Sonntag, 4. Dezember 2022

Julie Récamier (encore une fois)

Damit Sie an diesem Adventssontag etwas zu lesen haben, und es den nächsten neuen Post erst übermorgen gibt, stelle ich hier etwas ein, das vor zehn Jahren schon hier stand. Und viele tausend Leser gefunden hat, sehr viele.

Die Franzosen sind dem weiblichen Genius wenigstens minder abhold als die Deutschen. Diese Eigenschaft beweist, daß ihre Bildung harmonischer ist als die unsers Volks, und daß sie größern Nationalstolz besitzen als unsere werthen Landsleute; denn der Franzose liebt alles, was den französischen Namen verherrlicht. Ich glaube nicht, daß jemals eine Juliette Récamier in Deutschland aufblühen werde, sowenig wie es in jetziger Zeit in Frankreich geschehen könnte; denn der Sinn für eine Größe, wie die ihrige, ist verschwunden, wenn er sich auch noch bei Einzelnen findet. Schreibt Helmina von Chézy in ihren Erinnerungen.

Und sie hat natürlich Recht, wir haben keine Salonière, die sich mit Jeanne Françoise Julie Adélaïde Bernard, besser bekannt als Madame Récamier (die heute vor 245 Jahren geboren wurde) vergleichen könnte. Obgleich sich die Damen im Spree-Athen natürlich darum bemühen, auch eine merveilleuse zu sein. Und nicht nur die französische Empire Mode nachzuahmen, sondern möglichst auch einen Salon zu haben. Kriegen sie auch, wie uns zum Beispiel Günther de Bruyn in Als Poesie gut: Schicksale aus Berlins Kunstepoche 1786 bis 1807 zeigt, halbwegs hin. Allerdings werden keine Möbelstücke nach den Berliner Salonièren benannt. Doch Rahel Levin-Varnhagen hat hier schon lange einen Post.

Bei uns sieht in Deutschland das alles etwas anders aus als in Paris oder bei den Blaustrümpfen in England. Ich zitiere noch einmal Helmina von Chézy: Ich glaube nicht, daß jemals eine Juliette Récamier in Deutschland aufblühen werde, sowenig wie es in jetziger Zeit in Frankreich geschehen könnte; denn der Sinn für eine Größe, wie die ihrige, ist verschwunden, wenn er sich auch noch bei Einzelnen findet. Hier ist eine Einzelne. Die ihren Musenhof allerdings nicht in Berlin, sondern in Tübingen unterhält. Das hier ist Wilhelmine Cotta, die Gattin von Johann Friedrich Cotta, der der Verleger von Schiller und Goethe war. Wenn Tübingen auch nicht Paris ist, der Maler des Bildes ist gerade aus Paris gekommen. Er heißt Gottlieb Schick, er hatte in Paris bei Jacques-Louis David studiert. Bevor Schick Paris verließ, konnte er im Studio sehen, wie David die Madame Récamier portraitierte. Und er selbst hat die Julie Récamier in Paris in sein Skizzenbuch gezeichnet.

Wenn ich mal eben für einen Augenblick abschweifen darf: ein Freund von mir versuchte vor Jahrzehnten zusammen mit seiner Gattin diese schöne Tradition eines Salons in einer großen Altbauwohnung durch einen jour fixe wieder zu beleben. Aber das Ganze schlief nach ein, zwei Jahren wieder ein. An den Möbeln lag es nicht, es gab zwar keine Récamière, aber genügend stilvolle alte Möbel. Leider fehlte irgendwie der gewünschte intellektuelle Austausch. Die Professoren von der Kunsthochschule diskutierten nicht über Kunst, sie zogen sich in eine Wohnzimmerecke zurück und spielten bis in die Nacht Skat.

Die Lehrer klagten über die Dummheit der Schüler, die Hochschullehrer klagten über die Dummheit der Kollegen. Gott erschuf den Professor, der Teufel erschuf den Kollegen. Nur bei den Mettbrötchen und dem Bier in der Küche kam manchmal so etwas wie ein niveauvolles Gespräch auf. Dabei war die ganze Idee ja gut, nur war der Zeitpunkt offensichtlich nicht geeignet. Die 68er waren müde. Alle Gäste des Salons schienen in der midlife crisis zu sein, viele waren wegen einer Ehekrise in Therapie. Es war statt eines schöngeistigen Salons die trivialisierte Form eines John Updike Romans geworden. Dennoch denke ich mit einer gewissen Nostalgie daran zurück. Wenn man bedenkt, dass dies damals vielleicht die Crème de la Crème des Ortes war: was hätte werden können - und warum wurde es nur so wenig? Gut, manche Diskussionen waren oberhalb des Niveaus der Universität, aber dazu gehörte nicht viel. Es kann natürlich sein, dass es in Berlin kein Äquivalent für eine Madame Récamier oder eine Madame Tallien (Bild) gab. Aber vielleicht gab es in den berühmten Salons in Paris und Berlin ja damals auch nur Klatsch und Tratsch.

Vielleicht ist das, was uns Eduard Gans aus dem Salon der Mme Récamier zu berichten wusste, auch nur eine schöne home story gewesen? Irgendwie klingt mir da die Berlinerin Elise von Hohenhausen ehrlicher: Eine geistige Gemeinschaft fand in Berlin statt, wie sie wohl in wenigen Städten gefunden wird. Geistreiche Familien, auch wohl einzelne Damen, hielten an bestimmten Wochentagen Versammlungen, die auf's Lebhafteste an die Salons der Du Deffant, L'Espinasse, Recamiér u. A. m. erinnerten. Man achtete nicht darauf, ob man eine oder drei Treppen steigen mußte, ob es hell oder dämmernd im Zimmer war; Alles was man verlangte, war ein warmer Ofen und eine Tasse Thee; die Tasse selbst mochte von chinesischem Porzellan oder von Töpferwaare seyn. Dieses Detail mit der Töpferware hat etwas Authentisches.

Es gibt noch eine andere Verbindung zwischen Paris und Berlin als die der Nachahmung französischer Mode und der Pariser Salons. Gertrude Aretz erzählt in Berühmte Frauen der WeltgeschichteAls das Kaiserreich errichtet wurde, versuchte der Polizeiminister Fouché, die Récamiers für den neuen Hof zu gewinnen. Er bot Juliette an, Ehrendame am Hofe Napoleons zu werden. Juliette Récamier lehnte jedoch ab und geriet nach und nach in den Kreis der Opposition, die sich um Frau von Staël geschart hatte. Als ihr Gatte grosse finanzielle Verluste erlitt, zog sie sich eine Zeitlang auf das Schloss ihrer Freundin nach Coppet zurück. Dort lernte sie den Prinzen August von Preussen kennen, der sich sterblich in sie verliebte. Eine Zeitlang trug sie sich mit der Absicht, diesen Neffen des Grossen Friedrich zu heiraten. Ob sie wirklich diese Absicht hatte, wissen wir nicht. Aber der August, der hätte sie schon gerne geheiratet. Sie hat ihm das Bild geschenkt (oder geliehen, das ist nie so ganz klar geworden), das wir hier sehen: Ich bin nun endlich wieder im Besitz Ihrers Porträts, das ich mit brennender Ungeduld so lange erwartet habe: Wieviele süße Erinnerungen und wieviel Bedauern, so weit vom Original entfernt zu sein, fanden sich in meinem Herzen, als ich es wiedersah! schreibt ihr der Prinz August aus Berlin. Und da steht er nun - von Franz Krüger gemalt - breit und bräsig im Salon vor dem Portrait der schönsten Frau Frankreichs, gemalt vom Baron Gérard. 

