Dienstag, 16. Juli 2024

Bankgeschäfte


Als ich meinen Namen auf den Verrechnungsscheck schrieb, fragte mich der Bankangestellte: Können Sie mir sagen, was dieses 'VG Wort' auf dem Scheck bedeutet? Ich habe in dieser Woche schon dutzende solcher Schecks in der Hand gehabt. Ich sagte ihm, dass VG Wort die Verwertungsgesellschaft Wort ist. Sozusagen die GEMA der Schriftsteller und Wissenschaftler. Einmal im Jahr zahlen die Tantiemen, mit Verrechnungsschecks. Die Tantiemen waren nicht großartig, eher zweistellig. Aber die Zeit, in der ich Bücher (eins hat mir mal einen Golf finanziert) und Aufsätze schrieb, liegt nun auch schon lange zurück. Ich könnte als Blogger für Posts, die mehr als tausendmal angeklickt werden, auch ein Honorar bekommen, aber dann müsste ich für jeden Post einen Antrag stellen. Hat mir die VG Wort gesagt. Posts mit mehr als tausend Lesern habe ich genug, aber fülle ich dafür einen Antrag von der Größe einer Einkommensteuererklärung aus? Ich habe der VG Wort höflich mitgeteilt, dass sie ein klein wenig weltfremd seien. Dieser Blog kostet den Leser nichts, und ich will auch nichts daran verdienen. Punkt.

Samstag, 13. Juli 2024

Prinzenbad


Ich sehe durch einen Spalt und sehe: ihre roten Haare. Ich tippe: an die Tür und sie lehnt auf dem Tisch mit der Klebepresse und der Andere fickt sie von hinten und er ist immer noch klein und schmächtig und er trägt immer noch Lackschuhe und in seinen Haaren ist immer noch Pomade und sie sagt: das ist geil, und ich sehe ihnen zu und dann stehe ich auf und dann laufe ich leise über das Dach und dann schleiche ich - Vorgreifen, Stützen, Schwung und drei Stufen die Eisentreppe hinunter und dann gehe ich über den Hof und dann winkt die Frau im Foyer und dann winke ich nicht, wozu auch, und dann gehe ich durch die Einfahrt und dann bin ich in der Stadt. So hört der Roman Prinzenbad von Michael Wildenhain auf. Er hatte mit Sex angefangen, dann muss er auch mit Sex mit der kleinen Rothaarigen aufhören. Bei dem Sex auf der ersten Seite des Romans ist die kleine Rotharige allerdings nicht dabei. Weil der Text der ersten Seite gar nicht von Wildenhain stammt, der ist aus Samuel Becketts Molloy. Das wissen wir als Leser, weil es auf der letzten Seite des Romans einen Zitatnachweis gibt. Wir sind in der Postmoderne, da wird in Romanen gerne zitiert, aber dies war der erste Roman, den ich las, in dem die Zitate mit Seitenzahlen aufgelistet wurden. Eine ganze Seite kleingedruckt und pickepackevoll.

Reiner Brasch wird in dem Roman häufig zitiert, immer wieder. Und eine Autorin namens Jayne Anne Phillipps mit ihrem Buch Das himmlische Tier. Auch David Bowie und Jim Morrison, Bertolt Brecht und William Faulkner sind mit Zitaten in dem Roman. Aber auch Humphrey Bogart mit Ich schau dir in die Augen, Kleines. Wer hier nicht genannt wird, ist Louis-Ferdinand Céline, denn manches hier klingt ein wenig nach Célines Voyage au bout de la nuit. Bei Célines Tod sprach der Spiegel von Célines rüde, entfesselte, krakeelende, unflätige, wortgewaltige Trümmersprache voll Hohn, Haß und galligem Humor. Manchmal klingt Prinzenbad auch so.

Wir sind mit diesem Roman nicht in dem Prinzenbad auf der Prinzeninsel im Großen Plöner See, wo die Söhne des Kaisers das Schwimmen erlernt haben. Und wo Jil Sander wohnte. Wir sind in dem Sommerbad Kreuzberg, das an der Prinzenstrasse liegt und von den Berlinern auch Prinzenbad genannt wird. Mein Kreuzberg sah in den frühen sechziger Jahren ganz anders aus als das Kreuzberg von Wildenhain. Mit dem Roman Prinzenbad sind wir in der Berliner Hausbesetzerszene der achtziger Jahre. Deren Teil der Autor selbst gewesen ist. Jetzt ist er dreißig Jahre alt, macht sich als Schriftsteller selbstständig und schreibt diesen Roman. Im Berliner Rotbuch Verlag, wo sonst.

Die Cheflektorin vom Rotbuch Verlag Gabriele Dietze hatte Wildenhains ersten Roman zum beispiel k. angenommen, weil sie von der Sprache beeindruckt war: und k, schmeißt und fühlt sich gut, im kopf die bilder von brokdorf noch frisch, im bauch die Lust, ein fiebern, und eine ahnung von frühling, revolution, k, flankt über den zaun zum mittelstreifen, wannen, wannen, ein brett auf die straße. Ein müllcontainer, DIE STRASSEN KOMME ICH ENTLANGGEWEHT / VOM WEICHEN GLÜCKE GANZ BELAUBT, k rennt, rennt mit wenigen leuten [...] k, läuft, die Luft ist lachen. Sie hat später dazu geschrieben: Und doch scheine ich die Kladde bald zur Hand genommen zu haben. Kleinschreibung, stöhne ich, das ist so mühsam zu lesen. Impressionen in abgehackten Sätzen, keine narrative Grundlinie. Ich bin schon dabei das Manuskript für später, die Manuskriptablehnungstage, zur Seite zu legen, als ich auf die Zeilen stoße DIE STRASSEN KOMME ICH ENTLANG GEWEHT, VON WEICHEM GLÜCKE GANZ BELAUBT. Ich stutze. Das ist ja fast nicht zu glauben. Ein Hausbesetzer zitiert meinen Lieblingslyriker, den Expressionisten Ernst Blass. Den kennen eigentlich nur Eingeweihte und Germanisten. Dietze wird Prinzenbad, den Gedichtband Das Ticken der Steine und den Roman Die kalte Haut der Stadt lektorieren. Falls Sie den Expressionisten Ernst Blass kennenlernen wollen, Projekt Gutenberg hat hier seine Gedichte.

