Mittwoch, 8. Februar 2023

Kate Chopin

Heute vor 173 Jahren wurde die amerikanische Schriftstellerin Kate Chopin geboren. Sie ist spät zur Literatur gekommen, ihren großen Roman The Awakening schrieb sie mit achtundvierzig Jahren. Ihr Ehemann war gestorben, die hoch verschuldetete Plantage, die sie noch einige Jahre erfolgreich verwaltet hatte, hatte sie verkauft. Sie verließ Louisiana und zog zurück in ihren Geburtsort St Louis. Dann starb ihre Mutter, und die sechsfache Mutter Kate Chopin geriet in die Krise. Der mit der Familie befreundete Gynäkologe Dr Frederick Kolbenheyer rät ihr zum Schreiben, sie beginnt mit Kurzgeschichten, die recht erfolgreich sind.

Ihr Roman The Awakening ist es nicht. Er ist eher so etwas wie ein Skandal. Heute zählt er zu einem wichtigen Werk der Frauenbewegung. Es wird nach Chopins Tod im Jahre 1904 ein halbes Jahrhundert dauern, bis man die Autorin wiederentdeckt und würdigt. Im Vergessen sind die Amerikaner groß, als Herman Melville starb, wusste kaum noch jemand, dass es ihn gegeben hatte. Und es werden Jahrzehnte vergehen, bis es in der Melville Renaissance eine Gesamtausgabe seiner Werke gibt. Ich habe den Roman The Awakening hier auf einer Seite der Kate Chopin International Society. Die wohl beste Textausgabe ist die Norton Critical Edition, von deren Cover ich dieses Bild habe. 

The Awakening ist ein Ehebruchsroman, man kann ihn mit Flauberts Madame Bovary, Tolstois Anna Karenina und Fontanes Effi Briest vergleichen. Wenn man will. Die Interpretationen des Romans sind heute beinahe alle in der Hand von feministischen Literaturwissenschaftlerinnen. Doch es geht in dem Roman noch um mehr als um eine Frau, die ihre Rolle in dem bigotten viktorianischen Zeitalter sucht. Der Roman sagt uns viel über Leben und Kultur in Louisiana am Ende des 19. Jahrhunderts. William Faulkner, der ein halbes Jahr in New Orleans lebte, hat Kate Chopin genau gelesen, bevor er seine Geschichten über das French Quarter schrieb.

Es gibt zwei deutsche Übersetzungen des Romans. Die erste Übersetzung ist von einer Barbara Becker (die nichts mit der Ex von Boris zu tun hat), sie erschien 1978 im Verlag Roter Stern, später in der Reihe neue frau des Rowohlt Verlags. Die Übersetzung, die offenbar die Arbeit eines Kollektivs ist, wurde jetzt von Karen Nölle und Christine Gräbe neu überarbeitet. Das Buch hat ein Nachwort von Barbara Vinken, über die in diesem Blog noch nie etwas Nettes gesagt worden ist (das steht in dem Post Une fillette d’un blond roux). Die zweite Übersetzung entstammt keinem Autorenkollektiv und hat kein Nachwort von Barbara Vinken. Es ist die Übersetzung von Ingrid Rein, deren Arbeit ich schon in dem Post über Emily Brontë Wuthering Heights lobend erwähnte. Die Übersetzung war zuerst 1997 im Insel Verlag erschienen und ist 2019 von der Übersetzerin noch einmal neu überarbeitet worden (ich habe hier eine kleine Leseprobe). Auf der Rückseite des Buches steht ein Satz aus dem neunzehnten Kapitel des Romans: Sie fing an zu tun, was sie wollte, und zu fühlen, was sie wollte. Darum geht es. Man kann den Roman sehr preisgünstig finden (die Norton Critical Edition übrigens auch), es lohnt sich, ihn zu lesen.


Samstag, 4. Februar 2023

Paco Rabanne ✝

Der spanische Modeschöpfer Paco Rabanne ist im Alter von achtundachtzig Jahren gestorben. Seine Parfüms und seine Rasierwasser kann man heute noch kaufen, sogar Online. Für die Duftwässer hat er vor Jahrzehnten einen Deal mit der Firma Puig gemacht. Die bedauert auf ihrer Seite mit profound sadness den Tod von Rabanne. Rabannes ganze Fima gehört inzwischen Puig. Über seine Aftershaves kann ich nichts sagen, mich fazinieren nur die Flaschen von Produkten wie Phantom oder Invictus. Ist das Designwille oder stehengebliebenes Space Age? Dies hier waren die ersten Bekleidungsstücke, die ihn berühmt machten. Er war der Designer für den Film Barbarella, in dem Jane Fonda viele absurde Klamottten trug.