Als Franz Krüger den Preußenprinzen mit der fernen Geliebten an der Wand malt, konnte Mme Récamier das Bild eh nicht mehr gebrauchen. Sie war gerade ins Kloster gezogen. Sie ist nicht aus Liebeskummer eine Nonne geworden, nein, die L'Abbaye-aux-Bois in der Rue de Sèvres bot verarmten Damen der feinen Gesellschaft preiswerten Wohnraum. Madame war pleite. Da hatte es ihre Konkurrentin um den ersten Platz in der Gesellschaft, Madame Tallien (die Notre-Dame de Thermidor), bedeutend besser getroffen. Arsène Houssaye hat bösartig von Mme Récamier als eine jener Neugriechinnen, die sich halb nackt, aber von ihrer Schamhaftigkeit bekleidet, aus den Ruinen eines blutigen Pompeji erhoben gesprochen. Man kann das anders formulieren, die Kostümhistorikerin Aileen Ribeiro erwähnt sie im Zusammenhang mit der raffish demi-mondaine society thrown up by the Directory. Man ist schnell nach oben gekommen, jetzt fällt man wieder. Das Rad der Fortuna dreht sich zu Lebzeiten Napoleons (der Julie Récamier nicht ausstehen konnte) etwas schneller als sonst.

Ganz so schlimm kann es im übrigen in den Räumen der Abtei in der Rue de Sèvres nicht gewesen sein, wie das Gemälde von Gérard (oben) zeigt. Das beinahe zeitgleich mit Franz Krügers Bild vom Prinzen August gemalt wurde. Madame hat ihre geliebte Harfe, ihr Piano und ein Regal voller Bücher retten können (hier ein Bild ihres Bettes). Und da sitzt sie wieder, wie auch schon auf dem Bild von David, stereotyp in ihrem weißen Hemdblusenkleid, dieser Mode à la Grecque. Die angeblich die neue Volkstracht sein soll, aber natürlich Haute Couture und unbezahlbar teuer ist.

Und sie empfängt auch hier ihren Kreis von Bewunderern, hat auch hier noch ihre Hofberichterstatter. Wie zum Beispiel Chateaubriand (hier auf einem Bild von Girodet), der angeblich ihr Geliebter ist. Der über die neue Wohnung schreibt:  La chambre à coucher était ornée d’une bibliothèque, d’une harpe, d’un piano, du portrait de Madame de Staël et d’une vue de Coppet au clair de lune. Sur les fenêtres étaient des pots de fleurs. […] La plongée des fenêtres était sur le jardin de l’abbaye, dans la corbeille verdoyante duquel tournoyaient des religieuses et couraient des pensionnaires. La cime d’un acacia arrivait à la hauteur de l’œil. Des clochers pointus coupaient le ciel et l’on apercevait à l’horizon les collines de Sèvres. Le soleil couchant dorait le tableau et entrait par les fenêtres ouvertes. Madame Récamier était à son piano; l’Angelus tintait; les sons de la cloche, qui semblait pleurer le jour qui se mourrait: « il giorno pianger che si muore », se mêlaient aux derniers accents de l’invocation à la nuit, du Roméo et Juliette de Steibelt. Quelques oiseaux se venaient coucher dans les jalousies relevées de la fenêtre. Je rejoignais au loin le silence et la solitude, par-dessus le tumulte et le bruit d’une grande cité. Texte wie diese werden heute immer noch geschrieben, solches Gesülze stirbt nicht aus. Vor allem nicht in der demi-monde.

Nach dem Tod von August hat Julie Récamier das Bild übrigens zurück bekommen. Aber sie konnte sich nicht mehr darauf erkennen. Sie war inzwischen erblindet. Hätte etwas aus dieser amourösen Verbindung von Paris und Berlin werden können? Die Récamier hatte ja eine Vielzahl von Liebschaften, aber das war alles wohl eher: nur gucken, nicht anfassen! Sie war eine Salonière, keine demi-mondaine. Diese Damen kommen etwas später, sie haben mit Demimonde und les grandes horizontales und hier schon zwei schöne kulturhistorische Posts.

Man muss sich abgrenzen von der Bohème, also stürzt man sich auf die Kultur. Freilich treten hier an Madame Recamier auch andre als rein geistige Interessen heran; unter den Gästen der Frau von Stael befand sich der Prinz August von Preußen, der eine heftige Leidenschaft für sie faßte und ihr den Antrag machte, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen und ihm ihre Hand zu reichen. Sie erwiderte seine Gefühle nicht, wie denn ihre gleichmäßige Schönheit nie von einer Neigung bewegt zu sein scheint, aber sie war durch seine Ergebenheit gerührt. Das konnte man 1859 in der Zeitschrift Die Grenzboten lesen. Ach ja, die Französinnen - es ist immer das gleiche:

L'amour est enfant de Bohême
Il n'a jamais, jamais connu de loi
Si tu ne m'aimes pas, je t'aime
Si je t'aime, prends garde à toi !
Si tu ne m’aimes pas
Si tu ne m’aimes pas, je t’aime !
Mais, si je t’aime
Si je t’aime, prends garde à toi !

Die Lettres du prince Auguste de Prusse 1807 à 1843 sind 1976 in der Zeitschrift Francia: Forschungen zur Westeuropäischen Geschichte (hier im Volltext) mit einer Einleitung von Alfred W. Hein herausgegeben worden.

Freitag, 2. Dezember 2022

Terrorist?

Am 2. Dezember 1859 wurde der Abolitionist John Brown in Charles Town (Virginia) gehängt. Man hatte ihn auf seinen Sarg gesetzt, als man ihn zur Hinrichtungsstätte gefahren hat; und so hat ihn der naive Maler Horace Pippin 1942 auch gemalt. Während der letzten Wochen des Novembers 1859 war der kleine Ort Charles Town zu einer Garnisonsstadt geworden. Vor dem Gerichtsgebäude, in dem der Prozsss Virginia v. John Brown stattfand, hatte man eine Kanone plaziert. Man fürchtete, dass John Brown von seinen Anhängern befreit würde. Nach Friedrich Kapp sah es in Charles Town jetzt so aus: Diese Untersuchung ist ein Hohn auf die Justiz und eine der widerlichsten Farcen, die je im Namen des Rechtes aufgeführt sind. Die Gefangenen sahen sich da von einem Haufen aufgeregter und tobender Zuschauer umgeben, welche sie thätlich bedrohten; sie stehen vor einer Jury, welche sich als ihr erbittertster Feind bekennt und dennoch in aller Form Rechtens eingeschworen wird. Um das Ganze würdig zu krönen, wird der Vertheidiger Brown’s vom Auditorium mit persönlicher Gewalt bedroht, falls er es versuchen sollte, das Verbrechen seines Klienten zu beschönigen.

       Diesem Kriegszustande innerhalb der vier Wände des Gerichtshofes entsprach das Leben und Treiben außerhalb desselben. Charlestown ward in Belagerungszustand erklärt, alle Formen europäischer Vorbilder wurden ängstlich nachgeahmt oder vielmehr karrikirt. Eine betrunkene Soldateska von welcher Einer vor dem Andern Furcht hatte, tobte durch die Straßen und übte die Polizei aus. Es herrschte der bewaffnete Pöbel, die ruchloseste Anarchie. Zugleich aber erklärte der kommandirende Offizier dem nördlichen Anwalt Brown’s, daß er ihm für sein Leben nicht stehen könne, falls er es wagen sollte, seinen Klienten weiter zu vertheidigen.

Nicht nur Soldaten sind jetzt in der Stadt. Viele Zeitungen haben Reporter geschickt. Dank des Telegraphen werden ihre Berichte in die ganze Nation geschickt, in den Norden und den Süden. Die Rede, die Brown vor Gericht hält, steht am nächsten Tag im Volltext in der New York Times. Noch ist die Nation geeint, aber sie zerfällt schon in zwei Lager, die Sklavenhalter und die Abolitionisten. Für die einen ist Brown ein Terrorist und Mörder, für die anderen ist er ein Held. Henry David Thoreau nannte Brown an angel of light. Für Ralph Waldo Emerson ist er ein neuer Heiliger who would make the gallows as glorious as the cross. 

