gedreht. Kann man leider nicht im Internet sehen, da gibt es nur einen Schnipsel, aber man kann ✺Robert Doisneau: Das Auge von Paris als DVD kaufen. Es gibt natürlich auch schöne Bücher mit seinen Photographien, wie zum Beispiel der Band Mein Paris bei Schirmer/Mosel.

Sein berühmtestes Photo ist dieser Kuss vorm Pariser Rathaus. Was hier aussieht wie ein zufälliger Schnappschuss, ist das Ergebnis von einem halben Tag Arbeit mit zwei jungen Schauspielschülern. Sie können einige Sekunden davon in dem Video da oben sehen. Und in dem Post Straßenphotographie steht auch einiges zu diesem Bild. Bei einem Photo wie diesem ist es klar, dass es heute ein Gedicht über das Küssen geben muss. Es heißt Kuß, noch in dieser Schreibung, denn es ist 150 Jahre älter als das Photo von Doisneau.

Auf die Hände küßt die Achtung,
Freundschaft auf die offne Stirn,
Auf die Wange Wohlgefallen,
Sel'ge Liebe auf den Mund;
Aufs geschloßne Aug' die Sehnsucht,
In die hohle Hand Verlangen,
Arm und Nacken die Begierde,
Übrall sonst die Raserei.


Mittwoch, 13. April 2022

Leserschwund


Da ist er wieder, der Leserschwund. Am siebten April waren es 2.725 Leser, am nächsten Tag noch knapp achthundert. Solche Einbrüche bei den Leserzahlen kommen ja immer wieder vor, ich habe schon mal darüber geschrieben. Ich glaube, ich mach' mal ein bisschen Pause, ich wollte eh nicht jeden Tag im Poetry Month schreiben. Das habe ich zwar im letzten Jahr gemacht, aber das war richtige Arbeit. Zwei kleine Gedichte sollen es heute doch sein, sie haben mit den Lesern zu tun. Sie sind von dem Barockdichter Friedrich von Logau, der schon mit kurzen Epigrammen (von denen er tausende geschrieben hat) zweimal in meinem Blog war.

Das erste Gedichte hat den Titel An den Leser:

O Leser, dir steht frey zu urtheln über mich,
Und andren stehet frey zu urtheln über dich.
Wie du dein Urthel nun von andren dir begehrest,
So sihe, daß du mir mein Urthel auch gewehrest.


Logau hat viele Spruchgedichte an seine imaginierten Leser geschrieben, ein sehr kurzes ist dieses hier:

Leser, wie gefall ich dir?
Leser, wie gefellst du mir?

Und ich verabschiede mich heute mit den Versen:

Sind dir, Leser, meine Sachen mißgefällig wo gewesen,
Kannst du sie am besten strafen mit dem sauren nimmerlesen.



Dienstag, 12. April 2022

anonymous

Der englische Aristokrat Edward de Vere wurde am 12. April 1550 geboren. Er erbt den Titel eines Earl of Oxford, einen der ältesten Adeltitel Englands. Er erbt auch den Titel eines Lord Great Chamberlain. Und er schreibt Gedichte. Das tun nun viele am Hof von Elizabeth, das wäre nicht weiter bemerkenswert. Er schwängert eine Hofdame der Königin und wandert in den Tower. Da sind in dieser Zeit viele für einige Zeit zu Gast, auch die Königin war dort einmal gefangen. Sie zwingt den Adligen, die Affaire mit der Hofdame zu beenden und zu seiner Frau zurückzukehren. Das alles wäre Stoff für einen Roman, aber unser Edward de Vere bekommt noch eine ganz andere Berühmtheit. Vor hundert Jahren schreibt ein englischer Lehrer namens Thomas Looney das Buch →Shakespeare Identified in Edward De Vere, the Seventeenth Earl of Oxford, in dem er behauptet, de Vere habe das ganze Werk Shakespeares geschrieben.