Keine der jungen Frauen, die ich damals kannte, trug Paco Rabanne. Die trugen Marimekko, erle zf (was für zierliche Frau stand) oder nähten sich selbst was Schönes. Trugen vielleicht mal einen Minirock von Mary Quant. Miniröcke waren in Bremen keine Seltenheit, denn da gab es Evelyn Frisinger, die mit ihrer Boutique Evelyn das Swinging London nach Bremen brachte. Sie war als Au Pair Girl in London gewesen; kam mit einem gelben Minirock zurück und machte ihre Boutique auf. Und nähte wenig später die Kostüme für den Beat Club von Mike Leckebusch. Damals beschäftigte sie vierzehn Schneiderinnen. 

Uschi Nerke, die die schärfsten Miniröcke Deutschlands trug, nähte sich ihre Röcke selbst. Ich weiß nicht, ob Mary Quant das je erfahren hat, aber mit dem Erfolg des Minirocks in Deutschland wäre es ohne Uschi Nerke und Evelyn Frisinger wahrscheinlich nichts geworden. Uschis kurze Röcke beschäftigen irgendwann sogar die katholische Kirche. Und natürlich die Bild Zeitung, die sich eine Schlagzeile wie Trägt Uschi zu kurz? nicht nehmen ließ. Uschis Röcke wurden kürzer, bis sie irgendwann nur noch ein breiter Gürtel waren. 

Und eines Tages moderierte Uschi die Sendung nackt aus einer Badewanne. Wenn ich mich recht erinnere, ist damals - trotz des Aufschreis der Fernsehzuschauer, der katholischen Kirche und der Bild Zeitung - das Abendland nicht untergegangen. Evelyn Frisinger hat vor zehn Jahren ihre Boutique geschlossen, aber als ✺Jazzsängerin tritt die Frau, deren Vater Gitarrist bei James Last war, heute noch auf. Evelyn Frisinger hat wilde Mode nach Bremen gebracht, aber die Kleider von Paco Rabanne waren nicht dabei.

Ich glaube, es gab sowieso nur eine einzige Frau auf der Welt, die Paco Rabanne tragen konnte. Und das war Audrey Hepburn hier in dem Film ✺Two for the Road. Ob sie, die sonst nur Givenchy trug, das klappernde Blechkleid auch noch nach den Dreharbeiten getragen hat, weiß niemand. Die Firma Paco Rabanne hat das Modell aber vor drei Jahren wieder in die Kollektion genommen. Weil es a true legend ist, sozusagen ein Klassiker. Das fanden nicht alle. In ihrem Nachruf auf Thierry Mugler nannte die FAZ Paco Rabanne den Kettenhemd-Klempner.

Wir müssen allerdings bedenken, dass Rabanne damals nicht der einzige war, der futuristische Damenmode entwarf. Seine Kollegen Pierre Cardin und André Courrèges machten ja Ähnliches, häufig konnte man ihre Kreationen nicht voneinander unterscheiden. Vieles davon war schlicht absurd, war nur eine Illustration des Gedichts Sogenannte Klassefrauen von Erich Kästner. Paco Rabannes Kollektionen interessiertes uns in den Sixties nicht. Weil wir damals Exis waren. Sartre und Camus lasen, Tweedjacketts und Rollkragenpullover trugen. Und wir nie mit Frauen ausgegangen wären, die so aussahen wie dieses Paco Rabanne Modell. Mit Audrey Hepburn wären wir schon ausgegangen, aber wir hätten ihr vorher ein hübsches Kleid ohne Blech gekauft.


Donnerstag, 2. Februar 2023

Federhalter


Meine ersten Federhalter waren noch keine Füllfederhalter. Sie waren aus Holz, man steckte eine Schreibfeder aus Metall in sie. Das Tintenfass stand auf der Schulbank. Solche Federhalter gibt es heute immer noch, Grafiker und Zeichner brauchen sie für die Kunst der Kalligraphie. Diese Federhalter aus meinen Schultagen war nicht verschieden von dem Schreibgerät, mit dem Marcel Proust seine Recherche schrieb. Er hatte mehrere, mindestens fünfzehn. Er hätte sich einen Füllfederhalter kaufen können, die waren schon erfunden, aber er schrieb mit den Federhaltern. Wir sollten immer bedenken, dass die wichtigsten Werke der Weltliteratur mit Gänsekiel und Federhalter geschrieben wurde.

Nicht jeder kann Prousts Handschrift lesen: Haben Sie immer noch Lust, mit Ödipus zu rivalisieren und die einer Sphinx würdigen Rätsel meiner Handschrift zu entziffern? Wenn ja, schicke ich Ihnen einige Hefte, deren Rätselhaftigkeit alles übersteigt, schreibt er an seinen Sekretär Albert Nahmias. Der kann die Schrift entziffern, er hatte Prousts Manuskript von Du côté de chez Swann abgetippt. Die 712 Seiten fanden keinen Verleger, Proust veröffentlichte das Buch auf eigene Kosten. Er kann sich das leisten, er ist Millionär. Er könnte sich Federhalter aus Elfenbein und die besten englischen Stahlfedern kaufen, er tut es nicht.