Friedrich Kapp ist 1860 mit seinem Urteil ausgewogen und prophetisch: Es kann sich also im vorliegenden Falle nur noch fragen, ob die von Brown zur Erreichung seines Zweckes gewählten Mittel die richtigen waren? Das sind sie nicht. Die Ausführung seines Planes war mangelhaft und schlecht; allein trotzdem liefert sie der Welt den Beweis, daß die Sklaverei die hiesige Gesellschaft im beständigen Kriegszustand hält, daß diese nur durch eine tyrannische Gewalt zusammengehalten werden kann und daß die Ver. Staaten mit Riesenschritten einer Revolution entgegeneilen. Entweder Sklaverei oder Freiheit; der unvermeidliche Konflikt zwischen beiden muß wohl oder übel ausgekämpft werden! Brown ist der erste blutige Vorläufer des ihnen bevorstehenden Kampfes. Seine Hinrichtung ist die erste politische in der Union; sie bezeichnet schon deßhalb einen Markstein in deren Entwicklung; sie wird nicht die letzte sein. Denn dieselben Zustände werden dieselben Ideen erzeugen und dieselben Handlungen werden sich wiederholen und dieselben Folgen nach sich ziehen. Brown’s Unternehmen mißlang. Allein was ist Mißlingen? Nichts als Erziehung, als der erste Schritt zum Bessermachen, sagt Wendel Philipps. Vivat sequens!

Brown hatte am 16. Oktober 1859 mit seinen Leuten die Waffenfabrik im benachbarten Harpers Ferry überfallen, um Waffen für seinen Plan eines Sklavenaufstands zu bekommen. Ein Colonel der Armee, den man extra aus dem Urlaub geholt hat, wird ihn festnehmen. Er heißt Robert E. Lee und ist wenige Jahre  später der Oberkommandierende der Armee der Südstaaten. John Brown glaubt, dass Gott ihn geschickt hat, um die Sklaven zu befreien. Als er nach dem Pottawatomie massacre gefragt wird: Then, Captain, you think that God uses you as an instrument in his hands to kill men? antwortet er: I think he has used me as an instrument to kill men; and if I live, I think he will use me as an instrument to kill a good many more. Er glaubt daran. Und deshalb hat Horace Pippin das Bild John Brown Reading his Bible gemalt. I, John Brown, am now quite certain that the crimes of this guilty land will never be purged away but with blood, hatte Brown auf einen Zettel geschrieben, den man in seiner Zelle fand, es waren seine letzten Worte. Das Blut wird kommen, zwei Jahre später beginnt der amerikanische Bürgerkrieg. The war began not at Sumter but at Harper’s Ferry, hat der Südstaatenoffizier Turner Ashby gesagt. 

John Brown Reading his Bible ist Teil einer Trilogie, das dritte Bild ist The Trial of John Brown. Da liegt der Angeklagte schwerverletzt auf dem Boden, aber man hat kein Mitleid mit ihm. Für den Maler Horace Pippin war die Trilogie der Bilder eine persönliche Sache. Er hat dem Kunsthändler Robert Carlen erzählt, dass seine Mutter als junges Mädchen bei der Hinrichtung John Browns dabei gewesen sei. Nach neuesten Forschungen ist es wohl seine Großmutter gewesen. Wahrscheinlich ist das die Farbige am rechten Bildrand von John Brown Going to His Hanging, die sich abwendet und das Ganze nicht sehen will.

Seit seiner schweren Kriegsverletzung konnte Pippin seinen zerschossenen rechten Arm kaum noch gebrauchen, so blieb ihm nur diese plakative Malerei, die man bewundern muss. Frankreich zeichnete ihn mit dem Croix de Guerre aus, Pippins Regiment, die Harlem Hellfighters, unterstand der französischen Armee. Die weißen Amerikaner wollten nicht mit ihren farbigen Landsleuten kämpfen, also lieh man diese Regimenter an die Franzosen aus. Da hatte sich seit den Tagen, da John Brown von der Sklavenbefreiung träumte, wenig geändert. Mit jahrzehntelanger Verspätung erhielt Pippin von der US Army auch noch den Purple Heart Orden. Bei der Hinrichtung von John Brown, den Herman Melville the meteor of war genannt hat, war nicht nur Pippins Großmutter dabei. Da war auch ein junger Schauspieler, der gerade von Bühne gekommen war und sich der Miliztruppe der Richmond Grays angeschlossen hatte. Er heißt John Wilkes Booth, wir kennen ihn, weil er Präsident Lincoln erschießt.

Es gab in meinem ersten Jahr als Blogger schon einen Post, der John Brown heißt, aber dies heute ist alles neu.

Mittwoch, 30. November 2022

Friedo Lampe


In der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen wird heute die Ausstellung Friedo Lampe 1899–1945: Zum Leben und Werk eines bedeutenden bremischen Schriftstellers eröffnet. Dr Johann-Günther König, der die Ausstellung kuratiert hat, wird den Eröffnungsvortrag halten. Wahrscheinlich wird er so etwas Ähnliches sagen wie: Dem Werk Lampes wäre es zu wünschen daß es den Status als ewiger Geheimtip hinter sich ließe, um die Beachtung zu finden, die ihm gebührt. Als wichtiges Element auf dem Weg zum polyperspektivischen Roman und fernab aller germanistischer Erörterung, als hinreißendes Lektüreerlebnis. Es sind Sätze, die immer wieder gesagt werden, sozusagen routinemäßig. Hier stammen sie von Tilman Spreckelsen und stehen hinten auf dem Cover der Neuauflage von Septembergewitter. Der Bremer Schriftsteller und Publizist Johann-Günther König ist schon zweimal in diesem Blog erwähnt worden. Zum einen in dem Post Geistiges Bremen, und zum anderen in dem Post Pik Adam. Dort steht auch, dass mir Johann-Günther König die Friedo Lampe Biographie geschenkt hat, die er gerade veröffentlicht hatte (die ersten Kapitel des Buches können Sie hier lesen). Die könnte ich jetzt lobend besprechen, aber ich lasse das, weil ich im Internet eine sehr ausführliche Besprechung gefunden habe. 

Dies ist nicht die erste Friedo Lampe Ausstellung in Bremen, es gab 1995 zum fünfzigsten Todestag des Schriftstellers schon einmal eine Ausstellung mit einem ähnlichen Titel. Der 97-seitige Katalog von Elisabeth Ernter, Johannes Graf und Jürgen Dierking ist antiquarisch noch zu finden. Es werden immer wieder Versuche gemacht, den Bremer Schriftsteller mit dem schmalen Werk bekannter zu machen. Der Satz vom ewigen Geheimtip ist immer wieder wiederholt worden. Gänzlich unbekannt ist er ja nicht, es gab vor zwanzig Jahren sogar schon eine Dissertation von Annette Hoffmann über Lampe, die man hier im Volltext lesen kann. Und in diesem Blog ist er seit elf Jahren auch kein Unbekannter:

Im Jahre 1933 erschien sein Roman 'Am Rande der Nacht', ich las ihn damals mit großer Anteilnahme, denn es waren auch dann schon deutsche Prosadichtungen von solcher Qualität sehr selten (...). Und was damals (...) so schön und stark ansprach, ist nicht verblaßt und hat standgehalten, es bewährt sich auf schönste und fesselt und entzückt wie einst, man ist dankbar für die Mehrzahl der hinzugekommenen kleineren Dichtungen, und einige davon, vor allem 'Septembergewitter', ergänzen und verstärken den Eindruck (...). Ich werde diesen Band, für den der Verleger gepriesen sei, allen meinen Freunden empfehlen. Das schreibt kein Geringerer als Hermann Hesse über den Bremer Schriftsteller Friedo Lampe. Und Jahre später schrieb Wolfgang Koeppen, der auch zugab, von Friedo Lampe viel gelernt zu haben: er war auf seine stille Art avantgardistisch, und er hätte zugleich auch volkstümlich sein können, denn seine Prosa war, obwohl für die Zukunft geschrieben, in der Form nicht verwirrend und experimentell, sondern strömte sicher aus einer deutschen Überlieferung, die bis zu den ältesten Märchen zurückreicht. Und der Autor von Tauben im Gras urteilte über das Werk:  Friedo Lampe schrieb dichterische Prosa, Sätze voller Schwermut, zart und kräftig zugleich in Geschichten, die vom ersten Wort an die Spannung des Unheimlichen hatten, auch wenn sich Unheimliches in ihnen gar nicht ereignete. Sie waren bürgerliche Welt, diese Geschichten, aber auf magische Weise durchschaute bürgerliche Welt (...). Es ist kein umfangreiches, aber ein wichtiges, vollendetes, nobles, noch unausgeschöpftes Oeuvre, voll von Lesefreuden, ein Lehrbuch für junge Schriftsteller, und ich glaube, es zählt zum Bleibenden der deutschen Literatur. 

