Freitag, 10. Mai 2019
der goldene Nagel
Vor 150 Jahren treffen sich zwei Lokomotiven im Box Elder County in Utah. Die eine war die No. 119 der Union Pacific, die andere die Lok No. 60 der Central Pacific. Damit war die transkontinentale Eisenbahnlinie quer durch Amerika vollendet. Man schlug einen goldenen Nagel ein. Dass es so lange gedauert hatte, bis man dieses Schienennetz vollendet hatte, hat etwas mit dem Bürgerkrieg zu tun. In dem man aber auch gesehen hatte, wie wichtig Eisenbahnlinien waren. Ohne den genialen Eisenbahningenieur Hermann Haupt hätte der Norden den Krieg vielleicht nicht gewonnen.
Die Eisenbahn verändert die Welt. Der Klassiker zu diesem Thema bleibt die Geschichte der Eisenbahnreise: Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert von Wolfgang Schivelbusch, auch wenn er nicht so furchtbar viel zu den amerikanischen Eisenbahnen sagt. Aber die Bücher des Kulturhistorikers Schivelbusch sind (mit Ausnahme seines Buch über den amerikanischen Bürgerkriegs) immer ein Leseerlebnis. Ein Nebenprodukt der Eisenbahnen sind die Eisenbahneruhren, Chronometer von erstaunlicher Präzision. Lesen sie dzu mehr in dem Post Illinois Bunn Special.
Im Golden Spike National Historical Park wird man heute feiern, Parkplätze gibt es schon keine mehr. Wahrscheinlich wird man nicht über die Vertreibung der Indianer reden, nicht über Buffalo Bill, der aus dem Eisenbahnwaggon tausende von Büffeln schießt. Nicht über die Vernichtung der Natur. Das Bild American Progress von John Gast ist drei Jahre nach der Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahn gemalt worden, alles, was Amerika damals bewegt, ist auf dem Bild zu sehen.
So ganz großartig war die Zeremonie am 10. Mai 1869 nicht gewesen, wenn man diesem Bericht glauben darf: And now, the crowd - mostly Irish and Chinese laborers who had borne the brunt of the work - pushed close. "Gentlemen," said Leland Stanford, president of the Central Pacific, "with your assistance we will proceed to lay the last tie, the last rail, and drive the last spike." With great pomp, Stanford picked up a silver-headed sledge-hammer, lifted it over his head, aimed at a gold spike, and swung with all his might…only to miss! The Irish and Chinese workers howled. Stanford was getting a taste of just how hard it was to build a railroad. Now Thomas Durant, the vice president of the Union Pacific, took up the sledgehammer, and swung a mighty blow. He missed as well. As a worker was hastily summoned to pound in the final spike, a telegrapher sent the signal to the nation: "It's done!"
Zur Feier des Tages gibt es hier heute ein Gedicht von Bret Harte, dem Autor der berühmten Kurzgeschichte The luck of Roaring Camp. Das Gedicht heißt What the Engines Said und hat den Untertitel Opening of the Pacific Railroad:
What was it the Engines said,
Pilots touching,—head to head
Facing on the single track,
Half a world behind each back?
This is what the Engines said,
Unreported and unread.
With a prefatory screech,
In a florid Western speech,
Said the engine from the West,
"I am from Sierra's crest;
And, if altitude 's a test,
Why, I reckon, it 's confessed,
That I 've done my level best."
Said the Engine from the East,
"They who work best talk the least.
S'pose you whistle down your brakes;
What you 've done is no great shakes,—
Pretty fair,—but let our meeting
Be a different kind of greeting.
Let these folks with champagne stuffing,
Not their Engines, do the puffing.
"Listen! Where Atlantic beats
Shores of snow and summer heats;
Where the Indian autumn skies
Paint the woods with wampum dies,—
I have chased the flying sun,
Seeing all he looked upon,
Blessing all that he has blest,
Nursing in my iron breast
All his vivifying heat,
All his clouds about my crest;
And before my flying feet
Every shadow must retreat."
Said the Western Engine, "Phew!"