Diese wirre Theorie, die immer mal wieder Konjunktur hatte, hat den Namen Oxfordian theory bekommen. Edward de Vere war ein gebildeter Mann, er hatte Latein und Französisch gelernt und eine Bildungsreise, den Vorläufer der Grand Tour, nach Italien gemacht. Shakespeare war nie aus England herausgekommen, Latein und Französisch waren ihm fremd, small Latin and less Greek habe er, hat Ben Jonson über ihn gesagt. Aber Jonson hat auch gesagt: he was not of an age but for all time. Die neueste Biographie von de Vere, streng der Oxfordian theory verpflichtet, ist →Shakespeare by Another Name von dem amerikanischen Journalisten Mark Anderson. In dem Buch werden auch alle Daten zu Shakespeares Werken von Mark Anderson korrigiert. Das musste er auch tun, denn Shakespeares Sonnets erschienen, als de Vere schon fünf Jahre lang tot war. Und aus den Sonnets möchte ich eins nehmen. Es ist das Sonett XXX, dessen zweite Zeile zum Titel der englischen Übersetzung von Prousts Recherche geworden ist:

When to the sessions of sweet silent thought
I summon up remembrance of things past,
I sigh the lack of many a thing I sought,
And with old woes new wail my dear time’s waste:
Then can I drown an eye, unused to flow,
For precious friends hid in death’s dateless night,
And weep afresh love’s long since cancell’d woe,
And moan the expense of many a vanish’d sight:
Then can I grieve at grievances foregone,
And heavily from woe to woe tell o’er
The sad account of fore-bemoaned moan,
Which I new pay as if not paid before.
But if the while I think on thee, dear friend,
All losses are restor’d and sorrows end.

Ich habe eine Übersetzung von dem Gedicht, die schon sehr alt ist. Deutsche Übersetzungen gibt es en masse, seit Johann Joachim Eschenburg (der 56 der 154 Sonette übersetzte) haben sich mehr als sechzig →Übersetzer an den Sonetten versucht, der Bremer →Otto Gildemeister ist auch dabei. Mein Text heute ist von Johann Gottlob Regis. 1836 veröffentlicht, hat er heute immer noch Bestand. Beim Reclam gibt es ihn in Buchform, bei mir gibt es ihn →hier:

Wenn ich in schweigender Gedanken Rat
Erinnrung des Vergangnen traulich lade,
Beseufzend was entflohn mir nie mehr naht,
Neu klagend alte Weh’n versunkner Lebenspfade:
Dann netz’ ich wohl versiechte Augenlider
Um teure Freund’ in Todesnacht gehüllt;
Es weinen, längst erstickt, der Liebe Schmerzen wieder,
Der Gram um manch dahingeschwunden Bild.
Dann kann ich leiden um vergangnes Leid,
Die trübe Summe vorbeklagter Klagen
Von Weh zu Weh ziehn mit Betrübsamkeit,
Sie zahlend wie noch niemals abgetragen.
Doch, teurer Freund! gedenk’ ich dein dabei,
Ersetzt ist alles, und ich atme frei.

Und ich habe noch ein kleines Schmankerl zu Schluss. Vor Jahren ist der Regisseur von schrottigen Katastrophenfilmen Roland Emmerich, der dem Trash Kino eine neue Dimension gegeben hat, auf die Oxfordian theory gestossen und hat gleich einen Film daraus gemacht: ✺Anonymous (hier zu sehen). Über diesen Film schrieb der amerikanische Filmkritiker David Walsh (der Emmerichs The Patriot verrissen hatte): Emmerichs ‚dunkler‘ Film ist vor allem ein äußerst perfides Werk. […] Am dümmsten und anstößigsten ist die Darstellung von Shakespeare. Wenn man behaupten will, dass der Autor der berühmten 37 Stücke der Earl of Oxford oder jemand anderes sei, muss man deshalb wirklich den anerkannten Autor als halbgebildeten Angeber, Säufer und… Mörder hinstellen? Wo 'Anonymus' nicht unangenehm und laut ist, ist er langweilig und voller Klischees. 