Prousts Haushälterin Céleste Albaret kauft Federn und Federhalter, nicht die beste Qualität: Je ne l'ai jamais vu employer un stylo — à l'époque, l'usage commençait pourtant à s'en généraliser. J'achetais les plumes par réserves de boîtes et de boîtes. Quant aux porte-plume, il y en avait en permanence une bonne quinzaine à sa portée, puisque, s'il lui arrivait de laisser échapper et tomber celui dont il se servait. il était interdit de le ramasser, par peur de la poussière. Da ist er, der gefürchtete Staub, der gefährlich für das Asthma des Schriftstellers ist: Das Rasseln meiner Atemzüge übertönt das meiner Feder und das eines Bades, das im Stockwerk über mir eingelassen wird. Die einzige, die seine Federhalter aufheben darf, ist Céleste, die später in einem Radiointerview sagen wird: C'était un homme qui ne faisait rien par lui-même. Si son porte-plume tombait par terre, il ne le ramassait pas. Quand tous les porte-plume étaient par terre, alors il me sonnait.

Proust schreibt schnell mit seinen Federhaltern: Ich glaube, bedeutsam ist, daß seine Schrift sehr stark vorwärtsdrängt. wenn man sich Prousts Schrift anschaut, weiß man sofort, daß er schnell schrieb, sagt Roland Barthes. Und zitiert einen Brief von Proust, wo es heißt: Wenn ich im Galopp schreibe ... Ich weiß sehr wohl, daß man nicht im Galopp schreiben sollte. Aber ich habe so viel zu sagen. Es zieht mich vorwärts wie ein Strom. Aber als Proust diesen Brief schreibt, ist er siebzehn, da denkt er noch nicht an die Recherche mit ihren 1.267.069 Wörtern, die er schreiben muss. Doppelt so viele Wörter wie Krieg und Frieden. Prousts Leben ist zum Schreiben geworden, mit Federhaltern mit schlechten Federn und seinem Schüler-Tintenfaß. Prousts Biograph Jean-Yves Tadié sagt uns: Er lebt, um zu schreiben; sein Leben wird zu einem Laboratorium; die Erinnerungen genügen nicht mehr; wie der Gelehrte löst er Experimente aus und erfindet das Reale, um es in literarische Sprache zu verwandeln. Ein Ausgang, eine Einladung, ein Konzert, alles muss von diesem Moment an aufgeschrieben werden.

Roland Barthes hat in einem Interview gesagt: Ich glaube, es gibt einen Moment, wo man keine Lust mehr hat, über Proust zu schreiben, sondern Lust bekommt, wie Proust zu schreiben. Und auch noch: Wenn man mich fragen würde, welches Werk zu schreiben ich fähig gewesen wäre, würde ich antworten, die 'Suche nach der verlorenen Zeit'. Diese Sätze finden sich in dem Buch Proust: Aufsätze und Notizen, das ich schon in dem Post Marcel Proust vorgestellt habe. Die Sätze stammen aus einem langen Interview, das Jean Montalbetti 1978 mit ihm geführt hat, man kann das Interview in drei Teilen bei ✺YouTube hören. Hätte Barthes so etwas wie die Recherche schreiben können? Mit einem Federhalter und eingesteckter Metallfeder? Die Franzosen neigen immer ein klein wenig zur Übertreibung.

So etwas wie dies hier hat Proust nie besessen. Es ist ein Marcel Proust Füllfederhalter aus Montblancs Writers Edition, 1999 auf den Markt gebracht, sofort ausverkauft. Für ein dreiteiliges Set (Federhalter, Kugelschreiber, Bleistift) muss man mindestens fünftausend Euro auf den Tisch legen. Wer kauft sich so etwas? In der Writers Edition (dafür hat man kein deutsches Wort, in der Welt von Werbefuzzis und Schlagersängern klingt Englisch ja immer so toll) gibt es heute Modelle von Edgar Allan Poe bis Dumas, von F. Scott Fitzgerald bis Thomas Mann (der seinen Füller einen sinnreichen Tintenspender genannt hatte). Ich nehme an, dass keiner der Schriftsteller mit einem Montblanc geschrieben hat. Hemingway ganz bestimmt nicht, weil der mal für Montegrappa und Parker Reklame gemacht hat. Ich bin auch davon überzeugt, dass ein Füllfederhalter aus der Writers Edition keinen seiner Besitzer zu einem Schriftsteller machen wird. Ich habe sowieso leichte Aversionen gegen die Marke Montblanc (die irgendwie das Äquivalent zu Rolex sind), weil ich seit mehr als einem halben Jahrhundert nur Pelikan benutze. Oder einen geerbten schwarzen dreißiger Jahre Soennecken, aber der leckt leider inzwischen ein wenig. Bei Pelikan gibt es glücklicherweise keine Writers Edition.