And a long, low whistle blew.
"Come, now, really that 's the oddest
Talk for one so very modest.
You brag of your East. You do?
Why, I bring the East to you!
All the Orient, all Cathay,
Find through me the shortest way;
And the sun you follow here
Rises in my hemisphere.
Really,—if one must be rude,—
Length, my friend, ain't longitude."
Said the Union: "Don't reflect, or
I 'll run over some Director."
Said the Central: "I 'm Pacific;
But, when riled, I 'm quite terrific.
Yet to-day we shall not quarrel,
Just to show these folks this moral,
How two Engines—in their vision—
Once have met without collision."
That is what the Engines said,
Unreported and unread;
Spoken slightly through the nose,
With a whistle at the close.
Mittwoch, 8. Mai 2019
Wiederholungen
Wir telephonierten damals nachts, weil es bei der Post einen Nachttarif gab. Also in diesem damals, als es noch gelbe Telephonzellen gab, einen Postminister und Zinsen aufs Sparbuch. Wenn wir am selben Ort waren, brauchten wir nicht zu telephonieren. Dann konnten wir das andere tun, mindestens alle drei Tage. Irgendwann über die Jahre hörten wir auf, jede Nacht zu telephonieren; wir entglitten uns, tout doucement, sans faire de bruit. Es gab keine Nachttarife mehr und auch keinen Postminister. Man brauchte keine langen Telephonkabel mehr, es gab schnurlose Telephone. Doch bei allem technischen Fortschritt fehlte mir etwas. Ihre Stimme.
Es war noch nicht so schlimm wie in Dorothy Parkers Erzählung A Telephone Call, wo es heißt: Please, God, let him telephone me now. Dear God, let him call me now. I won't ask anything else of You, truly I won't. It isn't very much to ask. It would be so little to You, God, such a little, little thing. Only let him telephone now. Please, God. Please, please, please. Nein, so schlimm war es nicht, aber ich habe dieses Harmoniebedürfnis, das zurück möchte in den Traum der Jugend. Da bin ich wie Jay Gatsby in Fitzgeralds Roman, der Can't repeat the past? Why of course you can! sagt. Sie besitzen und Sie verlieren, das heißt, einen Augenblick Glück mit einer Ewigkeit Sehnsucht erkaufen. Das ist nicht Kierkegaard, das schreibt in Les Liaisons Dangereuses der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil. Der Verbalerotiker Kierkegaard wird das Buch gekannt haben, denn sein Buch Tagebuch des Verführers erscheint wie eine Variation zu Choderlos de Laclos.
Kierkegard hat uns zum Thema der Wiederholung auch etwas zu sagen: Wiederholung ist der entscheidende Ausdruck für das, was bei den Griechen ‚Erinnerung‘ war. So wie diese damals lehrten, dass alles Erkennen ein Erinnern ist, so will die neue Philosophie lehren, dass das ganze Leben eine Wiederholung ist. Das schreibt er in Die Wiederholung, einer kleinen Erzählung, die er als einen Versuch in der experimentierenden Psychologie bezeichnet. Sie ist nichts als die philosophische Aufarbeitung seiner Liebe zu Regine Olsen, die ihn verlassen und sich neu verlobt hat.
Die Liebe der Wiederholung ist in Wahrheit die einzig glückliche, sagt Kierkegaards Erzähler Constantin Constantinus. Sie kennt ebensowenig wie die Erinnerung die Unruhe der Hoffnung, nicht die beängstigende Abenteuerlichkeit der Entdeckung, aber auch nicht die Wehmut der Erinnerung, sie hat des Augenblicks selige Sicherheit. Die Hoffnung ist ein neues Kleid, steif und stramm und glänzend, man hat es jedoch niemals angehabt, und weiß darum nicht, wie es einen kleiden wird oder wie es sitzt. Die Erinnerung ist ein abgelegtes Kleid, welches, so schön es ist, nicht mehr paßt, da man aus ihm herausgewachsen ist. Die Wiederholung ist ein unverschleißbares Kleid welches fest und zart sich anschmiegt, weder drückt noch schlottert.... Die Wiederholung ist ein geliebtes Eheweib, dessen man niemals leid wird.