Montag, 11. April 2022

When the music's over, turn out the light

Vor zehn Jahren gab es hier den Post Tote Hasen, weil an dem Tag dreißig Jahre zuvor die Band Tote Hosen ihren ersten Auftritt in Bremen hatte. Angekündigt als Tote Hasen. Der Post erreichte erstaunliche Zahlen, was ich erst später merkte. Der Grund dafür war, dass Trini Trimpop den Post auf Facebook empfohlen hatte. Das stand Jahre später in dem Post ohne Dich. Vor fünf Jahren wurde die Band hier wieder in dem Post Straßensperrung erwähnt. Dies hier ist ein HiLo Blog, high und low. Die Popular Culture spielt hier immer wieder eine Rolle, ich habe meinen Leslie Fiedler gelesen. Ich nehme mir heute ein Gedicht, das etwas mit diesem Thema zu tun hat. Es ist von Rolf Dieter Brinkmann, einem Dichter, der auch immer wieder in diesem Blog vorkommt. Vor zwei Jahren habe ich sein Alleinsein ist kein Gedicht, das keinen Titel hat hier vorgestellt, ich hatte mir gedacht, das liest niemand. Aber es ist viele tausend Mal angeklickt worden.

Das Gedicht heute (leider nicht vollständig) heißt Vage Luft, es wurde zuerst 1972 in dem Band Satzbau: Poesie und Prosa aus Nordrhein-Westfalen (herausgegeben von Hans Peter Keller) veröffentlicht. Einzelne Sätze fanden sich schon ein Jahr zuvor in Brinkmanns posthum herausgegebenen Tagebuch Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand. Es ist ein Gedicht aus der Zeit eines Umbruchs im Denken des Dichters, er wendet sich von der Pop Literatur ab: die ganze Rebellion mit Pop, Untergrund, den Leuten dort, den Linken usw. usw. und damit den verschiedenen Versuchen und Verhaltensweisen ist für mich vorbei. Und auch seine Übersetzungen neueren amerikanischer Lyrik verwirft er: Die USA-Dinger hätte ich gar nicht machen dürfen. Das schreibt er, als er in Rom in der Villa Massimo ist und sich neu erfindet. 

Er hatte in seiner Pop-Phase das wahrgemacht, wovon Leslie Fiedler in Cross the Border – Close the Gap gesprochen hatte: Out of the world of Jazz and Rock, of newspaper headlines and political cartoons, of old movies immortalized on T.V. and idiot talk shows carried on car radios, new anti-Gods and anti-Heroes arrive, endless wave after wave of them. […] In the heads of our new writers they live a secondary life, begin to realize their immortality: not only Jean Harlow and Marylin Monroe and Humphrey Bogart, Charlie Parker and Louis Armstrong and Lennie Bruce, Geronimo and Billy the Kid, the Lone Ranger and Fu Manchu and the Bride of Frankenstein, but Hitler and Stalin, John F. Kennedy and Lee Oswald and Jack Ruby as well; for the press mythologizes certain public figures, the actors of Pop History, even before they are dead – making a doomed President one with Superman in the Supermarket of Pop Culture, as Norman Mailer perceived so accurately and reported so movingly in an essay on John F. Kennedy.

Nach seinem Gedichtband Gras 1970 hatte Brinkmann gesagt, dass er keine Gedichte mehr schreiben würde, aber dann schrieb er doch wieder: Westwärts 1&2. Ein subjektives Buch, ohne Rücksicht auf die herrschenden literarischen Konventionen und es kann ebenso gut als ein zusammenhängendes Prosabuch, Gedichtbuch wie Essaybuch gelesen werden. Der Rowohlt Verlag hatte Brinkmann gezwungen, dreiundzwanzig Langgedichte und ein 89 Seiten langes illustriertes Unkontrollierten Nachwort zu meinen Gedichten wegzulassen. Die vollständige Ausgabe erschien zum dreißigsten Todestag des Dichters 2005:

Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock’n’Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter, die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht macht weiter, der Mond geht auf, die Sonne geht auf, die Augen gehen auf, Türen gehen auf, der Mund geht auf, man spricht, man macht Zeichen … Die Gedichte, die ich hier zusammengestellt habe, sind zwischen 1970 und 1974 geschrieben worden, zu den verschiedensten Anlässen, an den verschiedensten Orten, ob sie gut sind? fragst Du. Es sind Gedichte. Auch alle Fragen machen weiter, wie alle Antworten weitermachen. Der Raum macht weiter. Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier. Das Buch erschien bei Rowohlt wenige Tag nach Brinkmanns Tod in London.