Oliver Tolmein hat im Deutschlandfunk über Prinzenbad gesagt Wildenhains Roman ist kein Touristenguide, er führt die Szene nicht vor, sondern schreibt aus ihr heraus. Der Deutschlandfunk hat 2018 zum sechzigsten Geburtstag ein langes Feature über Wildenhain gesendet. Prinzenbad ist ein schmutziger kleiner Roman, hundert Seiten lang. Aber er zeigt, welches Potential in dem Autor steckt. Irgendwie hat er etwas mit Karl Mickinns Altweibersommer und Gerd-Peter Eigners Roman Brandig zu tun. So schmutzig der Roman ist, enthält er doch viel Lyrisches. Auch ein wenig Expressionismus.

Wildenhain wird neben den vielen Romanen noch ein halbes Dutzend Gedichtbände veröffentlichen. Und viele Literaturpreise bekommen. Zu seinem sechzigsten Geburtstag hat er eine Art Festschrift von seinen Freunden bekommen. Gabriele Dietze war auch dabei. Ich habe mal mit ihr korresondiert, als sie beim Rotbuch Verlag eine Krimireihe etablierte. Sie hat dann eine Doktorarbeit geschrieben, die als Buch unter dem Titel Hardboiled Woman erschien. Kostet bei ebay 10€, Sie können das aber hier unentgeltlich lesen, wenn Sie den Titel anklicken. Ist kein gutes Buch. Ich habe ja zu den amerikanischen Hardboiled und Tough Guy Helden, den femme fatales und den Good-Bad Girls eine Menge geschrieben, lange bevor ich Blogger wurde. Aber mein Name taucht nirgends in ihrem Literaturverzeichnis oder in den Fußnoten auf. Da wollen wir mal hoffen, dass sie mit dem Edieren der Texte von Wildenhain etwas sorgfältiger gewesen ist.

Prinzenbad ist in gewisser Weise die Vorstudie für den Kreuzbergroman Die kalte Haut der Stadt (wenn Sie den Link anklicken, sind Sie mittendrin). Man kann die ersten drei Romane zum beispiel k., Prinzenbad und Die kalte Haut der Stadt als eine Kreuzberg Trilogie sehen. Von dem, was einmal war, ist der Autor inzwischen weit weg, wie man diesem Interview entnehmen kann. Prinzenbad war für mich vor Jahrzehnten ein Grabbelkastenfund. Ich wusste nichts über Wildenhain, und es gab kein Internet, in dem man alles fand, was man suchte. Aber als ich hier zu schreiben anfing, dachte ich mir, dass ich über diesen Roman schreiben müsste und legte ihn mir auf den Schreibtisch. Ich legte mit der Zeit noch andere Bücher drauf. Jetzt habe ich das Buch aus dem Stapel herausgezogen, jetzt ist es in meinem Blog. Trappatoni würde sagen: ich habe fertig. Das Buch kostet bei ebay vier Euro, es ist mehr wert.

Dienstag, 9. Juli 2024

Centenaire

Der Schulrat war früh gekommen, der Examenskandidat war noch nicht da. Ich musste vor der Prüfung noch ein wenig Konversation machen. Das ist eine schöne Omega Seamaster, die Sie da am Arm haben, sagte ich. Ja, sagte er, Ich habe sie schon lange. Woher wissen Sie, dass das eine Seamaster ist? Ich sammle Uhren, sagte ich. Teures Hobby, sagte er. War es wirklich ein teures Hobby? Vor mehr als dreißig Jahren bekam man für zehn Mark schon etwas Schönes auf dem Flohmarkt, für einen Fuffi schon etwas Besseres. Teurer wurde es, als der Euro kam, weil die Flohmarkthändler alles im Verhältnis 1:1 umrubelten. Heute ist das Sammeln von Uhren wirklich zu einem teuren Hobby geworden. Ich höre auch langsam damit auf, diese Eterna habe ich mir gerade noch gegönnt. Sie sieht in Wirklichkeit viel besser als auf den Photos hier, eigentlich ist sie Fabrikneu. Jetzt habe ich ein Dutzend Uhren der Präzisionsuhrenfabrik aus Grenchen, die zwei Quarzuhren nicht mitgezählt. Mein Opa hatte sich vor hundertzwanzig Jahren eine silberne Eterna Taschenuhr gekauft, mein Vater hatte eine Eternamatic, Eterna lag für mich also ein wenig in der Familie.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Grenchen (Granges) anderthalbtausend Einwohner, das wird sich durch die Uhrenfabriken Eterna, ETA und ASSA (Adolph Schild SA) gewaltig ändern. Aber vorher ist das einzig Erwähnenswerte im Ort das Heilbad, das der Landwirt Josef Girard 1818 gegründet hat. Girard war ein liberaler Politiker, sein Sohn, der auch Josef Girard heißt, wird Arzt werden und als Kurarzt das Bad leiten. Das Wasser der Bachtelen Quelle scheint eine große Heilwirkung gehabt zu haben. Das Bachtelen-Bad wurde in den 1830er Jahren auch zu einem Zufluchtsort liberaler Emigranten wie Karl Mathy und Giuseppe Mazzini. Auch der Schriftsteller Gustav Freytag war einmal hier, er wird 1870 die Geschichte des Karl Mathy (hier im Volltext) schreiben.

Der Dr Josef Girard, der sich in den politischen Richtungskämpfen der Schweiz nach Abzug der Franzosen wie sein Vater auf die Seite der Liberalen schlägt, gründet 1852 mit seinem Bruder Euseb die erste Uhren- beziehungsweise Rohwerkfabrik in Grenchen, die Firma Girard Frères & Kunz. Diese Fabrik hat kein langes Leben, 1855 wird die Fabrik, die vieleicht hundert Arbeiter beschäftigte, wieder geschlossen. Ein Jahr später wagt Dr Girard einen zweiten Versuch und gründet zusammen mit dem Lehrer Urs Schild die Fabrique d'Ebauches, Finissages et Echappements Dr. Girard & Schild. Der 28-jährige Lehrer Urs Schild hatte bei seinem Vater Anton schon eine erste Ausbildung als Uhrmacher bekommen, denn 1851 hatte Anton Schild zusammen mit Josef Girard eine Lehrwerkstätte für Uhrmacher gegründet. Mit Zuschüssen der Gemeinde wurden die ersten Uhrmacherlehrlinge in Grenchen ausgebildet. 

