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Sonntag, 12. Juli 2026

Captain James Cook


Heute vor 250 Jahren hat der gerade zum Post Captain beförderte James Cook mit seinem Schiff Resolution den Hafen von Plymouth für seine dritte und letzte →Pazifikreise verlassen. Mit der Endeavour war er 1768-1771 einmal um die Welt gesegelt, die Resolution war schon auf der zweiten Reise sein Schiff gewesen. Cook mochte das Schiff, das ursprünglich als Kohlefrachter gebaut worden war (und deshalb im Englischen als collier bezeichnet wird). The ship of my choice und the fittest for service of any I have seen, hat Cook über das Schiff gesagt. Vor der Reise hat er auf der Resolution noch ein großes Festessen gegeben. Dank der erhaltenen →Unterlagen wissen wir, was damals auf den Tisch kam. Dies Bild zeigt die Resolution (in der Bildmitte links) in Tahiti, gemalt von William Hodges, der Cook auf seiner zweiten Reise begleitete. Über den Maler steht schon einiges in dem Post Eterna KonTiki.

Das loomings in der Adresse dieses Blogs ist der Titel des ersten Kapitels von Herman Melvilles Moby-Dick, und Herman Melville, der wie Cook in der Südsee war, war von Beginn an in diesem Blog. Als ich noch an der Uni war, habe ich natürlich Seminare über Herman Melville gemacht, über Moby-Dick und Benito Cereno. Und dann hatte ich die Idee, ausgehend von den Südseeerfahrungen von Herman Melville, ein Seminar über die Südsee in der amerikanischen Literatur zu machen. 

Ich las nicht nur Melvilles →Typee und →Omoo und alles, was er über die Südsee geschrieben hatte; ich las alles, was ich in die Hände bekam. Ich war die ganzen Semesterferien mit dem Lesen beschäftigt, aber für die Uni konnte ich das alles leider nicht gebrauchen. Ich musste die Veranstaltungen eines erkrankten Kollegen übernehmen, mein Seminar fiel aus. Ich betrachtete das nicht als Verlust, ich hatte viel gelernt. Und Lesen ist nie ein Verlust. Und meine Bibliothek hatte sich um einen knappen Meter vergrößert. Der hervorragende Schweizer Katalog James Cook und die Entdeckung der Südsee, den man heute für kleines Geld antiquarisch findet, gehörte auch zu meinem Lesestoff. Das stand hier alles schon in dem Post tüddelig im Kopf.

Der Steuermann der Resolution heißt William Bligh. Der wird als Kapitän der Bounty und als Gouverneur von New South Wales noch berühmt werden. Er ist hier schon in den Posts Bounty, Larcum Kendalls K2, Dichterin gesucht und Rum. Ein Matrose des Schiffes, der Deutsche Heinrich Zimmermann, wird auch noch berühmt. Weil er nach der Reise das Buch Heinrich Zimmermanns von Wißloch in der Pfalz, Reise um die Welt, mit Capitain Cook veröffentlichen wird. Auf der Seite der →Captain Cook Society erfahren Sie mehr über ihn als in dem Wikipedia Artikel. Zimmermann war natürlich auch schon hier in diesem Blog, Sie finden ihn in den Posts Marinechronometer und Georg Forster.

Und dann ist da noch dieser Mann (hier von Joshua Reynolds gemalt) an Bord. Kapitän Tobias Furneaux, der Cook auf seiner zweiten Reise begleitete, hatte den Polynesier Omai nach England gebracht, wo er als eine Art Vorzeige Polynesier in der englischen Society berühmt wurde. Er findet sich hier schon in den Posts Haiti und Diätetik. Kapitän Cook bringt ihn wieder in seine Heimat zurück und lässt seine Besatzung für Omai auf der Insel Huahine ein Haus im europäischen Stil bauen. Als Kapitän Bligh 1780 die Insel besucht, muss er erfahren, dass Omai schon tot ist. Wir wissen nicht, ob dieser edle Wilde, diese Verkörperung natürlicher Unschuld und aristokratischer Vornehmheit, in seiner Heimat glücklich geworden ist.

Mit der ✺Endeavour (das hier auf dem Photo ist ein ✺Nachbau von 1994), die wie die Resolution ein Kohlefrachter gewesen war, war Captain Cook weltberühmt geworden. Es gibt in diesem Blog schon einen Post namens Endeavour. Aber der Post handelt nicht von dem collier von Cook, das ist ein Post über den Chief Inspector Morse. Der  in diesem Blog immer wieder auftaucht. Zum Beispiel in den Posts  Inspector Lewis und Englische Krimiserien, die beide weit über fünftausend Leser haben. Leider hat der Post Inspector Morse und die Frauen sehr wenige Leser gefunden.

In ✺Death Is Now My Neighbour, in dem diese schöne Frau ums Leben kommt, muss Morse zum ersten Mal in der Öffentlichkeit gestehen, dass sein Vorname Endeavour ist. Weil sein Vater Captain Cook verehrte. Morses Assistent, Sergeant Robbie Lewis, kommentiert das mit You poor sod. Dass sein Vater von James Cook besessen war, erfahren wir in mehreren Folgen der Morse Saga. So auch in dieser →Folge, wenn Morse den Anthropologen Dr Julian Storrs vernimmt. Der sofort gesteht, dass er mit dem Mordopfer (nicht die Holley Chant auf diesem Photo) ein Verhältnis hatte. Storrs bewirbt sich gerade als Master seines Colleges, er macht sich aber keine Gedanken, dass diese Affäre seinem Ruf schaden könnte: The only way you can get rid of a Master here is for moral turpitude, and if that meant fornication, we'd be lucky to keep one in five hundred years. 

Chief Inspector Morse hat natürlich längst gesehen, dass der Anthropologe ein Bild von William Hodges an der Wand hängen hat, das Captain Cooks →Landung in Tahiti zeigt. Auf die Pazifikaufenthalte des Anthropologen und das Wort fornication anspielend, sagt Morse: I understand they take rather that liberal view in the Pacific. Und der Anthropologe antwortet: What? Oh, yes. They did till the wretched missionaries got there.

Der Professor (gespielt von John Shrapnel) will dann noch etwas sagen, sieht aber, dass Morse gerade ein Portrait von Captain Cook vom Regal genommen hat und sagt: My father was obsessed with Captain Cook. 'Captain James Cook, 1728-1779,' he always called him. He said he was the greatest explorer that ever lived. Was Dr Storrs mit dem Satz You couldn't say that today. The modern view is that Western explorers brought guns, disease and Christianity, each equally destructive to an idyllic way of life kommentiert. Und er fügt noch ein Idyllic? mit einem Fragezeichen hinzu.

