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Mittwoch, 16. November 2022

Made in Italy: Finamore


Im Jahre 1925 eröffnete Carolina Finamore in Neapel ein kleines Atelier und nähte Hemden. Simone Finamore hat in einem Interview von dem piccolo atelier seiner Urgroßmutter gesprochen. Bei einem schwedischen Händler kann man lesen, dass sie die Hemden mit der Hand nähte, weil Nähmaschinen nicht vefügbar waren. Keine Nähmaschinen in Neapel im Jahre 1925? Da war die eiserne Mamsell doch schon lange erfunden. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis aus der Nähstube eine Fabrik geworden ist. Die erste Fabrik wird in den sechziger Jahren in San Giorgio a Cremano eröffnet, heute ist der Firmensitz in Carinaro. Alles ein bisschen weg von Neapel, aber auf die Etiketten schreibt man Finamore Napoli. Wenn Sie einen Blick auf die Fabrik werfen wollen, dann klicken Sie dieses Video an. Sie werden überrascht sei, wie chaotisch es in dem Turnhallen-großen Schuppen aussieht. Wie ein Finamore Hemd für eine Werbevideo genäht wird, können Sie hier sehen.

Der Hamburger Herrenausstatter Braun versichert seinen Kunden, Finamore sei ein Luxus-Geheimtipp. Ein Geheimtip? Wirklich? Wenn Sie Finamore Napoli bei Google eingeben, liefert Google eine halbe Million Ergebnisse. Finamore Hemden gibt es ja nicht nur bei Braun in Hamburg oder Michael Jondral in Hannover, um mal die teuren Herrenausstatter zu nennen. Es gibt sie auch bei Breuninger und Lodenfrey. Und es gibt sie auch bei Amazon. Und bei ebay liegen mehr als 900 Finamore Hemden herum; von dort kommt mein Hemd auch, das habe ich schon in dem Post als Blogger bei WordPress gesagt.

Ein Geheimtip sieht anders aus. Aber die Leute, die diese Hemden verkaufen, müssen das mit dem Geheimtip offenbar immer wiederholen. So Michael Jondral, der den Laden von Heinrich Zapke übernommen hat: Mittlerweile ist das Sartoriale Herrenhemd des neapolitanischen Traditionsherstellers zu einem weltweiten Geheimtipp unter den wahrhaften Connaisseuren geworden und gehört ohne Zweifel in eine gut ausgestattete Herrengarderobe. Das einzige Problem, was Sie mit diesem Hemd haben werden, ist die Tatsache, dass Sie nie wieder ein anderes Herrenhemd besitzen werden möchten. Und Jondral setzt da noch etwas drauf: Die vollständig von Hand vernähten & gearbeiteten Hemden sind ein Synonym für sartoriales Handwerk, sowie sartorialen Details gleichermaßen. Kaum ein anderer Hersteller vermag es dem Finamore Napoli Hemd das Wasser zu reichen. Hier seien höchstens das Kiton Hemd, das Cesare Attolini Hemd bzw. das Luigi Borrelli oder Truzzi Hemd der Vollständigkeit halber erwähnt. 

Ich kann diese Lobhudelei so nicht bestätigen. Das Hemd ist gut, aber nicht besser als ein Hemd von Fray, Pegaso, Lillian Fock oder einer anderen italienischen Topmarke. Bleiben wir mal bei den Fakten. Das Hemd hat handgenähte Knopflöcher (die ziemlich rustikal ausfallen) und eine Musteranpassung an der Passe, die mit der Hand in den Rücken genäht ist. Das kann man sehen. Die Seitennähte sind unten mit einem kleinen Dreieck verstärkt, in das ein F gestickt ist. Solch ein Dreieck findet man heute schon beinahe überall. Sogar bei Emanuel Berg und Windsor. Was ich interessant finde, sind die Knöpfe auf der Manschette, die nicht in der Mitte sitzen. Wofür das gut ist, weiß ich nicht. Vielleicht passt die Rolex so besser unter die Manschette. Der Ärmel ist sehr schön in die Manschette eingefädelt, das muss man sagen. Aber all das sind Dinge, die man auch bei den Hemden der italienischen Oberklasse findet, ob sie nun aus Neapel, Mailand oder Rom kommen.

Oder aus Lübeck wie dieses schöne Hemd. Auf dem Etikett steht H. Heissing Tailored, verziert mit einer großen Nähnadel. Ein Symbol dafür, dass es sich hier um Schneiderarbeit handelt. Und das merkt man dem Hemd an. Heinrich Heissing hat vor zwanzig Jahren sein Atelier in der Lübecker Mengstraße eröffnet, heute hat er auch noch eine Kunstgalerie. Solch ein Hemd ist wirklich ein Geheimtip. Ich besitze drei davon, die alle Qualitätsmerkmale haben, die die neapolitanischen Hemden haben. Es ist lediglich die Werbung, die uns erzählt, dass nur eine jahrhundertealte neapolitanische Tradition gute Hemden mit der berühmten neapolitanischen Schulter (der Spalla Camicia) machen kann. Und die erste italienische Hemdenfabrik von 1890 (Truzzi) hatte ihren Sitz gar nicht in Neapel.

Finamore bezieht seine Stoffe von Alumo und Carlo Riva, und Sea Island Baumwolle haben sie auch im Programm. Sie machen auch die Hemden für die Firma Belvest (die hier schon einen Post hat), und wahrscheinlich beliefern sie ohne Label auch Herrenausstatter mit private label Hemden. Werner Scherer oder Rudolf Böll würden sich ja eher die Zunge abbeissen, als zu verraten, wer ihre Hemden näht. Es scheint zwei Qualitätsstufen zu geben: bei dem schwarzen Label (das mein Hemd hat) ist alles cucita a mano. Die Hemden mit dem weißen Label haben keine handgenähten Knopflöcher, da wird nur der Ärmel von Hand eingesetzt. Das Wappen auf dem Label sieht ein wenig wie eine mickrige Version der Fontana dell'Immacolatella, es adelt aber bestimmt das Produkt. Es gibt zwei Basis Passformen, die Milano und Napoli heißen, und es gibt noch ein Exklusivmodell, das komplett von Hand genäht ist. Kostet ein paar hundert Euro mehr.