Sonntag, 29. Januar 2023

Seume

In Bremen versuchte ichs indessen allein auf meine eigene Hand, und es gelang mir am hellen lichten Tage unter ziemlicher Gefahr. Die nächste Veranlassung war ein Gezänk mit dem Feldwebel über Brotlieferung, in welches sich der kommandierende Offizier etwas diktatorisch handgreiflich mischte. Das Gespenst der Preußen saß mir fest im Gehirn; ich hatte ganz gegen meine Gewohnheit ohne alle Absicht in einigen Gläsern Wein mich etwas warm getrunken und machte kurz und gut auf und davon, am Ufer hin, über die Brücke weg, in die Altstadt hinein. Ein guter, alter, ehrlicher Spießbürger mochte mir doch wohl einige Verwirrung ansehen; er kam freundlich zu mir und fragte: »Freund! Ihr seid wohl ein hessischer Deserteur?« »Und wenn ich denn einer wäre?« sagte ich. »Da muß ich Euch sagen, unser Magistrat hat Kartell mit dem Landgrafen.« Und nun....

An dieser Stelle bricht die Lebensbeschreibung des Johann Gottfried Seume ab. Er ist auf der Flucht. Sein Landgraf Friedrich II von Hessen hatte ihn an die Engländer verkauft. Der ist jetzt ganz groß im Geschäft mit dem Soldatenverkauf an die Engländer. Sein Sohn Wilhelm, wird ihm darin folgen. Die Wilhelmshöhe und die Rembrandts müssen ja irgendwie finanziert werden. Wäre der hessische Landgraf aus meiner Schule hervorgegangen, so würde er seine Untertanen nicht wie Vieh, das an die Schlachtbank geführt wird, an die Engländer verkauft haben. Das ist ein unwürdiger Zug in dem Charakter eines Fürsten. Solches Vertragen ist durch nichts als schmutzige Selbstsucht hervorgerufen, hat Friedrich der Große geschrieben. 

Lassen Sie uns noch einmal zurückspringen zu diesem und nun. Wir sind in Bremen im Spätsommer des Jahres 1783, Seume ist zwanzig Jahre alt. Genau ein Jahr vorher ist er nach mehrmonatiger Überfahrt über den Atlantik in Halifax gelandet. Als Soldat auf Seiten der Engländer, die gegen ihre eigenen Landsleute im Amerika kämpfen. Er wird Indianer sehen, und er schreibt das Gedicht Der Wilde, das früher in jedem Lesebuch war. Und auch heute noch in die Lesebücher gehörte.

Irgendwann hat sein Leiden ein Ende, und das verdankt er einem preußischen General, der eigentlich ein Franzose ist. Guillaume René de l’Homme, Seigneur de Courbière erspart ihm die Strafe des Spießrutenlaufens, er wird ihn begnadigen und ihn zum Hauslehrer seiner Kinder machen. Er sei ihm ein hochherzig mitleidiger Vorgesetzter gewesen, wird Seume schreiben. Leider sagt er uns nicht mehr über seinen Wohltäter, weil ja seine Lebensbeschreibung mit den Worten Und nun abbricht. Der Dichter Christian August Heinrich Clodius, der die →Biographie ergänzte, sagt uns: Der brave General Courbière, welchen die Preußen nach der Schlacht bei Jena mit Achtung öffentlich genannt haben, nahm sich seiner an, erleichterte ihm den Dienst, trug ihm auf, seine Kinder zu unterrichten, und empfahl ihn mehreren Familien. Jetzt hatte Seume keine Not. Aber weil er nicht hoffen durfte, wieder loszukommen, und keine Aussicht hatte, befördert zu werden bei der Einrichtung Friedrichs II., nach welcher nur die Adeligen Offizierstellen erhalten konnten, dachte er an einen neuen Versuch, zu entfliehen, ungeachtet der erste so wenig gelungen war.

Die zweite Flucht geht schief, es drohen hohe Strafen, aber da ist wieder der Baron Courbière, der die Hand über den jungen Mann hält: Zum Unglück war der General, sein Gönner, mit dem Obersten des Regiments gespannt; keiner traute dem andern, um etwas für den Arrestanten gegen die fürchterlichen Kriegsgesetze zu wagen. Die angesehensten Männer in Emden verwandten sich für Seume mit allen Kräften, doch ohne glücklichen Erfolg; vergeblich bat fast die ganze Stadt. Endlich kam die Jugend, an ihrer Spitze die eigenen Kinder des Generals, und baten mit Tränen und Händeringen für ihren geliebten Lehrer um Gnade. »Kinder«, sagte der General, konnte aber vor Wehmut kaum sprechen, »Kinder, ich kann nicht, so gern ich wollte.« – Man nahm Seume die Ketten ab und stellte ihn vor das Kriegsgericht, welches ihn zu zwölfmal Spießruten verurteilte. Finster und schweigend trat er ab, als der Oberst »Halt!« rief. Seume trat wieder vor. Der Oberst sprach weiter: »In Rücksicht des sonstigen guten Betragens des Arrestanten, seines moralischen Lebenswandels und des guten Gebrauchs, welchen er von seinen Talenten macht, auch wegen der Art und Weise, wie er in den Dienst gekommen ist, verwandelt das Kriegsgericht die bestimmte Strafe in sechswöchiges Gefängnis bei Wasser und Brot.« – Der General setzte halblaut hinzu: »Arrestant wird es wohl auch nicht übelnehmen, wenn ihm die Bürger zuweilen ein Stück Braten spenden.« Dieser Wink wurde gut verstanden. Seume schmauste während der sechs Wochen seines Arrestes durch die Gutmütigkeit der Bürger in Emden besser als der General und konnte noch von seinem Überfluß den Kameraden reichlich mitteilen.

