Donnerstag, 11. April 2019

Alltagsleben


Ein Studienfreund von mir schrieb in den Semesterferien gegen Bezahlung die Sprüche von den Klotüren von süddeutschen Universitäten ab. Man kann in den Semesterferien andere Dinge machen, aber seine Tätigkeit hatte durchaus einen Sinn: was er sammelte, ging an Peter Rühmkorf, der an seinem epochalen Buch Über das Volksvermögen arbeitete. Mein Studienfreund ist später noch Germanistikprofessor geworden, ich habe ihn schon in dem Post Schmutzige Lyrik erwähnt, den sie unbedingt lesen sollten. Klosprüche können gereimt sein, erreichen aber selten das Niveau der Lyrik, wo delectare et prodesse gefordert sind. Einen elegisch stilvollen Klospruch möchte ich noch zitieren, der sich in der Universität von East Anglia fand. Er richtete sich gegen Malcolm Bradbury, der immer auf Vortragsreisen, aber nie an seiner Universität war:

Remote and ineffectual don, 
Where have you gone, 
where have you gone?

Zwischen Klo- und Werbesprüchen und der Alltagslyrik liegen nun doch Welten, wir vergessen mal die Klosprüche und kommen zur Alltagslyrik, dieser Neuen Subjektivität der sechziger und siebziger Jahre. Die gab es hier schon häufig, zum Beispiel in den Posts zu Rolf Dieter Brinkmann oder Uli Becker. Und im letzten Jahr bekam der Post zu Jürgen Theobaldy riesige Leserzahlen. Für meine Gedichte wünsche ich, daß sie etwas von der Haltbarkeit ihrer einfachen Gegenstände sichtbar machen, daß sie sich und ihnen etwas Dauer verleihen in einer Gesellschaft, die nur noch produziert, um vorzeitig wegzuwerfen, Schuhe, Halteschilder, ein Plakat an einem Bretterzaun, hatte Theobaldy geschrieben.

Das gilt sicher auch für seinen Kollegen Ralf Thenior. Der Mitorganisator des ersten bundesdeutschen Lyrikfestivals hatte seinen ersten literarischen Auftritt mit dem Band Traurige Hurras. Erschienen bei der AutorenEdition mit einem Nachwort von keinem Geringeren als Helmut Heißenbüttel. Das Buch enthält nicht nur Gedichte, sondern auch kurze Prosatexte, die man, so Heißenbüttel, auch als Gedichte verstehen kann. Jörg Drews schrieb damals in der Süddeutschen: Neben der fast epigrammatischen Kürze, der Lakonie, (…), sind vor allem Witz, Ironie, Selbstironie seine Stärke, das Gegenteil also zu einer verbreiteten melancholischen Pose und dem Stammkneipenbierernst; Theniors Gedichte und Prosagedichte haben auch die Möglichkeit, ins Anarchische zu gehen, haben immer wieder ein Stück Übermut und einen Schuß Groteske.

Auffällig bei Theniors Alltagsgedichten ist der Detailreichtum des Alltäglichen, ich zitiere einmal das Gedicht Bed & Breakfast, das den Dichter auf einer Reise nach Wales zeigt:

Ausruhen jetzt, auf dem Bett, 
mit Zengedichten und Dosenbier, 
nach Wartezeiten in glühender Sonne, 
Fahrten in Lastern, Personenwagen, 
the Severnbridge, Geglitzer im Dunst, 
die schöne, magere Zahnarzthilfe 
auf dem Bahnhof von Merthyr Tydfil, 
die Busfahrt nach Aberdare; 
Kusch, Schir Khan, sagte die Wirtin, 
zwei £ pro Nacht mit englischem Frühstück, 
dann schloß sich die Tür, und nun, 
allein mit der nackten Glühbirne, 
sehe ich die Flöhe auf der Decke tanzen, 
höre Regen und hohe Hacken auf dem Pflaster.

Wenn die Wirtin zwei £ pro Nacht mit englischem Frühstück sagt, dann redet sie natürlich mit dem Dichter. Wenn sie Kusch, Schir Khan sagt, dann redet sie mit einem Haustier, das seinen Namen aus Kiplings Jungle Book bezogen hat. Es bleibt viel von dem Gedicht im Kopf: die Severnbrücke im glitzendern Dunst, die schöne magere Zahnarzthelferin auf dem Bahnsteig und das Geräusch der hohen Hacken auf dem Pflaster. Thenior hat eine ganze Anzahl von Reisegedichten geschrieben, die in dem Band Drache mit Zahnweh im Wind gesammelt sind. Bed & Breakfast ist auch in dem Band.

