Posts für Suchanfrage Super Kontiki werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage Super Kontiki werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen

Sonntag, 24. September 2023

Superuhr


Diese beiden Uhren sind sechzig Jahre alt, sie sind schon ein wenig angeschlagen. Links ist eine Eterna, rechts eine Omega. Zwei schweizer Uhrenfirmen, die sich lateinische und griechische Namen gegeben haben und einmal zu den besten schweizer Firmen zählten. Beide Firmen waren lange inhabergeführte Firmen. Der letzte Besitzer der Firma Eterna war Dr Rudolf Schild-Comtesse, ein Enkel des Firmengründers Urs Schild; heute gehört die Firma chinesischen Investoren. Die Firma Omega wurde von Louis Brandt gegründet und trug lange den Namen Omega Louis Brandt & Frère, sie gehört heute zur Swatch Group. Diese beiden Uhren sind die von Sammlern gesuchtesten Modelle der beiden Firmen.

Und mit Sammlern meine ich echte Uhrensammler, also Leute, die keine Rolex anrühren würden. Außer vielleicht diese Rolex Fälschung, die das Werk eines Herstellers mit Humor ist. Auf dem Zifferblatt können wir Relax statt Rolex lesen, und von dem Krönchen bricht auch schon eine Zacke ab. Und uns wird versichert, dass diese Taucheruhr bis zu einer Tiefe von neunzig Zentimetern wasserdicht ist. In ihr tickt, wie in allen Seiko Mod Uhren, ein japanisches Automatikwerk, das bestimmt genauso lange hält, wie das Werk einer Rolex. Trotz aller wunderbar komischen Angaben auf dem Zifferblatt, ist diese Relax eine Taucheruhr, so, wie die Rolex Submariner (die meistgeklonte Uhr der Welt) eine Taucheruhr war. Das waren die beiden Uhren im  ersten Absatz auch gewesen.

Tauchen ist nicht mein Ding. Als wir klein waren und auf dem Schönebecker Sand oder dem Vegesacker Strand (hier im Bild) in der Weser badeten, tauchten wir mal für zwei Minuten  unten, wenn ein großes Schiff, so ein Heinduckdie, vorbeikam. Man muss die Schrauben eines Schiffes unter Wasser mal gehört haben, ein seltsamer Klang. Obgleich an den Stränden die ersten Leute mit Taucherbrille und Schwimmflossen auftauchten, interessierte mich die Unterwasserwelt nicht. Dann gewann ich bei einem Aufsatzwettbewerb meiner Schule, den der Buchhändler Conrad Claus Otto veranstaltet hatte, den dritten Preis. Und das war ein Buch von Hans Hass. Der hatte, ebenso wie sein Kollege Jacques Cousteau, gerade Konjunktur auf dem Buchmarkt. Conrad Claus Otto dachte, er hätte mir mit dem Bestseller eine Freude gemacht, dem war aber nicht so. 

Die größte Tiefe, die ich beim Tauchen erreichte, waren die vier Meter im Bremer Zentrabad (neben dem Haus des Reichs) unter den Sprungtürmen. Ich hatte gerade mein Fahrtenschwimmen bestanden, kletterte aus dem Becken, als der Sportlehrer Ludwig Sundermeier ein Schlüsselbund ins Wasser schmiss und sagte: Hol's wieder rauf. Jahre später habe ich eine halbe Stunde im Zwischenahner Meer getaucht, weil mir der Marlspieker von Kapitän Hugo Gottsmann über Bord gefallen war. Ich hätte natürlich bei Meyerdiercks in der Hafenstraße einen neuen kaufen können. Aber das ging nicht, eine Legende der Segelschiffahrt wie Hugo Gottsmann musste ihren alten Marlspieker wiederhaben. Ich habe ihn in dem trüben Wasser nach einer halben Stunde auf dem schlammigen Seeboden gefunden. Mehr kann ich zum Thema Tauchen nicht sagen. Es ist mir klar, dass ich nicht unbedingt dafür prädestiniert bin, über Taucheruhren zu schreiben.

Ich tue es trotzdem mal. Habe das auch schon getan, als ich über die berühmte Doxa 300 Sub oder meine Zodiac Sea Wolf schrieb. Ich schreibe heute mal über die linke Uhr im obersten Absatz, eine Eternamatic Super KonTiki. Die ist natürlich benannt nach dem Floß, mit dem Thor Heyerdahl über den Pazifik segelte, die Firma Eterna war damals dabei. Weil Heyerdahl den Dr Schild-Comtesse kannte und ihn gefragt hatte, ob er ein halbes Dutzend garantiert wasserdichter Armbanduhren bekommen könnte. Die bekam er. Unentgeltlich. Leider ist keine dieser Uhren erhalten. Man vernutet, dass es Automatikuhren (noch die mit der Hammerautomatik) gewsen sind. Man wollte den Männern das tägliche Aufziehen mit nassen und klammen Fingern ersparen. 

Der Eterna Chef Rudolf Schild-Comtesse war einer der mächtigsten Männer in der schweizer Uhrenindustrie. Also, bevor Nicolas Hayek kam, der der Schweiz die Swatch bescherte. Über Schild-Comtesse hat seine Enkelin Bettina Hahnloser die hochintereressante Biographie Der Uhrenpatron und das Ende einer Ära: Rudolf Schild-Comtesse, Eterna und ETA und die schweizerische Uhrenindustrie geschrieben. Hier finden sich unveröffentlichte Dokumente aus dem Familienbesitz, aber auch einiges, was die Autorin von Adolf Richard Schild, dem Enkel des ASSA Gründers erfahren hat. Man erfährt selten soviel über die schweizer Uhrenindustrie wie in diesem Buch aus dem Verlag der Neuen Zürcher.

Die Firma →Eterna dachte sich, man könnte den großen Erfolg von Heyerdahl, dessen Buch Kon-Tiki: Ein Floß treibt über den Pazifik ja Millionen von Lesern gefunden hatte, auch ein klein wenig vermarkten. Und brachte Ende der fünfziger Jahre eine Sportuhr mit dem Namen KonTiki heraus. Die hat hier schon einen schönen Post, der viele Leser gefunden hat. Die Uhr war wasserdicht, sie hatte die Referenznummer 130 TT, das TT stand bei der Eterna für ein super-wasserdichtes Gehäuse. Aber die KonTiki war keine Taucheruhr, die kam wenige Jahre später, war zwei Millimeter größer und hieß dann Super KonTiki.

Es gab sie auch mit dem Stahlband der Firma Gay Fréres, das auch schon an der Kontiki gewesen war; und es gab die Uhr mit unterschiedlichen Zifferblättern. Zuerst waren die Uhren mit 38 mm nur ein klein wenig größer als die KonTiki gewesen, ab dem dritten Modell legte man die Größe mit 40 mm fest. Wenn Sie alles, aber wirklich alles über dieses Modell wissen wollen, dann klicken Sie diese →Seite an. Was da allerdings nicht steht, ist die Tatsache, dass diese Uhr sehr selten geworden ist. Und damit meine ich nicht, dass es Jahrzehnte später Neuauflagen des Modells gegeben hat. Auch die chinesischen Besitzer haben eine Super KonTiki im Programm. Nein, ich meine die Super KonTikis aus den frühen sechziger Jahren. Damals hatte mein Vater eine Eterna, ich eine Junghans mit Nylon Armband, das jede Woche gewaschen wurde. Aber jetzt, sechzig Jahre später, besitze ich eine Super KonTiki.