Zehn Jahre nach der Gründung von Dr Girard & Schild lässt sich der Arzt von Urs Schild seine Anteile für 35.000 Franken ausbezahlen und kehrt in seinen Arztberuf zurück. Die Uhrenfabrik, die zuerst nur Rohwerke (blancs) herstellte und erst seit 1875 ganze Uhren baut, wird seit 1882 Eterna heißen. Das ist lateinisch und heißt ewig. Die Eterna wird über hundert Jahre im Familienbesitz bleiben, das ist nicht ewig, aber doch sehr lange. Schilds Bruder Adolph Schild, ein gelernter Uhrmacher, ist Technischer Direktor der Eterna, er wird schon in dem Post AS 5008 erwähnt. Im Streit mit dem Sohn seines Bruders verlässt er nach dem Tod von Urs Schild die Eterna und gründet mit Hilfe seiner Ehefrau Pauline Schild-Hugi seine eigene Rohwerkefabrik A. Schild & Cie, die nach dem Börsengang Adolph Schild SA heißen wird. 

In einem halben Jahrhundert ist Grenchen aus einem Bauerndorf, das einmal die Zufluchtsstätte liberaler europäischer Emigranten war, mit drei Uhrenfabriken (Eterna, ETA und ASSA) zu einem Zentrum der Uhrenfabrikation der Schweiz geworden. Dazu hat natürlich auch beigetragen, dass die Eisenbahn von Solothurn nach Biel seit 1858 auch in Grenchen hielt. Eine Poststelle hatte Grenchen gerade bekommen, als Girard und Schild ihre Fabrik eröffneten, aber zwanzig Jahre später war die Straße zu Schilds Fabrik immer noch nicht gepflastert. Fortschritt bedeutete in der Schweiz damals, dass alles etwas länger dauert. Aber einen kleinen Flugplatz wird die Stadt 1931 doch noch bekommen, dafür sorgt Adolf Schild-Behnisch, der Sohn von Adolph Schild.

1956 kann der Enkel des Gründers Dr Rudolf Schild-Comtesse auf hundert Jahre Eterna zurückblicken. Man tut das mit einer großen Feier und einem neuen Uhrenmodell, der Eterna Centenaire. Aber Dr Schild wird in seiner Festrede auch sagen, dass es trotz aller Erfolge der Eterna, für die Schweizer Uhrenindustrie schwere Zeiten geben wird. Meine alte Centenaire sieht nicht so schön aus wie diese Uhr hier, das Zifferblatt ist bräunlich geworden. Es steht auch nicht Centenaire auf dem Zifferblatt, nur 21 Jewels. Denn das war neu, einundzwanzig Steine hatten die Automatikwerke der Firma bisher nicht gehabt. Die gab es nur in den neuen Kalibern 1427, 1428 und 1429, die eine Werkhöhe von 4,5 mm hatten. Mit denen wurde die Uhr damals die flachste Automatikuhr der Schweiz. Das Werk hatte einen glatten Glucydur Unruhreif (keine Schräubchen mehr an der Unruhe) und ein bewegliches Spiralklötzchen (damit kann man eine Asymmetrie des Ganges korrigieren). Es ist 13 Pariser Linien (beinahe drei Zentimeter) groß und hat mit 11,5 mm eine relativ große Unruhe. Das Werk hat bei Vollaufzug eine Gangreserve von 48 Stunden. Nach einem halben Jahrhundert sind diese Werke immer noch state-of-the-art.

Es ist auch das erfolgreichste Automatikwerk der Schweiz, denn es ist die Basis für alle Automatikwerke der ETA gewesen. In jedem ETA 2824-2 (auch in den Tudor Uhren von Rolex) steckt heute noch ein wenig von dem Centenaire Werk. Die Centenaire wurde damals mit Prominenten beworben, da finden sich in Anzeigen dann solche Sätze: Grosse Künstler wissen, dass die Uhr ihre Persönlichkeit widerspiegelt. Die Wahl Yehudi Menuhins, des grossen Violin-Virtuosen, fiel auf Eterna Matic 'Centenaire', die allein seine hohe Forderung nach äussertster Präzision und ausgeprägtem Stil erfüllt. Bei der goldenen Uhr von Yehudi Menuhin (die damals 465 Mark und mehr kostete) stand das Centenaire auf dem Zifferblatt, bei meiner steht es nur in schöner Schreibschrift auf dem Gehäuseboden. Mit einem großen C mit Kringelchen dran.

Bei meiner neuesten Eterna steht noch das Wort Chronometer auf dem Zifferblatt, denn die Firma Eterna stellte auch Uhren her, die eine Chronometerzertifikat besaßen. Man schrieb aber nur Chronometer auf das Zifferblatt, nicht officially certified, wie Omega und Rolex das taten. 1955 konnte man in dem Magazin DU lesen: Eterna gehört zu den 'Grossen Drei'. Die offizielle Statistik erwähnt Eterna unter den drei größten Chronometer-Produzenten der Schweiz. Damals war Eterna hinter Omega und Rolex auf Platz drei der Chronometerproduzenten. Allerdings nicht mehr lange, denn die Zahlen von Eterna Chronometern waren doch eher klein. Von 1938 bis 1975 hat es nur 36.000 geprüfte Chronometer gegeben, so viele Chronometer bauen sowohl Omega als auch Rolex 1958 in einem einzigen Jahr. Ob mein neuer Eterna Chronometer so genau gehen wird wie im Jahr seiner Herstellung 1960, das weiß ich noch nicht. Aber nach vierzehn Tagen kann ich sagen, dass die Uhr in den sieben Tagen einer Woche knapp dreißig Sekunden zu schnell geht. Dafür könnte sie auch noch heute ein Zetifikat bekommen.