In gewisser Weise ist Finamore heute das, was Lorenzini in den achtziger Jahren war. Allerdings machten die nur Hemden und hatten keine Pyjamahosen, Boxershorts, und Badehosen im Programm. Dies Bild zeigt, wie Finamore seine Pyjamas auf Facebook bewirbt. So etwas würde ein Gentlemen ja nicht tragen, für die feine Welt gibt es da nur Derek Rose in London. Aus dem piccolo atelier der Signora Carolina ist in vierter Generation ist ein Konfektionsunternehmen geworden, das (ebenso wie Borrelli) auch Hosen und Sakkos im Angebot hat. Weil man das Ziel hat offering collections closer to a total look concept. So etwas mit dem total look ist mir immer unheimlich. Und Finamore begibt sich damit in Konkurrenz zu italienischen Firmen (wie zum Beispiel Caruso), die in der Herstellung dieser Dinge längere Erfahrung haben. Achtzig Prozent der Produktion von Finamore gehen ins Ausland, Italiener kaufen offenbar andere Hemden. Und wahrscheinlich auch keine Finamore Pyjmas.

Dies ist mein erstes Finamore Hemd. Es wird auch das einzige bleiben, da kann Michael Jondral in Internet sagen Das beste Herrenhemd und Kein Vergleich zum Kiton oder Borrelli Hemd so viel er will. Es gibt bessere Hemden. Ich habe welche im Schrank. Dass die Rolex unter die Manschette passt, habe ich übrigens ausprobiert. Mein Uhrmacher hat mir vor Jahren eine Rolex Fälschung geschenkt, ist wahrscheinlich ein russisches Automatikwerk drin, ich habe die früher immer bei der Gartenarbeit getragen. Dafür würde ich das Finamore Hemd dann aber doch nicht tragen. Und diese kleine Reihe Made in Italy wird irgendwann fortgesetzt.


Sonntag, 23. Oktober 2022

Made in Italy: Luciano Barbera

Das Made in Italy auf dem Etikett genügt Lucianao Barbera heute nicht mehr, es gibt schon Hemden seiner Firma, auf deren Etiketten entirely manufactured in Italy steht. Luciano Barbera hat immer dafür gekämpft, dass das Made in Italy auch Made in Italy bedeutet. Erst seit 2009 ist das durch ein Gesetz halbwegs geregelt, aber das bedeutet keineswegs, dass alle Teile eines Oberhemds in Italien hergestellt sein müssen. Wenn man die Hemden in Vietnam herstellen lässt, wie van Laack und Charles Tyrwhitt das tun, aber noch zwei von vier Arbeitsschritten in Italien ausgeführt werden, dann ist das Hemd immer noch Made in Italy. Luciano Barbera hatte von seinem Vater die 1949 gegründete Weberei Carlo Barbera geerbt. Aber er hatte immer weniger Kunden: So konnte man 2010 in der New York Times in einem Artikel mit dem Titel Is Italy too Italian? lesen: When describing the ills of his businesses, Mr. Barbera tends to focus on one issue: the 'Made in Italy' label. For the last decade, he says, a growing number of clothing designers have been buying cheaper fabric in China, Bulgaria and elsewhere and slapping 'Made in Italy' on garments, even if those garments are merely sewn here. Das Hemd hier ist meins, es hat mich bei ebay zehn Euro gekostet, keine 270 Euro, die die Firma dafür verlangt. Ich habe das Hemd wegen der schönen blauen Streifen gekauft, nicht wegen des Namens auf dem Etikett.

Im Jahre des Interviews mit der New York Times ging es Luciano Guglielmo Barbera nicht so gut, er hatte gerade die Aktienmehrheit der Weberei für über drei Millionen Euro an die Firma Kiton verkauft. Der immer elegante Luciano Barbera durfte in der Firma bleiben. Seine eigene Luciano Barbera Kollektion (die es seit 1971 gibt) blieb von dem Deal unberührt. Die Stoffe von Barbera zählen mit zum Besten, was in Italien gewebt wird, zählen aber auch zu den teuersten. Was eben zu der finanziellen Schieflage der Firma führte. Luciano Barbera hat auf seiner Internet Seite die Gründung der Firma in witziger Kürze so geschildert: In 1950, Carlo Barbera, my father, took over a fabric mill near the town of Biella. The hilly town, part of the Piedmonte region, is cold and damp but that's unfortunately why it was--and is--the home of the finest fabric mills in Italy. All the same, upon his arrival, my Dad threw out half of the looms he found on site. Rip, thump, crash! The trash-haulers of Biella groaned under the burden of his rejects. Was he mad? Remember, he was already inheriting the best machinery in Italy. No, he just wanted better. His targets were royalty: English Lords, Dukes, titans of industry, this at a time when war-ravaged Italy had a GDP roughly the size of Madagascar's.. 

Entirely Manufactured in Italy steht auf der Seite seiner Firma, und man kann da auch noch lesen: We view manufacturing in Italy as an art form, the result of unique and invaluable knowledge passed down for generations, resulting in the highest quality garments. So etwas Ähnliches steht auf den kleinen Heftchen, die jedem Hemd beigegeben sind. Die Qualität von Luciano Barbera war von Anfang an hoch. Die Jacketts der collezione sartoriale hand made in Italy kamen von Attolini, mehr geht nicht. Neuerdings gibt es auch Hemden von Attolini (mit dem Stoff von Carlo Riva), so etwas kostet bei Michael Jondral (dem Nachfolger von Heinrich Zapke) 450 Euro. Ich weiß nicht, ob Attolini die Hemden selbst herstellt, oder ob sie die von irgendeiner camiceria beziehen. Das weiß man bei großen Namen nie. Auch bei Luciano Barbera nicht. Die Hemden haben alle ein Etikett von Grilux, das ist die von Barbera 1975 gegründete Firma, die die Kleidung von Luciano Barbera vertreibt. Die im Internet allerdings häufig mit dem Zusatz in liquidazione auftaucht.

Vielleicht hätte Luciano Barbera lieber die Finger von der Konfektion lassen und sich auf die von seinem Vater Carlo geerbte Weberei konzentrieren sollen. Er ist in das Geschäft durch Zufall hineingeraten. Dieses Photo von Ugo Mulas sah Murray Pearlstein, der Besitzer des Luxusladens Louis in Boston, im Jahre 1962 in der italienischen Fachzeitschrift L'Uomo Vogue. Er war von dem abgebildeten Gentleman so begeistert, dass er nach Italien reiste, um Luciano Barbera zu überreden, eine eigene Modelinie zu machen, die er dann in Boston verkaufen würde. Mr. Pearlstein, I have no collection. I have only my own suits, sagte Luciano. Pearlsteins Antwort war: You have talent. You should design your own collection. Für ihn war der elegante Barbera ein Fashion Icon, das er verkaufen konnte. Und er sah, dass dieser Mann diesen Stil hatte, von dem Ralph Lauren mit seiner Purple Label Collection nur träumte.

