Montag, 25. April 2022

Retouren

Ich hatte bei einem ebay Händler dieses Hemd für fünf Euro ersteigert, ein blasses Pink, Kragen und Manschetten mit einem Paisley Muster unterlegt. Das Hemd hieß Curtis, was eine modische Nebenlinie der Firma Hawes & Curtis ist. Die über hundert Jahre alte Firma war in den zwanziger Jahren der Schneider des Prince of Wales. Also des Prinzen, der seinen Thron aufgeben wird. Und Cary Grant, Clark Gable, Bing Crosby, Lord Mountbatten, Frank Sinatra und Fred Astaire waren einmal Kunden von Hawes & Curtis. Heute ist das mit der Firma, die seit Jahren eine Filiale in Köln hat, nicht mehr so toll. Das Hemd kam an, war aber das falsche, drei Nummern zu klein, anderes Muster. Dem Händler war das schrecklich peinlich, er hat sich entschuldigt und geschrieben, ich brauche das Hemd nicht zurückzusenden, ich könne es verschenken. Rücksendungen sind Ressourcenverschwendung stand in der Mail, und das ist wahr.

Das ist nur vernünftig, und es steht in völligem Gegensatz zu einem Riesen im Second Hand Geschäft, bei dem die Rücksendungen zum Geschäftsmodell gehören. Die Firma heißt Momox Fashion, hieß vorher Ubup (used but precious): sie hat noch einen Zwillingsbruder, der Medimops heißt. Medimops handelt mit Büchern und CDs, es gibt bei den Angeboten nur die Beschreibung des Zustands. Sonst nix. Keine Auflistung der Stücke auf der CD. Keine Angaben über die Seitenzahlen des Buches oder zur Auflage. Alles, was einem Antiquariat heilig ist, nämlich die genaue Beschreibung des Gegenstandes, fällt bei ihnen weg. Das ist bei Momox für die Klamotten nicht anders. Bei Oberhemden findet man nur die Kragengröße, was überhaupt nichts über die Größe des Hemdes aussagt. 

Wenn man danach fragt, bekommt man Sätze wie diesen zu hören: Dass Sie ergänzende Angaben zu dem gewünschten Artikel erfragen, können wir absolut nachvollziehen. Momentan können wir Ihnen nur die Informationen mitteilen, die Sie in der Artikelbeschreibung vorfinden. Und warum auch genaue Angaben, es kommt ja portofrei und man kann es ja kostenlos zurückschicken: Entspricht ein Artikel nicht deinen Vorstellungen, nehmen wir ihn innerhalb von 30 Tagen zurück. Der Rückversand ist innerhalb Deutschlands ebenfalls kostenlos. Bitte nutze dazu unser Retourenportal. Der Satz Rücksendungen sind Ressourcenverschwendung ist bei ihnen noch nicht angekommen. Die Firma bekommt im Internet auch vernichtende Kritiken. Momox wirbt mit einem angeworbenem Model und dem Wort nachhaltig. Aber nachhaltig ist bei dem Geschäftsmodell, das von Retouren lebt, gar nichts.  

Der Händler, der mir das falsche Hemd geschickt hatte, sandte drei Tage später das richtige, blaßrosa, mit viereckigen rosa Knöpfen und Paisley Muster. Und das Hemd bringt mich zu meinem heutigen Gedicht, das einfach Shirt heißt. Es ist von Robert Pinsky, einem in Amerika berühmten Dichter. Er war einmal Poet Laureate, hat viele Preise bekommen und den Ehrendoktor von einem halben Dutzend Universitäten. In Deutschland ist er erstaunlicherweise so gut wie unbekannt. 

Pinskys Gedicht Shirt, das 1989 im New Yorker erschien, handelt von den anonymen Näherinnen, die weltweit Hemden nähen. Es hat etwas mit Thomas Hoods Gedicht Song to the Shirt zu tun, das 145 Jahre früher erschien, es geht letztlich um die Ausbeutung von Frauen. Hawes & Curtis Hemden werden nicht mehr in der Jermyn Street genäht, sie kommen aus der Türkei. Und das hat einen einfachen Grund; die türkische Fabrik gehört Touker Suleyman (Bild), der vor zwanzig Jahren die bankrotte Firma Hawes & Curtis gekauft hatte. So bleibt das alles sozusagen in der Familie.

