Dienstag, 17. Januar 2023

Sir Compton Mackenzie


Heute vor einhundertvierzig Jahren wurde der schottische Schriftsteller Compton Mackenzie geboren. Er hat unglaublich viele Bücher geschrieben, von denen Whisky Galore und The Monarch of the Glen vielleicht seine bekanntesten sind. Und er war einer der Gründer der Scottish Nationalist Party. Musikfreunde schätzten ihn als Gründer der Zeitschrift Gramophone, der er auch jahrzehntelang vorstand. Im Ersten Weltkrieg war Mackenzie Captain der Royal Marines und wurde Geheimdienstchef in der Ägäis. Seine Tätigkeit als Geheimagent wurde durchaus gewürdigt. Er bekam von Griechenland den Erlöser Orden, von den Franzosen die Ehrenlegion, von den Serben den Weißen Adlerorden und von England ein OBE. Mackenzie hat auch Spionageromane geschrieben, das haben ja viele Engländer getan, die im Geheimdienst tätig waren: John Buchan, Graham Greene, Ian Fleming und John le Carré, um nur einige zu nennen. Seine beiden zusammenhängenden Spionageromane Extremes Meet und The Three Couriers gehören zu den realistischen Spionageromanen.

Da ähnelt Mackenzie Somerset Maugham, der über seine Erfahrungen als Geheimdienstoffizier den Roman Ashenden, or, The British Agent schrieb. Ein Buch, das die Tätigkeit eines Agenten minutiös wiedergibt. Die häufig nur aus Langeweile besteht: Being no more than a tiny rivet in a vast and complicated machine, he never had the advantage of seeing a completed action. He was concerned with the beginning or the end of it, perhaps, or with some incident in the middle, but what his own doings led to he had seldom a chance of discovering. It was as unsatisfactory as those modern novels that give you a number of unrelated episodes and expect you by piecing them together to construct in your mind a connected narrative. Maugham gibt viel aus der Arbeit des Geheimdienstes preis, aber er wird nicht mit dem Official Secrets Act verfolgt, dafür sorgt sein Freund Winston Churchill, mit dem er Golf spielt. Mit dem Official Secrets Act wird es aber Compton Mackenzie zu tun bekommen.

Dies hier ist Captain Sir Mansfield Cumming, der erste englische Geheimdienstchef. Er pflegte alle Akten mit grüner Tinte mit dem Kürzel C abzuzeichnen, was seine Nachfolger übernahmen. Nur in den Romanen von Ian Fleming nicht, da heißt der Vorgesetzte von James Bond Sir Miles Messervy schlicht M. Und kann natürlich nur durch Bernard Lee dargestellt werden. Aber wenn die Geheimdienstchefs auch die Aura eines Gentlemans haben, sollen wir uns nicht täuschen lassen. Spionage ist ein schmutziges Geschäft, sagt man gemeinhin. Sie streitet sich mit der Prostitution um den Titel, das älteste Gewerbe der Welt zu sein. 

But there will always be espionage and there will always be counter espionage. Though conditions may have altered, though difficulties may be greater, when war is raging, there will always be secrets which one side jealously guards and which the other will use every means to discover; there will always be men who from malice or for money will betray their kith and kin and there will always be men, who, from love of adventure or a sense of duty, will risk a shameful death to secure information valuable to their country, hat Somerset Maugham geschrieben.

Dass der englische Geheimdienstchef nur einen Buchstaben trägt, wissen wir, seit Compton Mackenzie das in seinen Greek Memories enthüllt hat. Und auch den Namen von Cumming preisgegeben hat. Hat ihn in Old Bailey 1933 eine Menge Geld gekostet, dass er gegen den Official Secrets Act verstoßen hat. Der Verlag nahm das Buch vom Markt und ersetzte es durch eine zensierte Version. Erst 2011 veröffentlichte Biteback Books die originale Version des Textes. Mackenzie hatte nicht nur enthüllt, dass der Geheimdienstchef alles mit einem C unterschrieb, er enthüllte auch, dass es einen Secret Intelligence Service gab (den man heute als MI6 kennt). Alle Praktiken des Geheimdienstes und die Namen vieler Geheimdienstoffiziere fanden sich in diesem Buch. Der Prozeß gegen Mackenzie, der in camera und ohne Jury geführt wurde, hatte auch komische Seiten. Der Attorney General, Sir Thomas Inskip, der die Geheimhaltung von Captain Cumming verteidigen wollte, wußte nicht, dass Cumming schon lange nicht mehr Geheimdienstchef war. Und dass er seit zehn Jahren tot war.

Colonel Valentine Vivian, der Vizechef des SIS, warnte die Regierung: The keynote of this book is authenticity... It is hardly surprising, therefore, that the book should in effect consist of a tissue of secret documents, few in themselves having any literary or public interest, but being plainly inserted to prove that the writer had access to authentic secret information ... But the main effect of these documents is to lend to the non-documentary portion of the book, much of which is dangerous to the interests of the Secret Service in the present day, a well merited appearance of reliability, which must assure the whole book the earnest attention of foreign, and potentially hostile governments. Zusammenfassend sagt er: There is scarcely a page of Greek Memories which does not damage the foundation of secrecy upon which the Secret Service is built up. Vivian hat als Geheimdienstoffizier viele Verdienste, er hat allerdings auch George Orwell in Paris bespitzelt. Und Kim Philby angeworben, was sicher nicht so verdienstvoll war. In den vorangegangenen Bänden seiner Memoiren, Gallipoli Memories (1929) und First Athenian Memories (1931), hatte Mackenzie keine Geheimnisse preisgegeben, das hatte er sich für den Band Greek Memories aufgespart.