Er war nach England gereist, um am Cambridge Poetry Festival teilzunehmen: Gerade habe ich nach England geschrieben wegen eines Cambridge International Poetry Festivals im nächsten Jahr, im April, wozu man mich eingeladen hat und wohin ich fahren werde und meine neuen Gedichte vortrage, eine hübsche Vorstellung für mich, meine Gedichte woanders vorzulesen als hier, schreibt er 1974 an einen Freund. Es gibt einen Mitschnitt von seinem Auftritt in Cambridge. Er hat ein Vorausexemplar von Westwärts 1&2 und liest daraus Sommer (eine freie Übesetzung von John Ashberrys Summer) und Rolltreppen im August. Michael Hamburger hatte ihn dem Publikum vorstellt. Brinkmann spricht schnell und gehetzt, es ist kein gutes Englisch: My name is Rolf Dieter Brinkmann. I'm coming from Cologne. Cologne is a dark, industrial city. There is very little poetry in it, every day. And that perhaps makes my poetry very simple, the beautiful simplicity is a dream. This dream can't happen. [...] I think that poems are not much necessary today, as one believes. Because there are so much easier and lovelier things to do, every day. For example, I've never been fucked with a poem. And when the poem ends, what's happening then? Really, what's happening then, when the poem ends? It's just like as in a ruling rock'n'roll song, by Jim Morrison, who said: When the music's over, turn out the light.

Den ersten deutschen Pop-Autoren hat man ihn genannt. Er wollte nicht mehr schreiben, er hat sich mit all seinen Freunden verkracht, seine Frau Maleen will sich scheiden lassen. Aber jetzt schreibt er doch wieder. Die ganze Popscheiße hat er hinter sich gelassen. Also mit einem Gedicht wie diesem:

In der Tageszeitung steht die Nachricht
vom Tod des Sängers Jim Morrison, USA, der
in einer Badewanne in Paris gestorben ist

und dem ich gern zugehört habe, Otis
Redding schon lange tot, Jimi Hendrix
an der eigenen Kotze erstickt und Brian

Jones schwimmt kühl und ohne Gefühl
im Planschbecken seines Landhauses. Das
ist das elektronische Zeitalter. Der

Schmerz wird auf sechzehn Spuren
verzerrt, die Schizophrenie ist eine
Sache des Gehörs. Was mich betrifft
nicht.

Ich stecke mir Ohropax ins Ohr, um die
Gegenwart des 20. Jahrhunderts ertragen
zu können. Das nennt man die persönliche
Flucht.

Sonntag, 10. April 2022

Nu wahr di Bur, de Garr de kum


Der Gottorfer Herzog Friedrich I, der 10. April 1533 starb, war zehn Jahre lang König von Dänemark und Norwegen. Vor ihm war sein älterer Bruder Johannes, den man allgemein Hans nannte, König von Dänemark und Norwegen. Und auch noch König von Schweden. Christian, der Vater der beiden, war der erste Herzog von Schleswig-Holstein. Er kam aus Oldenburg, die Dänen hatten den Grafen von Oldenburg und Delmenhorst zum König gewählt. Das dänische Königshaus hatte seitdem Oldenburg und Delmenhorst im Wappen, erst die Königin Margrethe hat darauf verzichtet, eine Gräfin von Delmenhorst zu sein. Das steht schon in dem Post Delmenhorst, da steht auch, dass ich das Kaff, aus dem als Berühmtheit Sarah Connor kommt, gut kenne, weil ich da mehrere Jahre als Soldat stationiert war.

Christian I. wurde mit dem Vertrag von Ribe Herr von Schleswig und Holstein, wobei beide Teile zum dänischen Reich gehörten. Dass se bliwen tosamende up ewig ungedelt, stand in der Urkunde. Dem Christian fehlt noch ein bisschen zu seinem Glück, und das ist das hier gelb gezeichnete Nordfriesland. Die Dithmarscher Bauern wollen sich aber nicht unterordnen. Sie gehören zum Erzbistum Bremen und haben eine päpstliche Bulle, die ihnen das bestätigt, Hamburg und Bremen unterstützen sie. Christian lässt das Ganze erstmal wie es ist. Aber seine Söhne, die den Rest des Landes unter sich aufgeteilt haben, die wollen auch diesen gelben Fleck:

De König wol to dem Hertogen sprak: 
»Ach Broder, harteleve Broder,
Ach Broder, hartleveste Broder min,
Wo wille wi dat nu beginnen,
Dat wi dat frie, rike Ditmarschen Lant
Ane unsen Schaden mögen gwinnen?