Das Gedicht Shirt fängt harmlos an, mit den Einzelteilen eines Hemds (the back, the yoke, the yardage. lapped seams), kommt dann zu den Näherinnen, die sich in einer Pause unterhalten (Koreans or Malaysians gossiping over tea and noodles on their break), aber dann kommt es, das Schreckliche: junge Mädchen stürzen sich aus dem neunten Stock eines Hochhauses in den Tod. Geht hier die Phantasie des Dichters durch? Nein, the infamous blaze at the Triangle Factory in nineteen-eleven, das hat es gegeben. Eine Katastrophe, bei der mehr als hundertzwanzig ganz junge Mädchen in den Flammen umkamen oder in den Tod sprangen. Aber der Brand der Triangle Shirtwaist Factory wiederholt sich immer wieder auf der Welt. Hundert Jahre nach der Katastrophe in New York haben wir den Brand der Ali Enterprises in Pakistan, das Tazreen Fashions Feuer in Bangladesch (wo auch C&A produzieren ließ) und den Einsturz des Rana Plaza Building in Bangladesch. Was wir am Körper tragen, ist einen langen Weg gegangen, häufig einmal um die Welt. Unter welchen Bedingungen es enstanden ist, wissen wir selten. Und damit sind wir beim Thema des Gedichts Shirt:

The back, the yoke, the yardage. Lapped seams,
The nearly invisible stitches along the collar
Turned in a sweatshop by Koreans or Malaysians

Gossiping over tea and noodles on their break
Or talking money or politics while one fitted
This armpiece with its overseam to the band

Of cuff I button at my wrist. The presser, the cutter,
The wringer, the mangle. The needle, the union,
The treadle, the bobbin. The code. The infamous blaze

At the Triangle Factory in nineteen-eleven.
One hundred and forty-six died in the flames
On the ninth floor, no hydrants, no fire escapes—

The witness in a building across the street
Who watched how a young man helped a girl to step
Up to the windowsill, then held her out

Away from the masonry wall and let her drop.
And then another. As if he were helping them up
To enter a streetcar, and not eternity.

A third before he dropped her put her arms
Around his neck and kissed him. Then he held
Her into space, and dropped her. Almost at once

He stepped to the sill himself, his jacket flared
And fluttered up from his shirt as he came down,
Air filling up the legs of his gray trousers—

Like Hart Crane’s Bedlamite, “shrill shirt ballooning.”
Wonderful how the pattern matches perfectly
Across the placket and over the twin bar-tacked

Corners of both pockets, like a strict rhyme
Or a major chord. Prints, plaids, checks,
Houndstooth, Tattersall, Madras. The clan tartans

Invented by mill-owners inspired by the hoax of Ossian,
To control their savage Scottish workers, tamed
By a fabricated heraldry: MacGregor,

Bailey, MacMartin. The kilt, devised for workers
To wear among the dusty clattering looms.
Weavers, carders, spinners. The loader,

The docker, the navvy. The planter, the picker, the sorter
Sweating at her machine in a litter of cotton
As slaves in calico headrags sweated in fields:

George Herbert, your descendant is a Black
Lady in South Carolina, her name is Irma
And she inspected my shirt. Its color and fit

And feel and its clean smell have satisfied
Both her and me. We have culled its cost and quality
Down to the buttons of simulated bone,

The buttonholes, the sizing, the facing, the characters
Printed in black on neckband and tail. The shape,
The label, the labor, the color, the shade. The shirt.