Eterna warb nicht nur mit Yehudi Menuhin, Brigitte Bardot und Gina Lollobrigida, man warb auch 1956 mit dem Uhrmacher Hans Koller, der seit fünfzig Jahren für die Fabrik arbeitete. Eigentlich hätten sie mit ihrem Chefkonstrukteur Heinrich Stamm, firmenintern nur Daniel Düsentrieb genannt, werben sollen. Denn der hatte 1948 die Eternamatic erfunden. Eine Automatikuhr, bei der der Rotor in einem Kugellager mit fünf winzig kleinen Kugeln gelagert wird (30.000 von ihnen würden in einen Fingerhut passen). Die fünf Kugeln werden zum Markenzeichen von Eterna. Beinahe 95 Prozent aller Schweizer Automatikuhren, die heute gebaut werden, das muss ich noch einmal wiederholen, basieren auf dem Eterna Automatikwerk von Heinrich Stamm.  

Das hier ist Rudolf Schild-Comtesse mit seinen Söhnen. Claude, der die Solothurner Zeitung liest, wird der letzte aus der Familie bei der der Eterna sein.Bettina Hahnloser, die Enkelin von Dr Rudolf Schild, hat ein sehr informatives Buch über ihren Großvater geschrieben: Der Uhrenpatron und das Ende einer Ära: Rudolf Schild-Comtesse, Eterna und ETA und die schweizerische Uhrenindustrie. Das Buch, das 2015 im Verlag der Neuen Zürcher Zeitung erschien, ist noch lieferbar. 

Obwohl die Eterna Quarzuhren baut (und 1980 sogar die flachste Quarzuhr der Welt), beginnt sie, in der Quarzkrise unterzugehen. Wie so viele Schweizer Firmen. Um nicht Konkurs anmelden zu müssen, schliesst man sich mit der Société suisse pour l’industrie horlogère zusammen. Dann wird die Eterna von der SMH (die heute Swatch Group heißt) aufgekauft. Dann kaufte der Schweizer Industrielle Franz Wassmer mit seiner Portland Cement Werk Gruppe, die schon de Sede und Charles Jourdan besaß, die Firma. Dann kam der Designer Ferdinand Alexander Porsche. Und Eterna muss bauen, was der Designer erfindet. Eine englische Zeitung schrieb über den schwarzen Porsche Design Chronographen (hier rechts im Bild), dass man das hässliche Teil bestenfalls zu einer Beerdigung tragen könne. Aber es gibt immer noch Sammler dafür. Ich würde das Teil nicht für geschenkt nehmen. Meine Eterna Uhren sind aus der Zeit von 1937 bis 1969, als Eterna die Concept 80 Linie kreierte. Was danach kam, war für mich nicht mehr so interessant. Heute gehört die Eterna der chinesischen Unternehmensgruppe China Haidian, an die die Familie Porsche das Unternehmen 2011 verkaufte. Die waren nach dem Tod von F.A. Porsche heilfroh, dass sie die Firma endlich loswurden.

Das hier ist die neueste Eterna, die ich besitze. Sie hat noch die fünf Eternamatic Kügelchen auf dem Zifferblatt, obgleich sie gar kein Automatikwerk mehr hat. Es ist eine Quarzuhr, klein und elegant. Das auf dem Photo gelbliche Zifferblatt, das so aussieht wie meine Centenaire, ist in Wirklichkeit blendend silberweiß. Es gibt für Eterna Sammler leider kein gutes Buch in der Art der Bücher, die Marco Richon für Omega geschrieben hat (Omega Saga und Omega: Reise durch die Zeit). Das schnell zusammengeschusterte 247-seitige Buch Eterna: Pioniere der Uhrmacherkunst aus dem Jahr 2006 ist die 120 Euro nicht wert, die es antiquarisch kostet. Das Beste daran ist der opulente Bildteil, den Christian Pfeiffer-Belli und Urs Schild aus dem Firmenarchiv und aus Werbeanzeigen zusammengetragen haben. Es gibt allerdings eine wirklich exzellente Eterna Seite von Gerhard Schmidt im Internet. Das Buch Omega: Reise durch die Zeit von Marco Richon ist kaum noch zu bekommen, man nennt es inzwischen die Omega Bibel, und es kostet viele hundert Euro. Es wäre schön, wenn es irgendwann auch mal eine Art Eterna Bibel geben würde.

Sonntag, 7. Juli 2024

der rote Morgenmantel


Das ist der Oberstleutnant Pozzi im Jahr 1918, dem Jahr, in dem er sterben wird. Nicht an der Front, er kommandiert keine Truppen. Er ist Arzt und kommandiert die Lazarette in Paris. Er stirbt, weil ihn ein ehemaliger Patient erschiesst. Seine Beerdigung wird eine Art Staatsbegräbnis sein, der Dr Samuel Jean Pozzi war ein berühmter Mann. Julian Barnes hat sich den Lebenslauf von Dr Pozzi genommen, um damit in einer tour de force eine Kulturgeschichte (und Medizingeschichte) des ausgehenden 19. Jahrhundert zu entwerfen. Das Wikipedia Lexikon nennt sein Buch The Man in the red coat (Der Mann im roten Rock) einen Essay. Ist das das richtige Wort? Immerhin ist das Buch 263 Seiten lang. Mit Bildern. Wahrscheinlich sollte man eher von historiografischer Metafiktion reden, ein neuer Begriff, unter den Romane wie John Fowles' The French Lieutenant's Woman und Thomas Pynchons Mason & Dixon fallen, eine Vermischung von Roman und historischer Darstellung. Man könnte auch Barnes' wunderbares Buch Flaubert's Parrot dazu zählen.