So klingt es in einem alten plattdeutschen Lied. Der König Hans fordert die Dithmarscher auf, sich unterzuordnen, aber die denken nicht daran:

Und von den Bauern Wolf Isebrand der sprach: Er mag nur kommen;
Wir haben aus keines Königs Hand dies Land zu Lehen genommen. 
Wir sind zudem vom Aufrechtgehn versteift in unsren Hälsen;
Und wer seine Schlösser auf Marschgrund baut, der baut sie nicht auf Felsen.
Dies Land ist unser, wir haben‘s im Kampf der Sturmflut abgerungen,
Wir bangen vor keines Königs Zorn, wir, die wir das Meer bezwungen.

So heißt es bei Theodor Fontane. Was nun kommt, ist die Schlacht von Hemmingstedt, der Untergang des dänischen und holsteinischen Adels am Dreiseelentag des Jahres 1500. Der König Johann hatte Meldorf erobert, seine Söldner sollen viele Menschen umgebracht und die Stadt geplündert haben. Johann war schon dabei, mit seinen mehr als zehntausend Mann abzuziehen. Im Schneetreiben. Auf einer sehr schmalen Straße, links und rechts umgeben von tiefen Gräben und dem Moor. Da können sich die gepanzerte Reiterei und seine angeworbenen Söldner, die Schwarze Garde, nicht bewegen. An der von Wulf Isebrand nachts aufgeworfenen Schanze vor Hemmingstedt kommt das Heer zum Stehen. Als einer der ersten fällt der Bannerträger Hans von Ahlefeldt, elf weitere Ahlefeldts werden sterben. Es sterben auch zwei Grafen von Oldenburg, die Neffen von König Johannes. Viele der Ritter sterben nicht durch das Schwert, sie ertrinken mit ihren schweren Rüstungen im Moor neben der Straße, die Dithmarscher haben die Deiche durchstochen. 

Der dänische Historiker Anders Sørensen Vedel kommentiert 1591 in seinem Hundertliederbuch das Lied Koning Hans drager ind i Dytmersk oc mister it stort antal Krigsfolck mit folgendem Text: Dieses Gedicht handelt von dem Krieg, den König Hans mit seinem Bruder, dem Herzog Friedrich von Holstein, gegen die Dithmarscher führte im Jahr des Herrn 1500. Was ihnen unglücklich erging wegen solcher Ursache, dass sie es zu der unbequemsten Zeit des Jahres angingen und sich zu sehr auf ihre eigene Stärke und große Kriegsmacht verließen und darüber hinaus ihre Feinde verachteten, welche den Vorteil  bekommen hatten und sie einzwängten auf einigen engen Deichen, die deshalb wegen Wasser und Wetter nicht dazukamen, ihre Schlachtordnung aufzustellen und damit nieder zu kämpfen. Diese Schlacht geschah am 17. Tag des Februar im genannten Jahr in der Nähe von Hemmingstedt in Dithmarschen. Und es wurden erschlagen und ertranken in den Kanälen und kamen im Unwetter um an die 4.000 Männer und darüber hinaus vornehme Adelspersonen sowohl aus dem Reich als aus den Herzogtümern mit den beiden Grafen Otto und Adolf von Oldenburg. Ein jämmerliches Schauspiel und bemerkenswertes Beispiel, dass niemand seine Feinde verachten soll, besonders nicht an den Stellen, wo ungleiche Vorteile bestehen.

Die Schlacht ist in unzählige Lieder, Gedichte und Geschichten gewandert. Ob es die Jungfrau Telse von Hochwöhrden, die die friesische Fahne getragen hat, gegeben hat, das weiß man nicht. Der Titel des Posts heutigen Posts Nu wahr di Bur, de Garr de kum ist die erste Zeile eines Gedichts von Klaus Groth, das 1853 in der zweiten Auflage von Quickborn gedruckt wurde. Mein Vater konnte das Gedicht auswendig, er kam aus der Gegend. Das habe ich schon in dem Post Theodor Storm gesagt. Das Gedicht kommt aus einer anderen Zeit, aber vielleicht ist es heute wieder aktuell:

»Nu wahr di Bur, de Garr de kumt«, vun Möldorp jagt se her,
De Helm un Panzers schint as Gold, as Sülwer schint de Per.
Kong Hans un all wat Adel kumt mit groten Larm un Schall,
De Wulf de lurt mit wücke Burn bi Braken achtern Wall.
Vun Möldorp trock dat swart hendal, wul dörtig dusent Mann:
Vun Wörden il en lütten Tropp, en Mäden gung væran.
»So hölp uns Herr, du hest dat Rik in Himmel un op Eer!«
Wulf Isebrand störtt ut de Schanz, twee Hunnert achterher.
Un op de Panzers fulln de Släg', un Rüters in den Sand,
Un vun de Geest dar kaamn de Burn, un de Floth keem æwert Land.
Un dal vun Heben full de Snee, op Per un Minsch de Släg',
Blank war dat Moor un witt de Geest, un blödi warn de Steg'.
De Buern schregen: stekt de Per un schont de Rüterknechts!
Un sprungn barfot mit Kluwerstöck un slogen links un rechts.
Un reten inne Gröben dal un störtten se in Slamm,
Bet Minsch un Veh sik drängn un drungn all langs den smallen Damm.
»Nu wahr die Garr, de Bur de kumt!« he kumt mit Gott den Herrn,
Vun Heben fallt de Snee heraf, de Floth de stiggt vun nerrn.
Un wit ut alle Dörpen her kumt Hölp un frischen Moth:
»Nu schont de Per – de ridt wi noch – un slat de Rüters dot!«
In Slick un Slamm sack menni Herr, de sunst op Siden leeg,
Int Swinmoor liggt nu menni Een, de harr en golden Weeg.
Keen Nam so grot int Holstenland un nich in Dännemark,
Dar ligt se nu ahn Krüz un Steen, dar ligt se ahn en Sark.
De Garr de full mit Junker Slenz, so grot un stolt he weer,
De lange Reimer Wimersted de keem un steek em dær.
Mit nauer Noth, in Angst un Sorg keem König Hans dervan;
In Möldorp leet he Beer un Win un Bradens inne Pann.
Dat gev en Smaus na Noth un Dod, un Friheit weer dat Arf.
Dat mak de Düwels Isebrand un de Dusenddüwelswarf!

Samstag, 9. April 2022

Fellini

Heute ist derTodestag von Viktor von Scheffel, über den könnte ich schreiben, aber der hatte hier vor sechs Jahren schon den schönen Post Trevi Brunnen. In dem es natürlich auch ein Bild von Anita Ekberg in Federico Fellinis Film La Dolce Vita gab. Seit sie 1960 im Trevi Brunnen gebadet hat (was übrigens polizeilich verboten ist), geht uns das Bild nicht mehr aus dem Kopf. Anita Ekberg war hier zuletzt in dem Post nouvelle vague suédoise, vorher tauchte sie schon in den Posts Cinecittà und die Mode, Sergei Bondartschuk, Ingmar Bergman und Bibi Andersson auf. Und sie taucht auch in meinem heutigen Gedicht auf, das Fellini`s dreams heißt, geschrieben von dem Iren Gerard Smyth.

Ich finde es ein wenig erstaunlich, dass ich hier noch nie über Fellini geschrieben habe. Gut, er kommt in Cinecittà und die Mode und in vielen anderen Posts vor, aber es gibt keinen richtig großen Fellini Post. Sein Kollege Michelangelo Antonioni hat dagegen mehrere Posts. Und Visconti kommt hier mit Ossessione und temps perdue auch schon vor ... Ich mag Fellini, ich habe beinahe all seine Filme gesehen, viele habe ich auf DVD, Drehbücher besitze ich auch, auf jeden Fall alles, was bei Diogenes erschienen ist. Und dennoch: kein Fellini Post im Blog. Das steht so in dem Post Felliniesque, ich hoffe, dass es hier irgendwann etwas mehr Fellini geben wird. Ich fange heute mal mit dem Gedicht Fellini`s dreams an:

Fellini recorded his dreams
in sketch books and diaries.
Dreams in which he saw his obituary on the page
and made love to glamorous Anita Ekberg.

On those warm nights of Roman heat
or when cool sea-breezes blew from the Adriatic
his sleep was haunted: he saw himself with Passolini
walking into the unlit alley
or dancing with Fred and Ginger
through the cinemas of Rimini.