Das war der Beginn der American connection für Barbera, der heute 65 % seiner Kollektion in die USA verkauft. Pearlstein hatte ein Händchen für Talente, Joseph Abboud stellte er mit achtzehn ein. Den Laden Louis in Boston gibt es seit dem Juli 2015 nicht mehr, die Tochter von Murray Pearlstein wollte mit sechzig Jahren aufhören und keine neuen Mietverträge mehr abschließen müssen. Das Alter ist für Luciano Barbera kein Thema, sein Vater Carlo wurde einhundertundzwei Jahre alt, er ist jetzt vierundachtig und ist mit seinen fünf Kindern noch immer im Geschäft. Das ihm nur noch zum Teil gehört, der Schweizer Philippe Camperio, der 2017 auch Borsalino gekauft hat, hat die Aktienmehrheit. Und er hat die Devise, eingeschlafenen ikonischen Marken neuen Schwung zu verleihen.

Lohnt es sich, ein Luciano Barbera Hemd zu kaufen? Für zehn Euro unbedingt. Das Hemd ist geräumig, nix mit slim fit oder solchem Unsinn. Und es hat auch Bewegungsfalten im Rücken, die müssen bei einem guten Hemd sein. Der Stoff ist erstklassig, das Hemd hat aber kein Label des Stoffherstellers. Also Namen wie Albini, Thomas Mason, Carlo Riva oder Canclini. Solche Etiketten erwartet man in dieser Preisgruppe auch nicht, man findet das eher bei preisgünstigeren Hemden, bei denen durch ein solches Etikett eine höhere Qualität suggeriert werden soll. Das Hemd hat erstklassig genähte Knopflöcher, nicht handgenäht, aber erstklassig. Da kann sich die Firma Etro mal ein Beispiel nehmen. Auf dem Ärmelschlitz ist kein Knopf, das haben englische Hemden auch nicht. Vielleicht hat Barbera das aus England mitgebracht. Denn nach seiner Ausbildung am ITIS Q. Sella in Biella hat er in Bradford und Leeds studiert. Ob Knopf oder nicht auf dem Ärmelschlitz, das wahre Qualitätsmerkmal für ein Hemd liegt daneben. Und das sind die Falten, mit denen der Ärmel in die Manschette eingefältelt wird. Drei Falten neben dem Ärmelschlitz sprechen hier von Qualität. Die hat dieses Hemd, und es hat noch mehr. Es hat auch noch Falten an der Schulter, weil der Ärmel von Hand eingesetzt worden ist.        

Aber erstaunlicherweise hat es keine Musterangleichung an die Passe. Das habe ich bei Luxushemden schon häufiger gesehen. Dies hier ist ein Hemd von Kiton, doppelt so teuer wie Barbera. Man kann die Falten im Schulterbereich sehen, man kann aber auch sehen, dass es auch hier keine echte Musteranpassung gibt. Das bleibt mir ein Rätsel. Es ist gut, dass einem die neapolitanischen Hemdenschneider noch Rätsel aufgeben. Das Barbera Hemd mit den blauen Streifen ist gut, aber es ist nicht mein bestes Hemd. Es kommt qualitativ an das Hemd von Lilian Fock nicht heran; an das Hemd von Tom Reimer, das nie im Leben eine Nähmaschine gesehen hat, auch nicht. Aber von den beiden anderen Barbera Hemden, die ich vor über zwanzig Jahren in einem Secondhand Laden fand, ist noch nie ein Knopf abgefallen. Das ist doch auch mal etwas.

Sonntag, 19. Dezember 2021

Hemdenkauf bei ebay

Als ich die Posts Englische Oberhemden und Schweizer Oberhemden geschrieben hatte (und gleichzeitig meine Hemden in den Schränken aufgeräumt hatte), dachte ich mir, ich könnte mich mit einem neuen Hemd belohnen. Und guckte mir an, was ebay so zu bieten hat. Ich fand dieses blau-weiße Borrelli Hemd mit einem Startpreis von fünf Euro, Preisvorschläge waren erwünscht. Ich machte Vorschläge, der Verkäufer rührte sich nicht. Dann verschwand das Angebot plötzlich, ebay sieht so etwas nicht gerne, wenn Angebote aus einer Auktion unter der Hand verkauft werden. Eine Woche später tauchte das Hemd wieder auf, wieder mit einem Startpreis von fünf Euro. Ich bot 25,10 € und bekam sofort den Zuschlag, das ist für ein einmal getragenes Borrelli Hemd kein schlechter Preis.

Ich will keine Reklame für Borrelli Hemden machen, es sind sicher gute Hemden, ich habe das auch nur wegen der böau-weißen Streifen gekauft. Mein ideales Hemd sieht so. Passte mir leider nicht. In Italien gibt es viele Firmen, die Gleiches oder Besseres wie Borrelli herstellen. Ein Borrelli Hemd ist auch nichts Exklusives, bei ebay gibt es mehr als 1.200 Angebote, aber kein Hemd von Bruli (es gibt auch mehr als viertausend van Laack Hemden). Mein erstes Borrelli Hemd hat mir Hans Carl Capelle, den jeder Kelly nannte, verkauft. Es war grasgrün. Vielleicht wusste Kelly das gar nicht, er war farbenblind. Das habe ich erst Jahre später erfahren.

Kelly hatte 1970 - gleichzeitig mit Leuten wie Thomas Friese (Thomas-I-Punkt), Dolf Selbach oder Heinrich Zapke - eine Marktlücke entdeckt, er brachte italienische Mode nach Deutschland. Neben den Hemden von Borrelli gab es bei ihm auch Hemden von Truzzi, Orian und Lorenzini, die eines Tages die überteuerten Ralph Lauren Purple Label Hemden herstellten. Ich lasse das jetzt mal weg, weil ich mir überlegt habe, irgendwann einen Post über italienische Hemden zu schreiben. Das grasgrüne Borrelli Hemd habe ich nach vierzig Jahren immer noch, es passt auch noch. Die Knopflöcher (natürlich handgenäht, darauf ist man bei Borrelli stolz) sind mit weißer Nähseide genäht, das gibt dem Hemd einen gewissen Pep.