Sonntag, 5. Mai 2019
Frauen und Zigarren
Es ist unglaublich, wie viele Zitate es über Zigarren gibt. Die ja angeblich auf den nackten Schenkeln von kubanischen Jungfrauen gerollt werden. Fangen wir mal mit Sigmund Freud an, diese kleine Geschichte hier kennen wir alle: Die monotone Anwendung desselben Interpretations-Schemas erinnert mich an eine Geschichte, die mir ein Kollege von Sigmund Freud erzählte: auf einer Abendgesellschaft zündete sich Freud arglos eine Zigarre an. Alle Anwesenden starrten fasziniert auf diese nach Freuds Lehre mit einer eindeutig sexuellen Symbolik geladene Handlung. Freud bemerkte die allgemeine Aufmerksamkeit, die sein Tun erregte, und sagte milde lächelnd: 'Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre'. Wie es mit den schönen Geschichten so ist, die Anekdote ist leider nicht eindeutig belegt, und die Sache mit den nackten Schenkeln ist auch nur ein Mythos.
Frauen und Zigarren sind immer wieder zusammen erwähnt worden. Gebt mir die Wahl zwischen einer Frau und einer Zigarre und ich werde immer die Zigarre wählen, hat Marx gesagt. Nicht Karl, sondern Groucho. Und der Regisseur Samuel Fuller bemerkte: A woman is just a script, but a cigar is a motion picture. Ähnlich dichtet Rudyard Kipling in The Betrothed: And a woman is only a woman, but a good cigar is a Smoke. Und wir sollten den Komiker George Burns nicht vergessen, der gesagt hat: Happiness? A good cigar, a good meal, a good cigar and a good woman - or a bad woman; it depends on how much happiness you can handle.
Karl Marx hat Kierkegaard nie gelesen. Kierkegaard seinerseits hat Marx nie gelesen. Das haben sie gemeinsam. Sie haben noch etwas gemein, sie rauchen beide gerne Zigarren. Das ,Kapital' wird mir nicht einmal so viel einbringen, als mich die Zigarren gekostet, die ich beim Schreiben geraucht, soll Karl Marx gesagt haben. Karl Marx raucht billige Zigarren, Kierkegaard raucht diese wirklich guten, teuren Zigarren, die gerade in Mode gekommen sind und Las tres Coronas und La Paloma heißen. Rätselhaft muß man nicht allein andern sein, sondern auch sich selbst. Ich studiere mich selbst; bin ich dessen müde, so rauche ich zum Zeitvertreib eine Zigarre und denke: Gott der Herr weiß, was er eigentlich mit mir gemeint hat, oder was er aus mir machen will. Kierkegaard schreibt häufig über die Liebe, das tut Karl Marx selten. Wahrscheinlich weil er billige Zigarren raucht.
Dem Zigarrenraucher Mark Twain verdanken wir eine Vielzahl von schönen Zitaten zum Thema Zigarren. Wie zum Beispiel: Zuerst schuf der liebe Gott den Mann, dann schuf er die Frau. Danach tat ihm der Mann leid, und er gab ihm den Tabak. Zigarren können den Namen von Frauen tragen wie die Maria Mancini, die Thomas Mann in den Zauberberg hineinschreibt. Da heißt es über den jungen Hans Castorp, dass er die bürgerliche Arbeit nicht liebe, weil sie dem ungetrübten Genuß von Maria Mancini etwas im Wege war. Thomas Mann bezog seine Zigarren von der Bremer Firma Hagedorn und Söhne, die Marke Maria Mancini ist übrigens wiederbelebt worden.
Man muss sie vorsichtig behandeln. Die Zigarren und die Frauen. Mark Twain soll einmal gesagt haben, dass es sich mit den Zigarren wie mit der Liebe verhalte, wer sie nicht pflege, dem geht sie aus. Ähnliches finden wir bei Churchill: Smoking Cigars is like falling in love. First, you are attracted by its shape; you stay for its flavor, and you must always remember never, never to let the flame go out! Und damit komme ich zu meinem letzten Zitat: Love: It is like a cigar. If it goes out, you can light it again but it never tastes quite the same.