Fellini dreamed of more Hiroshimas
and falling among thieves.
His dreams appeared as allegories
in the shooting script for Amarcord:
the scene with the ship strung with lanterns,
a floating carnival to light up the fascist years.


Freitag, 8. April 2022

Heurigen-Hölderlin


Am achten April 1945, als die Rote Armee Wien eroberte, hat der österreichische Dichter Josef Weinheber Selbstmord begangen. Er war als Dichter ein berühmter Mann in Österreich, man nannte ihn wegen seines Alkoholkonsums auch den Heurigen-Hölderlin. Neben aller Berühmtheit und Beliebtheit war er aber auch ein Antisemit und Nazi. 1944 hatte ihn Hitler in die Gottbegnadeten Liste aufgenommen. Wie umgehen mit einem solchen Dichter? Kann man das Werk beurteilen und den Autor vernachlässigen? Wahrscheinlich gilt für Weinheber vieles von dem, was schon über Louis-Ferdinand Céline gesagt wurde. Weinheber, der sich hier selbst portraitiert hat, hat 1935 das Gedicht Dem Führer geschrieben:

Deutschlands Genius, Deutschlands Herz und Haupt, 
Ehre Deutschlands, ihm so lang ' geraubt, 
Macht des Schwertes, daran die Erde glaubt.
Fünfzig Jahr und ein Werk aus Erz.
Übergroß, gewachsen an dem Schmerz.
Hell und heilig, stürmend himmelwärts.
Retter, Löser, der die Macht bezwang.
Ernte Du auch, dulde Kranz und Sang:
Ruh' in unsrer Liebe, lebe lang!

Weinheber kam von ganz unten, er wollte nach ganz oben. 1926 hatte er gesagt: Ich will nicht ein Lyriker sein, ich will ‚der‘ Lyriker sein. Wenn Lyrik gesagt wird, soll es Weinheber heißen, Weinheber und Lyrik ein und dasselbe. Und in dem Jahr schrieb er auch in seiner Sammlung in hora mortis:

Selbst hab ich mich zum strengen Werk berufen.
Nicht diese öde Zeit ists, der ich diene.
Um Gnade werbe ich mit trotziger Miene
verlassen, sterbe ich an Altars Stufen.
Ich kann vom Weg nicht weichen. Wenn die Gnade
mir Gott nicht schenkt, das Opfer anzuschauen,
so muß ich seinem Fluche mich vertrauen,
der ich mein Herz mit hoher Pflicht belade.
Doch keinem Lebenden sei Recht gegeben,
mit seichtem Spruch und leichtem Überheben
an meinem Werk zu biegen und zu beugen.
In einem hoffnungslosen Kampfe falle
ich weit voran, kein Mann der Ruhmeshalle, -
Jedoch der Ehre wert, daß Jene schweigen.

Das Gedicht erschien 1934 in dem Band Adel und Untergang des Adolf Luser Verlags. Im selben Verlag, der den Nazis sehr nahe stand, erschien ein Jahr später seine Sammlung Wien wörtlich. Die beiden Bücher machten ihn schlagartig zu einer nationalen Berühmtheit. Und das sind nicht nur seine volkstümlichen Verse, nicht seine Ode an die Straßen Adolf Hitlers oder die pathetischen Selbstbeweihräucherungen. Da gibt es plötzlich auch richtig gute Gedichte, wie zum Beispiel Platz am Hof von 1935:

So ist er am schönsten: Wenn mit blauern
Lasuren winters der Abend beginnt,
wenn zwischen Himmel und grauen Mauern
weiße Dächer die Grenzen sind.

Wenn sanft im Zwielicht die nebligen Sonnen
der hohen Bogenlampen aufgehn
und aus den Fenstern, gelb und verronnen
zögernde Lichter herübersehn.

Wenn aus der Härte der Welt entglitten,
mit Formen, himmlisch und ungenau,
die schlanke Mariensäule inmitten
aufragt, ein schwarzes Zepter im Grau:

Dann wird der Platz ganz Traum, und am Ende
verschwimmt er in seltsam gestrigem Licht,
indes überm Düster der Buden und Stände
Schnee fällt - weiß und leise und dicht..