Da haben wir es in zwei Sätzen in einer Krimiserie: die Größe des Entdeckers und disease and Christianity, each equally destructive. Erst kommt die Entdeckung, dann die Kolonisation. Eine Dokumentation von The People Profiles hat den Titel ✺The Tragic Cost of Mapping the World. Der neuseeländische Historiker  John Beaglehole, der die Logbücher Cookes edierte und die maßgebliche James Cook Biographie schrieb, hat über den Entdecker gesagt: Die größte Lobrede auf Cook ist die Seekarte des Pazifik. Während Cook (hier von John Webber gemalt, der ihn auf der letzten Reise begleitete) noch im Pazifik herumsegelt, wird er schon in Deutschland berühmt. Weil Christoph Martin Wieland als Herausgeber des →Teutschen Merkur 1778 beginnt, Teile von Georg Forsters Reisebericht zu veröffentlichen. Einen Schnipsel davon gab es hier schon in dem Post Antarktis. Weshalb ich hier noch nie über Captain Cook geschrieben habe, weiß ich nicht, aber das kommt vielleicht noch einmal, ist im Jahr 2013 der letzte Satz in dem Post Georg Forster. Na ja, manchmal bin ich eben 'n büschn langsam.

Dienstag, 28. November 2023

tüddelig im Kopf


Die Südsee, das bedeutete Walfang. Das wusste ich schon, als ich noch klein war. Immer wenn Opa am Sonntag das Heimatmuseum für die Besucher aufschloss, hatte ich schon eine Stunde mit dem Walfang verbracht. Jede Harpune im Saal angefasst. Alle Shrimshaw Objekte auch. Im Erdgeschoss war in einem kleinen Zimmer alles über den Afrikaforscher Gerhard Rohlfs, im Obergeschoss war alles über die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, weil die von Adolph Bermpohl aus unserem Ort gegründet worden war. Aber der große Saal des Erdgeschosses und das Treppenhaus waren ganz dem Walfang gewidmet. Schließlich hatten sich viele Kapitäne, die im 19. Jahrhundert ihr Vermögen mit dem →Robbenschlag und dem Töten von Walen gemacht hatten, hier im Ort niedergelassen. Dies Bild von Carl Justus Fedeler zeigt Bremer Segelschiffe beim Walfang in der Südsee. Das Schiff in der Mitte ist die Europa der Reederei D.H. Wätjen. Das war einmal die größte deutsche Segelschiffsreederei. Wätjen verdiente mit seinen Schiffen so gut, dass er sich in Blumenthal ein Schloss bauen ließ. Als ich 1976 mit Dr Joachim Kruse die Melville Ausstellung in Schleswig machte, wunderte sich Kruse immer wieder, was ich alles über den Walfang wusste.

Es gab im Heimatmuseum auch Photos vom modernen Walfang. Modern heißt in diesem Fall: aus den dreißiger Jahren. Damals als Walter Rau aus Hilter und sein Konkurrent Fritz Hohmann aus Dissen (FriHoDi) ihre Fabrikschiffe zum Abschlachten von Walen auf die Weltmeere schickten. Auf Rau und Hohmann war Opa nicht so gut zu sprechen, aber das hatte damit etwas zu tun, dass er aus dieser Gegend kam und die Familien kannte. Dieses Bild vom Walfangschiff Walter Rau findet sich in dem Artikel →Schlachthof auf hoher See des Bremer Weser Kurier.

Als Symbol für den historischen Walfang hatten wir am Utkiek an der Weser die Kiefer eines Blauwals stehen. Als die bröckelig und brüchig wurden, hat mein Freund Peter als Landeskonservator sie 1987 durch einen Bronzeabguss von der Bildhauerin Christa Baumgärtel ersetzen lassen. Manche Kapitäne hatten sich von ihren Reisen auch Walkiefer als Gartentor mitgebracht, aber die sind mit der Zeit alle verschwunden. Als der Afrikaforscher Gerhard Rohlfs nach Weimar gezogen war, schickten ihm die Vegesacker ein Paar Walkiefer nach, die er vor seiner Villa aufstellte. Es war klar, dass ich mit meinem Erfahrungen irgendwann Melvilles Moby-Dick lesen musste. Las ich zum erstenmal 1959 in dem Manesse Band mit der Übersetzung von Fritz Güttinger, der Jahre später mein Brieffreund wurde. 1962 war ich schon weiter, da las ich →Billy Budd und →White-Jacket, das weiß ich noch genau.

Als ich an der Uni war, habe ich natürlich Seminare über Herman Melville gemacht, über Moby-Dick und Benito Cereno. Und dann hatte ich die Idee, ausgehend von den Südseeerfahrungen von Herman Melville, ein Seminar über die Südsee in der amerikanischen Literatur zu machen. Ich las nicht nur Melvilles →Typee und →Omoo und alles, was er über die Südsee geschrieben hatte; ich las alles, was ich in die Hände bekam. Auf Richard Francis Burtons Buch →Goa, and the Blue Mountains; or, six months of sick leave war ich durch einen Zufall gestoßen, weil das Buch gleichzeitig mit Melvilles Moby-Dick bei Melvilles Verleger Richard Bentley in London erschienen war.

Auch zufällig fand ich das Buch des Matrosen Heinrich Zimmermann, das →Reise um die Welt mit Capitain Cook heißt. Ein Buch, das er eigentlich gar nicht hätte schreiben dürfen. Berichte über die Reise waren Captain Cook und den Wissenschaftlern wie Georg Forster und seinem Vater vorbehalten. Heinrich Zimmermanns Buch habe ich in der von Hans Bender herausgegeben Ausgabe des Insel Verlags gelesen. Der Link da oben führt zum Originaltext von 1781, wenn er funktioniert. Irgendwie kriegt die Staatsbibliothek Bamberg das mit dem Internet noch nicht so richtig hin. Forsters →Reise um die Welt ist auch bei Insel erschienen, ist aber mit über tausend Seiten etwas dicker als Zimmermanns 161-seitiges Buch. Aber da ich gerade einmal dabei war, las ich auch noch Louis-Antoine de Bougainvilles →Reise um die Welt: Durch die Inselwelt des Pazifik 1766-1769. Wir müssen immer bedenken, dass die Südsee nicht nur Walfängern aus Nantucket und Bremen, nicht nur Captain Cook und Captain Bligh gehörte, sondern auch den →Franzosen. Den schönen Ausstellungskatalog  →James Cook und die Entdeckung der Südsee gab es damals leider noch nicht. Das hätte mir viel Arbeit erspart.

Das ungewöhnlichste Buch, das ich in jenem Vierteljahr las, hieß Tyrannei und Herrschaft: Die Wurzeln von Individualismus, Despotismus und modernem Staat. Hawaii - Tahiti - Buganda, das bei Rowohlt erschienen war. Der Autor Eli Sagan hatte in Harvard studiert, aber er war kein Anthropologe oder Kultursoziologe wie Clifford Geertz oder mein Freund Peter Gutkind. Auf dem Gebiet der Kultursoziologie war Sagan Aitodidakt, Amateur. Sein eigentlicher Beruf war etwas ganz anderes, er war Chef der Konfektionsfirma The New York Girl Coat Company, die eine der größten Kleiderfirmen der USA war.