Der Ruf von Borrelli ist neuerdings ein klein wenig beschädigt, Borrelli ist auch nicht mehr Borrelli. Der Herr auf dem Photo mit dem zu kurzen Schlips ist Fabio Borrelli, der Sohn des Firmengründers Luigi Borrelli. Er ist gerade vor Gericht freigesprochen worden. Sieben Jahre zuvor hatte die Guardia di Finanza seine Fabriken besetzt und ihn festgenommen. Er kam erst einmal nicht ins Gefängnis sondern bekam Hausarrest. Damals gab es noch keine Corona, sonst hätte er das als Home Office deklarieren können. Es war eine Blitzaktion der Guardia di Finanza gewesen, die nicht nur Borrelli betraf, es ging um Wirtschaftskriminalität, falsche Abrechnungen und das Erschleichen von fünfzig Millionen EU Förderungsgeldern. Borrelli wurde zwar irgendwie freigesprochen, aber er musste für seine Firmen der Borrelli Gruppe Konkurs anmelden. Wer heute die Firma Borrelli besitzt und die Hemden herstellt, ist ein klein wenig unklar. Auf der Borrelli Homepage wird die Wirtschaftskriminalität nicht erwähnt, aber man kann lesen, dass man stolz sei, Viktor Emanuel von Savoyen zu beliefern. Bei dem Ruf dieses Herrn ist das eine sehr zweifelhafte Reklame.

Michael Rieckhof, der das Geschäft Kelly's mittlerweile übernommen hatte, legte seine Borrelli Hemden zur Ausverkaufsware, neue Hemden bekam er erstmal nicht mehr. Zwei Häuser neben Kelly's hatte Hans Carl Capelle noch einen zweiten Laden gehabt, als er den auflöste, zeigte er mir etwas, das ich noch nie gesehen hatte: unter dem Laden in der Dänischen Straße 12-16 war eine Disco. Das war einmal das berühmte Tanzcafé Florida, in dem Hazy Osterwald und Marika Rökk auftraten. Auf dem Parkett der unterirdischen Disco tanzt heute niemand mehr, der Laden darüber ist jetzt ein van Laack Store, der nichts mehr vom dem nostalgischen Charme des Florida oder dem Laden von Kelly hat.

Die Sache mit dem Borrelli Hemd war O.K., ich hatte es nicht wegen des Namens gekauft, sondern wegen diesem schönen blau-weißen Streifen, ich liebe solche Hemden. Aber ich suchte nun bei ebay nach etwas anderem, nach einer Marke, die ich noch nicht kannte. Und da stieß ich auf ein Hemd von Philippe Perzi Vienna, das acht Euro kostete. Kaufte ich, nachdem ich mich im Internet über die Marke informiert hatte. Heute geht das nicht mehr, denn alles, was noch vor Wochen unter https://philippeperzi.com/ im Internet stand, ist plötzlich verschwunden. Der Laden in der Spiegelgasse 25, in dem angeblich Maßhemden geschneidert wurden, ist dauerhaft geschlossen. Die Seite, auf der man Philippe Perzi Hemden, die zweihundert Dollar kosteten, bestellen konnte, ist auch weg.

Das alles wusste ich nicht, als mein Philippe Perzi Vienna Hemd ankam, kostenfreie Lieferung. Ich bestellte mir bei dem Händler noch ein zweites mit einem Haikragen, auch für acht Euro, ungetragen. Man kann gegen die Hemden nichts Böses sagen, sie haben unten in der Seitennaht auch ein kleines Dreieck wie die Borelli Hemden. Und die Hemden haben ein zusätzliches Etikett, das darauf hinweist, dass der Stoff von Thomas Mason ist. Das ist ein berühmter Name, denn diese englische Firma gibt es seit 1796. Genauer gesagt, trägt sie diesen Namen offiziell wohl erst seit den 1870er Jahren. 

Thomas Mason hatte 1796 als cotton spinner in Gargrave begonnen, aber im richtigen Baumwollgeschäft war er erst seit den 1820er Jahren mit seiner Primet Mill in Colne, wo es noch ein Dutzend anderer cotton mills gab. 1845 baut er eine sechsstöckige Fabrik in Ashton-under-Lyne. Der Satz Cotton is King, den James Hammond in seiner berühmten Rede gebrauchte, gilt nicht nur für die amerikanischen Südstaaten, er gilt auch für England. In Fontanes Roman Der Stechlin sagt der Pastor Lorenzen zu dem alten Dubslav von Stechlin über die Engländer: Sie sind drüben schrecklich runtergekommen, weil der Kult vor dem Goldenen Kalbe beständig wächst; lauter Jobber, und die vornehmen Leute obenan. Und dabei so heuchlerisch; sie sagen Christus und meinen Kattun. Es ist die viktorianische Doppelmoral, die hier angeklagt wird. Hugh Mason, der Sohn Thomas Masons, ist frei davon. Er übernimmt nach dem Tod seines Vaters die Fabriken, er wird Politiker (Liberal Party) und Sozialreformer. Er schafft für seine Arbeiter Arbeitsbedingungen, wie das schon Sir Titus Salt in Bradford gemacht hatte. Damit ist er einer der wenigen im viktorianischen England. In Ashton-under-Lyne, wo der paternalistische Fabrikherr auch Bürgermeister war, hat ihm die Gemeinde eine Bronzestatue spendiert.

So eindrucksvoll das Thomas Mason Etikett auf den Hemden von Philippe Perzi daherkommt, die Firma gibt es schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Als Limited Private Company existiert die Firma nach dem Tod des letzten Mitglieds der Familie noch von 1927 bis 1956. Danach wird die Firma verkauft, zuletzt hatte sie dem Industrieriesen Courtauld gehört, der die Fabrik 1991 schloss. Die italienische Albini Group, der größte italienische Weber, kaufte den Namen Thomas Mason und das Renommee, das dieser Name hatte. Und auf den kleinen Etiketten steht jetzt unter dem Namen Thomas Mason woven in Italy.