Es gibt im Internet Interpretationshilfen, um das Gedicht besser zu verstehen, hier ist eine davon. Und dann habe ich hier noch ein Interview mit Robert Pinsky, in dem man sehr viel über das Gedicht erfährt. Ein Jahr nach der Katastrophe von 1911 gab es The Crime of Carelessness im Kino zu sehen, produziert von der Thomas A. Edison Incorporation. Und bezahlt vom Verband der Unternehmer. 1950 hat Jack Armold, der ansonsten auf SF Filme und Horror spezialisiert war, den Film With These Hands gedreht. Der Dokumentarfilm war eigentlich nur für die Mitglieder der International Ladies' Garment Workers' Union gedreht worden, wurde aber trotzdem für einen Oscar nominiert; die Brandkatastrophe kommt allerdings nur randständig in dem Film vor. 1979 erschien das Ganze mit dem Triangle Factory Scandal als Spielfilm, aber den Schrecken der Wirklichkeit gibt das alles kaum wieder.

Sonntag, 24. April 2022

nicht ganz ernst


Heute vor achtundfünfzig Jahren hat eine Gruppe von Vandalen der kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen den Kopf abgesägt. Der Hauptakteur war wohl ein gewisser Jørgen Nash, der sich hinterher Mermaid Killer nannte. Das Ganze war ein Happening einer Künstergruppe; was es sollte, weiß niemand. Man hatte der lille Havfrue ja schon einiges angetan, sie bunt bemalt oder sie mit einem BH bekleidet, aber geköpft worden war sie noch nicht. Man hat den Kopf nie wiedergefunden, ihn aber nach dem Originalguss von Edvard Eriksen nachmodelliert. Die Untat von 1964 hatte Folgen, 1984 wurde ihr der rechte Arm abgesägt, 1998 wurde sie zum zweitenmal enthauptet und 2003 vom Sockel gesprengt. Man kann sie sich für 82.000 Euro auch nachgegossen kaufen und sich ins Wohnzimmer stellen, sie ist ja nicht sehr groß.

Hans Christian Andersens kleine Meerjungfrau gab es hier schon in dem Post Meerjungfrauen + Waldnixen. Und für all ihre Schwestern, ob sie Rheinnixen, Waldnixen oder Loreley heißen, gab es hier schon die Posts: LurleyLoreleyRheinromantikdie schöne Frau Lore Ley und Rheinnixen. Mein Gedicht heute habe ich auf der Seite mermaidmania gefunden, wo eine Vielzahl von Nixengedichten versammelt ist. Friedrich Theodor Vischers Herr Olaf ist dabei, Herrn Winfreds Meerfahrt von Strachwitz allerdings nicht. Das Gedicht heute heißt schlicht Die Nixe und stammt aus dem Buch Die lachende Nixe von Willi Schönherr. Der schreibt lustige Bücher, bei denen immer das Wort lachen im Titel vorkommt. Anspruch auf Weltliteratur hat das nicht, muss aber auch mal sein.

Die Nixe ist ein Wassergeist,
der obenrum zwar Sex verheißt,
jedoch gleicht diese Meerjungfrau
dann untenrum dem Kabeljau,
was sicherlich die Herrenwelt
im Ernstfall vor Probleme stellt,
denn in den Sagen steht geschrieben,
dass Nixen junge Männer lieben
und sich mit Zauberkraft bemüh'n,
sie in ihr Wasserbett zu ziehen.
Wie sich die beiden Hübschen lieben,
wird in den Sagen nicht beschrieben.


Samstag, 23. April 2022

was zu zeigen ist


Es gab hier in diesem Monat schon einmal Rolf Dieter Brinkmann, aber ein zweites Gedicht von ihm kann an seinem Todestag nicht schaden, diesen Dichter kann man immer lesen. Das Gedicht hat den Titel Revolution, aber es geht nicht um etwas Revolutionäres. Das Gedicht findet sich, ebenso wie die Gedichte Die Ferne, blau und weißWirf... und Vage Luft 1972 in dem von Hans Peter Keller und Günter Lanser herausgegeben Band Satzbau: Poesie und Prosa aus Nordrhein-Westfalen. Heinrich Böll ist da drin, aber auch Hannelies Taschau, es ist eine interessante Sammlung. Man wünschte sich nur, dass das Vorwort länger wäre als eine Seite, und dass da mehr drin stände als der Satz: Das Ensemble macht klar, daß Nordrhein-Westfalen in der gesamtdeutschen Literatur der Gegenwart einen vernehmlichen Part spielt. Das Buch scheint die einzige Quelle für Brinkmanns Gedicht Revolution zu sein, das man im Internet vergeblich sucht. Jetzt ist es hier:

Ich stehe auf einem 
wackeligen Suhl und
habe Mühe, die zehn

Jahre alte Tapete
von der Wand zu
kriegen, was eine

Menge Arbeit ist,
nicht nur an einem
warmen Tag, der mich

von einer Hängematte
träumen läßt, wo kein
Ruß ist und Bier im

Schatten eines Mädchens
das sich die Haare aus
dem Gesicht streift,

in die Sonne blinzelt
sagt. 'gib mir auch'n
Schluck!', den Rock
hebt und zeigt, was

zu zeigen ist,
mehr nicht.



Freitag, 22. April 2022

sweatshirts

Ich habe das hier schon mal gesagt, dass meine Bekleidung beim Schreiben aus gelben Chinos, einem italienischen Luxushemd und Sweatshirts besteht. Ich habe immer Sweatshirts getragen, früher beim Sport, beim Jogging und beim Hallentennis. Ich habe mit der Zeit ein halbes Dutzend Sweatshirts angehäuft, aber gute Sweatshirts sind schwer zu bekommen. Kapuzenshirts, die Hoodies heißen (Standardkleidung für Bankräuber) massenhaft. Richtig gute Sweatshirts aus Baumwolle eher selten, die aus Fleece und Polyester sind keine Mangelware. Viele kleine Firmen, die früher Qualitätsware herstellten, sind untergegangen oder unbezahlbar geworden. Ich weiß nicht, weshalb Stone Island so teuer geworden ist. Wahrscheinlich, weil die englischen Hooligans das inzwischen tragen. Man ist ja immer auf der Suche. Nach den schönsten Frauen, nach den besten Jeans, nach dem besten Oberhemd, nach den guten Sweatshirts. Letztens fand ich eins von Christian Dior bei ebay, dreißig Euro, neu und ungetragen. Ist 'ne Fälschung, sagten meine Freunde. Warten wir es ab, sagte ich. Ich machte mich im Internet schlau, was diese Dinger so kosten. Ich konnte es kaum glauben, dass ein Sweatshirt mit dem Aufdruck Christian Dior Atelier 1.200 Euro kosten soll. 

Das Sweatshirt kam an, es war neu, und es passte gut. Aber es hatte kein Christian Dior Etikett. Doch es besaß eine Handvoll eingenähter Etiketten, die auf eine ganz andere Firma verwiesen, die Staff International heißt. Das ist eine Firmentochter eines kleinen Luxuskonzerns mit dem Namen OTB. Steht für Only the Best. OTB hieß früher einmal Only the Brave; damals als Renzo Russo seine Jeansmarke Diesel gründete, die ihn zum Millionär machte. Und in den letzten zwanzig Jahren hat er sich noch ein paar Firmen dazugekauft.  Maison Margiela, Marni, Amiri und Viktor & Rolf. Im letzten Jahr hieß der Neukauf Jil Sander, und Russo hat angedeutet, dass er noch andere Firmen kaufen wird. Beteiligungen an anderen Firmen wie zum Beispiel John Galliano, DsquaredN21 und Trussardi hat er schon genug. Und offenbar hat er, wie ein Etikett im Sweatshirt ausweist, auch einmal eine Dior Lizenz gehabt. Vielleicht macht er auch die anderen mit den echten Christian Dior Etiketten, die Hoodies von Mike Amiri, die er herstellt, kosten auch über 1.000 Euro.