Das Buch von Barnes über die Belle Époque hat seinen Namen von dem lebensgroßen Gemälde Dr Pozzi at Home von John Singer Sargent. Das Bild war schon in den Posts Eine Liebe von Swann und Stanley Olson zu sehen. Ich habe das Buch schon länger, habe es aber ganz langsam gelesen, weil ich viel dazugelernt habe. Jürgen Kanold schreibt in der Südwest Presse: Pozzi führte ein derart romanhaftes Leben, dass ein Schriftsteller nur eklektisch scheitern könnte an diesem Stoff. Barnes weiß das, er spielt damit, mit Fiktion und Wahrheit – erzählt aber nur Fakten. Die freilich so wunderlich erscheinen, dass man ihnen immer wieder verblüfft hinterhergoogelt. Da hat Kanold recht, ich habe auch viel gegoogelt. Nicht am Anfang, wenn es um Huysmans, Robert de Montesquiou-Fezensac und Oscar Wilde geht, da war ich zuhause. Bei Proust auch, das wissen Sie. Aber es gab viel zu lernen. Ich wusste nicht, dass Prousts Bruder Assistent von Professor Pozzi am Hôpital de Lourcine-Pascal war, und dass ein Gutachten von Pozzi Marcel Proust 1914 vor dem Kriegsdienst bewahrte.

Das Bild, das der junge John Singer Sargent malt (den Auftrag hatte ihm sein Lehrer Carolus-Duran vermittelt), wirft Rätsel auf, nicht nur die Geste der rechten Hand. Wenn Anders Zorn den schwedischen König Gustav V. aufrecht stehend lebensgroß malt, dann ist das eine konventionelle Form. Könige und Staatsmänner werden so gemalt. Wenn Sargent 1902 Lord Ribblesdale als arroganten Dandy malt, dann ist das auch noch konventionell. Ebenso wie Edvard Munchs Bild von Harry Graf Kessler. Aber warum lässt sich ein Gynäkologe, noch nicht einmal korrekt gekleidet, im intimen Boudoir so malen? Hat ihn Sargent, der in der Kunstwelt noch kaum bekannt war, dazu überredet? Damit das Bild ein kleiner Skandal oder ein großer Gesprächsststoff wurde? Dr Pozzi wird das Bild in seiner Wohnung in der Dunkelheit lassen, seine Nachkommen werden es mit Tüchern verhängen. Die Wikipedia hat zu Dr Pozzi at Home einen informativen Artikel, und ich kann hier noch eine Interpretation des Bildes von der Kunsthistorikerin Susanne Neuburger anbieten. Für den Rest müssen Sie schon das Buch von Julian Barnes lesen. Sie können hier bei Google Books schon damit anfangen.

Auf diesem Photo von Nadar trägt der Dr Pozzi kein rotes dressing gown, sondern so etwas wie einen Morning Coat, korrekt den Zylinder in der Hand. So sah Marcel Proust auch aus, als er die Vermeer Ausstellung besuchte. Das Bild von Proust findet sich in dem Post Morning Coat, ein Post, den ich gerne erwähne. Weil er laut Statistik 25.930 mal angeklickt wurde. Julian Barnes hatte das Bild von Sargent im Jahre 2015 in London gesehen; das war das erste Mal, dass das im Familienbesitz befindliche Bild einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Barnes schrieb sein Buch ein Jahr vor dem Brexit, den er Britain's deluded, masochistic departure from the European Union nennt. Er zitierte dazu eine Maxime von Dr Samuel Pozzi: Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz. Es liegt eine gewisse Trauer über sein Heimatland in dem Nachwort von Julian Barnes. Aber es gibt Hoffnung für das dahinsiechende Königreich. Auch wenn die neue englische Regierung den Brexit nicht rückgängig macht, das England des Boris Johnson ist endgültig vorbei. 

Donnerstag, 4. Juli 2024

la dame au coussin rouge


Der französische Maler Charles Auguste Émile Durand, der allgemein Carolus-Duran genannt wird, wurde am 4. Juli 1837 in Lille geboren. Er hatte sich auf die Portraitmalerei spezialisiert. Dies Bild hier ist kein Selbstportrait, es ist von einem seiner Schüler. Nicht von irgendeinem seiner vielen Schüler, es ist von seinem berühmtesten Schüler, dem Amerikaner John Singer Sargent. Der hier mit blaue Vasen einen schönen Post hat, sein Biograph Stanley Olson hat auch schon einen Post. Was wir auf diesem Bild nicht richtig sehen können, ist die Widmung to my dear master Mr Carolus-Duran, his affectionate student John S. Sargent 1879, die Sargent oben rechts in das Bild geschrieben hat. Dass sein Lehrer gerade die Ehrenlegion bekommen hat, das hat Sargent auch nicht vergessen, das ist der kleine rote Fleck im Knopfloch vom Revers.

Carolus-Duran ist im Gegensatz zu seinem Schüler nicht unbedingt der Maler für die ganz große Welt, er will die Dargestellten nicht schöner machen, als sie sind. Schliesslich ist er ein Maler des Realismus. Wenn Damen ganz wunderschön sein wollen, dann gehen sie zu Franz-Xaver Winterhalter. Diese junge Dame, die sich Alice de Lancey nennt, geht zu Carolus-Duran. Sie heisst nicht Alice de Lancey, und sie ist auch keine Comtesse. Sie war eine Julia Tahl aus Baltimore. Heiratete  einen Mr Eardley-Wilmot, mit dem sie (und mit großer Dienerschaft, wie die Passagierliste des Dampfers verrät) nach London zieht. Die Ehe war aber schnell wieder geschieden. Aber wenn man mit fünfundzwanzig Paris erobern will, wird ja wohl eine kleine Namensänderung erlaubt sein. Das Ergebnis der Sitzungen beim Maler war 1877 im Pariser Salon zu sehen, da war sie la dame au coussin rouge. Es ist eine detailverliebte Malerei, von der Blume im Haar bis zu den goldenen Absätzen der Schuhe. Das Bild ist sicher für die Damenmode der Zeit sehr interessant, sonst für wenig.