Mein Lieblingsgedicht aus Traurige Hurras hat den einfachen Titel Leben, es ist ein Gedicht, für das wir keinerlei Interpretationshilfe gebrauchen:

Abends bist natürlich matschig 
wenn du nach Haus kommst 
brauchst n bißchen um aufzutanken 
willst aber auch was haben vom Leben 
Theater Kino oder sowas 
kuckst ob was läuft 
läuft nix 
na ja

Wenn uns das zu deprimierend erscheint, hätte ich noch etwas Nettes zum Schluss:

Schöner Abend

Er trägt ein Akkordeon
und zwei Flaschen Wein.
Wird ein schöner Abend
.

Dienstag, 9. April 2019

Verirrte Sterne


Es war einmal ein Land. Plötzlich verschwand es. Aber es verschwand nur auf der Karte. In den Köpfen, in den Gewohnheiten, die man sich so zugelegt hatte, lebte es weiter, hat Lutz Rathenow (auf dem Photo rechts) nach der Wende geschrieben. Er ist in der DDR aufgewachsen, er weiß, wovon er redet. Nach dem Abitur war er bei der NVA und bewachte die deutsch-deutsche Grenze. Er war nicht gerne Soldat: ich hasste einen Offizier, meinen Zugführer, einen Leutnant, der dann zum Oberleutnant befördert wurde, der mich immer schikanierte mit Toilettereinigen, mit der sechsmonatigen Ausgangssperre und der sich nachts gerne anschlich, um die Wachen zu kontrollieren.

Nach dem Dienst an der Fahne studierte er Germanistik, was ihm aber 1977 nur die Exmatrikulation und einen Gefängnisaufenthalt bescherte (In der Zelle dachte ich oft an das Draußen... schreibt er in Der Rest des Lebens). Verhaftet und verhört wird er häufiger, es soll 15.000 Seiten Stasi-Akten über ihn geben. Man bietet ihm die Ausreise in den Westen an, er lehnt ab, er ist ein Stachel im Fleisch des Staates. Heute ist der Dichter Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, das ist eine schöne Ironie. Seine germanistische Examensarbeit hat ihm die Universität Jena nachträglich anerkannt.

Sein Gedichtband Verirrte Sterne: oder Wenn alles wieder mal ganz anders kommt mit Illustrationen von Ulrich Tarlatt erschien 1994 beim Merlin Verlag. Es ist ein wirklich schön gemachtes Buch, das den Weg des Lyrikers Rathenow illustriert. Leider scheint niemand es zu lesen, man kann es bei Amazon Marketplace für 98 Cent bekommen. Lohnt sich unbedingt, auch für teurer. In dem Buch findet sich ein Gedicht mit dem Titel Zwischenbilanz. Das Gedicht hat einen Untertitel: oder Gesamtausgabe, Minimalvariante, dem hastigen Leser gewidmet. Das ist ganz wörtlich zu nehmen. Das Gedicht irritiert sicherlich:

Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet. 
Zangengeburt. Boden 411. Der Wolf und die 
widerspenstigen Geißlein. Ein seltsamer Zoo. 
Tiger im Hochhaus. Floh Dickbauch. 
Eine Ameise spazierte. Ostberlin - 
die andere Seite einer Stadt. Tag der Wunder. 
Jeder verschwindet so gut er kann. Sterne 
jonglieren. Im Lande des Kohls. Zärtlich 
kreist die Faust. Und sie liebten sich 
heftiger denn je. Oder was schwimmt da 
im Auge. Die lautere Bosheit. Alles Theater. 
Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet.

Es gibt eine Interpretationshilfe: alles, was hier steht, sind Buchtitel von Lutz Rathenow.