Es passte gut, dass ich in meiner Südsee Lesephase von meinem Freund Peter die Briefe von →Robert James Fletcher (Isles of Illusion: Letters from the South Seas) geschenkt bekam. Und  durch Zufall fand ich den kuriosen kleinen Roman von Friedrich Wilhelm IV, Die Königin von Borneo. Ich war die ganzen Semesterferien mit dem Lesen beschäftigt, aber für die Uni konnte ich das alles leider nicht gebrauchen. Ich musste die Veranstaltungen eines erkrankten Kollegen übernehmen, mein Seminar fiel aus. Ich betrachtete das nicht als Verlust, ich hatte viel gelernt. Und Lesen ist nie ein Verlust. Und meine Bibliothek hatte sich um einen knappen Meter vergrößert.

An all das fühlte ich mich erinnert, als mir letztens ein polynesisches Wort begegnete, das ich nicht aus meiner Südseelektüre kannte, das auch nicht in Melvilles Omoo vorkommt. Es heißt Taravana, es hat offenbar mehrere Bedeutungen. Es kann ein ✺Song des auf Tahiti lebenden Sängerns Ken Carlter sein; es kann ein ✺Computerspiel sein, in dem es um Seeungeheuer geht. Aber eigentlich ist Taravana eine Taucherkrankheit, die die Einwohner der Tuamotu Inseln befällt, wenn sie dreißig Mal am Tag ohne Druckluft nach Perlen tauchen. Sie können hier auf einer Seite für medizinische Fachjournale alles über das Taravana Syndrom lesen, das in der Übersetzung verrückt hinfallen bedeutet. Diese Dekompensationskrankheit bei Apnoetauchern, bei der man die Kontrolle über den Körper verliert, ist vor sechzig Jahren zum erstenmal wissenschaftlich beobachtet worden. Bestenfalls ist man da etwas tüddelig im Kopf, aber es kann auch zum Tod führen.

Kaum war diese Taucherkrankheit in der Fachliteratur beschrieben, da tauchte sie als Modellname für eine Taucheruhr der Firma Nivada auf. Und dort hatte ich das Wort gefunden. Die Grenchener Uhrenfirma, die damals auch die ZentRa Savoy Uhren herstellte, war sehr erfindungsreich mit ihren →Modellnamen. Da gab es die berühmte Antarctic, es gab eine Aquamatic, eine Depthmaster, eine Sea Diver, eine Aviator und eine Chronomaster. Eine Leonardo da Vinci hatten sie auch mal im Angebot (das Modell gab es auch als →ZentRa). Eigentlich waren es immer die gleichen Uhren, die Uhrwerke von der ETA oder der ASSA hatten, sie hatten nur andere Namen. Die meisten dieser Namen wie Aviator oder Sea Diver findet man auch bei anderen Firmen, aber dieses Taravana Modell, das gab es nur bei Nivada. Die Firma Nivada baut heute, wie so viele in der Quarzkrise angeschlagenen Firmen, ihre Klassiker nach. Relaunch ist das Wort. Ich glaube aber nicht, dass die Taravana Taucheruhr bei den neuen Retro-Klassikern dabei ist, die ist einfach zu exzentrisch.

Mit Uhren hat die Südsee einiges zu tun. Die Eroberung und Kartographierung der Südsee geht einher mit der Entwicklung immer besserer und genauerer Marinechronometer. Bougainville hatte Uhren von Ferdinand Berthoud an Bord (Alexander von Humboldt wird einen Chronometer von dessen Neffen →Louis Berthoud benutzen). Der Engländer John Harrison, der mit seiner →H1 zum erstenmal in der Weltgeschichte eine genau gehende Uhr baute, entwickelte seine Uhren weiter, bis sie transportabel waren. Dies hier ist die Harrison H4. Sieht aus wie eine Taschenuhr, ist aber dreizehn Zentimeter groß und wiegt anderthalb Kilo. Der Uhrmacher Larcum Kendall stellte im Auftrag der Admiralität eine Kopie her, die Larcum Kendall K1, die Captain Cook benutzte. Er hat die Uhr als our trusty friend the Watch und our never-failing guide the Watch bezeichnet. Obgleich er zuerst Vorbehalte gegen die Uhr hatte, musste er doch anerkennen, dass sie so genau ging, dass er damit sozusagen auf den Millimeter genau navigieren konnte. Das Rule Britannia, Britannia rule the waves wird jetzt von den englischen Uhrmachern garantiert, die die Royal Navy an jeden Ort navigieren lassen, an den sie will. Larcum Kendall hat hier schon einen Post, und für Marinechronometer gibt es natürlich auch einen. Und in dem Post über Thor Heyerdahls KonTiki kommt auch eine Menge Südsee vor. Zu dem ✺Longitude Problem, das die britische Admiralität und die britischen Uhrmacher energisch angehen, habe ich hier noch ein Video.  Und natürlich gibt es hier auch noch den Film ✺Longitude aus dem Jahr 2000 für Sie.

Diese Taucheruhr der Firma Nivada fand ich beim Uhren-Surfen auf ebay. Ich war fasziniert von dieser potthässlichen Uhr. Auf der Rückseite der 39 x 42 mm großen Uhr sind Wellen zu sehen, eine kleine Insel mit drei Palmen und eine übergroße Sonne. Dies grüne Scheusal mit dem Modellnamen Taravana war einmal eine richtige Taucheruhr, 200 Meter wasserdicht (dafür sorgte der Conpensamatic Boden), mit verschraubter Krone und Taucherlünette. Als ich sie sah, musste ich sie unbedingt haben. 

So als Krönung meiner 70er Jahre Monster Sammlung. Ich habe die Uhr am letzten Wochenende bei ebay ersteigert, sie war gar nicht so teuer, wie ich befürchtet hatte. Jetzt hoffe ich nur, dass ich nicht diese Taravana Krankheit kriege und tüddelig im Kopf werde, wenn ich die Uhr am Arm habe. Die kam kam mit einem neuen Band auf Haifischleder, so etwas findet sich ja häufiger an Taucheruhren. Sie musste das Band abgeben,  weil die Dugena Watertrip das Band brauchte. Und weil ich ihr längst ein zeittypisches Stelux Band verpasst hatte. Jetzt sieht sie wirklich nach was aus.


Mittwoch, 17. Januar 2018

Antarktis


At about a 1/4 past 11 o'Clock we cross'd the Antarctic Circle for at Noon we were by observation four Miles and a half South of it and are undoubtedly the first and only Ship that ever cross'd that line, schreibt Captain Cook. Wir haben den 17. Januar 1773. James Cook kommt in diesem Blog schon in dem Post Marinechronometer vor. Und wir wissen natürlich, dass Chief Inspector Morse den Vornamen Endeavour hat. Den Namen hatte auch das Schiff von Captain Cook, allerdings nicht auf dieser zweiten Reise, da ist es die Resolution. Bei Christoph Martin Wieland liest sich die Geschichte so: Schwere Hagel und Schneeschauer verdunkelten die Luft beständig, und sie sahen sich überall von so großen Eisinseln umgeben, daß dieser Anblick ihnen nun schon eben so gemein war als Wolken und See. Indessen verloren sie doch ihre Bestimmung nie aus den Augen, und lenkten ihren Lauf, sobald die See nur irgendwo etwas freyer und offner war, wieder mehr nach Süden, aber immer mit keinerley Erfolg. Den 17. Januar 1773 passierten sie endlich den antarktischen Zirkel, und traten also in den eigentlichen kalten Erdgürtel der südlichen Halbkugel, der bis dahin noch allen Seefahrern verschlossen geblieben war.