Kunsthistoriker haben auf die Nähe des Bildes zu dem Bild hingewiesen, das François Boucher 1743 von seiner Ehefrau gemalt hat. Man kann da einige Übereinstimmungen finden, zum Beispiel bei den Schuhen, aber es ist doch ein ganz anderes Bild. Boucher malt seine Ehefrau (die auch vor der Ehe sein Modell war), Carolus-Duran malt eine Dame von zweifelhaftem Ruf. Als er sie malt, ist sie gerade die Maitresse des Barons Antoine d'Ezpeleta, den er auch malen wird. Er malt auch den Hund der Dame, der Chinois heißt (steht so auf dem Bild). Wenige Jahre später wird unsere Alice eine Affäre mit dem Bankier Nissim De Camondo haben, den sie durch den Pressezaren Arthur Meyer kennengelernt hatte. Die Liaison ist ebenso wie das Bild von 1877 ein Pariser Skandal. Alice hatte sich, von welchem Geld auch immer, einen kleinen Landsitz in Louveciennes gekauft, der einstmals Madame du Barry gehörte. Edmond de Goncourt schrieb dazu gehässig: l'intérieur ironique de Louveciennes, où vécut Mme du Barry et où vit aujourd'hui Mme de Lancey et où le banquier Camondo remplace Louis XV. 

Wenn wir beim ersten Betrachten des Bildes den Eindruck hatten, dass das alles ein wenig ordinär und nuttig ist, dann hatten wir recht. Lesen Sie mehr zu den Damen im Paris des 19. Jahrhunderts in les grandes horizontales und Demimonde. Das 1,57 x 2,11 Meter große Bild hängt heute im Petit Palais, Alice de Lancey hatte es in ihrem Testament 1913 dem Museum vermacht. Ich weiß immer noch nicht, ob sie wirklich so gemalt werden wollte, wie Carolus-Duran das getan hat. Kritiker sagten über das Bild, dass es einen Höhepunkt der Geschmacklosigkeit darstelle. Carolus-Duran kann ja Frauen auch anders malen, wie hier Léocadie Bogaslawa Zelewska, die Gattin des Journalisten Henry Fouquier. Sie war eine der schönsten Frauen von Paris, Carolus-Duran hat sie mehrfach portraitiert. Vielleicht wollte der Maler mit dem Bild der Mademoiselle de Lancey auch so einen kleinen netten Skandal haben, weil so etwas gut für das Geschäft ist. 

Das war bei seinem Schüler John Singer Sargent nicht anders, sein Skandal mit dem Bild der Madame X war noch einige Dimensonen größer. Sargent und sein schwedischer Kollege Anders Zorn müssen die Millionärgattinnen des Gilded Age und des französischen Kaiserreichs malen, das ist ihr Geschäft. All diese Damen, die in den Posts Orchideen und dem Post Une fillette d’un blond roux erscheinen, wollten ja mal von Gesellschaftsmalern gemalt werden. Anders Zorn lässt sich einen roten Anzug schneidern und kauft sich einen Rolls-Royce. Und malt, zuück im Schweden, pralle nackte Schwedinnen beim Mittsommerfest. Carolus-Duran malt auch Frauen, die wir nicht kennen, wie diese rothaarige Dame hier. Ebenso wie das Bild la dame au coussin rouge und das Bild von der polnischen Gattin Fouquiers, ist es 1876 entstanden. Aber es lebt heute noch. Das Zuckerpüppchen mit dem coussin rouge wirkt dagegen ziemlich leblos.

Dienstag, 2. Juli 2024

Wittheit


Ich kaufte mir für eine Mark bei Conrad Claus Otto die Karte für den Vortrag. Der Buchhändler war der einzige im Ort, bei dem man Karten für die Vorträge der Wittheitt zu Bremen bekam. Diese Bremer Wissenschaftsorganisation hatte seit 1948 eine Unterorganisation, die Vortragsvereinigung Bremen Nord, deren Vorträge in der Aula meines Gymnasiums stattfanden. Wie an diesem Abend der Vortrag des Anglistikprofessors Arno Esch. Sein Thema war Shakespeares Hamlet, und er hatte sich zwei Sätze Hamlets als Kernstelle des Stücks herausgepickt: There is a special providence in the fall of a sparrow. If it be now, 'tis not to come; if it be not to come, it will be now; if it be not now, yet it will come - the readiness is all. Das ist so ein philologischer Zaubertrick, man erklärt irgendetwas zu einer Kernstelle und macht dann bei der Interpretation alles dazu passend. Ich war schwer beeindruckt und beschloss, Anglist zu werden. Ich war neunzehn. Was ein Anglist war, das wusste ich, weil ich damals eine schwere Uwe Johnson Phase hatte. Und in dessen Roman Mutmaßungen über Jakob kommt ein Anglist vor, da hatte ich das Wort Anglist zum ersten Mal gesehen.

Ich war auf den Vortrag gut vorbereitet, ich hatte Shakespeares Hamlet noch einmal gelesen. In der Rowohlt Ausgabe (englisch-deutsch), die ich 1965 auch ins Bremer Theater zu der Hamlet Aufführung von Kurt Hübner mitnahm. Ich saß dank der Abo-Karte meiner Eltern in der ersten Reihe, als Bruno Ganz vorne im Orchestergraben seinen Monolog Sein oder Nichtsein sprach. Als er eine schicksalsschwere Kunstpause einbaute, hielt ich ihm zuvorkommend meinen mitgebrachten Rowohlt Text vor die Nase. Er wechselte beleidigt im Bühnengraben die Seite. Einige Akte später, kurz nachdem Bruno Ganz das es waltet eine besondere Vorsehung über den Fall eines Sperlings. Geschieht es jetzt, so geschieht es nicht in Zukunft; geschieht es nicht in Zukunft, so geschieht es jetzt; geschieht es jetzt nicht, so geschieht es doch einmal in Zukunft. In Bereitschaft sein ist alles rezitiert hatte, sauste eine Florettspitze neben mir in den roten Plüschboden. 