Wer glaubt das heute noch? Denn den so Gelobten kennt heute ja kaum noch einer. Was schade ist. Dabei ist sein schmales Werk durchaus noch lieferbar. Wenn auch der Rowohlt Band Das Gesamtwerk von 1955 nur noch antiquarisch zu finden ist, hat sich doch der rührige Wallstein Verlag in Göttingen (bei dem auch Königs Biographie erschienen ist) daran gemacht, das Wichtigste wieder auf den Buchmarkt zu bringen. Als Taschenbuchausgabe erschienen beim dtv Verlag von 2003 bis 2005 Septembergewitter, Am Rande der Nacht und Von Tür zu Tür. Die Texte sind identisch mit der Ausgabe von Wallstein, sind aber heute nicht mehr im Programm von dtv.

Rowohlt hatte 1955 den Das Gesamtwerk betitelten Band in einer Reihe Erzählungen großer Autoren unserer Zeit in Sonderausgaben mit einem Nachwort von Johannes Pfeiffer auf den Markt gebracht. Diese Ausgabe ist noch Jahrzehnte lieferbar gewesen, auch wenn sie bei Rowohlt geflucht haben, weil sie für die Einzelbestellung eines Buchhändlers in den Keller klettern mussten. Das weiß ich, weil mir mein Buchhändler das erzählt hat, denn ich habe von Zeit zu Zeit diesen Band gekauft, um ihn zu verschenken. Das muss man als Bremer einfach tun, wir haben ja nicht so viele Schriftsteller. Über Konrad Weichberger habe ich ja schon einmal geschrieben, und Rudolf Lorenzen und Karl Lerbs haben auch schon einen Post. Über Marga Berck und Sommer in Lesmona schreibe ich irgendwann gerne noch einmal. Rudolf Alexander Schröder lasse ich lieber aus, ich mag ihn nicht. Und das Gleiche gilt für Manfred Hausmann. Da musste man als Kind immer still sein, wenn man an seinem Haus vorbeiging, weil da der große Dichter dichtete. Über seine Rolle bei den Nazis bewahrte man dann auch lieber Stille. 

Mit den Nazis hat Friedo Lampe nun gar nichts zu tun. Sie haben seine schriftstellerische Karriere beendet. Ich habe eben immer Pech mit meinen Büchern, hat er einmal gesagt. Rowohlts Ausgabe des Gesamtwerks erschien genau zehn Jahre nach seinem Tode (1986 haben Jürgen Dierking und Johann-Günther König die Edition von Pfeiffer noch einmal kritisch überarbeitet). Der Band erschien in einer Reihe, in der sich Lampe in der Nachbarschaft von Baldwin, Camus, Hemingway und Thomas Wolfe befand. Und das eigentlich zu Recht. Denn mit dem Südstaatenautor Thomas Wolfe zum Beispiel hat er vieles gemein. Dessen Werk hatte der junge Dr Lampe kennengelernt, als er Lektor bei Rowohlt war. Marcel Proust, mit dem er manches gemein hat, hat er aber erst 1943 für sich entdeckt: Ich habe in diesen Tagen einen Schriftsteller für mich entdeckt, seit langem mal wieder einen Schriftsteller, der für mich eine neue Welt bedeutet: Marcel Proust war früher für mich nur ein berühmter Name, und ich glaubte, ich könnte nichts mit ihm anfangen. Großartig, ein ganz zartes, höchst kunstvolles episches Gewebe, äußerste Delikatesse der Darstellung, äußerste Wahrhaftigkeit und Echtheit. Wunderbare Beobachtung und Psychologie.

Die Literaturwissenschaft hat eine Vielzahl von Namen ins Spiel gebracht, zu denen sein Werk eine Nähe haben soll, wie zum Beispiel Herman Bang oder Eduard von Keyserling. Mit diesen beiden Namen wurde er schon durch die Verlagswerbung bei seinem ersten Roman verbunden. Und Kurt Kusenberg hat gesagt: Man hat Hermann Bang als Lampes literarischen Lehrmeister bezeichnet. Lampe fühlte sich vor allem dem Balten Eduard von Kyserling verpflichtet. Auch ein anderer, näherer, gleichsam hanseatischer Einfluß ist nicht zu übersehen, der des frühen Thomas Mann. Aber das alles überzeugt mich nicht so sehr, denn ich finde vieles bei ihm ziemlich einzigartig. Er schreibt geradezu filmisch, das tut keiner der angeblichen Vorgänger. In einem Brief vom 14. Februar schrieb er über seinen Roman Am Rande der Nacht, der im Oktober 1933 bei Ernst Rowohlt in Berlin erscheint: Es soll ein kleines Buch werden. Eine ziemlich wunderliche Sache. Wenige Stunden, so abends zwischen 8 und 12 in einer Hafengegend, ich denke dabei an das Bremer Viertel, in dem ich meine Jugend verbracht habe. Lauter kleine, filmartig vorübergleitende, ineinander verwobene Szenen nach dem Hofmannsthalschen Motto: 'Viele Geschicke fühle ich neben dem meinen, Durcheinander spielt sie das Dasein': Alles leicht fließend, nur ganz locker verbunden, malerisch, lyrisch, stark atmosphärisch. Das beschreibt seinen Roman ziemlich genau. Das hier zitierte Hofmannsthalsche Motto hat er auch seinem Roman vorangestellt. 

Im Januar 1934 wurde Lampes Roman auf die Liste der Verbotenen Druckschriften gesetzt. Als sich Lampe bei einem Bekannten in der Reichsschrifttumskammer darüber beschwerte, bekam er den guten Rat, doch ein deftiges SA-Buch zu schreiben. In einem verbliebenem Exemplar des Buches notierte er die Zeilen: Mein Kind, bei der Geburt so gesund und rot, / Aber nach vier Wochen, da war es tot. / Es liebte die Lüfte mild, frei und weich, / Es konnte nicht atmen im Dritten Reich. / Aber wir haben Geduld und wollen mal sehn, / Vielleicht wird es noch einmal auferstehn. Der Beschlagnahmte. Zehn Jahre später schrieb der Autor, der über sich gesagt hatte Ja, das möchte ich wirklich: volkstümlich und schlicht und doch neu in der Form sein, in einem Brief: Man sieht die alte Welt aufbrennen. Die Menschen haben selber das Feuer heraufbeschworen, um sich zu verbrennen und zu vernichten. Sie haben Recht und Freiheit nicht mehr zu schätzen gewußt, nun müssen sie es durch diese bitteren Erfahrungen wieder lernen.