Zwei Jahre später - wieder an einem 17. Januar - betritt Georg Forster als Begleiter James Cooks als erster Deutscher auf Südgeorgien antarktischen Boden. Über das Ereignis hat Georg Forster geschrieben: Hier entfaltete Captain Cook die britische Flagge und führte die Zeremonie der Inbesitznahme dieser unfruchtbaren Felsen durch, im Namen Seiner Britischen Majestät und seinen Erben bis in alle Ewigkeit. Eine Salve von zwei oder drei Musketen wurde abgefeuert. 

Wenn Cook im Namen des englischen Königs George lll Besitz von der lnsel  ergreift, ist es das erste Mal, dass im Bereich der Antarktis Gebietsansprüche geltend gemacht werden. Nach dem Antarktis Vertrag von 1959 sind die Gebietsansprüche allerdings hinfällig. Captain Cook gefällt die ganze Gegend nicht so sehr, das nächste Stückchen von Südgeorgien wird er Cape Disappointment nennen. Den Georg Forster mag ich, ich habe wohl alles gelesen, was er geschrieben hat. Und das meiste, was über ihn geschrieben worden ist. Er hat hier schon einen Post, und er kommt auch in dem Post Johann Adam Ackermann vor, der aus Gründen, die ich nicht kenne, ein richtiger Bestseller ist.

Antarktis, siebzehnter Januar. Zwei Ereignisse, die Geschichte schreiben. Aber es gibt noch mehr: am 17. Januar 1912 erreicht Robert Falcon Scott mit seinen Leuten den Südpol. Nur um festzustellen, dass der Norweger Roald Amundsen bereits einen Monat früher als erster hier gewesen ist. Eintragungen wie The worst has happened, All the day dreams must go und Great God! This is an awful place finden sich in Scotts Tagebuch. Auf dem Rückweg zu ihrem Basislager werden sie alle sterben.

Und dann habe ich da noch etwas Obskures, was auch mit der Antarktis und dem 17. Januar zusammenhängt. Es ist eine Anweisung an die deutsche Presse vom 17. Januar 1939: Ueber die Antarktis-Probleme soll in Zusammenhang mit der deutschen Antarktis-Expedition vorläufig nichts geschrieben werden. Warum nicht? Was ist da los? Warum machen die das alles am 17. Januar? Man könnte da ja einen Roman schreiben. Titel: Schicksalstage der Antarktis. Es wäre schön, wenn ich Frankensteins Monster noch hineinschreiben könnte, aber das verschwindet in der Arktis, nicht in der Antarktis. Irgendwie schade. Ein Monster in einem Roman ist immer gut. Gute Monster sind rar, hat schon Tolkien gesagt. Beim Sender Phoenix hat man gemerkt, dass der 17. Januar und die Antarktis eine Bedeutung haben. Die haben heute morgen um 05:15 den Film Höllentrip Antarktis gesendet.

Sonntag, 6. November 2016

Marinechronometer


'Weshalb ich hier noch nie über ➱Captain Cook geschrieben habe, weiß ich nicht, aber das kommt vielleicht noch einmal', habe ich in dem Post ➱Georg Forster vor drei Jahren geschrieben. Ich mache das mal heute wahr und schreibe ein wenig über Captain James Cook. Ich habe natürlich alles gelesen, was ➱Georg Forster und der Matrose Heinrich Zimmermann aus Wiesloch (Bild) über Cooks Reise um die Welt geschrieben haben. Und noch ein klein wenig mehr. Ich habe nämlich vor Jahrzehnten einmal ein Seminar über ➱Herman Melvilles Südseeabenteuer und die Südsee in der amerikanischen Literatur gemacht und hatte mich damals ordentlich vorbereitet. Das steht, zusammen mit Beleidigungen von Frau Schavan, schon in dem lesenswerten Post ➱Georg Forster. Ich schreibe heute auch noch über Herrn Zimmermann, aber das ist ein anderer, ich glaube die beiden sind nicht verwandt.

Dieser Herr hier ist ein klein wenig eleganter als unser Matrose aus Wiesloch, es ist niemand anderer als der Kapitän James Cook. Was wären Neuseeland und Australien ohne ihn? Wir alle kennen die Geschichte seiner Entdeckungen, und wenn nicht, dann kann ich den hervorragenden deutschen Ausstellungskatalog James Cook und die Entdeckung der Südsee sehr empfehlen. Wir sehen auf diesem Portrait von Nathaniel Dance-Holland (der schon einmal in ➱18th century: Fashion erwähnt wird), dass Cook keine Taschenuhr trägt. Und auch im ganzen Zimmer ist kein Zeitmesser zu sehen. Dabei haben Uhren im Leben von Captain Cook eine wichtige Rolle gespielt, wie der australische Dichter Kenneth Slessor wusste:

Two chronometers the captain had,
One by Arnold that ran like mad,
One by Kendal in a walnut case,
Poor devoted creature with a hangdog face.

Dieses Bild von John Olsen ist eine ➱Hommage an Kenneth Slessor, dessen Gedicht Five Bells ihn zu einem riesigen Wandgemälde inspirierte, das heute das Opernhaus von Sydney ziert. Es ist ein abstraktes Bild, obgleich der Künstler sagt: I have never painted an abstract painting in my life und das Bild lieber als an exploration of the totality of landscape sehen will. Das neue Opernhaus in Sydney können wir auch in den letzten Szenen von Promised Land, einer Folge der ➱Inspector Morse Krimis sehen. Wenn Sie das etwas weit hergeholt finden, so habe ich doch einen Grund auf den Chief Inspector Morse hinzuweisen. Wir wissen, dass er Endeavour heißt, wie das Schiff von Captain James Cook. Und Schiff und Kapitän spielen auch in Kenneth Slessors Gedicht ➱Five Visions of Captain Cook eine Rolle.

Aber zurück zu Five Bells, dem bekanntesten und berühmtesten Gedicht von Slessor, ich zitiere einmal die erste Strophe:

Time that is moved by little fidget wheels
Is not my time, the flood that does not flow.
Between the double and the single bell
Of a ship's hour, between a round of bells
From the dark warship riding there below,
I have lived many lives, and this one life
Of Joe, long dead, who lives between five bells.