In seinem Roman Water on the Brain (1933) hat sich Mackenzie (hier ein Photo aus dem Ersten Weltkrieg), dafür gerächt, dass die Geheimdienste seine Memoiren verboten hatten. Zu denen ihm im übrigen Kollegen aus der Geheimdienstzeit geraten hatten. Jetzt greift er zur Farce, zur Satire und beschreibt ein Directorate of Extraordinary Intelligence, MQ 99(E), das nur ein Ziel hat: it stands to reason that if the Secret Service was no longer secret it would cease to be the secret serviceAfter all, we're not cabinet ministers. We can't afford to talk. In diesem Roman empfiehlt der Geheimdienstchef seinen Mitarbeitern, das Wort spy nicht zu verwenden: I say, don't use that word, if you don't mind, when you're talking about our own people. We only use it for foreign agents. It may not seem to you important, but it's just these little things that make the wheels of the show go round smoothly. There's always a slight stigma attached to that word.

Der Geheimdienst muss in dem Roman seinen Sitz Pomona Lodge im Norden Londons aufgeben, ein ehemaliger Agent wrote a novel called 'The Foreign Agent' which might have smashed up the whole of the Secret Service. Und über diesen ehemaligen Agenten, der jetzt Romane schreibt, wird noch gesagt: He did what was almost as bad. . . He wrote what he honestly thought was a completely misleading picture of the Secret Service as it really is. The consequence is that any foreign agent who reads Chancellor’s novel knows perfectly well now what the British Secret Service is not, and to know what it is not is half-way to knowing what it is. Und Mackenzie setzt noch eins drauf: Pomona Lodge is now an asylum for the servants of bureaucracy who have been driven mad in the service of their country. Viele Leser mochten diesen Roman, der Herzog von Westminster wird sagen, Water on the Brain sei the only realistic book about secret service he had read.

Dass die Spione in Compton Mackenzies Roman in der Irrenanstalt landen, ist ein schöner Gedanke. Vielleicht ist die amerikanische NSA Zentrale Fort Meade, die man Crypto City nennt, ja nichts anderes als Mackenzies Pomona Lodge. Eine Heimat für paranoide Computer Nerds. Was wird aus all den Spionen? Also außer denen, die Spionageromane schreiben oder whistleblower werden? Oder wie Kim Philby und Guy Burgess den Rest ihres Lebens in Moskau verbringen. Oder denen der Adelstitel von der Königin entzogen wird, wie dem Herrn rechts auf dem Photo. Die Amerikaner haben zwei Dutzend Geheimdienste, man fragt sich, womit die sich beschäftigen. Wissen die, dass ihr Präsident geheime Unterlagen in der Garage aufbewahrt?

Graham Greene läßt in seinem Roman The Ministry of Fear eine Romanfigur sagen: It sounds like a thriller, doesn't it, but the thrillers are like life – more like life than you are, this lawn, your sandwiches, that pine. You used to laugh at the books Miss Savage read — about spies, and murders, and violence, and wild motor-car chases, but, dear, that's real life ... The world has been remade by William Le Queux. Der Name Le Queux ist heute nicht mehr so geläufig, er war einer der ersten, der uns Spionageromane und Thriller servierte. Also das, was uns jeden Abend im Fernsehen serviert wird, wenn wir nicht die stinklangweiligen Nordic Noir Serien sehen wollen. 

Wir können Compton Mackenzie (hier als Rektor der Universität von Glasgow) dankbar sein, dass er noch andere Dinge im Kopf hatte als William Le Queux, dass er uns die Zeitschrift Gramophone und Whisky Galore und The Monarch of the Glen geschenkt hat. Sein Biograph Gavin Wallace hat über ihn gesagt: Although Mackenzie's output of novels (including delightful books for children), essays, criticism, history, biography, autobiography, and travel writing was prolific - a total of 113 published titles - it can truly be said that if he had never written a word he would still have been a celebrity. He had a personality as exhibitory and colourful as his writing, and remained throughout his life a gregarious man with a brilliant sense of comedy. Flamboyant, a raconteur and mimic, he was no less memorable as the formidable scourge of politicians, bureaucrats, and governments, and the passionate defender of the ostracized, the shunned, and the wronged.

Ich habe natürlich alles gelesen, was mit Mackenzie und der Welt des Geheimdienstes zusmmenhängt. Ich habe sogar die erste deutsche Dissertation über Mackenzie, Die Bedeutung des Abenteuers bei Compton Mackenzie von Agnes Habermann, aus dem Jahre 1932 gelesen. Das habe ich getan, weil ich vor einem halben Jahrhundert ein Buch über den englischen Spionageroman geschrieben habe. Wenn Sie davon eine kurze Kurzfassung lesen wollen, dann lesen Sie den Post Secret Agents. Über die Welt der Geheimdienste steht auch einiges in diesem Blog, zum Beispiel in dem Post Aufklärung. Dort findet sich auch die Geschichte, dass mich der BND anwerben wollte und welche Erfahrungen ich mit dem Miltärischen Abschirmdienst machte. Die waren genau so komisch wie Mackenzies Roman Water on the Brain.

Sonntag, 15. Januar 2023

Ingahild Grathmer


Die elegante Dame hier in der Kunstausstellung scheint nicht so sehr an den Landschaftsgemälden interessiert zu sein, die da an der Wand hängen. Sie geht an ihnen vorbei. Sie kennt die Bilder schon. Sie hat sie selbst gemalt. Jetzt malt sie Landschaften in Öl, in den siebziger Jahren hatte sie als Zeichnerin angefangen und hat Illustrationen zu Tolkiens Herr der Ringe gezeichnet. 

Die ersten Zeichnungen hat sie an Tolkien geschickt. Der war sehr davon angetan, was ihm die junge Dänin Ingahild Grathmer da schickte. Die erste dänische Ausgabe von Ringenes herre mit ihren Illustrationen im Jahre 1977 hat er nicht mehr erlebtIngahild Grathmer hat noch einen anderen Namen, sie heißt auch Margrethe Alexandrine Þórhildur Ingrid und ist die Köngin von Dänemark. Das ist sie heute vor einundfünfzig Jahren geworden, sie war seit 560 Jahren die erste Frau auf dem dänischen Thron. Sie ist jetzt das weltweit dienstälteste amtierende weibliche Staatsoberhaupt. Der NDR hatte gestern passend zu dem Jubiläum mit Das dänische Königshaus: beliebt, modern, glamourös eine nette Sendung über das dänische Königshaus.