Nach dem Krieg ist Am Rande der Nacht 1949 bei Rowohlt unter dem Titel Ratten und Schwäne erschienen, dem Band waren noch kleinere Skizzen und Gedichte beigegeben. Diese Rowohlt Ausgabe ist heute noch antiquarisch zu finden, ebenso wie Das Gesamtwerk. Im Projekt Gutenberg kann man Ratten und Schwäne (Rowohlt 1949) und Von Tür zu Tür (Claassen und Goverts 1946) lesen. Die Ausgaben des Wallstein Verlages unterscheiden sich von den Rowohlt Texten dadurch, dass man die Änderungen und Kürzungen, die Lampe während des Krieges und sein Freund Johannes Pfeiffer 1955 vorgenommen hatte, wieder rückgängig gemacht hat. Ich hoffe, ich habe Sie jetzt ein wenig neugierig gemacht auf diesen deutschen Schriftsteller, dem man das Etikett Magischer Realismus verpasst hat. Und eine kleine Textprobe (aus Am Rande der Nacht) habe ich auch:

Einen Augenblick war es ganz still, und dann hob eine dünne Kinderstimme zu singen an, erst schwankend und ungewiß, ein flackerndes Flämmchen, dann immer klarer ansteigend, hell und durchdringend, silbern-reine Tonkreise ziehend, in den Garten in den vollen Nachthimmel hinein. Und die Leute da unten schwiegen und lauschten, mit nach oben gekehrten Gesichtern, befremdet, tonbeglänzt und erheitert, sahen in die Baumkrone in den Nachthimmel, sahen klingend die grausilberne, ein wenig verbeulte Mondscheibe durch Wolken rollen, sahen angeleuchtete, aufgeleuchtete Wolken in schweren, warmen Wind dahinsegeln, fühlten die laue Strömung der Nachtluft, die Kühlung des Gesanges, die Stille des Augenblicks.

Ich lasse hier für einen Augenblick erst einmal das letzte Wort dem Schriftsteller Kurt Kusenberg, den ich sehr mag, weil er die Rowohlts Monographien herausgegeben hat und Jacques Prévert übersetzt hat. Er schrieb in seinem Epitaph für Friedo Lampe im Merkur (1950): Hier soll, mit Worten, ein kleiner Gedenkstein errichtet werden für einen Erzähler, der ein dauerhafteres Monument verdient. Dieses freilich müßte ihm seine Vaterstadt Bremen setzen, doch darf man zweifeln, daß sie dergleichen im Sinne habe. Die hansischen Städte sind spröde, sie feiern ihre verlorenen Söhne nicht oder nur widerstrebend, und ein Künstler ist immer ein verlorener Sohn. Ihn, Friedo Lampe, halb zu vergessen, aber wäre eine Unachtsamkeit, die nicht statthaft ist, und eine Geschichte der neueren deutschen Literatur, die ihn mit drei Zeilen abtut, ermangelt der richtigen Wertsetzung. Und mit seiner Meinung über die Sprödigkeit der Hansestadt Bremen gegenüber ihrem verlorenen Sohn hat Kusenberg schon Recht gehabt. Die haben zwar in Oberneuland eine kleine Sackgasse, die vom Rilkeweg abgeht, die Friedo Lampe Weg heißt, aber das ist auch schon alles. 

Zwischen der Friedo Lampe Ausstellung von 1995 und der Ausstellung vom heutigen Tag hat sich in Bremen viel getan, sehr viel. Für zwei der Herausgeber des Katalogs von 1995 war dies nicht das Ende ihrer Beschäftigung mit Friedo Lampe. Johannes Graf, der gerade seine Magisterarbeit über Lampe geschrieben hatte, gab 2003 bei Wallstein Am Rande der Nacht neu heraus. Vor zwei Jahren erschien sein kleines Buch Friedo Lampe (1899-1945): Die letzten Lebensjahre in Grünheide, Berlin und Kleinmachnow. Der zweite Herausgeber des Katalogs, Jürgen Dierking, hat sich um die Bremer Literatur höchst verdient gemacht. Er war der Mitherausgeber und Redakteur der 1987 gegründeten Bremer Literaturzeitschrift Stint und hat Kasteins Roman Melchior herausgegeben (den mir mein Freund Peter, der mich immer mit Bremensien auf dem Laufenden hielt, geschenkt hatte). 

Dierking hatte zusammen mit Johann-Günther König die Friedo Lampe Gesellschaft gegründet, die 1999 das Buch Ein Autor wird wiederentdeckt: Friedo Lampe 1899-1945 herausbrachte. In dem sich das schöne Zitat von Martin Beheim-Schwarzbach findet: Friedo Lampes Werk ist nicht mehr tot oder halbtot, sondern springlebendig, so lebendig, wie nur etwas sein kann, was aus reinem Geiste, reiner Anschauung, urwüchsiger Gestaltungskraft auf das sauberste gemacht ist. Man dreht es mit einem echten Glücksgefühl in den Händen, durchblättert und beschmökert es, liebkost seine Titel, läßt den Geruch seiner Sinnenfreudigkeit, das Aroma seines warmen, klaren Stils in sich einströmen, jenes Aroma, das einen ... mit derselben Frische anweht, die ihm anhaftete, als Lampe seinen Freunden vorlas. Dierking war dabei, eine Biographie über den Schriftsteller zu schreiben, die Friedo Lampe (1899–1945): Ein kurzes deutsches Schriftstellerleben heißen sollte. Dazu ist er leider nicht mehr gekommen, sein Freund Johann-Günther König hat ihm einen schönen Nachruf geschrieben.

Den Michael Augustin, der seit 1979 Redakteur bei Radio Bremen ist, den kenne ich. Wir haben zusammen studiert. 1999 hat er die CD Am Rande der Nacht, Texte und Materialien herausgegeben, die man hier auf YouTube hören kann. Auch bei YouTube kann man das Hörspiel Am Rande der Nacht hören, das Christiane Ohaus produziert hat. Eine der wichtigsten neuesten Publikationen zu Friedo Lampe habe ich noch hinzuzufügen. Die oben erwähnte Dissertation von Annette Hoffmann und die Biographie von König sind nicht das letzte, was genannt werden muss. Da ist noch eine ungeheure philologische Sammelarbeit zu nennen, die über 1.000-seitige zweibändige Ausgabe der Briefe und Zeugnisse von dem ehemaligen Bibliotheksleiter der Museumsgesellschaft Zürich Thomas Ehrsam

Auf diesem Familienbild ist Moritz Christian Friedrich Lampe, den seine Familie Friedo nennt, achtzehn Jahre alt. Man ist gerade aus dem Hafenviertel zum feinen Osterdeich umgezogen, schräg gegenüber vom heutigen Weserstadion. Den  richtigen Krieg wird er nicht sehen, die Knochentuberkulose seiner Kindheit hatte ihre Spuren hinterlassen. Er leistet von 1917 bis 1918 einen Militärersatzdienst in der Ersatzreserve des Infanterie Regiments Nr. 75. Die Front bleibt ihm erspart, dafür hat er die Langeweile der Küchenverwaltung. Er war noch keine 18 Jahre alt, da hatte er bereits die Werke von mehr als vierzig hochrangigen Schriftstellern aus dem In- und Ausland einschließlich der Klassiker der griechischen, römischen, französischen und englischen Literatur gelesen, heißt es in Königs Biographie über den jungen Lampe. Das könnte ich auch von mir sagen, und das trifft damals wahrscheinlich auf viele Kinder des gebildeten Bürgertums zu. 