Sie können das Gedicht ➱hier ganz lesen. Der Joe, der hier angesprochen wird, ist der Cartoonist Joe Lynch, der am 14. Mai 1927 betrunken von der Fähre im Hafen von Sydney fiel und ertrank. Wahrscheinlich wurde er in Tiefe gezogen, weil seine Manteltaschen voller Bierflaschen waren. Sie können ➱hier alles über diese Geschichte bei Lindsay Foyle lesen, einem australischen Cartoonisten, der an einem Buch über das Thema arbeitet.

Wenn ich heute über Kenneth Slessor (Bild) schreibe, dann muss ich vorausschicken, dass ich kein Fachmann für australische Literatur bin. Ich musste mal einen australischen Professor eine Woche lang betreuen, der von sich behauptete, dass er der größte Fachmann zum Thema australische Literatur sei. Aber das war eine Lüge. Ich erkannte sehr schnell, dass ich da einen veritablen Lügenbaron an der Backe hatte (ich habe das schon in den Post ➱Giovanni Morelli hinein geschrieben). Jahre später habe ich den Mann noch einmal wiedergesehen. Der Professor, bei dem ich damals Assistent war, stand eines Morgens käsebleich in meiner Bürotür und sagte: Jay, gehen Sie bitte mal vorsichtig auf den Flur und gucken Sie, wer da hinten auf dem Flur steht. Machte ich, und da hinten auf dem Flur war wieder unser Lügenbaron aus Australien. Mein Professor und ich verließen umgehend das Gebäude durch einen Hinterausgang.

Der nächste Australier, den ich kennenlernte, war der Dichter ➱Les Murray (Bild). Als ich zu dem Leseabend ging, wusste ich schon einiges über ihn, denn ich hatte dieses gewaltige Versepos Fredy Neptune gelesen. Bevor ich es für drei Mark im Grabbelkasten fand, wusste ich nichts über Les Murray. Nach der Lektüre von Fredy Neptune, das es (glücklicherweise für viele Leser) zweisprachig gibt und dem Leseabend wusste ich mehr. Wenn Murray letztens statt ➱Bob Dylan den Nobelpreis bekommen hätte, es wäre vielleicht nicht unverdient gewesen.

Von der neuseeländischen Literatur weiß ich ein klein wenig mehr, weil wir an unserem Seminar mehrmals die Dichterin und Literaturwissenschaftlerin Judith Dell Panny als Gastprofessorin hatten. Das habe ich schon in dem Post über den neuseeländischen Dichter ➱C.K. Stead geschrieben, ein Post, der leider überhaupt nicht gelesen worden ist. Deshalb preise ich den heute noch einmal an. Und dann gibt es im Blog auch noch einen Post zu ➱Katherine Mansfield, der ein wunderbares Aquarell (dies hier) von dem jungen Maler Robert Bohnstengel zum Thema Kiwi enthält.

Australiens bedeutendster modernistischer Dichter Kenneth Slessor (hier als australischer Kriegskorrespondent im Zweiten Weltkrieg) ist in Deutschland so gut wie unbekannt. Die Dichter von down under haben es schwer, da kennt man eher Waltzing Matilda als die australische Moderne. Patrick White war der erste und einzige, der den Nobelpreis erhielt. Aber redet noch jemand über den? Man muss einer Seite wie ➱Lyrikline schon dankbar sein, dass man hier zwei Gedichte von Slessor findet und noch 31 weitere ➱Autoren aus Australien finden kann.

Und man muss dem Mattes Verlag und dem emerierten Anglistikprofessor Hans-Joachim Zimmermann dankbar sein, dass sie jetzt den Band Kenneth Slessor: Gedichte Zweisprachig auf den Markt gebracht haben. 120 Seiten stark und in drei Teile geteilt: eine lange Einleitung zu Slessors Leben und Werk, zwanzig Gedichte mit deutschen Übersetzungen und ein Kommentar zu allen Gedichten. Es ist ein perfektes Buch, das kann man nicht besser machen. Man merkt, dass Zimmermann aus der Schule von Rudolf Sühnel kommt, das steht für Qualität in einer Zeit, in der es mit der Qualität von Hochschullehrern immer mehr abnimmt. Über ➱Rudolf Sühnel habe ich hier vor Jahren geschrieben, und zu meinem großen Erstaunen hat der Post viele tausend Leser gefunden. Das Buch zu Kenneth Slessor ist nicht das erste Buch, das Zimmermann über Australien geschrieben hat. 1999 hat er einen Band Schwarzaustralische Gedichte: Englisch-Deutsch herausgegeben, was sicherlich eine Pionierleistung war.

Ein Rezensent wäre kein Rezensent, wenn er nicht etwas zu mäkeln hätte. Der Titel Fünf Glockenschläge in der Übersetzung von Five Bells gefällt mir nicht, es sollte besser Fünf Glasen heißen. Das weiß Zimmermann auch, aber für ihn ist das nur ein terminus technicus der Seemannssprache, den er dem Leser nicht zumuten will. Im Gegensatz zu mir kommt er nicht aus einem Kaff an der Weser, das aus einem Hafen, Werften, Bootsbauern, Segelmachern und pensionierten Kapitänen bestand. Man muss dem Leser auch mal etwas Nautisches zumuten. Was hätten die Übersetzer von ➱Moby-Dick sonst tun sollen? Fritz Güttinger (der ➱hier einen Post hat) geht ja auf dieses Problem in seinem Buch ➱Zielsprache lang ein. Bevor ich weiter mäkle, schiebe ich mal eben dieses Gedicht von Slessor (es ist die Nummer 3 von Five Visions of Captain Cook) ein:

Two chronometers the captain had,
One by Arnold that ran like mad,
One by Kendal in a walnut case,
Poor devoted creature with a hangdog face.

Arnold always hurried with a crazed click-click
Dancing over Greenwich like a lunatic,
Kendal panted faithfully his watch-dog beat,
Climbing out of Yesterday with sticky little feet.

Arnold choked with appetite to wolf up time,
Madly round the numerals his hands would climb,
His cogs rushed over and his wheels ran miles,
Dragging Captain Cook to the Sandwich Isles.

But Kendal dawdled in the tombstoned past,
With a sentimental prejudice to going fast,
And he thought very often of a haberdasher’s door
And a yellow-haired boy who would knock no more.

All through the night-time, clock talked to clock,
In the captain’s cabin, tock-tock-tock,
One ticked fast and one ticked slow,
And Time went over them a hundred years ago.