In seinem Gedicht, dass Das zweite im Westen geschriebene Gedicht heißt, kommt der Dichter uns englisch daher:

It is time to dreaming, 
my first poem in English - 
worauf es vor allem ankommt: 
originelle Fehler machen, Punkt. 
This airport atmet den Duft Europas. 
(Im Halbschlaf zweier Sprachen 
gelangen mir zwei, drei Gedichte 
in einem Englisch, das ich nicht kenne). 
Dann wurde ich aufgerufen 
und flog in mein Nochland zurück. 
(Immer wurden wir aufgerufen . . .) 
Ich gebe mir Mühe, verdächtig zu sein. 
Die Unauffälligen werden als Täter entlarvt.

Er hatte keinen so guten Englischlehrer, wie Uwe Johnson ihn hatte. Es ist die Musik aus dem Westen, die ihn zum Dissidenten gemacht hat, der Europawelle Saar und Manfred Sexauers Beat Club ist er immer noch dankbar. Ich habe mir für den heutigen Tag ein frühes Gedicht ausgesucht, das Am Strand heißt, nichts Politisches, ein Liebesgedicht. Auch so etwas konnte man in der DDR schreiben:

Heiß liegt der Tag auf meinen Lippen, 
am Abend noch, wenn sich unsere Hände 
begegnen. Die Tintenfische mühen sich ab, 
damit das Meer blau bleibt, so blau. 

Das Öl sehe ich nicht, rieche es kaum, 
da du meine Nase besetzt. Jeder des anderen 
Kleid. Den Tanz begleiten zerfließende Schatten. Schwarz ist die Nacht 

nur für Schläfer. Zwei Vögel, die ihren 
Körper von der Erde heben, schweben reglos, 
reglos da oben. Flügel teilen den Wind. 

Meine Finger nisten in deinem Haar. 
Das streichelt und wärmet den Sand.

Wenn Ihnen jetzt nach noch mehr Strand ist, dann klicken Sie die Posts Strände und ythlaf an.

Sonntag, 7. April 2019

Rilke und ich


Als ich an der Uni aufhörte, wusste ich nicht so genau, was ich jetzt machen würde. Aber ich wusste ganz genau, was ich nicht mehr machen würde: keine Vorträge mehr, keine akademischen Publikationen, keine Zusammenarbeit mit Verlagen mehr. Ich habe mich daran gehalten. Bis zu dem Augenblick, da ein kleiner Verlag, dessen Lektor etwas von mir gelesen hatte, mir die Mitarbeit an einem Sammelband zum Thema Worpswede anbot. Ich fühlte mich geschmeichelt, wollte aber eigentlich ablehnen. Schaute dann in das geplante Inhaltsverzeichnis und entdeckte Rilke. Unterschrieb sofort den Vertrag, wann kriege ich so etwas, Rilke und ich in einem Buch? Rainer Maria Rilke gehört nicht zu meinen Lieblingsautoren, ich habe bei jeder sich bietenden Gelegenheit (zum Beispiel hier) kleine Gehässigkeiten über ihn gesagt. Aber ein Snob, ein Schnorrer und ein notgeiler Schürzenjäger, wie Klaus Modick es formulierte, das habe ich nicht gesagt.

Ich habe seine Werke, besitze von einem Titel sogar eine Erstausgabe. Ich habe Donald A. Praters Biographie gelesen, kenne auch mehrere Rilke Gedichte auswendig, aber letztlich mag ich ihn nicht. Doch viele meiner Leser mögen ihn, und für die habe ich heute ein schönes Aprilgedicht. Ganz ohne Schmäh. Es  heißt Aus einem April und stammt aus dem Buch der Bilder

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern
schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er
leer war, –
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

Freitag, 5. April 2019

Hans-Jürgen Heise


Es lohnt sich, mal von Zeit zu Zeit auf der eigenen Blogseite unter Entwürfe nachzuschauen. Denn da habe ich diesen beinahe fertigen Post gefunden. Als der Kieler Dichter Hans-Jürgen Heise im November 2013 im Alter von dreiundachtzig Jahren starb, wollte ich zuerst eine kleine Würdigung über ihn schreiben. Sein Wikipedia Artikel ist ja eine zehn Zeilen lange kulturelle Bankrotterklärung dieses Internetlexikons. Aber dann starrten mich seine Werke vom Regal aus an - und das ist bei mir immerhin ein dreiviertel Regalmeter - und ich fühlte mich der Aufgabe nicht gewachsen. Heise ist mit seinen Verdiensten als Dichter und Übersetzer einige Nummern größer als Dirk von Petersdorff - aber dafür hat der einen längeren Wikipedia Artikel. Als ich den etwas verspäteten Nachruf für Kay Hoff schrieb, fiel mir der Heise Post wieder ein und ich dachte mir, im nächsten Jahr stelle ich den im Poetry Month endlich ein. Und das tue ich jetzt.