Es ist schwer, bei ebay ein gutes Sweatshirt zu finden, noch schwerer ist es, ein Gedicht mit Sweatshirts zu finden. Ich habe ein Gedicht von John Updike, in dem auf jeden Fall das Wort Sweatshirt drin vorkommt. Updike war schon häufig in diesem Blog, zuerst in dem Post Nationalstolz, dann in John Updike und zuletzt in Hopper is saying, I am Vermeer. Das Gedicht heute heißt Flight into Limbo, er hat es beim Warten auf sein Flugzeug im John F. Kennedy Flughafen geschrieben. Im Schwebezustand, in limbo, auf seinen Flug wartend. Flugzeuge waren für ihn der ideale Ort zum Schreiben: writing in airplanes is a great poetry-writing time. Er hatte die erste Fassung auf seiner Bordkarte geschrieben, die aber im Flugzeug liegengelassen. Aber US Airways hat die Karte gefunden und ihm zugeschickt. Sonst hätten wir dies Gedicht nicht:

Flight to Limbo

(At What Used to Be Called Idlewild)

The line didn’t move, though there were not
many people in it. In a half-hearted light
the lone agent dealt patiently, noiselessly, endlessly
with a large dazed family ranging
from twin toddlers in strollers to an old lady
in a bent wheelchair. Their baggage
was all in cardboard boxes. The plane was delayed,
the rumor went through the line. We shrugged,
in our hopeless overcoats. Aviation
had never seemed a very natural idea.

Bored children floated with faces drained of blood.
The girls in the tax-free shops stood frozen
amid promises of a beautiful life abroad.
Louis Armstrong sang in some upper corner,
a trickle of ignored joy.
Outside, in an unintelligible darkness
that stretched to include the rubies of strip malls,
winged behemoths prowled looking for the gates
where they could bury their koala-bear noses
and suck our dimming dynamos dry.

Boys in floppy sweatshirts and backward hats
slapped their feet ostentatiously
while security attendants giggled
and the voice of a misplaced angel melodiously
parroted FAA regulations. Women in saris
and kimonos dragged, as their penance, behind them
toddlers clutching Occidental teddy bears,
and chair legs screeched in the food court
while ill-paid wraiths mopped circles of night
into the motionless floor.


Donnerstag, 21. April 2022

fremde Mädchen


Der deutsche Maler Albert Weisgerber wurde am 21. April 1878 geboren, heute vor zehn Jahren gab es hier schon den Post Albert Weisgerber. Zu meiner großen Überraschung ist der einige tausend Male angeklickt worden. Wahrscheinlich lag das daran, dass der Maler Albert Weisgerber nicht so bekannt ist. Obgleich sich die Weisgerber Stiftung, die hier eine sehr schöne Seite hat, bemüht, ihn bekannter zu machen. Dies Bild von ihm, das nicht zu seinen besten Werken gehört, hat etwas mit einem Gedicht zu tun. Es ist eine Skizze zu einem größeren Bild, eine Illustration zu Friedrich Schillers Gedicht Das Mädchen aus der Fremde. Und das nehme ich heute als Gedicht des Tages.

In einem Tal bei armen Hirten
Erschien mit jedem jungen Jahr,
Sobald die ersten Lerchen schwirrten,
Ein Mädchen, schön und wunderbar.

Sie war nicht in dem Tal geboren,
Man wußte nicht, woher sie kam,
Und schnell war ihre Spur verloren,
Sobald das Mädchen Abschied nahm.

Beseligend war ihre Nähe,
Und alle Herzen wurden weit,
Doch eine Würde, eine Höhe
Entfernte die Vertraulichkeit.

Sie brachte Blumen mit und Früchte,
Gereift auf einer andern Flur,
In einem andern Sonnenlichte,
In einer glücklichern Natur.

Und teilte jedem eine Gabe,
Dem Früchte, jenem Blumen aus,
Der Jüngling und der Greis am Stabe,
Ein jeder ging beschenkt nach Haus.

Willkommen waren alle Gäste,
Doch nahte sich ein liebend Paar,
Dem reichte sie der Gaben beste,
Der Blumen allerschönste dar.