In dieser witzigen Beschreibung ticken zwei Uhren um die Wette, die eine ist von Larcum Kendall, die andere von John Arnold (zwei weitere Uhren von Arnold werden auf Cooks Reise ihren Geist aufgeben). Kenneth Slessor hat sich vieles über Cook und Bougainville angelesen, bevor er sein Gedicht über Captain Cook geschrieben hat. Allerdings geht auch die Uhr von Larcum Kendall (Bild) zu schnell: eine 7/10 Sekunde am Tag. In ➱Greenwich ging sie noch 5/8 Sekunden am Tag zu langsam. Bevor wir jetzt meckern, moderne Armbanduhren mit Chronometerzertifikat seien sie von Patek oder ➱Rolex erreichen solche Werte nicht annähernd. Da sind drei Sekunden Fehlgang am Tag schon ein sehr guter Wert (einem anderen ➱Entdecker in der Südsee wird eines Tages eine Eterna Armbanduhr reichen). Was Cook mit sich führt, sind nicht einfache Uhren, es sind Navigationsinstrumente. Larcum Kendalls K1 sieht aus wie eine Taschenuhr, aber man kann sie nicht in die Tasche stecken wie die Uhren, die der geniale Arnold später der Royal Navy liefert. Die ➱K1 ist dreimal so groß wie eine Taschenuhr und wiegt beinahe anderthalb Kilo. Cook war zuerst skeptisch, ob man mit dieser Uhr den Längengrad bestimmen kann, aber er wird dann our trusty friend the Watch und our never-failing guide the Watch ins Logbuch schreiben.

Auf seiner ersten Reise hatte Cook keinen einzigen Chronometer (hier einer von John Arnold) an Bord gehabt. Es gibt zu der Zeit nur eine einzige transportable genaugehende Uhr auf der Welt, und das ist die sogenannte ➱H4 von John Harrison. Die gibt die Admiralität nicht her, sie lässt Larcum Kendall eine Kopie bauen. Die bekommt Captain Cook für seine zweite Reise. Er ist sozusagen ein Versuchskaninchen, die Admiralität will wissen, ob die Uhr wirklich auf einer so langen Reise funktioniert. Aber so gut H4 und K1 sind, sie sind eine technologische Sackgasse. Und sie sind zu teuer, für drei Kopien von Harrison 4 hätte man ein kleines Kriegsschiff bekommen können.

➱Kendall war nicht der Mann, eine neue Uhr zu entwickeln. Er war ein Handwerker, kein Genie wie Harrison oder Arnold. Bei seiner K2 ließ er aus Preisgründen das Herzstück von Harrisons H4 (und seiner eigenen K1) einfach weg. Dieses Teil hat den Namen remontoire (oder force constante), man kann es hier in einer neueren Uhr sehen. Harrison hatte es einst für seine H2 erfunden. Und dennoch funktionierte die K2 (sie ging eine bis drei Sekunden am Tag falsch, was immer noch ein phänomenaler Wert ist), Captain Bligh von der ➱Bounty hatte sie an Bord, Fletcher Christian hat sie ihm weggenommen und ist mit ihrer Hilfe zu den Pitcairn Inseln navigiert.

Englands Helden sind jetzt ➱Uhrmacher, sie verhelfen der englischen Flotte, sicher auf den Weltmeeren zu navigieren. Sozusagen ein Vorsprung durch Technik, eine Phrase, die die englische Sprache schon assimiliert hat. Sie können die ganze Geschichte in dem wunderbaren Buch Längengrad von ➱Dava Sobel nachlesen, ein Buch, das Hans-Joachim Zimmermann in seinen Ausführungen über die Marinechronometer leider nicht zitiert. All through the night-time, clock talked to clock, in the captain’s cabin, tock-tock-tock. 

Erstaunlicherweise haben im Jahre 1802 nur sieben Prozent der Kriegsschiffe einen von der Admiralität gelieferten Chronometer. Die Admiralität ist geizig. Also kaufen die Marineoffiziere die preiswerteren Chronometer von Arnold (Bild) oder Earnshaw auf eigene Kosten. Die liegen im Jahre 1800 preislich bei 50 bis 100 Pfund, dazu kommen noch einmal 10 Pfund im Jahr für Reinigung und Reparatur. Das ist eine Menge Geld, wenn man bedenkt, dass ein Kapitän damals 28 Pfund im Monat verdient (ein Leutnant nur acht Pfund). Und es genügt ja nicht, dass ein Chronometer an Bord ist, es sollten schon mehrere sein. Erst in den 1840er Jahren wird die Admiralität ihre Kriegsschiffe mit genau gehenden Uhren ausstatten. Mit mindestens einer chronometer watch (oder einer H.S.2 Uhr) sowie mehreren H.S.3 und H.S.4 deck watches (H.S. steht für Hydographic Department Standard).

Arnold wird seine Uhren verbessern und verbessern. Beachten Sie einmal die wirklich exzentrische Form der Unruh dieser Uhr (sie wird schon in dem Post ➱Precision Class erwähnt). Arnold wird zum Hauptlieferanten der Royal Navy (beziehungsweise ihrer Kapitäne) werden. Und auch die Schiffe der East Indian Company werden mit seinen Uhren ausgestattet. Ich musste diese Geschichte, wie Uhrmacher dafür sorgen, dass Britannia rule the waves wahr wird, mal eben loswerden. Weil ich weiß, dass meine Leser das lieben. Als ich über meine amerikanische Eisenbahneruhr ➱Illinois Bunn Special schrieb, hat mir das tausende von Lesern beschert. Hätte ich diesen Post 'Kenneth Slessor' genannt, wer hätte ihn gelesen? Da zieht ein Titel wie 'Marinechronometer' schon mehr Leser an. Dachte ich mir so.

Während ich dies geschrieben habe, lag die ganze Zeit eine englische Taschenuhr neben mir auf dem Schreibtisch. Es ist eine Uhr, die englische Kapitäne im 19. Jahrhundert geliebt haben, weil sie eine Zentralsekunde (ungewöhnlich bei Taschenuhren) hat. Und noch dazu einen Sekundenstopp, das macht diese Beobachtungsuhr mit dem bullseye glass schon beinahe zur Rarität. Irgendjemand hat sie in den letzten 150 Jahren ihres Silbergehäuses beraubt, aber ein Uhrmacher hat ihr ein neues Messinggehäuse verpasst. Mit Glasboden. Uhren aus dem neunzehnten und achtzehnten Jahrhundert können bei richtiger Pflege immer noch laufen. Von wegen And Time went over them a hundred years ago. Keine Quarzuhr wird so lange halten wie Harrisons H4. Die berühmtesten Uhren der Royal Navy sind in Greenwich zu finden, aber auch im Mathematisch-Physikalischen Salon in Dresden können sie Thomas Mudges blauen Chronometer anschauen.

Wenn Sie dies gelesen haben, dann werden Sie den Post ➱Larcum Kendalls K2 lesen wollen, der ist richtig spannend (und ich habe damals auch schon das Gedicht von Kenneth Slessor in dem Post erwähnt). Und vergessen Sie nicht: Das Buch Kenneth Slessor: Gedichte Zweisprachig von Hans-Joachim Zimmermann ist gerade im Mattes Verlag Heidelberg erschienen. Es kostet 18 Euro und lohnt den Kauf unbedingt. Slessors Collected Poems sind 1994 bei Angus & Robertson erschienen, sind aber leider vergriffen.