Der letzte Satz stammt von einem englischen General, einem Mann, der sicherlich nicht der typische englische General ist. Er liest Bücher und kann hunderte von englischen Gedichten auswendig. Er wird während des Zweiten Weltkriegs eine Anthologie englischer Lyrik herausgeben: 'I have gathered a posie of other men's flowers and nothing but the thread that binds them is my own.' So wrote Montaigne; and I have borrowed his title, my memory being the binding thread. This is a purely personal anthology. I have read much poetry; and since I had once a very retentive memory for verse much has remained in my head. I have had less opportunity to read poetry during these late years of war. When I do so, I find that I read the old favourites rather than fresh poets or poems; so that with failing memory it is unlikely that I shall acquire much more by heart. It amused me lately to set down in a notebook--mainly with a view to discussion with my son, who shares my liking for poetry-- the poems I could repeat entire or in great part. I have now collected and arranged the poems I set down. I did it with no idea of publication, but my son and others have suggested that the collection might appeal to a wider circle.
Sie wissen natürlich schon, weil Sie den Post Fremde Federn gelesen haben, dass von dem Feldmarschall Archibald Percival Wavell (der am 5. Mai 1883 geboren wurde) die Rede ist. Einem Mann, der sich (obwohl glücklich verheiratet) gerne mit jüngeren Frauen umgab, die Gesellschaft von Künstlern schätzte und ein halbes Dutzend Sprachen sprach. Wavell fügte in seine Anthologie ein sehr persönliches Gedicht ein, das er als a little wayside dandelion of my own bezeichnete. Und da das ein sehr schönes Sonett ist, möchte ich Ihnen das nicht vorenthalten:
Dear Lady of the cherries, cool, serene,
Untroubled by the follies, strife and fears,
Clad in soft reds and blues and mantle green
Your memory has been with me all these years.
Long years of battle, bitterness and waste,
Dry years of sun and dust and eastern skies,
Hard years of ceaseless struggle, endless haste,
Fighting ‘gainst greed for power hate and lies.
Your red-gold hair, your slowly smiling face
For pride in your dear son, your king of kings,
Fruits of the kindly earth, and truth and grace,
Colour and light, and all warm lovely things –
For all that lovelieness, that warmth, that light,
Blessed Madonna, I go back to fight.
Dear Lady of the cherries, cool, serene,
Untroubled by the follies, strife and fears,
Clad in soft reds and blues and mantle green
Your memory has been with me all these years.
Long years of battle, bitterness and waste,
Dry years of sun and dust and eastern skies,
Hard years of ceaseless struggle, endless haste,
Fighting ‘gainst greed for power hate and lies.
Your red-gold hair, your slowly smiling face
For pride in your dear son, your king of kings,
Fruits of the kindly earth, and truth and grace,
Colour and light, and all warm lovely things –
For all that lovelieness, that warmth, that light,
Blessed Madonna, I go back to fight.
Winston Churchil wird Other men's flowers nicht gelesen haben, er konnte den zurückhaltenden Gentleman Wavell nicht ausstehen. Erstaunlicherweise wird Churchill den Nobelpreis für Literatur bekommen, doch wenn man das genauer untersucht, hat er immer Ghostwriter gehabt. Für sein großes Geschichtswerk war das unter anderem Alan Hodge, der zusammen mit Robert Graves den Klassiker The Long Week-End geschrieben hat. Die Gedichtsammlung von Lord Wavell ist heute immer noch lieferbar.
Wenn Ihnen nach noch mehr Nikotin ist, kann ich die Posts Zigarren, Blauer Dunst und Tabac Trennt empfehlen.
Wenn Ihnen nach noch mehr Nikotin ist, kann ich die Posts Zigarren, Blauer Dunst und Tabac Trennt empfehlen.