Natürlich hat die Super KonTiki die kleine Plakette aus 18-karätigem Gold mit dem Floß von Thor Heyerdahl auf dem Boden. Die ersten Modelle hatten das noch nicht, da war das Floß nur in den Gehäuseboden eingraviert, aber ab Referenznummer 130 PTX war Gold auf dem Boden. Was ich jetzt am Arm habe, während ich diesen Post schreibe, ist meine zehnte Eterna. Da sammelt sich in dreißig Jahren einiges an. Ich habe Opas silberne Eterna Taschenuhr, eine kleine wasserdichte Rechteckuhr aus den dreißiger Jahren und eine Militäruhr mit dem größten Armbanduhrwerk, das die Eterna gebaut hat, dem Kaliber 852. Und, und, und.

Ich wollte mit der Eterna Sammelei eigentlich aufhören, weil ich mir vor Monaten dieses wunderbare Siebzigerjahre Monster gekauft hatte. 38 mm groß, hat jetzt ein weißes Krokoband der Firma Cornelius Kaufmann. Ich habe da in einer Schublade eine kleine Schachtel mit Uhren, die aussehen wie Miniatur Fernsehgeräte. Diese kleinen Klötze fand man ja in den siebziger Jahren, dem Jahrzehnt ohne jeden Geschmack (the decade that taste forgot) eine große Sache. Diese Eternamatic 1000 Concept 80, sollte die letzte sein. Zumal ich mir Weihnachten noch eine Centenaire gekauft hatte. Ich hatte zwar schon eine, aber diese war viel schöner als die andere mit dem versifften Zifferblatt. Doch dann kam der Barni, der sonntags auf einem Flohmarkt eine Uhr gefunden hatte, die er nicht einordnen konnte.

Und das würde wohl niemand auf den ersten Blick können. Denn bei dieser Uhr steht das Super Kontiki nicht auf dem Zifferblatt. Nichts davon. Da steht nur Eternamatic und die fünf Kügelchen, die zum Markenzeichen der Firma geworden sind. Weil der Chefkonstrukteur →Heinrich Stamm (firmenintern nur Daniel Düsentrieb genannt) die Eternamatic erfunden hatte. Eine Automatikuhr, bei der der Rotor in einem Kugellager mit fünf winzig kleinen Kugeln gelagert wird (30.000 von ihnen würden in einen Fingerhut passen). Es ist eine der größten Erfindungen in der Geschichte der Uhr. Beinahe 95 Prozent aller schweizer Automatikuhren, die heute gebaut werden, basieren auf dem Eterna Automatikwerk von Heinrich Stamm.

Man muss die Uhr ohne Modellnamen auf dem schwarzen Zifferblatt , die der Barni gefunden hatte, schon aufschrauben; dann kann man die Referenznummer 130 PTX/3 lesen, die die Uhr einwandfrei als Super Kontiki identifiziert. Die kleine Goldplakette auf dem Gehäuseboden tut das ihre dazu. Aber warum hat sie keinen Modellnamen auf dem Zifferblatt? Ich weiß es wirklich nicht, vielleicht ist dies die einzige Super KonTiki auf der Welt, die so aussieht. Jetzt, wo sie mir gehört, könnte ich mir natürlich bei Bethge ein neues Zifferblatt drucken lassen, aber die Uhr bleibt so original wie sie ist. 

Die Lünette ist ein bisschen abgeschrabbelt, doch das gehört dazu. Der Barni, der schon x-mal in diesem Blog erwähnt worden ist, hat mir die Uhr zu einem Freundschaftspreis verkauft. Weil er weiß, dass ich Eterna Sammler bin. Die Uhr sieht jetzt besser aus als auf diesem mit Makromodus gemachten Photo. Das Unglaublichste an diesem unglaublichen Uhrenfund ist die Sache, dass die Uhr nach sechzig Jahren chronometergenau geht. Aber dafür waren die Uhren aus der Präzisionsuhrenfabrik in Grenchen ja mal bekannt. Der Barni hat das Gehäuse softpoliert; der Uhrmacher Petersen hat neue Leuchtmasse in die Zeiger gefüllt. Ich habe ein braunes Lederband an die Uhr gemacht. Hatte probeweise ein schönes altes Edelstahlband von Tissot dran, das millimetergenau passte, aber da sah mir die Uhr doch zu sehr nach Taucheruhr aus. So wie sie jetzt ist, weiß niemand, was das ist, was ich da am Arm habe. So soll es sein.

Montag, 12. Juni 2023

meine Uhrmacher


1958 wurde es meiner Mutter zuviel mit Vaddis alter Junghans, die noch aus der Vorkriegszeit stammte. Zumal die auch immer häufiger zu Hugo Molgedei zur Reparatur musste. Sie kaufte ihm im vornehmstem Geschäft von Bremen, Brinckmann und Lange in der Sögestrasse Nummer 1, eine Eternamatic, Edelstahl mit Goldhaube. Weil ihr der Verkäufer gesagt hatte, dass diese Uhr aus der Präzisionsuhrenfabrik in Grenchen das Beste sei, was man kaufen könnte. Von Rolex war in dem Geschäft damals nicht die Rede. Die Eterna, die schon das neue Werk hat, das in den Centenaire Modellen war, hatte, das muss betont werden, nur eine Goldhaube, ganz in Gold hätte Vaddi die nicht genommen. 

Brinckmann und Lange hatte sich durch Geschenke an den Oldenburger Großherzog den Titel eines Hoflieferanten Sr. königl. Hoheit des Großsherzogs von Oldenburg erkauft. Später kommt noch ein Hoflieferant Titel vom Fürsten von Lippe dazu. Für diesen Titel hatte man 1.200 Goldmark an das Hofmarschallamt in Detmold zahlen müssen. Die wohlklingenden Titel wurden in Bremen nicht so gut aufgenommen, weil wir es ja nicht so mit Königs haben. Sprüche machen die Runde, ob der nächste Hof der Viehhof oder der Schlachthof sein würde. Von der Firma Brinckmann und Lange ist nichts übriggeblieben, sie haben den Standort aufgegeben, da ist heute ein Handyshop drin. Sie schwirren noch irgendwo im Internet mit einem Onlinehandel herum. Aber dafür haben wir am anderen Ende der Sögestraße jetzt Wempe, einen Laden, den Bremer immer etwas prollig fanden. Die haben jetzt auch schon Onlinehandel. Und auch von der Firma Eterna ist nichts Positives mehr zu melden, sie gehört jetzt einem chinesischen Unternehmen.