Noch mehr Chronometer in diesem Blog in den Post: Constellation de Luxe, Officially Certified, Precision Class, Larcum Kendalls K2, Rolex, Sommerzeit, drei, zwei, eins, Hemmungen, Max Bill, Elgin, 18th century: Georgian Era, Illinois Bunn Special

Montag, 5. Oktober 2015

Wilhelm Heine


Er hatte ein erstaunliches Leben, der Maler Peter Bernhard Wilhelm Heine aus Dresden, der heute vor hundertdreißig Jahren in Kötzschenbroda starb. Sein Leben bietet Stoff für mehrere Romane, spannende Romane. Die er selbst schreiben kann, wenn er will. Ich gebe mal eben eine Stilprobe aus der Schilderung eines Künstlerausflugs durch den Staat New York: Die Gegend, durch die wir mußten, ist mit Blut getränkt; hier war der Schauplatz von Kämpfen ohne Zahl, zuerst mit den Indianern, um ihnen das Land abzugewinnen, dann die langen Fehden zwischen den Eingeborenen, den französischen und britischen Heeren. Namen wie Ticonderoga, Fort-Edward, Fort-William, Fort-Henri, rufen blutige Greuelscenen vor das Gedächtniß und selbst unser Jahrhundert hat bereits dergleichen blutige Spuren hinterlassen, im Jahre 1812 bei Plattsburg, wo viertausend Briten ihr Leben auf der Wahlstatt aushauchten. 
       Wir durchkreuzten auch den Boden, wo Cooper's letzter der Mohicans spielt. Bei Fort-Edward hielten wir an und wanderten hinüber nach Glen-Falls. Dort stürzt der Hudson, noch ein unbändiger Knabe, wild durch zerklüftetes Gestein hinab, zu beiden Seiten der kleinen Insel, auf welche Lederstrumpf den Major Howard und die Töchter Monroes führte. Wollt Ihr eine genaue Beschreibung der Localität, so les't Cooper's meisterhaften Roman, der Platz ist darin nach der Natur geschildert. An der Stelle, wo Nahuga den verfolgenden Indianern entschlüpfte, ist jetzt ein Marmorbruch; die Höhle, in welcher die Schwestern die Nacht zubrachten, ist ziemlich von Treibholz verstopft, doch kann man noch hineingelangen. Da, wo Hawkeye den Indianer vom Baume herunterschoß, stehen eine Menge Mühlen, statt des todten Kriegers, fallen jetzt Abschnitzel von Brettern in die schäumende Fluth, und die Spitze, welche zu erreichen zwei Kriegern das Leben kostete, wo Unca's Messer den Major vom Tomahawk des Feindes rettete, ist jetzt bloßgelegt von Wasser, was den Fällen durch einen Canal für den Betrieb der Mühlen entzogen wird.
       Von hier ging es nach Saratoga, ehedem der heilige Platz des rothen Mannes, jetzt der Badeort par excellence für die elegante Welt. Noch springt die Quelle, die Hawkeye wieder aus dem Boden grub, doch statt der Calabasse, aus der die ermüdeten Jäger den Durst löschten, gewährt eine elegante Trinkhalle einen bequemen Raum, und da, wo früher in der heiligen Waldesruhe die Mineralquelle dem rothen Thonboden entsprang, wandelt jetzt der Fuß schöner Frauen, dem Stutzer auf Spaziergängen kokettirende Blicke zuwerfend.

Nicht zieht mehr der rothe Krieger an die heilige Quelle, um zu seinen Göttern zu beten, aber dennoch wallfahrten die neuen Kinder des Landes allsommerlich in Schaaren fashionabler Zugvögel hierher, um anderen Götzen zu opfern, um entweder in den Tanz- und Spielsälen Gesundheit und Vermögen zu zerrütten, oder die erstere in Kurhäusern wieder zusammenzuflicken. Verdrehtes Leben der sogenannten feinen Welt, die kokettirend, brillirend, raffinirend, intriguirend dahin zieht, denjenigen am meisten bewundernd, der es am besten versteht, durch die größte Modethorheit ihre Aufmerksamkeit so lange zu fesseln, bis eine andere, noch größere, sie schnell wieder in Vergessenheit bringt. C'est tout comme chez nous!
       Als wir aber durch Saratoga kamen, sahen wir von alle dem nichts mehr; die Saison war zu Ende, das Kurhaus geschlossen, und außer einigen schläfrigen »Niggers«, die sich in den Hausthüren herumlümmelten, Alles todt und öde. Die Blätter fielen, die Schwalben zogen südwärts und die Maler heimwärts in ihr Atelier, beutelleer, aber beuteschwer, Geld, wie Farben und Leinwand aufgebraucht.


In den Dresdner Nachrichten war drei Tage nach seinem Tod zu lesen: Ein weit in der Welt herumgekommener Sohn Dresdens, der auch in hiesigen Kunstkreisen wohlbekannte und von Allen, die ihm näher getreten, geschätzte amerikanische General Wilhelm Heine, Maler und Zeichner, ist vorgestern in der Lößnitz gestorben. Der große, starke Mann, über dessen Scheitel jahrelang die heiße Sonne Japans brannte, wohin er seinerzeit im Auftrag der amerikanischen Regierung ging, und der noch bis vor Kurzem voller Jovialität war, wohnte noch der Schillerfeier in Blasewitz bei, kam aber von da ab zum Liegen. Seine Bilder und Zeichnungen aus Japan, wie auch sein Buch "Reise nach Japan" haben zur genaueren Kenntniß dieses wunderbaren Landes in den weitesten Kreisen viel beigetragen. Die beiden Bilder zeigen Heine als Colonel der Armee der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg und in Japan (von einem unbekannten japanischen Zeichner).

Der Sohn eines Schauspielers, den man in Amerika auch als William Heine kennt, ist weit in der Welt herumgekommen. Dieses Bild hat er 1854 in Yokohama gemalt, da hatte er den Commodore Perry auf seiner Expedition nach Japan begleitet. Er hatte an der Dresdner Kunstakademie und bei Julius Hübner studiert und war danach nach Paris gegangen. Als er wieder nach Dresden kam, hat er als Kunstlehrer gearbeitet und bekam die Stellung eines Theatermalers. Dann kam der Dresdner Maiaufstand, und Wilhelm Heine verlässt Dresden. Wie ➱Richard Wagner, der mit seinem Vater befreundet ist.

Von Frankreich aus reist er in Begleitung seines Freundes Friedrich Gerstäcker nach Amerika. Gerstäcker kennen Generationen von Jugendlichen, weil er die Die Regulatoren in Arkansas und Die Flußpiraten des Mississippi geschrieben hat. Was wäre ➱Karl May, der fleißig bei ihm abgeschrieben hat, ohne ihn gewesen? Friedrich Gerstäcker wird später auch das Vorwort zu Heines Wanderbilder aus Central-Amerika (➱hier im Volltext) schreiben. Gerstäcker bleibt nicht in New York, er reist nach Südamerika weiter. Das wird Heine auch eines Tages tun, aber erst einmal eröffnet er ein Studio und eine Kunstschule am Broadway. Aber er ist ein unruhiger Geist, er überlegt sich, ob er als Kartograph in den noch weithin unbekannten Westen gehen soll. Da lernt er Ephraim G. Squier kennen, der gerade zum amerikanischen chargé d’affaires von Mittelamerika ernannt worden ist. Der hätte Heine gerne als Zeichner und Kartograph für seine Reise nach Nicaragua dabei, Heine denkt über das Angebot nicht lange nach.