Freitag, 3. Mai 2019
mal nix schreiben
Ach, das wäre schön, wenn man mal nix schreiben müsste. Wenn hier im Augenblick nichts erscheint, dann heißt das nicht, dass ich nix schreibe. Ich bastle an etwas, was vorerst geheim ist. Das Photo vom Po von Brigitte Bardot gehört auch dazu. Wenn das Ganze fertig ist, werden Sie es erfahren. Der April war nicht gut, kein Regen, keine Leser. Das sah im Poetry Month des Jahres 2018 ganz, ganz anders aus. Immerhin bekamen Lutz Rathenow und Ralf Thenior zahlreiche Leser, ansonsten Flaute. Und heute gibt es nix Neues. Lesen Sie doch etws Altes. Zum Beispiel den Post Lothar Malskat, der Maler und Kunstfälscher hat heute Geburtstag. In diesem Blog bleibt der Mann mit den Schleswiger Truthähnen, den Günter Grass in einen Roman hineingeschrieben hat, unvergessen.
Dienstag, 30. April 2019
Sylvia Plath
Es war schon dunkle Nacht. Ich lag unter der leichten hellblauen Decke, die Gabi mir geschenkt hat und hörte der Musik aus dem DAB+ Radio zu. Ich wäre eingeschlafen, wenn ich nicht diese Frauenstimme gehört hätte, die in der Dunkelheit im Stil von Leonard Cohen sang:
I've been tearing around in my fucking nightgown
24/7 Sylvia Plath
Writing in blood on the walls
'Cause the ink in my pen don't work in my notepad
Don't ask if I'm happy, you know that I'm not
But at best, I can say I'm not sad
'Cause hope is a dangerous thing for a woman like me to have
Hope is a dangerous thing for a woman like me to have
Ich dachte mir, wenn das echt ist, dann ist es gut. Aber ist dieses Hope is a dangerous thing for a woman like me to have wirklich tiefempfunden oder ist es ein Recycling des Sylvia Plath Mythos? Eine ähnliche Frage stellte sich vor Jahren auch schon der Rezensent der Zeit, als er schrieb: Mithilfe des Sozialen Netzwerks gelingt es der Künstlerin, ihr eigenes Image zu definieren, ehe die klassischen Medien ihr zuvorkommen: Eine raffinierte Mischung aus Hochkultur und Trash breitet sich so vor dem Betrachter aus; eine Welt der Bilder und Andeutungen, glamourös und todtraurig zugleich. Die Frage, ob das echt ist oder die Umsetzung eines genialen Marketing-Konzepts, bleibt vorerst unbeantwortet.
Elizabeth Woolridge Grant, die unter dem Künstlernamen Lana del Rey auftritt, ist trotz ihrer Erfolge nicht unumstritten: Here we have a woman whose ’50s nostalgia celebrates not just the glamour and craft she perceives in film noir but also the idealized sexual archetypes that still prevail in Hollywood, a woman who slips behind the mask of some weird retro persona to sing songs about being powerless before men. Her voice, all childish and pouty and sensual, admits and flaunts more vulnerability than is considered politic among stars of her caliber, and her slow, lush music packs none of the electrobeat-fueled punch that you hear blaring from the radio nowadays. It’s not that she believes in these idealized sexual archetypes, of course, not when she also sings songs about fucking her way up to the top because she wants money power glory. But when you listen to a Lana Del Rey album for the first time and hear her sighing and moaning about what a bad girl she is, you might be forgiven for thinking otherwise.
Häufig sind ihre concept videos schlichtweg peinlich. So ihr Jackie Kennedy Swan Song Video oder das JF Kennedy Video National Anthem. Die Süddeutsche schrieb dazu: 'National Anthem' beantwortet dann endlich die Frage, die sich ja bestimmt jeder schon mal gestellt hat: Wie rappt eigentlich eine Femme fatale auf Valium, und muss man das gehört haben? Die Antwort ist einfach: Von Lana Del Rey nicht, Princess Superstar hätte den Song vermutlich gerettet – vorher aber noch Verse wie 'Money ist the reason we exist/everybody knows it it’s a fact kiss, kiss' gestrichen. Der Rap ist eine ungnädige Kunst. Als Anfänger kann man eigentlich nur verlieren.