Ich habe die alte Eterna meines Vaters geerbt. Ich habe ihr ein neues Band verpasst (nicht dieses hier auf dem Photo) und sie zu Mahlberg zur Überholung gebracht. Die hatten damals einen hervorragenden Uhrmacher namens Burkhard Weißflog, er war ein Verwandter des Skispringers, jeder sprach ihn darauf an. Als Herr Weißflog mir die Eterna wiedergab, sagte er: Das ist eine sehr gute Uhr, Herr Doktor, passen Sie gut auf sie auf. Das ich natürlich tat. Ich bin damals zu Mahlberg gegangen, weil es sonst im Ort keinen Uhrmacher gab. Aber Herr Weißflog arbeitet nicht mehr als Uhrmacher, er hat das seit 1902 bestehende Gravurgeschäft Wolter übernommen. Uhrmacher werden rar. 

In der Holtenauer Straße in Kiel gab es noch den Juwelier Sievert, 1925 gegründet. Die hatten eine Tissot Lizenz und bekamen noch Tissot Ersatzteile. Bei denen bin ich mit meiner Tissot Seastar Seven, die meine Eltern bei Molgedei gekauft hatten, zweimal gewesen, nicht nur, weil sie die Tissot Vertretung hatten, sondern weil die beiden Söhne des Gründers noch richtige Uhrmacher waren. Die meine Tissot gut gepflegt haben. Im letzten Monat hat Thorsten Sievert, der Enkel des Firmengründers, angekündigt, dass er das Geschäft schliessen wird, er findet keinen Nachfolger. Wieder ein Uhrmacher weniger im Ort.

In der Holtenauer Straße gab es auch noch den Uhrmacher Rudolf Kresse, aber mit dem bin ich nie so richtig warm geworden. Uhrmacher können ja schwierige Menschen sein. Aber als er den Laden aufgegeben hatte, hat er mir auf dem Flohmarkt eine tolle rechteckige Wyler verkauft, da war er richtig nett. Irgendwie schien eine Last von ihm genommen zu sein. Manche Uhrmacher schließen den Laden an einigen Wochentagen, damit sie in Ruhe arbeiten können. Als Herr Kresse merkte, dass ich schon alles über diese Uhr mit ihrer Incaflex Stoßsicherung wusste, hat er sie mir billiger gelassen. Er hatte zwar den Laden aufgegeben, reparierte aber noch privat für seine ehemalige Kundschaft. Meistens Großuhren für ältere Damen. Was ich damals nicht wußte, war, dass er mit seiner Frau Karin erfolgreich an Tanzturnieren teilnahm.

Mit Kresses Nachfolger wurde ich sehr glücklich. Der junge Uhrmacher war vorher Flugzeugelektriker bei den Vereinigten Flugtechnischen Werken in Lemwerder gewesen, deren Direktor mal der Dr Proksch war. Dann hatte er eine Uhrmacherlehre bei Henning Paulsen gemacht und hatte bei Eckelt in Vegesack gearbeitet; mit der Tochter des Besitzers war ich in der Volksschule gewesen. Und meine Eltern hatten meine Konfirmations Junghans bei Eckelt gekauft. Henning Paulsen kannte ich auch, er ist der Bremer Domuhrmacher. Der kam einmal im Jahr bei uns vorbei, um die Standuhr im Flur zu warten. Und er hat Opas silberne Eterna Taschenuhr überholt, bevor ich die von meinen Eltern geschenkt bekam. Er hat jetzt sein Geschäft ganz luxuriös in Knoops Park; als er noch hinter der Lesumbrücke beheimatet war, war das nicht so luxuriös. Aber, das muss jetzt leider gesagt werden, Henning Paulsen gibt seinen Beruf demnächst auch auf. Wieder ein Uhrmacher weniger.

Es war witzig, jetzt einen Uhrmacher zu haben, der aus meinem Heimatort kam. Er war ein Uhrmacher, der uhrmacherisch wirklich alles konnte, auch das Unmögliche. Von ihm habe ich die Seamaster Chronometer und den Tip, wo ich eine goldene Omega Constellation für einen Spottpreis bekommen konnte. Und vieles mehr. Aber leider hat er nach mehr als einem Jahrzehnt seinen Laden aufgegeben. Er ist jetzt, und das werden Sie nicht glauben, Hundefriseur in einer anderen Stadt. Da hat er keinen Ärger mehr mit den Kunden. Er hatte mal einen Auszubildenden, aber der hatte zwei linke Hände und schmiss die Lehre nach drei Monaten hin. Das Problem des Nachwuchses hat der Berufstand deutschlandweit. Und wer will die Kunst der Uhrmacherei erlernen, wenn er hinterher nur noch Batterien für Quarzuhren wechseln muss? Bei Nomos in Glashütte bekommen die angehenden Uhrmacher noch politische Bildung mit auf den Weg, die Geschäftsführerin Judith Borowski möchte keine Angestellten haben, die der AfD nahestehen.

Uhrmacher müssen das können, was Gehirnchirurgen und Zahnärzte können, Millimeterarbeit mit ruhiger Hand. Als ich vor mehr als dreißig Jahren zu sammeln anfing, habe ich mir auf dem Flohmarkt für fünf Mark eine alte Taschenuhr gekauft und sie in ihre Einzelteile zerlegt. Die habe ich alle auf einen DIN A3 Karton gelegt und durchnummeriert. Und es langsam, peu à peu, wieder zusammengebaut. Wenn Sie einen Hund oder eine Katze haben, können Sie das natürlich nicht machen.

Das alles (und das Auswendiglernen von allen einzelnen Bestandteilen einer Uhr) macht niemanden zum Uhrmacher, aber man versteht die Arbeit eines Uhrmachers besser. Jahre später habe ich das Werk einer kleinen defekten Hamilton Armbanduhr an einem Wochende auseinandergenommen und wieder zuammengebaut, darauf war ich stolz. Ich hatte zwei von diesen Uhren, es waren Militäruhren aus dem Zweiten Weltkrieg. Die waren zwergenhaft klein, hatten nichts mit der Hamilton Khaki Quarzuhr zu tun, die heute Hamiltons Bestseller ist.

Ich habe meinem Uhrmacher gesagt, er möchte mir aus den beiden Uhren eine heile, funktionierende, machen. Das hat er getan, das defekte Werk hat er mir zum Üben mitgegeben. Das Werk mit der Kalibernummer 987 ist ein sehr kleines Werk, 24 Millimeter im Durchmesser, da ist schon Fummelei angesagt. Sie haben das ja nur hingekriegt, weil da keine Unruh mehr in der Uhr war, sagte mein Uhrmacher. Da hatte er natürlich recht. Eine Breguetspirale würde ich nie wieder dahin bekommen, wohin sie gehört.

Wichtig für einen Uhrmacher ist es, dass der Fourniturenhandel funktioniert. Jeder Uhrmacher kann eine Rolex reparieren, wenn er an die Ersatzteile kommt, aber an die kommt er nicht. Und wenn er sie auf dem schwarzen Markt besorgt, dann wird jedes Schräubchen teuer. Die großen Schweizer Firmen haben Ersatzteillieferung und Service an sich gebunden, und sie verdienen gut damit. Wie sie den Markt beherrschen, ist manchmal schon kriminell. Aber die Schweizer Wettbewerbskommission hat trotzdem keinen Grund gesehen, gegen die Swatch Group, LVMH, Rolex, Richemont, Audemars Piguet und Breitling vorzugehen, obgleich sich die Beschwerden im Land häuften. Eine Batteriewechsel für 740 Franken bei einer Breitling ist vielleicht ein klein wenig überteuert. 