Lampe studierte von 1920 bis 1928 Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie und schreibt 1928 eine Dissertation über Leopold Friedrich Günther von Goeckingks Lieder zweier Liebenden. Die 148-seitige Arbeit wird 1930 gedruckt. Drei Jahre später erscheint sein erster Roman, der nun gar nichts mit dem 18. Jahrhundert zu tun hat, der ganz neu und modern ist. Es ist eine kleine Welt, die er uns beschreibt: Überwirklich aber ist, bei großer Wirklichkeit, die Atmosphäre sämtlicher Erzählungen: ihre morbide Bürgerlichkeit, ihre wohlige Melancholie, ihre Transparenz. Die Menschen leben ihr Leben wie einen Traum. Immer ist Bremen der Schauplatz, und immer liegt im Hafen ein Schiff oder ein Boot, das sich losmacht und davonfährt, in die Ferne, in die Sehnsucht, in den Tod, schreibt Kurt Kusenberg 1950 im Merkur. Über die Technik des Erzählens hat Kusenberg gesagt: Jenes Ineinandergleiten von Räumen und Zeiten, welches man bisweilen Surrealismus zu nennen beliebt, hat Lampe als Kunstmittel angewandt.

Friedo Lampe hat einen guten Wikipedia Artikel bekommen, das ist bei diesem Internet Lexikon nicht die Regel. Dort kann man über seinen Stil lesen: Lampe ordnete sich dem magischen Realismus zu (den er selbst bei Goethe aufzuspüren meinte). Lyrisch dichte, rhythmisierte und atmosphärisch angereicherte Prosa und regional eingefärbte umgangssprachliche Dialoge wechseln sich ab. Er verwendete in seinen Werken häufig eine an den Film angelehnte Darstellungstechnik: Schnitte, Schwenks, Überblendungen. Die Beziehung zu Goethe findet sich 1944 in dem Nachwort zur Novelle, die Lampe herausgegeben hatte: Hier ist etwas in hoher Vollendung erreicht, was wir heute als 'magischen Realismus' bezeichnen würden. Die Welt in einen Geheimniszustand gehoben. 

Den magischen Realismus finden wir in den dreißiger Jahren ja eher in der Malerei, bei Oelze und Radziwill zum Beispiel (ich zitiere diese beiden Maler gerne, weil ihre Posts über 12.000 Leser haben). Das schöne Bild in dem Absatz oben ist von dem Amerikaner John Rogers Cox, dies Gewitterbild aus dem Jahre 1930 ist von Franz Radziwill, der ebenso wie Lampe im Hafenviertel Walle aufwuchs. Doch neben der Kunst gibt es den magischen Realismus auch in der Literatur. Ich zitiere einmal ein Stückchen aus dem Septembergewitter, und da haben wir es: Da sind sie: Lauter kleine, filmartig vorübergleitende, ineinander verwobene Szenen nach dem Hofmannsthalschen Motto: 'Viele Geschicke fühle ich neben dem meinen, Durcheinander spielt sie das Dasein', das macht den magischen Text: 

Und das Gewitter rauschte über die Stadt dahin, über Stadt und Wiesen und Fluß. Die schweren hängenden Wolkenbäuche platzten, und der Regen strömte in die Gärten und auf die Dächer, und die Blitze umzuckten den Ägidienkirchturm, und die Blumen auf den Gräbern lagen zerquetscht an der Erde, und der Großvater stand am Fenster und schaute mit Sorgen auf sie hin. Und der Wind schüttelte die Segel auf dem Fluß und füllte sie prall und riß den Dampfern den Qualm vom Schornstein und fuhr in die Straßen, daß der Staub wirbelte, und schlug die offenen Fensterscheiben zu und das Glas klirrte. Schwül war es gewesen und dumpf und still in der Stadt, und traurig war das Leben geflossen, aber nun rauschte und knatterte das Gewitter, und es war ein Lachen und Schreien und Jubeln ausgebrochen in den Lüften und ein Pauken und Beckenschlagen, und Trude Olfers stand auf dem Balkon mit fliegendem Haar und sang und fühlte die große Vermischung, und der Schwan in dem Graben unter ihr auf dem wogenden dunklen Wasser hob sich weit aus der Flut und schlug mit den Flügeln und reckte den Hals und schrie.

Am 28. März 1945 schrieb Friedo Lampe an Johannes Pfeiffer: Wir müssen in einer andern Richtung zu denken lernen, aber das ist sehr schmerzlich und schwer, besonders für Sinnenmenschen wie mich. Ganz am Ende winkt da eine Freiheit und Heiterkeit, ein Losgelöstsein von allem Irdischen und eine Einsicht in die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen, die frühere Zeiten nur in seltenen ähnlichen Momenten erlebt haben. Mit solchen Gedanken quäle ich mich nun rum, um einen Sinn für mich in allem Geschehen zu finden. Wenig später war er tot, erschossen von einem russischen Soldaten, der ihn für einen SS Mann hielt.

Samstag, 26. November 2022

Hans Magnus Enzensberger ✝


Als ich jung war, fand ich Enzensberger toll und kaufte all seine ersten Gedichtbände. Damals habe ich unter Enzensbergers Einfluss mit meiner neuen Schreibmaschine auch alles klein geschrieben. Wilhelm Lehmann in Eckernförde dagegen konnte sich für Enzensbergers ersten Gedichtsband nicht so begeistern wie ich. Verdrießlichen Zorn und Übelkeit erregte Verteidigung der Wölfe bei ihm. Lehmann ist manchmal schwierig, manche seiner Kollegen an der Schule hielten ihn für arrogant und abgehoben. Mag sein. Aber für den Dichter gelten immer auch Baudelaires Sätze: der dichter ist wie jener fürst der wolke - er haust im sturm - er lacht dem bogenstrang. doch hindern drunten zwischen frechem volke die riesenhaften flügel ihn am gang (dies ist Georges Übersetzung vom Albatros, deshalb ist alles klein). 

Verteidigung der Wölfe war das zweite Buch von Enzensberger, das erste war seine Dissertation Das dichterische Verfahren in Clemens Brentanos lyrischem Werk. Die hatte er zweimal schreiben müssen, weil seinem Doktorvater das einzige Exemplar abhanden gekommen war. Als ich diese Geschichte las, musste ich lächeln. Ich benutzte damals schon Blaupapier, wenn ich mit der Maschine schrieb. Habe ich jahrzehntelang getan, ich könnte heute immer noch eine Edition meiner Liebesbriefe aus den sechziger Jahren herausbringen. Also falls die Ingrid die Briefe nicht mehr finden sollte. Nach der Promotion erhielt Enzensberger eine Assistentenstelle in der Redaktion von Alfred Andersch beim Süddeutschen Rundfunk. Und Andersch, der gerade den Ärger mit der Publikation von Arno Schmidts Seelandschaft mit Pocahontas hinter sich hatte, der gerade Sansibar oder der letzte Grund veröffentlicht hatte und gerade Die Rote schreibt, sagt über seinen Assistenten: 

Endlich, endlich ist unter uns der zornige junge Mann erschienen, der junge Mann, der seine Worte nicht auf die Waagschale legt, es sei denn auf die der poetischen Qualität. Es gibt glückliche Länder, in denen er in Rudeln auftritt, in England vor allem gibt eine ganze Equipe denkbar schlecht aufgelegter junger Herren denkbar gut abgefaßte ‘declarations’ ab. Bei uns gibt es nur einen. Immerhin: dieser eine hat geschrieben, was es in Deutschland seit Brecht nicht mehr gegeben hat: das große politische Gedicht. Eine Begabung wie diejenige Enzensbergers wird immer gefährdet sein. Was wird mit ihm geschehen, wenn der Zorn einmal nachläßt, wenn nicht mehr Empörung die leichte Hand regiert? Gleichviel – mit diesen 17 Gedichten hat er einer Generation Sprache verliehen, die, sprachlos vor Zorn, unter uns lebt. Das klingt etwas anders, als was Wilhelm Lehmann über Verteidigung der Wölfe zu sagen wusste. Ein Jahr später ist Enzensberger in Berlin schon mittendrin im politischen Geschehen. Der junge Mann ganz links auf dem Photo ist übrigens Rainer Langhans. Uschi Obermaier ist nicht auf dem Photo.