Manche Dichter werden erst berühmt, wenn sie Selbstmord begehen. Der arme Chattterton und Sylvia Plath wären Beispiele dafür, aber ein Garant für postmortalen Ruhm ist der Suizid nicht. Ich mag Sylvia Plath nicht besonders, aber da Lana del Rey sie nun schon mal besingt (der Song Hope is a dangerous thing for a woman like me to have sollte ursprünglich Sylvia Plath heißen), soll es heute ein Gedicht von ihr geben, das allerdings nicht mit Blut an die Wand geschrieben ist:
Crossing the Water
Black lake, black boat, two black, cut-paper people.
Where do the black trees go that drink here?
Their shadows must cover Canada.
A little light is filtering from the water flowers.
Their leaves do not wish us to hurry:
They are round and flat and full of dark advice.
Cold worlds shake from the oar.
The spirit of blackness is in us, it is in the fishes.
A snag is lifting a valedictory, pale hand;
Stars open among the lilies.
Are you not blinded by such expressionless sirens?
This is the silence of astounded souls.
Black lake, black boat, two black, cut-paper people.
Where do the black trees go that drink here?
Their shadows must cover Canada.
A little light is filtering from the water flowers.
Their leaves do not wish us to hurry:
They are round and flat and full of dark advice.
Cold worlds shake from the oar.
The spirit of blackness is in us, it is in the fishes.
A snag is lifting a valedictory, pale hand;
Stars open among the lilies.
Are you not blinded by such expressionless sirens?
This is the silence of astounded souls.
Sonntag, 28. April 2019
Brian Brett
Der kanadische Dichter Brian Brett hat eine seltene Krankheit, die Ärzte hatten ihm gesagt, er würde keine vierzig Jahre alt werden. Aber er wird heute 69 Jahre alt, das soll uns einen kleinen Post wert sein. Kanadische Dichter sind in SILVAE keine Seltenheit, klicken Sie doch einmal den Post Québec an. Und für Marilyn Bowering gab es hier einen Geburtstagsgruß. Im Gegensatz zu Martin McGovern ist Brett in Deutschland kein Unbekannter, er hat einen Wikipedia Artikel, und er wird im September in Berlin beim Literaturfestival zu finden sein. Er lebt heute auf einer Farm, eins mit der Natur: Farming is a profession of hope.
Er hat als Journalist gearbeitet, hat Romane geschrieben, aber Dichter zu sein ist sein Hauptberuf:
Is it worth it, these words,
this gathering of energy
like a mountain storm
riding a glaciated peak?
There's so much work for a trance
sweet in the body
and hard on the brain.
A variety of sex
that's become a meal
garnished with mixed emotions.
Brian Brett hat beinahe alle kanadischen Literaturpreise erhalten. Sein Werk wurde immer wieder gelobt, sein Kollege Patrick Lane schrieb über ihn: Brett’s poetry transforms us with its richness and its passion. He is metamorphic, whether he writes of the intimacy of his lovers and friends or of the spiritual world of the land around him. He has changed us for twenty years and those changes, sometimes troubling, sometimes sweet, have always left us asking for more. Brian Bretts Gedichte kann man im Internet finden, ein Gedicht ist beinahe immer dabei. Deshalb nehme ich es auch, es heißt No Riders in the Storm:
highway, a single man
stares at a midnight of wheat.
These western roads lead
across a shimmering prairie
made of sundogs and heavy storms.
First, the rain; then comes the nightmare.
Hitch-hiker in a thunderhead,
you have only the night, only the rain.
Stark lightning
clacked staccato its big hammer,
and silver nails pounded the horizon.
These western roads
go nowhere, go into the storm.
Then they leave you alone,
the last bird in a blue dark world.