1958 erhielt Hans-Jürgen Heise im Kieler Institut für Weltwirtschaft dank der Empfehlung seines Vaters eine Stelle als Archivlektor am Institut für Weltwirtschaft der Kieler Universität, die er bis 1993 behielt. Obgleich er seine poesiefeindliche Tätigkeit an einem Platz raschelnden Papiers und eintöniger Abläufe in dem winzigen Büro, das er als Schuhkarton beschrieb, nicht besonders mochte, war er doch damit zufrieden. Der Job verschaffte ihm eine finanzielle Sicherheit. Es war eine Art Hassliebe zu dem Beruf: Indem ich mich an einem literaturfremden, ja literaturfeindlichen Arbeitsplatz versklavte, schuf ich mir als Lyriker, Kritiker und Essayist einen Freiraum. Und obgleich er sagte Eigentlich hätte ich für meine Archivarbeit eine seelische Schmutzzulage bekommen müssen, wusste er auch, dass er durch die geregelte Tätigkeit in der geistig reinen Provinz einen sicheren Halt für seine eigentliche Berufung in diesem Doppelleben fand. Mit Kiel fand er sich ab: Dem Longdrink der Ostsee / fehlt ohnehin nichts / als ein Spritzer Angostura.

1961 erschien sein erster Gedichtband Vorboten einer neuen Steppe, in dem Jahr heiratete er die Lyrikerin Annemarie Zornack. Er wohnte in einer der ruhigsten Straßen von Kiel, ich kenne die Straße sehr gut, weil ich da als Student auch einige Jahre gewohnt habe. So beschaulich das alles scheint, er wollte hinaus in die große Welt, die er als DDR Flüchtling zuerst nur aus den Zeitungsausschnitten kannte, die er in seinem Büro archivierte. Die Lyrik der Welt, besonders die des iberoamerikanischen Sprachraums - von der er viel übersetzte - wurde ihm eine zweite Heimat.

Aus dem lärmenden Literaturbetrieb machte er sich nichts. 1964 hatte er von Hans Werner Richter eine handschriftliche Einladung zur Tagung der Gruppe 47 im schwedischen Sigtuna erhalten. Kurz danach schrieb er einen Erlebnisbericht, in dem sich die Sätze fanden: Ich glaube nicht, daß es im Literaturbetrieb so etwas wie eine Mafia gibt. Ich vermute jedoch: es gibt, ganz wie im wirklichen Leben, mehrere Mafia-Familien, die sich untereinander teilweise aufs heftigste befehden, dabei aber irgendwie vernetzt sind — auf undurchschaubare Weise. Dass man sie mit Mafiafamilien vergleicht, das hatten die literarischen Meinungsmacher der Gruppe 47 wirklich nicht so gerne.

Heise hat an die 40 Bücher publiziert, seine Gedichte sind in mehr als zwei Dutzend Sprachen übersetzt, es gibt keine ernstzunehmende Anthologie ohne Heises Lyrik, er gilt als der beste Übersetzer der Gedichte des genialen, 1936 von den spanischen Faschisten ermordeten Federico Garcia Lorca, und er ist mit Ehrungen überhäuft worden. Dazu zählt der begehrte schleswig-holsteinische Kulturpreis ebenso wie der Professorentitel. Dennoch fühlt er sich nicht immer ausreichend gewürdigt. Schleswig-Holstein hat sich meiner nicht sehr bedient, formuliert er vorsichtig seine Enttäuschung, versichert jedoch, sich inzwischen darüber nicht mehr zu ärgern.

Ich verdanke ihm eine ganze Menge. Damit meine ich jetzt nicht, dass ich mal einen Nachmittag lang mit ihm Kaffee getrunken habe und ich schöne Briefe von ihm habe. Nein, es ist etwas ganz anderes: er hat mich zu Dichtern gebracht, die ich vorher nicht kannte. Ohne es zu wollen. Denn wenn er nicht die ihm gewidmeten Gedichtbände des amerikanischen Dichters Andrew Hudgins ins Antiquariat Eschenburg gebracht hätte, hätte ich den vielleicht nie kennengelernt. Und hätte nicht die Posts Andrew Hudgins, Karfreitag und Weihnachtsfeiern schreiben können.