Ich habe Margrethe einmal gesehen, da war sie einundzwanzig, es war schönstes Sommerwetter, solrigt vejr, da oben am Limfjord. Margrethe trug ein wunderbares royalblaues Abendkleid. Sie hatte sich mit ihren Schwestern offenbar beim Ankleiden verspätet, das kriegen Frauen ja immer leicht hin. Der König, der neben seinem riesigen Jaguar Mark VII (auch royalblau) wartete, war verärgert und fuhr ohne seine Töchter weg. Hat aber vorher allen Umstehenden, die seinen Wagen bewunderten, die Hand geschüttelt. Mir auch. Die Prinzessinnen wurden dann mit einem royalblauen amerikanischen Straßenkreuzer zum Abendessen bei dem Direktor der Austernfischerei kutschiert. Die Geschichte steht schon in dem Post des Königs Jaguar, ein Post, der viele Leser gefunden hat.

Das blaue Abendkleid, das sie an dem Sommerabend in Nykøbing trug, würde sie heute nicht mehr tragen, sie liebt es gern bunt. Sie könnte ihre Kleider ja bei Baum und Pferdgarten kaufen, aber vieles ist ihr eigenes Design, das ihr ihre Lieblingsschneiderin Birgitte Thaulow näht. Die  Königin ist auch Kostümdesignerin für Film, Theater und die Kopenhagener Oper. Im letzten Jahr hat sie für einen Netflix Film von Bille August die Kostüme und Dekorationen entworfen. Und deshalb hat sie in dem Post skandinavische Mode auch ihren Platz.

Sie raucht jetzt weniger, in der Öffentlichkeit gar nicht mehr. Ihr Vater war auch Kettenraucher bis ihm seine Ärzte die Pfeife empfahlen. Sie bleibt bei ihren Ziggis. Ohne Filter. Als sie Königin wurde, hat sie auf den Titel einer Gräfin von Delmenhorst verzichtet. So etwas tun Könige ja manchmal, George III hat darauf verzichtet, König von Frankreich sein zu wollen. Köningin der Färöer ist sie aber noch. Sie hat noch nie eine E-Mail geschrieben, weil sie mit Computer und Handy nicht umgehen kann. Und nicht umgehen will. 

Mit der Fernbedienung des Fernsehgeräts kommt sie zurecht. Sie sieht am liebsten die Olsenbande. Und erscheint auch mal bei Ulf Pilgaard, der sie auf der Bühne seit vierzig Jahren parodiert. Die Dänen können glücklich sein, eine solche Königin zu haben. Ich nehme an, dass sie heute zur Feier des Tages einen Akvavit trinken wird. Das werde ich auch tun, ich habe den schon kaltgestellt. Und dann werde ich Snaps Drinking Woman von Champion Jack Dupree auflegen, das hat er ja in Kopenhagen geschrieben. Das habe ich in dem Sommer, in dem ich die Prinzessin sah, nachts auf einem Segelboot im Hafen von Kopenhagen mit einem schäbigen kleinen Transistorradio gehört. Manches bleibt immer im Ohr. Champion Jack Dupree ebenso wie Galila Rübners Bach.

Freitag, 13. Januar 2023

Oskar Zwintscher


Ich habe endlich Ihr Selbstporträt gesehen. Das muß ich Ihnen auf alle Fälle sagen, daß es mir einen großen, großen Eindruck gemacht hat. Das ist ein wundervolles Bild. So fein in den Kontrasten, so intim und doch fast dekorativ. Es ist mir das Liebste, was ich bisher von Ihnen gesehen habe. (Wie freue ich mich einmal, bis ich viel mehr kenne, über Ihr Werk zu schreiben!), schreibt Rainer Maria Rilke am 18. Mai 1902 an den Maler Oskar Zwintscher. Er hatte das Bild in der 13. Großen Kunstausstellung des Bremer Kunstvereins in der Bremer Kunsthalle gesehen. Aus dieser Ausstellung heraus hat die Kunsthalle bei Ausstellungsende das Bild auch gekauft. 1902 war Zwintscher ein berühmter Mann. Aber der Ruhm des Mannes, der es versteht, uns die koloristischen und zeichnerischen Experimente der alten Meister, natürlich ins Moderne übersetzt, wieder nahe zu rücken, hat nicht lange gehalten.

Zwintscher ist, Rilkes Einladung folgend, einmal in Worpswede gewesen. Hat dort Heinrich Vogeler, Rainer Maria Rilke und seine Ehefrau Clara Rilke-Westhoff gemalt. Das wusste ich, sonst wusste ich wenig über den Künstler. Jetzt weiß ich mehr, weil mir die Astrid zu Weihnachten den großen Dresdner Zwintscher Katalog Weltflucht und Moderne: Oskar Zwintscher in der Kunst um 1900 geschenkt hat. Die haben in Dresden vierzig Jahre nach der ersten Nachkriegsausstellung von Zwitscher jetzt wieder eine Ausstellung. Im letzten Jahr war schon das kleine Buch Oskar Zwintscher im Albertinum (Leseprobe) erschienen. Über die neue Ausstellung hat die Direktorin des Albertinums Hilke Wagner gesagt: Es ist für mich eine Aufgabe, dass wir die Kunstgeschichte korrigieren und diesen wunderbaren Maler, der eben lange übersehen wurde, im rechten Licht und im rechten Kontext zeigen

Das sind große Worte, denn nicht alles im Werk von Zwintscher, den man einmal den sächsischen Klimt nannte, ist wunderbar. Das Dresdner Online Stadtmagazin Cyber Sax hat das etwas genauer formuliert: Der Maler Oskar Zwintscher (1870–1916) gehörte lange zu den Verlierern der alten Fortschrittserzählung der Moderne, wurde seine Kunst doch bis vor einigen Jahren nicht selten als schwüler Jahrhundertwende-Kitsch abgetan. Wenn wir ein Beispiel für den Kitsch brauchen, dann reicht ein Blick auf dieses Bild, das den Titel Gram hat. Das ziert natürlich nicht die Vorderseite des neuen Katalogs, dafür hat man ein wirklich gutes Bild des Malers genommen, der auch ein hervorragender Portraitist ist.