Kresse hatte noch eine Omega Lizenz, von der auch sein Nachfolger profitierte (und meine Omegas auch), aber die Lizenz hat Omega inzwischen zurückgenommen. Die IWC repariert noch Taschenuhren, die sie 1870 gebaut haben, Rolex repariert Ihnen keine Rolex Oyster aus den fünfziger Jahren mehr. Die machen dem Uhrenbesitzer ein Sonderangebot für einen Neukauf. Die meisten Uhrensammler besitzen den Fournituren Katalog von Flume oder anderen Firmen, aber nicht alles, was da drinsteht, ist heute noch lieferbar. Oder die finden das Teil bei Flume einfach nicht, obgleich es irgendwo liegt.

Mein Uhrmacher heißt zur Zeit Barni, der ist zwar kein richtiger Uhrmacher, aber ein halber bestimmt schon. Der würde dem Besitzer einer Breitling fünf Euro für einen Batteriewechsel abnehmen und keine 740 Schweizer Franken. Für die neue Batterie für meine Omega Megaquartz hat er gar nichts genommen, ich hatte noch etwas bei ihm gut. Dieses schöne Designobjekt der siebziger Jahre hatte ich von meinem Uhrmacher geschenkt bekommen. Ein Kunde hatte ihm hundert Euro nur für die Omega Schließe bezahlt, die an seiner Megaquartz kaputtgegangen war. Ich mach' Ihnen da eine neutrale Schließe dran, sagte mein Uhrmacher. Nee, sagte ich, ich nehme sie so mit, ich habe zuhause noch eine Tissot Schließe. Und die ist jetzt dran (selbstgemacht), schließlich waren Omega und Tissot ja mal eine Firma.

Ich kenne den Barni seit mehr als dreißig Jahren, und ich habe viel bei ihm gekauft. Zu echten Freundschaftspreisen. Er stand auch schon im Jahre 2010 in dem Post Flohmarkt. Er findet erstaunliche Sachen, die orangegelbe Doxa 300 T habe ich auch von ihm. Er zeigt mir alles, was er hat, aber er verkauft nicht alles. Vor allem diese Eternamatic Super Kontiki nicht, die er letztens gefunden hat. Dabei wäre die bei mir als Eterna Sammler gut aufgehoben, eine Eternamatic KonTiki habe ich ja schon.

Der Barni kauft und verkauft alte Uhren, der braucht natürlich einen Uhrmacher dringender als ich. Und er hat einen sehr guten, das ist der Uhrmacher Michael Petersen in Flintbek. Der hat mir gerade meine Zenith Defy mit dem Gay Frères Band repariert, die eine neue Aufzugsfeder brauchte. Ist nach fünfzig Jahren jetzt wieder wie neu. Meine neue Eterna Centenaire hat auch eine neue Feder gekriegt, und vielleicht findet Herr Petersen ja noch eine neue Winkelhebelfeder für meine Movado Kingmatic. Die hat ihm der Barni letztens zur Reparatur vorbeigebracht. 

Ich bin den beiden wirklich dankbar. Der Barni kriegt natürlich von mir auch etwas zurück. Er zapft mein Wissen an, das ich in Jahrzehnten aus all den Uhrenbüchern gewonnen habe. die bei mir schon mehrere Regalmeter füllen. Wenn seine Eterna Super KonTiki mal Probleme haben sollte, dann habe ich das vollständige Verzeichnis aller Eterna Uhren und ihrer Teile für ihn. Der Barni ist ein treuer Freund, zum Geburtstag bekam ich von ihm ein Paar Manschettenknöpfe geschenkt, die aus winzigkleinen Damenuhrwerken bestanden. So etwas hat nicht jeder Uhrensammler.

Dienstag, 14. Mai 2024

Goldplättchen


Man kann den Gehäuseboden einer Uhr ja immer irgendwie verzieren. Die alte Omega Constellation hatte eine Sternwarte und Sterne auf dem Boden. Die Seamaster hat ein seltsames Seeungetier, die Seiko Seahorse ein kleines Seepferdchen. Die Sea Lion hat natürlich einen Seelöwen. Auf dem Boden der Enicar Sherpa Seapearl war eine geöffnete Muschel mit einer Perle. Favre-Leuba hatte das Firmenlogo, eine stilisierte Sanduhr, auf dem Boden, Moeris das verschlungene Firmensignet FM. Bei den Uhren, die Mauthe an Volkswagen geliefert hat, ist natürlich das VW auf dem Boden. Bei neueren Uhren sind der Geschmacklosigkeit keine Grenzen gesetzt. Ich meine damit das James Bond 007 Collectors Piece von Omega, mit dem Schriftzug 007 und einer Pistole auf dem Boden. Wer kauft sich so etwas? Solch eine Uhr gab es von der Firma →Moeris 1966 ja schon einmal. War auch nicht sehr geschmackvoll. Kostete aber keine tausende von Euros.

Die meisten Uhrenfirmen lassen den Boden frei, damit man noch etwas darauf gravieren kann, wenn die Uhr ein Geschenk sein soll. Wenn Uhrenfabriken einem Modell eine besondere Note geben wollen, dann versehen sie den Boden mit einem kleinen Goldplättchen. Auf dem Boden der Eterna KonTiki ist das Floß von Thor Heyerdahl auf einem 18-karätigen Goldmedaillon zu sehen. Die Eternamatic Super Kontiki hat natürlich auch dieses Goldplättchen. Japans Spitzenprodukt, die Grand Seiko mit dem 5600er Werk, hatte 1971 auch ein Goldplättchen. Die King Seiko, die der Grand Seiko eigentlich in nichts nachsteht, hatte von 1972 bis 1973 auch ein Goldplättchen, auf dem KS steht.

Meine neue coole King Seiko aus dem Jahre 1974, über die ich demnächst einmal schreiben werde, hat allerdings kein Goldplättchen mehr. Da steht nur noch der Firmenname, die Kalibernummer und Water Resistant auf dem Boden. Vielleicht hätte ich doch die Grand Seiko nehmen sollen, die mir der nette Händler zu einem Sonderpreis angeboten hatte. Aber das war das Modell Tamago, was auf japanisch Ei heißt. Und wie ein plattgeklopftes Ei sah sie auch aus. Was unförmige Uhren betrifft, reicht mir meine Eternamatic 1000 Concept 80, die schon in dem Post was Fettes am Arm zu sehen ist. Die Eterna Werbung sprach 1970 nicht von potthässlicher Eierform, sondern von futuristischer Eleganz.