Schiller Zeitgenosse Christian Felix Weiße hat im Vorwort einer Ausgabe von Schillers Gedichten geschrieben: Die Sammlung wird mit einer kleinen Allegorie voll Anmuth eröffnet, die ihr statt der Vorrede dient. Die Klarheit und Heiterkeit der Darstellung, die zarteste Anspruchslosigkeit und der geheimnißvolle Schleyer selbst, welcher den Sinn umhüllt, haben dem Mädchen aus der Fremde auch das Herz derer gewonnen, die jenen Schleyer nicht zu lüften wußten. (…) Das Mädchen aus der Fremde ist die Poesie. Herbeygerufen durch die Innigkeit des Gefühls, welches die Blüthe und Anmuth der Natur zu wecken pflegt, tritt sie zuerst unter den einfachsten und unschuldigsten Kindern der Natur auf, die sie durch ihre Gegenwart beglückt und über die enge Sphäre ihres Daseyns erhebt. Niemand weiß, von wannen sie kömmt oder wohin sie geht, und ihr geheimnißvoller göttlicher Ursprung kündigt sich durch die edle Würde an, mit der sie sich von allem, was gemein und sterblich ist, entfernt. Sie beglückt die Menschen durch ihr heiteres Daseyn und durch die Gaben, die sie ihnen mittheilt; Gaben, die sie selbst in überirdischen Gegenden, in dem Lande der Ideale, gesammelt hat. Sie sind von der mannigfaltigsten Art, obgleich alle erfreulich und schön. Die einen, reizende Spiele der Phantasie und – gleichsam die Blumen der Dichtkunst – ergötzen durch ihre Anmuth: die anderen sind von ernsterer Art und den Früchten vergleichbar, nach denen das Alter vorzugsweise greift, während die Jugend sich mehr an jenen erfreut. Jeder hat Anspruch auf ihre Gunst; aber vor allen der Liebende. Denn die Liebe ist die Poesie des Lebens und es giebt keine Poesie ohne Liebe!

Schillers Gedicht ist von Franz Schubert vertont worden, Sie können es hier von Dietrich Fischer-Dieskau gesungen hören.

Mittwoch, 20. April 2022

windig


Ich wollte eigentlich in diesem Poetry Month nicht täglich schreiben, aber jetzt tue ich es doch. Ich glaube, ich mache einmal eine kleine Pause. Aber ein Gedicht soll es heute trotzdem geben. Es heißt Windy Day und ist von Charles Simic. Der in Belgrad geborene Dichter ist in den USA, seit er sechzehn ist. Er hat dort studiert und ist dort Literaturprofessor gewesen. Seine Gedichte haben ihm viel Lob eingetragen, und 2007 wurde er Poet Laureate der USA. Das Gedicht Windy Day ist im letzten Jahr im New Yorker erschienen, für dieses Magazin schreibt er gerne. Das Gedicht ist kurz, verlangt nach keinen Interpretationshilfen, es ist eine kleine Liebesgeschichte, die auf der Wäscheleine hängt:

Two pairs of underwear,
One white and the other pink,
Flew up and down
On the laundry line,
Telling the whole world
They are madly in love.