In der Werbung der italienischen Firma Albini liest sich die Firmengeschichte von Thomas Mason etwas anders als hier beschrieben: At the height of the Industrial Revolution, Sir Thomas Mason founded in Lancashire one of the first factories to manufacture cotton shirt fabric. These fabrics were used by London's West End tailors serving the aristocracy and the upper class, before being exported throughout the British Empire and all over the world. Nichts davon stimmt, er war nicht der erste, er war kein Sir Thomas etc etc. Man fälscht sich die Geschichte, das ist das erste, wenn man einen kleinen Mythos aufbauen will. 

Und den hat sich unser Philippe Perzi auch schreiben lassen: The Philippe Perzi philosophy is an unequivocal commitment to quality and individuality. Philippe Perzi Vienna exquisitely tailored shirts are made from only the highest quality Italian fabrics, with signature marks of expert design and detail giving our shirts that beautifully bespoke finish. The finest Egyptian cotton yarns in the highest counts are selected, including yarns with real West Indian Sea Island cotton – the rarest and most precious variety in the world. Each fabric is selected because it represents the perfect combination of vibrancy and function; individual flair and traditional style. All fabrics are eco-friendly and satisfy the Oeko-Tex Standard 100. Rather than pursuing mass production, each Philippe Perzi Vienna shirt requires at least 25 separate pieces and 50 individual steps, with attention to detail that can only be achieved with hand cutting and hand pressing. Key to our commitment to individuality, Philippe Perzi Vienna shirts are made in a limited edition of 17 or less, ensuring your shirt is one of a kind and truly only yours. Philippe Perzi Vienna continually strives to create new and beautiful collections throughout the seasons, always offering something fresh and exciting. Philippe Perzi Vienna offers a superior level of quality rarely accessible in today’s market. The challenge is for you to choose your favourites from our extensive and unique range. Philippe Perzi Vienna – What makes us different, makes you different. It’s all in the detail. Das ist nichts als Werbelyrik, ich glaube, die ganze Sache mit den Philippe Perzi Hemden ist ein riesiger Schwindel. Alle Internetadressen führen ins Nichts oder auf Werbeseiten. 

In der wunderbaren Geschichte Hemden nach Mass des unterschätzten Reiseschriftstellers Thomas Münster heißt es über den Hemdenkauf (wir sind irgendwo am Mittelmeer): In diesen quirlenden Küstenstädten des Nordwestens kann man niemals genau sagen, wo der afrikanische Wunderglaube aufhört und wo das europäische Ganoventum anfängt. Da stand zum Beispiel ein Mann im Bazar, der sich — keß amerikanisiert — Billy Mack nannte und Hemden verkaufte; Ausschuß von irgendeinem französischen Warenhaus natürlich, ein Hemd genau wie das andere! Aber Billy Mack legte jedem Käufer ein ausgeleiertes Meßband um den Hals und rief dann eine beliebige Zahl. Worauf sein Söhnchen – wie der Vater teils Neger, teils Araber und teils Weißer — das nächste Hemd vom Stapel griff und es dem glücklichen Käufer zuwarf. Und am Ende der Geschichte sagt der Käufer: Dieses Hemd hier paßt mir ganz genau — es ist Maßarbeit, denn ich habe es gestern bei Billy Mack gekauft!

So hat das Geschäft von Philippe Perzi in Wien, einem modernen Billy Mack, angeblich ausgesehen. Wir können es nicht nachprüfen. Wenn man bei ebay Oberhemden Herren eingibt, bekommt man 1.384.263 Ergebnisse. Es sind schlimme Dinge dabei, 65% Polyester (Pierre Balmain), und dann all die slim fit, custom tailored und contemporary fit Hemden. Die bestenfalls dem ehemaligen Außenminister passen, der immer zu kleine Klamotten trug. Im Allgemeinen sind ebay Händler nicht in der Lage ein Hemd korrekt zu beschreiben. Über neunzig Prozent können nicht die relevanten Maße eines Hemdes angeben. Eine Kragengröße sagt gar nichts, vor allem bei italienischen Hemden nicht. Der schlimmste ist ein Händler namens Momox, er bietet keinerlei Größenangaben für das Hemd an, offeriert aber einen kostenlosen Versand und einen kostenlosen Rückversand. Ich nehme an, dass Momox (die unter dem Namen Medimops den Markt antiquarischer Bücher unter Kontrolle haben) die Retourenkönige des Internets sind. Einen Umsatz von 150 Millionen Euro haben sie auch im Jahr, Borrelli schafft mal gerade 25 Millionen.

Donnerstag, 22. September 2022

war nicht nötig, aber


Es war wirklich nicht nötig, ist aber doch sehr nett. Ich entdeckte dieses Lorenzini Hemd bei ebay. Sofortkauf für zehn Euro. Würde es passen? Ich bat den Händler, doch einmal die Brustweite anzugeben. Das tat er, das Hemd war nach seinen Maßen leider eine Spur zu klein. Ich bedankte mich bei dem Händler, das wollte ich lieber nicht riskieren. Ich fügte meiner Mail einen Link zu dem Lorenzini Post bei. Bekam wenig später eine Mail, in der stand: Schade! Wenn ich im Preis etwas entgegenkommen würde - könnte das zum Kauf animieren? Hemd ist nicht zu schlank geschnitten ... Der neue Preis war sechs Euro. Ich nahm das Hemd. Früher hatte ich viele Lorenzini Hemden, die Kelly mir verkauft hatte; jetzt war nur noch eins im Schrank, weiß mit Tattersall Karo. Kaum getragen, da ein wenig zu eng.

Das Hemd für sechs Euro ist ein qualitativ erstklassiges Hemd. Mit einem kleinen Manko: ein Knopf war ab, lag aber bei. Ansonsten war es so gut wie neu. Und es war größer, als der Verkäufer gemessen hatte, es passt perfekt. Der Knopf war schnell angenäht, Knöpfe anzunähen und Hemden zu bügeln, hat mir meine Oma beigebracht. Die Oma, die mir ein blau-weiß gestreiftes Hemd genäht hat, als niemand so etwas hatte. Das Erstaunliche bei dem Hemd ist: es hat eine geteilte Schulterpasse. So etwas habe ich an einem Lorenzini Hemd noch nie gesehen. Bei den Ralph Lauren Purple Label Hemden, die sie herstellten, gab es die geteilte Schulterpasse beinahe immer. Vielleicht sollte dies ja ein Ralph Lauren Purple Label Hemd sein, und eine Näherin, die vor der Entlassung stand, hat trotzig das Lorenzini Label hineingenäht.