Von dem Modell mit der futuristischen Eleganz habe ich jetzt zwei. Wollte ich eigentlich nicht, aber es hat sich so ergeben. Ich sah diese Eterna bei ebay, und auf den Photos sah sie schlimm aus. Ich schickte dem Verkäufer meinen Post über die unförmigen 1970er Jahre Uhren und gab ihm gute Ratschläge, wie man die Uhr in einen präsentablen Zustand versetzen könne. Das versiffte Edelstahlband abnehmen und in das Ultraschallbad oder den Geschirrspüler tun. Manche schwören auf ein Bad in Coca Cola. Oder eine Kukident Tablette in einem Glas Wasser. Die Kratzer auf dem Glas kann man wegpolieren, aber das dauert. Das Gehäuse kann man auch vorsichtig polieren, da braucht man Zeit und Geduld. Der Verkäufer las meinen Uhrenblog, und der gefiel ihm. Er hatte aber offenbar keine Lust auf Bastelarbeiten. Er bot mir die Uhr, die schon preiswert war, noch preiswerter an. Das brachte mich nun in Verlegenheit, aber nach einem Tag Nachdenken nahm ich den Vorschlag an. Den Ausschlag gab das Zifferblatt der Uhr, das je nach Licht anders aussieht. Manchmal scheint es dunkelgrau zu sein, aber in Wirklichkeit ist es ein dunkles Lila.

Als die Uhr ankam, sah sie viel besser aus als auf dem Photo. Diese Makro Handyphotos verzerren die Wirklichkeit ein wenig. Ich hatte damit gerechnet, dass ich eine Woche mit Waschen und Polieren verbringen würde, es war nur ein Tag. Die schlimmsten Kratzer habe ich auch schon aus dem Glas raus. Ich bedankte mich herzlich beim Verkäufer. Ich hatte kein schlechtes Gewissen, eine Uhr gekauft zu haben. Ich habe im letzten Jahr ein halbes Dutzend Uhren an Freunde verschenkt. Da kann ich mir mal wieder eine kaufen. Jetzt habe ich eine Uhr, mit der ich in bin und kein LSD mehr zu nehmen brauche. Das sagte auf jeden Fall die französische Eterna Werbung 1970, wo man so etwas lesen konnte: Nicht derjenige ist 'in', der Barrikaden erstürmt, Marihuana raucht oder LSD nimmt. Modern ist, wer den Schritten des Fortschritts folgt, und jeder Fortschritt hat seine Grundlage in der Tradition. In jedem Fall sind Sie mit dem Concept 80 'in'. Concept 80 verkörpert mit Gehäuse und Zifferblatt die Linie der Zukunft. Das berühmte, weltweit anerkannte, kugelgelagerte Automatikwerk der Eterna Matic bietet Ihnen mit seinem Uhrwerk Sicherheit und vorbildliche Präzision. Der Werbetexter scheint für diesen dusseligen Text ein wenig zu viel LSD genommen zu haben.

Aber zurück zu den Goldplättchen. Ich habe eine alte Waltham Golden Eagle, die auch ein Goldplättchen mit einem goldenen Adler auf dem Boden hatte. Das Verb ist hatte. Als ich sie kaufte, hatte irgendjemand das bisschen Gold abgekratzt. Der Boden sah furchtbar aus, deshalb kostete sie auch nur zehn Euro. Mein Uhrmacher hat mir einen neuen Schraubboden draufgedreht. Ohne Adler. Ein kleiner gelber Adler ist auf dem Zifferblatt zu sehen. Und die Aufschrift 30 Jewels. Wer braucht so viele Rubine? In der Uhr ist ein Automatikwerk von Adolph Schild; es ist auch keine echte Waltham, weil es die amerikanische Firma gar nicht mehr gibt. Die Uhr ist von der Firma Rado und war für den asiatischen Markt bestimmt, wo man gerne viele Steine in der Uhr hat. Ich mag die Uhr, weil sie ein tiefschwarzes Zifferblatt und ein sehr gutes beads of rice Armband hat. Auch wenn der goldene Adler fehlt. Viele Dinge im Leben werden erst richtig gut, wenn etwas fehlt.

Sonntag, 12. April 2026

Schmetterlinge im Eis


Herbert Grönemeyer wird heute siebzig, da muss man gratulieren. Seit beinahe einem halben Jahrhundert singt er, und er tritt immer noch auf. Wenn wir die Wörter Bochum und Currywurst lesen, denken wir zuerst an ✺Grönemeyer. Mit den Jahren sind seine Texte immer poetischer geworden, spätestens als er ✺Der Weg sang. Und da nehmen wir doch heute mal einen Text von ihm. Er heißt ✺Schmetterlinge im Eis und war das letzte Lied auf seinem zehnten Studioalbum:

hab dir viel aufgehalst
auf dir abgestellt
dein herz umgedreht
deine nerven zerrissen
dein stehvermögen ausgereizt
dich angezählt
deinen guten willen zum stehkragen aufgepumpt
deinen blick unendlich getrübt
dir übermenschliches abverlangt

meinen wahn abgeteilt
in deinem zimmer jede ecke eingeklagt
für mein falsches los
dich vergöttert, geplättet, zerrüttet
mit meiner sucht nach trost
meine knoten zum lösen überlassen
meine wogen zum glätten vermacht
hast jede welle ruhig ans ufer gelegt

was ich verdiente, hast du mir gegeben
den gerechten preis habe ich bezahlt
brauch dich zurück zum überleben
deine schmetterlinge im eis

keiner spricht meine sprache
kauft mir meine erinnerungen ab
kein gebot
keiner holt meinen koffer
eröffnet mein verfahren
zahlt die kaution
keiner verschafft mir ein alibi
keiner nimmt mein gnadengesuch an
keiner, der mich mit der wahrheit verschont

was ich verdiente, hast du mir gegeben
den gerechten preis habe ich bezahlt
brauch’ dich zurück zum überleben
deine schmetterlinge im eis

keiner weint meine tränen
keiner leidet
keiner übernimmt meinen bann
keiner macht ungeschehen
fängt für mich von vorn an
keiner löst meine schlinge
setzt mein urteil aus
keiner besticht den henker
löst mich auf dem alptraum heraus
keiner ändert das drehbuch
keiner setzt den film ab
keiner betet für mich
keiner, der mir deine meinung sagt
keiner verrät mir das codewort
gibt mir deinen aufenthaltsort preis
treib auf einem einsamen berg
brauch deine schmetterlinge im eis…

Aber da ist noch ein anderer, der heute Geburtstag hat, und das ist der Barni. Den kenne ich seit über dreißig Jahren, seit ich an einem schönen Sommertag auf dem Flohmarkt eine Uhr bei ihm kaufte. Ich habe über die Jahre viel bei ihm gekauft. Zu echten Freundschaftspreisen. Der Barni wird auch schon, als ich anfing zu bloggen, in dem Post Flohmarkt erwähnt. Er fand immer erstaunliche Sachen, die orangegelbe Doxa 300 T habe ich auch von ihm. Die Zenith AF/P auch. Er zeigt mir alles, was er hat, aber er verkauft nicht alles. Von der Eternamatic →Super Kontiki wollte er sich zuerst nicht trennen, aber dann landete die Superuhr doch bei mir. Zu einem Freundschaftspreis. Ich habe in dem Post meine Uhrmacher über den Barni gesagt, dass er schon zu einem Freund geworden ist, und das ist er wirklich.