Friedrich Gerstäcker schreibt dazu im Vorwort zu den Wanderbildern aus Central-Amerika: New-York aber genügte ihm auch nicht auf die Länge der Zeit – der Amerikaner ist für die Kunst empfänglich und liebt die Künstler, aber das Land ist noch zu jung, – die Energie seiner Bewohner wird noch zu sehr für das augenblicklich Praktische gefordert, um dem Schönen schon seine vollen Sinne weihen zu können, und wo der Meubleshändler noch die »Bilder« zusammen mit Sopha und Stühlen verkauft, wo diese Gemälde noch zu so und so vielen Dutzend bestellt werden, kann natürlich der Künstler nicht Befriedigung finden. Heine ergriff denn auch mit Freuden eine günstige Gelegenheit, die sich ihm bot, in Begleitung des, schon durch seine früheren archäologischen Forschungen in Nord- und Mittel-Amerika berühmten Herrn Squier, auch früherem Gesandten der Vereinigten Staaten in Mittel-Amerika, das letztere Land zu bereisen, um zu Mr. Squier's beabsichtigtem Werke über diese Strecken die Illustrationen zu liefern.

Unter dem Vorwort des Autors findet sich in dem Buch der Zusatz: Geschrieben an Bord der Dampffregatte Mississippi, in der Chasepeakbay, den 20. Nov. 1852, am Tage vor der Abfahrt der amerikanischen Expedition nach Japan. Kaum ist er aus Südamerika zurück, da ist er unterwegs nach Japan. Die Fregatte Mississippi (hier auf der Rückreise in einem Taifun von Wilhelm Heine gemalt) wird von einem Mann namens Sydney Smith Lee befehligt. Bevor Sie den jetzt googlen: ja, er ist der Bruder von General Robert E. Lee. Die Mississippi ist das Flaggschiff der Flotte von Commander Perry. Der Maler Wilhelm Heine ist übrigens nicht als Zivilperson an Bord, Perry hat ihn zum master's mate ernannt. Das ist der gleiche Dienstgrad, den auch Fletcher Christian auf der Bounty (dazu gibt es ➱hier einen ausführlichen Post) hatte.

Man weiß damals nicht sehr viel über Japan, Perrys Reise (zu der es ➱hier eine schöne Seite gibt) und die Bücher und Illustrationen werden das ändern. Heines Aquarelle, die schnell zu gut verkäuflichen Lithographien werden, sind romantisch und gefällig. Aber sie (hier sein View of Hong Kong From East Market, April 7, 1853) können sich nicht mit den Bildern von ➱Richard Hodges messen, der einst Captain Cook auf seiner Reise begleitete.

Wenn er wieder in Amerika ist, wird er heiraten. Seine Frau Catherine Whetton Sedgwick kommt aus einer vornehmen Familie Neuenglands, ihr Onkel ist der General John Sedgwick. Sie stirbt zu seiner großen Betrübnis ein Jahr später nach der Geburt der Tochter in Berlin. Heine ist verzweifelt, er sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben. Aber dann kommt das Angebot, an der Ostasien Expedition des Grafen Friedrich zu Eulenburg teilzunehmen. Schon ist er wieder in Japan. Seine Tochter Katherina Wihelmnina, genannt Kitty, wird übrigens eines Tages den Münchener Verleger Edgar Hanfstaegl heiraten. Sie ist die Mutter des notorischen Nazi Propagandisten Ernst 'Putzi' Hanfstaengl.

In Japan erfährt Wilhelm Heine (hier sein Blick auf den amerikanischen Friedhof in Shimoda), dass der Bürgerkrieg in Amerika ausgebrochen ist. Er reist sofort nach Amerika zurück und erhält eine Anstellung als Hauptmann im topographischen Korps, Landkarten zeichnen, das kann er. Er gerät bei Richmond in die Gefangenschaft der Konföderierten, kommt in das berüchtigte Libby Gefängnis, wird aber nach sechs Wochen ausgetauscht. Ende des Jahres 1862 wird er verwundet, er hat kein Vertrauen in die amerikanischen Feldlazarette und nimmt erst einmal seinen Abschied von der Armee. Reist nach Deutschland, um sich auszukurieren.

Und ist im Sommer 1863 wieder bei der Armee. Man vertraut ihm das 103. Infanterieregiment aus New York an, dies Photo zeigt ihn umgeben von seinen Offizieren und Unteroffizieren. Das 103rd Regiment New York Volunteer Infantry ist eins der New Yorker ➱Regimenter, das hauptsächlich aus Deutschen besteht. Der letzte Kommandeur des Regiments, der deutsche Colonel Benjamin Ringold war gerade gefallen (zu seinen Sargträgern gehörte ein deutscher Prinz mit einer abenteuerlichen Karriere), da nimmt man als Nachfolger wieder einen Deutschen. Heines Vorgänger Frederick Wilhelm von Egloffstein und Benjamin Ringold waren Berufssoldaten gewesen, jetzt nimmt man jemanden, der kaum militärische Erfahrung hat. Aber er ist über einen Meter neunzig groß, von hünenhafter Gestalt, solchen Menschen traut man zu, dass sie ein Bataillon kommandieren können. Am Ende des Krieges wird der Maler und Reiseschriftsteller Brigadegeneral sein.

Er hat offensichtlich während des Bürgerkrieges die Zeit gehabt, sein Buch über die deutsche Japan Expedition zu schreiben. Es erschien 1864 in Leipzig unter dem Titel Eine Weltreise um die nördliche Hemisphäre in Verbindung mit der ostasiatischen Expedition in den Jahren 1860 und 1861. Die Vereinigten Staaten haben für den ehemaligen masters's mate und Brigadegeneral auch nach dem Krieg noch Verwendung, von April 1866 bis August 1871 ist er im konsularischen Dienst an der Botschaft von Paris. Doch im Jahr der Reichsgründung zieht es ihn zurück nach Deutschland. Zuerst nach Dresden, dann nach Kötzschenbroda, dem heutigen Radebeul.

Die schöne Seite von ➱Stadtwiki Dresden verzeichnet ihn als Mitglied der Dresdner ➱Freimaurerloge, kennt den Sohn der Stadt sonst aber nur als Namensgeber einer Straße. Das ist ein wenig enttäuschend, das muss anders werden. In meinem Blog wird übrigens Dresden immer wieder erwähnt, der erste Post mit diesem ➱Titel tauchte hier im Februar 2010 auf. Und auch Wilhelm Heine hat diesem Blog schon einen Besuch abgestattet, klicken Sie doch einmal ➱Tecumseh in Dresden an.