Der brave General Courbière hat in diesem Blog natürlich schon einen Post. Die braven Bremer hatten dem flüchtigen Soldaten Seume geholfen, über die Weser zu kommen, das ist nicht vergessen. Es gibt heute in Bremen ein kleines Seume Denkmal, diesen Denkstein hatte Hermann Allmers bezahlt. Er hatte damals dazu gesagt: Jenes Stück im Leben des armen Seume ist der einzige Fall, wo Bremen in Beziehung zu einem deutschen Dichter der Vergangenheit tritt, und zwar ehrenvoll genug, denn es hilft ihm, seinen Schergen entfliehen. Dies Ereignis mahnt zugleich an des Vaterlandes traurigste und schmachvollste Zeit; aber es ist gut und heilsam, daß sich das deutsche Volk auch an solche Dinge und solche Tage erinnert.

Wir nehmen das mit der Erinnerung einmal wörtlich. Johann Gottfried Seume wurde heute vor zweihundertvierzig Jahren geboren. Es lohnt sich, an ihn und sein Leben zu erinnern. Und zwei Zitate hätte ich auch zu bieten: Die wahre Freiheit ist nichts anderes als Gerechtigkeit und Das Loos des Menschen scheint zu seyn, nicht Wahrheit, sondern Ringen nach Wahrheit; nicht Freiheit und Gerechtigkeit und Glückseligkeit, sondern Ringen darnach. Und vom Baron Courbière habe ich noch den schönen Satz, den er dem französischen General Savary sagen ließ, der ihm mitteilte, es gäbe keinen König von Preußen mehr (Der Herr, dem Sie zu dienen behaupten, hat uns alle seine Rechte überlassen, indem er uns seine Staaten überließ). Nachdem der Parlamentär, der Oberstleutnant Charles Jean Louis Ayme, ihm das vorgelesen hat, wird Courbière die berühmten Sätze sagen: Votre Général me dit ici qu’il n’y a plus un Roi de Prusse, puis que les Français ont occupé ses états. Eh bien, ça se peut; mais s’il n’y a plus un Roi de Prusse, il existe encore un Roi de Graudenz. Dites cela à votre général.

Freitag, 27. Januar 2023

sag' kein Wort!


Wenn der Pastor Dir die Geschichte von der Leica erzählt, sag’ kein Wort, flüsterte mein Bruder mir im Vorübergehen mit verschwörerischem Ton zu. Kein Wort! Er hastete weiter, dies war seine Hochzeit. Wir waren im obersten Stockwerk des Hotels Maritim, der Saal war voll. Eine halbe Stunde später hatte ich den Pastor neben mir. Mit einer kleinen Kamera. Die müsse er mir unbedingt zeigen, wo ich doch auch photographiere. Die Canon A1 mit aufgeschraubtem Motor und Blitzlichtgerät in meiner Hand verriet mich als den Festphotographen. Und dann erzählt er mir die Geschichte seiner Kamera, und da wusste ich, weshalb ich kein Wort sagen durfte. Ein Industrieller, der ein Ferienhaus in seiner Gemeinde hatte, war bei einem Reitunfall verunglückt und war danach den Verletzungen erlegen. Der Pastor hatte ihn vor seinem Tod täglich am Krankenbett besucht; und nach seinem Tod hatte die Witwe ihm aus Dankbarkeit einen großen Holzkoffer mit Photoapparaten geschenkt. Da waren zwei Leicas drin und ein halbes Dutzend Leitz Objektive. Spezialobjektive, die er für seine Arbeit brauchte, hatte ihm die Witwe gesagt. 

Ich wusste, was so was kostet. Ich hatte gerade kurz vorher einen ähnlichen Koffer im Schaufenster von Photo Doose im Knooper Weg bewundert, ohne Spezialobjektive. Es war eine Leica Ausrüstung, die Edgar Wallace einmal seiner Tochter Penelope geschenkt hatte. Überall der Name eingraviert. Kam mit der Rechnung eines Londoner Photohändlers und einem Brief von Edgar Wallace, und war preislich mit 2.500 Mark eigentlich sehr niedrig angesetzt. Ich war damals stark in Versuchung, das Konvolut zu kaufen, machte morgens auf dem Weg zur Uni einen kleinen Umweg und starrte zehn Minuten lang in das Schaufenster. Aber was sollte ich damit? Ich war kein Edgar Wallace Fan. Ich kaufte mir ein Jahr später eine alte Leica IIIg aus dem Jahre 1943. In deren Gehäuse witzigerweise auch der Name Wallace eingraviert war; das hatte allerdings nichts mit Edgar Wallace zu tun, viele Besitzer ließen sich damals ihren Namen in das Gehäuse der Leica eingravieren. 