Die letzte Uhr, die ich bei ihm kaufte, ist diese schöne Alpina Siegerin aus dem Jahre 1940. Sieht in der Wirklichkeit noch besser aus als auf dem Photo, und hat jetzt ein schöneres Band. Ihr ihr tickt das rechteckige →Kaliber 490, das noch mit einer Weicheisenkalotte ummantelt ist, das schützt vor Magnetismus. Deshalb konnte die Firma auch antimagnetisch auf den Gehäuseboden schreiben. Es gab von der Uhr auch ein →wasserdichtes Modell, das sehr, sehr selten ist. Siegerin ist ein Markenname von Alpina und Dugena, er findet sich auf vielen Dienstuhren der Kriegsmarine. Wenn da noch KM auf dem Zifferblatt steht, zahlen Sammler heute schon fünfhundert Euro für solch eine Uhr. Ich habe zwei von den Dingern, haben mich vor dreißig Jahren zehn Mark das Stück gekostet. Gehen nach über achtzig Jahren immer noch. Die Alpina Uhren (die hier schon einen Post haben) mit den Werken von Marc Favre sind unverwüstlich.

Ich weiß nicht, ob der Barni, der früher in einer Band spielte, bevor er Flohmarkthändler wurde, Herbert Grönemeyer mag. Die →Herbert Grönemeyer Uhr von Wempe mit einem Eta Werk für 2.950 Euro wird der Barni bestimmt nicht mögen. Da kann man nur mit Grönemeyer fragen: Was soll das? Die Uhr ist zwar rechteckig wie meine Siegerin, hat aber nicht die Klasse einer alten Alpina. Der Barni hat sowieso bessere Uhren als diese Grönemeyer Uhr hier. Das letzte Mal, da ich ihn sah, hatte er eine alte Omega Seamaster 300 am Arm. So etwas hat Stil. 

Und viel Stil hat natürlich die alte rechteckige Alpina Siegerin. Ich habe da ein kleines Sondersammelgebiet: rechteckige Uhren aus den 1930er Jahren, da passt sie hin. Manche Uhren haben schon Stoßsicherungen wie die Wagner select und die wasserdichte →Eterna. Die schöne →Cyma mit dem drei Tage Werk läuft nur noch 30 Stunden, keine 72 Stunden mehr. Weil heute kein Fourniturenhändler eine Feder für ein Cyma 334 Werk mit der Dreiviertelplatine finden kann. Ist aber ein schönes Werk. 15 Steine und Genfer Streifenschliff. Und schon eine Stoßsicherung. Das Photo stammt nicht von meiner Uhr, diese Uhr hat die berühmte →Amelia Earhart ihrem Ehemann geschenkt. Meine beiden Lieblingsuhren aus der rechteckigen Abteilung sind die beiden Moeris, die jeder kurvigen Gruen oder jeder →Movado Curviplan Konkurrenz machen.

Und bevor ich mich jetzt (mit der Siegerin am Arm) mit dem Thema Uhren festschreibe, muss ich doch die Geburtstagsgrüße loswerden: Happy Birthday ✺Herbie. Happy Birthday Barni!
 

Donnerstag, 26. Oktober 2023

Taucheruhren


Ich komme nach dem Post Superuhr noch einmal auf das Thema Taucheruhren zurück. Mein Uhrmacher hatte mir vor zwanzig Jahren eine schöne dunkelblaue gefälschte Rolex Submariner geschenkt. Und später noch ein Edelstahlband, das von einer sehr teuren Rolexfälschung stammte. Mein Bruder, dem meine Eltern zum Examen eine Rolex schenkten, sagte mir, dass mein Band besser sei als das Band seiner Rolex. Er hatte jetzt in vierzig Jahren schon das dritte Band an seiner Uhr. Vor Jahrzehnten haben sich Rolexbesitzer Edelstahlbänder der Firma Tissot gekauft, weil die besser waren als das Original. Aber jetzt, wo Rolex die Firma →Gay Frères gekauft hat, hat das Elend der Rolex Armbänder vielleicht ein Ende. Leider ist meine Rolex (Nachtauslage) jetzt ein bisschen kaputt. Nicht reparierbar. Obgleich ich sie selten benutzte, sie fehlt mir irgendwie. Hat jetzt eine Funktion als Briefbeschwerer bekommen. 

Wenn ich Geld für eine Taucheruhr ausgeben wollte, dann würde ich mir bei ebay diese Zenith kaufen. Der amerikanische Händler wollte sie mir schon ein paar hundert Dollar billiger lassen nachdem ich die Uhr auf meiner Beobachtungsliste plaziert hatte. Ich finde die Uhr scharf, weil die so ganz anders aussieht als die ubiquitäre Rolex Submariner und all deren Kopien. Es gibt ja auch einige Verbindungen zwischen der Firma Zenith und der Firma Rolex, schließlich hat Zenith jahrzehntelang die Chronographenwerke (das sogenannte El Primero) für die Rolex Daytona geliefert.

Wenn man bei ebay einen Gegenstand auf seine Beobachtungsliste setzt, dann bekommt der Händler einen Ping und weiß, dass da ein  möglicher Interessent ist. Diese 43 mm große grüne Scheußlichkeit hatte ich auf meiner Beobachtungsliste. Ich wollte die auf keinen Fall kaufen, ich verglich die Uhr nur mit dieser Rolex Submariner, die auch grün ist und den Spitznamen Hulk hat. Scheint ein begehrtes Modell zu sein, die Preise klettern. Bei dieser Uhr hier fielen die Preise. Der Händler bot mir die Uhr, die wahrscheinlich aus China kommt, für 15 Euro an (Porto 2,75). 

Ich konnte dem nicht widerstehen, auch wenn ich noch nie einen Hulk Film gesehen habe und das grüne Wesen selbst in meinem Post Fantasy nicht erwähnt wird. Aber die Quarzuhr, die es auch in Blau gibt, wiegt nix und liegt gut auf dem Handgelenk. Ich mag sie inzwischen. Sie hat ein Hardlex Glas, kein Saphir Glas, aber das ist bei vielen Seikos ähnlich. Sie ist aus Edelstahl, nicht unbedingt dem Edelstahl, den die Firma IWC verwendet. Das Band ist gestiftet, nicht geschraubt. Der Barni, der mir ein paar Glieder herausgenommen hat, hat die Firma verflucht. Auf dem Stahlboden steht, dass die Uhr ein japanisches Quarzwerk besitzt und 3 ATM wasserdicht ist. Was will man für fünfzehn Euro mehr haben? Wie die Chinesen das zu diesem Preis hinkriegen, weiß ich nicht. 