Vorne auf dem Katalog ist dieses Portrait einer Dame mit Zigarette aus dem Jahre 1904. Man weiß leider nicht, wer sie ist. Der Dresdner Online Katalog sagt über das Bild: Von dieser jungen Frau mit offenem Haar, dichten Augenbrauen, vollen Lippen und schlichter, schmuckloser Kleidung geht eine rätselhafte Anziehungskraft aus. Ihr direkter Blick und die laszive Haltung mit übereinandergeschlagenen Beinen lassen auf eine moderne, selbstbestimmte Persönlichkeit schließen, möglicherweise eine Malerin, Sängerin oder Schauspielerin. Diese Annahme wird unterstrichen durch die angezündete Zigarette, die bislang ausschließlich als Symbol für Weltläufigkeit und Männlichkeit galt. 

Die dunklen Augen der jungen Frau sind erfüllt von einer unbestimmten Sehnsucht und Melancholie.Immer wieder verwies der Maler in seinen Frauenbildnissen auf dunkle, gedankenschwere Seelenzustände. Die Eindringlichkeit des Bildnisses wird gesteigert, indem Zwintscher das helle, samtige Inkarnat von Gesicht, Hals und Händen sowie das Aschblond der Haare in hellen Tönen im Kontrast zur schwarzen Kleidung und zum schwarzgrauen Hintergrund erstrahlen lässt. Allein die glutrote Zigarettenspitze und das Rot der sinnlichen Lippen setzen Farbakzente.

Das zweite Bild im oberen Absatz ist nicht von Zwintscher, es entstammt einem Projekt namens tussenkunstenquarantaine, wo jedermann bei Instagram Gemälde nachstellen kann. Aber ein Original nachzustellen gelingt selten. Wer hat schon solch ein Handgelenk wie die Dame aus dem Jahre 1904? Die Idee, Kunstwerke nachzustellen, kam in der Corona Zeit vom Getty Museum: We challenge you to recreate a work of art with objects (and people) in your home: 

Choose your favorite artwork 
Find three things lying around your house 
Recreate the artwork with those items

Und dann schicken Sie das Ganze ans GettyMuseum. Oder an tussenkunstenquarantaine. Oder wohin Sie wollen, das Internet nimmt alles. Und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: suchen Sie sich etwas Einfaches aus. Versuchen Sie nicht Albrecht Altdorfers Alexanderschlacht nachzustellen.

Die Ausstellung Weltflucht und Moderne: Oskar Zwintscher in der Kunst um 1900 geht noch bis zum 15. Januar (also bis übermorgen), ab März ist sie in Wiesbaden zu sehen.

Mittwoch, 11. Januar 2023

Kriminalpolizei

Kriminalpolizei, sagte die Stimme am Telephon. Ich wusste, dass es nicht die Kripo war, die Telephonnummer war unterdrückt. Das hat seinen Grund, sagte der Mann, der sich als Kommissar Weber vorstellte, das machen wir aus ermittlungstaktischen Gründen. Sie können aber auch bei der Polizeidirektion anrufen. Das war nun ein geschickter Schachzug, um verunsicherte Leute zu beruhigen. Und dann erzählte er mir diese Geschichte, die ich glauben sollte. Dass man in meiner Nachbarschaft zwei Leute festgenommen hätte. Rumänen. Dies Detail ist immer gut, wir glauben ja gerne, dass die Rumänen immer kriminell sind. Zigeuner eben. Die beiden Rumänen würden jetzt von seinem Kollegen, dem Hauptkommissar Knauer, im Präsidium vernommen. Sie hätten einen Zettel dabei gehabt, auf dem stände, dass ich viele Wertsachen und Bargeld in der Wohnung hätte. In meinem Safe. Das müsse er jetzt alles genau wissen.

Das konnte ich mir vorstellen, dass er das gerne wissen wollte. Es war mir die ganze Zeit klar, dass dies kein echter Kommissar, sondern ein Kleinkrimineller war, ein Trickbetrüger. Man liest ja immer davon, man hat sie aber selten wirklich am Telephon. Er hatte seinen Text vorbereitet, so wie ein Schauspieler seinen Text vorbereitet, er wusste auf alles eine Antwort. Er hatte ein Drehbuch für das Ganze. Ich ließ ihn reden. Irgendwann wurde es mir zuviel, ich sagte ihm, dass er kein Kriminalkommissar, sondern ein Krimineller sei. Jetzt war er beleidigt. Wie können Sie es wagen, einen deutschen Kriminalkommissar zu beleidigen. Ich schicke Ihnen gleich mal eine Funkstreife vorbei. Ich sagte: Darauf warte ich gerne und legte auf.

Dann rief ich die richtige Polizei an und erzählte einer netten Beamtin die ganze Geschichte. Sie nahm das alles sorgfältig auf. Sie fragte mich, ob ich im Telephonbuch stände und riet mir, meinen Eintrag dort löschen zu lassen. Ich stehe seit fünfzig Jahren im Telephonbuch, das war früher etwas Seriöses. Heute offenbar nicht mehr. 

Aber der Abend war noch nicht zu Ende. Eine Stunde nach dem Telephonat mit der Polizei rief mich erneut ein Kriminalkommissar an. Diesmal nicht mit unterdrückter Nummer, sondern mit der Nummer 110. Die Polizei ruft niemals mit dieser Nummer an. Er hatte eine sonore Stimme und konnte sich wie ein gebildeter Mensch ausdrücken. Und er begann wieder mit der Geschichte mit der Nachbarschaft. Ich unterbrach ihn und fragte: Sind das die Rumänen, von denen mir ihr Kollege Weber von einer Stunde erzählt hat? Jetzt war er für einen Augenblick unsicher. Und dann sagte ich: Ihr Kleinkriminellen, ihr müsst mal eure Anrufe abstimmen. Er sagt Ja und legte auf.