Der Pastor konnte mit dem schönen Geschenk nichts anfangen, und so hatte es sein Küster übernommen, die Ausrüstung zu verkaufen. Stellen Sie sich vor, der ist damit nach Hamburg gefahren, nach St Pauli, und er hat den Kasten mit den Kameras gegen diese schöne kleine Kamera eingetauscht. Es ist schwer, in solchen Augenblicken ernst zu bleiben, aber ich war ja durch meinen Bruder gewarnt. Ich sagte kein Wort. Wenn ich mal von einem Wert von zehntausend Mark für den Leica Koffer ausgehe und davon die hundert Mark abziehe, die die Kamera des Pastors gekostet hat, ist für den Küster bestimmt noch eine rauschende Nacht auf der Reeperbahn oder der Herbertstraße übrig geblieben. Da hat es sicherlich auch noch eine liebe Kleine gegeben, die nicht nein sagte, und die bis morgen früh um neune seine kleine Liebste sein würde. Ich nehme an, dass er jetzt in der Hölle schmort.

Montag, 23. Januar 2023

Die Kartause von Parma


Heute vor zweihundertvierzig Jahren wurde Marie-Henri Beyle geboren, der sich als Schriftsteller Stendhal nannte. Der große Egoist, dem wir Sätze wie chacun pour soi dans ce désert d'égoïsme qu'on appelle la vie verdanken, war schon häufig in diesem Blog. Vor zwölf Jahren habe ich in dem Post Stendhal über den Roman Die Kartause von Parma geschrieben: Die Waterloo Szene des Romans (hier eine Leseprobe der neuesten Übersetzung) ist am 17. Mai 1839 im Constitutionnel sozusagen als Kostprobe des Romans veröffentlicht worden, am gleichen Tag erschien der Roman. Stendhal hat die Kartause von Parma in knapp zwei Monaten geschrieben, wie in einem Rausch, fünfzehn Stunden am Tag. Und dazu sagt er noch: Während ich die 'Kartause' schrieb, habe ich jeden Morgen, um den Ton zu stimmen, zwei, drei Seiten im Bürgerlichen Gesetzbuch gelesen. Ich wollte immer natürlich sein. Hatte je zuvor ein französischer Schriftsteller gesagt, dass das Stilideal des Französischen der Code Civil ist? 

Stendhal schickte eins der ersten Exemplare an Balzac, den König der Romandichter unseres Jahrhunderts. Balzac hat im September 1840 in seiner Revue Parisienne einen langen Essay über die Kartause von Parma geschrieben, der einem beinahe die Lektüre des Romans erspart. Wann erzählt schon einmal ein Schriftsteller den Roman eines Kollegen mit seinen Worten nach? Stendhal hat sich herzlich für diese Reklame bedankt. Der Balzac Essay ist der neuesten deutschen Übersetzung der Kartause von Elisabeth Edl (Hanser Verlag 2007, dtv 2009) beigegeben, womit das Buch auf die stattliche Länge von 998 Seiten kommt. Meine schöne alte Propyläen Ausgabe von 1921 mit dem roten Lederrücken, die mir Harald Eschenburg (senior) einst verkaufte, bringt es nur auf 570 Seiten. Der Roman ist auch in der Hanser Ausgabe nicht länger, aber es gibt einen 340-seitigen Anhang über den sich jeder Philologe freut. Vielleicht auch mancher Leser, der zu den happy few gehört, denen Stendhal den Roman widmete. 

Das kann ich alles so stehen lassen, aber ich möchte doch etwas hinzufügen, über die Nachworte der Stendhal Übersetzungen des Hanser Verlags, über den Hanser Verlag und seine Übersetzer. Der Münchener Verlag ist in diesem Jahrhundert durch eine Vielzahl von Neuübersetzungen hervorgetreten, die die Kritiker begeistert haben. Barbara Conrads Übersetzung von Krieg und Frieden und Rosemarie Tietzes Übersetzung von Anna Karenina sind von der Kritik ausführlich gewürdigt worden. Und auch in diesem Blog tauchen diese Übersetzungen auf. Aber bei Hanser gibt es noch viel mehr an neuübersetzter Weltliteratur. Die Moby-Dick Übersetzung von Matthias Jendis, die Daniel Göske herausgegeben hat, muss auch genannt werden. Daniel Göske hat für Hanser Joseph Conrads Shadow Line übersetzt. Und er hat gerade zusammen mit Maren Ermisch Fontanes Ein Sommer in London für den Aufbau Verlag fertiggestellt. Der Band der Großen Brandenburger Ausgabe erschien im Dezember. Hat jetzt nichts mit dem Hanser Verlag zu tun, aber ich musste das mal eben erwähnen, da ich Daniel Göske kenne, und Maren Ermisch mal meine Studentin war. Ich habe aus Elisabeth Edls Übersetzung der Kartause einiges in dem Post Kanonengedröhn zitiert. Ich glaube, dass die Leistungen der beiden Tolstoi Übersetzerinnen größer waren als die Stendhal Übersetzungen von Edl, die werbemäßig davon profitierte, dass ihr Ehemann Verlagslektor bei Hanser war.
 