Meine Erstausgabe von Verteidigung der Wölfe, gekauft bei Conrad Claus Otto in Vegesack, habe ich 1961 mit Papier neu eingebunden und beschriftet. Der Umschlag war vom vielen Lesen ein bisschen hin. Weshalb ich für den Einband das damalige Radioprogramm des Dritten Programms von NDR und WDR genommen habe, weiß ich nicht mehr. Ich wollte wohl so originell sein wie Enzensberger. Aber wenn ich mir jetzt das qualitätsvolle Programm von damals angucke, dann bekomme ich verdrießlichen Zorn und Übelkeit angesichts des heutigen Radioprogramms. Wenn man noch bedenkt, dass der Intendant des NDR heute mehr verdient als Axel Eggebrecht im ganzen Leben, dann wird er Ärger noch größer. Bei ebay will ein Händler für die Erstausgabe von Verteidigung der Wölfe, bei der auch der Umschlag fehlt, 101,88 € haben. Ich verkaufe mein Exemplar aber nicht.

Die von Enzensberger edierte Schiller Ausgabe musste ich in die Buchhandlung zurückbringen, der Insel Verlag tauschte sie um. Enzensberger hatte die Glocke einfach weggelassen. Gab einen Aufschrei in der Presse. Früher wurden im Deutschunterricht Gedichte der sogenannten Höhenkammliteratur auswendig gelernt. Ganze Generationen wurden mit Schillers Glocke gequält. Ich zitiere einmal Thomas Mann: Aber es ist noch nicht lange her, daß Leute aus den einfachsten Volksschichten das Ganze auswendig konnten, und der Däne Herman Bang sagt in einer seiner 'Excentrischen Novellen' von einem rezitierenden Hofschauspieler: 'Er war der Einzige im ganzen Saal, der in der 'Glocke' nicht ganz sicher war. Der Rezitator Horst Bogislaw von Schmelding, der in meiner Schule die Glocke aufsagte, beherrschte den Text, aber er hatte eine meterweite feuchte Aussprache. Und dank Enzensberger war die Glocke jetzt für einen Augenblick verschwunden, nicht mehr festgemauert in der deutschen Literatur. 

Enzensberger hatte seine eigene Meinung, und ab 1965 hatte er mit dem Kursbuch auch sein eigenes Publikationsorgan. Seine Meinung zählte jetzt etwas in Deutschland, er wurde wie Heinrich Böll und Günter Grass zu einem politischen Schriftsteller. Der aber immer noch etwas über die Literatur zu sagen hatte. Die dänische Lyrik erschien ihm 1963 in seinem Aufsatz Gulliver in Kopenhagen in der Zeitschrift Akzente als wenig bemerkenswert. Mit einer Ausnahme, und das war Klaus Rifbjerg. Joseph Hellers Catch-22 fand er 1964 gut, er war damals einer der wenigen. Das aufrichtigste, also subversivste Buch über den Zweiten Weltkrieg, das ich kenne, ist ein Unterhaltungsroman, begann seine Besprechung im Spiegel.

Als Adorno schrieb nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben, stürzte das die deutsche Dichtung in ein Dilemma. Aber dennoch lebte die deutsche Lyrik weiter. Die Dichtung müsse eben diesem Verdikt standhalten, hat Enzensberger Adorno entgegnet: Der Philosoph Theodor W. Adorno hat einen Satz ausgesprochen, der zu den härtesten Urteilen gehört, die über unsere Zeit gefällt werden können: Nach Auschwitz sei es nicht mehr möglich, ein Gedicht zu schreiben. Wenn wir weiterleben wollen, muss dieser Satz widerlegt werden. Wenige vermögen es. Zu ihnen gehört Nelly Sachs. Ihrer Sprache wohnt etwas Rettendes inne. Indem sie spricht, gibt sie uns selber zurück, Satz um Satz, was wir zu verlieren drohten: Sprache. Ihr Werk enthält kein einziges Wort des Hasses. Den Henkern und allem, was uns zu ihren Mitwissern und Helfershelfern macht, wird nicht verziehen und nicht gedroht. Ihnen gilt kein Fluch und keine Rache. Es gibt keine Sprache für sie. Die Gedichte sprechen von dem, was Menschengesicht hat: von den Opfern. Das macht ihre rätselhafte Reinheit aus. Das macht sie unangreifbar. Wer aber hätte das Recht und die Kraft zu einem solchen Schweigen, der nicht selbst ein Opfer wäre? Solange die Mörder noch unter uns sind, müssen wir andern sie ausrufen; solange leben wir "in finsteren Zeiten", "wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst". So schrieb Bertold Brecht, der selber ein Opfer war. Die Erlösung der Sprache aus ihrer Verzauberung steht bei denen, die In den Wohnungen des Todes waren. Sie wissen es und können uns sagen, dass jene Wohnungen immer noch da sind, in uns. Der Satz von Adorno (den er später zurückgenommen hat) ist übrigens erst durch Enzensberger bekannt geworden, vorher hatte ihn niemand beachtet.

Die fünfziger Jahre waren eine Zeit der restaurativen Tendenzen, die sich in Emil Staigers blindwütiger Attacke auf die Moderne (die auch als Zürcher Literaturstreit berühmt wurde) noch einmal zeigten. Aber das waren les neiges d'antan, um einmal François Villon zu zitieren. Jetzt hatte Enzensberger mit seinem Museum der modernen Poesie die Tür zur Moderne für alle Leser weit aufgemacht, das ist seine große Leistung gewesen. 

Früher bekamen junge Menschen zur Konfirmation oder Kommunion den gefürchteten Band der Herren Ernst Theodor Echtermeyer und Benno von Wiese geschenkt, der heute vom Großen Conrady abgelöst worden ist. Diese Sammlungen verkaufen sich heute immer noch gut, und auch Hans Magnus Enzensbergers revolutionäre Anthologie museum der modernen poesie von 1960 ist als Erstausgabe immer noch erhältlich. Die Nachdrucke sowieso. Enzensberger hat mit seinem Titel das Museale der Dichtung betont. Wenn es Dichtung geschafft hat, kommt sie zwischen zwei Buchdeckel ins Museum und kriegt einen Aufkleber unbegrenzt haltbar. Das museum der modernen poesie war für mich vor sechzig Jahren eine Bibel, das habe ich schon in den ausführlichen Posts über die Dichter Michael Hamburger (der übrigens Gedichte von Enzensberger übersetzt hat) und Gerhard Neumann gesagt. Und dafür bin ich ihm ewig dankbar gewesen.

Donnerstag, 24. November 2022

der Rufer

Heute vor 55 Jahren wurde die Plastik Der Rufer des Bildhauers Gerhard Marcks vor dem neuen Fernsehgebäude von Radio Bremen eingeweiht. Die Plastik hatte nichts mit Wynton Rufer zu tun, der für Werder Bremen spielte. Der Sender hatte sich eine Statue von Marcks gewünscht, der Bremen schon durch seine Stadtmusikanten verschönert hatte, und der Hansestadt einen großen Teil seines Werkes geschenkt hatte. Marcks machte sich Gedanken, welche Statue für ein Fernsehgebäude passend war, möglichst zeitlos sollte die Statue die Aufgabe von Rundfunk und Fernsehen symbolisieren. Nach längerem Nachdenken sagte Marcks: Ich mache euch einen Rufer. Und er fügte hinzu: Wenn ich jetzt da jemanden mit dem Fernseher hinstelle, denn sieht das in zehn Jahren ziemlich doof aus, weil dann sind die Fernseher ja schon viel besser. Dagegen dieses Rufen, die Nachricht in die Welt setzen, das ist immer das gleiche geblieben, ob jetzt bei den Griechen oder heute. Und das hat er versucht durch dieses Rufen zu symbolisieren

Ein Jahr nach der Einweihung hatte der Bildhauer Ärger mit der Stadt Bremen. Der Direktor der Kunsthalle Dr Günter Busch hatte gerade eine Gerhard Marcks Stiftung initiiert; er konnte nicht wissen, dass man den Leitenden Regierungsdirektor Dr Eberhard Lutze zum Vorstandsvorsitzenden wählen würde.Der Bildhauer, von den Nazis mit dem Stempel Entartete Kunst versehen, protestierte heftig, mit Lutze als Chef werde es die Stiftung, die seinen Namen trägt, nicht geben. Wie kann einer, der den Nazis als Kunsthistoriker willig gedient hat, solch ein Amt bekommen? Wie kann er es annehmen? 