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das Florett war in einem Fechtkampf zwischen Bruno Ganz und Hans-Peter Hallwachs abgebrochen. Die beiden Schauspieler standen mit offenem Mund an der Bühnenrampe. Diese Hamlet Aufführung war der Beginn der Karriere des damals noch völlig unbekannten 24-jährigen Bruno Ganz: es war auch eine Hamlet Aufführung, die ich nie vergessen habe. Der Bursche ist verdammt jung, vierundzwanzig, natürlich zu schmal, zu unentwickelt, zu sehr mit sich selbst und seiner Jugend beschäftigt, zu ‚unreif’, um einen Hamlet zu spielen. Er spielt ihn. Er steht ihn durch, nicht nur physisch. Er kann das aus einem einfachen, verblüffenden, aber einleuchtenden Grund: er bringt das Bewusstsein, eigentlich zu jung zu sein für die Figur, mit in die Rolle ein. Er spielt einen Hamlet, welcher wohl weiß, dass er zu ‚unreif’ für die Welt ist, in der er lebt, zu sehr noch zögernd, fragend, neugierig, störrisch. Jung, schrieb Theater Heute damals. Das Theaterprogramm habe ich noch aufbewahrt, die sahen in der Zadek Zeit immer gleich aus: Theater Bremen in knallrot und dazwischen der Name des Stücks mit der Schreibmaschine getippt. Arno Esch begegnete mir im Studium Jahre später als Buchautor wieder. Zusammen mit Walter F. Schirmer hat er eine Kurze Geschichte der englischen und amerikanischen Literatur herausgegeben. So kurz ist die Geschichte nicht, es sind immerhin 411 Seiten.

Die Wittheit zu Bremen habe ich schon in dem langen Post Geistiges Bremen erwähnt. Sie wird in diesem Jahr neunzig Jahre alt. Sie sieht ihre Aufgabe in der Veranstaltung wissenschaftlicher Vorträge, der Herausgabe wissenschaftlicher Veröffentlichungen, der Anregung und Unterstützung wissenschaftlicher Arbeiten, der Pflege der Beziehungen zu Hochschulen und anderen wissenschaftlichen Instituten, der Pflege von Tauschbeziehungen mit wissenschaftlichen Körperschaften, Instituten und Vereinigungen und der Vergabe des Bremer Preises für Heimatforschung. Dass der Verein auch die Beziehung zur Bremer Uni pflegt, ist neueren Datums. In den ersten Jahren der Bremer Uni, als die als rote Kaderschmiede galt, wahrte man eine gewisse Distanz. Die Wittheit hat ihren Sitz in diesem schönen kleinen Haus aus dem Jahre 1800, direkt neben dem Bremer Dom. Da steht mit goldenen Lettern Verein Vorwärts auf dem Haus, das war ein 1846 gegründeter Bildungsverein der Zigarrenmacher. Die Zigarrenmaakers sind die erste gewerkschaftlich organisierte Gruppe in Bremen gewesen, wo es in der Mitte des 19. Jahrhunderts 78 Tabakfabriken gab. Sie bildeten auch ein Element gesellschaftlicher Unruhe in der sonst festgefügten konservativen bürgerlichen Struktur des 19. Jahrhunderts. Ihr Zusammenschluss verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung wie im Verein Vorwärts. Und sie hatten, genau wie in Kuba, auch Vorleser in der Fabrik. Vielleicht lasen die auch einmal Hamlet vor.

Die Wittheit zu Bremen gibt Jahresbände heraus, in denen es häufig thematisch kunterbunt zugeht, aber es gibt auch Themenbände. Wie diesen hier: Lebensraum Bremen-Nord: Geschichte und Gegenwart, 1989 bei Heinrich Döll in Bremen erschienen. Darin schrieb unser Nachbar Dr Ado Schiff über die Werften des Ortes, das fiel ihm leicht, denn er war der Direktor des Bremer Vulkans. Aber deshalb hatte ich das Buch nicht gesucht. Was mich interessierte, war der 25-seitige Artikel Kulturelles Leben in Bremen-Nord von Dr Johannes Schütze. Den kannte ich auch, er war der Direktor meines Gymnasiums gewesen. Er hatte bei Levin L. Schücking über Dickens' Frauenideal und das Biedermeier promoviert und war 1954 der jüngste Direktor eines Gymnasiums in Bremen geworden. Er war auch 1948 der Initiator der Vortragsvereinigung Bremen Nord gewesen. Die Liste der in vierzig Jahren eingeladenen Gelehrten ist bedeutend, es waren einige Nobelpreisträger dabei. Auch Bremer, wie der Kunsthallendirektor Günter Busch, wurden eingeladen. Vielleicht schreibe ich irgendwann eine kleine biographische Skizze über den Dr Johannes Schütze, der so viel für die Kultur des Ortes getan hat. Die Hälfte von dem, was Schütze in seiner Darstellung auflistet, war mir unbekannt. Es ist unglaublich, wie viel Kultur es damals in diesem kleinen Ort Vegesack gab.

Wenn heute jemand einen Bericht über das kulturelle Leben im Ort in den letzten zwanzig Jahren abfassen sollte, er könnte sich kurzfassen. Das Haus an der Weser, in dem Johannes Schütze wohnte, ist abgerissen. Es war ein architektonisches Kleinod, das sich der Architekt Ernst Becker-Sassenhof neben dem Ruderverein als Wohnhaus gebaut hatte. Ein Drittel der historischen Altstadt am Hafen wurde abgerissen, weil man eine gigantische Autobahn plante, die die ganze Region verändern sollte. Sie wurde nie gebaut. Zugegeben, was in Vegesack passiert ist, war nicht schön, sagte der Bürgermeister Hans Koschnik später auf einem Wahlplakat. Der Hauptarbeitgeber der Region, der Bremer Vulkan, ist pleite. Es gibt kein einziges Kino mehr im Ort. Mein Gymnasium wurde 1977 aufgelöst und auf andere Schulen verteilt. Das brauchte Johannes Schütze, der bis 1974 Direktor war, nicht mehr als Direktor zu erleben. Bremen nimmt heute bei der Schulqualität den letzten Platz aller Bundesländer ein. Ob es die Vortragsvereinigung Bremen Nord noch gibt, das weiß ich nicht.