Im Jahre 2017 schrieb die Firma Lorenzini auf ihrer Homepage: Lorenzini shirts have a distinct timelessness, and are renowned for their subtle elegance, as well as their unique and sophisticated details. Und sie kündigten an, dass sie ab 2018 wieder in den Läden sein würden. Es steht kein Wort darüber darin, dass sie im Dezember 2011 mit den Gewerkschaften über einen außerordentlichen Abfindungsfond verhandelten, der Anfang 2012 in Kraft treten sollte. Angeblich sind sie jetzt im Internetgeschäft, aber im Internet kann man viel lügen. Ich glaube, dieses  Lorenzini Hemd winkt uns zum Abschied zu. Tschüss, Lorenzini.

Mit Made in Italy: Lorenzini hat eine kleine Reihe zu italienischen Hemden begonnen, die irgendwann fortgeführt wird. Wann, weiß ich noch nicht. Lilian Fock wurde schon mal erwähnt. Borrelli und Guy Rover gab es ja schon, aber Luciano Barbera, Etro, Truzzi und Fray und wie sie alle heißen, die kommen noch. 

✺nein, es ist gar nicht eng, es passt immer noch. Die Hemden waren früher schön weit geschnitten.


Donnerstag, 19. Januar 2023

Made in Italy: Fray


Die italienische Firma Fray ist nicht so bekannt wie Borrelli, Finamore oder Lorenzini. Es gibt sie seit 1962, und seit 1991 hat sie noch eine Schwesterfirma, die Pegaso heißt. Die stand kurz vor dem Untergang, da hat die Firma Fray sie gekauft. Es gibt qualitativ und preislich keinen Unterschied zwischen den beiden Firmen. Die Hemden tauchen selten bei ebay auf, dieses hier allerdings letztens schon. Neu und ungetragen. Kostete im Sofortkauf fünfzehn Euro, habe ich sofort gekauft. Sie wollen lieber nicht wissen, was solch ein Hemd im Laden kostet. Meine Fray und Pegaso Hemden haben mich vor vielen Jahren nie mehr als zehn Mark in einem Secondhand Laden gekostet. Deshalb habe ich ganz viele davon. Und kann leicht etwas über ihre Qualität sagen.

Es sind unauffällige, ja geradezu langweilige Hemden. Sie sind meistens weit geschnitten und haben all das, was ein italienisches Luxushemd ausmacht: Handarbeit, handgenähte Knopflöcher, perfekte Musteranpassung, Nähte mit zehn Stichen pro Zentimeter, erstklassige Stoffe und dicke Knöpfe. Und manchmal noch unten am Hemd, der Knopfleiste gegenüber, ein kleines Stück zusätzlichen Stoffs, das verhindert, dass das Hemd aus der Hose rutscht. Sie haben keine Dreiecke in den Seitennähten wie das Finamore und Borrelli haben. Sie haben da einen kleinen fünfeckigen Stoffknubbel. Den man genauso bei den Hemden von Werner Scherer und Rudolf Böll findet. Das Geschäft von Rudolf Böll in Rottach-Egern scheint dem Untergang geweiht. Die prachtvolle Internetseite ist gelöscht und Teile der Kollektion werden jetzt von Werner Scherer mit Sonderpreisen verkauft.

1962 eröffnete Lucia Pasin in Bologna in der Via Borgonuovo ihr Atelier und nähte Hemden. Der Anfang der Firma Fray ähnelt dem Anfang der Firma Finamore, wo Carolina Finamore in Neapel auch in einem kleinen Atelier begann. Lucia Pasin hat später über ihre Arbeit gesagt: La passione per il proprio lavoro è una forza che non si esaurisce e non ci esaurisce. Come in amore, se c’è passione ed anima si investe tutto in se stessi e si è sicuri di farcela senza stancarsi mai. Lavoro oggi con lo stesso entusiasmo di allora. Das ist klar, dass die Italiener auch beim Nähen von Hemden das Wort amore ins Spiel bringen müssn. Angeblich, so erzählt man in der Firma, streichelt Signora Lucia jedes Hemd, bevor es verpackt wird. Fray Hemden sollen dem Träger, der natürlich un uomo di cultura, amante della raffinatezza ist, Glück bringen. Das kleine Atelier wurde größer, Lucia Pasins Ehemann Giorgio Randi kümmerte sich um den Vertrieb und man zog nach Casalecchio Di Reno, was etwas außerhalb von Bologna ist.

Die Firma Fray kann auch etwas anderes, als unauffällig und langweilig zu sein. Das zeigte schon das Pegaso Hemd im ersten Absatz. Und erst recht dieses etwas exzentrische Hemd, das habe ich während des Schreibens dieses Posts getragen. Es hat ein Etikett von Werner Scherer in München, produziert wurde es von Frays Tochterfirma Pegaso. Das weiß ich, weil ich alle Details von Pegaso Hemden kenne und auch mehrere Werner Scherer Hemden besitze. Natürlich zu den Preisen der Secondhand Händler, dies hier hat mich bei ebay zwanzig Euro gekostet. Es ist ein sehr gutes Hemd, wenn eben auch ein bisschen exzentrisch. Aber das darf ich sein.

Viele Firmen in Italien sind untergegangen, wie zum Beispiel Lorenzini; Fray und Pegaso sind immer noch da. Sie gehören nicht zu den Großen, man schätzt, dass Signora Lucia in den letzten fünfzig Jahren vier Millionen Hemden gestreichelt hat. Ihr Ehemann ist vor sechs Jahren gestorben, inzwischen sind die Enkel auch im Geschäft. Man hat seit einigen Jahren einen Showroom auf der Via Montenapoleone, wo die ganze italienische Mode sitzt. Sie waren auch letzte Woche auf dem Pitti Immagine Uomo vertreten. 

Man kann Fray Hemden in Italien und Japan kaufen. Und in den USA bei Neiman Marcus, Bergdorf Goodman und ähnlichen Läden. Und in den Benelux Staaten, wie zum Beispiel bei Degand in Brüssel. Ob es wirklich in Kiew ein Geschäft gibt, das Fray Hemden verkauft, wie auf dieser Liste steht, das bezweifle ich. In Deutschland wird es schwierig, ein Fray Hemd zu finden. Braun in Hamburg führte mal die Marke, tut das aber nicht mehr. Kennt niemand, zu teuer. Braun hat jetzt Bagutta im Programm, was früher eher eine Billigmarke war, jetzt aber zum Premiumhemd deklariert wird. Offenbar hat die Firma Fray auch mal ein Rasierwasser auf den Markt gebracht, ich weiß nicht, ob man das braucht. Auf der Internetseite von Fray steht: We want every man who wears our shirts to know he is visibly elegant. Das reicht doch.