Eine Woche später konnte ich in der Zeitung lesen, dass die Anrufe der Kriminellen, die sich als Polizisten ausgäben, stark zugenommen hätten. Zwei Wochen später kam ein Brief von der Staatsanwaltschaft, die mir mitteilte, dass man die Untersuchungen eingestellt hätte. Es erschien aussichtlos, da jemanden zu greifen, selten wird mal jemand von der Bande festgenommen.

Aber die Betrüger geben nie auf. Am letzten Sonntagabend war eine Frau am Apparat. Sie sagte, dass sie die Einsatzleiterin des 3. Polizeireviers sei. Sie war sehr energisch. Und sie erzählte auch wieder eine Geschichte, die sich gerade in der Nachbarschaft abgespielt hatte. Bei mir um die Ecke hätte man eine 86-jährige Dame überfallen. Aber bevor die angebliche Polizeibeamtin ihr Programm abspulen konnte, fragte ich sie, warum sie mit unterdrückter Nummer anriefe. Das liegt an unserer abhörsicheren Kryptoleitung, sagte sie. Ich hörte der energischen Einsatzleiterin noch ein wenig zu. Die Etablierung der Glaubwürdigkeit ist ja erst der Anfang der Geschichte, irgendwann wollen sie mit neuen Erzählungen an das Geld des Angerufenen. Ich beendete das Gespräch, indem ich sagte, dass zwischen ihr und den Randalierern von Silvester kein großer Unterschied sei. Ins Gefängnis gehörten sie alle. Jetzt war sie richtig beleidigt. Ich legte auf. Dann rief ich das 3. Polizeirevier an. Sie hatten keine Einsatzleiterin. Und keine abhörsichere Kryptoleitung. Mein Gott, hört das nie auf? sagte der Beamte am Telephon. Es hört offenbar nie auf. Die  Band Erste allgemeine Verunsicherung hatte schon recht, als sie Das Böse ist immer und überall sangen.

Sonntag, 8. Januar 2023

C'est à Hambourg


Ich wäre beinahe mal Rowohlt Autor geworden. Dem Lektor gefiel mein Manuskript, er wusste nur nicht, in welcher Reihe des Verlags er es unterbringen sollte. Während wir Briefe wechselten, erhielt ich plötzlich von einem ganz anderen Verlag ein Angebot. Sie offerierten mir, mein Manuskript noch im selben Jahr in ihrer neuen wissenschaftlichen Reihe als Buch herauszubringen. Ich nahm das Angebot an, so etwas bekommt man nicht jeden Tag. Verabschiedete mich aber noch brieflich von dem netten Rowohlt Lektor. Nicht so nette Erinnerungen an den Rowohlt Verlag hatte ein junger Schriftsteller namens Karl Mickinn, der nach einer Woche sein Romanmanuskript vom Cheflektor Fritz J. Raddatz zurückbekommen hatte. Ja, das ist Raddatz hier, noch ohne seinen Bart. Raddatz ist schon mehrfach in diesem Blog erwähnt worden (zum Beispiel in den Posts Goethe und Albert Vigoleis Thelen), aber noch nie ist etwas Nettes über ihn gesagt worden. Ich muss da noch eben etwas zitieren, was hier schon vor zwölf Jahren stand:

Aber wundert es einen bei jemandem, der wegen eines gefälschten Goethe Zitats bei der Zeit rausgeflogen ist? Und wie schrieb damals noch Karasek so schön über Raddatz? Da Raddatz ein eitler, lauter, in Beleidigungen schnatternder Gesellschaftsmensch war, der sich so anhörte, wie Willi, der Freund der Biene Maja, freute sich das halbe Feuilleton-Deutschland über seinen Sturz in die Lächerlichkeit. Er, der jedem besserwisserisch dessen Unbildung vorwarf, war also selbst hereingefallen. Er war dabei aber nur ein notorischer Wiederholungstäter, der mit seinen fatalen Falschzitaten offenbar einem geheimen Selbstzerstörungstrieb gehorchte.
     Der Engländer würde sagen: The pot calling the kettle black. Ja, da haben sich zwei gefunden. Beides Dünnbrettbohrer, aber beide mit riesigem Ego.

Raddatz teilte Karl Mickinn mit, er könne nur davon abraten, das Werk in Deutschland zu veröffentlichen. Mickinn nahm das als einen guten Ratschlag, er ging nach Paris, wo er mal kurz studiert hatte, und offerierte das inzwischen durch die renommierte Übersetzerin Gisèle Bernier (die Isaac Bashevis Singer ins Französische gebracht hatte) übersetzte Manuskript dem berühmten Maurice Nadeau. Der das Buch sofort in seiner Reihe Les Lettres Nouvelles seines Verlags Denoël in einer Auflage von dreitausend Exemplaren druckte. Der Titel des Buches war C'est à Hambourg, Titel eines Chansons von Edith Piaf. Der Titel war richtig gewählt, denn von Hamburg handelt der Roman: 24 heures dans les quartiers chauds de Hambourg en 1958 sur fond de 'miracle économique'. Der Roman versetzt uns vierundzwanzig Stunden lang (Joyces Ulysses war da wohl ein Vorbild für den Autor) in ein quirliges Spätsommer-Hamburg. Nicht an die Elbchaussee, eher in die Rotlichtviertel. Das war es, was Raddatz nicht gefallen hatte, ein Buch pickepackevoll mit dem Schmutz der Hansestadt im Jahre 1958. Marvelous dirty stuff wird es in einem englischen Journal heißen. Dagegen sind die St Pauli Romane von Simone Buchholz harmlos. Die Kritiker der führenden Pariser Zeitungen waren von C'est à Hambourg begeistert. Für sie war Karl Mickinn ein Name, der den Namen von Johnson, Grass und Enzensberger hinzugefügt werden müsse.