Für die deutsche Amazon Seite wurde der amerikanische Text mit dem universalen Übersetzungsprogramm bearbeitet, das immer perfekten Unisinn produziert. Und das heißt dann so: DAXY Luxus-Uhr ist ein neues Ankunft für Männer. Modischer Einfachheits-Stil, exquisites Quarzwerk, macht Sie charmanter. Patentierte Quarztechnologie, schützende Mineralglasscheibe, Gehäuse aus Legierung. Gute Wahl für Feiertagsgeschenke, Thanksgiving, Weihnachtsgeschenke, Abschlussgeschenke, Vatertagsgeschenke, Geburtstagsgeschenke.Hergestellt mit Tiny Equipment Composing Technologie von DAXY Uhrenherstellung. Wasserfeste Struktur (nicht geeignet zum Schwimmen, Tauchen, Duschen usw.) Präzise Bewegung mit dem neuesten Durchbruch Armbanduhr mit goldenem Herren-Luxusgehäuse, geeignet für den täglichen Gebrauch. Speziell entworfenes Metallgehäuse mit hochwertiger Uhr. Spezielles Zifferblatt-Design zeigt Ihren modischen Blickwinkel.

Mitte der fünfziger Jahre waren die ersten wasserdichten Taucheruhren mit einer beweglichen Lünette auf den Markt gekommen: Blancpain Fifty Fathoms (1953), die Rolex Submariner (1954) und die Zodac Sea Wolf ein Jahr später. Am Ende der 1950er Jahre gab es einen ganz neuen Typ der Taucheruhren, die man daran erkannte, dass sie zwei Kronen besaßen. Die untere Krone war zum Aufziehen und für die Zeigerstellung; die obere Krone bewegte die Taucherlünette, die unter dem Uhrglas war. Nach einem Patent der Firma Ervin Piquerez S.A. (EPSA) hießen sie Super Compressor, beinahe jede schweizer Firma hatte die im Angebot. 

Renommierte Firmen wie Jaeger-LeCoultre und Longines, aber auch kleine, unbekannte Firmen verwendeten das Gehäuse von Piquerez. Die Uhren waren 35 mm groß, waren noch nicht so absurd groß wie heutige Taucheruhren. Man konnte sie in der Stadt hervorragend zur Berechnung der Parkzeit verwenden, ob man wirklich mit ihnen tauchen konnte, das weiß ich nicht. Meine Uhr ist von der Firma Hema, hat ein ETA Automatikwerk mit 25 Steinen und läuft seit Jahrzehnten ohne Probleme. Die Hema Watch Co. wurde von der Desco von Schulthess Gruppe gekauft und hieß später Maurice Lacroix. Die stellen natürlich auch Taucheruhren her, sogar solche mit zwei Kronen.

Neben den Super Compressor Qualitätsuhren gab es einen riesigen Markt von Billiguhren, die vorgaben, Taucheruhren zu sein. Manche hießen Meister Anker, die konnte man bei Karstadt und Quelle kaufen. Sie kamen aus Ruhla und hatten meistens das Kaliber UMF 24 in der Uhr. Von diesem sehr einfachen Werk hat man in Ruhla 130 Millionen Stück gebaut. Das sicherte der DDR ein klein wenig Devisen. Die nach der Wende zerschlagene VEB Ruhla ist inzwischen wiederbelebt worden, sie hat jetzt NVA Kommando Minentaucher Uhren im Programm. Ein bisschen pervers ist das schon.

Und dann gab es noch Mengen von Taucheruhren, in denen ganz billige Stiftankerwerke waren. Man erkannte sie daran, dass sie auf dem Gehäuseboden einen Taucher mit Schwimmflossen und Taucherbrille im Wasser zeigten. Das war nun das Billigste vom Billigen, auch qualitativ. Diese Cimier Taucheruhr sieht auf den ersten Blick ganz nett aus, aber wehe man öffnet sie und schaut sich das Werk an. Sie können das schrottige Werk hier sehen. Die Firma Cimier wirbt heute mit Sprüchen wie A passion for the tradition of the finest craftsmanship since 1924. Es wird nirgendwo so viel gelogen wie in der Welt der Uhren.

Der englischen Firma Smiths ging es in den sechziger Jahren finanziell nicht gut. Sie besaß zwar noch den W10 Auftrag für die Fliegeruhren der Royal Air Force, aber der war am Auslaufen. Da brachte Smiths 1968 eine solide 38 mm große Taucheruhr auf den Markt (waterproof tested 20 atmospheres) weil sie sich einen Auftrag der Royal Navy erhofften. Doch daraus wurde nichts, und so war die Smiths Astral CM4501 Diver, die Journalisten liebevoll die englische Rolex getauft hatten, die letzte englische Armbanduhr mit einem englischen Manufakturwerk.
 
Die Uhr kostete damals 15 Pfund Sterling, heute muss man schon vierstellige Summen für diese Uhr auf den Tisch legen. Ich habe meine vor dreißig Jahren für 85 Mark gekauft; und bis auf die immer etwas neben der Zeit liegende Datumsschaltung, will ich nichts Böses über diese Uhr sagen. Weshalb Taucheruhren eine Datumsanzeige brauchen, weiß ich nicht. Die Smiths sieht wirklich ein wenig wie eine alte Rolex aus. Vor allem mit dem schwarzen Horween Pferdelederband, das ich ihr spendiert habe. Auf dieser alten Anzeige wird die Uhr als skindiver's watch bezeichnet, und das gilt für all die Uhren, die bisher erwähnt wurden. Und die wir so global als Taucheruhren bezeichnen. Sie sind fürs Schnorcheln gut, sind nichts für Berufstaucher, die in der Tiefsee arbeiten. 

1961 gründete der Ingenieur Henri Germain Delauze ein Unternehmen, das Compagnie Maritime d'Expertises, abgekürzt COMEX, hieß. Er suchte schnell die Zusammenarbeit mit der Firma Rolex, und die baute ihm Uhren, die wirklich für das kommerzielle Tiefseetauchen geeignet waren. Die bekamen dann den Namen Comex auf das Zifferblatt, und wenn eine wirklich die Arbeit unter Wasser überlebt hat, dann kostet sie wie diese hier 172.000 Euro. Dafür kann man sich auch einen gebrauchten Rolls Royce kaufen. Oder das Geld an Ärzte ohne Grenzen überweisen. Die meisten Rolex Comex Uhren, die angeboten werden, sind wahrscheinlich Uhren mit einem gefälschten Zifferblatt.

Auch Omega arbeitete mit der Comex zusammen. Ihre Seamaster Professional 600 hatte den Spitznamen Ploprof (was von Plongeur Professionel abgeleitet wurde). Die Uhr war doppelt so teuer wie eine Rolex Submariner, schlug aber sämtliche Rekorde, die man mit einer professionellen Taucheruhr erreichen konnte. Bei einer simulierten Tauchtiefe von 1.370 Metern verformte sich das Gehäuse ein wenig, die Uhr funktionierte aber noch. Die Ploprof war mit einer Größe von 55 mm für den täglichen Gebrauch ein wenig unpraktisch, deshalb brachte Omega wenig später noch eine Baby Ploprof in der Größe von 38 mm auf den Markt.

Das Uhrenmagazin watchtime versichert uns: Heute werden Taucheruhren längst nicht mehr nur zum Tauchen getragen. Ihr sportlicher Look begeistert auch Menschen, die sich an Land wohler fühlen als unter Wasser. Eine Taucheruhr ist heute mitunter modisches Statement, beliebtes Sammlerobjekt unter Uhrenfans oder einfach nur ein cooles Accessoire. Das sind so die Sprüche, die ich liebe. Ähnlich werben Uhrenfirmen: Das Modell X besticht durch seine Exklusivität. Das massive Design zeigt den sportlichen Anspruch des Trägers. Ob das auch für diese potthässliche ZentRa Safari aus den siebziger Jahren gelten kann?