Freitag, 26. April 2019
Mews
Die Engländer, die nur ein einziges Kunstwort namens Brexit für ihre Abspaltung von Europa haben, haben viele Namen für Straßen. Ich zitiere mal aus einem Internet Lexikon: Wherever there is room for one object to pass another there is a way. A road (originally a rideway) is a prepared way for traveling with horses or vehicles, always the latter unless the contrary is expressly stated; a way suitable to be traversed only by foot-passengers or by animals is called a path, bridle-path, or track; as, the roads in that country are mere bridle-paths. A road may be private; a highway or highroad is public, highway being a specific name for a road legally set apart for the use of the public forever; a highway may be over water as well as over land. A route is a line of travel, and may be over many roads. A street is in some center of habitation, as a city, town, or village; when it passes between rows of dwellings the country road becomes the village street. An avenue is a long, broad, and imposing or principal street.
Track is a word of wide signification; we speak of a goat-track on a mountain-side, a railroad-track, a race-track, the track of a comet; on a traveled road the line worn by regular passing of hoofs and wheels in either direction is called the track. A passage is between any two objects or lines of enclosure, a pass commonly between mountains. A driveway is within enclosed grounds, as of a private residence. A channel is a waterway. A thoroughfare is a way through; a road or street temporarily or permanently closed at any point ceases for such time to be a thoroughfare. Nicht dabei ist das Wort mews. Das sind im 18. Jahrhundert kleine Stichstraßen auf der Rückseite von stattlichen Häusern gewesen, wo man Pferdeställe und Scheunen hatte. Die sind heute alle zu Luxuswohnungen ausgebaut, und statt Pferden findet man da höchstens noch einen Rolls-Royce.
Sie haben das schon geahnt, dass Ihr Lieblingsblogger inzwischen so berühmt ist, dass man in London in der feinsten Gegend eine Straße nach ihm benannt hat. Den Beweis dafür können Sie hier sehen, das hat die Daniela Ostern in London netterweise für mich photographiert. Jetzt brauche ich nur noch ein Gedicht, in dem das Wort mews vorkommt.
Das habe ich natürlich. Das Gedicht heißt If the Light could Kill Us, es findet sich in dem Gedichtband Bad Fame von dem amerikanischen Dichter Martin McGovern. Das war im Jahre 2015 sein erster Gedichtband, wurde von den Kritikern und seinen Dichterkollegen gepriesen. Sein Kollege David Lazar schrieb im Vorwort: There is an unforsaken paradise in these pages, and a lot of ungodly anxiety. . . . Like Dubliners, Bad Fame darkens, deepens, darkens through its sections, understanding with Joyce the tidal pull of place that will never let us survive if we resist the current . . . the “blue snow,” not of Dublin, but of memory, of Colorado . . . this extraordinarily unique McGovern flair for the Keatonish (Buster) aside mixed with lyrical intellection, these poetic rooms with their many blue lights, direct or indirect, for us to turn on as night comes on. Martin McGovern hat keinen Wikipedia Artikel und ist in Deutschland so gut wie unbekannt. Deshalb ist es mir ein Vergnügen, heute das Gedicht If the Light could Kill Us hier zu präsentieren:
Today has the shimmer of a teen movie.
Our plum tree abundantly pummels
brick by brick the neighbors' pseudo
neoclassical garden. That tree is
oblivious to order. So are the alyssum
and verbena bushes, ablaze with bees.
You are still sleeping, flame-pink welts
our love leaves on your almost
too delicate skin, brazen in this light.
Samuel Johnson is dead. And Mrs. Thrale.
And the kind cherub of a straitjacket
she kept closeted should reason fail him thoroughly,
where's that deck-coat now?
Toothed to dust? A collector's trunk?
Looped around two punks in a London mews
Toothed to dust? A collector's trunk?
Looped around two punks in a London mews
tugging in the dark? On the ship of reason
what's a mutiny? I heard, last night,
our neighbors squabbling over love,
heard the man leave their house and gun
his jeep around the block for hours—
a contagion of chaos. Night's own
stand against us. This morning, violence
lingers like the last touch of a season,
a trail of colored wrappers teenagers leave,
low-riding to road parties at the city's edge.
Only as I rise to pull the window's shade,
do you wake, dusted and dazed, as from a fever.
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