Mein erstes Buch von Stendhal war 1962 Lucien Leuwen, übersetzt von Walter Widmer. Kostete in der Reihe Exempla Classica des Fischer Verlags damals 4,80 DM. Ich hatte den Plan, alle hundert Bände der Reihe Exempla Classica zu lesen, weil ich mit einundzwanzig die Weltliteratur gelesen haben wollte. Das ist mir nicht ganz gelungen, aber ich war nah dran. Fischer hatte für jeden Band der Reihe einen renommierten Fachwissenschaftler gewonnen, der ein Nachwort zu dem Roman schrieb. Für diesen Band hat das Fritz Schalk getan. Der Einzelband von Fischers Exempla Classica kostete damals 2,40 DM, ein Großband 3,60 und ein Doppelband 4,80. Fünfundzwanzig Bände erschienen pro Jahr, in vier Jahren hatte man die Meisterwerke der abendländischen Literatur komplett. Die Bände enthielten ein Nachwort, Anmerkungen und eine kleine Bibliographie, dafür hatte der Gesamtherausgeber Walter Killy gesorgt. Was im Rückblick zu kleinen Kuriositäten führte: Cervantes' Exemplarische Novellen wurden von dem Widerstandskämpfer Werner Krauss herausgegeben, Schillers Gedichte (Band 89) von dem Nazi Benno von Wiese. 

Was mich besonders interessierte, war natürlich die englische Literatur; und so lernte ich durch die Nachworte den Anglistikprofessor Rudolf Sühnel kennen, obwohl die Universität noch in weiter Ferne lag. Weil ich sein Nachwort zu Jane Austens Emma gelesen hatte. Und natürlich das zu Joseph Conrads Die Schattenlinie. Und zu Thackerays Die Geschichte des Henry Esmond. 

In der Reihe Rowohlts Klassiker der Literatur und der Wissenschaft versuchte man, mit diesem wissenschaftlichen Anspruch mitzuhalten. Thackerays Vanity Fair wurde dort von Mira Koffka übersetzt, das Nachwort schrieb Fritz Wölcken, der durch sein Buch über den Krimi berühmt geworden war. Und der Band von Coopers Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna hatte ein Nachwort von dem berühmten Amerikanisten Hans-Joachim Lang, der nach vielen Jahren endlich einen Wikipedia Eintrag hat. Rowohlt hatte auch einen Roman von Stendhal im Programm. Das war Die Kartause von Parma in der Übersetzung von Walter Widmer, mit einem Essay Zum Verständnis des Werkes und einer Bibliographie von Rudolf Baehr. Walter Widmers Sohn, der Schriftsteller Urs Widmer, hat in einer Rezension gesagt, dass Elisabeth Edl die bisherige Referenz-Übersetzung seines Vaters übertroffen habe:  Es ist in der Tat faszinierend und lehrreich zu sehen, wie eine Übersetzung, die einmal die Leser und Leserinnen durchaus entzückt hat, alt werden kann. Denn Elisabeth Edl tut eigentlich nichts anderes, als Stendhal unvoreingenommen und genau zu lesen. Sie hat ein wunderbar sicheres Gespür für seine Lakonie und gerät nie in Versuchung - wie dies meinem Vater immer wieder geschah -, Stendhal sozusagen nach oben zu schreiben. Ihn 'besser' zu machen, 'schöner', oder scheinbar unvollständige Satztrümmer stillschweigend zu ergänzen.

In gewisser Weise setzt der Hanser Verlag mit seinen Nachworten zu Die Kartause von Parma und Rot und Schwarz das fort, was Fischer und Rowohlt in den sechziger Jahren begonnen hatten. Romane mit einem Nachwort sind eine schöne Sache, auch wenn es nicht unbedingt 340 Seiten lang sein muss, wie das Nachwort der Hanser Ausgabe der Kartause. Das in manchen Teilen im übrigen wortgleich ist mit Edls Nachwort zu Stendhals Rot und Schwarz. Es ist immer gut, wenn man etwas recyclen kann, ich mache das auch. Beim Projekt Gutenberg kann man Die Kartause von Parma in der Übersetzung von Dr Arthur Schurig lesen. Die Übersetzung ist hundert Jahre älter als die von Elisabth Edl, aber man kann sie immer noch lesen. Dies gelbe Zeug hier braucht man dafür nicht unbedingt.



Donnerstag, 19. Januar 2023

Made in Italy: Fray


Die italienische Firma Fray ist nicht so bekannt wie Borrelli, Finamore oder Lorenzini. Es gibt sie seit 1962, und seit 1991 hat sie noch eine Schwesterfirma, die Pegaso heißt. Die stand kurz vor dem Untergang, da hat die Firma Fray sie gekauft. Es gibt qualitativ und preislich keinen Unterschied zwischen den beiden Firmen. Die Hemden tauchen selten bei ebay auf, dieses hier allerdings letztens schon. Neu und ungetragen. Kostete im Sofortkauf fünfzehn Euro, habe ich sofort gekauft. Sie wollen lieber nicht wissen, was solch ein Hemd im Laden kostet. Meine Fray und Pegaso Hemden haben mich vor vielen Jahren nie mehr als zehn Mark in einem Secondhand Laden gekostet. Deshalb habe ich ganz viele davon. Und kann leicht etwas über ihre Qualität sagen.