Die ZentRa Safari wird man schon wieder mögen, weil sie ebenso wie die Zenith da ganz oben ein wenig anders ist als der wasserdichte Einheitsbrei der Taucheruhren. Beinahe alle noch existierenden schweizer Firmen haben so etwas mit schwarzem Zifferblatt und Lünette im Programm. Viele Firmen holen historische Modelle wieder aus der Schublade, weil man ein bisschen Nostalgie immer gut verkaufen kann. Die Eterna Super KonTiki hat es als Neuauflage gegeben, die Doxa 300 Sub auch. Und bei Blancpain, die zwischenzeitlich immer mal pleite waren, gibt es bestimmt jedes Jahr wieder eine Neuauflage der Fifty Fathoms. Der. Geist,. den. es. zu. bewahren. gilt steht da auf der Firmenseite.

Noch mehr an Taucheruhren, als die schweizer Firmen anbieten können, kommen aus China. Sie haben Namen wie Parnis, Pagani Design, San Martin, Bliger, Corgeut, Bersigar oder Steeldive. Manchmal bezeichnen auch unterschiedliche Namen dasselbe Produkt. Und dann ist da ja noch die große Modding Szene, die Seikos umbaut. Diese schöne Seiko Marine Master ist nicht von Seiko, mit einer echten Seiko Prospex hat das nichts zu tun. Von Seiko ist nur das Uhrwerk. Der Rest ist custom made wie der Kunde es haben will. Anderes Zifferblatt, andere Lünette, andere Zeiger: anything goes. Seiko selbst ist erst seit 1965 mit der 62MAS im Taucheruhrengeschäft, aber eine alte Taucheruhr von Seiko, die mindestens 2.500 Euro kostet, wird niemand modfizieren wollen.

Es gibt auch in Deutschland kleine Firmen, die für den Bruchteil des Preises einer Rolex Submariner qualitativ akzeptable Uhren anbieten, die mehr als hundert Meter wasserdicht sind. Und Made in Germany auf die Uhr schreiben können. Da wären neben der Firma Sinn Spezialuhren zum Beispiel Steinhart und Marcello C. Die Firma des Architekten Günter Steinhart liefert mit der Ocean One für 500 Euro eine Taucheruhr; die Nettuno 3 von Marcello C kostet das Doppelte. Die Eichmüller Uhren für 49 Euro lassen wir mal weg, weil die alle aus China kommen. Die Firma Marcello C von Marcell Kainz hat ihren Sitz in Würselen, da wo Martin Schulz mal Bürgermeister war. Die Firma ist seit dreißig Jahren im Geschäft, und ihre Kunden scheinen sehr zufrieden zu sein. Das Signet auf ihrer Nettuno 3 ist eine zarte Welle, aus der der Dreizack Neptuns hervorragt. 

Als ich das Signet vor Jahren zum erstenmal sah, gefiel mir diese Uhr. Ich beobachtete bei ebay über die Jahre die Preise. Die Nettuno kostet neu tausend Euro, gebrauchte Uhren werden bei ebay zu Preisen zwischen dreihundert und fünfhundert Euro gehandelt. Nix für mich. Aber als ich letztens eine für hundertsiebzig (oder Preisvorschlag) sah, schlug ich zu. Habe die Uhr jetzt am Arm. Die Uhr ist zehn Jahre alt, aber in einem sehr, sehr gepflegten Zustand. Der Verkäufer hatte bei seiner Beschreibung nicht übertrieben. In der Uhr tickt ein ETA 2824-2 in der Qualität élaboré, in den neueren Modellen ist ein Selitta SW 200. Das ist ein erstklassiger ETA Klon, die ETA liefert das 2824-2 nur noch an Firmen der Swatch Gruppe (es ist übrigens auch in allen Taucheruhren der Rolex Zweitmarke Tudor). Die Uhr geht nach zehn Jahren noch chronometergenau. An der Qualität der Nettuno 3 gibt es nichts zu bemängeln. Am Preis auch nicht, vor allem weil mich die Uhr nur 155 Euro gekostet hat.

Die Bundeswehr kennt keine Dienstuhren, aber die Firma Sinn versichert uns, dass die Kampfschwimmer in Eckernförde ihre Uhren tragen. Die haben in Eckernförde schon alles ausprobiert, sie hatten Uhren von Rolex, Blancpain und Doxa im Test. Das hat mir jemand erzählt, der sich da auskannte. Bevor sie zu Sinn wechselten, hatten sie Uhren der IWC Porsche Design 2000. Der  Besitzer der Firma Sinn war vorher in einer Führungsposition bei der IWC gewesen. Es ist für die Werbung einer Uhrenfirma immer gut, wenn man auf eine militärische Verwendung hinweisen kann. Ich habe meine ganze Dienstzeit als Soldat mit meiner Konfirmations Junghans bestritten, ich habe nie einen Soldaten mit einer Taucheruhr gesehen. Heute ist das wahrscheinlich anders. 

Wenn man bei Google Taucheruhr eingibt, bekommt man zweieinhalb Millionen Ergebisse. Tausende solcher Uhren mit dem massiven Design, das den sportlichen Anspruch des Trägers zeigt, liegen bei ebay herum. Warten darauf, dass sie von richtigen Männern gekauft werden. Am Anfang des Filmes Dr No trägt James Bond, wenn er Sylvia Trench kennenlernt, eine goldene Gruen Precision. Eine Uhr für einen Gentleman, ganz besonders zum Dinner Jacket. Aber bei den Dreharbeiten in der Karibik fand der Produzent Cubby Broccoli, dass die goldene Gruen am Arm von Sean Connery etwas mickrig aussah. Und er lieh dem Hauptdarsteller seine Rolex Submariner. Seitdem tragen richtige Männer Taucheruhren. Auch wenn sie Nichtschwimmer sind.

Die Rolex blieb in den James Bond Filmen ein wiederkehrendes Element, bis sie von einer Omega abgelöst wurde. Wenn Bond in Casino Royale (2006) gefragt wird, ob er eine Rolex träge, ist seine Antwort: Omega. Diese Omega aus dem Film war einem Sammler bei der Auktion von Antiquorum 215.000 Schweizer Franken wert. War noch originaler Dreck von den Dreharbeiten dran. Sieht aus wie rote Erde auf dem Truppenübungsplatz Sennelager. Warum kauft jemand so etwas?

Aber es gibt ein Leben ohne diese Dinger. Nach einer Woche Uhrentest (ohne Dusch- und Badewannentest) habe ich die Nettuno beiseitegelegt. Sie geht zwar hervorragend, aber sie ist mir zu schwer und zu unhandlich. Sie stört mich beim Tippen. Und sie schabt die Manschetten der italienischen Oberhemden ab. Sie liegt jetzt neben der alten blauen Rolex. Wenn ich ein wenig Schwere im Leben brauche, kommt sie wieder an den Arm..