Dienstag, 26. August 2025

van Laack: königlich?


Im Jahre 1881 gründen die Herren Heinrich van Laack, Wilhelm Schmitz und Gustav Eltschig in Berlin eine Wäschefirma. Die Firma van Laack existiert heute noch. Auf der Homepage der Firma können wir lesen: Als Heinrich van Laack sein Unternehmen 1881 in Berlin gründete, hatte er ein klares Ziel vor Augen: er wollte das beste Hemd der Welt fertigen. Seine Vision hat bis heute Bestand. Und auf dieser Seite sagt Christian von Daniels, der jetzige Besitzer der Firma, in einem kleinen Video, dass Heinrich van Laack auf der Suche nach den besten Stoffen der Welt zu Thomas Mason nach Bergamo reiste. Das ist nun kompletter Quatsch, denn zu Lebzeiten von Heinrich van Laack war die renommierte Weberei von Thomas Mason in Lancashire. Nach Bergamo kam sie erst 1992, als die italienische Firma Albini den Firmenamen Thomas Mason kaufte. Wenn man solch fette Lügen in einem Werbevideo in die Welt setzt, dann scheint einiges mit der Vision der Firma nicht zu stimmen. 

Vor allem, wenn man weiß, dass dieser Heinrich van Laack mit seiner angeblichen Vision vom besten Hemd der Welt zehn Jahre nach der Firmengründung gar nicht mehr in der Wäschefirma ist. Da gehört die Firma, die Kragen, Manschetten, Hemden und Schlafanzüge herstellt, ganz allein Gustav Eltschig. Der hat in Berlin Spuren hinterlassen. Nämlich dieses Prunkgrab aus weißem Marmor auf dem Luisenstädtischen Friedhof. Das Grab wurde von dem Kaiserlichen Baurat Jürgen Kröger entworfen, der Trauerengel stammt von dem Bildhauer Richard Grüttner. Da muss man schon Millionär sein, um sich so etwas leisten zu können. Von seinem ehemaligen Kompagnon Heinrich Bernhard van Laack, der schon 1894 starb, gibt es keine solcher Spuren. Da ist nur der Firmenname geblieben. 

Gustav Eltschig kam aus dem sächsischen Pegau, er hatte mit siebzehn Jahren sein Abitur gemacht und war danach Einjährig Freiwilliger gewesen, die richtige Basis, um im kaiserlichen Deutschland Karriere zu machen. Er besaß neben seiner Wäschefabrik eine Dampfwäscherei, vielleicht hat er den gleichaltrigen Heinrich Bernhard van Laack aus Niedermörmter nur wegen des wohlklingenden Namens mit in die Firma genommen. Denn so ein holländischer Name mit einem van klingt doch schon beinahe wie ein deutscher Adelsname. Damit kann man Hemden verkaufen, deren Kragen berühmt sind. Schon in den ersten Anzeigen wies die Firma im 19. Jahrhundert darauf hin, dass sie auch den van Heusen Kragen produzierte, einen besonders weichen halbsteifen Kragen. Wir müssen bedenken, dass damals Hemd und Kragen noch voneinander getrennt sind.

Eltschig starb 1903 als reicher Privatier, da hatte er seine Firma schon an den englischstämmigen Brasilianer Newton Joseph Bennaton verkauft. Nach dessen Tod leitet seine Witwe Irmgard Bennaton die Firma. Es scheint ihr finanziell an nichts gefehlt zu haben, denn 1925 ließ sie sich von der Architektin Emilie Winkelmann ein großes Landhaus bauen, das heute die Residenz des belgischen Botschafters ist. 1930 geht die Firma, die inzwischen auch Damenwäsche herstellt, an ihren Neffen Alfons Schnoeckel. Der steht noch 1949 als Inhaber von van Laack, Schmitz & Eltschig im Handelsblatt; aber das ist auch das Jahr, in dem er von der Sowjetischen Militärverwaltung enteignet wird. Weil der Firmensitz Greifswalder Straße 5 im Osten der jetzt zweigeteilten Stadt Berlin liegt.

Der neue Besitzer des Firmennamens wird Heinrich Hoffmann aus Mönchengladbach, das man einmal das rheinische Manchester genannt hat. Hoffmann kommt aus der Textilbranche, er war der Syndikus der Textilfirma Hermann Meyer, die 1938 arisiert wurde. Hoffmann produziert jetzt Hemden mit dem Namen van Laack, die Herren Schmitz & Eltschig tauchen nicht mehr im Firmennamen auf. Ich nehme an, dass aus der Familie Hoffmann auch die Hemden Création Otto Hoffmann kommen, die von guter Qualität und den van Laack Hemden gleichwertig waren. 1970 übernimmt Hoffmanns Sohn Rolf Hoffmann die Firma van Laack, die inzwischen so floriert, dass er sich eine große Kunstsammlung zulegen kann. Bevor Hoffmann die Firma 1986 verkauft, lässt er sich 1981 zum 100-jährigen Firmenjubiläum von dem Kunsthistoriker Manfred Schneckenburger eine kleine Kulturgeschichte schreiben. Es ist eine schöne, reich bebilderte Kulturgeschichte der Welt zwischen 1881 und 1981, in der leider überhaupt nichts über die Firma van Laack steht.

Der nächste Besitzer der Firma van Laack, die inzwischen so weit oben ist, dass sie ihre Hemden und Blusen mit Wim Wenders und Ute Lemper bewerben kann, kommt aus der Familie Quandt. Und der möchte mit Hilfe seines Geschäftsführers Rolf Schuemann aus van Laack einen Weltkonzern machen. Flagship Stores in New York, an der Rue de Fauborg St. Honoré in Paris, der Old Bond Street in London und solche Dinge. Man entwickelte einen Zehnjahresplan, um ganz oben in der Welt dabei zu sein. Und dazu gehörte natürlich nicht nur ein Ziel von 35 Luxusboutiquen weltweit, dazu gehörte eine Vollkollektion. Also kaufte man die traditionsreiche Firma Regent in Weißenburg. Und seitdem haben die Jacketts und Anzüge von Regent den berühmten Dreilochknopf der Firma van Laack.