Dienstag, 19. April 2022

Iphigenie

Am 19. April 1774 wurde in Paris die Oper Iphigénie en Aulide (Iphigenie in Aulis) von Christoph Willibald Gluck aufgeführt, Beinahe hundert Jahre später malt der deutsche Maler Anselm Feuerbach diese Iphigenie. Dies Bild von 1871 ist die zweite Fassung des Bildes, die Frau im weißen Kleid ist immer dieselbe Frau. 
Es ist allerdings diesmal nicht die Römerin Anna Risi, die Feuerbachs Muse und seine Geliebte gewesen war, die hatte ihn schon verlassen. Das steht schon in dem Post che gelida mani, der von dem Bild Feuerbachs handelt, das in der Bremer Kunsthalle hängt. Als Anna Risi drei Jahre später in einem katzenjämmerlichen Zustand bettelnd bei ihm auftauchte, hat er sie abgewiesen. So wird es allen gehen, die sich an meinem Genie versündigen, schreibt er an seine Mutter. Seine neue Muse heißt Lucia Brunacci: Ab 1866/7 fand er Ersatz in Lucia Brunacci, die Anna sehr ähnlich war, und die auch ihren Mann für ihn verließ. Lucia übernahm nun die Rolle der Anna Risi, aber ohne deren Ausstrahlung zu haben, mimte sie lediglich wie eine Statistin mythologische Frauengestalten, wie die Iphigenie und die Medea und war nun auch nackt zu sehen im Urteil des Paris und als ruhende Nymphe. Die Staatsgalerei Stuttgart schreibt über dieses Bild: Wie eine antike Statue ist das Modell Lucia Brunacci in großer Pose platziert, wie Goethes Iphigenie 'das Land der Griechen mit der Seele suchend'. Grau in grau mit wenigen Akzenten erinnert die Farbigkeit an antike Fresken. Inszeniert wie auf einer Bühne, wurde dieses Bild der unerfüllten Sehnsucht zum charakteristischen und häufig reproduzierten Motiv einer ganzen Epoche.

Schiller hat Euripides übersetzt. Goethe hat ein Theaterstück über Iphigenie geschrieben. In dem wir lesen können: Denn ach, mich trennt das Meer von den Geliebten, Und an dem Ufer steh ich lange Tage, Das Land der Griechen mit der Seele suchend. Das 19. Jahrhundert ist von Agamemnons Tochter wie besessen, es gibt nach Schiller und Goethe noch ein Dutzend deutscher Theaterstücke. Ich könnte ja jetzt ein paar Verse von Goethe oder Schiller nehmen, aber irgendwie gehen mir dies ganze Land der Griechen mit der Seele suchend und die kitschigen Bilder von Anselm Feuerbach auf den Keks. Das scheint auch dem Amerikaner Jack Conway, der Professor am English Department der University of Massachusetts in Dartmouth ist, so gegangen zu sein. Auf jeden Fall hatte er vor zehn Jahren beim Wergle Flomp Humor Poetry Contest 2012 ein Gedicht über Agamemnon eingereicht, das eine Honorable Mention erhielt und mit fünfundsiebzig Dollar prämiert wurde. In The Agamemnon Rag macht sich der Dichter einen Spaß mit der antiken Mythologie, spielt mit der Sprache, ist frech, witzig und ein klein bisschen unanständig:

The Agamemnon Rag

Atlas, you’re Homer. I am so glad you’re Hera.
Thera so many things to tell you. I went on that
minotaur of the museum. The new display centaurs
on how you can contract Sisyphus if you don’t use
a Trojan on your Dictys. It was all Greek to me, see.
When I was Roman around,
I rubbed Midas against someone. “Medea, you look like a Goddess,”
he said. The Minerva him! I told him to
Frigg off, oracle the cops. “Loki here,” I said.
“In Odin times men had better manners.” It’s best to try
and nymph that sort of thing in the bud. He said he knew
Athena two about women like me, then tried to Bacchus
into a corner. Dryads I could, he wouldn’t stop.
“Don’t Troy with my affections,” he said.
“I’m already going to Helen a hand basket.”
I pretended to be completely Apollo by his behavior.
If something like that Mars your day, it Styx with you
forever. “I’m not Bragi,” he said. “But Idon better.”
Some people will never Lerna. Juno what I did?
Valhalla for help. I knew the police would
Pegasus to the wall. The Sirens went off.
Are you or Argonaut guilty, they asked.
He told the cops he was Iliad bad clams.
He said he accidentally Electra Cupid himself
trying to adjust a lamp shade. This job has its
pluses and Minos. The cops figured he was Fulla it.
He nearly Runic for me. I’m telling you,
it was quite an Odyssey, but I knew things would
Pan out. And oh, by the way, here’s all his gold.
I was able to Fleece him before the museum closed.