Es sind unauffällige, ja geradezu langweilige Hemden. Sie sind meistens weit geschnitten und haben all das, was ein italienisches Luxushemd ausmacht: Handarbeit, handgenähte Knopflöcher, perfekte Musteranpassung, Nähte mit zehn Stichen pro Zentimeter, erstklassige Stoffe und dicke Knöpfe. Und manchmal noch unten am Hemd, der Knopfleiste gegenüber, ein kleines Stück zusätzlichen Stoffs, das verhindert, dass das Hemd aus der Hose rutscht. Sie haben keine Dreiecke in den Seitennähten wie das Finamore und Borrelli haben. Sie haben da einen kleinen fünfeckigen Stoffknubbel. Den man genauso bei den Hemden von Werner Scherer und Rudolf Böll findet. Das Geschäft von Rudolf Böll in Rottach-Egern scheint dem Untergang geweiht. Die prachtvolle Internetseite ist gelöscht und Teile der Kollektion werden jetzt von Werner Scherer mit Sonderpreisen verkauft.

1962 eröffnete Lucia Pasin in Bologna in der Via Borgonuovo ihr Atelier und nähte Hemden. Der Anfang der Firma Fray ähnelt dem Anfang der Firma Finamore, wo Carolina Finamore in Neapel auch in einem kleinen Atelier begann. Lucia Pasin hat später über ihre Arbeit gesagt: La passione per il proprio lavoro è una forza che non si esaurisce e non ci esaurisce. Come in amore, se c’è passione ed anima si investe tutto in se stessi e si è sicuri di farcela senza stancarsi mai. Lavoro oggi con lo stesso entusiasmo di allora. Das ist klar, dass die Italiener auch beim Nähen von Hemden das Wort amore ins Spiel bringen müssn. Angeblich, so erzählt man in der Firma, streichelt Signora Lucia jedes Hemd, bevor es verpackt wird. Fray Hemden sollen dem Träger, der natürlich un uomo di cultura, amante della raffinatezza ist, Glück bringen. Das kleine Atelier wurde größer, Lucia Pasins Ehemann Giorgio Randi kümmerte sich um den Vertrieb und man zog nach Casalecchio Di Reno, was etwas außerhalb von Bologna ist.

Die Firma Fray kann auch etwas anderes, als unauffällig und langweilig zu sein. Das zeigte schon das Pegaso Hemd im ersten Absatz. Und erst recht dieses etwas exzentrische Hemd, das habe ich während des Schreibens dieses Posts getragen. Es hat ein Etikett von Werner Scherer in München, produziert wurde es von Frays Tochterfirma Pegaso. Das weiß ich, weil ich alle Details von Pegaso Hemden kenne und auch mehrere Werner Scherer Hemden besitze. Natürlich zu den Preisen der Secondhand Händler, dies hier hat mich bei ebay zwanzig Euro gekostet. Es ist ein sehr gutes Hemd, wenn eben auch ein bisschen exzentrisch. Aber das darf ich sein.

Viele Firmen in Italien sind untergegangen, wie zum Beispiel Lorenzini; Fray und Pegaso sind immer noch da. Sie gehören nicht zu den Großen, man schätzt, dass Signora Lucia in den letzten fünfzig Jahren vier Millionen Hemden gestreichelt hat. Ihr Ehemann ist vor sechs Jahren gestorben, inzwischen sind die Enkel auch im Geschäft. Man hat seit einigen Jahren einen Showroom auf der Via Montenapoleone, wo die ganze italienische Mode sitzt. Sie waren auch letzte Woche auf dem Pitti Immagine Uomo vertreten. 

Man kann Fray Hemden in Italien und Japan kaufen. Und in den USA bei Neiman Marcus, Bergdorf Goodman und ähnlichen Läden. Und in den Benelux Staaten, wie zum Beispiel bei Degand in Brüssel. Ob es wirklich in Kiew ein Geschäft gibt, das Fray Hemden verkauft, wie auf dieser Liste steht, das bezweifle ich. In Deutschland wird es schwierig, ein Fray Hemd zu finden. Braun in Hamburg führte mal die Marke, tut das aber nicht mehr. Kennt niemand, zu teuer. Braun hat jetzt Bagutta im Programm, was früher eher eine Billigmarke war, jetzt aber zum Premiumhemd deklariert wird. Offenbar hat die Firma Fray auch mal ein Rasierwasser auf den Markt gebracht, ich weiß nicht, ob man das braucht. Auf der Internetseite von Fray steht: We want every man who wears our shirts to know he is visibly elegant. Das reicht doch.