Samstag, 29. Juni 2024

Saint George Tucker


Saint George Tucker (er heißt wirklich so, dieses Saint George war der Vorname seines Urgroßvaters) wurde am 29. Juni des Jahres 1752 auf Bermuda geboren. Das sagt Wikipedia, die Encyclopedia of Virginia sagt dagegen, dass er am 10. Juli 1752 geboren wurde. Auf die Wikipedia ist kein Verlass. Tucker kam aus einer einflussreichen englischen Familie, die schon seit über hundert Jahren auf der Insel war. Daniel Tucker, einer seiner Vorfahren, war hier schon Gouverneur; sein Vater Henry Tucker ist Colonel der Miliz auf der Insel. Der ist Kaufmann und manchmal auch Schmuggler. Und er macht mit Benjamin Franklin in Philadelphia einen Deal, den der Continental Congress absegnet: die amerikanischen Revolutionäre liefern dringend benötigte Lebensmittel nach Bermuda und der Colonel lässt sie im Gegenzug einige hundert Fässer Schießpulver aus dem Magazin der Engländer in St George's mitnehmen. Er wird dafür nicht belangt werden, die Tuckers sind zu weit oben in der Gesellschaft. Mich wundert immer, dass diese abenteuerliche Geschichte des Bermuda Gunpowder Plot noch nicht in einen Film gewandert ist. Das Haus der Tuckers ist heute ein Museum.

Der junge St George Tucker verlässt 1771 die Insel, er geht nach Virginia, um am College of William & Mary Jura zu studieren. Sein Bruder Thomas Tudor Tucker verlässt die Insel auch, studiert Medizin in Edinburgh und wird später Schatzmeister der USA. St George Tucker ist in Williamsburg Schüler von George Wythe, einem der Unterzeichner der Declaration of Indepence. An dem berühmten College wird Tucker später Professor werden. Aber erst einmal kommt der Unabhängigkeitskrieg. Der junge Engländer aus Bermuda fühlt sich schon in Virginia zu Hause und tritt als Major in die Miliz ein. Er kämpft unter General Nathanael Greene in der Schlacht von Guildford Court House, bei der von den Amerikanern gehasste Banastre Tarleton zwei Finger verliert. Dort wird er durch einen Bajonettstich verwundet, aber am Ende des Krieges ist der Oberstleutnant Tucker bei Yorktown wieder dabei. Da ist er für den Gouverneur Thomas Nelson der Verbindungsoffizier zu den französischen Truppen, da er fließend Französisch spricht. Das kann George Washington nun gar nicht, aber der kommt irgendwie mit dem Comte de Rochambeau zurecht.

Tucker wird nach dem Krieg Richter in Virginia, dann Professor. Er wird neben George Wythe (bei dem auch Thomas Jefferson studierte) der bedeutendste Jurist des jungen Amerikas werden. Er kämpft dafür, dass die Richter unabhängig von der Politik sind. Daran sollte der amerikanische Supreme Court heute einmal denken. Er bearbeitet Sir William Blackstones fünfbändiges Werk der Commentaries on the Laws of England und veröffentlicht das Werk, das eine große Bedeutung im amerikanischen Rechtssystem haben wird, im Jahre 1803. Der amerikanische Supreme Court wird in seinen Entscheidungen Tucker vierzigmal erwähnen. 

Tucker tritt für die Sklavenbefreiung ein und veröffentlicht 1796 die Dissertation on Slavery: with a Proposal for its Gradual Abolition in Virginia (1796). Wir finden darin Sätze, die zu dieser Zeit kaum jemand sagt: Whilst America hath been the land of promise to Europeans, and their descendants, it hath been the vale of death to millions of the wretched sons of Africa. . .Whilst we were offering up vows at the shrine of Liberty. . .whilst we swore irreconcilable hostility to her enemies. . .whilst we adjured the God of Hosts to witness our resolution to live free or die. . .we were imposing on our fellow men, who differ in complexion from us, a slavery, ten thousand times more cruel than the utmost extremity of those grievances and oppressions, of which we complained. Im Gegensatz zu seinem Lehrer George Wythe, dessen Nachfolger er am College of William & Mary wurde, lässt er allerdings seine Sklaven nicht frei. Sein Stiefsohn Richard Randolph jedoch, der im selben Jahr stirbt, in dem Tuckers Buch erscheint, hatte in seinem Testament festgelegt, dass alle seine Sklaven frei sein sollen. Seine Witwe wird ihnen Grundbesitz zur Verfügung stellen, das stand schon in Randolphs Testament. Die Siedlung wird den Namen Israel Hill bekommen.

Tucker ist nicht nur Jurist, er ist auch noch Dichter und schreibt an die zweihundert Gedichte. Sie können sie hier bei der University of Virginia lesen. Sein hundertseitiges satirisches Werk The Probationary Odes of Jonathan Pindar, Esq (hier im Volltext) erregte großes Aufsehen. Man hielt es für ein Werk von Philip Freneau, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass der Jurist Tucker Gedichte schrieb. Ich stelle hier heute einmal seine Ode to Peace ein, die er vier Jahre nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges geschrieben hat:   
 
Come, sweet Peace, and with thee bring
All the odors of the spring;
Summer's golden harvests, too,
Autumn's fruits of various hue,
Winter's health, and cheerful fires,
Joys, which competence inspires.

Leave to war the vernal blights,
Scorching summer's sultry nights,
Autumn's fogs, and sickly dew,
Rugged winter's blustering crew,
Slavery, famine, and despair,
Leave behind to cruel war.

All the good that freedom brings,
Mirth from innocence that springs,
Temperance, the foe to strife,
Friendship, sweetest balm of life,
Love, that rivals bliss divine,
Gentle Peace; be ever thine.

Tucker hat den Krieg erlebt, er weiß worüber er schreibt. Tucker wird den nächsten Krieg gegen die Engländer noch erleben, da schreibt er 1812 wieder ein patriotisches Gedicht. Ich weiß nicht, was Gedichte über den Frieden bewirken, aber es wäre schön, wenn es Frieden geben würde.Vor vierzig Jahren konnten wir lächeln, als Nicole Ein Bisschen Frieden sang, heute wären wir für ein bisschen Frieden dankbar.