So etwas ähnliches musste Walther H. Schünemann im Bremen auch wohl gedacht haben. Er bot Mickinn sofort einen Vertrag an, weil er doch diese etwas exzentrische Reihe City Buch hatte. Da war gerade zum erstenmal in deutscher Sprache Jean-Pierre Rochés Jules und Jim erschienen (das als Lizenzausgabe auch zu Rowohlt wanderte), und dann gab es Jean-Louis Rieupeyrouts Le Western, Ou le cinéma américain par excellence und Co­mics wie Jean-Claude Fo­rests Bar­ba­rella und Guy Peellaerts Jodelle. Oder Octave Mirbeaus Le Jardin des supplices mit zwanzig Zeichnungen von Rodin. Auch Rock Dreams: Die Geschichte der Popmusik von Guy Peellaert und Nik Cohn ist in deutscher Übersetzung bei Schünemann erschienen. Wo sonst? Kein deutscher Verleger würde es heute wagen, ein solches Verlagsprogramm zu haben. Ein Jahr nach C'est à Hambourg erschien Altweibersommer in Bremen. Als Buch sehr gut ausgestattet: blauer Original-Leinenband mit weißgeprägtem Rückentitel und mehrfarbig illustriertem Original-Schutzumschlag, Kopffarbschnitt. Und dann eben diesem erotischen Schutzumschlag von Paul Wunderlich.

Es gab eine Vorzugsausgabe des Buches, da war der Schutzumschlag eine von Wunderlich signierte Lithographie. Im Spiegel konnte man lesen: Karl Mickinn: »Altweibersommer«. Ein Jahr nach der französischen Übersetzung (SPIEGEL 10/1967) bringt der Autor aus Ostpreußen, 41, seinen zynischen, kunterbunten und bisweilen unbekümmert aberwitzigen Erstroman aus Hamburger Gossen und Striptease-Pinten, von Schiebern, Huren, Säufern, Bankräubern und Reeperbahn-Wärtern deutsch auf den Markt. Das Lokal-Kolorit von St. Pauli stimmt, die Slang-Tiraden wirken auf Langstrecken ermüdend. 400 Exemplare der Auflage sind mit numerierter und signierter Original-Lithographie des Hamburger Graphikers Paul Wunderlich umwickelt und für 120 Mark zu haben. (Schünemann; 304 Seiten; 22 Mark.)

Im Kultursommer 2021 wurde in St Pauli auch aus dem Werk von Mickinn vorgelesen. Dort findet sich im Programm auch eine kurze Biographie: Karl Mickinn, geboren 1927, ostpreußischer Bauernsohn, Luftwaffenhelfer und Panzergrenadier, studierte in Hamburg, Köln und Paris 'ein bisschen Philosophie und Volkswirtschaft' und bemühte sich mit Erfolg, möglichst arbeitslos über die Jahre zu kommen. Am Kellersee bei Malente, im Gutshaus des Ex-Diplomaten Werner von Levetzow, hatte er sein festes Domizil – als 'Vermögensverwalter, Gesellschafter, Saufkumpan', als 'Butler mit Familienanschluss'. Dort begann er seinen Roman 'Altweibersommer', der in Frankreich Premiere hatte und erst dann auf Deutsch mit einer Umschlaglithographie  von Paul Wunderlich im Bremer Schünemann Verlag erschien. Er zog nach Irland und betrieb dort eine Pension. Weiteres ist nicht bekannt.

Man weiß nicht sehr viel über den Autor, man könnte noch hinzufügen, dass er 2010 gestorben ist. Und 1967 verlauten ließ, er arbeite an einem zweiten Roman. Das sei die Geschichte eines pensionierten Zuhälters, Arbeitstitel: Die Pornozyniker. Ein Roman, der nie erschienen ist. Der Artikel im Spiegel No 10 (1967) mit dem Titel Mädchen, Frauen, Weiber bleibt eine der wichtigsten Quellen zu Mickinns Leben und Werk. Der taucht manchmal an seltsamen Stellen auf. So können wir in Stefan Blessins Biographie von Horst Janssen lesen, dass Mickinn die Frauen entsorgt, die sein Schulfreund Paul Wunderlich nicht mehr sehen will: Wunderlich mußte sich bei den Frauen nicht bedingungslos engagieren. Es gab Zeiten, da er sie wie Nummern ablegte. Solche Mädchen, die einfach wegsollten, übernahm morgens Karl Mickinn, der übrigens mit Wunderlich wie mit Janssen befreundet war. Karl Mickinn brachte ihnen das Frühstück ans Bett und beruhigte die Wartende: 'Paul kommt gleich'. Er dehnte den Morgen künstlich und kam nach zwei Stunden, den Blick immer noch unverwandt aus dem Fenster auf den Ersehnten gerichtet, mit dem Satz hervor: 'Eigentlich ist der Mensch allein.' So gab er das Zeichen zum Kofferpacken. 

Die Zeit ließ sich ein Jahr Zeit, um diesen neuen deutschen Roman zu besprechen, dann tat das im Januar 1968 Martin Gregor-Dellin. Der stösst sich an der Sprache des Textes, zum Beispiel an der Formulierung sie taxigirlte. Ich finde diese Eindeutschung des amerikanischen taxi girls ziemlich genial. Aber so genial manche Sätze von Mickinn, mit vierzig ein Debütant, auch hingefetzt werden, Gregor-Dellin konnte sich nicht dazu verstehen, dass Mickinn, zuweilen auch präziser Berichterstatter von Lebensläufen und ein kühler Beobachter einen guten Roman geschrieben hatte. Seine französischen Kollegen, deren Rezensionen auf der Innenseite des Buchumschlags der deutschen Ausgabe abgedruckt sind, waren da ganz anderer Meinung. Sechs Jahre hatte Mickinn an seinem Roman geschrieben, Gregor-Dellin wird in seiner Kritik den 24 heures dans les quartiers chauds de Hambourg en 1958 sur fond de 'miracle économique' nicht gerecht. Denn Kraftausdrücke, Schludrigkeiten und schmutzige Witze hin und her: dies Buch ist auch ein Stück großer Literatur. Man kannn es antiquarisch immer noch finden. Die französische Erstausgabe wurde 1982 neu aufgelegt.