Nach seinem Tod hat Heises Witwe eine Vielzahl von ihm zur Rezension zugeschickten Gedichtbänden ins Antiquariat getragen, die ich natürlich sofort kaufte und dadurch eine Vielzahl von Dichtern kennenlernte. Beinahe jeder deutsche Dichter und jeder deutsche Verlag hatte Heise die neuesten Lyrikbände geschickt. Manchmal waren noch Briefe der Autoren in den Büchern, das war immer interessant. In den Briefen, die ich in manchen Büchern gefunden habe, bettelten Dichter darum, dass der liebe Herr Heise sie doch in der Zeit rezensieren möge. Die Hamburger Zeit nahm gerne alles, was er schrieb, Gedichte, Übersetzungen und Rezensionen von Gedichtbänden.

Hans-Jürgen Heise hatte einmal in den Kieler Nachrichten eine Kolumne, in der er Lyrik vorstellte. Die kleinen Essays sind unter dem Titel Das Abenteuer einer Drei-Minuten-Lektüre gesammelt. Man kann das noch bei Amazon Marketplace für einen Cent kaufen, lohnt sich unbedingt. Es ist wohl unmöglich, ein typisches Heise Gedicht zu finden. Ich nehme mir mal aus Ein Kobold von Komet (2007) das Gedicht Bei Büsum:

Bei Büsum wo ein Fisch
im Maul der Katze schlief
Ich eignete dir
den Mond zu Der Kellner
gab uns Falschgeld heraus
Wir gingen durchs Watt
(Deine Augen lagen
am Boden bei den übrigen
Muschelschalen)

Und dann habe ich noch was wirklich Schönes für alle, denen die Smartphone Wischer auf die Nerven gehen. Das Gedicht stammt aus dem Band Letzter Aufruf für Mr. H. Gesammelte Gedichte und Prosagedichte 1948-2012, es hat den Titel Flatrate:

In der einen Hand
ein Smartphone
in der anderen
einen Coffee-to-go
Deine Probleme: ausgelagert
Dein Wissen: abgespeichert
(hinterlegt als Datei in einer Cloud!)
Upload
Download/zeitversetzt
In Echtzeit
LIFE IS A GAME!
Du bist
DeadManWalking
Deine eigenes Homeoffice-mobil
In jedwedem Nirgendwo
Wahrnehmungs-Schwund als
Geisteszustand
Nur auf dem Fenster mehr
auf dem Display
Der Virtualität

Donnerstag, 4. April 2019

In Bremen ist es allerbest!


Otto Gildemeister, der mehrfache Bürgermeister seiner Heimatstadt, ist wohl der gebildetste Bremer im 19. Jahrhundert gewesen. Er ist in diesem Blog schon mehrfach erwähnt worden, irgendwann komme ich noch mal dazu, einen längeren Post über ihn zu schreiben. Schon als Schüler hatte er damit begonnen, sich an Übersetzungen zu versuchen. Am Ende seines Lebens hatte er Shakespeares Sonette, Ariosts Der rasende Roland und Dantes Göttliche Komödie übersetzt. Dazu noch Lord Byrons Werke in sechs Bänden. Und dann gibt es noch diese wunderbaren Essays von ihm, von denen der Rütten und Loening Verlag 1991 eine Auswahl unter dem Titel Allerhand Nörgeleien herausgebracht hatte. Die Essays sind aber auch hier im Projekt Gutenberg zu lesen.

Er hat wenig Gedichte geschrieben, nur einige Gelegenheitsgedichte, einen Festgesang zur Schillerfeier 1859 und ein Begrüßungsgedicht an Kaiser Wilhelm I. Etwas Längeres findet sich in dem Begleittext zu lebenden Bildern des Festspiels Eine Wette im Olymp, das Gildemeister 1860 für das Stiftungsfest des im neuen Festsaal des Künstlervereins aufgeführten Stückes schrieb. Bei einem Gastmahl der olympischen Götter mit Nektar und Ambrosia zieht Neptun über die Hansestadt Bremen her. Aber Merkur, der Gott der Kaufleute (und der Diebe), kommt den Bremern wortreich, wenn auch ein wenig ironisch, zu Hilfe:

Wenn Bremen man beschreit,
So ist das nichts als Neid;
Die Stadt ist arm an nichts als Mängeln;
Die Frauen gleichen alle Engeln;
Die Männer drin sind ganze Kerle;
Kurzum, die Stadt ist eine Perle;
Die Gegend glatt und drum bequem,
Das Klima feucht und angenehm,
Die Küche einfach und geschmackvoll,
Die Luft von edelstem Tabak voll;
Denn jede Sorte, die nichts taugt,
Wird nur für den Export gebraucht;
Mit einem: Süd, Nord, Ost, West,
In Bremen ist es allerbest!

Das musste mal eben zitiert werden, vor allem, weil Werder Bremen gestern Abend gegen Schalke 04 gewonnen hat.

Dienstag, 2. April 2019

Märchenprinz und Gummibär


Die 77-jährige Dichterin Sonja Struwe Marlin hat beinahe ihr ganzes Leben in Hamburg verbracht. Als sie nach dem Tod ihres Kindes in eine Lebenskrise geriet, begann sie zu schreiben. Fröhliche Gedichte. Sie schickte erste Gedichte an den Norddeutschen Rundfunk, der Moderator Lutz Ackermann las sie in der Sendung Sweet, Soft and Lazy vor. Dass aus den Gedichten dann ganze Gedichtbände wurden, war logisch. Die sechs Gedichtbände von Sonja Marlin, die seit den neunziger Jahren bei der Hanseatischen Edition in Hamburg veröffentlicht wurden, haben beinahe eine sechsstellige Auflagenzahl erreicht. Die Hanseatische Edition ist nicht unbedingt ein seriöser Verlag, da gibt es Witzbücher und Sprüche des Tages. Sonja Marlin ist vielleicht auch keine seriöse Dichterin (obgleich sie manchmal auch religiöse Gedichte verfasst), aber witzig ist sie immer. Ich zitiere mal aus ihrem ersten Gedichtband Märchenprinz und Gummibär, der mich einen Euro gekostet hat, das Gedicht Laue Sommernacht:

Ich laß heut nacht mein Fenster auf.
Vielleicht steigt einer ein,
klettert den Apfelbaum hinauf.
Es könnt doch möglich sein.

Warum ist denn die Luft so lau
und steht der Baum direkt
vor meinem Fenster ganz genau.
Ich hol schon mal den Sekt.

Noch eins? Wir sind heute spendabel:

Ebbe und Flut

Mir träumt, ich bin ein weiter Strand,
und Du, Du bist das Meer.
Mal ziehst Du Dich von mir zurück,
dann kommst Du wieder her.

Und in den Stunden ohne Dich,
da fühle ich mich gut.
Ich liege einfach nur so da
und warte auf die Flut.

Montag, 1. April 2019

Gedichte, Gedichte


Das mit der Sommerzeit, das haben Sie hingekriegt. Sie könnten jetzt noch den Post Sommerzeit lesen, wo man die Geschichte findet, wie eine deutsche Universität eine sauteure Patek Philippe Uhrenanlage wegwirft. Es ist nicht nur Sommerzeit, es ist auch wieder Poetry Month. Den National Poetry Month, den die Academy of American Poets erfand, gibt es seit 1996. Seit 2010 gibt es auch in diesem Blog im April Gedichte einen Monat lang. Bekanntes und Unbekanntes. Wir fangen heute mal mit einem Uhrengedicht an, es heißt Palmströms Uhr und ist natürlich von Christian Morgenstern

Palmströms Uhr ist andrer Art,
reagiert mimosisch zart.

Wer sie bittet, wird empfangen.
Oft schon ist sie so gegangen,

wie man herzlich sie gebeten,
ist zurück- und vorgetreten,

eine Stunde, zwei, drei Stunden,
je nachdem sie mitempfunden.

Selbst als Uhr, mit ihren Zeiten,
will sie nicht Prinzipien reiten:

Zwar ein Werk, wie allerwärts,
doch zugleich ein Werk – mit Herz.

Die meisten Uhren zeigen keine Gefühle, das konnte in den siebziger Jahren nur die Certina Biostar, die den Biorhythmus des Trägers anzeigte. Vielleicht hätte man sie Palmströms Uhr nennen sollen.