Man kann hier natürlich mit Brecht sagen Ja, mach nur einen Plan Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch 'nen zweiten Plan Geh' n tun sie beide nicht. Der gesunde Menschenverstand hätte Stefan Quandt sagen können, dass das nichts wird, aber mit dem gesunden Menschenverstand ist das so eine Sache, wenn die Marke ganz oben direkt unter der Luxusschiene positioniert werden soll. Dazu gehörte, dass Regent seine Preise verdoppelte, weil man ja jetzt das deutsche Äquivalent zu Brioni oder Kiton sein wollte. Was erstmal dazu führte, dass die meisten gutbürgerlichen Herrenausstatter in Deutschland Regent aus dem Sortiment schmissen. Irgendwann, als die Firmen nur noch rote Zahlen schrieben, verlor Stefan Quandt das Interesse an seinem Spielzeug. Feuerte Schuemann, und van Laack und Regent standen zum Verkauf.

Christian von Daniels, der keinen Wikipedia Artikel, aber eine YouTube Seite hat, kaufte 2002 die Firma van Laack. Zwanzig Jahre später erwarb er einen seiner Hauptkunden, die insolvente SØR Rusche GmbH von Thomas Rusche und machte da seine Tochter Celina von Daniels zur Geschäftsführerin. Wie es mit den SØR Filialen weitergeht, steht noch in den Sternen. Aber Online existiert SØR auf jeden Fall noch, man kann da auch van Laack Hemden kaufen.

Die Corona Krise, die die Textilwelt schwer traf, wurde für van Laack eine goldene Zeit. Im Geschäftsjahr 2020 verkaufte van Laack mehr als 100 Millionen Alltagsmasken (der Werbeträger Johannes B. Kerner trägt hier eine) und zwölf Millionen Kittel. Damit verdoppelte die Firma ihren Umsatz. Aber dieser Gewinn bringt auch viel Schmutz mit sich, der an der Firma van Laack kleben bleibt. Dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Armin Laschet, dessen Sohn als Influencer für van Laack Reklame macht, wird vorgeworfen, die Aufträge an van Laack ohne Ausschreibung vergeben zu haben. 

Und die in Tunesien schnell genähten Kittel sind offenbar Schrott. Die Uniklinik Köln sortiert im Dezember 48.000 Corona Schutzkittel aus, in der Uniklinik Essen werden 40.000 Kittel ausgemustert. Die Firma van Laack hat auf ihrer Homepage inzwischen eine eigene Seite, die Medical heißt, wo wir lesen können: Seit Beginn der Pandemie hat van Laack seine Expertise im Bereich Medical unter Beweis gestellt und ganz Deutschland mit Masken ausgestattet. Die Expertise aus den Erfahrungen der vergangen Jahre ist nun in die Entwicklung einer Medical-Fashion Kollektion geflossen. Von mangelnder Qualität oder rechtswidrig erschlichenen Aufträgen ist da nicht die Rede. In England hat Emma Willis, die auch Oberhemden für den König näht (und schon in dem Post englische Oberhemden erwähnt wird) auch Kittel nähen lassen. Ohne Skandale, und ohne etwas daran zu verdienen.

Hemden stellt van Laack in Tunesien und Saigon natürlich auch noch her. Im Laufe der Firmengeschichte haben sie irgendwann das Epitheton ornans das königliche Hemd bekommen. Kriegten das Wort Royal unter dem Kragen eingestickt und bekamen eine kleine Krone auf die Brusttasche, die später auf die Manschette des rechten Arms wanderte. Ich weiß nicht, ob es die besten deutschen Hemden sind, die besten der Welt auf keinen Fall. Die Hemden, die den Namen Werner Baldessarini trugen, als er noch bei Hugo Boss war, die waren besser. Was heute Baldessarini heißt, ist nicht erwähnenswert. Windsor hatte mal gute Hemden, aber die Zeiten sind auch lange vorbei. Die einzige wirklich gute erwähnenswerte Firma ist  Emanuel Berg, die ihren Firmensitz in Rösrath hat und die Hemden in Danzig schneidern lässt. Viele deutsche Herrenausstatter beziehen die Maßhemden für ihre Kunden von dieser Adresse.

Mein erstes van Laack Hemd kam von Stiesing aus der Sögestraße, das ist über sechzig Jahre her. Mein zweites kam von dem Herrenausstatter von Alten in der Knochenhauerstraße, der immer preiswerte van Laack Hemden im Schlussverkauf hatte. Bremen war in der Adenauerzeit, als es nur weiße Hemden gab, keine besonders gute Adresse für Oberhemden, das steht schon etwas detaillierter in dem Post Made in Italy. Seit den Sixties begleiten mich die Hemden aus Mönchengladbach, aber Werbung für die Firma würde ich nicht unbedingt machen. Ich habe mir aber gerade im SSV bei kleinanzeigen eins gekauft, ein Modell, das Meisterwerk heißt, eine Komposition aus erlesenen Stoffen und einer modernen Schnittführung, vollendet durch meisterliche Handwerkskunst, definiert das luxuriöse Hemd neu. So etwas hatte ich noch nicht. Es hat eine Passe, das finde ich mit den Diagonalstreifen ja ganz charmant. Aber die Streifen der Schulter sind nicht an die Streifen des Ärmels angepasst, das ist wirklich ärmlich. Das Hemd hat sehr gute Knopflöcher, aber das ist auch das einzig Gute an dem Hemd.

Ich habe dreißig Euro dafür bezahlt. Das, was es im Laden kostet, ist das Hemd nicht wert. Einher mit diesem Kauf ging ein anderer Kauf bei kleinanzeigen, bei dem ich für zwanzig Euro ein nagelneues Bruli Hemd erstand. Die Firma nimmt für ihre Hemden inzwischen 450 Euro, die Ign. Joseph Hemden, die sie auch herstellen, kosten die Hälfte. Als die beiden kleinanzeigen Käufe nach dem Waschen auf der Leine nebeneinander hingen, konnte man die Unterschiede der Qualität sehr schön sehen. Da hing Champions League neben Amateurliga. Noch einmal Christian von Daniels: Als Heinrich van Laack sein Unternehmen 1881 in Berlin gründete, hatte er ein klares Ziel vor Augen: er wollte das beste Hemd der Welt fertigen. Seine Vision hat bis heute Bestand. Es bleibt aber nur eine Vision. Etwas, was weit weg ist.


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