Freitag, 6. Januar 2023

das kleine Fischweib

Das ist Carl Jacobsen im Jahre 1896, er ist einer der reichsten Dänen. Ihm gehört die Ny Carlsberg Brauerei. Mit seinem Vermögen tut er viele gute Werke. Er hat auch die Ny Carlsberg Glyptotek gegründet. Das ist nicht so meine Sache, ich habe mit Plastiken meine Schwierigkeiten. Das habe ich vor vielen Jahren meinem Onkel Karl gestanden, der Bildhauer war. Ich habe aber natürlich eine Plastik von ihm. Und ich war natürlich auch in der Glyptotek in Kopenhagen und besitze sogar einen Katalog. Das Haus von Jacobsens Eltern war voll mit Werken von Bertel Thorvaldsen, den mag ich auch nicht besonders, aber er hat hier schon einen Post. 

Den Post musste ich damals schreiben, weil mir die Astrid diesen fetten Katalog Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Der dänische Bildhauer und seine Freunde geschenkt hat. Also, kurz gesagt, der Bierbrauersohn Carl Jacobsen ist mit Statuen aufgewachsen, und er hat im Anschluss an eine Italienreise mit seinem Vater die Münchener Glyptothek kennengelernt, die einen großen Eindruck auf ihn gemacht hat. Er lernt auch den Archäologen Wolfgang Helbig kennen, der für ihn in Rom einkaufen soll: Eine so schöne, vielseitige und lehrreiche Skulpturensammlung wie nur möglich. Und da es in Kopenhagen noch fast gar nichts gibt, können wir anfangen, wo wir wollen

Was es bisher in Kopenhagen an Plastiken gab, stand in der Akademie und diente den Malern zum Studium, wie wir es hier auf dem Bild von Knut Baade sehen können. Carlsberg will, dass nicht nur Künstler, sondern jeder die Kunst sehen kann. Von nun an kauft er mehr und mehr. Klassik und Moderne, seine Glyptothek wird auch eine große Rodinsammlung haben. Der Kuss, der schon in dem Post Nackt zu sehen ist, ist auch dabei. Und Jacobsen schenkt seiner Heimatstadt nach der Maxime Den levende kunst hører det levende folk til eine Statue nach der anderen. Eine davon kennen wir alle.

Am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1909 ist Carl Jacobsen in der königlichen Oper, es gibt ein eventyrballet in drei Akten. Mit Musik. Die Musik ist von Fini Valdemar Henriques, damals einer der beliebtesten Komponisten des Landes. Vieles von seinen Kompositionen wird in Dänemark heute noch gespielt. Es ist zum Beispiel eine CD lieferbar, auf der Christina Bjørkøe Klavierstücke von ihm spielt. Christina Bjørkø kennen Sie schon aus mehreren Posts, weil sie die Goldberg Variationen so schön spielt. Wenn Sie etwas von der Musik dieses Abends hören wollen, dann klicken Sie hier und hier. Das Thema des Ballets am Weihnachtstag kennt jeder Zuschauer. Es ist Den lille havfrue, das Märchen von H.C. Andersen von der kleinen Meerjungfrau, deren Haut so rein und so fein wie ein Rosenblatt war, ihre Augen so blau wie die tiefste See. Die kleine Meerjungfrau spielt die Primaballerina Ellen Price.

Jacobsen, Bierbrauer und Kunstmäzen, ist von der Aufführung begeistert. Und da neben dem Bier und der Kunstförderung Statuen und Skulpturen sein Leben ausmachen, will er sofort eine Bronzestatue von Ellen Price als kleine Meerjungfrau haben. Die Primaballerina erklärt sich bereit, dem Bildhauer Edvard Eriksen (hier mit seiner Ehefrau Eline Vilhelmine Møller) Modell zu sitzen. Eriksen ist noch jung, aber schon sehr berühmt, im Vorjahr hatte er die Statuen für den Sarkophag von Christian IX und Königin Louise gestalten dürfen. Die Arbeit an der Statue gestaltet sich schwierig. Als Ellen Price erfährt, dass sie dem Bildhauer nackt Modell sitzen soll, lehnt sie das kategorisch ab. Eriksen könne ihr Gesicht modellieren, aber dann ist Schluss.

Für den Rest der Nixe wird Eriksen seine Ehefrau als Modell nehmen, aber es ist immer noch nicht klar, wie die Skulptur aussehen soll. Jacobsen will eine Nixe mit Fischschwanz, Eriksen eine Menschenfrau mit Beinen. Am Ende gibt es einen Kompromiß, die Figur bekommt Beine, die in einen Fischschwanz enden. Meine Erfahrung sagt mir: Wenn man Künstler machen lässt, was sie wollen, wird es am besten, wird Jacobsen sagen. Das hier ist Alice Eriksen, die Enkelin von Edvard und Eline Eriksen mit einer Kopie der Figur, die wir alle kennen. 

Alice Eriksen, die mit ihren Brüdern bis 2029 die Rechte an den verkleinerten Kopien der Skulptur hat, hat in einem Interview gesagt, dass es niemals zur Diskussion stand, dass die Primaballerina Ellen Price nackt posierte. Das hätte meine Großmutter nicht zugelassen, sie saß schließlich bei allen Frauen-Skulpturen ihres Mannes Modell. Neben den kleinen Kopien, die niemals so groß sein dürfen wie das Original (das hatte Edvard Eriksen so verfügt), gibt es an einigen Orten der Welt autorisierte Abgüsse des Originals.

Carl Jacobsen konnte noch erleben, dass vier Jahre nach dem Balletabend die lille havfrue an der Langelinie aufgestellt wurde. Er brauchte nicht mehr zu erleben, was im letzten halben Jahrhundert mit der Skulptur, die zum Wahrzeichen von Kopenhagen geworden war, geschah. Heute vor 25 Jahren haben Unbekannte der Kleinen Meerjungfrau zum zweiten Mal den Kopf abgesägt. Das erste Mal war das 1964 geschehen. Das hatte Ellen Price, die sehr alt geworden ist, noch miterlebt, in dem Jahr, in dem die Plastik zum zweiten Mal ihren Kopf verlor, ist die Primadonna gestorben. Hatte die Neunzigjährige das noch mitbekommen, dass es wieder einen Anschlag auf die Figur gegeben hatte, die auch ein Teil von ihr war? Man konnte die Plastik immer wieder originalgetreu restaurieren, denn man besaß noch das Gipsmodell des Bildhauers. Aber die Dekaptation vor einem Vierteljahrhundert war nicht das Ende der Untaten. Immer wieder wurde aus schier Schandudel das kleine Fischweib bemalt und besudelt. Wahrscheinlich klebt sich irgendwann noch ein Klimakleber an ihr fest.