Der Spiegel schrieb damals: Eberhard Lutze, 61, Chef der Bremer Behörde für Kunst und Wissenschaft, soll das Werk eines einst 'entarteten' Künstlers verwalten: Er wurde zum Vorsitzenden der 'Gerhard-Marcks-Stiftung' gewählt. Der Graphiker und Bildhauer Marcks der einen großen Teil seiner Werke der Stadt Bremen schenkte, war 1937 mit einem Arbeits- und Ausstellungsverbot belegt worden und hatte Bilder und Skulpturen nur noch in der NS-Schau 'Entartete Kunst' zeigen dürfen. Lutze hatte zwar -- so der Beamte heute -- '1934 einen Riesenartikel, eine ganze Seite, über Barlach geschrieben und dafür prompt eine Rüge im 'Völkischen Beobachter' bekommen', jedoch wenige Jahre später als Parteigenosse in Kunst-Schriften die 'Verpolung' und 'Verjudung' kleiner polnischer Orte beklagt und eine 'zukünftige deutsche Kunst ... aus der gemeinschaftsbildenden Weltanschauung des Nationalsozialismus' hervorgehen sehen. Lutze über seine Eignung als Marcks-Kurator: 'Darüber sich jetzt zu unterhalten, das geht zu weit.' 

Der Feuilletonredakteur der Bremer Nachrichten Erich Emigholz legte in einem Artikel noch mehr aus der braunen Vergangenheit des Spitzenbeamten frei. Lutze war nicht mehr zu halten. Er wird allerdings als böser Geist hinter dem unglücklich agierenden Kultussenator Moritz Thape noch bis zu seiner Pensionierung in der Kulturbehörde bleiben. Die Marcks Stiftung wird gegründet und hat seit 1971 ein schönes Museum, das schon in dem Post Lampen erwähnt wird. Und diesen Eberhard Lutze habe ich schon in dem Post Geistiges Bremen erwähnt. Dieser Mann, der in seiner Entnazifizierungsakte als an sich schwacher Charakter, der sich der Macht anschließt, um Geltung zu bekommen beschrieben wurde, bestimmt zwanzig Jahre lang die offizielle Bremer Kultur. Und publizierte solche Weisheiten: Der Bremer hat nicht viel übrig für Experimente, verhält sich kritisch zu fremdartigen Einflüssen und modischen Erscheinungen, hat dafür aber eines, was mancher avantgardischen Kühnheit andernorts abgeht: Charakter und Treue.

Man hat das schlimme Wirken von Lutze nicht ganz vergessen. In der kreiszeitung konnte man 2009 in einer Besprechung der Ausstellung "entartet" - beschlagnahmt:Bremer Künstler im Nationalsozialismus (in der auch diese schöne Bild von Hillmanns Hotel bei Nacht von Arnold Schmidt-Niechciol zu sehen war) lesen: Dass eine solche Ausstellung erst jetzt realisiert werden konnte, ist teils in der Natur der Sache begründet: Was so lange aus dem Blick geraten ist, drängt sich nicht eben als Ausstellungsthema auf. Dass eine „Wiedergutmachung“ an den verfemten Künstlerinnen und Künstlern nicht zeitnah zum Untergang der NS-Diktatur auf den Weg gebracht worden ist, liegt an einer erschreckenden Kontinuität in der Kultusbürokratie nach 1945. In Bremen zeigt sie besonders krasse Züge. Der durch tragende Rollen in der NS-Zeit hoch belastete Eberhard Lutze war bis 1973 Leiter der Bremer Kulturbehörde. Dass Lutze kein Interesse an der Präsentation „entarteter“ Bremer Künstler hatte, liegt auf der Hand. Wie er mit Künstlern umging, die seinem ästhetischen Ideal nicht entsprachen, veranschaulicht der Rauswurf des ehemaligen Bremer Intendanten Kurt Hübner.

Der Rufer hat seit 15 Jahren einen neuen Platz, er steht jetzt an der Weser, weil Radio Bremen umgezogen ist. Dies ist nicht der Bremer Rufer, diese Plastik steht seit 1989 in Berlin. Sie ruft in den Osten, kurz nach der Aufstellung fiel die Mauer. Die Plastik trägt einen Satz von Francesco PetrarcaIch gehe durch die Welt und rufe ‘Friede, Friede, Friede’. Es gibt noch mehr Abgüsse von dem originalen Rufer in der Welt. Die Bremer Figur hat sich ein klein wenig verändert, sie ist jetzt auf einem Kugellager montiert. Normalerweise blickt der Rufer über die Weser, aber für die Sendung 3 nach 9 wird er um 180° gedreht und guckt dann durch die Glasfront ins Studio. Vielleicht sollte er lieber auf die Weser gucken, 3 nach 9 ist auch nicht mehr das, was es mal war.


Dienstag, 22. November 2022

Calypso


Heute vor 65 Jahren schaffte es ein farbiger Sänger zum erstenmal auf den Platz 1 der englischen Hitparade. Das Lied, das er sang, blieb sieben Wochen auf dem ersten Platz und wurde eine Million mal als Platte verkauft. Das hatte es zuvor in England noch nicht gegeben. Der Sänger hieß Harry Belafonte, der hier schon einen schönen Post hat. Das Lied kam von dem Afroamerikaner Jester Hairston, aber den Text hat vielleicht doch Harry Belafonte geschrieben. Es war ein Weihnachtslied, das Mary’s Boy Child hieß. Auf der B-Seite der Platte war Eden Was Just Like ThisMahalia Jackson hatte das Lied zuerst gesungen, aber diese Version war 1956 nicht unter die Top Ten gekommen. Belafonte nahm seine Coverversion im Juli 1956 auf, die Aufnahme blieb aber bis Weihnachten im Archiv. War noch keine Sensation, Platz 12 der Charts der USA. 

Aber dann kam der Song nach England. Und wurde zum Sensationserfolg. Weil Belafonte ein wenig Calypso unter das religiöse Lied legte. Das war die Zauberformel. 1956 war Belafontes Platte Calypso herausgekommen, die erste Langspielplatte, die sich mehr als eine Million mal verkaufte. Die Frage bleibt: warum hat Mary’s Boy Child diesen Erfolg in England und nicht in den USA? Die Antwort dafür ist vielleicht der Name eines Schiffes: Empire Windrush, das die ersten westindischen Einwanderer nach England bringt. 

Sie können dazu mehr in dem Post Notting Hill lesen. Die Jamaikaner, die jetzt nach England kommen, haben einen englischen Pass. Nicht jeder möchte sie in England haben, aber England braucht sie für den Wiederaufbau. Die Engländer haben zwar den Krieg gewonnen, aber es geht ihnen schlecht. Wenn Harold Macmillan in dem Jahr, in dem Harry Belafonte auf Platz 1 der Charts war, sagt: You've never had it so good, dann verdankt England diesen Erfolg auch seinen Einwanderern.

Von Mary’s Boy Child gibt es unzählige Coverversionen. Das Internet sagt uns, dass das Lied durch eine Gruppe namens Boney M. berühmt wurde. Das ist nicht ganz richtig. Am besten hören Sie sich das gar nicht erst an. Und die Version vom Tanzorchester Klaus Hallen sollten Sie besser auch nicht hören. Jester Hairston, der Komponist des Liedes, ist neunundneunzig Jahre alt geworden. Vielleicht schafft Harry Belafonte das ja auch, fünfundneunzig ist er schon.