Wenn Sie die Geschichte der kleinen Seejungfer von H.C. Andersen lesen wollen, dann gibt es hier einen Link zum Projekt Gutenberg. Oder zum dänischen Original. Andersens Märchenfigur war schon mehrfach in diesem Blog. Zum einen im letzten Jahr in einem kurzen Post, der nicht ganz ernst heißt. Zum anderen gab es hier 2011 schon einen längeren kulturhistorischen Post mit dem Titel Meerjungfrauen + Waldnixen. Wenn ich einen Scanner hätte, dann wäre hier das Photo zu sehen, wie ich vor sechzig Jahren an der Langelinie die kleine Dame betrachte. Und diese eleganten beigen Chinos anhabe. Man kann auf dem Photo auch sehen, was man auf jedem Photo sehen kann: die lille havfrue ist sehr klein. Aber sie hat eine große Wirkung. Die haben nackte Damen, die aus dem Wasser kommen, immer. Ob sie von Sandro Botticelli gemalt sind oder Ursula Andress heißen.


Mittwoch, 4. Januar 2023

Zur Sache, Schätzchen


Heute vor fünfundfünfzig Jahren hatte der Film Zur Sache, Schätzchen Premiere. Das Publikum liebte den Film, die Kritik auch. Die sprach vom Neuen Deutschen Film, das Pamphlet dazu hatte Joe Hembus mit seinem Buch Der deutsche Film kann gar nicht besser sein geliefert. Das war 1961 in Bremen bei Schünemann erschienen, einem Verlag, der die konservativen Bremer Nachrichten herausgab und nicht für revolutionäre Neuerungen bekannt war. Der sich aber in den sechziger Jahren eine Reihe namens City Buch leistete, in der ganz erstaunliche Bücher erschienen. Wie zum Beispiel das erste Buch über den Western, Jean-Louis Rieupeyrouts Le Western, Ou le cinéma américain par excellence, in deutscher Übersetzung. Oder der Co­mic Bar­ba­rella von Jean-Claude Fo­rest. Und Karl Mickinns Altweibersommer mit einer nackten Schönheit von Paul Wunderlich auf dem Schutzumschlag. Da war Joe Hembus bei Walther H. Schünemann schon richtig aufgehoben. Zwanzig Jahre später schrieb er zusammen mit dem Truffaut Spezialisten Robert Fischer das Buch Der Neue Deutsche Film. Das bei Goldmann erschienene Buch hatte ein Vorwort von Douglas Sirk.

Drei Tage nach Beginn der Dreharbeiten schrieben May Spils und ihr Hauptdarsteller Werner Enke das Drehbuch um. Der Film sollte wie Godards Außer Atem, mit dem er viele Ähnlichkeiten hat, mit dem Tod des Hauptdarstellers enden, aber jetzt war gerade in Berlin der Student Benno Ohnesorg erschossen worden. Soviel Realität wollte man dann doch nicht haben. Denn mit der Realität und den beginnenden Revolutionen auf der Straße hatte der Film wenig zu tun. Es sollte nicht böse enden. May Spils drehte 1968, als alles politisch wurde, einen unpolitischen Film über das Nichtstun

Wenn man sich die Top Ten der erfolgreichsten Filme in Deutschland anschaut, dann muss man sagen, dass die wenig mit dem zu tun haben, was wir 1968 nennen, nichts von Vietnam, dem Prager Frühling oder den Bremer Straßenbahnunruhen. Die deutsche Filmwelt sah an der Kinokasse so aus: 

1.  Das Dschungelbuch (27.394.000)
2.  Zur Sache, Schätzchen (6.500.000)
3.  Oswalt Kolle: Das Wunder der Liebe (6.000.000
4.  Zum Teufel mit der Penne (6.000.000)
5.  Die Nichten der Frau Oberst (5.000.000)
6.  Zur Hölle mit den Paukern (4.000.000)
7.  Immer Ärger mit den Paukern (4.000.000)
8.  Oswalt Kolle: Das Wunder der Liebe II – Sexuelle Partnerschaft (3.500.000)
9.  Die Wirtin von der Lahn (3.000.000)
10 Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung (3.000.000)

Von diesen Filmen habe ich nur Zur Sache, Schätzchen gesehen. Es gab andere Filme in den Kinos. Wie zum Beispiel Baisers volés und La mariée était en noir von Truffaut oder Les Biches von Chabrol, das war eine ganz andere Welt. Werner Enke und Uschi Glas machten den Film zum Kultfilm. Uschi Glas, die einen Nackauftritt verweigert hatte, war gleich in drei Filmen der Top Ten des Jahres 1968, neben Zur Sache, Schätzchen war sie auch in Zur Hölle mit den Paukern und Immer Ärger mit den Paukern zu sehen. Und in dem Edgar Wallace Film Der Gorilla von Soho. Die beinahe gleichaltrige Catherine Deneuve hatte da schon Die Regenschirme von CherbourgEkelLeben im Schloß und Belle de Jour gedreht.

Die deutsche Komödie aus dem Jahre 1968, die mit https://zursacheschaetzchen.de eine eigene Internetseite hat, hat sich gehalten. May Spils und Werner Enke versuchten mit mehreren Filmen an diesen Erfolg anzuknüpfen, das hätten sie lassen sollen. Diese Schwabinger Leichtigkeit konnte man nicht wiederholen. Wenn Sie wollen, können Sie den Film hier sehen. Und wenn Sie noch mehr über den Film wissen wollen, dann klicken Sie den Post Uschi Glas an, den ich zum siebzigsten Geburtstag von Apanatschi geschrieben habe.